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Kenneth Bae mit Mark Tabb

Gefangen in Nordkorea

Wie ich im Straflager Gott erlebte

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Not Forgotten – The True Story of My Imprisonment in North Korea“ bei W. Publishing Group, einem Imprint von Thomas Nelson, Nashville, Tennessee/USA. Alle Rechte vorbehalten.
Die Lizenzausgabe wurde veröffentlicht aufgrund einer Vereinbarung mit Thomas Nelson in der Verlagsgruppe HarperCollins Christian Publi­shing, Inc. © 2016 Kenneth Bae

Deutsche Übersetzung: Dr. Friedemann Lux

Bei mehreren Personen und Orten in diesem Buch sind Namen und gewisse Details verändert worden, um ihre Identität zu schützen.
Die Bibelzitate im Buch wurden dem Verfasser wichtig, als er während seiner Gefangenschaft in Nordkorea über die Bibel meditierte.
Die Verse, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind, sowie das Motto S. 3 sind der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen entnommen: Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft, mit freundl. Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten, außer: S. 34, 51, 91, 101, 135, 188, 240, 326, 353, 372 aus: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

© der deutschen Übersetzung: 2017 Brunnen Verlag Gießen
Umschlagfoto: picture alliance / Kyodo
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul
Satz: DTP Brunnen
ISBN Taschenbuch 978-3-7655-4314-2
ISBN E-Book 978-3-7655-7481-8

www.brunnen-verlag.de

Für meine Schwester Terri, die zwei Jahre ihres Lebens einsetzte, um mich nach Hause zu holen.
Für meine ganze Familie, die in Hoffen und Leiden ­zusammenhielt.
Und für alle, die in der dunkelsten Zeit meines Lebens zu mir standen und an mich dachten.

„Geh wieder zu deiner Familie und erzähle dort, was Gott für dich getan hat!“

(Lukas 8,39)

Inhalt

Vorwort

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Prolog

1. Willkommen in Villa 3

2. Die Verhöre beginnen

3. Ich stehe zu Gottes Füßen

4. Ich lege ein Geständnis ab

5. Die Macht des Gebets

6. „Operation Jericho“

7. Geständnis

8. Auf nach Pjöngjang

9. Der Marschall oder Jesus?

10. Lebenszeichen

Bildteil

11. Verschärfung

12. Schuldspruch

13. Nr. 103

14. Im Lager

15. Mein Fall kommt in die Medien

16. Ein Hund und zwei Besucher

17. „Ich bin ein Missionar“

18. Mutter und Sohn

19. Mr Enttäuschung

20. Missionar in Ketten

21. Kein Hundeleben

22. Nicht allein

23. „Ich will euch heimbringen“

Epilog

Danke!

Über die Autoren

Vorwort

Im Laufe meines beruflichen Lebens bin ich mehrfach darum gebeten worden, die Freilassung von im Ausland festgehaltenen amerikanischen Bürgern auszuhandeln. Es war ein Vorrecht, von dem ich mir vorher nie hätte träumen lassen und für das ich zutiefst dankbar bin. Auf Bitten hochrangiger Persönlichkeiten der USA, bis hin zum Präsidenten, bin ich in einige der gefährlichsten Länder der Erde geflogen – Sudan, Irak und Nordkorea, um nur einige zu nennen –, um die Freilassung gefangener Amerikaner zu erwirken. Oft geschah dies, nachdem die Bemühungen anderer amerikanischer Sonderbeauftragter gescheitert waren.

Ganz oben auf der Liste steht Nordkorea. Es ist nicht nur sehr schwierig, in dieses Land hineinzukommen. Wenn man einmal drinnen ist, kann es unglaublich schwierig sein, wieder herauszukommen. Dass die USA keine normalen Beziehungen zum nordkoreanischen Regime unterhalten, erschwert alle Versuche noch zusätzlich, mit diesem zu kommunizieren und erfolgreiche Verhandlungen zu führen.

Als ich von Kenneth Baes Verhaftung erfuhr, wusste ich daher sofort, dass er eine schwierige Wegstrecke vor sich hatte. Doch ich wusste auch, dass man in Nord­korea sorgfältig registriert, was die amerikanischen Medien sagen, und so äußerte ich mich rasch öffentlich zu Kenneths Fall und solidarisierte mich mit ihm, wie dies auch zahlreiche andere besorgte Persönlichkeiten aus den USA taten, zum Beispiel Jesse Jackson und sogar Präsident Obama. Wir wussten, dass es seine Zeit brauchen würde, die richtige Verhandlungsstrategie zu finden. Dann flog der ehemalige amerikanische Basketballstar Dennis Rod­man zu einem privaten Goodwill-Besuch nach Nord­korea, und der Fall Kenneth Bae wurde noch bekannter; jetzt setzte sich plötzlich das Räderwerk der „Sportdiplomatie“ für uns in Bewegung.

Den Amerikanern ist es natürlich nicht egal, wenn einer aus ihrer Verwandtschaft ins Ausland reist. Das ist traditionell so bei den Angehörigen amerikanischer Soldaten, und das war bei der Familie von Kenneth Bae nicht anders. Wie seine Verwandten und Freunde das Land systematisch und beharrlich auf sein Los aufmerksam machten, war beeindruckend und trug viel zum Engagement unserer Regierung bei.

Apropos Soldaten – Kenneth ist vielleicht eine andere Art Soldat, aber ein sehr effektiver. Ich glaube, dass wir Amerikaner uns im Ausland engagieren sollten und auch können. Es ist wichtig, dass wir andere Länder kennenlernen, sie zu unseren Freunden machen und ihre politischen Führungspersönlichkeiten, ihre Kultur und ihre Sprache kennenlernen. Sie, liebe Leser, mögen nicht ganz den Mut von Kenneth haben, aber in den internationalen Beziehungen der USA gibt es einen Ort für den normalen Bürger. Wir brauchen noch mehr Goodwill-Botschafter in aller Welt, und wir brauchen auch Mitarbeiter humanitärer Organisationen und Missionen, die nicht im Dienste der Regierung stehen. Bei Kenneth war (und ist) es sein starker christlicher Glaube, der ihn antreibt, Armen und Leidenden in den entferntesten Ecken der Welt zu helfen. Wir können von seinem Beispiel viel lernen.

Die USA sind gesegnet mit vielen Bürgern, denen die Menschen unter repressiven Regimen ein echtes Anliegen sind. Sie haben ein großes Herz, das gerne helfen möchte. Genau das habe ich auch in Kenneth Bae gefunden: einen Mann, dem die armen, hungernden Menschen, Opfer eines brutalen Regimes, am Herzen liegen. Es gibt nicht viele Menschen, die freiwillig nach Nordkorea gehen, doch Kenneth Bae fand, angetrieben von seinem tiefen Wunsch zu helfen und seinem tiefen Glauben, Möglichkeiten, sie zu erreichen.

Gefangenschaft hat viele Gesichter. Doch, es ist schlimm, wenn jemand gegen seinen Willen in einem fremden Land festgehalten und zu Zwangsarbeit verurteilt wird. Die Diktatoren dieser Welt wissen: Wenn sie einen Menschen innerlich fertigmachen, können sie seinen Überlebenswillen lähmen, sodass er ins Loch der Verzweiflung fällt. Der Häftling, der von seiner Familie völlig isoliert ist, kann bei dem Gedanken verrückt werden, sie womöglich nie wiederzusehen. Aber auch in der schlimmsten Situation lässt sich etwas Gutes finden. Man kann, wie Kenneth dies tat, bewusst von seinem Elend wegschauen und versuchen, aus seiner schrecklichen Situation das Beste zu machen. Das Beispiel des Apostels Paulus in der Bibel zeigt uns, dass das Gefängnis den Häftling nicht vernichten muss, sondern ihn unter Umständen sogar zu einem stärkeren Menschen macht. Statt sich im Loch der Depression um sich selbst zu drehen, führt er vielleicht lange Gespräche mit seinen Bewachern oder schließt neue Freundschaften. Kenneth Bae ist auf eine vorbildliche Art mit seiner Haft umgegangen. Er blieb stets ruhig und kooperativ, sagte die Wahrheit, begegnete denen, die ihn gefangen hielten, mit Respekt und tat sein Bestes, um mit ihnen auszukommen.

Wir brauchen mehr Menschen wie Kenneth Bae. Sie werden seine Geschichte absolut spannend finden und seine Entschlossenheit, anderen zu helfen, ansteckend.

Bill Richardson,
ehemaliger Gouverneur des
Bundes­staates New Mexico/USA

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Immer Winter und nie Weihnachten

In dem bekannten Romanzyklus „Die Chroniken von Narnia“ beschreibt der Autor C.S. Lewis ein Land, das unter einer schlimmen Regierung in einen ewigen Winter versunken ist: „Immerzu Winter und niemals Weihnachten!“ Das könnte eine Beschreibung Nordkoreas sein: politische Eiszeit, Gulag und Gefängnis, Spitzel und Verfolgung, Propaganda und Gehirnwäsche. Immerzu Winter, sozusagen. Und dann haben die Menschen noch nie etwas von Jesus gehört, kennen das Evangelium nicht, wissen nicht einmal, was „Weihnachten“ ist.

Die Nordkoreaner haben keine Ahnung, dass es einen Retter der Welt gibt, der sein Leben zur Erlösung für viele gab. Das Neue Testament ist in Nordkorea nicht zu haben. Es gibt keine sichtbare Kirche, keine Gemeinde. Es ist, als wäre man in einer anderen Welt.

Gott sei Dank gibt es Menschen, die ganz im Verborgenen Gottes Liebe in dieses dunkle Land tragen. Einer von ihnen, Kenneth Bae, berichtet in diesem bewegenden Buch über seine Erfahrungen. Kenneth hat mich beeindruckt mit seiner Hingabe, Bescheidenheit und Liebe für die Nordkoreaner.

Nordkorea gilt als eine der schlimmsten Diktaturen der Welt. Der Personenkult um den – vor über 20 Jahren verstorbenen – Führer und Gründer der Volksrepublik Nordkorea, Kim Il-sung, verlangt von den Untertanen grenzenlose Unterwerfung und Verehrung. Mittlerweile wird dieses kommunistische Land – in einer Art Erbdiktatur – in dritter Generation von Kim Jong-un regiert. Wenig hat sich geändert.

Die Not im Land ist mit Händen zu greifen. So sind die Erinnerungen an die letzte Hungersnot noch lebendig. Allein drei Millionen Nordkoreaner, so die Schätzungen, sind in den Jahren 1995 bis 2003 verhungert. Generationen von Nordkoreanern verhungern geistlich. Kenneth Bae hat diese Not gesehen und gehandelt. Es sind die Menschen Nordkoreas, die ihm so am Herzen liegen. Seine Erfahrungen und Entbehrungen beschreibt er eindrücklich, aber auch seine Glaubenserfahrung, dass Jesus ihn nie verlassen hat, auch nicht in den schlimmsten Momenten. Einer dieser schlimmen Momente war das Weihnachtsfest 2012, das Kenneth wie auch Weihnachten 2013 im nordkoreanischen Gefängnis verbringen musste. Er sang den ganzen Tag und spürte, dass der Herr wirklich der „Immanuel“, Gott mit uns, ist.

Lesen Sie, wie Jesus Kenneth Bae trotz aller eigenen Schwachheit gebrauchen konnte. Das Buch ist geradezu ein überwältigendes Zeugnis dafür, dass Gott Menschen gebrauchen kann, auch wenn ihnen alle Möglichkeiten verbaut zu sein scheinen. Kenneth Baes Erfahrungen fordern zu einem Umdenken im Beten heraus. Nicht: „Bitte, Gott, verändere meine Umstände!“ Sondern: „Bitte, Gott, gebrauche mich auch in diesen meinen Umständen!“ Außerdem macht das Buch ganz neu Mut, hoffnungsvoll für dieses geschundene Land zu beten, denn Jesus kann alles verändern.

Manfred Müller, Missionsleiter Hilfsaktion Märtyrerkirche

Prolog

Ein paar Wochen, bevor ich mit dem Schreiben dieses Buches begann, dachte ich zum ersten Mal wieder daran, in die weite Welt zu reisen. Als Missionar habe ich eine lange Liste von Orten, die ich gerne besuchen und wo ich gerne arbeiten würde. Aber bevor ich für längere Zeit in ein Land reisen kann, muss ich erst ein Visum bekommen, und in jedem Visumsantrag steht unter anderem die Frage: „Sind Sie schon einmal wegen eines Verbrechens verurteilt worden?“ Es wird nicht danach gefragt, ob ich zu Recht verurteilt wurde oder ob der Rest der Welt das Urteil gerecht fand. Da steht nur: „Sind Sie schon einmal wegen eines Verbrechens verurteilt worden?“

Ich muss diese Frage wahrheitsgemäß beantworten, also muss ich „Ja“ ankreuzen.

Auf die erwähnte Frage folgt unweigerlich eine zweite Frage: „Falls ja, was war dieses Verbrechen?“

Tja, wie soll ich hier antworten? Wenn ich die wortwörtliche Wahrheit sage, wird wohl kaum ein Land der Welt mir ein Visum geben, denn laut meiner Haftakte bin ich ein Terrorist, der wegen umstürzlerischer Umtriebe gegen die Regierung der „Demokratischen ­Volksrepublik Korea“ (auch als Nordkorea bekannt) angeklagt und für schuldig befunden wurde. Nach meiner Verhaftung eröffnete der nordkoreanische Staatsanwalt mir, dass ich der gefährlichste amerikanische Verbrecher sei, der in den sechzig Jahren, seit der Koreakrieg die Teilung der ­koreanischen Halbinsel zementierte, verhaftet worden war. Wäre ich kein US-Staatsbürger gewesen, man hätte mich womöglich zum Tode verurteilt, mindestens aber zu lebenslänglicher Haft, ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Freilassung. Stattdessen wurde ich „nur“ zu fünfzehn Jahren Arbeitslager verurteilt.

Was hatte ich getan, was für Nordkorea solch eine Gefahr darstellte? Was waren meine terroristischen Aktivitäten?

Ich bin Missionar.

Für das nordkoreanische Regime ist ein Missionar das Gleiche wie ein Terrorist. Die beiden Ausdrücke sind austauschbar. Wie Sie in diesem Buch entdecken werden, betrachtet die Regierung von Nordkorea das Evangelium von Jesus Christus als tödliche Gefahr. Sie weiß genau: Wenn sie es zulässt, dass die Botschaft von Jesus in ihrem Land unter die Leute kommt, wird sie fallen, ja wird das gesamte System in Nordkorea fallen. Und so wurde ich wegen eines Komplotts zum Sturz der Regierung angeklagt und verurteilt – obwohl ich in Nordkorea nie eine einzige Bibel verteilt oder auch nur einen einzigen evangelistischen Gottesdienst gehalten hatte. Alles, was ich getan hatte, war, dass ich Besucher in das Land brachte, um für das Volk von Nordkorea zu beten. Das reichte, um mich als „Terroristen“ ins Gefängnis zu bringen.

Das kommunistische Regime in Nordkorea hat das Christentum schon immer als schwere Bedrohung betrachtet. Vor dem Zweiten Weltkrieg, als es nur ein Korea gab, lebten im Norden interessanterweise mehr Christen als im Süden. 1907 begann in Pjöngjang eine riesige Erweckung, in der Tausende zu Christus fanden und die Pjöngjang den Spitz- und Ehrennahmen „Jerusalem des Ostens“ einbrachte.

Heute erinnern sich nur noch wenige daran, dass es diese Erweckung je gab. Die sie damals erlebten, sind längst gestorben. Aber Gott hat das Werk, das er damals in Korea tat, nicht vergessen. Mein „Verbrechen“ war, dass ich durch dieses Land reiste und Gott darum bat, was er damals getan hatte, wieder zu tun. Dies machte mich in den Augen der Machthaber zu einem brand­gefährlichen Verbrecher und Terroristen.

Wahrscheinlich bin ich das heute noch, denn ich bete ja weiter für Nordkorea.

Ich liebe das nordkoreanische Volk und hoffe sehr, eines Tages wieder in das Land reisen zu können. Beim Lesen meiner Geschichte werden Sie einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben des Durchschnittsbürgers in einem der am meisten abgeschotteten Länder der Erde aussieht. Die Nordkoreaner haben sich dieses Leben nicht ausgesucht. Sie leben in völliger Finsternis, total abgeschnitten vom Rest der Welt. Alles, was sie kennen und glauben, ist die Propaganda, mit der sie tagein, tagaus im staatlichen Radio und Fernsehen, in den Schulen und Zeitungen und allem, was es an Informationskanälen gibt, bombardiert werden. Sie haben das Leben vor der Zeit ihres „Großen Führers“ vergessen – das Leben, in dem die Sonne schien.

Ich bete, dass Sie beim Lesen meiner Geschichte ebenfalls ein Herz für die Menschen in Nordkorea bekommen. Sie haben keine Stimme, aber Sie und ich, wir können zusammen diese Stimme werden. Gott hat die Menschen in Nordkorea nicht vergessen, und ich schreibe dieses Buch, damit auch Sie sie nicht vergessen.

1. Willkommen in Villa 3

Wenn man euch vor Gericht stellt, dann macht euch keine Sorgen, wie ihr reden und was ihr sagen sollt. Denn wenn es so weit ist, wird euch eingegeben, was ihr sagen müsst. Nicht ihr seid es, die dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.

(Matthäus 10,19-20)

Als das schwarze Auto auf den Hotelparkplatz fuhr und vor mir anhielt, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte.

Ein Koreaner, der etwas über fünfzig sein mochte, stieg aus. „Sind Sie Mr Bae?“

Der schwarze Anzug, das weiße Hemd und die schwarze Krawatte signalisierten mir sofort, dass dies ein Regierungsbeamter war. Wie fast alle anderen Menschen, die ich in Nordkorea gesehen hatte, war er sehr dünn. Jetzt trat von der anderen Seite ein zweiter, jüngerer Mann zu mir. Er mochte vielleicht dreißig sein. Beide lächelten nicht, ihre Gesichter waren emotionslos. Es war klar, dass sie dienstlich unterwegs waren.

„Noch einmal: Sind Sie Mr Bae?“, wiederholte der Erste, obwohl er die Antwort offensichtlich schon wusste.

Ich schluckte heftig. „Ja“, erwiderte ich lächelnd. Schön ruhig bleiben … Aber innerlich wollte die Panik hochsteigen.

Ich hatte gewusst, dass so etwas früher oder später passieren würde. Ich wusste nicht, ob es heute oder morgen oder übermorgen käme, aber ich war sicher: Bevor mein viertägiger Besuch in Nordkorea vorbei war, würde ich Besuch von Beamten des Regimes bekommen. Die einzige Frage war, wann.

„Kommen Sie mit“, sagte der Ältere, in einem Ton, der mir signalisierte, dass ich gehorchen würde, wenn ich wüsste, was gut für mich war.

Ich zögerte. Das Ganze war wie im Film: das schwarze Auto, die Beamten im schwarzen Anzug. Ich kannte sie, diese Filme; die Aussichten für den Mann, den sie gleich auf die Rückbank des Autos schieben würden, waren meistens nicht rosig.

Bevor ich antworten konnte, packte der Jüngere mich am Arm und zog mich zu dem Wagen hin. „Einsteigen“, knurrte er.

Jedem Besucher in Nordkorea wird von der Regierung ein Aufpasser an die Seite gestellt – ein Beamter der niedrigeren Dienstränge, der den Besucher zu beschatten und alles, was er tut, nach Pjöngjang zu melden hat. Mein Aufpasser, der gerade dabei gewesen war, zusammen mit mir über den Parkplatz zu gehen, machte instinktiv einen Schritt zurück, als ob er mich nicht kennen würde. Er wünschte sich sichtlich, einer anderen Reisegruppe zugeteilt worden zu sein.

„Wer sind Sie? Gehören Sie zu dieser Reisegruppe?“, bellte der jüngere der Beamten ihn an.

„Nein“, antwortete der Aufpasser. „Ich bin der …“

Der erste Beamte unterbrach ihn. „Was hatten Sie beide hier draußen zu suchen?“ Ich merkte, dass er den Aufpasser beschuldigte, irgendeine Vorschrift verletzt zu haben. Er fuhr fort, ohne die Antwort des Aufpassers abzuwarten: „Sie kommen auch mit.“ Dann – gerade so, als ob der Aufpasser nicht wüsste, dass er gemeint war – zeigte er mit dem Finger auf ihn und befahl: „Sie. Mitkommen.“

Das Gesicht des Aufpassers wurde aschfahl. Er ging langsam zu dem Auto und stieg vorne ein. Sein Gesicht sprach Bände: Der Mann hatte Angst um sein Leben.

Der jüngere der beiden Regierungsbeamten schob mich auf die Rückbank und setzte sich neben mich. Der Ältere stieg auf der anderen Seite ein, ebenfalls neben mir. Die Schultern der beiden Männer drückten gegen die meinen. Kaum waren die Türen zu, brauste der Fahrer los.

Ich schaute durch das Fenster, wo die Landschaft vorbeiglitt. Da dies in kaum zwei Jahren schon mein fünfzehnter Besuch in Rason war, kannte ich die Gegend gut. Rason liegt im äußersten Nordosten des Landes, nahe der chinesisch-russisch-nordkoreanischen Grenze, und ist seit 2010 eine sogenannte Besondere Stadt, eine Sonderwirtschaftszone, wo Ausländer Firmen betreiben können. Es ist die offenste Stadt in ganz Nordkorea und Touristen sind in begrenztem Umfang willkommen. Über meine Firma „Nation Tours“ hatte ich schon dreihundert Besucher ins Land gebracht, um die wunderbare Landschaft und die Kultur kennenzulernen. Und die Menschen.

Nach zehn Minuten fuhren wir, ohne anzuhalten, durch das Stadtzentrum und dann weiter nach Norden, aus der Stadt heraus. Das überraschte mich. Ich war sicher gewesen, dass sie mich zu einer Polizeistation fahren würden, um mich dort zu verhören.

Bis jetzt hatte niemand ein Wort gesagt. Die beiden Beamten saßen reglos-dienstbeflissen da. Auch mein Aufpasser auf dem Beifahrersitz rührte sich nicht. Er hatte noch nicht einmal zu dem Fahrer gespäht oder nach rechts oder links geschaut, um zu sehen, wohin wir fuhren. Wahrscheinlich wollte er es gar nicht wissen.

Ich brach schließlich das Schweigen. „Fahren wir zur Grenze?“, fragte ich. Für mich war das eine naheliegende Frage. Dort, beim Grenzübergang, hatte dieser Krimi schließlich vor acht Stunden begonnen.

„Ruhe! Halten Sie den Mund!“, schnauzte der ältere Beamte.

Ich lehnte mich auf meinem Platz zurück und gehorchte. Jetzt bog der Wagen plötzlich nach rechts ab, Richtung Küste. Dort war ich schon mehrere Male gewesen. Direkt vor der Küste lag die bei Touristen beliebte Insel Bipa – die einzige Stelle in ganz Korea, wo es eine Seelöwenkolonie gibt.

Ich weiß bis heute nicht, warum ich plötzlich ausgerechnet an die Seelöwen denken musste. Ich wusste doch, dass ich ein Problem hatte. Ich hatte nur noch nicht begriffen, wie ernst es war.

Die Straße zur Küste führte über eine Anhöhe. Dann bog der Fahrer auf den Parkplatz des Hotels Bipa ein, das am Berghang über dem Ozean liegt. Erst vor ein paar Monaten war ich mit einer meiner Reisegruppen hier gewesen. Das Hotel liegt etwa vierzig Kilometer von der chinesisch-russischen Grenze und knapp zehn Kilo­meter vom Stadtzentrum von Rason entfernt und besteht aus drei Villen. „Villa 1“ ist im Wesentlichen ein Denkmal und Heiligenschrein, denn hier war der erste „Große Führer“ von Nordkorea, Kim Il-sung, in den frühen 1970er-Jahren zweimal zu Gast. Sein Zimmer wurde für ewige Zeiten zu einer Gedächtnisstätte erklärt, und der zahlungskräftige Gast kann für hundert Dollar extra in demselben Bett übernachten, das der Große Führer einst benutzte.

Niemand aus unserer Reisegruppe hatte die hundert Dollar zahlen wollen, um in Kim Il-sungs Zimmer zu übernachten. Stattdessen waren wir in der erst kürzlich von einem chinesischen Investor renovierten „Villa 2“ untergebracht gewesen. Einige der Zimmer dort können es heute an Komfort mit einem typischen Drei-Sterne-Hotel in Asien aufnehmen; sie bieten Fernseher mit Flachbildschirm und sogar eine eigene kleine Sauna im Badezimmer.

Unser Auto fuhr an der Villa des Großen Führers und der Villa 2 vorbei und hielt vor Villa 3 an, die in einem Waldstück lag. Man befahl mir, im Auto zu bleiben, während der ältere Beamte in das Haus ging. Wenige Minuten später kamen zwei Männer, die schlichte Mao-Anzüge mit schmalem Rundkragen trugen, heraus und eskortierten mich in das Gebäude.

Mein Aufpasser blieb im Auto. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

„Ziehen Sie Ihre Schuhe aus“, befahl einer der Männer im Mao-Anzug, als wir in den Eingang der Villa traten. Ich tat es. Der Mann nahm die Schuhe und verschwand mit ihnen.

„Kommen Sie mit“, sagte der andere. Er führte mich in einen Gang und danach in eine Drei-Zimmer-Suite. Ein Luxushotel war dies nicht. Der Mann führte mich durch das spartanische Wohnzimmer und das erste Schlafzimmer in einen zweiten Raum am Ende des kleinen Korridors der Suite, der eher einem Wohnheimzimmer als einem Hotelzimmer glich. Die drei Betten, der Schreibtisch und die beiden Klubsessel sahen aus, als ob sie noch aus der Zeit des Besuches des „Großen Führers“ in Villa 1 stammten. Der mit Farbe gestrichene Betonfußboden war nackt, ohne Teppich oder Fliesen. Das einzige Fenster des Raumes ging zum Wald hin, war aber zum Großteil mit einer Plastikplane verhängt, sodass man nicht hinaussehen konnte. In der Suite hielten sich eine Handvoll Wächter auf; mehrere Kollegen standen im Gang vor der Suite.

„Ziehen Sie Ihre Hose aus“, befahl mir einer der Beamten.

Ich zögerte. Das Zimmer fühlte sich wie ein Kühlschrank an. Anfang November fallen in dieser Gegend von Nordkorea die Temperaturen bereits deutlich unter null Grad und die Heizung in dem Zimmer schien noch nicht eingeschaltet worden zu sein. Ich trug zwar unter meiner Hose eine dünne lange Unterhose, aber das reichte kaum, um mich warmzuhalten.

„Ziehen Sie die Hose aus“, wiederholte der Mann.

Was sollte ich machen? Ich schlüpfte aus meiner Hose und stand bibbernd in der Mitte des Raumes. Der einzig mögliche Grund dafür, mir die Hose wegzunehmen, war, dass man damit einen Fluchtversuch verhindern wollte. Als ob ich hätte fliehen können. Selbst wenn es mir gelungen wäre, unbemerkt aus dem Gebäude zu gelangen – draußen wäre ich sofort jedem Passanten aufgefallen. Ich wog viel mehr als der durchschnittliche Nordkoreaner. Auf meinen siebzehn Reisen in das Land hatte ich gelernt, dass man an der Statur eines Menschen ablesen konnte, wie hoch in der Parteihierarchie er stand. Die wenigen, die echt Macht und Einfluss hatten, sahen stabil gebaut aus, die Übrigen mehr oder weniger halb verhungert. Aber mich würde man trotz meines Gewichts nicht mit einem hohen Parteifunktionär verwechseln.

Jetzt kam der Mann in den Raum, der mir die Schuhe abgenommen hatte, nahm meine Hose und verschwand damit.

Der andere Mann im Mao-Anzug musterte mich kurz und sagte dann: „Setzen Sie sich auf den Stuhl dort und warten Sie auf weitere Instruktionen.“

Ich setzte mich auf einen kalten Holzstuhl, der vor dem Schreibtisch stand. Dabei spürte ich, wie eine unsichtbare kalte Hand meinen Rücken hochkroch. War das nur die Kälte oder die Angst? Ich versuchte tapfer, nicht zu bibbern, musste aber schließlich kapitulieren.

Nach ein paar Minuten kam der ältere der beiden Beamten herein, die mich im Auto zu der Villa gebracht hatten. Er gab den anderen Männern im Raum ein paar Anweisungen. Ich war zu nervös, um auf seine Worte zu achten, aber die anderen beachteten sie umso mehr; sie gehorchten ihm sofort. Aha, offenbar war er der Chef hier.

Jetzt setzte er sich, direkt mir gegenüber. Eine Zeit lang starrte er mich an, mit einem Blick, der so viel sagte wie: Eigentlich sollten Sie schon wissen, was jetzt kommt. Dann räusperte er sich und sagte: „Sie haben hochsubversives Material in unsere große Nation geschmuggelt, das voll ist von Lügen über unseren Großen Führer, Kim Jong-un, und seine Fürsorge für uns.“ Er unterbrach sich kurz. „Sie werden hier unser Gast sein, so lange, bis Sie uns erklärt haben, wieso Sie – jemand, der schon viele Male in unserer großen Nation willkommen geheißen wurde – dieses Material in unser Land gebracht haben und was Sie mit ihm vorhatten.“

Das Herz rutschte mir in die nicht mehr vorhandene Hose. Sie haben sie sich schon angeschaut.

„Sie“, das war die externe Festplatte, die ich aus Versehen mit nach Nordkorea gebracht hatte. Ich hatte sie nur dabeigehabt, weil ich mir vor Kurzem einen neuen Laptop gekauft hatte und jetzt alle meine Dateien von der Festplatte auf ihn kopieren musste.

Die Reise von meiner Operationsbasis in Dandong (China) zu dem Grenzübergang etwas nördlich von Rason dauert dreiundzwanzig Stunden, von denen einundzwanzig auf die Zugfahrt von Dandong nach Yanji entfallen, das ebenfalls noch zu China gehört. Ich hatte eigentlich vorgehabt, den Datentransfer während dieser Zugfahrt vorzunehmen und meinen Computer und die externe Festplatte in einem Hotel auf der chinesischen Seite der Grenze in den Safe einzuschließen. Unglück­licherweise war ich die ganze Zeit nicht dazu gekommen, die Daten zu kopieren, und die Festplatte hatte ich komplett vergessen, bis ich an den Grenzkontrollen meine Aktentasche öffnen musste, und da war es zu spät gewesen.

Die Dateien auf der Festplatte enthielten detaillierte Beschreibungen von sechs Jahren Missionsarbeit in China, plus zwei Jahren Arbeit in Nordkorea. Sämtliche Textdateien waren auf Englisch, was bedeutete, dass die Zollbeamten, die die Festplatte untersucht hatten, noch nicht wussten, was ihnen da ins Netz gegangen war. Wären diese Dateien die einzigen auf der Festplatte gewesen, wäre ich vielleicht gerettet gewesen, doch leider gab es auch über 8.000 Fotos und Videoclips, darunter ­Fotos von Missionaren, die in China und Nordkorea arbeiteten. Unter den Videos war auch Material aus dem Na­tional-Geographic-Channel-Dokumentarfilm Inside North Korea [„In Nordkorea“] von 2009: Es zeigte hungernde nordkoreanische Kinder, die auf der Suche nach Ess­barem den Boden aufgruben.

Ich wusste, dass ich diesem Mann (und dem Rest der Menschen in seinem Land) keine zufriedenstellende Erklärung würde liefern können, warum ich diese Festplatte dabeigehabt hatte. Wenn ich ihm einfach die Wahrheit sagte – dass es alles ein großes Missverständnis und dummes Versehen war, dass ich nie vorgehabt hatte, ­irgendwelche subversiven Materialien ins Land zu bringen, dass ich die Festplatte vor meiner Abreise mit in die Aktentasche gesteckt und anschließend vergessen hatte, bis ich sie beim Zoll wiederentdeckte –, er würde mir nicht glauben.

„Also“, sagte der ältere Beamte, „können Sie erklären, warum Sie dieses Material in unsere große Nation gebracht haben?“

Ich beschloss, es gar nicht erst mit Ausreden zu versuchen. „Nein“, sagte ich.

„Wir lassen Ihren Koffer aus dem anderen Hotel holen.“ Er sagte es in einem Ton, als ob ich ein Gast in dieser Villa war und kein Gefangener. „Man wird Ihnen demnächst Ihr Abendessen bringen.“ Er stand auf und ging.

Etwa eine Viertelstunde später kam ein Wächter mit einer kleinen Schüssel. Er stellte sie vor mich und ging wieder. Ich inspizierte den Inhalt der Schüssel – ein kleiner Klumpen Reis mit etwas welk aussehendem Gemüse darauf, dazu eine winzige Portion Fisch, die mehr nach einem Köder als nach einer Mahlzeit aussah. Insgesamt reichte es wohl für sechs oder sieben Löffel.

Ich verspürte keinen großen Appetit, zwang mich aber zu essen. Ich hörte, wie die Wächter im Nachbarraum ebenfalls aßen. Vielleicht hatten sie die gleiche Portion wie ich? Als sie zwanzig Minuten später immer noch aßen, dämmerte mir, dass Aushungern eine der Methoden war, mit denen man mich zum Reden bringen wollte.

Während des Essens und die folgende halbe Stunde saß ich auf demselben Holzstuhl, den man mir angewiesen hatte, als ich den Raum betreten hatte. Das Holz fühlte sich nicht mehr so kalt an, dafür taten mir die Knochen vom langen Sitzen weh.

Plötzlich kam wieder ein Wächter herein und befahl mir aufzustehen.

Ich stand auf.

Hinter dem Wächter kam ein untersetzter Mann mittleren Alters, der wie ein Mafiaboss aus der US-Fernsehserie The Sopranos aussah. Als er hereinkam, traten die anderen respektvoll zurück. Sie titulierten ihn Bujang (koreanisch für „Direktor“). Seine Miene zeigte mir, dass er nur ungern zu dieser Stunde unterwegs war. Oder sah er immer so drein? Wie auch immer, er war der am bösartigsten aussehende Mann, der mir je in Korea über den Weg gelaufen war. Und der dickste.

Der Bujang nahm in dem einen Klubsessel Platz und bedeutete mir, mich wieder zu setzen. Dann kam der ältere Beamte erneut ins Zimmer und postierte sich etwas seitlich. Der Bujang machte es sich in dem Sessel bequem und zog eine Packung Zigaretten aus seiner Jacken­tasche. Er hielt mir die Packung hin. „Rauchen Sie?“

„Nein, aber danke für das Angebot“, erwiderte ich.

Der Bujang sah mich geringschätzig an. Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und blies den Rauch in meine Richtung. Es war die Mimik eines Mannes, der daranging, mir ein Angebot zu machen, das ich nicht ablehnen konnte.

„Wir werden eine Untersuchung durchführen“, dozierte er. „Sie haben eine Festplatte voller Textdateien, Bilder und Videos in unser Land gebracht. Wir möchten wissen, wer hinter dieser Sache steht und Ihnen dieses Material gegeben hat, damit Sie es in unsere große Nation schmuggeln. Und zweitens möchten wir wissen, warum Sie das getan haben – was für eine Absicht hinter diesem Vorgang steckt.“

Ich nickte, um anzudeuten, dass ich ihn verstand. Ich sagte kein Wort.

Er fuhr fort: „Meine Leute sind Profis. Sie wissen, wie sie an die Informationen kommen, die wir brauchen. Früher oder später werden sie alle Ihre Geheimnisse ent­decken. Je früher Sie also die Wahrheit sagen, desto besser für Sie.“ Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Fast schien ihm die Szene jetzt Spaß zu machen.

Er zog wieder an seiner Zigarette. „Nein, Gewalt anwenden werden wir nicht.“ Er sagte es in einem Ton, der klarmachte, dass sie es sich jederzeit anders über­legen konnten. „Nein, das wäre albern.“ Er lächelte dünn. „Und wir brauchen auch gar keine barbarischen Methoden, um das herauszufinden, was wir wissen müssen. Sie werden kooperieren, das garantiere ich Ihnen. Und je schneller Sie das tun, umso besser wird es für uns alle sein.“ Er ließ die Worte in der Luft hängen.

Ich nickte wieder.

Der Bujang machte eine Geste zur Tür hin. Ein jüngerer und deutlich kleinerer Mann kam herein. Er mochte nur gut 60 Kilo wiegen und war buchstäblich halb so groß wie der Bujang. Ein dunkler Anzug umgab seine schmächtigen 1,60 Meter. Seine Brille ließ ihn um einiges weniger bedrohlich aussehen als seinen Vorgesetzten. Er trat zu einem Stuhl neben dem Bujang und setzte sich steif und umständlich, wie ein kleiner Junge, der Angst vor seinem Vater hat.

„Dies ist Ihr Untersuchungsbeamter“, verkündete der Bujang. „Sehen Sie zu, dass Sie gut mit ihm kooperieren.“ Der Dünne nickte dem Bujang zu, wie um zu bestätigen, was dieser gerade gesagt hatte.

„Fangen wir jetzt an?“, fragte ich.

„Nein“, sagte der Bujang, „dafür ist es schon zu spät am Abend. Sie brauchen Ihre Nachtruhe. Unsere Untersuchung wird morgen früh beginnen.“

Er erhob sich und der Untersuchungsbeamte sprang auf die Füße. Der Wächter bedeutete mir, ebenfalls aufzustehen, was ich tat.

„Bis dahin“, fuhr der Bujang fort, „wird dies hier Ihr Zimmer sein. Nehmen Sie das Bett dort neben dem Fenster. Ihre Wächter werden die beiden anderen Betten nehmen. Das Untersuchungsteam wird im Nebenzimmer sein.“ Der Bujang marschierte aus dem Zimmer, dicht gefolgt von dem Untersuchungsbeamten und dem älteren Beamten, der mich mit dem Auto hierhergebracht hatte.

Einer der Wächter trat zu mir. „Zeit zum Schlafengehen. Dorthin, bitte.“ Er wies auf das Bett beim Fenster.

Ich ging dorthin. Auf dem Bett lag nur eine einzige dünne Decke. Ich hatte meine Hose immer noch nicht zurückbekommen. Die dünne Jacke, die ich angehabt hatte, als die Beamten mich auf dem Hotelparkplatz festnahmen, würde mir nicht viel helfen in diesem eiskalten Raum.

Ich legte mich auf das Bett und versuchte, es mir unter der Decke bequem zu machen. Ich bibberte vor Kälte.

„Ist Ihnen immer noch kalt?“, fragte einer der Wächter.

„Ja“, antwortete ich.

„Okay“, sagte der Wächter. Er verließ das Zimmer und kam kurz darauf mit einer zweiten Decke zurück, die genauso dünn war wie die, unter der ich lag. Ich wickelte sie um meinen Körper und das Bibbern hörte auf.

An der gegenüberliegenden Wand legte einer der Wächter sich auf eines der anderen Betten. Der Wächter, der mir die Decke gebracht hatte, setzte sich, um mich zu bewachen. Einer der beiden war immer wach, als ob ich ein gefährlicher Verbrecher wäre.

Selbst mit der Extradecke konnte ich nicht schlafen. Ich musste an meine chinesische Assistentin Stream denken, und die vier Gäste, die wir auf diese Tour mitgenommen hatten – zwei US-Amerikaner und einen Australier mit seiner deutschen Ehefrau. Hatte man sie auch festgehalten? Als ich die Festplatte in meiner Aktentasche entdeckt hatte, hatte ich sie sofort angewiesen, sich so zu verhalten, als ob sie mich nicht kannten. Wenn man sie verhörte, sollten sie sagen, dass wir uns erst zu Beginn der Tour kennengelernt hatten. Hatten sie diese Version durchhalten können? Waren sie in Sicherheit? Oder waren sie jetzt in einem ähnlichen Raum wie diesem hier und mussten meinen dummen Fehler ausbaden? Würden sie das Land wieder verlassen können?

Ich drehte und wälzte mich ruhelos hin und her. Was mochte den anderen jetzt blühen? Was war vielleicht schon passiert?

Ich dachte auch an meine Kinder. Mein zweiundzwanzig Jahre alter Sohn Jonathan und meine sechzehnjährige Tochter Natalie wohnten in Arizona (USA), während meine zwanzigjährige Stieftochter Sophia zusammen mit meiner Frau Lydia in Dandong (China) lebte. Sie wussten nicht, was mir passiert war. Ich kann spurlos verschwinden und sie denken vielleicht, ich habe sie verlassen. Es gibt so viel, was ich ihnen sagen möchte. Werde ich das jetzt noch tun können?

Lydia hatte mich gebeten, zu Hause zu bleiben. „Geh nicht“, hatte sie gesagt, „ich brauche dich hier.“ Aber ich war gegangen.

Meine Augen füllten sich mit Tränen. Würde ich meine Familie je wiedersehen?

Angst. Sorgen. Dann wurde aus den Sorgen ein Gebet. Ich war 1985, kurz vor dem Umzug meiner Familie von Seoul (Südkorea) in die USA, Christ geworden, und in den folgenden Jahren hatte ich wiederholt Gottes Ruf verspürt, erst nach China und dann nach Nordkorea zu gehen. Es war mein Glaube, der mich in die Villa 3 gebracht hatte, und jetzt müsste dieser Glaube mich durchtragen, bis ich wieder nach Hause konnte.

Herr, hilf mir, betete ich. Hilf mir. Das hast du schon so oft getan. Die ganzen letzten sechs Jahre hast du mich bei meiner Missionsarbeit in China bewahrt. Du hast mich diesen Weg geführt, jeden Schritt. Du hast immer über mir gewacht. Wo bist du, Herr? Ich brauche deine Hilfe.

Während ich so betete, schlief ich ein.