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Impressum

Herausgeber: Matthias Büchle, Dr. Michael Diener, Gottfried Heinzmann, Karsten Hüttmann, Wieland Müller
Redaktion: Klaus Jürgen Diehl (NT-Texte), Uwe Bertelmann (AT-Texte)

Quellennachweise
8. Februar:
Jörg Zink, Erfahrung mit Gott, © 2008 Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau, S. 124.
14. Februar: Helmut Gollwitzer, Die Freude Gottes, Burkhardthaus-Laetare, Gelnhausen, Berlin, Stein, 1979, S. 132. Die Rechtsnachfolger des Autors konnten leider nicht ausfindig gemacht werden. Für Hinweise ist der Verlag dankbar.
27. Mai: Hans Böhm, Gottes Wort ist nicht gebunden, Strophe 1.
Die Rechtsnachfolger des Texters konnten leider nicht ausfindig gemacht werden. Für Hinweise ist der Verlag dankbar.

Bibelleseplan: „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“, Caroline-Michaelis-Str. 1, 10115 Berlin.

Bibelübersetzungen folgen, wenn nicht anders vermerkt, der Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Auflage in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Weitere verwendete Übersetzung: NGÜ: Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen, © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.



© 2016 Brunnen Verlag Gießen und CVJM Gesamtverband in Deutschland e. V.

Umschlagfoto: shutterstock
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN Buch 978-3-7655-0647-5
ISBN E-Book 978-3-7655-7408-5

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

Vorwort 2017

Das Evangelium nach Lukas

Das dritte Buch Mose (Levitikus)

Der Brief des Paulus an die Kolosser

Der Prophet Joel

Die Apostelgeschichte des Lukas

Der Brief des Paulus an die Philipper

Das vierte Buch Mose (Numeri)

Der Prophet Hesekiel

Der erste und zweite Thessalonicherbrief

Der Prophet Sacharja

Der Prophet Maleachi

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 2017

Bibelstellen-Verzeichnis 2008–2017

Vorwort 2017

Liebe Leserinnen und Leser von Bibel für heute,

95 Thesen stellten vor 500 Jahren die Welt auf den Kopf oder besser gesagt: vom Kopf auf die Füße. Zurück zu den Quellen, das war damals die Devise – zurück zu der Quelle. Anders als die allermeisten seiner Zeitgenossen konnte Martin Luther die Bibel selbstständig studieren, durfte als Theologieprofessor sogar von Berufs wegen über dem Psalter und den Briefen des Paulus brüten. Und irgendwann erlebte er beim Studium von Römer 1,17 seine Sternstunde, seinen großen Durchbruch. Dabei ging es nur um die Bedeutung eines einzigen Wortes – Gerechtigkeit. Aber als er verstand, dass Gott Gerechtigkeit nicht fordert, sondern schenkt, da fand er, was er jahrelang gesucht hatte: einen gnädigen Gott. Im Rückblick schreibt er: „Da fühlte ich, dass ich ganz und gar neugeboren und durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten war. Ununterbrochen zeigte mir nun die ganze Heilige Schrift ein anderes Gesicht.“

Die Bibel selbstständig studieren – vor 500 Jahren das Privileg eines Theologieprofessors. Sie haben dieses Privileg in diesem Jahr jeden Tag! Auch in diesem Jahr haben über 50 Autoren aus verschiedenen kirchlichen Hintergründen über die Texte nachgedacht und geforscht und Schneisen in manches Dickicht geschlagen. Nun sind Sie eingeladen, selbst Ihren Weg mit den Texten zu gehen. Vielleicht erleben Sie dabei auch „Sternstunden“, in denen Ihnen Lichter aufgehen. Das muss gar nicht die ganz große, bahnbrechende Erkenntnis wie bei Luther sein. Vielleicht sind es kleine Aha-Momente, in denen Sie plötzlich einen Bibeltext mit neuen Augen lesen. Momente, in denen Sie getröstet und auch mal von Gott hinterfragt werden. Momente, in denen der gnädige Gott zu Ihnen spricht. Solche Momente wünschen wir Ihnen mit Bibel für heute 2017.

Klaus Jürgen Diehl (Redaktion der Auslegungen des NT)

Uwe Bertelmann (Redaktion der Auslegungen des AT)

Neujahr, 1. Januar

Psalm 104

Das neue Jahr beginnt mit einem Hymnus. Was uns auch erwarten mag: Der Lobpreis Gottes soll vor und über allem stehen: Lobe den HERRN, meine Seele.

Leiten soll unser Lob der Blick auf Gottes Schöpfung und auf ihn als Schöpfer. Wenn wir erschöpft sind, will uns Gottes Schöpfung ermutigen und seine Schöpfermacht neue Kraft schenken. Der die Welt so wunderbar ins Leben gerufen hat, wird sie – und damit uns – auch erhalten.

▷▷ Der Psalm ist kunstvoll als sog. Ringkomposition aufgebaut. Versuchen Sie, ihn zu gliedern und seinen kreisförmigen Aufbau nachzuvollziehen. Am besten beginnen Sie beim äußeren Kreis und vergleichen zuerst Anfang und Ende.

Anfang und Ende des als Ringkomposition gestalteten Psalms rufen zum Lobpreis auf (V 1.35). Ein erster innerer Kreis besingt Gottes Majestät – sein Königtum (V 1f) und seine Herrlichkeit (V 31f). Ein weiterer Kreis bezeugt Gottes Schöpfungshandeln – zunächst im Himmel (V 2b-4), dann auf der Erde (V 27-30). Die Psalmmitte malt uns die vielgestaltige Welt als Werk des Königsgottes vor Augen (V 5-26).

Einige beeindruckende Details:

> Was für ein Bild: V 3 besingt unseren Gott als Wolkenfahrer und die Wolken, die am Himmel dahinziehen, als seinen Fuhrpark. Haben Sie dahinziehende Wolken am Himmel schon einmal in dieser Funktion wahrgenommen?

> Die Urflut und ihre Wasser (V 6-9), die ein Bild für das vielfältige Chaos sind, werden von Gott in die Schranken gewiesen. Selbst die Finsternis oder der (drachenähnliche) Leviatan (V 20.26), beides häufig in der Bibel Metaphern für Bedrohung und Tod, werden positiv in die Schöpfung integriert. Als Schöpfer ist Gott auch der Herr über alles, was uns das Leben schwer machen will. Er gibt all jenem eine Grenze: bis hierher und nicht weiter.

> V 27: Gott gibt Speise zu seiner Zeit. Der schon die Tiere wunderbar versorgt, um wie viel mehr auch dich im neuen Jahr.

Das Evangelium nach Lukas

Lukas erklärt zu Beginn, wie es zum Entstehen seines Evangeliums gekommen ist. Er ist allen Berichten sorgfältig nachgegangen und hat das Gesammelte in eine gut verständliche Ordnung gebracht, damit die Leser im Glauben gewiss und für ihr Leben und Zeugnis als Christen gestärkt werden (1,1-4). Ein Ergebnis dieser intensiven Nachforschung ist, dass das Lukasevangelium zur Hälfte Texte enthält, die in den anderen Evangelien nicht vorkommen. In diesem sogenannten Sondergut zeigt sich nun besonders das Christuszeugnis des Lukas.

1. Jesus – der Heiland aller. An Jesus wird vor allem die suchende und bergende Liebe Gottes deutlich, die keinen verloren gibt. Euch ist heute der Heiland geboren (2,10f). Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen (3,6). Jesus wendet sich allen Gruppen der Gesellschaft zu. Nur hier besucht Jesus Pharisäer (7,36; 11,37; 14,1). Wie oft ist er mit den damals Verrufenen und Diskriminierten zusammen (Samariter, Zöllner, Dirnen u. a.).

2. Jesus – Gottes Besuch bei den Menschen. Jesus ist für Lukas der Gast, durch den Gott bei uns Menschen einkehrt und uns so Heil und Versöhnung bringt (19,9). Gott hat besucht und erlöst sein Volk (1,68.78; 7,16), um sie aus Finsternis und Schatten des Todes auf den Weg des Friedens zu führen (1,79f). Viele Texte zeigen, wie er an Verlorenen, Dirnen, Zöllnern, Frauen, Kindern, Hirten, Armen, dem Schächer am Kreuz handelt. An ihm wird ein leidenschaftlicher Gott sichtbar, der Verlorene sucht, das Kranke heilt, Schwaches stärkt (5,31f; 19,10).

3. Jesus – und die Würde der Frauen. Besondere Beachtung finden bei Lukas die Frauen. Jesus redet nicht über Gleichberechtigung oder gegen die Diskriminierung von Frauen, – er handelt. Er nimmt sie in seinen Jüngerkreis auf (8,1-3), unterrichtet gegen alle Tradition Maria, die Schwester der Martha, stellt sie den Jüngern gleich (10,38-42): Er erzählt in Gleichnissen vom vorbildlichen Verhalten von Frauen (15,8-10; 18,1-8).

4. Jesus – Hoffnung der Armen und Krise der Reichen. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen – so singt Maria im „Magnificat“ (1,52f). Er hat mich gesalbt, zu verkündigen das Evangelium den Armen – so Jesus in seiner Antrittspredigt in Nazareth (4,18). Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer … Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt (6,20.24). Nur Lukas erzählt die Gleichnisse vom reichen Kornbauern (12,16-21), vom armen Lazarus und reichen Mann (16,19-31). Nur er schildert, wie ein Kamel durchs Nadelöhr (18,25) kommt und ein Reicher scheitert, weil er seinen Besitz nicht mit den Armen teilen will (18,22).

Jesus – der Beter und der Garant der Gebetserhörung. Oft erwähnt Lukas, dass Jesus vor Begegnungen betet (3,21; 5,16; 6,12). Die Abhängigkeit von Gott und der Wunsch nach Übereinstimmung mit dem Vater werden so betont. – An Jesu Beten entsteht der Wunsch der Jünger, auch so beten zu können (Lk 11,1). Mit eindrücklichen Gleichnissen (11,5-8; 18,1-8) ermutigt Jesus zum Gebet. Er selbst ist der Garant dafür, dass Beten Sinn macht und nicht ohne Antwort bleibt.

Jesus – die Feindesliebe in Person. Nach Lukas hat Jesus seinen Todeskampf vor allem in Gethsemane und nicht so sehr am Kreuz ausgetragen (22,44). Hier findet er zu einem vollen Ja, zum stellvertretenden Sterben für uns. Deshalb ist er am Kreuz frei, für seine Feinde zu beten: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun (23,34); ist er offen für die Bitte des Schächers (23,42). Jesus lebt Feindesliebe (6,27); er stirbt für seine Feinde und fleht für sie bei Gott um Gnade.

Montag, 2. Januar

Lukas 3,1-6

Man stelle sich vor, die Tagesschau begänne so: Gipfeltreffen in Washington, Bundestagswahl in Deutschland – und das Wort Gottes kommt zu einem unbekannten Einsiedler in abgerissener Kleidung.

Genau so beginnt unser Text (V 1f). Das ist zum einen Ausdruck des historischen Anspruchs von Lukas (vgl. Kap. 1,1-4): Ein Datum wird angegeben, indem man die Regierenden der Zeit nennt. Was Lukas hier beschreibt, ist also weiterhin nicht Gleichnis oder Legende, sondern historisch belegte und einzuordnende Tatsache.

Zum anderen wird so der Kontrast umso deutlicher: Auf der einen Seite die politischen Herren, auf der anderen Seite der unscheinbare Mann Gottes. Doch was er anzukündigen hat, stellt die Macht der Mächtigen weit in den Schatten.

Das spüren auch die Menschen seiner Zeit und kommen in Scharen zu ihm (V 3). Seine Aussteiger-Existenz schreckt nicht ab, sondern macht neugierig: Wer so viel aufgibt wie Johannes, der hat wohl auch etwas zu sagen.

▷▷ Kennen Sie andere christliche „Aussteiger“, die große Ausstrahlung haben? Was können Sie von ihnen lernen?

Johannes, das ist der Sohn des Zacharias (V 2b). Schon seine Geburt war ebenso ein Wunder wie die von Jesus. Dass beide in Gottes Auftrag eng miteinander verbunden sein würden, war von Anfang an klar.

▷▷ Lesen Sie hierzu noch einmal Kap. 1,36-37.39-45.

Johannes predigt Umkehr und tauft, beides geschieht aber vorläufig, in Vorbereitung auf Jesus. Er sieht sich im Anschluss an die Botschaft des Jesaja (Jes 40,3-5) als Wegbereiter des Herrn. Wie Johannes wird auch Jesus die Menschen zur Umkehr rufen – allerdings zur Umkehr als Antwort auf das Reich Gottes, das mit ihm anbricht. Wer also heute, nach Johannes, noch wie Johannes predigen will, ohne Kreuz und Gnade, der hat das mit Jesus angebrochene Neue nicht begriffen.

Dienstag, 3. Januar

Lukas 3,7-14

Es gibt spannende Predigteinstiege, witzige, seriöse, langweilige – und seit Johannes auch unfreundliche. Und trotzdem hören ihm die Menschen zu. Woran liegt das?

Für Johannes steht fest: Gottes Gericht kommt (V 7). Für das AT ist das Gericht durchaus etwas, wonach sich Menschen sehnen. Denn es bedeutet, dass Gott Recht schafft:

▷▷ Lesen Sie hierzu Ps 26. Wie wird da vom Gericht gesprochen?

Johannes stellt nun klar: Gottes Gericht ist dennoch eine ernste und bedrängende Aussicht – weil niemand Gott gerecht wird. Es nützt jedenfalls nichts, sich auf die Zugehörigkeit zum Gottesvolk zu berufen (V 8). Mitgliedschaft allein macht nicht vor Gott gerecht. Das gilt auch für die Mitgliedschaft in der Kirche oder einem christlichen Verein.

Johannes’ Botschaft ist für seine Hörer an dieser Stelle (V 8) besonders ärgerlich, weil für sie der Status als Nachkommen Abrahams als letzte Rückversicherung galt, in jedem Fall auf der richtigen Seite zu stehen. Johannes provoziert sie mit der Bemerkung, Gott könnte sich jederzeit selbst aus Steinen neue Nachkommen suchen (V 8b).

Seine Zuhörer sind entgeistert und ehrlich ratlos (V 10). Johannes’ Antwort zielt auf einen radikalen Wandel des Lebensstils; sie ist sehr anspruchsvoll (V 11) und zugleich sehr praxisnah; keine gesellschaftliche Gruppe ist davon ausgenommen (V 13-14). Johannes schiebt die Schuld also nicht auf „das System“, „die Gesellschaft“, sondern zeigt: Auch mitten in diesem ungerechten System ist es euch möglich, anders zu leben. Ihr habt also keine Entschuldigung.

Johannes stellt fest, was Paulus später in Röm 1–3 darlegt: Von sich aus ist keiner vor Gott gerecht. Das müssen wir hören, doch dabei bleibt es nicht. Wie der Römerbrief weitergeht, so kommt auch nach Johannes noch – Jesus. Seine Botschaft der Vergebung wissen wir aber gerade dann richtig zu schätzen, wenn wir den Gerichtsernst von Johannes (V 7) zuvor an uns herangelassen haben.

Mittwoch, 4. Januar

Lukas 3,15-20

Ein Vorzeige-Christ ist einer, der von sich selbst wegzeigt. Genau das tut Johannes hier. Im entscheidenden Moment, in dem sich alle Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert, enttäuscht er alle Erwartungen. Es geht eben nicht um ihn, sondern um Jesus.

Dabei wäre es doch verständlich gewesen, nach all den Entbehrungen, die er für seinen Lebensstil in Kauf genommen hat, sich zumindest ein wenig in der gespannten Erwartung des Volkes zu sonnen, ob er selber nicht am Ende der Messias ist (V 15). Doch das kommt für ihn nicht infrage.

▷▷ Kennen Sie die Versuchung, sich durch den Einsatz für Jesus auch selbst ein ganz klein bisschen wichtig zu machen bzw. die Wertschätzung anderer zu genießen? Wie gehen Sie damit um?

Johannes tauft mit Wasser, Jesus mit dem Heiligen Geist und Feuer (V 16). Auch die Jünger von Jesus wundern sich ja darüber, dass Jesus nicht selbst mit Wasser tauft. Jesu Antwort hat zwei Teile:

> Jesus ist das Original; wer ihm begegnet, ist dadurch schon rein (vgl. Mk 1,45ff). Das ist, was hier mit Taufe mit dem Heiligen Geist gemeint ist: nicht eine besondere, zusätzliche Geisterfahrung über das Christwerden hinaus, sondern die unmittelbare Verbundenheit mit Jesus, in dem Gottes Geist wirkt.

> Jesu Jünger laden andere zu Jesus ein, durch die Predigt und dann auch durch die Taufe mit Wasser (Mt 28,18-20). Die ist dann aber keine reine Bußtaufe im Sinne des Johannes mehr, sondern verbindet Menschen mit Tod (Untertauchen) und Auferstehung (Auftauchen) von Jesus selbst. Erst so ist das Problem menschlicher Schuld gelöst.

Johannes kündigt das Gericht an, Jesus wird es vollziehen, dafür stehen die Bilder in V 17f. Gott der Richter ist also niemand anders als Jesus selbst – der Retter, der jedem Menschen Vergebung und Neuanfang anbietet.

Weil Johannes selbst Herodes gegenüber kein Blatt vor den Mund nimmt, wird er ins Gefängnis geworfen (V 19f).

Donnerstag, 5. Januar

Lukas 3,21-38

Wenn Jesus wichtiger ist als Johannes, warum lässt er sich dann von Johannes taufen? Und welche Funktion hat der (nicht ganz so unterhaltsame) Stammbaum von Jesus? Die Antwort auf beide Fragen ist dieselbe – siehe unten.

Lukas schweigt über Gründe für die Taufe Jesu. Für ihn ist wichtig, dass Gott dabei Jesus als seinen Sohn bestätigt (V 22). Dennoch kann man fragen: Wie passt es zu der Gottessohnschaft Jesu, sich einer Bußtaufe zu unterziehen?

▷▷ Lesen Sie hierzu Mt 3,13-15. Wie erklären Sie sich die Antwort von Jesus?

Die Kirchenväter hatten folgende Idee: Das Untertauchen Jesu deutet bereits auf seinen Tod und seine Auferstehung hin. Genauso wurde später auch die Taufe der Christen verstanden (siehe Röm 6,4). Das ist eine schöne Erklärung, für die es allerdings keine direkten Belege in den Evangelien selbst gibt.

Eine weitere Erklärung passt daher besser, weil sie auch in Mt 3 angedeutet wird (s. o.): Jesus stellt sich mit seiner Taufe bewusst auf die Stufe von uns sündigen Menschen, die Vergebung nötig haben. Nicht, weil er dies nötig hätte, sondern um ganz auf unsere Ebene zu kommen. Dieser Jesus wird ans Kreuz gehen, um stellvertretend für alle Menschen zu sterben. Deswegen gibt es nichts, was wir tun oder auch nur denken könnten, was diesen Jesus überfordert.

Dass Jesus, der Sohn Gottes, zugleich einer von uns ist, darum geht es auch in V 23-38. Am Ende wird Jesus hier bis auf Adam zurückgeführt, den von Gott geschaffenen Menschen schlechthin. Das funktioniert zwar nur, wenn man die väterliche Linie über Josef verfolgt, der nicht der leibliche Vater von Jesus war. Aber es macht dennoch deutlich: Jesus gehört ganz und gar in die Geschichte der Menschheit hinein; er hat Verwandte und Vorfahren – wie wir.

▷▷ Vergleichen Sie den Stammbaum, wie ihn Lukas überliefert, mit der Ahnentafel Jesu bei Matthäus (Mt 1,1-17). Worin bestehen entscheidende Unterschiede?

Freitag, 6. Januar

Lukas 4,1-13

Man kann’s ja mal versuchen – Verführung pur

Dreimal wird Jesus vom Durcheinanderbringer verführt – in der Wüste, kein Ort des Lebens, vierzig Tage ohne Nahrung – mehrfach hungrig, und doch von Gottes Geist erfüllt.

> Der erste Anlauf, das allzu menschliche Schema „Wenn –dann“, die Aufforderung, seinen Anspruch der Gottessohnschaft durch sein wirkmächtiges Tun zu beweisen. Ein raffiniertes Spiel: Der Mensch ist, was er tut. Nicht Worte und Vertrauen zählen, sondern Taten als Beweis. Richtig ist: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert!“ Aber falsch ist, den Wert eines anderen allein an seinen Taten zu bemessen. Kein Wunder, der vermeintliche Zwang sich selbst produzieren, zeigen zu müssen, was man kann. Ganz anders Jesus: Er setzt auf’s Wort allein – im wahrsten Sinn des Wortes (5Mose 8,3), indem er sich auf ein Schriftwort bezieht und dieses Schriftwort den Wert des Wortes unterstreicht.

> Der zweite Anlauf: Das Angebot unbegrenzter Macht. Welch eine Anmaßung des Durcheinanderwirblers – die Vortäuschung falscher Tatsachen, als ob ihm alle Macht gegeben sei (vgl. Mt 28,18). Verführerisch die vermessene Versuchung, sich selbst zum Maß aller Dinge aufzuschwingen, an dem alles zu messen ist. Auch hier kontert Jesus mit der Schrift (5Mose 6,13). Nicht zuletzt gilt hier das erste Gebot, das unter dem Vorzeichen der Freiheit steht: Eben nicht sein müssen wie (ein) Gott; nicht so tun müssen, als ob; nicht selbst bestimmen müssen, was gut und böse ist (1Mose 3,5).

> Der dritte Anlauf: Wieder das gewohnte Schema „Wenn –Dann“, diesmal jedoch verknüpft mit einem Bezug auf die Schrift (Ps 91,10f). Was sollte eigentlich dagegensprechen? Doch Jesus erkennt das falsche Spiel: Das Bibelzitat ist aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch völlig entstellt. Was als Vertrauensaussage gemeint ist, wird zur anmaßenden Sicherheit umfunktioniert: „Wenn – Dann“. Was für eine Verkehrung! Deshalb die klare Antwort Jesu (5Mose 6,16).

▷▷ Woran prüfen Sie, was in Gottes Augen richtig ist?

Samstag, 7. Januar

Lukas 4,14-21

Eine Lesung mit überraschender Auflösung

Wiederholt und konsequent nach dem begeisternden Taufgeschehen (Kap. 3,22) wird auf die Geistbegabung Jesu verwiesen – bewusst mit dem Hinweis auf Jes 61,1f.

> Bereits die Könige Israels wurden gesalbt und mit dieser Salbung die Gabe des Geistes und damit die besondere Bevollmächtigung des Gesalbten (Messias) verbunden.

> Die Könige Israels waren als Verwalter Gottes für Recht, Gerechtigkeit und Frieden verantwortlich, deshalb die besondere Legitimation durch Salbung und Geist-Zurüstung.

Doch geht die Ansage des erwarteten Gesalbten und Gesandten weiter als bei den Königen: Er wird zum Botschafter des Evangeliums und der Gnade Gottes, wie sie im Erlassjahr in Israel zeichenhaft deutlich wird (3Mose 28,10). Dieses Evangelium wirkt als Neuschöpfung durch das Wort, das nicht aufzuhalten ist. Menschliche Begrenzungen werden aufgehoben: Gefangenschaft, Blindheit und zermürbende Belastung.

Es sind attraktive Worte mit einem weiten Horizont, die Jesus in der Synagoge vorliest. Nichts trübt die Stimmung, solange alles in gewohnten Bahnen geht. Doch dann geschieht das überraschend Neue: Jesus identifiziert sich selbst mit dem von Jesaja verheißenen Gesandten. Er selbst, so seine Botschaft, ist der erwartete Gesalbte und Gesandte in der Tradition des Königshauses David. Heute, so die unerhörte Botschaft, nicht irgendwann. Erfüllt, nicht mehr nur verheißen. Alles andere als eine beifällige Bemerkung, die Beifall erheischt. Prophetenworte des erwarteten Propheten (5Mose 18,15). Der Hinweis darauf, dass Jesus mehr ist als ein sterblicher Mensch, mehr als ein Prediger und Wundertäter die Erfüllung der Liebe Gottes, die sich in die Hand des Menschen gibt, um Altes neu werden zu lassen. Freiheit eben (Gal 5,1) – allein durch Jesus Christus!

▷▷ Vergleichen Sie V 19 mit Jes 61,2. Was lässt Jesus aus der Verheißung des Jesaja weg – und warum wohl?

Sonntag, 8. Januar

Psalm 72

Ps 72 zählt zu den Königpsalmen. Mit ihm wurde für den König gebetet und zugleich über den Auftrag des Königs nachgedacht. Gliedern lässt sich der Psalm innerhalb eines Rahmens (V 1.18-20) in zwei parallel gestaltete Hauptteile (2-4.5-7; 12-14.15-17). Dazu kommt die herausragende Psalmmitte (8-11).

> V 2-4 und 12-14 beschreiben den König als soziale Instanz: Er soll Gerechtigkeit schaffen.

> V 5-7 und 15-17 sehen ihn geradezu verantwortlich für Israels Heil: Zu seinen Zeiten soll blühen die Gerechtigkeit. Bleibt die Frage: Wie soll ein Mensch das schaffen?

V 1 gibt uns einen Hinweis: Anstatt Politiker nur zu kritisieren, ist es unser Auftrag, für sie zu beten: Gott, gib dein Gericht dem König und deine Gerechtigkeit dem Königssohn.

▷▷ Lesen Sie dazu das neutestamentliche Gebot in 1Tim 2,1-4.

Im Verlauf der Geschichte wurde dennoch deutlich, dass kein König Israel oder gar aller Welt das Heil bringen konnte. Im Gegenteil: Allzu oft führten Israels Könige die Menschen von Gott weg und brachten großes Unheil über sie. Folgerichtig beendete Gott mit dem babylonischen Exil 589 v. Chr. das Königtum.

Seine Verheißung an David (2Sam 7,12ff), dass ihm ein ewiger Herrscher auf seinem Thron folgen sollte, erfüllte Gott in Jesus Christus.

Er ist – wie die Inschrift am Kreuz bezeugt (Joh 19,19f) – der König der Juden. Und indem Johannes betont, dass diese Inschrift in den drei damaligen Weltsprachen Hebräisch, Griechisch und Latein formuliert wurde, erklärt er ihn auch zum König der ganzen Welt.

Bei ihm finden wir, wovon Ps 72 nur träumen kann: Gerechtigkeit und Heil. Und dann wird wahr, was Psalm 72 in seiner universalen und geradezu messianischen Mitte schon bejubelt (V 8-11): Er soll herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Strom bis zu den Enden der Erde … Alle Könige sollen vor ihm niederfallen und alle Völker ihm dienen.

Montag, 9. Januar

Lukas 4,22-30

Unerwartet Wenn Vorstellungen den Blick verstellen

Gerade noch hui, im nächsten Augenblick schon pfui. So schnell kann sich der Wind drehen. Die anfängliche Bewunderung verkehrt sich schnell in Verwunderung und am Ende in zornige Ablehnung. Weshalb?

Die Bewunderer glauben nur, was vor Augen ist: Jesus – der Sohn Josefs. Wie kann es in menschlicher Logik auch anders sein? Und doch wollen sie (Wunder-)Zeichen sehen, wie sie in Kapernaum geschehen sind.

Sprichwörtlich geworden ist: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land (V 24). Und, ob die Menschen es merken oder nicht, sie werden zum lebendigen Beweis, dass dies so ist. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Eine Haltung, die nur die eigenen Vorstellungen und Maßstäbe gelten lässt, die eine andre Sicht verstellen – entgegen der Verheißung des Jesajazitats zuvor (Jes 61,1f). Damit aber erfüllt sich, das Heute im Vers zuvor. Denn Jesu Worte, Jesu Taten scheiden die Geister: Glaube oder Unglaube, Vertrauen oder Misstrauen, Umkehr oder Verkehrung. Was schon zu Zeiten Elias und Elisas der Fall war, wiederholt sich nun wieder – ein weiteres Zeichen: Jesus ist der verheißene Prophet (5Mose 18,15). Seine Worte sind Zeitansage, Ansage der neuen Zeit.

Handfest wird der Unglaube im versuchten Mord. Jesus soll aus der Welt geschafft werden, weil er eingespielten Vorstellungen über den verheißenen Messias widerspricht – ein weiteres Mal (vgl. Mt 2,13ff). Auch diesmal bleibt Jesus nur die Flucht – erneut unbeschadet. Erst mit Jesu Auferweckung hat das verkehrte Spiel des Menschen ein Ende. Scheint dieses Spiel mit dem Kreuzestod Jesu zum Erfolg zu führen – Jesus scheint endgültig beseitigt –, so zeigt seine Auferstehung der Verkehrung ihre Grenze auf: Gott steht zu seinem Sohn. Die Verkehrung ist als verkehrt entlarvt. Das Prophetenwort ist endgültig erfüllt – und das für immer.

▷▷ Wo haben Sie sich von falschen Gottesvorstellungen befreien lassen müssen?

Dienstag, 10. Januar

Lukas 4,31-37

Die volle Macht der Vollmacht Jesus ist der Herr!

Wieder lehrt Jesus am Sabbat in der Synagoge (vgl. V 15f) und unterstreicht damit seine Verbundenheit mit dem Gottesvolk Israel. Wieder trifft seine Lehre auf Verwunderung, diesmal mit Hinweis auf seine Vollmacht, die er schon wenig später unter Beweis stellt.

Ein von einem bösen Geist besessener Mensch ist in der Synagoge; ein Hinweis darauf, dass es das Böse zum Guten zieht und das Gute fasziniert. Und das Unglaubliche geschieht: Hatten die vermutlich frommen Zuhörer in Nazareth Jesus aus der Welt zu schaffen versucht (V 29f), bekennt der unreine (böse) Geist bei dieser Begegnung: Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! (V 34) – eine Aussage, die dem Petrusbekenntnis entspricht (Joh 6,69). Verkehrte Welt!

Erstaunlich, dass gerade Dämonen in Jesus ihren göttlichen Gegenspieler erkennen (vgl. V 41; Kap. 8,28) – und zugleich nicht erstaunlich, weil sie die ihnen überlegene Vollmacht Jesu zu spüren bekommen (vgl. schon V 6). Bereits in dieser Szene wird deutlich, wer der eigentliche Herr in dieser Welt ist. Der Böse wittert die Gefahr, endgültig überwunden zu werden (1Kor 15,55). Und so kommt es auch: Der vom Bösen in Besitz Genommene wird entsetzt, befreit – wieder ein Beweis: Jesus ist der erwartete Messias, auf dessen Ankündigung er sich berufen hat (Jes 61,1f). Dem Halt! des Bösen gebietet Jesus Einhalt. Er ist der Herr!

Die Begegnung mit dem Heiligen Gottes führt zu einer doppelten Reaktion: Staunen über die Größe und eindrückliche Vollmacht Jesu und Erschrecken über die Begegnung mit dem unvorstellbar großen Gott und seiner vom Menschen unterschiedenen Heiligkeit. Jede menschliche Anmaßung muss angesichts dieser Tatsache verstummen. Der Mensch darf sein, was er von der Schöpfung her ist: Mensch – geschaffen als Gottes Ebenbild. Welch eine Würde!

▷▷ Was bedeutet es konkret für Sie, dass Jesus der Herr ist?

Mittwoch, 11. Januar

Lukas 4,38-44

Überall gebraucht – der Heiland, der heil macht

Die Abfolge der Geschichte macht deutlich: Das Evangelium der Befreiung bleibt nicht in einem geschlossenen Kreis. Auf den Gottesdienst in der Synagoge folgt der Gottesdienst in der Welt (Röm 12,2). Der Überwindung des Bösen folgt die Heilung der Schwiegermutter Simons sowie weiterer Kranker, darunter wieder Menschen, deren sich das Böse bemächtigt hat. Wieder ereignet sich Erstaunliches. Wieder erkennen die bösen Geister, welche Vollmacht Jesus hat: Du bist der Sohn Gottes! (V 41). Und ausgerechnet sie wissen: Jesus ist der Christus, der Gesalbte – wieder eine Anspielung auf das Petrusbekenntnis (Mt 16,16).

Die Heilung erfolgt durch das bloße Wort Jesu – ein Hinweis darauf, dass seine Worte mehr sind als „Schall und Rauch“. So wie es schon von Gott am Anfang der Schöpfung heißt: Und Gott sprach … und es geschieht, so ist auch das Wort Jesu schöpferisch, neuschaffend und wirkmächtig.

Auch die Angabe der Tageszeiten ist kein bloßer Zufall: Mit dem Sonnenuntergang bricht die Zeit des unwägbaren Chaos an, mit dem Tag nimmt die Ordnung wieder ihren Lauf. Nicht von ungefähr wird es in Jesu Todesstunde finster und ereignet sich die Auferstehung an einem Morgen. Die Heilungstaten Jesu mitten im Chaos der Nacht machen bereits am Anfang seiner Wirksamkeit deutlich, dass die Finsternis der Nacht durch ihn endgültig überwunden ist (Jes 9,1).

Wen wundert’s, dass die Menschen Jesus bei sich behalten wollen. Doch weder lässt sich Jesus von Menschen in Besitz nehmen – es ist genau umgekehrt: Er nimmt Einzug in unser Leben und macht alles neu – noch ist Jesu Zuwendung exklusiv, sondern gilt allen Menschen. Das Evangelium soll Kreise ziehen. Die Sendung Jesu ist Vorbild für die Sendung all derer, die ihm vertrauen (Mt 28,19; Joh 20,21).

Jesus sucht nicht das Bad in der Menge, sondern die Stille. Denn alles Wirken kommt aus der Stille. Auf die richtige Balance von Tun und Lassen kommt es an.

Donnerstag, 12. Januar

Lukas 5,1-11

Aller guten Dinge sind drei: Wer hören kann, kann folgen

Ohne mit der Wimper zu zucken, ohne jeden Vorbehalt tut Simon, worum der Prediger ihn bittet. Der erste Auftrag – ein Kinderspiel: Jesus spricht vom Boot aus auf dem See zu den Menschen am Ufer. Der zweite Auftrag – eine ziemliche Herausforderung: Fischen mitten am helllichten Tag, ein unsinnig erscheinendes Unternehmen, ziehen Fische tagsüber doch die dunkle Tiefe vor. Der dritte Auftrag – schier unmöglich, unverständlich: Alles stehen und liegen lassen und „Menschenfischer“ werden. Statt selbst am Ruder des Fischerbootes zu stehen, soll er nun einem anderen folgen.

Und was tut Simon? Er horcht, gehorcht und folgt. Nicht mit wehenden Fahnen, als ob das alles für ihn selbstverständlich wäre. Nachfolge nicht aus Eigensinn, so eigensinnig sich der spätere Petrus noch geben wird. Sondern Nachfolge aus Einsicht, dass es eigentlich unmöglich ist, dem Ruf Jesu zum Menschenfischen zu folgen.

Ehrfürchtig bemerkt Petrus, dass er zu Jesus nicht recht passen will. Das Staunen über den übergroßen Fang paart sich mit der Ehrfurcht vor dem, dem das alles zu verdanken ist: dem ganz anderen, der alles menschliche Verstehen übersteigt. Die Größe Gottes sorgt für Bewunderung; sie macht aber auch bewusst, wie groß der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf ist. Erst recht aufgrund der Abkehr des Menschen von Gott aus der Anmaßung heraus, selbst sein zu wollen wie (ein) Gott.

Wer Menschen für Jesus fischen will, muss sein Herz an die Angel hängen.

Doch Gottes Zuwendung zu uns wendet alles zum Guten. Seine Hinkehr zu uns in Jesus verkehrt unsre Abkehr in Umkehr zu ihm. Eine Umsinnung sondergleichen. Und zugleich die Entdeckung des ehrenvollen Auftrags, sich denen zuzuwenden, die von Gott abgewandt sind. Damit wieder heil werden kann, was heillos geworden ist.

Freitag, 13. Januar

Lukas 5,12-16

Aussatz ist eine schlimme Infektionskrankheit. Im griechischen Text steht dafür das Wort lepra. Damals wurden aber nicht nur Lepra, sondern auch andere – meist ansteckende – Hautkrankheiten mit diesem Begriff bezeichnet.

„Aussatz“ wurde die Krankheit genannt, weil die Betroffenen wegen Ansteckungsgefahr „ausgesetzt“ wurden. Nach Jerusalem durften sie nicht mehr kommen. Vom Tempelgottesdienst waren sie ausgeschlossen. In Dörfern und kleinen Städten durften sie leben, allerdings in isolierten Bezirken.

▷▷ Gibt es eine solche Isolation heute auch bei uns (abgesehen von Quarantänestationen im Krankenhaus)? Wo leben Menschen abgesondert und einsam? Wie reagieren wir auf sie?

Der Kranke fällt vor Jesus nieder; sein Kopf berührt den Boden als Zeichen äußerer Unterwerfung. Die innere Hingabe drückt der Kranke mit Worten aus. Er äußert im Grund keine Bitte, sondern ein Bekenntnis. Er überlässt Jesus die Entscheidung – und überlässt ihm so sich und sein Leben.

Jesus hat keine Berührungsängste. Dass Lukas berichtet: er streckte die Hand aus (V 13) klingt wie ein Hohn gegenüber der Ansteckungsgefahr. Nun steckt Jesus den Kranken mit seiner Heilkraft an. Er rührte ihn andamit widersetzt sich Jesus den üblichen Reinheitsvorschriften. Er ist stärker als sie. Sei rein! befiehlt er. Der Aussatz weicht.

▷▷ Dass Jesus heute nicht jede Bitte um Genesung so erfüllt, macht manchen Kranken zu schaffen. Überlegen Sie aber auch: Wie oft haben Kranke schon um Heilung gebetet – und wurden gesund? Nehmen wir das zu selbstverständlich?

Jesus will nicht als „Wunderdoktor“ bekannt und verehrt werden. Darum soll der Geheilte schweigen. Diesen Befehl gibt Jesus nach Heilungen immer wieder (z. B. Mk 5,43). Nachfolge ist mehr als Applaus über Heilungswunder.

Wer vom Aussatz geheilt war, musste sich offiziell „gesund schreiben“ und in die Gemeinschaft hineinnehmen lassen.

Samstag, 14. Januar

Lukas 5,17-26

Eine faszinierende Geschichte, spannend für jede Kinderbibel, oft nachgespielt im Religionsunterricht, der erste christliche Krankentransport und damit eine Ur-Geschichte der Diakonie. Womit beginnt sie? Nicht mit der Aktion der Freunde, sondern damit, dass Jesus lehrt. Dazu sind Gelehrte sogar aus Jerusalem angereist. Das Haus ist überfüllt. Pharisäer und Schriftgelehrte werden hier zum ersten Mal im Lukasevangelium genannt – und schon kommt es zum Konflikt.

Einige Männer (Mk 2,3 erwähnt vier Träger) bringen ihren Freund. Den Gelähmten schleppen sie an. Als im Haus kein Durchkommen ist, hieven sie ihn nach oben aufs damals übliche Flachdach. Nicht halsbrecherisch, aber doch tabubrecherisch steigen sie hoch und graben das aus Erde, Steinen, Holz und Schilf erbaute Dach auf. Wie gut, dass der Kranke solche Freunde hatte. Jesus sieht deren Glauben!

▷▷ Wo geschieht das heute? Welche Menschen können wir zu Jesus bringen? Inwiefern ist diese Erzählung eine Ur-Geschichte der Diakonie? Und wo sind heute „Dächer“ zu erkennen, die es aufzubrechen gilt?

Jetzt erwarten die Leute, dass Jesus heilt. Doch Jesus sagt: Deine Sünden sind dir vergeben. Die theologisch Gelehrten protestieren. Sündenvergebung, so ihre Überzeugung, ist allein Sache Gottes. Wenn Jesus sich dies anmaßt, ist es in ihren Augen Gotteslästerung. Doch gerade hier liegt die Pointe der Geschichte: Die Freunde erwarten Heilung, aber Jesus bringt Heil. Der Kranke sieht auf seine Füße, aber Jesus sieht den ganzen Menschen. Die Leute erwarten Reparatur, aber Jesus macht neu. Natürlich will jeder Kranke wieder gesund werden. Darum dürfen wir beten. Aber Jesus will noch mehr schenken als einen gesunden Körper auf Zeit, der irgendwann doch altert und stirbt. Jesus will ein Heil-Sein vor Gott schenken, das die Perspektive der Ewigkeit öffnet.

Der Geheilte nimmt selbst sein Bett auf und trägt es hinaus. Manchmal muss man so mit seiner Vergangenheit umgehen.

Sonntag, 15. Januar

Psalm 4

Ps 4 gehört zu den Klageliedern des Einzelnen. Aufgrund seines Schlussverses wird er häufig als Abendgebet bezeichnet. Hier geht es aber um mehr: Menschen sollen in unterschiedlichsten Situationen zu neuem Gottvertrauen finden.

Die Klagepsalmen sind mehr als nur biografische Zeugnisse ihres Verfassers. Mit ihren offenen und trotzdem deutlichen Worten wollen sie für Menschen aller Zeiten und mit unterschiedlichsten Anliegen einen Sprachraum anbieten, um mit dessen Hilfe ihre je eigene Not vor Gott zu bringen.

Gleich V 2 zeigt uns beispielhaft, wie die Psalmen mit ihren Stilmitteln dieses Anliegen in die Tat umsetzen. Die Versmitte ist im Hebräischen im Perfekt formuliert: der du mich getröstest hast in Angst. Kraft dieser heilvollen Tatsachenerfahrung in der Mitte können im Rahmen zwei Aufforderungen (Imperative) die doppelte Bitte um Erhörung auf den Punkt bringen: In Erinnerung an Gottes frühere Hilfe dürfen wir auch jetzt Großes von Gott erwarten.

V 3a bringt die Not des Beters auf den Punkt. Er sieht sich seiner Ehre beraubt. Ehre meint im Hebräischen auch Gewicht – Gewicht zu haben mit seinen Worten, seinem Tun und als ganze Person. Schlimm, wenn jemand das Gefühl hat, in dieser Welt kein Gewicht mehr zu haben.

▷▷ Am kommenden Sonntag lesen wir Ps 3. Ein kleiner Blick auf V 4 lohnt sich jedoch schon heute: Er verrät uns, wodurch allein unser Leben Gewicht und Ehre bekommt.

In V 3b-6 wechselt der Blick. Jene werden angesprochen, die dem Beter gerade das Leben schwer machen. Wer seine Ehre und sein Gewicht bei Gott hat, kann getrost vor Menschen stehen und die Dinge beim Namen nennen.

V 7f: Wem Gott sein Angesicht leuchten lässt, der ist gesegnet. Mögen andere auch reich sein: Gott schenkt größere Freude.

Deshalb: Setzt euer Vertrauen auf den HERRN (V 6, NGU). Denn Vertrauen heißt (im Hebräischen dasselbe Wort in V 9) sicher zu wohnen.

Montag, 16. Januar

Lukas 5,27-32

▷▷ Das ist die vierte Erzählung in Lk 5. In allen vier Berichten geht es darum, wie Menschen „neu“ werden. Vergleichen Sie die vier Szenen miteinander.

Eben noch wurde Jesus mit dem Vorwurf der Gotteslästerung konfrontiert. Jetzt folgt ein weiterer Konflikt mit der geistlich-theologischen Elite des Landes, den Pharisäern und Schriftgelehrten, denn sie beobachten, mit welchen Gruppen sich Jesus nun einlässt. Das verwundert und ärgert sie. Mit Zöllnern und Sündern wollen sie nichts zu tun haben.

Warum Zöllner verachtet und in einem Atemzug mit Sündern genannt werden, hat seinen Grund: Sie arbeiten mit der römischen Besatzungsmacht zusammen. Diese verpachtet an den Grenzen Zollstationen (Kapernaum war Grenzstadt; nach Mk 2,1.13 hatte Levi dort seine Station). Die Zöllner müssen die Pacht erwirtschaften; was sie darüber hinaus einnehmen, gehört ihnen. Die Zusammenarbeit mit den Römern ist aber nicht nur moralisch bedenklich (Geldgier), auch nicht nur politisch anrüchig (Unterstützung der Besatzungsmacht), sondern auch religiös anstößig. Seit Alexander dem Großen brachten Griechen und Römer eine andere Kultur ins Land („Hellenismus“), eine andere Sprache, andere Götter. Das führte zu wachsendem Widerstand.

Jesus geht anders mit Zöllnern und Sündern um. Er lädt sie in die Gemeinschaft mit ihm und so auch mit Gott ein. Er geht würdigend mit ihnen um. Jesus zeigt hier, wie die Unterscheidung zwischen Person und Sache gelingen kann.

▷▷ Wie kann das für uns ein Vorbild sein? Wo sind die „Zöllner und Sünder“ heute zu finden? Vergleichen Sie damit den Umgang mit der Ehebrecherin in Joh 8,1-11.

Levi wird in Mt 9,9 Matthäus genannt; nach Mt 10,3 wird er einer der zwölf Jünger. Früher Überlieferung nach hat er das Matthäusevangelium verfasst. Er war in der Gemeinde als Sohn des Alphäus bekannt (Mk 2,14).

Dienstag, 17. Januar

Lukas 5,33-39

Jeder Jude, der ernsthaft fromm sein wollte, hielt Gebets- und Fastenzeiten ein. Auch die Schüler der Pharisäer und die des Täufers Johannes taten dies vorbildlich.

Jesus verteidigt seine Schüler/Jünger mit einem Vergleich: Die Zeit, die jetzt mit seinem Kommen begonnen hat, gleicht einer Hochzeit. Der Bräutigam ist gekommen. Das Fest beginnt. Da fastet niemand!

▷▷ Kennen Sie weitere Bibelstellen, an denen Jesus das Bild der Hochzeit gebraucht? Vgl. Mt 22 und Mt 25, auch Lk 12,36.

Jesus erklärt die Hoch-Zeit, die mit ihm beginnt, nicht mit einem theologischen Vortrag, sondern er malt Bilder vor Augen, Kurzgleichnisse: So sieht die neue Situation aus, nicht mehr die der Fastengebote, sondern die des Feierns. Die Bildworte wählt Jesus aus dem Alltag seiner Zuhörer. Schneider und Weinbauern wissen, was Jesus meint.

> Niemand zerschneidet ein neues Kleid nur deshalb, um mit einem Stück Stoff daraus ein altes Kleid zu flicken. Jesus bringt etwas Neues. Die neue Beziehung zu Gott ist kein Flickwerk, sondern neues Geschenk wie ein neues Kleid.

> Neuer Wein gehört nicht in alte, poröse Weinschläuche. Das wäre zu riskant. Die neue Freudenzeit, die mit ihm, dem Christus, beginnt, passt nicht in die alten „Schläuche“ pharisäischer Gesetzlichkeit. In Selbstrechtfertigung und Frömmigkeitsprahlerei geht die Freude an Gottes Gnade kaputt.

> Viele Kenner bevorzugen alten Wein. Er ist lange gereift und milder als der junge. Genauso ist es verständlich, dass viele an den lang gereiften Bahnen traditioneller Frömmigkeit festhalten. Aber Jesus empfiehlt den neuen, frischen „Wein“, den er mitbringt, lebt und verkündigt – auch mit dem Risiko, dass Christusnachfolge herber schmeckt und im Leben stärker gärt und beunruhigt als bisher gewohnt.

▷▷ In welcher Zeit leben wir? Zeit zum Fasten – oder zum Feiern? Oder beides? Vgl. V 35. Wann trinken Sie „neuen Wein“?

Mittwoch, 18. Januar

Lukas 6,1-11

Der Sabbat hatte und hat im Judentum eine sehr hohe Bedeutung. Wurde seine Heiligung schon in den Zehn Geboten ausführlich begründet, so wurde im Lauf der Zeit ein Geflecht von zahlreichen Bestimmungen darumgelegt.

Dabei war das ursprüngliche Ziel nicht, menschliche Freiheit einzuengen, sondern Zeit zu haben für Gott(esdienst). Die Bedeutung unseres Sonntags wäre ohne die des Sabbats nicht denkbar. Das Verheißungswort eines Rabbis war damals in Israel weit verbreitet: „Wenn einmal ein einziger Sabbat von allen streng eingehalten wird, dann kommt der Messias.“ Darum sahen gerade die Pharisäer eine zentrale Aufgabe darin, die Menschen zu einer strikten Befolgung des Sabbatgebots mit seinen vielen Einschränkungen und Verboten anzuhalten. Doch das führte zu einer Gesetzlichkeit, die den Sinn des Gebotes geradezu ins Gegenteil verkehrte. Das zeigen die Szenen:

> Es war erlaubt, auf einem Kornfeld Ähren für den persönlichen Bedarf zu pflücken (5Mose 23,26). Ist dies als „Erntearbeit“ am Sabbat verboten? Jesus argumentiert „biblisch“: Er verweist auf David: Er nahm die Schaubrote, die an jedem Sabbat neu in den Tempel gelegt wurden und die nur von Priestern gegessen werden durften. David übertrat dieses Gebot, aber niemand verklagte ihn deshalb.

▷▷ Sehen Sie 1Sam 21,1ff und 3Mose 24,5-9 an und suchen Sie in Lexika oder im Internet weitere Informationen über die Schaubrote. Lassen sich Parallelen zum Abendmahl erkennen?

> Heilen galt als eine Art von Arbeit und war am Sabbat nur in Notfällen zulässig (vgl. Lk 13,14).

Jesus bezeichnet sich in V 5 als Menschensohn, d. h. als den endzeitlichen Weltenrichter. Er ist heute schon Souverän über Gottes Schöpfung, damit auch über den Sabbat, über eine abgestorbene Hand und über die Auslegung der Gebote: Der Sabbat ist für den Menschen da und also auch ein Tag, an dem man anderen Gutes tun kann.

Donnerstag, 19. Januar

Lukas 6,12-16

Jesus ist im Land bekannt. Er hat das Reich Gottes angesagt. Er hat viele Kranke geheilt. Er hat wachsenden Widerstand erfahren. Und eine große Menge des Volkes (V 17) will ihn sehen und hören. Nun ist der Moment gekommen, seine Sendung zu vervielfachen. Das griechische Wort apostolos heißt Gesandter. Bei der Wahl der Zwölf ist interessant:

> Jesus durchwacht eine Nacht im Gebet. Von einer Befragung der Kandidaten oder Prüfung ihrer Qualifikation erfahren wir nichts. Jesus fragt seinen Vater im Himmel. Er prüft seine Entscheidung im Gebet.

▷▷ Was bedeutet dies für wichtige Entscheidungen in Ihrem Leben? Nüchterne Kriterien und nächtliche Gebete schließen sich keinesfalls aus. Kennen Sie durchnächtigte Gebete?

> Jesus geht auf einen Berg, um zu beten. Das erinnert an Mose, der auf den Berg Sinai steigen musste. Dort wurde der Bund zwischen Gott und dem Volk der zwölf Stämme geschlossen. Dass Jesus nun zwölf Jünger auswählt, ist kein Zufall, sondern das neutestamentliche Pendant zum auserwählten Volk des Alten Bundes. Offb 21,12-14 nennt sowohl die zwölf Stämme der Israeliten als auch die zwölf Apostel des Lammes (die 24 Ältesten in Offb 4,4 repräsentieren den Alten und Neuen Bund).

> Der Begriff Apostel bezeichnet damals einen bevollmächtigten Gesandten. In Apg 1,21f erfahren wir das wichtigste Kriterium bei der Nachwahl in den Apostelkreis: Er musste ein Augen- und Ohrenzeuge Jesu sein.

> Jesus wählt eine interessante Mischung von Männern – vom geachteten Simon Petrus bis zum Verleugner Judas, vom früheren Zöllner Matthäus als Kollaborateur der Römer bis zum Untergrundkämpfer gegen die Römer Simon. Mit ihnen baut Jesus seine Kirche; sie sind die Garanten dafür, dass das Evangelium, wie es Jesus predigt und lebt, mit dem Zeugnis von Jesu Tod und Auferweckung authentisch und einladend weitergegeben wird.