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Eric Wilson | Theresa Preston

OCTOBERBABY

Inspiriert von einer wahren Geschichte

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Originally published in the U.S.A. under the title October Baby

Titel der amerikanischen Originalausgabe: October Baby

Aus dem Englischen von Anna Schnabel

Bibelzitate folgen in der Regel der Übersetzung Hoffnung für alle®,

Weitere Bibelübersetzungen sind wie folgt gekennzeichnet:

Das Zitat auf S. 81 stammt aus: William Butler Yeats: Die Gedichte. Übersetzt

© der deutschen Ausgabe: 2013 Brunnen Verlag Gießen

Inhalt

Teil 1 - Die Zottenhaut

Kapitel 1 - Freie Entscheidung

Kapitel 2 - Verborgene Wünsche

Kapitel 3 - Unerwartete Gäste

Kapitel 4 - Eine unbestimmte Ahnung

Kapitel 5 - Herzensschwester

Kapitel 6 - Von ganzem Herzen

Teil 2 - Die Raupe

Kapitel 7 - Jemand

Kapitel 8 - Lampenfieber

Kapitel 9 - Die perfekte Besetzung

Kapitel 10 - Wehrlos

Kapitel 11 - Nur ein Mal fliegen

Kapitel 12 - Irgendwie nicht cool

Kapitel 13 - Fallen gelassen

Kapitel 14 - Unausgesprochenes

Kapitel 15 - Betrogen

Kapitel 16 - Offenbarungen

Kapitel 17 - Grenzen

Kapitel 18 - Andere Fälle

Kapitel 19 - Eingeklemmt

Kapitel 20 - Ein tierischer Plan

Kapitel 21 - Vernünftig

Kapitel 22 - Zwischen den Fronten

Kapitel 23 - Sturmwarnung

Kapitel 24 - Auf Tour

Kapitel 25 - Die Stimme eines Mädchens

Kapitel 26 - Gestrandet

Kapitel 27 - Eine tiefe Wunde

Kapitel 28 - Eigene Pläne

Kapitel 29 - Isoliert

Kapitel 30 - Gedanken lesen

Kapitel 31 - Keinen Anschein

Kapitel 32 - Ein guter Stoß

Kapitel 33 - Identische Unterschriften

Kapitel 34 - Hier bist du richtig

Teil 3 - Die Puppe

Kapitel 35 - Das Leben noch vor sich

Kapitel 36 - Immer bei mir

Kapitel 37 - Ein Puzzlestück

Kapitel 38 - Eine Familie

Kapitel 39 - Halt dich da raus

Kapitel 40 - Zeit zum Nachdenken

Kapitel 41 - Flügel ausbreiten

Kapitel 42 - Zwillinge

Teil 4 - Die Vollendung

Kapitel 43 - Offene Hände

Kapitel 44 - Bereit zu fliegen

Kapitel 45 - Vergebung

Kapitel 46 - Zum Leuchtturm

Kapitel 47 - Geheimnisvoll

Kapitel 48 - Mehr als Freunde

Kapitel 49 - Keine Geheimnisse

Kapitel 50 - Der Sprung

Wie der Film OctoberBaby entstand – Eindrücke von Theresa Preston

Bei der Arbeit

Ein neuer Anfang

Gewidmet den Kindern Gottes, den geborenen und ungeborenen, die alle verwoben sind durch Seine Bestimmung, die unser Verstehen übersteigt.

Teil 1

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Die Zottenhaut

Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich dir dennoch nicht verborgen. Als ich gerade erst entstand, hast du mich schon gesehen.

Psalm 139,15-16

Kapitel 1

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Freie Entscheidung

Mobile, US-Bundesstaat Alabama – Oktober 1991

Schwester Mary Rutledge wusste, dass sie die Ereignisse der letzten Tage nie in ihrem Leben vergessen würde – selbst wenn sie wollte. Niemals.

Wie üblich war sie letzten Freitag in die Klinik gegangen, in der sie arbeitete. Es war kein besonders ansehnliches Gebäude und mitten ins Zentrum der Hafenstadt Mobile geklemmt. Sie traf dort auf Patientinnen, die zum Teil unangemeldet kamen, zum Teil einen Termin hatten, und bereitete sie für den Eingriff vor. In der Hauptsache aber hörte sie ihnen einfach nur zu. An einem Ort wie diesem schien das sehr viel wichtiger zu sein, als sich den Mund mit guten Ratschlägen fusselig zu reden.

Die meisten der Frauen oder Mädchen, die hierherkamen, schleppten sich durch die Tür, als wüssten sie nicht, wo sie sonst hingehen sollten. Vielleicht hatte ihr Freund sie hergebracht, vielleicht jemand aus der Familie. Vielleicht waren sie mit dem Taxi gekommen oder mit dem Bus.

Doch das Wie war nicht wichtig für Schwester Mary.

Nein, auf das Wer und Warum kam es an.

Sie nahm die jungen Frauen in Empfang und hielt ihnen die Hand. Manche luden ihre Geheimnisse und Ängste bei ihr ab; andere fanden nur die Sprache der niedergeschlagenen Augen und leisen Seufzer. Manche bissen einfach die Zähne zusammen, als sei das alles keine große Sache; anderen zuckten die Lippen beim Versuch, sich zu überzeugen, dass sie das Richtige taten.

Sicher, der Körper einer Frau gehörte nur ihr allein, und sie konnte damit tun, was sie wollte. Ja, jede dieser Frauen und Mädchen konnte selbst entscheiden.

Auf der anderen Seite: Deckte man die Wirklichkeit nicht mit einer Art Zuckerguss zu, wenn man die Dinge so vereinfachte?

Wie man es auch drehte: Sie alle hatten furchtbare Angst. Sie wurden von Eltern, den Umständen oder eigenen Hoffnungen und Träumen unter Druck gesetzt und hatten das Gefühl, keine Wahl zu haben. Ob hellhäutig oder noch dunkler als Mary selbst – in dieser Situation waren alle gleich. Manche waren selbst noch Kinder, auf keinen Fall dazu imstande, eigene Babys großzuziehen.

Am Nachmittag, zwischen zwei Behandlungen, öffnete sich Schwester Mary eine Dose Diätcola und lehnte sich an den Türrahmen eines leeren OP-Saals. Sie schlüpfte aus einem Schuh und rieb die Sohle des einen Fußes am Spann des anderen.

„Wo bleibt unser nächster Termin?“ Die Stimme des Doktors ließ sie hochschrecken.

Im Umdrehen schluckte sie rasch den Mundvoll Cola herunter. „Weiß nicht, Herr Doktor.“

„Dann halten Sie sich mal ran. Gehen Sie zu Josephine und schauen Sie nach, was los ist.“

Während Mary ihre Zehen eilig zurück in den Schuh zwängte, sah sie am Ende des Ganges ihren Termin von eben durch den Seiteneingang hinausschlüpfen. Der Kopf des Mädchens war gesenkt, braunes Haar fiel ihr ins Gesicht. Porter? Ja, das war ihr Nachname. Kaum achtzehn Jahre alt. Die Türen schlossen sich automatisch hinter ihr.

Mary sagte sich, dass sie sich später über das Mädchen Gedanken machen würde, und hastete hinüber zur Rezeption, wo sie Josephines Blick auffing. „Hat sich jemand gemeldet?“

„Es ist schon Viertel nach drei“, zuckte die ältere Kollegin mit den Achseln, „und noch immer kein Piep.“

„Der Doktor wird langsam unruhig.“

„Lass ihn bloß noch nicht abhauen, Liebes. Ich arbeite seit sechs Jahren mit dem Kerl zusammen, und ich sage dir, der ist mit den Gedanken schon auf dem Golfplatz, bevor sein Körper überhaupt dort ankommt.“

Mary brauchte diesen Job, und so etwas zu hören, bereitete ihr Unbehagen. Es war nicht nur respektlos, sondern rührte auch unausgesprochene Zweifel auf, die sie selbst an der Arbeitsmoral des Doktors hegte. Er war dafür bekannt, bestimmte Sicherheitsstandards einfach zu übergehen, und wenn er gelegentlich danach gefragt wurde, schob er die Schuld auf seine Mitarbeiter.

Josephine stand von ihrem Stuhl auf. „Es macht dir nichts aus, oder?“

„Äh, entschuldige … Was hast du gerade gefragt?“

„Ob du das Telefon übernimmst. Ich warte schon seit einer Stunde darauf, auf die Toilette gehen zu können.“

„Oh, warum hast du denn nichts gesagt? Na los, geh schon, Josephine. Geh.“

Die Empfangsdame eilte davon. Der Zeiger der Wanduhr tickte vorwärts. 15.18 Uhr. Weniger als zwei Stunden bis zum Feierabend. Wenn sie heute nach Hause kam, würde Mary ihre müden Füße mit etwas Sheabutter massieren.

Das Telefon am Empfang klingelte.

Sie blickte den Flur hinunter. Keine Spur von Josephine. Mary war in der Klinik schon einige Male ans Telefon gegangen, aber eigentlich vermied sie es lieber. Obwohl sie examinierte Krankenschwester war, fürchtete sie sich davor, am Telefon unbeholfen zu wirken.

Es klingelte noch einmal.

Sie setzte sich auf den Empfangsstuhl, schloss die Augen und hob ab. „Owens-Klinik. Ähm, guten Tag. Wie kann ich …?“

„Was soll bittschön gut daran sein, häh? Sagen Sie mir das mal.“

Mary zuckte zusammen. „Wie bitte?“

„Ich habe Ihre Klinik beobachtet“, raunte eine männliche Stimme. „Ich weiß genau, was da bei Ihnen vor sich geht!“

Der Mann fuhr fort, in einem leisen, spitzen Ton Worte ins Telefon zu zischen wie ein Folterknecht seinem Opfer Gift in die Kehle träufelt. Seine Wut, seine schäbigen Flüche wühlten Schwester Marys Brust auf. Sicher, sie war eine gute Zuhörerin. Aber das? Wie zum Schutz schlang sie ihre Arme fest um sich.

Ohne das Ende der wüsten Drohungen abzuwarten, legte sie schließlich auf.

„Unser Drei-Uhr-Termin?“, fragte Josephine, als sie zurückkam. „War sie das?“

„Polizei …“

„Die Polizei hat angerufen?“

„Nein.“ Zitternd stand Mary auf. „Wir müssen sie rufen, und zwar sofort.“

„Liebes, was ist los mit dir?“

Mary hastete zum vorderen Fenster und ließ die Jalousien herunter, um die Herbstsonne auszusperren. „Er hat gesagt, dass er eine Bombe werfen wird, eine Bombe auf dieses Haus und alle, die drin sind.“

Sie wusste, dass solche Dinge schon geschehen waren, und der Mann hatte nicht geklungen, als würde er Witze machen.

„Der Anruf eben?“

„Er meinte es ernst“, erwiderte sie mit brüchiger Stimme. „Er hat gesagt, dass er uns beobachtet.“

Der Doktor kam dazu. „Eine Absage?“, fragte er.

Josephine ignorierte seine Bemerkung und nahm das Telefon ans Ohr. Mit der freien Hand winkte sie Mary zu. „Schließ die Vordertür ab, ja?“ Dann sprach sie in den Hörer: „Polizei? Ja, wir würden gern eine Bombendrohung hier in der Owens-Klinik melden … Richtig … Ja, genau die.“

An der Tür schob Mary den Riegel vor und warf einen Blick durch das Glas.

„Super“, sagte der Doktor. „Wieder so ein Scherzkeks, was?“

Josephine war noch immer am Telefon. „Wie lange, haben Sie gesagt? Na ja, wir sind hier drin, haben die Jalousien heruntergelassen und beide Türen verriegelt … Nein, nein, wir gehen nirgendwohin.“

„Ganz genau“, murmelte Mary. „Nirgendwohin, auf keinen Fall.“

Zwanzig Minuten später gab sie bei Officer Dodd ihre Aussage zu Protokoll.

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Am Samstagmorgen öffnete die Klinik wieder ihre Türen, und die tägliche Routine ging ihren gewohnten Gang. Die Polizei nahm ein paar Verdächtige unter Beobachtung und hatte zugesichert, in der Umgebung vermehrt Streife zu fahren. Im Gegenzug versprach der Doktor, sofort auf der Wache Bescheid zu geben, wenn ihnen etwas ungewöhnlich erscheinen sollte.

Für Schwester Mary war das nur ein dürftiger Trost. Sie hatte in der Innenstadt eine hübsche Wohnung und ging normalerweise zu Fuß zur Arbeit, um sich etwas zu bewegen und an die frische Luft zu kommen.

Nicht heute. Nein. Stattdessen hatte sie ihren Bruder angerufen.

Während sie an ihrer Wohnungstür wartete, bündelte sie ihr Haar in einen festen Knoten und versuchte die hasserfüllten Worte zu verdrängen, die seit dem Vortag in ihrem Kopf widerhallten. Lieber lenkte sie ihre Gedanken auf den schmallippigen Officer Dodd, der als Erster in der Klinik eingetroffen war. Er war, das hatte er selbst zugegeben, neu bei der Polizei, frisch verheiratet und noch nicht lange in der Gegend, aber er hatte freundliche Augen, die schon sehr viel halfen, dass alles etwas besser aussah.

Als Mary das sanfte Schnurren des Nissan hörte, den ihr Bruder fuhr, schlüpfte sie in ihre weißen Schwesternschuhe und eilte die Stufen hinunter. Ihr Bruder musterte sie hinter seiner dunklen Sonnenbrille, deren Bügel straff um seinen schwarzen, schönen Kopf lagen. DeSean Rutledge war ein abgebrühter Strafverteidiger, ein körperlich wie intellektuell einschüchternder Mann. Ohne Zwischenfälle lieferte er sie an der Klinik ab.

„Ich habe um fünf Feierabend, DeSean. Könntest du ungefähr um zehn nach hier sein? Ich halte dann an der Tür nach dir Ausschau.“

„Kein Problem.“ Er hob das Kinn. „Und ruf mich einfach im Büro an, wenn etwas ist.“

Obwohl die Vormittagsstunden nur langsam vorbeigekrochen waren, atmete Mary nach der Mittagspause erleichtert auf. Es hatte keine weiteren Bombendrohungen oder aggressiven Anrufe gegeben und sah wider Erwarten nach einem ruhigen Tag aus – geschmeidig wie der dickflüssige Sirup ihrer Großmutter.

„Wir haben Laufkundschaft“, rief Josephine.

Mary, die eben noch eine Patientin im OP vorbereitet hatte, wusch sich rasch die Hände und streckte dann ihren Kopf in den Empfangsraum. Josephine war gerade dabei, die Tür für Ms Porter aufzuschließen, die mit erschrocken aufgerissenen Augen hereinkam. Es war das Mädchen, das gestern durch den Seiteneingang hinausgeschlüpft war – einer dieser Teenies, die von hinten ganz normal aussehen und von denen man auch von vorn nie vermuten würde, dass sie in der 24. Woche waren.

Waren. Vergangenheit.

Gestern hatte dieses Mädchen den Eingriff hinter sich gebracht. Warum biss sie dann jetzt noch die Zähne zusammen und hielt sich den Bauch, als müsste sie die Hälften einer sonnengereiften Melone zusammenhalten? Marys Knie wurden weich, als sie das Mädchen in diesem Zustand sah, und sie stützte sich an der Wand ab. Es verhieß nie etwas Gutes, wenn eine Mutter nach der Abtreibung so schnell wiederkam. In diesem Moment wusste die Schwester, dass auch ihre eigene Welt bald ins Wanken geraten würde. Sie hatte keine Ahnung, wie sie darauf kam. Wahrscheinlich ein weiblicher Instinkt. Irgendetwas tief in ihrer Seele.

„Wie geht es Ihnen, Kleines? Was können wir für Sie tun?“, fragte Josephine.

„Mir geht’s gut“, sagte das Mädchen.

„Sie sehen furchtbar blass aus.“

„Bitte, ich … Bitte sagen Sie dem Doktor, dass ich hier bin. Ich will … Ich möchte, dass er den Eingriff zu Ende führt.“

„Ms Porter, nicht? Sie sind ja ganz außer Atem!“

„Nein, ich bin … mir geht’s gut“, keuchte die junge Frau. Dann brach sie zusammen.

Eilig lief Mary auf das Mädchen zu, das nun zusammengerollt auf dem Teppich lag, stöhnte und seine Arme um seinen Bauch presste.

Keine Krankenschwester hätte das Offensichtliche ignorieren können. Mary verlor vielleicht ihren Job, wenn sie jetzt tat, was getan werden musste, aber es ging in diesem Augenblick darum, das Richtige zu tun. Sie war auch eine Frau, die Entscheidungen treffen konnte, und soweit sie sah, musste dieses junge Mädchen ins Krankenhaus. Und zwar schnell.

Sie griff nach dem Telefon auf der Empfangstheke und begann zu wählen.

„Was machst du da?“, fragte Josephine.

„DeSean, bist du’s? Bitte stell keine Fragen. Ich brauche dich jetzt schon hier. Schnell“, rief sie in den Hörer und legte wieder auf.

„Wer ist DeSean?“

„Mein Weg hier raus. Und Ms Porters ebenfalls.“ Sie kniete sich neben das Mädchen, drehte es behutsam auf den Rücken und legte seine Füße auf ein Kissen, das sie sich von der Empfangscouch geschnappt hatte.

„Wo willst du sie denn hinbringen?“, fragte Josephine spitz.

„Schau sie dir doch mal an. Das arme Ding, sie hat Wehen.“

„Das beantwortet nicht meine Frage, oder?“

„Sie muss ins Krankenhaus. Scheint mir das einzig Richtige zu sein.“

Um 13.45 Uhr wurden eine dreiundzwanzigjährige Krankenschwester und ein schwangerer Teenager in einem weißen Nissan im Eiltempo ins Städtische Krankenhaus von Mobile gebracht. Unerwartet? Das war das Ganze sicher. Es passierte bestimmt nicht jeden Tag, dass Schwester Mary Rutledge, Angestellte einer Abtreibungsklinik, einer ihrer Patientinnen dabei half, ein Baby auf die Welt zu bringen.

Ein lebendes, atmendes Oktoberbaby.

Kapitel 2

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Verborgene Wünsche

Wilmington, US-Bundesstaat North Carolina – Oktober 2003

„Na los, Hannah.“ Grace Lawson zündete die letzte der zwölf Kerzen auf dem Schokoladenkuchen an, der mit Himbeeren gefüllt war. „Wünsch dir was.“

Hannah, die in Jeansshorts auf der Bank kniete, lächelte ihre Mutter an. Sie musste keine zwei Sekunden nachdenken. Längst wusste sie, was sie sich wünschen wollte.

An diesem besonderen Morgen hatte sie den Rasierer ihrer Mutter in die Dusche geschmuggelt und sich zum ersten Mal die Achseln rasiert. Jetzt, da sie praktisch erwachsen war, musste sie in jeder Hinsicht nach vorn schauen. Ihr Vater sagte, man solle sich Ziele setzen, um seine Träume zu verwirklichen. Es gab so vieles, worüber man nachdenken musste. Wo würde sie aufs College gehen? Was für ein Junge würde ihr Freund sein? Welchen Beruf würde sie lernen?

Aber es gab auch näherliegende Entscheidungen wie: Welchen Film würde sie heute bei der Übernachtungsparty mit ihren Freundinnen ansehen? Ferien unter Palmen mit den Olsen-Schwestern? Oder Nur mit Dir?

Ach, das war leicht zu entscheiden.

Als Hannah sich vorsichtig nach vorn lehnte, fiel ihr kastanienbraunes Haar über ihre Schultern.

„Pass auf, Süße“, sagte Grace und strich ihrer Tochter die lange Mähne zurück.

„Es passiert schon nichts“, sagte Jacob Lawson. „Lass sie die Kerzen ausblasen.“

„Papa, du hast doch nicht eine von diesen Zauberkerzen dazwischengeschmuggelt, oder?“

„Ich hab’s versucht, aber deine Mutter hat gesagt, dass du jetzt zu alt dafür bist.“

„Das stimmt doch gar nicht.“ Grace verpasste ihm einen leichten Stoß in die Rippen. „Es ist nur wegen ihres Asthmas. Hannah muss sich nicht die Seele aus dem Leib blasen, um einen kleinen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen.“

„Dir ist schon klar, dass diese ganze Wünscherei nur Hokuspokus ist, oder?“, sagte ihr Vater.

Hannah und ihre Mutter warfen sich einen genervten Blick zu. Klar, Männer wussten alles Mögliche darüber, wie man sich Ziele setzte und Pläne machte; aber es gab andere Dinge, die sie anscheinend überhaupt nicht kapierten. Manchmal waren detaillierte Pläne ganz und gar nicht verlässlicher als ein einziger, inniger Wunsch.

„Na los“, sagte er. „Der Kuchen ruft schon nach mir.“

„Okay, Papa, okay.“

Als Hannah die Augen schloss, tanzte der Schein der Kerzen auf ihren Augenlidern. Der Wind trug Blütenduft zu ihr herüber, das Aroma von Salz aus dem nahen Atlantik und einen Hauch Aftershave von ihrem besten Freund Jason, der auf der anderen Seite des Tisches stand. Er hatte vor sechs Monaten an seinem eigenen zwölften Geburtstag angefangen, es zu benutzen – als sei er schon alt genug, sich zu rasieren. Natürlich musste sie gar nicht hinüberschauen, um sein weiches Gesicht zu sehen. Sie wusste genau, wie er aussah.

Jason Bradley, mit seinen großen Augen und den gewellten Haaren. Er war so …

„Komm schon“, sagte Jason, „wenn du sie jetzt nicht ausbläst, dann tu ich’s für dich.“

… so nervig!

Ein Grinsen machte sich auf ihren Lippen breit, die von dem neuen pinken Lipgloss glänzten. Ihre Eltern hatten ihr erlaubt, sich ab jetzt ein bisschen zu schminken – aber nur, wenn sie das Ergebnis überprüfen durften, bevor sie das Haus verließ.

Hannah holte tief Luft und blies die Kerzen aus. Scharfer Rauch stieg ihr in die Nase und brachte sie fast zum Niesen. Sie lehnte sich zurück und öffnete die Augen. Die Geburtstagsgäste rund um den Tisch klatschten.

Ja. Sie hatte alle Kerzen mit einem Mal ausgeblasen. Hieß das nicht, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen würde? Gott erhörte die Gebete zwölfjähriger Mädchen, oder etwa nicht?

„Dürfen wir die Kerzen ablecken?“, fragte Jason und streckte die Hand danach aus.

Hannah rückte einen Träger ihres Tops zurecht. „Wir sind doch keine kleinen Kinder mehr.“

„Na und?“

„Na und? Siehst du das etwa die Erwachsenen machen?“

Jacob pflückte eine Kerze aus dem Guss und naschte die Kuchenreste davon ab.

„Siehst du“, sagte Jason. „Deinem Vater ist das nicht peinlich. Oder, Dr. Lawson?“

„Überhaupt nicht.“

Hannah zuckte die Achseln. „Weil Jungs keine Manieren haben.“

„Und Mädchen keinen Spaß“, sagte Jason.

„Jeder darf sich eine Kerze schnappen, bevor ich den Kuchen anschneide“, verkündete Hannahs Mutter. Mit dem Finger in der Luft zählte sie die Personen um den Tisch herum ab. „Eigentlich müssten genug für alle da sein. Ich will keine, ich bin kein großer Fan von Himbeeren mit Schokolade.“

Hannahs Großvater, ihre Tante und ihr Onkel, ihre Eltern, Jason und ihre sechs Freundinnen griffen schnell zu, genossen den üppigen Schokoguss und wischten sich Kuchenkrümel von den Lippen. Die Sonne stand am westlichen Horizont wie ein orangener Ball aus Feuer. Sie loderte durch die Zweige eines Myrtenstrauchs und strahlte ein Chamäleon an, das gerade die Rinde hinaufkroch und dabei scharlachrote Taschen unter seinem Kinn hervorschob.

„Was hast du dir gewünscht?“, fragte Danielle. Sie war Hannahs neueste Freundin aus der Jugendgruppe ihrer Gemeinde – ein großes, dünnes Mädchen mit gestylten Haaren, die ihre hohen Wangenknochen und ernsten Augen hervorhoben.

„Verrate ich nicht“, sagte Hannah. „Ist ein Geheimnis.“

„Lass mich raten. Eine Million Dollar?“

Hannah schüttelte den Kopf.

„Dieses Jahr nur Einsen?“

„Hört sich eher an wie ein Wunsch von Mama und Papa.“

„Dass du Model wirst?“, fragte Danielle. „Du könntest echt eins sein!“

„Nicht mit meinen Beinen.“

„Wieso? Du bist doch total hübsch, und deine Beine sind super.“

„Das habe ich nicht gemeint.“

„Es ist wegen ihrer Hüften“, sagte Jason. „Als sie klein war, wurde sie doch operiert, deswegen kann sie auch keinen Sport machen. Ich meine, klar kann sie. Für ein Mädchen rennt sie eigentlich sogar ziemlich schnell.“

„Haha, Jason. Du weißt, dass ich dich immer noch schlagen kann!“

„Aber wenn ein Gelenk herausspringt, dann müsstest du noch mal operiert werden, oder?“

„Echt?“, fragte Danielle.

Hannah zuckte mit den Schultern. „Wenn ich laufen würde wie ein Model und auf dem Laufsteg so komische Drehungen machen müsste, dann könnte das schon passieren. Bei meiner Geburt gab es ein paar Komplikationen, ich glaube, ich war ein bisschen empfindlich.“

Über den Tisch hinweg wechselten Hannahs Eltern verstohlene Blicke.

„Ist keine große Sache“, sagte sie schnell. „Ich muss einfach nur vorsichtig sein, das ist alles.“

Obwohl Hannah die Liebe ihrer Eltern zu Sport und Bewegung teilte, war sie diejenige in der Familie, die wegen ihrer zarten Glieder am behutsamsten sein musste. Doch sie fühlte sich schon genug als Ausnahme, wenn sie keine besondere Aufmerksamkeit auf ihre Schwächen lenkte. Sie konnte rennen. Sie konnte spielen. Sie würde nicht zulassen, dass irgendwelche Bedenken sie ausbremsten.

„Lass uns jetzt endlich die Geschenke aufmachen.“ Ihr Vater streckte seine Arme nach dem Berg von Mitbringseln aus. Sein blondes Haar war ein einziger großer Haufen Locken. Er hatte ein ansteckendes Lächeln, und wenn sein Arbeitstag ihn nicht zu viel Kraft gekostet hatte, konnte er seine Tochter schon mit einer kleinen Grimasse zum Lachen bringen. „Oder bin ich der Einzige, der es nicht erwarten kann zu sehen, was du bekommen hast?“

„Lies zuerst die Karten, ja?“, sagte Hannahs Mutter. „Wir wollen nicht alle Manieren über Bord werfen.“

„Recht so.“ Der Großvater nickte. „Man muss die Kinder anständig erziehen.“

„Darf ich mit deiner anfangen, Opa?“, fragte Hannah.

„Hm. Natürlich.“

Mit erwachsener Miene stand Hannah am Kopf des Tisches, wedelte eine Mücke weg und betrachtete ihre Geburtstagskarten und Geschenke. Höflich bedankte sie sich bei jedem, sprang kein einziges Mal auf, gab keine Schreie und Quietscher von sich und benahm sich ganz wie eine junge Dame. Unter den Geschenken war ein Schminkset mit verschiedenen Lidschattenfarben, eine komplette Ausgabe der Anne auf Green Gables-Bücher im Schuber, eine 20-Dollar-Geschenkkarte für ihren Lieblingsladen, eine feine Halskette mit einem Vogelanhänger aus echtem Gold – und nicht zu vergessen ein Gutschein von ihren Eltern für Theaterunterricht bei Profischauspielern hier in der Stadt.

Dieses Geschenk war es, das sie mehr als alles andere fast dazu gebracht hätte, mit einem lauten Jubelschrei in die Luft zu springen. Hannah träumte davon, Schauspielerin zu werden und Geschichten zum Leben zu erwecken. Vielleicht würde sie eines Tages auf der Bühne stehen, möglicherweise sogar in Filmen mitspielen.

Ziele. Genau, sie setzte sich Ziele.

Und hey, war North Carolina nicht eine Talentschmiede für Künstler und Schauspieler? Wurden Dawson’s Creek und One Tree Hill nicht in der Nähe von Wilmington gedreht? Und was war mit all den neuen Filmen, die in der Gegend produziert wurden? Nur mit Dir zum Beispiel. Nichts gegen die Olsen-Zwillinge, aber die Liebesgeschichte zwischen Mandy Moore und Shane West war viiiel erwachsener.

„Vielen Dank euch allen. Die Geschenke sind echt toll.“

Als ihre Eltern sie in eine Familienumarmung schlossen, spähte Hannah zwischen ihren Armen hervor und rollte mit den Augen, als würde sie diese Drückerei nur ertragen, um ihnen einen Gefallen zu tun.

„Diese Mücken werden langsam lästig“, sagte ihr Großvater.

„Wird Zeit zusammenzupacken“, stimmte Hannahs Vater zu. „Ihr Mädchen macht es euch mit Grace und Hannah zu Hause gemütlich und genießt die Übernachtungsparty. Ich werde mich einfach in mein Zimmer einschließen und versuchen, etwas Schlaf zu bekommen. Bei Sonnenaufgang muss ich schon wieder gestriegelt bei der Arbeit sein.“

„Ich bin sicher, sie werden sich mustergültig benehmen“, sagte Hannahs Mutter.

„Sie glauben wirklich, dass der Hühnerhaufen Ruhe geben wird?“, warf Jason ein. „Ich meine – es sind Mädchen!“

„Mustergültig“, wiederholte sie und zwinkerte ihm dabei zu. „Wie ich schon sagte.“

Während die Geburtstagsschar durch die länger werdenden Schatten zum Parkplatz zurücklief, knuffte Jason Hannah in den Arm. Im Laufen drehte sie sich zu ihm. Ihre Augen trafen sich.

„Hey“, sagte er. „das hier ist für dich.“

„Was?“

„Es ist mein …, du weißt schon, mein Geschenk für dich.“

Hannah blickte in ihre Hände, in denen mit einem Mal eine hübsche, weiße Papiertüte lag. Jason mochte Ordnung und Schlichtheit, und sie vermutete, dass er das feine Tütchen selbst ausgesucht hatte. Sogar in der Schule sortierte er seine Utensilien ganz akkurat nebeneinander auf seinen Tisch, niemals lag etwas unordentlich herum.

„Ich wollte es dir erst jetzt geben, es ist ja nichts Tolles. Ich meine, wahrscheinlich ist es doof. Aber ich dachte du, du würdest vielleicht …“ Er verstummte. „Alles Liebe zum Geburtstag.“

„Soll ich es gleich aufmachen?“

„Wie du willst.“

Sie warf einen Blick in die Tüte. „Sticker.“

„Ja.“

„Schmetterlinge.“

„Ein ganzer Haufen verschiedener. Sogar welche mit Glitzer. Ich weiß, wie sehr du die echten magst. Du sagst ja immer, ich soll sie nicht fangen, weil das ihre Flügel kaputt macht … Egal, ich dachte einfach nur, du findest es vielleicht schön, welche für dein Zimmer oder deine Bücher zu haben oder was auch immer. Das war wahrscheinlich blöd, oder?“

„Ich finde sie toll, Jason.“

Während sie nebeneinander hergingen, berührten sich ihre Hände. Für einen Augenblick dachte sie, ihr Wunsch würde sich schon jetzt erfüllen. Sie stellte sich vor, wie er ihr Gesicht in die Hände nahm und sie küsste. Wusste er überhaupt, wie sie für ihn empfand? Fühlte er dasselbe?

„Also“, sagte er und trat einen Schritt zur Seite, „was guckt ihr denn heute Abend? Deine Mutter hat gesagt, ich könnte den Film noch mit ansehen, wenn ich will.“

Nur mit Dir.“

„Uh, ein Mädchenfilm. Ich glaube, ich verzichte.“

„Naja, ich bin ja auch ein Mädchen.“

„Wolltest du deshalb gestern nicht mit mir zum See kommen? Glaubst du, dass du jetzt zu alt für solche Sachen bist? Nur noch ‚O je, wo ist mein Lipgloss‘ und ‚Ich kann diese Strümpfe nicht anziehen, die passen ja gar nicht zu meinen Klamotten‘. Bin ich froh, dass ich keine Schwester habe.“

„Ich kann immer noch gegen dich gewinnen, wenn wir um die Wette zum See rennen.“

Jason runzelte die Stirn. „Das glaubst du doch selbst nicht.“

„Montag nach der Schule, gleich wenn wir aus dem Bus steigen. Wer zuerst im Wasser ist.“ „Das sind zwei oder drei Blocks!“

„Also, Jason, wenn du denkst, dass du es nicht schaffst …“

„Gleich wenn wir aus dem Bus steigen“, sagte er.

„Und keine Superlaufschuhe oder so, nur die üblichen Flipflops.“

„Wenn du meinst. Ich könnte dich sogar schlagen, wenn ich barfuß und rückwärtslaufen würde.“

„Montag.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Dann werden wir ja sehen.“

Kapitel 3

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Unerwartete Gäste

Die Übernachtungsparty wurde kein Erfolg. Sie endete im Streit. Hannah fragte sich, warum nicht einfach alle miteinander klarkommen konnten. Als der Film angefangen hatte, hatte Danielle etwas gesagt, was einem der anderen Mädchen nicht gepasst hatte. Dann stritten sich die beiden darum, wer Hannah das bessere Geschenk gemacht hatte und welches davon ihr wohl besser gefiel. Am Ende schrien sie sich an und beschimpften sich, und ganz gleich was Hannah auch dazu sagte, sie goss mit ihren Worten nur neues Öl ins Feuer.

Gegen zehn Uhr kam die Mutter des einen Mädchens, um ihre Tochter „aus dieser feindseligen Umgebung zu holen“. Grace Lawson lief in Bademantel und Hausschuhen nach unten, um sich zu entschuldigen, konnte die Frau aber nicht beschwichtigen.

„Tut mir wirklich leid für dich“, sagte sie im Flur zu Hannah, während sie ihr das Haar aus dem Gesicht strich. „Alles in Ordnung?“

Hannah umarmte ihre Mutter und nickte.

Mama küsste sie auf die Stirn. „Na los, jetzt schaut schon euren Film zu Ende. Aber dreht nicht so laut auf. Denk dran, dein Vater muss morgen früh raus.“

„Wir sind jetzt ganz brav, versprochen.“

Zufrieden ging Grace zurück in ihr Zimmer.

Fünf Minuten später hatten sich Hannah und die übrigen Mädchen auf dem Wohnzimmerteppich in ihre Schlafsäcke gekuschelt und unterhielten sich noch einmal über den missglückten Abend.

„Das ist alles meine Schuld“, sagte Danielle. „Hätte ich nur meinen Mund gehalten! Aber die geht mir echt auf die Nerven.“

„Sie ist immer so“, sagte Hannah. „Aber ich mag sie trotzdem.“

„Ich habe deine Party verdorben. Tut mir total leid. Ich quatsche und quatsche, dabei sollte ich einfach die Klappe halten. Wenn ich nur kapieren könnte …“

„Ist schon okay, Danielle. Wollen wir jetzt den Film schauen?“

Danielle ließ sich auf den Boden fallen.

Hannah legte ihrer Freundin einen Arm um die Schulter. „Ehrlich, dass ihr alle hier seid, ist sowieso das beste Geschenk. Danke!“

Nur eine halbe Stunde später fühlte sich Hannah gar nicht mehr so erwachsen und wünschte sich in die Arme ihrer Mutter, um sich auszuweinen. Die anderen Mädchen waren längst eingeschlafen und lagen im matten Schein des Fernsehers kreuz und quer auf dem Boden, aber Hannah fand keine Ruhe. Sie stapfte die Treppe hinauf zum Schlafzimmer ihrer Eltern und schlüpfte neben ihrer Mutter in das große Eichenholzbett.

„Was ist denn los, mein Schatz?“

„Nichts“, sagte Hannah und kuschelte sich noch näher heran. Dann begann sie zu weinen.

Behutsam schloss Grace sie in die Arme. Das Mädchen sog den vertrauten Duft der Pfirsich-Vanille-Creme ein, die ihre Mutter benutzte. Als Hannah sich wieder beruhigt hatte, flüsterte sie: „Mama, ich bin so enttäuscht. Ich dachte, wir würden einen lustigen Abend verbringen, Eis essen und eine Kissenschlacht machen. Aber jetzt ist Miri schon gegangen, Danielle hat sich total aufgeregt und der Rest ist vor der ersten guten Szene im Film eingeschlafen.“

„Du hast ihn dir bis jetzt alleine angesehen?“

Hannah nickte. „So was Bescheuertes.“ Mit dem Schlafanzugärmel wischte sie sich die Tränen aus den Augen.

„Vielleicht bewundern wir dich ja selbst eines Tages in einem Film, hm?“, sagte ihre Mutter.

„Wohl kaum. Ich kann ja nicht mal richtig laufen.“

„Du kannst prima laufen.“

„Warum bin ich überhaupt ein Einzelkind? Habt ihr nie darüber nachgedacht, noch mehr Kinder zu bekommen?“

„Na klar haben wir darüber nachgedacht.“ Grace strich Hannah übers Haar. „Aber es ist nun mal anders gekommen, nicht wahr?“

„Könntest du nicht immer noch ein Baby bekommen?“

„Ach, Süße.“

„Ich würde ihm auch die Windeln wechseln. Und die Spülmaschine ein- und ausräumen, ohne dass du was sagen musst.“

„Ich könnt’s mir glatt noch mal überlegen“, schmunzelte Grace.

Auf der anderen Seite des Bettes schnarchte Jacob, drehte sich herum und schnarchte weiter. Hannah und ihre Mutter erstickten ein Kichern. Aneinandergeschmiegt lagen sie im Mondlicht, das durch den Vorhang fiel, und Hannah nahm sich fest vor: Selbst wenn sie erwachsen war, würde sie nie damit aufhören, ihre Mutter in den Arm zu nehmen.

„Mama?“

„Ja?“

„Hört Gott unsere Gebete auch dann, wenn wir sie nicht laut sagen?“

„In der Bibel steht, dass er unser Herz besser kennt als wir selbst.“

„Glaubst du, dass er weiß, was ich mir heute gewünscht habe?“

Ihre Mutter schloss sie noch fester in die Arme. „Du bist seine Tochter, und er hat bestimmt gelächelt, als du die Kerzen auf deinem Kuchen ausgeblasen hast. Du weißt doch, wie sehr dein Papa dich liebt, nicht? Gott liebt dich noch viel mehr.“

„Warum hat er dann nicht dafür gesorgt, dass ich Geschwister habe?“

Graces Blick verdunkelte sich, und ihre Arme wurden steif.

„Schon gut“, sagte Hannah eilig. „Aber weißt du … ich frage mich einfach manchmal, wie es wohl wäre.“

Mit schwacher Stimme sagte ihre Mutter: „Betrachte es doch mal so, Hannah. Wenigstens haben wir dich ganz für uns allein. Wie wär’s, sollen wir den Film jetzt zusammen zu Ende gucken? Allerdings nur ganz leise, wegen Papa. Leg ihn noch mal ein, ich hole uns Eis.“

„Jetzt? Ehrlich?“

„Ehrlich. Du bist doch mein Geburtstagskind, oder?“

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Als der Film vorbei war, küsste Grace ihre Tochter auf die Stirn und ging wieder nach oben. Hannah drückte das letzte bisschen Spray aus ihrem Inhalator, fühlte, wie ihre Lungen sich weiteten, und quetschte sich dann zwischen die Schlafsäcke der anderen Mädchen. Sie schob ihr Kissen unter ihrem Kopf zurecht, zog die Beine an den Körper und schlief ein.

Auf leisen Sohlen schlichen sich Albträume heran und geisterten durch ihre Gedanken. Seit ihrer frühesten Kindheit überfielen sie Hannah immer wieder unerwartet.

In diesen Träumen fühlte sie sich zuerst warm, geborgen, friedlich. Dann drangen plötzlich Stimmen durch die Stille. Entfernte Schreie. Und waren das Sirenen? Heftig schlug ihr Herz, und sie zuckte zurück, als helles Licht aufblitzte.

Irgendetwas war da draußen. Es wollte zu ihr. Sie zwängte sich in einen Winkel ihres kleinen Raumes, konnte sich aber kaum bewegen.

Die Sirenen wurden lauter, und ein schwülwarmer Luftschwall warnte sie vor einem herannahenden Sturm. Sie versuchte, sich vor ihm zurückzuziehen, und dabei berührte sie etwas in der Dunkelheit.

War es ein Ellbogen? Eine Fingerspitze?

Noch jemand versteckte sich dort.

Sie war erleichtert darüber, nicht allein zu sein, aber sie befürchtete auch, dass die Gegenwart einer weiteren Person ihr Versteck verraten könnte. Mit einem Mal hörte sie, wie sich eine Tür öffnete. Das Licht, stellte sie fest, stammte von bogenförmigen Blitzen. Ein starker Sturm braute sich unmittelbar vor ihrem Versteck zusammen. Sie machte sich ganz klein, kauerte sich im Dunkeln zusammen.

Bitte finde mich nicht. Bitte tu mir nicht weh.

Das Brüllen des Wirbelsturms wurde lauter, der Wind zerrte an ihr und versuchte sie aus ihrem Versteck zu ziehen. Sie weinte, trat um sich. Nein, bitte nicht … Nein …

„Tu mir nicht weh!“ Sie bäumte sich auf. „Bleib weg!“

Allmählich lichtete sich die Finsternis. Das Flurlicht warf seinen schwachen Schein ins Wohnzimmer.

„Hannah? Hey, ich bin’s, Danielle. Alles okay?“

Hannahs Stirn war schweißnass. Verwirrt blickte sie um sich. Sie war zu Hause, in ihrem Schlafsack. „Es ist gekommen, um mich zu holen. Es war …“

„Es war doch nur ein Traum. Alles in Ordnung, Hannah. Nur ein schlimmer Traum.“

Kapitel 4

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Eine unbestimmte Ahnung

Hannah spürte genau, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie hatte dieses Gefühl schon öfter gehabt. Auf der Heimfahrt vom Gottesdienst sah ihr Vater ihre Mutter kaum an. Grace saß zusammengesunken auf dem Beifahrersitz, als sei sie erschöpft von einem Streit – aber Hannah hatte nicht mitbekommen, dass auch nur ein böses Wort gefallen wäre.

Als sie wieder zu Hause ankamen, trottete ihre Mutter die Treppe hoch und sagte, sie wolle sich hinlegen. Jacob ließ sich im Wohnzimmer auf einen Sessel fallen, um sich ein Football-Spiel anzusehen.

Football. Igitt. Langweiliger ging es ja wohl nicht.

Hannah stand in der Küche und hielt die Kühlschranktür geöffnet, als würde sie überlegen, was sie zu Mittag essen sollte. In Wirklichkeit brannte sie darauf zu wissen, was eigentlich los war. Manchmal schienen Erwachsene in einer Welt zu leben, in der unausgesprochene Sätze deutlicher zu hören waren als solche, die man laut gesagt hatte. In dieser Welt konnte ein Blick alles bedeuten und eisiges Schweigen so schwer über allem hängen wie die metallgrauen Wolken, die sich vor einem Unwetter über dem Meer zusammenbrauten. Sicher, Kinder hatten auch ihre Geheimsprachen, Zeichen und Blicke, aber die Geheimnistuerei der Erwachsenen fühlte sich schwer und undurchdringlich an.

„Willst du einen Apfelsaft, Papa?“, rief sie laut, um die Geräusche des Fernsehers zu übertönen.

„Ist noch ein bisschen Cola da?“

„Ich dachte, dieses Zeug sollst du nicht trinken, weil da so viel Zucker und Koffein drin ist.“

„Ich kann bald gar nichts mehr zu mir nehmen außer Spargel. Und ich hasse Spargel.“

„Auch so, wie Mama ihn macht? Gegrillt und mit ganz viel Butter drauf?“

„Also hör mal, das bleibt unter uns, Hannah. Es liegt mir fern, mich jemals über das Essen zu beschweren, das mir hier serviert wird.“

„Habt ihr Streit, du und Mama?“

Ihr Vater kam um die Ecke und lehnte sich in den Türrahmen. „Wie kommst du darauf? Nein, überhaupt nicht. Aber die Predigt heute hat einige Dinge aufgerührt, über die man nicht so gern spricht und noch weniger nachdenkt.“

„Wie zum Beispiel?“

„Machst du mal die Kühlschranktür zu? Ich kann die kalte Luft bis da hinten spüren.“

„Entschuldige.“ Sie nahm die große Colaflasche aus dem Seitenfach des Kühlschranks und goss ihrem Vater ein Glas ein.

„Danke, Hannah.“ Er nahm einen tiefen Schluck. „Ah, gut.“

„Gleich brauchen wir einen Arzt!“, neckte sie.

„Bin ja schon zur Stelle“, gab er grinsend zurück.

Hannah ließ den Kopf sinken. „Du willst mir einfach nicht sagen, was los ist, oder?“

„Es ist gar nichts los, Kleine. Es gibt für alles die richtige Zeit, und deine Mutter denkt, diese Zeit wäre jetzt. Und ich denke, wir sollten warten. So einfach ist das.“

„Warum muss diese Sache denn noch warten?“

„Weil ich nicht glaube, dass du …“ Er stockte.

„Dass ich was? Hat das Ganze etwas mit mir zu tun?“

„Das ist echt kompliziert, Hannah. Es hat mit uns allen zu tun, und ich bin nun mal der Meinung, dass jetzt kein guter Zeitpunkt ist, diese Sache zu klären. Du bist gerade mal zwölf Jahre alt.“ Er zog sie an sich und fuhr ihr mit der Hand durchs Haar.

Sie seufzte. „Papa!“

„Entschuldige“, versuchte der Vater sie zu besänftigen. „Sieh mal, du bist ein intelligentes und begabtes junges Mädchen. Du kannst dich im Leben auf so viel freuen. In ein paar Jahren fährst du sogar schon Auto! Wenn du also am Lenkrad sitzt, musst du jederzeit sehr genau aufpassen, was auf der Straße passiert, und das heißt immer: Augen offen halten. Du hast Rück- und Seitenspiegel, mit denen du sehen kannst, was hinter dir los ist, aber man kann nicht Auto fahren, wenn man immer nur in den Spiegel schaut, stimmt’s?“

Hannah nickte.

„Das soll jetzt natürlich ein Bild für etwas anderes sein, meine Kleine.“

„Ich weiß“, sagte Hannah. „Ich bin doch kein Baby mehr.“

„Deine Mutter denkt, wir müssen unsere Rückspiegel mehr einsetzen, weil die Vergangenheit einen Sinn ergeben soll. Ich glaube das nicht. Ich will mich auf das konzentrieren, was vor uns liegt.“

„Ziele setzen“, sagte Hannah. „Und Pläne schmieden.“

„Genau!“

Hannah trat einen Schritt zurück, bevor ihr Vater ihr wieder die Haare verstrubbeln konnte. „Ich werde mir einige Ziele in mein Tagebuch schreiben. Mama sagt, jedes Ziel fängt mit einem Wunsch und einem Traum an. Mir kommt es so vor, als bräuchten wir Fenster und Spiegel, so ganz bildlich gesprochen. Falls du das verstehst.“

„Zwölf, aber tut so, als wäre sie zwanzig“, hörte sie ihren Papa murmeln, als sie die Treppe zu ihrem Zimmer hochstieg.

Hannah grinste. Aber sie hatte immer noch keine Ahnung, was hier nicht stimmte.

Kapitel 5

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Herzensschwester

Es war ein wunderschöner, sonniger Montagmorgen, an dem Jason nur an eins denken konnte: das Wettrennen zum See.

War Hannah überhaupt in der Schule? Oder drückte sie sich und war unter einem Vorwand zu Hause geblieben? Weil Jason in die siebte Klasse ging und sie erst in die sechste, trafen sie sich normalerweise nur in der Mittagspause und manchmal zwischen den Schulstunden auf dem Flur. Bis zur letzten Pause hatte er sie immer noch nicht zu Gesicht bekommen.

„Hey, Truman“, rief Jason, während er sich durch die Schülermenge zu den wartenden Bussen schlängelte, „warte mal eine Sekunde.“

„Was denn?“ Der schmale Junge mit den karottenroten Haaren drehte sich zu Jason herum.

„Hast du Hannah gesehen?“

„Hannah Lawson? Klar, wir hatten zusammen Englisch. War übrigens mal wieder eine extrem lahme Veranstaltung.“

„Ging’s ihr gut? Ich meine, sie hat nicht versucht, vorher abzuhauen, oder?“

„Sie war als Erste raus aus der Klasse“, sagte Truman, durch sein schwarzes Brillengestell schielend. „Sie verpasst doch nie eine Stunde, kommt nie zu spät und geht nie zu früh. Hat sie wohl von ihren Eltern; die sollen echte Perfektos sein, was man so hört. Ich steh allerdings mehr auf Blonde, also kannst du echt nicht von mir verlangen zu wissen, wo sie rumhängt. Ihre Haare sind braun, falls du das noch nicht bemerkt hast.“

„Mann, ich weiß, wie sie aussieht, Mister Superschlau. Wo ist sie?“

„Warum denkt immer jeder, dass ich so was weiß?“

„Weil du immer über alles informiert bist, Truman.“

„Moment.“ Truman hob die Hand. „Ich weiß vieles, aber nicht alles.“

„Okay. Sag mir einfach, wo sie ist.“

„Jetzt machst du’s schon wieder, Jason. Du glaubst, dass ich den Durchblick habe. Aber wenn du’s wirklich wissen willst: Hannahs ETA ist in circa zehn Sekunden.“

„Ihre was?“

„Estimated Time of Arrival. Geschätzte Ankunftszeit. Wie bei Flugzeugen, Mann! Bist du noch nie geflogen? Drei, zwei, eins … Hallo, Hannah!“

In diesem Augenblick spürte Jason, wie ihn jemand von hinten antippte. Überrascht drehte er sich um und blickte in ein Paar große braune Augen. Trug Hannah etwa Wimperntusche? Und hatte sie sich die Fingernägel lackiert? Über ihrem pinken Top trug sie eine hellblaue, offene Bluse. Sie sah wirklich toll aus – nicht dass er das jemals laut gesagt hätte. Sie wirkte älter, als sie war, und auch er fühlte sich plötzlich sehr erwachsen.

„Du bist ja doch da“, sagte er. „Hätte ich gar nicht gedacht.“

„Unser Bus fährt gleich ab“, entgegnete Hannah.

„Das ist deine letzte Chance, auf das Rennen zu verzichten.“

„Haaaaallo!“, mischte Truman sich ein. „Ich habe gerade ,Hallo‘ zu dir gesagt!“

„Hallo Truman“, antwortete Hannah ungerührt.

„Letzte Chance“, sagte Jason noch einmal.

Hannah nahm ihren Inhalator aus der Tasche und schüttelte ihn. Er war über und über mit Schmetterlingsstickern beklebt. Jason hätte am liebsten stolz gelächelt, hielt sich aber gerade noch zurück.

Heute bloß keine Schwäche zeigen, dachte er.

„Schmetterlinge.“ Truman zeigte auf das winzige Gerät. „Weißt du, wie sie sich fortpflanzen?“

Jason kniff die Augen zusammen. „Wovon redest du eigentlich?“

„Ihre Eier wachsen zu Raupen heran“, antwortete Hannah. „Zu Larven.“

„Genau. Siehst du, Jason? Hannah passt auf. Es ist geradezu ein Wunder, dass überhaupt nur ein einziges Schmetterlingsei überlebt, wenn man Witterungsschwankungen und natürliche Feinde in Betracht zieht, und sie würden es niemals schaffen, wenn da nicht diese harte Schale namens Zottenhaut wäre. Sie verhindert, dass die heranwachsende Larve austrocknet und stirbt. Sogar die Fruchtblase menschlicher Embryos ist von einer solchen Schicht umgeben und …“

„Ach nee“, sagte Jason. „Ehrlich?“

Hannah nahm einen Zug aus ihrem Inhalator, warf ihr Haar zurück, drehte sich auf dem Absatz herum und marschierte in ihren Shorts und Flipflops in Richtung Bus.

Truman setzte seine beste Yoda-Stimme ein. „Jung und mutig sie ist. Keine Angst ich an ihr spüre.“

„Ist ja gut, Truman.“ Jason drängte sich an ihm vorbei. „Du hörst dich übrigens an wie Kermit der Frosch.“

Zehn Minuten später fuhr der Bus durch einen Wilmingtoner Vorort. Das große Neubaugebiet war nicht nur ordentlich in kleine Einheiten aufgeteilt, es verfügte auch über eigene Seen und Bootsanlegestellen. Zwischen den Häusern von Jasons und Hannahs Eltern lagen nur ein paar Straßen, die Bushaltestelle befand sich genau in der Mitte. Etwas weiter westlich schloss sich der Smith-Creek- Park an, wo sich die Jugendlichen aus dem Viertel nach der Schule oft trafen. Jason und Hannah waren schon oft nachmittags dort gewesen, um auf Bäume zu klettern oder Grashüpfer zu fangen.

Okay, sie war ein Mädchen, aber was sollte er denn machen? Seine Eltern arbeiteten den ganzen Tag, waren kaum zu Hause, und es gab einfach keine brauchbaren Jungs in der näheren Umgebung.

Schwankend fuhr der Bus um die Ecke, die Bremsen quietschten. Jason konnte die Hitze des Motors durch den Boden des Fahrzeugs spüren. Er stand auf, um an seiner Wettkampfgegnerin vorbeizugehen, die zwei Reihen vor ihm Platz genommen hatte.

„Bleib sitzen, bis der Bus steht“, brüllte der Fahrer nach hinten.

„Entschuldigung.“

Hannah gönnte ihm ein schiefes Grinsen.

Dann kam der Bus ruckartig zum Stehen. „Jetzt darfst du aussteigen“, rief der Fahrer.

Hannah stand auf und stolperte fast über das in den Gang gestreckte Bein eines anderen Kindes, sodass Jason, der aufgesprungen war, mit ihr zusammenstieß. Gemeinsam stürzten sie die Stufen hinunter, aus der Tür hinaus auf den Bürgersteig und weiter in Richtung der Abkürzung, die zum Park führte. Hinter sich hörten sie noch, wie die anderen Kinder sie anfeuerten. Dann rumpelte der Bus auch schon weiter, und sie rannten allein Richtung See, zwischen den Gartenzäunen durch das kniehohe Gras, in dem gelbe Blumen wuchsen.

Staub und Blütenpollen schwängerten die Nachmittagsluft. Grashüpfer sprangen in verschiedene Richtungen vor den Flipflops davon, die an Hannahs und Jasons Füßen schlappten. Hinter den goldenen Stängeln und hohen Disteln lockte, zwischen den Ästen von Tannen und Eichen hindurchschimmernd, der See.

In einer Wegbiegung glitt Jason aus, fiel beinahe hin, fing sich mit einem Arm am Boden ab und sprintete dann weiter vorwärts. Er lag ein paar Schritte zurück.

Hoch auf einem Pflanzenstängel vor ihnen saß ein orangefarbener Falter.

Hannahs Bluse und ihr Haar flatterten im Wind, und ihre Beine wirbelten Staub und Gras auf. Sie war außer Atem, aber zum Kichern reichte es noch. Jason musste lachen, als er sie hörte. Er dachte an die Sticker, die er sich von seinem Geld fürs Schulmittagessen abgespart und ihr geschenkt hatte. Jetzt zierten sie Hannahs Inhalator. Er dachte an den Sommer und ans Frisbeespielen und an Hannahs empfindliche Bronchien.

Mit seinen leuchtenden, samtenen Flügeln hob der Schmetterling ab.

Hannah erreichte die Anlegestelle zuerst, ihre Füße klatschten auf die Holzbohlen. Jason beschleunigte und zog mit ihr gleich. Gleichzeitig kickten sie ihre Flipflops von den Füßen, und er fragte sich, warum es überhaupt wichtig gewesen war, wer gewinnen würde. Als sie Seite an Seite aufs Wasser zurannten, berührten sich ihre Fingerspitzen, und er nahm ihre Hand.

Mit den freien Händen hielten sie sich die Nasen zu, dann sprangen sie vom Rand des Stegs.

Plaaaatsch!

Sie tauchten in das glitzernde Nass und begannen mit Armen und Beinen zu rudern. Das Wasser wirbelte um sie herum. An der Oberfläche war es warm, ein paar Handbreit darunter schon kühler. Um sie herum tanzten kleine Bläschen und Sonnenstrahlen. Dann wurde es kühl, erfrischend und blau.

Jason zog sich am Bootssteg empor, sein Oberkörper streifte über das Holz. Dann drehte er sich herum und streckte die Hand aus, um Hannah hinaufzuhelfen. Sie tat so, als würde sie seine Hand ergreifen, strich sich stattdessen das nasse Haar aus den Augen und stemmte sich allein hoch. Dicht nebeneinander saßen sie auf dem Steg. Von ihren nassen Kleidern tropfte das Wasser auf die glatten Bohlen.

„Unentschieden“, sagte Jason.

„Ich habe dich aufholen lassen“, grinste Hannah.

„Hast du nicht! Du hast bloß nicht mit meinem Sprint auf den letzten Metern gerechnet.“

„Na gut.“ Sie zwirbelte ihre Haare zu einer dicken Strähne und wrang sie aus. „Also unentschieden.“