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Soheila Fors / Ingalill Bergensten

Die Tochter des Emirs

Eine iranische Frau kämpft
um ihre Zukunft

Titel der schwedischen Originalausgabe:
Kärleken blev mitt vapen
© 2014 Libris Förlag

Aus dem Schwedischen übersetzt von Dr. Friedemann Lux


Nachweis der Bibelzitate:
Kapitel 10: Lutherbibel, revidierter Text 1984,
durchgesehene Auflage in neuer Rechtschreibung,
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Kapitel 34: Bibeltext der Neuen Genfer
Übersetzung – Neues Testament und Psalmen.
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft

© 2017 Brunnen Verlag Gießen
Umschlagfoto: Rickard L. Eriksson/New Art Production AB
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN Buch 978-3-7655-4309-8
ISBN E-Book 978-3-7655-7475-7

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

Kapitel 1
Zwischen zwei Welten

Kapitel 2
Wer bin ich?

Kapitel 3
Der Tag, an dem sie Papa holten

Kapitel 4
Gefängnisjahre

Kapitel 5
Tote Fledermäuse und warme Fladenbrote

Kapitel 6
Von Gärtnern, Kaffeekochern und Köchen

Kapitel 7
Pippi Langstrumpf und ich

Kapitel 8
Die Unterrichtssprache bestimmt der Schah

Kapitel 9
Weibliche Vorbilder

Kapitel 10
Wer ist Gott?

Kapitel 11
Es kann noch schlimmer werden

Kapitel 12
Krieg!

Kapitel 13
Undank ist der Welt Lohn

Kapitel 14
Nimm das Gift!

Kapitel 15
Viele kamen nicht zurück

Kapitel 16
Verlorene Jugend

Kapitel 17
Keine Totenwache für Staatsfeinde

BILDTEIL

Kapitel 18
Unerwünscht umworben

Kapitel 19
Ein mysteriöser Fremder

Kapitel 20
Ehesklavin

Kapitel 21
„Das nächste Mal hacken wir Ihnen einen Finger ab“

Kapitel 22
Sturz ins Bodenlose

Kapitel 23
Fluchtpläne

Kapitel 24
Im Land von Pippi Langstrumpf

Kapitel 25
Der nächtliche Besucher

Kapitel 26
Des Elends zweiter Teil

Kapitel 27
Die verschwundene Braut

Kapitel 28
Endlich eine richtige Familie

Kapitel 29
Leben in einer anderen Kultur

Kapitel 30
Ein Teehaus für Frauen

Kapitel 31
Haus Sara – ein „sicheres Haus“

Kapitel 32
Schamkultur und Ehrenkodex

Kapitel 33
Was kann man gegen Ehrengewalt tun?

Kapitel 34
Träume und Visionen

Nachwort
Stimmen aus dem Teehaus und aus Haus Sara

Kapitel 1

Zwischen zwei Welten

Es ist Montagvormittag. Ich parke das Auto vor dem grün angestrichenen COOP-Supermarkt in Karlskoga, knapp 200 Kilometer westlich von Stockholm. Leila und ich gehen hinein und sagen, dass wir den Filialleiter sprechen möchten. Ich kenne ihn nur flüchtig, aber er ist schon einmal in unserem Teehaus gewesen. Eine Verkäuferin bringt uns zu ihm. Er trägt Handschuhe und ist gerade dabei, Kartons auf einen Wagen zu laden. Lächelnd begrüßt er mich. „Hallo, Soheila!“

Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Wie kannst du, die Tochter eines leibhaftigen Emirs, betteln gehen? Dann der nächste: Aber du bettelst ja nicht für dich selbst, sondern für andere. Und ich schlucke meinen Stolz hinunter und antworte: „Guten Tag, Mikael! Ich hoffe, es geht Ihnen gut?“

Ich bedeute Leila mit einem Blick, zu uns heranzukommen. Mikael schaut uns beide fragend an. Rasch komme ich zur Sache: „Diese junge Dame möchte demnächst heiraten. Der Hochzeitsempfang wird in unserem Teehaus stattfinden. Im Nahen Osten lädt man viele Gäste ein, wenn’s eine Hochzeit gibt. Ich habe ausgerechnet, wie viel diese Hochzeit kosten wird, und, tja … das Geld reicht einfach nicht. Könnten Sie uns helfen? Wir sind für jede Spende dankbar: Fleisch, Obst, Gemüse, Kaffee – eigentlich alles.“

Er schaut mich an und erwidert ohne Umschweife: „Geben Sie mir eine Liste.“

Wir schreiben eine Einkaufsliste zusammen, überreichen sie ihm und verlassen, hoch erleichtert, den Markt.

Weiter geht’s zum nächsten Supermarkt, zum ICA Maxi. Auch hier heißt der Filialleiter Mikael. Er hört sich mein Anliegen an und überreicht mir einen Blanko-Geschenkgutschein: „Kaufen Sie ein, so viel Sie wollen!“

Voll bepackt mit unseren Einkaufstüten gehen wir zurück zum Auto. Ich frage Leila: „Na, freust du dich?“

„Ich freu mich riesig!“, erwidert sie, aber ich spüre, dass die Worte nicht mit voller Überzeugung gesagt sind.

Wir fahren zurück zum Haus Sara, unserem „sicheren Haus“ für Menschen, die Opfer oder potenzielle Opfer von Ehrengewalt sind. Hier wohnt Leila seit einer Weile. Im Besprechungszimmer ist Olga gerade dabei, die eine Längswand mit Bildern von schönen, lächelnden Frauen in Volkstracht zu bemalen. Unter ihren geschickten Händen nehmen kurdische, thailändische, russische, japanische und afrikanische Gewänder Form und Farbe an. Eine Schwedin ist natürlich auch dabei; die Hände hat sie selbstsicher in die Seiten gestemmt. „Olga, du bist ja eine richtige Künstlerin!“, bricht es aus mir heraus.

Ich gehe in die Küche nebenan, um mir einen Kaffee zu kochen. Leila kauert in einem Sessel. Ihr Zukünftiger, Ahmad, ist gerade dabei, eine Gardinenstange anzubringen. Die beiden sind vor gut zwei Wochen zu uns gezogen. Sie lieben sich, aber ihre Familien sind strikt gegen die Verbindung. Leilas Vater hat bereits ihre Heirat mit einem Cousin in ihrem Heimatland im Nahen Osten arrangiert. Mehrmals hat er schon gedroht, sie umzubringen, wenn sie ihm und der Familie nicht gehorcht. „Wenn du nicht parierst, kriegst du ein Messer in den Hals …“

Ahmad räuspert sich. „Wir müssten eben was mit Ihnen besprechen.“

Ich setze mich und frage, worum es geht.

„Wir wissen ja, dass Sie Christin sind“, sagt Ahmad, „aber wir wollen nach muslimischem Ritus heiraten. Sind Sie uns dann böse?“

„Warum soll ich euch böse sein?“, frage ich.

„Wollen Sie uns wirklich helfen, auch wenn wir zu einer anderen Religion gehören?“

Ich sehe Ahmad an und sage: „Der Gott, den ich kenne, liebt alle Menschen, egal, was für eine Religion sie haben. Ich rufe halt den Mullah an.“

Er sieht mich schockiert an. „Sie kennen einen Mullah?“

Leila sieht immer noch nicht richtig glücklich aus, obwohl für alles gesorgt ist: die Hochzeitstorte, das Büfett, die Blumen. Den Brautstrauß wird ihr ein Blumenladen in der Stadt schenken. „Leila, was ist?“, frage ich.

Sie sieht mich an, Tränen in den schönen dunklen Augen. „Ich hab immer von einem schönen Brautkleid mit weißer Spitze geträumt!“

Ich sage: „Kein Problem, darum kümmere ich mich.“ Ich weiß nur noch nicht, wie. Geld können wir ja nicht ausgeben. Wer wird uns helfen?

Aber halt! Natürlich: Niina Laitila aus dem Gemeinderat. Die Frau hat Beziehungen! Also rufe ich sie an und trage ihr unser Problem vor. Eine Stunde später erhalte ich einen Anruf von einem Kommunalpolitiker, der berichtet, dass Niina dabei ist, im ganzen Rathaus Spenden für ein Brautkleid zu sammeln!

Leila bekommt ihr weißes Brautkleid samt Brautkranz im Haar. Es wird ein rundum gelungenes Hochzeitsfest. An die hundert Gäste wünschen dem jungen Paar viel Glück und Segen. Wir bewirten die Festgesellschaft mit Kebab, Grillfleisch, Dolme (gefüllten Weinblättern), Birjani (gebratenem Reis mit Mandeln) und etlichen anderen Leckereien, die die Frauen aus dem Teehaus aus den Zutaten, die die Supermärkte uns geschenkt haben, zubereitet haben.

Wir haben mehrere lange Tische gedeckt; für das Brautpaar hat meine Mitarbeiterin Zahra eine Art Baldachin aus weißen Tüchern und Blumen angefertigt. Wo Liebe ist, gibt es immer eine Lösung.

Zwei Tage nach der Hochzeit steige ich im Ballkleid die Freitreppe zum Königlichen Schloss in Stockholm hinauf. Mein Blick ruht auf dem Schloss, von dem ich schon als Kind gelesen habe, und unwillkürlich muss ich denken: „Ich bin wirklich ein Wanderer zwischen zwei Welten.“

Auf das Fest im Schloss folgt wieder der Alltag. Ich bin gerade in der Schießprüfung für meinen Jagdschein, als mein Handy klingelt. Ein Herr vom Sozialamt einer anderen Stadt fragt, ob wir ein zwölfjähriges Mädchen in unserem sicheren Haus aufnehmen können. Sofort, der Fall sei dringend. „Nehmen Sie auch so junge Mädchen? Allein wohnen kann sie nicht.“

„Welche Sprache spricht sie?“, frage ich. Unter unseren Mitarbeitern sind die meisten Sprachgruppen vertreten.

Der Mann nennt die Muttersprache des Mädchens. Wir einigen uns darauf, dass jemand aus Haus Sara gleich kommen und das Mädchen abholen wird. Am nächsten Tag berichtet die Zwölfjährige uns, dass ihre Eltern sie vor die Wahl gestellt haben: Entweder du heiratest den Mann, den die Familie für dich ausgesucht hat, oder wir werfen dich vom Balkon …

Bei uns ist sie in Sicherheit. Bald zieht eine Pflegefamilie in ihre Wohnung in Haus Sara ein.

Einen Tag, nachdem die Zwölfjährige zu uns gekommen ist, setze ich mich am Nachmittag in den Zug, um zu meinem nächsten Vortrag über „Ehrengewalt“ zu fahren. Der drohende Schatten einer Kultur, für die es vom Teufel ist, wenn auch Frauen und Mädchen Rechte haben und beanspruchen, hängt jeden Tag über uns. Ich kann ihn nicht abschütteln; aber ich muss mich weiter dieser Aufgabe, diesem Auftrag widmen, der wichtiger ist als mein Leben.

Das also war eine typische Woche in meinem heutigen Leben. Aber wie bin ich überhaupt zu diesem Leben gekommen? Das möchte ich Ihnen jetzt erzählen.

Kapitel 2

Wer bin ich?

Mein Name ist Mah Doht Soheila Davodian Gilan Kalhor Fors, und in diesem Namen steckt Geschichte – die Geschichte meines Volkes und meine eigene. Jeder Bestandteil meines Namens hat etwas zu erzählen.

Kalhor – das ist der kurdische Stamm im Westiran, an der Grenze zum Irak, den meine Vorväter wie Könige regierten. Die Vergangenheit ist immer noch lebendig in dieser Gegend. Und ich bin darin eine Prinzessin. So bescheinigen es mir vier Sippenälteste aus dem Stamm Kalhor in einem Schriftstück, das ich im Frühjahr 2013 erhielt und das von einem iranischen Notar beglaubigt ist. Das Dokument lässt erahnen, was für eine Reise ich hinter mir habe. Ein Kreis hat sich geschlossen. Einst war ich die Tochter des Emirs, dann wurde ich zur Fußmatte degradiert; jetzt habe ich meinen alten Platz zurückbekommen. Doch vor allem sehe ich mich als Freiheitskämpferin und als eine Frau, die aus dem Bösen, das sie durchgemacht hat, etwas Gutes erwachsen lassen will.

Schon immer bin ich meinen eigenen Weg gegangen. Manchmal war er dornig, manchmal wunderbar. Vor drei Jahren haben ich und der Verein Khatoon das wahrscheinlich erste Frauenteehaus der Welt gegründet. Inzwischen gibt es in drei schwedischen Städten solche Teehäuser, und viele weitere Städte und Kommunen möchten gerne eins haben. Der Verein hat auch ein „sicheres Haus“ für von Ehrengewalt bedrohte Männer und Frauen gegründet.

Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich hundert Jahre lang fast ebenso viele Leben gelebt: als privilegierte Tochter eines Emirs. Als streitbare Teenagerin. Als jungverheiratete, betrogene Frau in einer Familie, die mich hasste. Als misshandelte Frau in Hedemora in Schweden (Provinz Dalarna). Als Hilfskrankenschwester in Uppsala. Als Unternehmerin in Karlskoga, die das Los von Migrantinnen in Schweden verbessern will.

Um Ihnen zu zeigen, wer ich bin, muss ich weit in die Geschichte zurückgehen. Ich gehöre zu einem sehr alten Volk, den Elamitern, die man heute „Iraner“ oder „Kurden“ nennt und die seit Urzeiten im Herzen des Nahen Ostens gesiedelt haben. Die Geschichte meiner Familie reicht 2400 Jahre weit zurück. Es gibt auch Stimmen, die behaupten, dass die Kurden von einem anderen Volk abstammen, etwa den ebenfalls uralten Medern.

Vor vier Generationen war mein Ururgroßvater Davood der Emir (also König oder Schah) über ein großes Gebiet rund um die Stadt Gilan e Gharb in der Provinz Kermanschah, wo ich geboren bin. Man nannte ihn Davood-khan und er hatte große Reichtümer. Aber nachdem die Schah-Familie der Pahlewi unseren Stamm als Bedrohung zu betrachten begann, ging das Vermögen verloren.

Es war das Öl, das unser Unglück wurde. Die damaligen Großmächte betrieben einen Machtpoker um die Förderrechte, bei dem sie die verschiedenen Stämme gegeneinander ausspielten. Karge Weideflächen waren plötzlich ein Vermögen wert, mit dem Feudalherren Machtpositionen aufbauen konnten.

Anfang des 20. Jahrhunderts kämpften meine Familie und die künftige Schahfamilie Pahlewi um die Macht im Iran. Unser Sippenoberhaupt Davood-khan wurde „König von Kurdistan“ genannt; schließlich stand er an der Spitze des mächtigsten aller kurdischen Stämme, der Kalhor. Iranische Historiker berichten, wie er begann, ein eigenes Land aufzubauen – Kalhoristan. Davood-khan, der auch „Serdar mozafar“ („Der Unbesiegbare“) genannt wurde, hatte zahlreiche kurdische Stämme vereinigt und eine eigene Armee aufgebaut.

Als Persien im Ersten Weltkrieg in die große Politik hineingezogen wurde, setzte Deutschland auf unsere Familie, England und Russland dagegen auf die Pahlewis. Mithilfe deutscher Berater konnte Davood in der Schlacht von Kermanschah die Briten und Russen besiegen. Danach zog er sich nach Kurdistan zurück, wo er nach 30 Regierungsjahren starb.

Sein Sohn, Emir Suleyman, wurde ganze 28 Jahre alt. Man erzählt sich viele Geschichten über ihn. Er war dafür bekannt, dass er seinen Untergebenen keine schriftlichen Befehle schickte, sondern stattdessen Steine, deren Botschaft die Empfänger sofort verstanden und befolgten. Auf einem alten Foto beeindrucken mich seine durchdringenden Augen und der mächtige Schnurrbart.

Als der damalige Chef des Pahlewi-Clans einen Feldzug gegen den Irak begann, bereitete Suleyman einen Hinterhalt vor, um ihn zu töten. Aber einer seiner eigenen Stammesbrüder verriet ihn und der Plan misslang. Es gelang den Pahlewis, die Cousine meines Urgroßvaters zu kaufen – und sie hat Suleyman ermordet.

Als die Pahlewis an die Macht gekommen waren, musste unsere Familie ins Exil, in die Wüsten des Zentral-Iran. Erst als man sie nicht mehr als Bedrohung betrachtete, durfte sie zurück in ihr angestammtes Gebiet. Mein Vater, Ghodrat, heiratete mit 27 Jahren eine Cousine namens Forough. Die Hochzeit dauerte 17 Tage und auf den Bildern sieht meine Mutter wie ein Traum aus weißen Federn und Schleiern aus. Mein Vater war nicht minder elegant; er sah aus wie eine iranische Version von James Dean. Er ist der Mensch, der mich in meinem Leben am meisten geprägt hat.

In meiner Kultur hatte eine Frau so viel Freiheit, wie ihr Mann ihr gönnte. Es gab einzelne starke Frauen aus der Herrscherfamilie, die in der Gesellschaft etwas darstellten, weil sie aus der „richtigen“ Familie kamen und Intelligenz, Charme, Schönheit und Führungsqualitäten besaßen; zwei dieser starken Frauen waren meine Urgroßmutter väterlicherseits, die Große Badr, und meine Großmutter mütterlicherseits.

Mein Vater wollte, dass ich einmal diesen starken Frauen gleichen sollte. Er erzog mich zu einem Leben, das es in den 1960er-Jahren in Kurdistan eigentlich nicht gab: zum Leben einer Frau, die genauso viele Möglichkeiten hatte, zu träumen und etwas aus sich zu machen, wie ein Mann.

Später habe ich verstanden, dass diese Freiheit für mich nur möglich war, weil ich eine Emirstochter war. Die Gesellschaft um mich herum hatte ganz andere Werte, aber dank der Macht und des Ansehens meiner Familie konnte ich auf meiner Insel der Freiheit leben.

Schon als Kind empörte es mich jedes Mal, wenn mir, weil ich ein Mädchen war, etwas verboten wurde, was Jungen fraglos gestattet war. Warum durften sie Rad fahren und schwimmen und ich nicht? Warum war alles, was weiblich war, schändlich und sündig, aber alles, was männlich war, lobenswert?

Die Freiheit, die ich genoss, war ein Geschenk meines Vaters. Er war die große Lichtgestalt meiner Kindheit.

Kapitel 3

Der Tag, an dem sie Papa holten

„Lasst meinen Papa los! Lasst ihn hier!“

An einem Herbsttag im Jahre 1971 fuhr ein grünes Militärauto in unseren Hof. Es war die gefürchtete Geheimpolizei des Schahs, die Savak. Sie kamen, um meinen Vater zu verhaften. Wieder einmal. Mein Vater ging hinaus, um mit ihnen zu reden. Es entwickelte sich eine heftige Diskussion. Papa wurde ausnahmsweise richtig laut, und meine Schwester und ich merkten, was da los war. Die wollten unseren Vater mitnehmen!

„Ihr bleibt hier!“ Wir kümmerten uns nicht um den Befehl unserer Mutter und der Tanten, sondern rannten hinaus. Meine große Schwester klammerte sich an unseren Vater. Ich schrie einen Beamten an und riss an seinem Hosenbein. Da schaute mein Vater mich an, und der Blick genügte; ich ließ das Bein los.

Meine Schwester war damals acht Jahre alt, ich vier. Wir standen auf der Eingangstreppe unseres Palastes. Ich nahm die Hände meines Vaters, zeigte auf die Handschellen, die sie ihm angelegt hatten, und fragte: „Papa, was sind das für Männer und warum machen die das? Was wollen die?“

Mein Vater erwiderte, die Stimme warm wie immer: „Du bist stark und tapfer. Jetzt musst du ein tüchtiges Mädchen sein und auf Papa warten, bis er wiederkommt.“

Unsere Mutter begann hysterisch zu schreien. Auch mich schrie sie an. Und ich stand wie festgewurzelt vor unserem Haus und sah zu, wie sie mit meinem Papa davonfuhren.

Es sollte vier Jahre dauern, bis er zurückkam. Die ersten neun Monate wussten wir nicht einmal, ob er noch lebte.

An dem Tag, an dem sie meinen Vater holten, ging die Sonne in meinem Kinderleben unter. Papa bedeutete so viel für mich. Er gab mir so viel Liebe. Und Zeit. Ich habe schon erwähnt, dass er mich ganz anders erzog, als die meisten anderen kurdischen oder iranischen Väter das getan hätten. In unserer Kultur waren Mädchen nur halb so viel wert wie Jungen, in allen Lebensbereichen, vom Erben bis zu der Art, wie man von der Familie behandelt wurde. Mädchen – das waren die Fußabtreter, auf denen die Jungen herumtrampeln durften. Die Brüder eines Mädchens durften es ungestraft schikanieren, ja sogar schlagen, wenn sie fanden, dass es das verdiente. Immer bestimmten andere über sein Leben. Die Eltern entschieden, wann ein Mädchen heiratete. Und wen. So war das damals, und so leben viele dieser Mädchen noch heute, sogar in Schweden.

Mein Vater dagegen wollte, dass ich einmal eine selbstständige, mutige Frau würde. Er ließ mich in meinen geliebten roten Trägerhosen herumlaufen, und wenn ich das Haar kurz geschnitten haben wollte – bitte sehr. Meine Mutter hatte da ganz andere Ansichten.

Alle Menschen sahen zu meinem Vater auf. Er hatte eine natürliche Autorität. Man achtete ihn, viele hatten sogar Angst vor ihm. Ich hatte nie Angst und ich wusste: Ich konnte jederzeit und mit allem zu ihm kommen. Oft schickten meine Geschwister mich vor, wenn sie sich nicht trauten, ihm ein Anliegen selbst vorzutragen.

Ich war das vierte Kind in unserer Familie. Die Ältesten waren meine beiden Brüder Siamak und Tahmorez, die acht bzw. neun Jahre älter waren als ich. Danach kamen meine Schwester Sepide und ich. Meine kleine Schwester Maryam wurde 1975 geboren, nachdem Papa aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Meine Eltern waren grundverschieden. Meine Mutter war eine ungebildete Frau, kam aber aus einer guten Familie, die mit der unseren nah verwandt war. Mein Vater war ein westlich orientierter, sehr gebildeter Mann aus kurdischem Königsgeschlecht. Die Ehe zwischen den beiden war schon arrangiert worden, als sie noch Kinder waren; so war das damals und ist es manchmal noch heute.

Während Mama eine fromme Schiitin war, lachte mein Vater über alles, was mit Religion zu tun hatte. Auf seinen großen Festen gab es Wein und Whisky zu trinken. Er war in unserem Stamm hoch angesehen, und man nannte ihn den Emir von Kalhor.

Papa war stets sorgfältig gekleidet; oft trug er einen Anzug und passenden Schlips. Er war groß und schlank und hatte eine Frisur, die damals, in den 1960er-Jahren, beliebt war, mit zurückgekämmten Stirnlocken und Koteletten. Viele Frauen fanden ihn schön und mochten sein Lächeln, sein Kinngrübchen und seine männlich tiefe und doch warme Stimme.

Man spürte sofort seine Ausstrahlung, wenn er einen Raum betrat. Ich bewunderte meinen Papa enorm. Ich fand ihn richtig fein und prachtvoll und nahm mir schon bald vor, jemand zu werden, auf den er stolz sein konnte.

Dass um 1970 herum mein Vater und andere Männer in der Sippe verhaftet wurden, hing wohl mit Davoud, meinem Onkel väterlicherseits, zusammen. Er hatte Anfang 1967 den Iran verlassen und war in den Irak gegangen. In Bagdad war er im Gefängnis gewesen und hatte dort einen Mitgefangenen namens Saddam Hussein kennengelernt. Als Saddam an die Macht kam, gab er meinem Onkel hohe Posten in der Verwaltung. Doch schon bald wurde Saddams Verfolgungswahn immer stärker, und eines Tages, mitten in einer Besprechung, schoss er auf meinen Onkel. Er traf ihn ins Bein. Davoud floh nach Frankreich, wobei ihm unter anderem François Mitterand behilflich war. Die politischen Nachwehen von Davouds Seitenwechsel trafen auch unsere Familie im Iran; fast alle männlichen Familienmitglieder wurden in einem gefürchteten Gefängnis in Teheran inhaftiert.

Kapitel 4

Gefängnisjahre

Ich weiß noch, wie wir unseren Papa das erste Mal im Gefängnis in Teheran besuchen konnten. Da lag seine Verhaftung schon bald ein Jahr zurück. Die Anreise dauerte über 14 Stunden. Erst fuhren wir mit dem Auto nach Kermanschah, dann ging es, zusammen mit etwa vierzig weiteren Verwandten, die ebenfalls das Oberhaupt der Sippe besuchen wollten, in einem Bus weiter. Ja, das war die Solidaritätskultur, in der ich aufgewachsen bin.

Ich war fünf Jahre alt und würde jetzt also endlich meinen geliebten Papa, mein großes Idol, wiedersehen. Ich war natürlich mordsgespannt; die langen, engen Gefängniskorridore schienen kein Ende nehmen zu wollen.

Dann betraten wir endlich das Besuchszimmer. Aber Papa war gar nicht in dem Besuchszimmer, sondern in einem Nebenraum, und zwischen uns war ein hässliches Gitter. Es durften immer nur zwei Personen zu ihm. Ich ging zusammen mit Mama. Ich war außer mir, als ich ihn hinter dem Gitter sah. Ich schrie und trat gegen das Gitter. Meine Eltern versuchten beide, mich zu beruhigen. „Was hat sie nur?“, fragte mein Vater.

„Sie ist halt ungezogen, kümmere dich nicht um sie“, antwortete meine Mutter.

Aber ich war nicht ungezogen. Ich war völlig durcheinander. Konnte mein Papa denn nicht alles? Und jetzt erlebte ich diese Szene. Warum riss er dieses Gitter nicht einfach heraus und kam zu uns? Ich verstand die Welt nicht mehr.

Meine Eltern unterhielten sich leise und ich merkte, wie Zorn und Hass in mein Herz strömten. Das hier – das war ungerecht! Ich fing an, alle Polizisten zu hassen. Es war ein Hass, der mich viele Jahre verfolgen sollte, bis zu der großen Wende in meinem Leben. Da war ich bereits 31. Der bloße Anblick einer Polizeiuniform ließ mir übel werden.

Ich saß auf dem harten Stuhl vor dem Gitter und dachte: „Wie haben die den schönsten und freundlichsten Menschen in der ganzen Welt ins Gefängnis stecken können?“

Heute, wo ich längst erwachsen bin, verstehe ich, warum die Schahfamilie Pahlewi alle Männer in meiner Familie hinter Schloss und Riegel setzte. Ein Grund war die Geschichte mit meinem abtrünnigen Onkel Davoud, ein anderer, dass die Pahlewis uns als Bedrohung für ihre Herrschaft im Land betrachteten. Es war allgemein bekannt, dass mein Vater der Meinung war, dass sie das Land zugrunde richteten; folglich war er ein Staatsfeind. Und dann noch die Sache mit dem Kampf des Urgroßvaters meines Vaters gegen den Vater des jetzigen Schahs. Eine Zeit lang versuchte der Schah, meinen Vater zu „kaufen“, indem er ihm diverse hohe Regierungsposten anbot. Als mein Vater sich nicht ködern ließ, verhaftete er ihn schließlich.

Die Verhaftungswelle war eigentlich nur der Höhepunkt in einer jahrelangen Kampagne. Bereits 1969 hatte der Staat große Teile des Grundbesitzes, den mein Vater von seinem Großvater, Emir Suleyman, geerbt hatte, konfisziert. Es handelte sich um große Ländereien und Jagdreviere im Zagrosgebirge im West-Iran, also dem iranischen Teil von Kurdistan. Unsere Familie musste auch ihren Palast verlassen. Ich war damals noch sehr klein, sodass ich diese Dinge nur vom Hörensagen kenne.

Wir zogen damals in ein palastähnliches Anwesen um, das meine Mutter von ihrer Mutter geerbt hatte. Das Haus war sehr groß und weiß verputzt. An der Vorderseite führte eine breite Treppe zu einer überdachten Veranda hinauf; das Dach wurde von Säulen getragen. Wie die meisten anderen iranischen Häuser aus jener Zeit hatte auch unseres nur ein Stockwerk; darüber kam das Flachdach, das im Sommer oft als Schlafzimmer diente. Das ganze Gebäude hatte die Form eines „E“ ohne den mittleren Querstrich. Etwas zur Seite lag das Wirtschaftsgebäude mit der Küche und großen Vorratsräumen, wo Trockenvorräte wie Zucker und Reis lagerten und auf Regalen Eingemachtes und Saft. In einem besonderen Raum wurden Lämmer, Kälber und Hähnchen geschlachtet. Da wir keinen Kühlschrank hatten, musste alles, was geschlachtet und zubereitet wurde, alsbald gegessen werden. Das wussten die ärmeren Stadtbewohner, sie wussten auch, dass mein Vater großzügig war, und so stand oft eine kleine Schlange vor dem Wirtschaftsgebäude und wartete auf eine ordentliche Mahlzeit.

Mit bei uns wohnten meine Großeltern väterlicherseits sowie eine von Papas Schwestern. Mit dem Umzug vollzog sich auch ein Machtwechsel; jetzt hatte nicht mehr Großmutter das Sagen im Haus, sondern meine Mutter, denn es war ja ihr Haus. Ich weiß noch gut, dass es Großmutter nicht besonders schmeckte, nur noch die zweite Geige zu spielen. Vorher war sie die Herrin gewesen, jetzt war sie ein zusätzlicher Esser. In unserer Tradition übt die Schwiegermutter durch ihre Söhne wirklich Macht aus; jetzt wurde alles anders für Oma.

Meine zweite Oma – Gohar, die reiche und mächtige Mutter meiner Mutter – sorgte dafür, dass wir genug Dienstboten hatten, als wir Papas Dienstpersonal nicht mehr halten konnten. Wir litten (jedenfalls äußerlich) nie Not in den Jahren, als mein Vater, sein Vater, seine Brüder und diverse andere Verwandte in Haft saßen. Im Stamm Kahor wurde die Loyalität gegenüber dem Emir und seiner Familie großgeschrieben, sodass wir oft Zuwendungen von Bekannten und sogar Fremden bekamen.

Als Kind kann man sich nicht vorstellen, dass die Eltern finanzielle Probleme haben, aber meine Mutter hatte sie. Sie löste sie durch den Verkauf unserer Silberteller, Silberschalen und Silberbestecke. Selbst der Spiegel mit Silberrahmen in meinem Zimmer „verschwand“ eines Tages. Es wurde immer leerer in den Schränken in unserem Haus.

Die vier Jahre ohne meinen Vater waren ein einziger Albtraum für mich. Ich vermisste ihn ständig. Mit sechs Jahren lernte ich lesen. Jetzt saß ich oft in Papas Bibliothek und las seine Bücher. Die Bibliothek war ein kühler, angenehmer Raum. Die Bücherregale an den weiß gekalkten Wänden reichten vom Fußboden bis zur Decke.