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Zhang Rongliang

mit Eugene Bach

Bis zum Äußersten

Mein Leben mit Christus in China

Brunnen Verlag / Open Doors

Originally published in English under the title „I Stand With Christ“ by Whitacker House, 1030 Hunt Valley Circle, New Kensington, PA 15068, USA. All rights reserved.

Die englischsprachige Originalausgabe erschien unter dem Titel „I Stand With Christ“ bei Whitacker House, New Kensington, USA. Alle Rechte vorbehalten.

Copyright © 2015 by Zhang Rongliang and Eugene Bach

Übersetzung von Dr. Friedemann Lux

© der deutschen Ausgabe: Brunnen Verlag Gießen 2016
Umschlagfoto: shutterstock; privat
Umschlaggestaltung: Olaf Johannson, spoon design
Satz: DTP Brunnen

ISBN Buch 978-3-7655-4298-5

ISBN E-Book 978-3-7655-7448-1

www.brunnen-verlag.de

Zhang Rongliangs Buch aus der Sicht chinesischer Christen

Um dieses ungewöhnliche Buch schätzen zu können, sind Voten von Vertretern der chinesischen Untergrundkirche hilfreich. Ihre Namen mögen den meisten Lesern unbekannt sein, doch sie gehören zu den geachtetsten Leitern dieses oft unsichtbaren Teils der weltweiten Gemeinde Jesu. Sie repräsentieren schätzungsweise über 70 Millionen chinesische Christen.

„Es gibt so vieles in der Untergrundkirche, das in der übrigen Welt nicht bekannt ist, aber Pastor Zhangs persönliches Zeugnis füllt die Lücke. Ich bin so dankbar für dieses Buch. Es ist unmöglich, sich die vom Heiligen Geist gewirkte Erweckung in China ohne Pastor Zhang vorzustellen. Sein Zeugnis beweist, dass Jesus lebendig und nicht tot ist.“

Pastor Zhen Ju Xing, Shenzhen

„Wer die Predigten von Zhang Rongliang hörte, übergab sein Leben Jesus, nahm sein Kreuz auf sich und folgte ihm nach. Diese Menschen geben bereitwillig ihre Freiheit und Bequemlichkeit auf, um ein Leben in der Verfolgung mit vielen Entbehrungen zu beginnen. Das sind keine ‚normalen Menschen‘. ‚Normale Menschen‘ tun nicht das, was in diesem Buch berichtet wird. Gott hat Pastor Zhang gebraucht, um Millionen Menschen in China zu erreichen.“

Xiao Min,
Sängerin und Liedermacherin
der chinesischen Untergrundkirche

„Pastor Zhang hat in seinem Leben auf Schritt und Tritt Gottes Führung und Schutz erlebt. Dies ist nicht nur seine Geschichte, sondern auch die der Untergrundhauskirche Fangcheng – eines der größten Hauskirchennetzwerke in China. Wenn Sie Pastor Zhangs Geschichte lesen, erfahren Sie auch die Details der letzten vierzig Jahre Kirchengeschichte in China.“

Pastor Chen Xiao Fu, Beijing

„Die faszinierende Geschichte, die Pastor Zhang in diesem Buch erzählt, zeigt, wie er eine der bekanntesten Kirchen in China leitete. Ich kenne vieles aus dieser Geschichte persönlich, weil ich mit dabei war. 1982-1986 hatte ich zahlreiche Gelegenheiten, die Untergrundkirche in Fangcheng zu besuchen. Es gelang Pastor Zhang, Teams zu schaffen und auszusenden, und er spielte eine Schlüsselrolle bei der Gründung der fünf großen Hauskirchennetzwerke. Ich habe erlebt, wie er mit großer Weisheit und mit Takt innerkirchliche Konflikte löste und Irrlehren bekämpfte. Pastor Zhang war der Mann, den Gott gebrauchte, um Seine Erweckung nach China zu bringen.“

Pastor Peter Xu, USA

Inhalt

Vorwort des „Heavenly Man“

Zu diesem Buch: Meine Lebensgeschichte gehört Christus

1. Der „Große Sprung nach vorn“

2. Opa Sun

3. Die Kulturrevolution

4. Karriere in einer politischen Bande

5. „Ich gehöre zu Jesus Christus“

6. Verhör, Folter, Arbeitslager

7. Die „Schwarzen Fünf“

8. Sklaven der Partei

9. Li Tianen

10. Im „Höllenlager“

11. Ein religiöser Verbrecher

12. Eisblumen

13. Am Rande des Todes

14. Onkel Feng

15. Der Herr hört das Seufzen der Gefangenen

16. Purim auf Chinesisch

17. Bleib nicht zu lange am gleichen Ort

18. Wie ein Lauffeuer

19. Die Fangcheng-Hauskirche

20. Erweckungsfeuer

21. Der Preis einer Gewehrkugel

22. Untergrundnetzwerke

23. Gemeinsam sind wir stärker

24. Unser Glaubensbekenntnis

25. Gemeinschaft der Leiden

26. Besuch in den USA

27. Beschattet

28. Der Prozess

29. Politischer Gefangener

30. Schlaganfall!

31. „Wollen Sie nicht rausgehen?“

32. Die heutige Situation in China

Nachwort Der Strom teilt sich

Über die Autoren

Dank

Vorwort

Ich bin Bruder Yun, der „Heavenly Man“. Zusammen mit Pastor Zhang Rongliang habe ich viel Verfolgung für das Evangelium erlitten. Über dreizehn Jahre meines Lebens habe ich im Gefängnis verbracht, aber durch die Macht von Jesus Christus konnte ich dies durchstehen.

Ich bin hocherfreut, dass Zhang Rongliangs Glaubenszeugnis der Welt bekannt gemacht wird, und fühle mich geehrt, dass ich etwas über dieses Buch schreiben darf. Pastor Zhang und ich waren lange Zeit Weggefährten. Gemeinsam wurden wir verhaftet, gemeinsam verloren wir unser Zuhause, gemeinsam sind wir durchs finstere Tal gegangen und haben die höchsten Berge erklommen. Oft konnten wir gemeinsam lachen und uns freuen.

Wir sind beide Kinder der Untergrundkirche in China, und beide waren wir Älteste im Sinim-Verband – einem Zusammenschluss verschiedener Hauskirchennetzwerke der chinesischen Untergrundkirche. Nach den ersten Seiten von Zhangs Geschichte war ich so bewegt, dass ich aufhören musste zu lesen und ins Gebet ging. Auf den Knien rief ich aus: „Für das Kreuz, für das Kreuz! Alles zur Ehre des Kreuzes! Möge Gott uns stets helfen, es den Völkern zu predigen!“

Der Wunsch, dass aller Dank Gott gelten möge, bohrte sich tief in mein Herz. Ich verschlang das Buch förmlich, ein Kapitel nach dem anderen. Was ich da las, machte mich satt, als ob ich eine reichliche Mahlzeit essen würde. Ich las die Geschichte in einer Nacht von der ersten bis zur letzten Seite und fühlte mich wie in den Psalmen Davids. Als ich endlich vom Buch aufschaute, sah ich, dass draußen der Morgen dämmerte.

Aller Dank gebührt unserem Gott, der uns erwählt hat. Wir haben nichts, dessen wir uns rühmen könnten. Wir sind voller Schwächen, Fehler, Sünden und Versagen. Aber wir dienen Gott vor den Engeln des Himmels. Nur durch das Blut von Jesus können wir unseren Auftrag erfüllen. Es ist unsere Aufgabe, Zeugen seiner Botschaft der Macht und Gerechtigkeit zu sein.

Mit viel Gebet und Segen möchte ich Ihnen dieses Buch ans Herz legen. Ich glaube, dass die Lebensgeschichte von Pastor Zhang ein mächtiges Zeugnis des Kreuzes ist, das die Kirche im Westen wie im Osten bewegen wird. Der himmlische Vater wartet darauf, dass seine Söhne und Töchter ihm ihr Herz zuwenden. Wenn wir uns zu ihm kehren, wird er sich zu uns wenden. Ich wünschte, die heutige Kirche könnte zurückkehren in die Tage der Apostel, sodass die Christen bereit werden, mutig ihr Leben für Gott zu geben, wie Pastor Zhang dies tat. Lesen wir diese Geschichte und lassen wir uns ermutigen, weiter das Evangelium jedem Volk und jedem Stamm zu bringen, bis jeder Mensch es hören kann.

Bruder Yun, Autor von Heavenly Man

Zu diesem Buch
Meine Lebensgeschichte gehört Christus

Mein Name ist Zhang Rongliang und ich folge aus Überzeugung Jesus Christus nach. Ich bin der Pastor der kleinen Landgemeinde Fangcheng. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie viele Mitglieder unsere Kirche hat. Die meisten internationalen Quellen schätzen die Zahl auf etwa zehn Millionen Gläubige. Manche sagen, dass es viel weniger sind, andere, dass es vielleicht noch mehr sind. Die genaue Zahl kennt allein Gott und sie ist auch gar nicht wichtig.

Auf den folgenden Seiten möchte ich Ihnen mein persönliches Glaubenszeugnis erzählen, wie Gott es mir ins Herz gegeben hat. Es gilt als sehr gefährlich, den Inhalt dieses Buches unter die Leute zu bringen, aber die Geschichten in ihm wollen weitererzählt werden − zur Ehre Gottes und zur Ermutigung seiner Kirche. Viele Monate lang habe ich mit internationalen Autoren an diesem Buch gearbeitet, die extra nach China kamen und sich mit mir zusammensetzten, um jedes Kapitel meiner Geschichte durchzugehen. Das war nicht einfach für mich; oft bekam ich nasse Augen oder einen Kloß im Hals bei den Erinnerungen. Meine Lebensgeschichte ist kompliziert und voller Höhen und Tiefen. Mehrere Male wurde ich verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Einen großen Teil meines Lebens habe ich hinter Gittern verbracht; insgesamt waren es fünf Haftstrafen.

Ich erachte es als ein Vorrecht, dass ich für den Namen meines Herrn Jesus Christus gelitten habe. In all den einsamen Nächten und hoffnungslosen Situationen hat er mich kein einziges Mal verlassen oder vergessen.

Eigentlich ist dies gar nicht „meine“ Geschichte. Ich glaube, dass mein Leben und damit mein Glaubenszeugnis nicht mir selbst gehört, sondern Christus. Er allein hat mich erlöst. Alles, was ich habe und was ich über mein Leben erzählen kann, gehört ihm. Es ist mein Wunsch, wie jemand zu sein, der tot ist, damit Christus durch mich leben kann, und darum erzähle ich diese Geschichte. Ich möchte Ihnen von seiner Liebe, Gnade und Gemeinschaft erzählen, die nie aufhören.

1. Der „Große Sprung nach vorn“

Ich bin am 23. März 1951 geboren, im Bezirk Fangcheng der Provinz Henan im östlichen Zentralchina. Der Zeitpunkt lag in einer der schwierigsten Epochen in der langen Geschichte unseres Landes. Meine Familie war sehr arm. Ich war das mittlere von drei Kindern; meine ältere Schwester ist heute 73 Jahre alt, die jüngere 57. Mein Vater war Schreiner und tat sein Bestes, um die Familie zu ernähren, aber manchmal hatten wir so wenig zu essen, dass wir draußen nach Wildgemüse suchten. Meine ältere Schwester konnte Hunger aushalten, aber meine jüngere Schwester und ich baten unsere Mutter den ganzen Tag weinend um etwas zu essen. Unsere Mutter liebte uns mehr als ihr eigenes Leben, und eines Tages, als wir wieder vor Hunger weinten, sagte sie: „Liebe Kinder, bitte weint nicht! Eure Mama weiß doch, dass ihr Hunger habt, aber wenn ihr so weint, tut mir das Herz noch mehr weh.“ Wir spürten den Schmerz unserer Mutter und hörten auf zu weinen. Allmählich lernten wir, den Hunger zu ertragen.

1956 nahmen mich meine Eltern mit in die Stadt Lushan und danach nach Nanyang und Zhenping, um zu betteln. Wir gingen von Tür zu Tür und baten um Lebensmittel. Oft bot mein Vater gegen etwas Reis seine Schreinerdienste an. Manche Leute waren sehr unfreundlich und konnten nicht verstehen, warum wir bettelten. Andere waren bereit, das bisschen, was sie hatten, mit uns zu teilen. Viel war es nie, denn damals war fast jeder arm. Der Hunger war allgegenwärtig und die ausgemergelten Leichen Verhungerter waren ein gängiger Anblick auf den Straßen.

Unsere Familie musste also ums nackte Überleben kämpfen. Den ganzen Tag bettelten wir an den Türen um Essen – und hatten abends oft doch nicht mehr als zwei Schalen Reis für unsere Familie. Das ging volle zwei Jahre so, jeden Tag; wir wären sonst verhungert. Heute finde ich es skandalös, wenn Kinder um Essen betteln müssen. Die ständige Ablehnung und Unsicherheit, die ich damals miterlebte, haben bis heute Spuren in meiner Seele hinterlassen. Diese Jahre waren furchtbar.

Dann erließ die Regierung ein Gesetz, nach welchem mehrere Haushalte sich denselben Kochtopf teilen mussten, was bedeutete, dass wir etwas vom Essen unserer Nachbarn abbekamen. Es war nicht viel, aber wir brauchten nicht mehr zu betteln. Der „Große Sprung nach vorn“ (1958-1961), mit dem die Kommunistische Partei die Modernisierung des Landes forcieren wollte, führte aber zur Verknappung von Kochtöpfen, weil die Haushalte 1958/59 ihre Töpfe an den Staat abliefern mussten, um so die Stahlproduktion zu erhöhen. Für Mao war eine Großmacht ein Staat, der viel Stahl produzierte. Folglich wollte er England und die USA in der Stahlproduktion überholen, um China nach vorne zu bringen. Das Ergebnis war, dass es in unserem Dorf für 250 Haushalte nur noch einen einzigen Kochtopf gab, was zur Folge hatte, dass wir nur alle sieben oder acht Tage Nudeln essen konnten – und wer die Provinz Henan kennt, der weiß, dass Nudeln dort das Hauptnahrungsmittel sind.

1960 standen wir vor lauter „Sprung nach vorn“ am Rande des Todes. 1958-1962 erlebte China die wohl größte Hungersnot in der Geschichte der Welt. Der Modernisierungswahn des Regimes hatte zu einer menschengemachten Katastrophe geführt, die im Laufe von vier Jahren schätzungsweise 45 Millionen Menschen den Tod brachte – nicht nur durch Verhungern, sondern auch durch Schläge, Folter und Zwangsarbeit. Damals war Mao Zedong, der nach der Machtergreifung 1949 als Vater der Kommunistischen Partei galt, Chinas Führer. Er leugnete beharrlich, dass es Hungersnöte gab; das Land ging lediglich durch eine „Periode der Knappheit“ – basta. Damals wurden in manchen Kollektiven oder Kommunen Lebensmittel nach der Arbeitsfähigkeit der Menschen zugeteilt, was bedeutete, dass die Alten, Schwachen, Kranken und Behinderten verhungerten.

Am schlimmsten traf die Hungersnot die ländlichen Gebiete. Viele Familien versuchten, aus allem, was sie auftreiben konnten (sogar Baumrinde), Suppe zu machen. Die Regierung konfiszierte von den Bauern Vieh („für das Wohl des Volkes“), nur um anschließend das Fleisch in den Händen unqualifizierter Stadtmenschen oder Parteikader verkommen zu lassen. Immer wieder wurden Kinder, die zu schwach waren, um auch nur noch zu weinen, auf den leeren Feldern liegen gelassen, um zu sterben. Über eine Million Menschen zogen den Selbstmord dem Hunger und der Verzweiflung vor.

Einer der Millionen Hungertoten dieser Jahre war mein Vater, der im Februar 1960 verhungerte, worauf meine Mutter allein mit uns Kindern dasaß. Eines Tages hatte sich mein Vater hingelegt, um zu schlafen, und war nicht mehr aufgestanden. Obwohl ich damals schon neun war, habe ich so gut wie keine Erinnerung daran – vielleicht weil ich nicht dabei war, als er starb. Meine Mutter sagte mir nur, dass Papa nicht mehr da war. Es war nichts Besonderes; wir rechneten damals alle damit, früher oder später zu verhungern.

Irgendwie fasste ich es trotzdem nicht, dass mein Papa nicht mehr da war. Ich rechnete jeden Augenblick damit, seine Stimme zu hören. Abends wartete ich darauf, dass er in unser Zimmer kommen würde, um uns Kinder ins Bett zu bringen. Aber er kam natürlich nicht. Für mich war der Tod schwer zu begreifen. Er war für mich der große Unbekannte, obwohl überall um mich herum Menschen starben. Mit der Zeit sollte er mir jedoch sehr vertraut werden – vertrauter, als mir lieb sein konnte.

Mit China ging es damals steil bergab, aber als Kind begriff ich nicht, warum das so war. Ich wusste nur, dass ich Hunger hatte und dass meine Mutter sich abrackerte, um für ihre Kinder genug zu essen aufzutreiben. Jeder Tag war ein neuer Überlebenskampf. Unser Dorf (in China gelten auch Orte in der Größenordnung deutscher Großstädte als Dörfer; d. Übers.) hieß Longchuan (heute Yangji) und hatte an die 200.000 Einwohner. Unser Zuhause war eine Hütte mit Wänden aus Lehm und Gras. Wir teilten sie mit drei anderen Familien; in der einen Ecke war ein kleines, dunkles Zimmer, wo wir alle auf dem Lehmfußboden schliefen. Ich sehe meine Mutter heute noch vor mir, wie sie spätabends unser Lager auf dem Fußboden herrichtete, wie eine Glucke für ihre Küken.

Nach einem Tag voller Sorgen und Arbeit war meine Mutter oft todmüde. Sie war so unterernährt, dass ihre Haut an den Knochen zu kleben schien. Wenn sie etwas zu essen bekam, gab sie es immer uns, anstatt es selbst zu essen. Ich weiß noch, wie ich selbst in dem dunklen Schlafzimmer ihre Silhouette ausmachen konnte, wenn sie uns ins Bett brachte.

In jenen Jahren kämpfte meine Mutter jeden Tag mit dem Tod. Ich glaube, sie wäre gerne gestorben, wenn sie nicht für uns Kinder hätte sorgen müssen. Sie hatte erlebt, wie unser Vater einschlief und nicht mehr aufwachte, und hatte Angst, dass uns das auch passieren würde. Dann kam der Tag, an dem meine ältere Schwester heiratete, sodass meine Mutter nur noch meine jüngere Schwester und mich im Haus hatte. Ich bin überzeugt, dass es die Liebe meiner Mutter zu uns war und ihre Entschlossenheit, für uns zu sorgen, die sie einen Tag nach dem anderen am Leben hielt.

Wenn sie sich abends neben mich legte, sah sie mich immer an, als ob dies das letzte Mal wäre, und dann durchbrach ihre Stimme die Stille: „Junge, ich hab meine Schuhe für die Nacht ausgezogen, aber ich weiß nicht, ob ich sie morgen früh wieder anziehen werde.“ Ich wusste genau, was sie meinte, und es tat mir furchtbar weh. Mein Gehirn begann jedes Mal zu arbeiten. Wie würde das sein − ohne Mama zu leben? Meinen Vater hatte ich schon verloren; dass auch sie noch ging, durfte nicht sein!

Sie sprach weiter in die Finsternis hinein: „Wenn ich morgen früh nicht mehr aufwache, musst du zum Haus deiner älteren Schwester laufen, sofort! Hörst du mich? Sie wird für dich sorgen.“ Es waren immer ihre letzten Worte, bevor ich einschlief. So verbrachte ich meine Kindheit. Sie war schwer und voller Angst. Noch heute spüre ich den Schmerz, wenn ich an diese Tage zurückdenke.

Selbst für die damaligen Verhältnisse in China war unser Dorf ein Notstandsgebiet. Es gab bei uns so viele Hungertote, dass der Regierung schließlich nichts anderes übrig blieb, als sich der Realität zu stellen und etwas zu tun. Sie ordnete Hilfsmaßnahmen zur Verteilung von Lebensmitteln unter den Familien in unserem Dorf an.

Jetzt war der Hungertod gebannt, aber wir waren immer noch stark unterernährt. Es gab sehr wenig zu essen und kein Salz. Meine Mutter schnitt sich schließlich ihr Haar ab und verkaufte es, um mit dem Erlös Reis und Salz für uns zu kaufen. Mit ihrer Glatze wurde sie prompt zum Gespött des ganzen Dorfes. Als ich sah, wie die Leute sie auslachten und was für eine Schmach sie auf sich nahm, um uns zu essen zu geben, bekam ich ein richtig schlechtes Gewissen.

Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist immer eine ganz besondere. Nach dem Tod meines Vaters war ich der einzige „Mann“ im Haus. Als ich merkte, was meine Mutter auf sich nahm, um meine jüngere Schwester und mich über die Runden zu bringen, fühlte ich mich verantwortlich und ihre Last wurde meine Last, ihre Schmach meine Schmach und ihre Tränen wurden meine Tränen. Was musste sie ertragen! Ich sah es als meine Aufgabe, meiner Mutter Schutz und Trost zu geben, aber ich konnte nichts an ihrer Not ändern.

Viele Jahre später, am 2. Oktober 2005, saß ich in meiner Gefängniszelle, als die Erinnerung an meine Mutter und was sie alles für mich getan hatte, mich plötzlich überwältigte. Ich wollte ihr das so gerne sagen, aber sie lebte nicht mehr. So schrieb ich das folgende Gedicht:

Meine Mutter,
am 4. März 2003, mit 86 Jahren, bist Du von mir gegangen.

Ich weinte neben dem Bett, wo Du schliefst,

ich schaute Dich an und mein Herz tat mir weh.

Die Erinnerung an Dich ist wie ein Film in meinem Kopf:

An den Frühling im Jahr 1962,

in dem Jahr, als die Not unser Land drückte.

Wir hatten kein Salz mehr im Schrank,

aber die Gesundheit Deiner Kinder war Dir immer wichtig.

Du kauftest, was wir brauchten,

mit den Locken Deines eigenen Haares.

Jetzt hatte mein Essen Geschmack, aber mein Herz blutete.

Auf der Straße sahen die Leute sich nach Dir um,

ja, einige spotteten: „Schaut her, die hat ja eine Glatze!“

Mutter, ich hätte es nie essen sollen, jenes Salz,

ich hätte es nicht zulassen sollen, dass Du Dein Haar

abschnittest.

Mutter, jetzt geht es Deinen Kindern viel besser,

aber Du bist fort.

Wie gerne hätte ich Dich bei mir behalten,

sodass Du von dem Salz hättest kosten können,

das Dein Sohn gekauft hat.

In all dem Elend damals schaffte meine Mutter es, mich auf die Schule zu schicken. Obwohl wir hungerten und obwohl mein Vater nicht mehr da war. Es ist nicht einfach, eine alleinerziehende Mutter zu sein, und es wird noch schwerer, wenn man mitten in einer Hungersnot steckt, die ein verblendetes Regime durch seine abenteuerliche Politik heraufbeschworen hat.

Meine Mutter tat also, was sie konnte, damit ich zur Schule gehen konnte. Doch dann kam der Tag, an dem sie merkte, dass sie nicht mehr das nötige Geld dazu hatte; sie konnte gerade noch genug zusammenkratzen, damit wir zu essen hatten. Ich wollte aber auf keinen Fall die Schule abbrechen. Sie war meine einzige Chance, es im Leben einmal besser zu haben. Meine Mutter hatte getan, was sie konnte; jetzt musste ich mir selbst etwas überlegen.

Und dann hatte ich eine Idee, wie ich mir das Schulgeld verdienen konnte. Angesichts der Hungersnot waren die Menschen bereit, so ziemlich jedes Tier zu essen. Ich beschloss, Maulwürfe zu fangen, die ich den Dorfbewohnern als Fleisch verkaufen konnte. Fünfzig Maulwürfe, so hatte ich ausgerechnet, müssten für ein halbes Schuljahr reichen. Ich erfand auch eine ebenso raffinierte wie erfolgreiche Methode, die Tiere zu fangen. Vier Jahre lang florierte mein privater Maulwurfhandel. Der Erlös reichte für mein Schulgeld, sodass meine Mutter sich nicht mehr darum zu sorgen brauchte, wie sie mir den Schulbesuch ermöglichen konnte. Doch nach den vier Jahren wurden die Maulwürfe immer weniger, gerade so, als ob auch sie die Hungersnot zu spüren bekämen. Ich musste die Schule abbrechen.

Das war ein herber Schlag für uns alle. Mir kam es vor, als ob meine Zukunft sich in Luft auflöste. Ich versuchte, eine andere Einnahmequelle zu finden, aber mir fiel nichts ein und meine Mutter brauchte zu Hause auch meine Hilfe. Ich wollte unserer Familie so gerne eine bessere Zukunft schenken, aber wir wussten nie, was der nächste Tag bringen würde. Überleben war wichtiger als Bildung.

Als ich viel später – im Jahre 2005 – auf einer Wiese ein paar Maulwurfshügel sah, musste ich wieder an jene schwierige Zeit denken. Wenn ich heute irgendwo Maulwürfe sehe, möchte ich ihnen am liebsten zuwinken und mich dafür entschuldigen, wie ich damals ihre Vorfahren verfolgt habe. Und ich sagte mir auf jener Wiese 2005 auch, dass ich zwar die Schule nicht hatte abschließen können, aber dass sich das Geld, das ich in meine Schulzeit gesteckt hatte, doch ausgezahlt hatte, denn so konnte ich später fleißig die Bibel lesen und studieren, um Menschenseelen zu retten.

2. Opa Sun

Den 11. März 1963 werde ich mein Leben lang nicht vergessen. An diesem Tag kam eines der ältesten Mitglieder meiner Familie, Sun Wendang, wie üblich zu uns zu Besuch und nahm mich beiseite, um mich zu unterweisen. Opa Sun, wie wir ihn nannten, war im ganzen Dorf hoch geachtet wegen seiner Weisheit und Besonnenheit.

In der chinesischen Kultur stehen die Alten und die Weisheit, die sie im Laufe ihrer langen Lebenserfahrung erworben haben, traditionell hoch im Kurs. Damals wohnten bei uns die verschiedenen Generationen einer Familie meist zusammen – in separaten Häusern oder Hütten, die um einen Innenhof herum angeordnet waren. Den Ehrenplatz hatte dabei immer das Haus der Großeltern, das am Kopf des Hofes stand. Die Kinder und Enkel hatten die Pflicht, für sie zu sorgen und sie zu ehren, während die Alten die Aufgabe hatten, ihre Weisheit an ihre Kinder und Enkel weiterzugeben, sodass sie im Fluss der Generationen nicht verloren ging.

Sun Wendang war der Bruder meines Großvaters, also eigentlich mein Großonkel, aber ich nannte ihn trotzdem „Opa Sun“. An jenem Märztag brachte er mir etwas ganz Besonderes mit. Als er mich beiseitenahm, spürte ich, dass er etwas sehr Wichtiges auf dem Herzen hatte.

„Mein Enkel“, sagte er, „du bist jetzt zwölf Jahre alt und ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Du bist jetzt alt genug, um ein Goldkorn der Weisheit zu empfangen, das bis in die Ewigkeit reicht. Was ich dir jetzt sagen werde, ist für alle Zeiten wichtig; es geht um nichts weniger als um deine Seele.“

Ich hörte immer aufmerksam zu, wenn Opa Sun mit mir sprach, aber diesmal war es irgendwie anders. Der Klang seiner Stimme, der Ernst in seinem Gesicht – das musste etwas sehr Wichtiges sein. Aufmerksam saß ich da, die Ohren gespitzt und den Kopf nach vorne gebeugt, um ja kein Wort zu verpassen. Aber ich war nicht sehr geduldig. Seine Worte kamen für meinen Geschmack zu langsam; am liebsten hätte ich sie ihm aus dem Mund gezogen, damit es schneller ging. Ich spürte, dass er im Begriff stand, mir etwas Aufregendes zu sagen, und ich wollte es so schnell wie möglich hören!

„Ich möchte dir von einem Freund erzählen, der Jesus heißt. Jesus war ohne Sünde. Weißt du: Du und ich, wir sind voller Sünde und Schuld. Sünde − das ist das, was wir machen, wenn wir anderen, unserem Land oder uns selbst wehtun. Aber vor allem gibt es einen Gott und dem tun wir auch weh und das ist unsere allergrößte Sünde.“

Opa Sun versuchte, mir den Begriff der Sünde und des ewigen Lebens auf eine Art nahezubringen, die ich, fast noch ein Kind, begreifen konnte. Obwohl ich ihm wie gebannt zuhörte, begriff ich nicht alles, was er sagte.

„Du kennst Jesus nicht, aber er kennt dich. Und er liebt dich. Jesus ist ohne jede Sünde und er will dir die Last deiner Sünde abnehmen. Er will dir ewiges Leben schenken. Ewiges Leben kann nur bekommen, wer von seinen Sünden reingewaschen ist.“

Als Vierjähriger hatte ich einmal eine Kirche von innen gesehen. Nicht weit von unserem Haus hatte es eine sehr schlichte Kirche gegeben, aber damals war ich zu jung gewesen, um die Predigt zu verstehen, geschweige denn zu merken, ob die Christen dort sich frei und ohne die Einmischung des Staates versammeln konnten oder nicht. Das war lange her. Ich verstand nicht alle Worte, die Opa Sun jetzt benutzte.

Jesus war mir kein Begriff. Er wohnte nicht in meinem Dorf, sodass ich noch nie von seiner Familie gehört hatte. Opa Sun fuhr fort: „Jesus möchte, dass du für immer mit ihm lebst. Er starb, um dich von deinen Sünden reinzuwaschen. Er wurde geschlagen und an einem Holzkreuz aufgehängt, wo er starb. Aber am dritten Tag ist er aus dem Grab auferstanden. Er lebt und eines Tages wird er wiederkommen und uns für immer zu sich in den Himmel holen.“

Als Opa Sun fertig war, übergab ich mein Leben Jesus und wurde Christ. Es war ein heiliger Augenblick. Als wir gebetet hatten, zog Opa Sun eine Bibel hervor und legte sie mir auf den Schoß. Ich hatte noch nie eine Bibel gesehen, obwohl Bibeln damals noch nicht solch einen Seltenheitswert hatten wie später während der Kulturrevolution, als der Besitz einer Bibel verboten war.

Opa Sun erklärte, dass er mir diese Bibel schenken wollte. Ich musterte das Buch und verspürte eine plötzliche Freude. Jetzt hatte ich also meine eigene Bibel! Aber als ich dann anfing, sie zu lesen, war das nicht einfach. Viele Worte kannte ich nicht, und weil ich nur ein paar Jahre zur Schule gegangen war, war es mit meinem Lesen sowieso nicht sehr weit her. Ich konnte diese Bibel nur mithilfe eines Wörterbuchs lesen.

Opa Sun nahm die Bibel, schlug das 53. Kapitel im Propheten Jesaja auf und fing an, mir die Verse 2 bis 6 vorzulesen, die Jesus beschreiben. Dabei ersetzte er einige der Worte durch meinen Namen:

Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Da war keine Gestalt, die Zhang Rongliang gefallen hätte. Er war der von Zhang Rongliang Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass Zhang Rongliang das Angesicht vor ihm verbarg. Zhang Rongliang hat ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug Zhang Rongliangs Krankheit und lud auf sich seine Schmerzen. Zhang Rongliang aber hielt ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um Zhang Rongliangs Missetat willen verwundet und um Zhang Rongliangs Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass Zhang Rongliang Frieden hätte, und durch seine Wunden ist Zhang Rongliang geheilt. Zhang Rongliang ging in die Irre wie ein Schaf und sah nur auf seinen Weg. Aber der Herr warf alle Sünde Zhang Rongliangs auf ihn.

Als ich das hörte, musste ich weinen − weinen über meine Schuld und meine Sünde und darüber, was für einen hohen Preis Jesus gezahlt hatte, um meine Sünde wegzunehmen. An diesem Tag beschloss ich, Christus nachzufolgen. Wie Opa Sun mir damals diesen Bibelabschnitt vorlas, werde ich nie vergessen.

Auch meine ältere Schwester war Christin. Sie ging in eine Kirche und einmal nahm sie mich mit. Für mich als jungen Teenager aus einer nicht besonders christlichen Kultur war der Gottesdienst ein Buch mit sieben Siegeln. Das Einzige, woran ich mich noch erinnere, war das gemeinsame Gebet und wie meine Schwester mir zuflüsterte: „Zhang, wenn wir beten, musst du die Augen schließen.“ Ich wusste nicht, was das sollte. Würde da gleich etwas Geheimnisvolles, ja Gefährliches passieren, das man nicht sehen durfte? Ich wusste auch nicht, dass man nach dem Beten die Augen wieder öffnete.

Nach einer Weile sagten alle „Amen“. Was sollte das nun wieder? Ich hielt meine Augen vorsichtshalber fest geschlossen. Ich hielt sie noch geschlossen, als der Gottesdienst vorbei war und wir die Kirche wieder verließen. Ich hielt die Hand meiner Schwester fest und ließ mich von ihr führen. Erst auf dem Nachhauseweg merkte sie, dass meine Augen immer noch geschlossen waren. „Was ist mit dir?“, fragte sie. „Warum hast du die Augen zu?“

„Du hast mir doch gesagt, dass ich sie zumachen muss!“

„Das war doch nur für das Gebet. Jetzt beten wir nicht mehr, da kannst du die Augen wieder aufmachen!“

Ach so. Offenbar geschahen diese geheimnisvollen Dinge nur, wenn die Leute in der Kirche waren und beteten. Vielleicht waren sie auch ein bisschen abergläubisch? (Wie gesagt, damals kannte ich mich mit dem christlichen Glauben noch nicht besonders aus.)

Als ich Christ wurde, war ich noch Schüler und die deutlichste Veränderung in meinem Leben bestand darin, dass meine Noten gewaltig nach oben gingen. Ich konnte plötzlich viel besser lernen. Meine Lehrer verstanden die Welt nicht mehr; ich dankte Jesus und gab ihm alle Ehre.

Durch das, was ich in der Bibel las und von Opa Sun hörte, lernte ich die Kernbotschaft der Bibel kennen. Eines Tages vertraute auch meine Mutter ihr Leben Christus an. Jetzt waren wir beide gläubig. Es war natürlich kein sehr tiefer Glaube; wir hatten ein paar einfache Vorstellungen über Jesus und den Hunger, mehr zu lernen. Für meine Mutter war das Christsein besonders schwierig, denn sie war nie zur Schule gegangen und Analphabetin, sodass sie die Bibel nicht lesen konnte.

Im Frühjahr 1963, kurz nachdem wir beschlossen hatten, Jesus nachzufolgen, begann die Regierung mit einer Schuhverteilaktion an Bedürftige in unserem Bezirk. In unserer Familie besaßen wir keine Schuhe; meine Mutter und ich gingen barfuß. Jetzt fuhren Lastwagen der Regierung durch die Dörfer und boten den Menschen kostenlos Schuhe an. Nun ja, nicht ganz kostenlos, denn der Beschenkte musste zuvor erklären, dass er nichts mit Jesus Christus zu tun hatte.

Ich hatte von der Aktion gehört, und als meine Mutter mit Schuhen für uns nach Hause kam, fragte ich sie sofort, wo sie die Schuhe herhatte. Meine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich, als sie mir sagte, dass sie sie von einem Regierungs-Lkw bekommen hatte. Was also bedeutete, dass sie Jesus verleugnet hatte.

Ich fühlte mich furchtbar enttäuscht, ja verraten. Das kann ich schwer in Worte fassen. Die Regierung verlangte von den Empfängern der Schuhe ja nicht, dass sie sich ganz allgemein von der Religion distanzierten, sondern speziell dem christlichen Glauben absagten. Meine Mutter hatte öffentlich Jesus Christus verleugnet − das tat weh! Ich wurde richtig wütend. Wir kannten uns noch nicht sehr gut in der Bibel aus, aber das wussten wir: Als Christ hatte man Jesus offen vor den Menschen zu bezeugen. Ich begann, haltlos zu weinen.

Dann schrie ich: „Bring sie zurück! Bring sie sofort zurück, sonst geh ich nicht mehr zur Schule!“

Das wirkte. Meine Mutter wollte doch so sehr, dass ich zur Schule ging. Der Gedanke, dass ich Knall auf Fall damit aufhörte, war ihr unerträglich. Es war die einzige Drohung, mit der ich sie wirklich aufrütteln konnte.

Heute verstehe ich meine Mutter besser. Sie war eine alleinerziehende Mutter, die das Beste für ihre Kinder wollte. Wir brauchten Schuhe und sie fand, dass es in Ordnung war, wenn sie das Angebot der Regierung nutzte. Sie muss lange Schlange gestanden haben damals und sich mühsam einen Weg zu dem Lkw gebahnt haben, um an die Schuhe zu kommen. Es wird ihr nicht leichtgefallen sein. Aber damals fühlte ich mich von ihr im Stich gelassen. In meinen Augen hatte sie Jesus verraten – und damit auch mich. Es waren schwere Zeiten für uns damals und die Zukunft sollte nicht leichter werden.

Meine Mutter hat die Schuhe nicht behalten, sondern an die Regierung zurückgegeben.

Unser Kampf mit der Armut ging weiter. Meine Mutter war unerhört zäh. Jeden Tag hungerte sie und opferte – wie erwähnt – sogar ihr Haar, um für uns sorgen zu können. Sie war eine Barfußbäuerin, die jeden Tag neu darum kämpfte, dem Hungertod ein Schnippchen zu schlagen.

1963 heiratete sie ein zweites Mal und wir zogen in eine andere Stadt – Guaihe –, zu meinem Stiefvater. Der war arbeitslos, sodass unsere finanzielle Lage sich nicht groß änderte, aber dafür eröffnete das Leben in Guaihe andere Möglichkeiten, die wir vorher nicht gehabt hatten.

Es gab in dem Ort eine ganze Reihe Leute, die frei grasende Schafe hielten und Hirten für sie brauchten. Guaihe lag in den Bergen und unser neues Haus lag auf einer Bergkuppe. Es war die perfekte Schafweide und die Stadtbewohner machten mich zu einem der Hirten. Die Besitzer der Schafe hatten nicht genug Geld, um mich zu bezahlen, sodass sie mich mit Naturalien entlohnten – mit Schafen. Da wir so hoch auf dem Berg wohnten, kam kein Mensch auf die Idee, unsere Schafe zu stehlen. Aber dafür musste ich ständig auf der Hut vor Wölfen sein, die die Schafe reißen wollten.

Ich wurde ein richtiger Kenner meiner Schafe; ich lebte mit ihnen und schlief mit ihnen. Auch studierte ich die verschiedenen Grassorten und welche die Schafe mochten und welche nicht. Unser Haus war etwas erhöht gebaut, sodass unter dem Fußboden Platz für einen improvisierten Viehstall war, und so brachte ich die Schafe oft zu uns nach Hause.

Ich gab jedem Schaf einen eigenen Namen. Am Anfang kamen sie mir alle gleich vor, aber als ich sie dann kennenlernte, merkte ich, dass sie genauso unterschiedlich waren wie die Menschen. Jedes Tier hatte gleichsam seine eigene Persönlichkeit und war ein Original. Manche Schafe waren richtig ängstlich, andere energisch und mutig. Ein paar waren von der neugierigen Sorte und gingen auf Erkundungsgänge, weg von der Herde; andere waren vorsichtiger und verließen die Herde nie.

Ich entwickelte eine richtige Beziehung zu „meinen“ Schafen. Wenn sie krank waren, behandelte ich sie. Ich beschützte sie vor den Wölfen. Ich half ihnen zusammenzubleiben, damit keines sich verlief. Ich spürte auch ihre Angst und fühlte mit ihnen mit, wenn sie zum Schlachten gebracht wurden. Sie waren bald wie eine zweite Familie für mich.

Manchmal musste ich mich sogar als Schlichter betätigen, wenn es Konflikte zwischen den Schafen gab. Es waren meine ersten Lektionen in Sachen Konfliktmanagement. Sie sollten mir in meiner späteren Tätigkeit als Pastor sehr zugutekommen, ja meine ganzen Schäferjahre sollten sich als Schatz erweisen, während ich als Pastor und Leiter in Chinas Untergrundkirche tätig war.

3. Die Kulturrevolution

Der Juni 1966 war ein warmer Monat. Inzwischen hatte die berühmt-berüchtigte Kulturrevolution begonnen. Viele Menschen sehen bei dem Wort „Kulturrevolution“ vor allem die Massenparaden der Roten Garden und die fanatische Begeisterung für Mao Zedong vor ihrem inneren Auge. Sie wissen nicht, dass dies auch einer der brutalsten Bürgerkriege des 20. Jahrhunderts war. Heute spricht man in China nicht gerne über dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Nation, und die meisten Bücher, die es wagen, die Morde und Gräuel der Kulturrevolution zu erwähnen, kommen auf den Index.

Die Kulturrevolution war ein Projekt Maos, der jede Rückkehr Chinas zum Kapitalismus verhindern wollte. Er hatte den Eindruck, dass der Klassenkampf mit der Machtübernahme der Kommunisten 1949 nicht wirklich geendet, sondern nur neue, heimtückischere Formen angenommen hatte. Die reichen Grundbesitzer waren liquidiert, aber was war mit den neuen Klassen der Intellektuellen, die möglicherweise Reste „bürgerlicher“ Vorstellungen bewahrt hatten? Und so entfesselte Mao eine intensive Propagandakampagne, die die chinesische Jugend dazu aufrief, den „vier Alten“ den totalen Krieg zu erklären. Die „vier Alten“, das waren die alte Kultur, die alten Sitten, die alten Gewohnheiten und die alten Ideen, und dazu gehörten auch alle alten Religionen, vor allem jedoch das Christentum, wegen seiner historischen Verbindung zum Westen und seinen Werten.

Während der Kulturrevolution wurden Kirchen zerstört, Bibeln konfisziert und verbrannt und Pastoren, Prediger und andere Christen verhaftet und brutal verfolgt. Es war eine dunkle Zeit für die Kirche in China.

Die Verfolgungswelle erfasste auch Opa Sun, der als bekannter Christ in der Stadt zu einer Zielscheibe des Kampfes gegen das Alte wurde. Er hat viel für das Evangelium gelitten. Den heraufziehenden Sturm spürte er zeitig, und so schickte er eines Tages zwei Männer los, um mich zu ihm zu holen. Als ich bei ihm eintraf, reichte er mir seine Bibel. Der Blick in seinen Augen war dringend, seine Stimme gepresst. Irgendwie muss er gespürt haben, dass seine Tage gezählt waren und dass er das Ende des Sturmes nicht mehr erleben würde.