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Claudia und David Arp

Und plötzlich sind sie 13

oder

Die Kunst, einen Kaktus zu umarmen

So begleiten Sie Ihr Kind
durch die Teenagerzeit

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© 1986 Claudia Arp
Für die deutsche Veröffentlichung neu bearbeitet,
ergänzt und aktualisiert.
© 2009 David und Claudia Arp
Übersetzung aus dem Englischen:
Lilli Schmidt, Renate Hübsch

38. Auflage 2011

Inhalt

Einführung: Das neue „Kaktus-Buch“

Teil 1: Vier Säulen einer tragfähigen Beziehung

1. Der Schlüssel zum Herzen Ihres Kindes

Teil 2: Hinsehen:
Eine Bestandsaufnahme der Beziehung zu Ihrem Kind

2. Idealer Teenager gesucht

3. Beziehung geht vor!

4. Mädchen sind Mädchen und Jungs sind Jungs

5. Zahnspangen, Pickel und andere Ärgernisse

Teil 3: Begleiten und loslassen:
Vorbereiten auf ein eigenverantwortliches Leben

6. Start in die Teenagerzeit: Das „Teen Prep“-Projekt

7. Countdown zum Erwachsenwerden.

Teil 4: Beziehung bauen:
Wie man größere Hindernisse aus dem Weg räumt

8. Laber mich nicht voll!

9. Wenn die Verbindung gestört ist

10. Kapitulation vor dem Chaos?

11. Wofür lohnt sich eine Auseinandersetzung?

12. Generation @: Sicher in der Online-Welt

13. Werte, Überzeugungen und gute Entscheidungen

14. Kurskorrektur zwischendurch

Teil 5: Entspannen:
Sie können nicht alles unter Kontrolle haben

15. Entspannung – ein Fremdwort?

Anmerkungen

Die Autoren

Einführung: Das neue „Kaktus-Buch“

Willkommen zur überarbeiteten Ausgabe von Und plötzlich sind sie 13! Seit der Erstausgabe vor fünfzehn Jahren hat sich unsere Welt verändert. In einer Welt mit Computern, dem Internet, You-tube, Facebook, MySpace, Handys, SMS, MP3-Playern, iPods und weiteren neuen „Spielzeugen“ ist das Zusammenleben mit Jugendlichen noch komplexer geworden. Heutzutage sind Eltern gestresster und sie sind isolierter als früher. Auch die Jugendlichen sind stärker isoliert, obwohl sie fast ununterbrochen über das Internet, Handys (und andere Geräte, die zweifellos sehr bald erfunden werden) mit irgendjemandem verbunden sind. Es fehlt ihnen oft ganz einfach Zeit, die sie mit anderen Jugendlichen verbringen, ganz direkt, von Mensch zu Mensch.

Die Zeiten ändern sich! Als unsere Söhne Teenager waren, trafen sie sich mit ihren Freunden bei uns. Mit dröhnender Musik im Hintergrund alberten sie herum. Sie lachten und sprachen miteinander. Heute sind die Hauptformen der Kommunikation zwischen Jugendlichen SMS oder Internet-Chats oder Blogs. Kopfhörer haben die dröhnende Musik zum Schweigen gebracht (zumindest für die Eltern). Die Eltern wissen möglicherweise nicht einmal mehr, welche Musik ihre Kinder gerne hören. Wie kann man mit einem Kind in Verbindung treten, das die allermeiste Zeit verkabelt und für die Familie unerreichbar ist?

Eltern zu sein, war noch nie einfach. Neben den Herausforderungen durch die Technik wird das Elternsein heute noch dadurch erschwert, dass in den meisten Familien beide Elternteile arbeiten oder dass man alleinerziehend ist. Heute haben viele 8- und 9-jährige Kinder schon ihre eigenen Handys, 12- und 13-jährige Jugendliche experimentieren mit Komasaufen und Oralsex. Die Jugendlichen sind im Allgemeinen ängstlicher und deprimierter denn je. Und Eltern können leicht vor der Aufgabe kapitulieren, ihren Kindern zu helfen, zu liebevollen, lebenstüchtigen und mitmenschlichen Erwachsenen zu werden. Es liegt nicht fern, händeringend nach einer Supernanny zu rufen! Es war noch nie so wichtig wie heute, dass Eltern eine positive und offene Beziehung zu ihren Jugendlichen haben. Noch nie war es entscheidender, dass Eltern Zeit in die Beziehung zu ihren Kindern investieren.

Die Teenager von heute wollen Eltern, die in ihr Leben involviert sind (egal, was sie an Gegenteiligem sagen). Hier ein Blog von einem Teenager namens Robin (ein echter Kaktus, wie es scheint).

Bin 16 und rebellisch, denke ihr leute (eltern) seid nur da um uns zu kriegen. wir wissen, dass wir euch nicht egal sind. aber die ganze macht- und kontrollfrage ist ein biggie. wir wollen nicht angebrüllt werden, wir wollen dass ihr mit uns kompromisse schließt also schreit uns das nächste mal nicht an um euren willen durchzusetzen. es geht nicht wirklich um mcdonalds, es geht ums elternsein. macht also einen deal mit uns.

Sogar Teens wie Robin wollen Eltern, die sich um sie kümmern. Doch wie kann man Jugendliche führen, ohne in Machtkämpfe zu geraten und manchmal aus lauter Frust loszubrüllen? Gute Eltern zu sein ist eine Riesenaufgabe und sie erfordert eine Investition von Zeit. Wir sind überzeugt, dass diese neue Ausgabe von Und plötzlich sind sie 13 ein verlässliches Modell für die Herausforderung des Elternseins anbietet. Wir zeigen Ihnen solide Prinzipien, um ein gutes Beziehungsfundament zu Ihren Jugendlichen aufrechtzuerhalten und sie nach und nach in die Welt der Erwachsenen entlassen zu können – Prinzipien, die selbst in unserer verrückten Welt tragen.

Nachdem Und plötzlich sind sie 13 über 300.000-mal verkauft wurde, haben wir Reaktionen von vielen Lesern bekommen. Von manchen Aussagen waren wir überrascht, etwa den folgenden:

Ich habe selber eine Tochter in diesem Alter und es war schlimm mit ihr! Sie war absolut unzugänglich und frech. Doch seitdem ich dieses Buch gelesen habe, verstehen wir uns ausgezeichnet!!!

Dieses Buch ist für Eltern einfach klasse. Es ist so praktisch, anschaulich und dabei voller aktueller psychologischer Erkenntnisse, ohne allzu theoretisch zu sein. Nicht nur das Kind ist Thema, auch die Eltern selbst kommen vor. Sie werden auch dort begleitet, wo sie nichts mehr tun können.

Als zertifizierte Familienberaterin, die Coachings und Kurse in diesem Bereich anbietet, schätze ich dieses Buch sehr. Zum einen, weil die wichtigste Grundlage darin die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist – was sich in meiner Praxis immer wieder bestätigt. Zusätzlich bin ich sehr fasziniert von der Tatsache, dass die Eltern mit diesem bewussten und schrittweisen Vorbereiten des Kindes auf das Erwachsenenleben parallel selbst einen bewussten und schrittweisen Lösungsprozess vom Kind durchlaufen. Das lässt viele Familienkrisen gar nicht erst entstehen!

Auch im deutschen Fernsehen gab es Kommentare darüber, wie das „Kaktus-Buch“ beim Umgang mit Teenagern geholfen und Eltern geholfen hat, die turbulenten Jahre zu überleben. Bis hin zur E-Mail einer verärgerten Jugendlichen aus Deutschland, die behauptete, wir hätten ihr Leben ruiniert. Sie schrieb: „Mein Leben war super, bevor meine Eltern euer Buch gelesen haben!“

In diesem Buch geht es nicht darum, das Leben Ihres Teenagers zu ruinieren. Wir möchten Ihnen vielmehr helfen, mit Ihren Jugendlichen in Verbindung zu bleiben und eine positive Beziehung zu erleben, während Sie sie zugleich allmählich in das Leben des Erwachsenseins entlassen – mit allem, was sie brauchen, um einmal verantwortlich ihr Leben zu gestalten und einen positiven Beitrag in dieser Welt zu leisten.

In dieser Ausgabe gibt es zwei neue Kapitel. Eines gibt Hilfestellung im Umgang mit den neuen technischen Entwicklungen im Kommunikationsbereich. Das zweite geht ein auf die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen in der Pubertät. Die Frage, ob pubertierende Jungen oder pubertierende Mädchen die größere Herausforderung für die Eltern sind, ist noch nicht entschieden – Sie dürfen noch mitabstimmen.

Sicher ist, dass sowohl Jungen als auch Mädchen in der Pubertätsphase Eltern brauchen, die in ihr Leben involviert sind. Eltern, die Zeit investieren – nicht nur sogenannte „Qualitätszeit“, sondern eben einfach Zeit – quantitativ. Eltern, die sie verstehen und ihnen helfen können, die Gefahren unserer Zeit zu umgehen, und gleichzeitig eine optimistische Lebenseinstellung zum Leben in diesem 21. Jahrhundert vermitteln. Und Eltern, die bereit sind, Grenzen zu setzen und wirkliche Eltern ihrer Kinder zu sein – nicht nur Freunde.

Die grundsätzlichen Pfeiler einer guten Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen haben sich nicht geändert. Wie sie in dieser neuen Welt gelebt werden können, ist jedoch möglicherweise eine Herausforderung. In einem Gespräch mit einem 20- jährigen Studenten, der die Pubertät erfolgreich hinter sich gebracht hatte, erfuhren wir einmal mehr, wie wenig Kontrolle Eltern in Wirklichkeit haben. Michael sagte: „Jugendliche wissen, wie sie die Filter am Internet umgehen können, wie sie, was immer sie wollen, gratis downloaden können und wie sie auf jede Website gelangen können, auf die sie wollen. Die meisten Eltern haben keine Ahnung, worin ihre Kinder alles verwickelt sind. Ich hatte Schulfreunde, die waren immer wieder beim Komasaufen dabei – und ihre Eltern hatten keine Ahnung.“

Das kann einem schon Angst machen. Wir fragten Michael: „Hast du einen Rat für Eltern? Wenn sie keine Kontrolle haben, was können sie tun, um ihren Kindern zu helfen, die richtige Richtung einzuschlagen?“

„Das Beste, was Eltern tun können“, erklärte Michael, „ist durch ihr Beispiel zu führen. Wenn sie eine positive Beziehung aufrechterhalten, werden die Kinder sich an ihnen orientieren. Wenn sie ihre Kinder von den Pornoseiten im Internet fernhalten wollen, sollten sie sehr vorsichtig in der Wahl dessen sein, was sie selbst aufrufen! Eltern müssen ihre Werte, Überzeugungen und Moralvorstellungen den Kindern weitergeben – und das so früh wie möglich! Und dann sollten sie in Verbindung bleiben – die Beziehung zu den Jugendlichen gut und offen gestalten. Sie sollten lernen zuzuhören, anstatt zu reagieren.“ Oder mit den Worten eines Familienforschers:

Wir schätzen den guten Rat und möchten Michael und allen anderen danken, die uns bei dieser Überarbeitung geholfen haben. Ganz besonders danken wir Caroline Gappmaier für zahlreiche Beispiele und hilfreiche Ergänzungen aus ihrer Praxis als Familienberaterin.

Wir hoffen, dass die folgenden Seiten Ihnen helfen, erfolgreich durch die manchmal aufregenden und manchmal frustrierenden Zeiten der Pubertät der eigenen Kinder zu navigieren!

Claudia und David Arp

1

Teil

Vier Säulen
einer tragfähigen
Beziehung

Kapitel 1

Der Schlüssel zum Herzen Ihres Kindes

Die meisten Jugendlichen zwischen dreizehn und sechzehn sind unberechenbar. Der Versuch, sie zu verstehen, gleicht einer Achterbahnfahrt mit verbundenen Augen. Man weiß nie genau, ob es als Nächstes rauf, runter, um die Kurve oder im Kreis herum geht. Einmal benehmen sie sich so erwachsen – nur um im nächsten Augenblick in ihr bestes frühkindliches Verhalten zurückzufallen! Tatsächlich sind Teenager in vielerlei Hinsicht wie Kleinkinder – nur dass sie jetzt auch noch Hormone, Freunde und technische „Spielzeuge“ haben! Jemand hat einmal behauptet, die Pubertät sei eine Zeit, in der Kinder mit niemandem in der Familie etwas zu tun haben wollen und in einem Chaos hausen, das sie „mein Zimmer“ nennen und aus dem sie nur dreimal täglich rauskommen, um etwas Essbares hinunterzuschlingen und die Familie anzuknurren. Es ist eine Entwicklungsstufe, in der Kinder möglichst wenig mit der Familie zu tun haben wollen und stattdessen die Freunde vergöttern. Kein Wunder, dass Eltern, die ihren Teenagern ihre Liebe zeigen möchten, ihre diesbezüglichen Bemühungen mit dem Versuch vergleichen, einen Kaktus zu umarmen. (Die meisten Eltern freuen sich auch ebenso wenig auf die Pubertät ihrer Kinder, wie sie sich auf eine Umarmung mit einer so stacheligen Pflanze freuen würden.) Die folgende Geschichte lässt verstehen, warum das so ist:

Ralf und Kristin hatten einige schwierige Monate hinter sich. Ralf verbrachte als Vertreter den größten Teil des Sommers auf der Straße, während Kristin bei den vier Kindern zu Hause die Stellung halten musste – mit allen Terminen und Verpflichtungen, die das so mit sich brachte: Ballettunterricht, Schwimmtraining, Fußballverein, Jugendkreis, Pfadfindertreffen – von ihrem eigenen beruflichen Engagement mal ganz abgesehen.

Um sich nicht vollkommen fremd zu werden, arrangierten Ralf und Kristin einen Kurzurlaub für sich allein. Die drei jüngeren Kinder schickten sie mit einer befreundeten Familie für eine Woche an die See, während Kevin, der Älteste, beschlossen hatte, bei seinen Großeltern zu bleiben und sich in deren Landwirtschaft nützlich zu machen, um sein Taschengeld aufzubessern.

Die Arbeit auf dem Hof war für den gerade 13-Jährigen ungewohnt und anstrengend. Kevin reparierte Zäune, fegte den Hof und räumte in der Scheune auf. Es war daher einleuchtend, dass er die Einladung seiner Großeltern zu einem auswärtigen Abendessen oder ihre Frage, ob er sie bei Besorgungen begleiten wolle, ablehnte und sagte: „Ich bin hundemüde; ich bleibe lieber zu Hause.“ Müde war er tatsächlich, aber es war noch ein Hintergedanke dabei. In jenem Sommer hatten Kristins Eltern zwei neue Autos gekauft, einen kleinen hellgrauen Chevrolet und einen großen schwarz glänzenden BMW. Die Schlüssel steckten entweder im Schloss oder lagen auf einem Regal in der Küche. Die beiden neuen Wagen faszinierten den 13-Jährigen, besonders der BMW. Es würde zwar noch einige Jahre dauern, bis Kevin Fahrstunden nehmen konnte, aber er hatte seine Eltern schon oft zu überzeugen versucht, ihm doch jetzt schon das Fahren beizubringen.

Jetzt war die Versuchung einfach zu groß. Kevin beschloss, fahren zu lernen – auf eigene Faust. Kaum waren die Großeltern fort und er allein, begann er seine Fahrstunden in dem funkelnden neuen BMW. Zunächst fuhr er die lange asphaltierte Zufahrt zum Hof auf und ab. Dann lenkte er das Auto auf einen angrenzenden großen Platz und erforschte durch Kreise, Serpentinen und Schleifen die Geheimnisse der Lenkung. Schließlich wagte er sich auch auf die leicht ansteigende Straße gegenüber dem Haus.

Bei einem dieser heimlichen Ausflüge wurde der Junge von einem heftigen Regenguss überrascht. Er geriet mit dem Wagen auf eine wasserglatte Stelle und verlor die Kontrolle über das Fahrzeug. Das Auto rutschte über den Gehsteig und prallte mit dem Kotflügel gegen einen großen Stein. Dann schleuderte der Wagen wieder zurück, drehte sich um seine eigene Achse, und auch das Heck des Wagens kam nun in unsanften Kontakt mit dem Steinbrocken.

Als die Großeltern zurückkamen, lautete Kevins Erklärung: „Jemand hat den Wagen gestohlen und ihn da oben gegen den Felsen gesetzt.“ Der Großvater ging mit dem Jungen zu der Unfallstelle, nahm seinem Enkel aber diese Geschichte nicht ab. Stattdessen fragte er so lange nach, bis der Junge schließlich mit der Wahrheit herausrückte. Der Großvater sagte: „Kevin, eins sollst du wissen: Wir haben dich sehr lieb – und wir verzeihen dir. Diese Sache soll nicht zwischen uns stehen.“ Ralf und Kristin würden in einigen Tagen zurückkehren und er wollte es ihnen überlassen, welche Konsequenzen Kevins Verhalten haben sollte.

Als Ralf und Kristin die Auffahrt hinauffuhren, fiel ihnen auf, dass der BMW nicht an seinem üblichen Platz stand. Kevin öffnete ihnen die Tür und seine Eltern fragten wie aus einem Munde: „Wo sind Oma und Opa? Wo ist das Auto?“ „Pst …“, machte Kevin. „Die Kleinen müssen das nicht mitkriegen. Ich erzähle euch alles später. Es ist alles okay, wirklich.“ Seine rasche Entgegnung beruhigte Ralf und Kristin keineswegs; also befragten sie die Großeltern. Aber auch die wollten nichts sagen. Die beiden ließen jedoch nicht locker, bis Kevin schließlich beichtete, was geschehen war.

In dieser Nacht schliefen Ralf und Kristin nicht gerade gut.

Wie jedes andere Elternpaar in ähnlicher Lage fragten sie sich: „Was haben wir falsch gemacht? Hätten wir die Großeltern bitten sollen, die Schlüssel außer Reichweite für Kevin aufzubewahren? Jungen sind nun mal von Autos fasziniert …“ Schließlich kamen sie zu der Erkenntnis, dass sich ihr Sohn jetzt in einem Alter befand, in dem sie nicht mehr alle Autos und sonstigen Versuchungen der Welt vor ihm verschließen konnten. So versuchten sie, das Positive an der Sache zu sehen. Weder ihr Sohn noch jemand anders war verletzt worden. Es drohte keine Gerichtsverhandlung. Die Großeltern hatten sich überaus verständnisvoll gezeigt. Und in ein paar Tagen würde die Familie wieder nach Hause zurückkehren und niemand dort würde erfahren, was hier passiert war.

Dennoch konnten sie sich über das Negative nicht einfach so hinwegsetzen. Woher sollten sie die beträchtliche Summe nehmen, die die Reparatur des Wagens verschlingen würde? War dieser Unfall vielleicht nur ein Vorbote für weiteres Unheil? Wie sollten sie die Teenagerjahre von vier Kindern überstehen, wenn schon im allerersten Jahr ein solches Problem auftauchte? Jedes Elternpaar, das Kinder hat, die sich dem Teenageralter nähern oder bereits mitten in den „Flegeljahren“ sind, kann sich vermutlich vorstellen, wie Ralf und Kristin zumute war. Wahrscheinlich haben Sie es nicht gerade mit einem demolierten Auto zu tun, aber sicher haben Sie Ihre eigene Version dieser Geschichte zu erzählen. Wenn Ihre Kinder noch in den letzten Kindheitsstadien stecken, sind Ihnen vielleicht noch keine wirklich schwerwiegenden Probleme begegnet. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie sich hin und wieder besorgt fragen: Was wird noch alles auf uns zukommen?

Am nächsten Morgen luden Ralf und Kristin Kevin auf ein Eis ein. Hier würde sich die geeignete Umgebung bieten, um mit Kevin zu reden, ohne dass die jüngeren Kinder zuhörten. Zuerst sagte lange niemand etwas. Jeder löffelte wortlos Eis.

Schließlich begann Ralf das unvermeidliche Gespräch: „Solange du klein warst, Kevin, konnten wir dich beschützen. Wenn du einem anderen Kind Sand auf den Kopf geschüttet oder mit Steinen nach Autos geworfen hast, konnten wir eingreifen, und es entstand kein großer Schaden. Aber jetzt sind die Folgen schwerwiegender. Ein anderes Auto hätte in den Unfall verwickelt sein können, und vielleicht wären Menschen verletzt worden. Du selbst hättest verletzt werden können, könntest behindert sein oder sogar tot.“ Ralf schwieg einen Moment, um seinem Sohn Zeit zu lassen, diese möglichen Konsequenzen seiner „Fahrstunden“ zu bedenken. Man sah Kevin an, dass er betroffen war. Kristin sagte: „Kevin, wir haben dich lieb, das weißt du. Aber wir müssen dir auch den Ernst dieser Situation deutlich machen. Es wird nämlich mit Sicherheit noch andere Gelegenheiten geben, wo wir beide nicht da sind und du dich versucht fühlst, etwas Unkluges zu tun. Was sind deine Maßstäbe? Wirst du dann in der Lage sein, dich an das zu halten, was du als richtig erkennst?“

Im Laufe dieses Gespräches wurde Ralf und Kristin klar, dass ihr Sohn zum ersten Mal in seinem Leben ein Bewusstsein dafür entwickelte, dass er für das, was er tat, auch Verantwortung übernehmen musste. Der Unfall hatte ihm, wie es schien, einen gehörigen Schrecken versetzt und er würde sich alle Mühe geben, einen weiteren groben Schnitzer zu vermeiden.

Die Eltern erklärten sich bereit, die nicht unbeträchtlichen Kosten für die Reparatur des Wagens zunächst zu übernehmen. Kevin müsste aber dieses Geld an sie zurückzahlen, sobald er selbst etwas verdiente.

Nun stellte sich noch die Frage: Sollte die Sache jetzt gleich weitere Konsequenzen haben? Nein, beschlossen sie, jetzt ging es darum, ihrem Sohn diesen Fehler zu verzeihen. Kevin würde später dafür geradestehen.

Als Ralf und Kristin uns diese Begebenheit später erzählten, sagten sie: „Wir haben das Gefühl, dass Kevin etwas ganz Wichtiges gelernt hat. Wenn wir diesen Ausrutscher nicht zu den Akten gelegt hätten, hätte es eine Belastung für sein weiteres Leben werden können. Wenn wir gedacht hätten: Wir sind uns nicht sicher, ob wir ihm überhaupt noch vertrauen können – hätte er sich mit der Zeit als abgeschrieben empfunden. Wir haben damals beschlossen, diesen Vorfall hinter uns zu lassen. Am nächsten Tag fuhren wir zu einem Familientreffen, und der demolierte Wagen und der angerichtete Schaden wurden nie wieder erwähnt.“

„Wie habt ihr das geschafft, die Sache wirklich auf sich beruhen zu lassen und nicht doch bei passender Gelegenheit zum Vorwurf zu machen?“, fragte Claudia.

„Siehst du die Narben auf meiner Zunge?“, fragte Kristin lachend. „Nein, im Ernst, es war schwer. Aber wir wollten keinesfalls die Beziehung zu Kevin beschädigen und ihm weiterhin unser Vertrauen schenken.“

Die schönsten Jahre?

Die meisten Eltern stöhnen innerlich, wenn sie Ratschläge hören wie etwa diesen: „Genießt eure Kinder, solange sie klein sind. Es sind die schönsten Jahre. Später machen sie euch nur noch Sorgen!“ Natürlich hatten die Jahre, in denen unsere Kinder klein waren, ihre Höhepunkte: gemeinsame Ferien und andere Aktivitäten sorgten für ein nicht nur erträgliches, sondern wirklich schönes Familienklima. Aber wir würden diese Jahre dennoch nicht als die „schönsten“ bezeichnen – nicht mit drei lebhaften Jungen! Aus unserer Perspektive gab es immer Anlass zu wünschen, dass manches besser, nicht schlechter wurde!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wir hatten uns immer Kinder gewünscht. Und als Perfektionisten, die wir nun einmal sind, haben wir ganze Bücherregale voll mit Literatur über Erziehung und Familienfragen, die das hinlänglich beweisen. Doch die herannahende Pubertät unserer Söhne weckte in uns erhebliche Befürchtungen – wir erinnern uns noch gut daran, was wir empfanden, als unser Ältester so um elf oder zwölf herum begann, pubertäre Geräusche von sich zu geben. Wir hatten gedacht, wir hätten noch Monate vor uns, bevor er zum „halbstarken Teenie“ wurde. Die relative Ruhe der Grundschuljahre (relativ im Verhältnis dazu, was noch kommen sollte) war dahin, und alle Anzeichen deuteten auf Sturm. Waren Teenager tatsächlich so schlimm? Bestand eigentlich eine – wenn auch geringe – Chance, dass gerade diese Zeit großartig werden konnte?

Wir fingen an, andere zu beobachten, die allem Anschein nach erfolgreiche Eltern waren. Worin bestand ihr Geheimnis? Was machten sie genau richtig? Wir beschlossen, ihnen diese Fragen persönlich zu stellen, und wir erhielten dabei eine Menge guter Ratschläge. Ein paar Grundsätze tauchten immer wieder auf. Und der entscheidende davon war der Satz: Was zählt, ist die Beziehung.

Unser Freund Markus gab uns folgenden Geheimtipp: „Haltet die Kommunikationskanäle offen. Solange ihr mit euren Kindern in Kontakt seid und miteinander reden könnt, sind auch alle anderen Probleme, die kommen werden, lösbar. Ihr werdet manchmal zu streng und dann wieder zu nachgiebig sein, doch solange ihr miteinander sprechen könnt, wird es am Ende recht werden.“

Ein anderes Elternpaar fügte eine wichtige Warnung hinzu. „Die Beziehung ist der Schlüssel“, bestätigten sie, „aber es ist außerordentlich schwierig, diese Beziehung in den Teenagerjahren durchzuhalten, wenn sie nicht schon vorher gepflegt wurde. Beginnen Sie frühzeitig damit, eine gute Beziehung zu Ihren Kindern aufzubauen. Kümmern Sie sich darum – jetzt. Verschieben Sie es auf keinen Fall auf später.“

Tatsächlich sind die Jahre zwischen acht und zwölf die beste Zeit, um eine solche gute Beziehungsgrundlage zu schaffen, die auch die hormonelle Achterbahn der Pubertätsjahre übersteht. Die schnellen, frühkindlichen Entwicklungen sind vorbei und die intensiven (auch hormonellen) Veränderungen der Adoleszenz haben noch nicht begonnen.

Wenn wir der Beziehung zu unseren Kindern in den kommenden Jahren die höchste Priorität geben wollten – und das wollten wir –, dann, so meinten wir, brauchten wir dafür einen regelrechten Plan. Einen Plan, der dem Jugendlichen jedes Jahr weitere Rechte und Pflichten geben würde, die ihn schrittweise auf ein selbstständiges, unabhängiges Leben vorbereiteten. Es war zwar etwas beängstigend, aber wir machten uns klar, dass unsere Jungs eines Tages erwachsen sein und unser Nest verlassen würden – und zwar mit oder ohne Plan. Unsere Aufgabe war also, ihnen zu helfen, damit sie auf das Erwachsenenleben vorbereitet sein und obendrein immer noch eine gute Beziehung zu uns haben würden!

Als wir in jenem Herbst einen solchen Plan aufstellten, ging es uns in erster Linie darum, die Beziehung zu unseren Jungs zu festigen. Dave hat sich zum Beispiel vorgenommen, mit unserem ältesten Sohn einmal im Monat auswärts zu frühstücken. Nach einem Jahr zogen wir jeweils Bilanz über unsere Aktivitäten; wir strichen, was sich als ineffektiv erwiesen hatte, verstärkten Unternehmungen, die gut angekommen waren, und hielten nach immer neuen Ideen Ausschau, wie wir die Beziehung zu unseren Söhnen lebendig gestalten konnten.

Manchmal wurden wir von Freunden gefragt: „Wie macht ihr das, dass ihr so gut mit euren Jungs auskommt?“ So fingen wir an, unsere Erfahrungen und Ideen weiterzugeben. Bald wurden wir gebeten, zu ganzen Gruppen von Eltern zu sprechen. Mit der Zeit fragten Eltern auch nach mehr als nur ein oder zwei Tagen Training zum Thema Teenager. „Wir brauchen die Ermutigung und Unterstützung von anderen Eltern regelmäßig“, sagten sie uns. So begannen wir Elternkurse für Eltern von Teenagern, in denen wir uns gegenseitig unterstützen und ermutigen konnten.

In einem solchen Kurs ging es zum Beispiel um die typische Teenagerkrankheit, drei von vier Dingen, die man ihnen gerade aufgetragen hat, zu vergessen. Wir erklärten, dass dies mit einer bestimmten Entwicklungsstruktur des Gehirns in dieser Zeit zusammenhängt (die Hirnregion für das logische Denken ist gerade eine riesige Baustelle). Am nächsten Kursabend berichtete eine Mutter: „Auf dem Heimweg habe ich noch über diese Sache mit der Gehirnentwicklung nachgedacht und dass Jugendliche deshalb zu Vergesslichkeit neigen. Und gleichzeitig erinnerte ich mich daran, wie oft ich meine Tochter beschimpft hatte, sie ‚vergesse‘ die Sachen absichtlich, um mich zu ärgern. Ich fühlte mich schrecklich. Sobald ich daheim angekommen war, klopfte ich an ihre Tür. Sie wollte gerade schlafen gehen. Ich erzählte ihr, was ich eben gelernt hatte, und entschuldigte mich für jede ungerechtfertigte Schimpferei. Es war eine tränenreiche Entschuldigung – die in einem sehr positiven Gespräch zwischen uns endete – und das, obwohl wir schon lange nicht mehr vernünftig miteinander reden konnten!“

Die Erfahrungen von Eltern und die Erkenntnisse von Kinder- und Jugendpsychologen, die wir einbeziehen werden, sollen Ihnen als Eltern helfen, sich so gut wie möglich auf die Pubertät Ihrer Kinder vorzubereiten. Denn die Entscheidung, wie Sie Ihr Kind durch die Pubertät begleiten wollen, fällt jetzt – nicht erst dann, wenn Sie mit emotionsgeladenen Problemsituationen konfrontiert werden und nicht mehr klar denken können.

Vier Grundpfeiler einer tragfähigen Beziehung

Für uns als Verfasser und für zahlreiche andere Eltern hat es sich bewährt, ein Konzept für diese pubertäre Zeit zu haben. Es ist durchaus möglich, dass Ihr Konzept anders aussieht als unseres. Wir wollen kein fertiges Programm vorgeben. Vielmehr möchten wir einige Grundsätze weitergeben, die wir als hilfreich und Erfolg versprechend erlebt haben. Und wir möchten Ihnen sagen, dass diese Jahre tatsächlich zu den allerbesten werden können! Wir nennen diese vier tragenden Grundsätze

• Hinsehen

• Begleiten und loslassen

• Beziehung bauen

• Entspannen

Diese vier Prinzipien helfen Ihnen, eine gute Beziehung zu Ihren heranwachsenden Kindern aufzubauen. Eine Beziehung, die die Teenagerzeit überdauert und noch besteht, wenn Ihre Kinder längst erwachsen sind. Wir werden diese Prinzipien ausführlich erklären.

Hinsehen

Als wir endlich alle Antworten auf die Fragen unserer Kinder gefunden hatten, änderten sich ihre Fragen. Es schien, als müssten wir ständig unsere Sichtweise anpassen. Die paradoxe Aussage „Wir ändern uns, um dieselben zu bleiben“ trifft in besonderer Weise auf die Kunst des Elternseins zu. Die Art und Weise, wie wir mit unseren Kindern umgehen, verändert sich im Lauf der Jahre ständig. Unseren 8-Jährigen behandeln wir anders als das Kleinkind. Aber die Veränderung geschieht so allmählich, dass wir gar nicht merken, wie wir uns verändern, um weiterhin fürsorgliche und liebevolle Eltern sein zu können.

Mit dem Nahen der Teenagerzeit wird es noch wichtiger, dass wir uns verändern, um dieselben zu bleiben. Wenn wir alles schleifen lassen oder aber die Dinge zu schnell vorantreiben, können wir die Beziehung zu unserem Kind langfristig trüben. Wenn nun also die Teenagerjahre vor der Tür stehen, ist es an der Zeit, unsere Sichtweise neu zu überdenken und unsere „Jobbeschreibung“ als Eltern auf den aktuellsten Stand zu bringen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt im Familienleben ist es dringend erforderlich, einen Plan zu haben. Beginnen Sie damit, sich selbst, den Jugendlichen und auch die Beziehung zwischen Ihnen ganz ehrlich anzuschauen.

Begleiten und loslassen

Die Teenagerzeit ist der Einstieg in den Prozess des Erwachsenwerdens. Die Adoleszenz wird definiert als „Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein“. Wir müssen unsere Kinder darauf vorbereiten, eigene Entscheidungen zu treffen. Das bedeutet, dass wir ihnen allmählich mehr und mehr Entscheidungsfreiheit übertragen. Wenn sie achtzehn sind, sollten unsere Kinder in der Lage sein, eigenverantwortlich zu handeln, und dies können sie in der Zeit, in der sie noch zu Hause sind, üben und lernen.

Ein Vater formulierte rückblickend: „Was bei uns schiefgelaufen ist, war Folgendes: Als die Kinder dreizehn waren, habe ich versäumt, ihnen klarzumachen, dass wir sie nicht kontrollieren, sondern anleiten wollten, damit sie sich entfalten können.“

Die Herausforderung für uns Eltern besteht darin zu lernen, unsere Kinder loszulassen, damit sie allmählich erwachsen werden können. Wir selbst haben für diesen Prozess vor allem zwei „Instrumente“ als Hilfen empfunden: Unser Projekt „Teen Prep“ und die „Jahresbox“. Wir werden auf beides noch ausführlich eingehen.

Ein wichtiger Aspekt des Loslassens betrifft die eigene innere Haltung. Viele Eltern (und die guten oft ganz besonders) haben große Mühe, ihre Kinder emotional loszulassen. Sie empfinden ihre Kinder als eine Art externen Teil von sich selbst. Wenn die Teenager tun, was die Eltern wollen, fühlen sich die Eltern erfolgreich. Wenn nicht, dann nicht. In dieser Situation wird es für die Eltern fast unmöglich, im besten Interesse des Kindes zu denken, zu fühlen, zu handeln und zu sprechen. Es geht ihnen dann mehr darum, das Kind dazu zu bringen, ihren Erwartungen zu entsprechen, als es in seiner Entwicklung möglichst optimal zu unterstützen. Seien Sie an diesem Punkt besonders wachsam. Fragen Sie sich gelegentlich: Geht es mir jetzt um das Wohlergehen des Kindes oder um mein eigenes?

Beziehung bauen

Wenn der „Ablösungsplan“ ausgearbeitet ist, sollten Sie einen prüfenden Blick auf die größten Hindernisse werfen, die die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrem Teenager blockieren. Was erschüttert den Hausfrieden und lässt die Funken fliegen? Handy, Computerspiele, Facebook, das Internet, Frisur, Make-up, Kleidung, Musik, Zimmer, Hausaufgaben, Zeit mit Familie und Freunden? Sie werden sich fragen müssen: „Welche Bereiche sind wirklich wichtig? Wie mein Kind sich anzieht? Die Musik, die es hört? Die inneren Grundhaltungen und Überzeugungen? Die Fähigkeit, nicht alles mitzumachen, was die Klassenkameraden tun? Sich von Drogen fernzuhalten? Sich nicht zu früh auf sexuelle Abenteuer einzulassen?“ Eltern investieren so viel Zeit in die Bemühungen, das äußere Erscheinungsbild ihrer Kinder zu perfektionieren. Wir müssen uns entscheiden, wo für uns die Prioritäten liegen. Denn man kann nicht alles zur Staatsangelegenheit erklären. Wir müssen das Primäre beachten, damit das Sekundäre nicht plötzlich primär wird!

Wir werden einige reale Begebenheiten schildern und ein paar Grundsätze weitergeben, die Ihnen helfen, die wichtige Frage zu beantworten: „Worauf kommt es mir in unserer Familie wirklich an? Was ist primär und was ist sekundär?“ Schließlich werden Sie auch noch eine andere Frage zu beantworten haben: „Entspricht die Art und Weise, wie ich täglich mit meinen Kindern umgehe, diesen Hauptanliegen? Oder nörgle ich ständig wegen der zweitrangigen Dinge herum – und mache diese Dinge so für meine Kinder zum Wichtigsten?“ Wenn jede zweite Aussage mein Kind zurechtweist oder ihm sagt, was es noch besser machen könnte, ist es unmöglich, meine wichtigste Botschaft (nämlich dass ich es liebe) zu vermitteln.

Entspannen

Entspannt zu bleiben, wenn man sich für etwas verantwortlich fühlt, worüber man keine Kontrolle hat, ist nicht leicht. Während der Pubertät unserer Kinder erinnerten wir uns gern an das bekannte Gebet: „Herr, gib mir die Gelassenheit, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Eine Teilnehmerin in einer Elterngruppe stellte fest, dass sie immer wieder auf diesen Spruch schaute, der in dem Raum, in dem sich die Gruppe traf, an der Wand hing. Sie wusste, dass er stimmte, aber sie wollte nicht zugeben, dass es in ihrem Leben Dinge gab, die sie nicht kontrollieren konnte. Nach und nach entdeckte sie, dass so vieles in ihrem Leben sich ihrer Kontrolle entzog, dass sie einfach den Schritt zum Glauben wagen musste. Wir werden etwas genauer anschauen, was wir im Leben unserer Teenager noch beeinflussen können und wie wir uns (mit Gottvertrauen) zurückziehen und entspannen können, wo wir keine Kontrolle und Verantwortung mehr haben.

Wird es etwas bringen?

Vielleicht fragen Sie sich, ob ein Buch Ihnen tatsächlich helfen kann, Ihre Kinder gut durch die Teenagerzeit zu begleiten. Natürlich können wir keine Garantien geben. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen – und nicht immer gibt es dramatische Veränderungen. Trotzdem sind wir überzeugt, dass Eltern, die eine gute Beziehung zu ihrem Kind aufbauen, die Stürme der Pubertät besser überstehen. Wir hoffen, dass dieses Buch Sie ermutigen wird und durch die vielen praktischen Beispiele helfen kann, in dieser turbulenten Zeit mit Ihren Teenagern in Verbindung zu bleiben. (Vielleicht möchten Sie sogar selbst eine Gruppe für Eltern von Teenagern bilden und dieses Buch als Diskussionsgrundlage verwenden?)

TIPP

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Wenn Sie ernsthaft daran interessiert sind, eine gute Beziehung zu Ihrem Teenager aufzubauen, dann beginnen Sie damit – sofort!

2

Teil

Hinsehen

Eine Bestandsaufnahme
der Beziehung
zu Ihrem Kind

Kapitel 2

Idealer Teenager gesucht

„Ich möchte wissen, was in unsere Tochter gefahren ist, seit sie zwölf geworden ist. Bis vor Kurzem hatten wir eine ausgeglichene, warmherzige Mutter-Tochter-Beziehung; jetzt hat sie sich auf einmal in einen Vulkan verwandelt, der jeden Augenblick auszubrechen droht“, seufzte eine Mutter in der Elterngruppe.

„Als Peter zwölf war, lief es fantastisch. Aber seit er dreizehn ist, scheint er sich rückwärts zu entwickeln statt nach vorn. Und da soll man nicht die Hoffnung verlieren?“, fragte ein Vater.

Vielleicht können Sie die Gefühle dieser Eltern gut nachempfinden.

Die Schwierigkeit zu erkennen, was mit unseren Teenies und Jugendlichen los ist, besteht darin: Wenn wir es endlich herausfinden, haben sie sich schon wieder um 180 Grad gedreht. Das Einzige, auf das Sie sich in der Pubertät mit Sicherheit verlassen können, ist ständige Veränderung!

Nichts bleibt, wie es war

Claudia erinnert sich noch gut an ein Gespräch mit unserem Ältesten, kurz nachdem er vierzehn geworden war. „Sag mal“, fragte sie ihn, „bist du eigentlich mit deinem Leben zufrieden?“

Er zuckte die Schultern, als ob ihn die Frage nicht sonderlich interessierte oder als ob er keine Antwort darauf wüsste, aber schließlich sagte er doch: „Na ja, die Lehrer, meine Freunde und auch so die Welt im Allgemeinen finde ich nicht so gut.“

Claudia hielt diese Antwort für die typische desinteressiertdistanzierte Pose eines 14-Jährigen, darum bohrte sie ein wenig nach. „Und wie fühlst du dich selbst?“

Er musste lachen und sagte: „Ich bin der Einzige, der okay ist!“

Aber Claudia wollte es mit dieser leicht hingeworfenen Bemerkung nicht bewenden lassen. Es ging ihr wirklich darum, die Empfindungen ihres Sohnes zu verstehen. Nach einem Moment hakte sie noch einmal nach: „Wie ist es eigentlich so, ein Teenager zu sein?“

Jetzt wurde er ernst und sagte: „Ich finde es prima. Ich bin auf dem Weg, erwachsen zu werden, aber ohne die ganzen Pflichten und die Verantwortung, die damit verbunden sind, wie Geld verdienen und so was …“

Claudias Beharrlichkeit hatte sich schließlich doch noch ausgezahlt. Manchmal öffnen sich unsere Teenie-Kinder ganz von selbst; ein anderes Mal ist es Schwerstarbeit, ein echtes Gespräch zu führen. Unsere Kinder lernen, auf einer erwachseneren Ebene zu kommunizieren und sich auch selbst als erwachsener zu sehen; gleichzeitig können diese „erwachsenen“ Teenager aber noch liebend gern Cowboy und Indianer mit den jüngeren Geschwistern spielen. Das Problem, das sich für uns als Eltern stellt, ist: Wie sollen wir einen Heranwachsenden verstehen und akzeptieren, der wie ein Chamäleon jeden Tag die Farbe wechselt? Da war es ja noch einfacher, die Veränderungen zu akzeptieren, die sich normalerweise zwischen dem Säuglingsalter und der Kleinkindphase vollziehen! Sogar die Trotzphase war ja noch irgendwie kalkulierbar. Aber selbst im besten Fall ist es schwierig, unsere heranwachsenden Kinder verstehen zu wollen, die doch vorrangig damit beschäftigt sind, sich überhaupt selbst zu verstehen!

Vier Porträts von Jugendlichen

Nicht genug damit, dass sich das Verhalten unserer Jugendlichen von Tag zu Tag ändert – sie sind dazu auch noch untereinander vollkommen verschieden. Wenn Ihre Kinder so sind wie unsere, dann haben Sie sich vermutlich auch schon öfter gefragt, wie es möglich ist, dass Kinder derselben Eltern, die in derselben Umgebung und mit derselben Erziehung aufwachsen, so verschieden sein können. Einer unserer Söhne ist so diszipliniert und pflichtbewusst, dass er nicht nur sein eigenes Leben organisiert, sondern auch noch für alle anderen in seiner Umgebung Pläne macht. Ein anderer dagegen ist so phlegmatisch, dass man sich manchmal wundert, dass er morgens überhaupt aus dem Bett kommt. Und beide kommen aus derselben Familie.

Wir haben begonnen, die Verhaltensweisen unserer Kinder und die ihrer Freunde etwas genauer zu beobachten. Das Ergebnis waren vier Porträts von Jugendlichen (und drei dieser vier waren in unserem eigenen Haus repräsentiert).

Vielleicht stellen Sie beim Lesen fest, dass einer der beschriebenen Jugendlichen zu Ihrer Familie gehört. Immerhin ist es eine Hilfe, wenn man weiß, was uns erwartet, und sieht, dass die eigenen Kinder auch nicht schlimmer sind als andere in dem Alter.

Sara – der bunte Schmetterling

Sara ist beliebt in der Schule, immer fröhlich und gut gelaunt und hat viele Freunde. Wenn eine Party ins Haus steht, kann man sicher sein, sie dort zu finden; zumindest hat sie eine Einladung bekommen. Ihre quirlige Art ist eine Bereicherung für die ganze Familie, aber manchmal kann es einem auch zu viel werden! Ihr Handy ist schon fast an ihrem Ohr festgewachsen. Wenn sie gerade nicht telefonieren kann (etwa in der Schule), dann ist sie per SMS kommunikativ aktiv. Sie liegt ihren Eltern in den Ohren, ihr doch endlich ein iPhone zu kaufen, dann könnte sie ihre vielen Kontakte noch intensiver pflegen.