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Die Gleichnisse

Wie Jesus von Gott erzählt

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Bibeltexte sind entnommen aus der Übersetzung „Hoffnung für alle“
© 1983/1996 International Bible Society
Übersetzung: Brunnen Verlag Basel und Gießen
Alle Rechte vorbehalten

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Parables. Reliving the Stories of Jesus
© 1995 Serendipity House, Littleton, Colorado
Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Frank Grundmüller
Redaktion: Renate Hübsch

9. Auflage 2012

© 1997 Brunnen Verlag Gießen
Umschlagmotiv: Creativ Collection, Freiburg
Umschlaggestaltung: Ralf Simon
Satz: DTP Brunnen
ISBN 978-3-7655-0781-6
eISBN 978-3-7655-7065-0

Inhalt

Fragen zu diesem Kurs

Einführung in die Gleichnisse

Wie verläuft ein Treffen?

Das Gebet, das Gott hört
Lukas 18,9-14

Bei Gott zu Hause sein
Lukas 15,11-32

Wer bringt Frucht?
Markus 4,1-20

Vergebung kennt keine Grenzen
Matthäus 18,21-35

Das wichtigste Gebot
Lukas 10,25-37

Was im Leben zählt
Lukas 12,13-21

Die große Einladung
Lukas 14,15-24

Jesus fordert alles – ist das zuviel?
Lukas 14,25-35

Gott kommt zu seinem Ziel
Markus 12,1-12

10  Beauftragt zu handeln
Matthäus 25,14-30

11  Gott rechnet anders
Matthäus 20,1-16

12  Bereit sein, wenn Gott kommt
Matthäus 25,1-13

13  Die letzte Entscheidung fällt Gott
Matthäus 13,24-30.36-43

Verzeichnis der Abkürzungen

Altes Testament

1Mo

1. Buch Mose

2Mo

2. Buch Mose

3Mo

3. Buch Mose

4Mo

4. Buch Mose

5Mo

5. Buch Mose

1Sam

Erstes Buch Samuel

Est

Das Buch Ester

Ps

Psalmen

Spr

Sprüche Salomos

Jes

Der Prophet Jesaja

Jer

Der Prophet Jeremia

Neues Testament

Mt

Matthäusevangelium

Mk

Markusevangelium

Lk

Lukasevangelium

Joh

Johannesevangelium

Röm

Römerbrief

1Kor

1. Korintherbrief

2Kor

2. Korintherbrief

Gal

Galaterbrief

Eph

Epheserbrief

Phil

Philipperbrief

Kol

Kolosserbrief

1Thes

1. Thessalonicherbrief

2Thes

2. Thessalonicherbrief

1Tim

1. Timotheusbrief

2Tim

2. Timotheusbrief

Tit

Titusbrief

Phlm

Philemonbrief

1Petr

1. Petrusbrief

2Petr

2. Petrusbrief

1Joh

1. Johannesbrief

2Joh

2. Johannesbrief

3Joh

3. Johannesbrief

Hebr

Hebräerbrief

Jak

Jakobusbrief

Jud

Judasbrief

Offb

Offenbarung des Johannes

Fragen zu diesem Kurs

ZIELSETZUNG

1. Worum geht es in diesem Kurs? Um drei Ziele, die gleichermaßen wichtig sind.

a. Nahrung – „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Nur wer Gottes Wort in sich aufnimmt, kann als Christ wachsen.

b. Unterstützung – Die Teilnehmer werden sich besser kennenlernen und durch das Gespräch über biblische Texte zu einer tragfähigen Gemeinschaft zusammenwachsen.

c. Wachstum – Dieser Kurs wendet sich auch an Menschen, die bisher mit der Bibel wenig in Berührung gekommen sind. Die Teilnehmerzahl soll anwachsen, bis eine Teilung nötig wird. Beide neuen Kreise sollen wieder wachsen bis sie zu groß sind und sich teilen – und so weiter.

TEILNEHMER

2. Für wen soll dieser Gesprächskreis sein?

• Für Menschen, denen Kirche und Glauben fremd geworden sind, die aber nach einem neuen Zugang zum Glauben suchen.

• Für Menschen, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben und eine Gruppe suchen, die Unterstützung und Zusammenhalt bieten kann.

• Für Menschen, die von einer Kirche oder deren Gliedern enttäuscht worden sind und dennoch ihren Glauben nicht aufgeben wollen.

• Für Menschen, die angesichts vieler Unsicherheiten nach einer tragfähigen Hoffnung suchen.

• Für Menschen, die Ihnen beim Lesen dieser Aufzählung in den Sinn kommen.

DER ERSTE SCHRITT

3. Wie sollen wir anfangen? Machen Sie sich eine Liste mit den Namen, die Ihnen jetzt als mögliche Teilnehmer einfallen. Suchen Sie sich einen Platz, an dem Sie die Liste täglich vor Augen haben. Lassen Sie sie dort, bis Sie alle, die Sie auf Ihrer Liste notiert haben, gefragt haben, ob sie Interesse an einem solchen Gesprächskreis haben.

DAS ERSTE TREFFEN

4. Was geschieht beim ersten Treffen? Sie treffen eine Entscheidung über eine freiwillige Abmachung. Sie faßt Ihre Erwartungen und „Spielregeln“ für die Gruppe zusammen.

SPIELREGELN

5. Wie entsteht die Abmachung? Sprechen Sie über die nachfolgenden Fragen und notieren Sie die Punkte, bei denen Sie Einigung erzielen. So können Sie am Ende des Kurses gut beurteilen, ob Sie Ihre Ziele erreicht haben.

• Was ist der Zweck Ihrer Treffen?

• Wie oft wollen Sie sich treffen? (Dieser Kurs bietet Ihnen Gesprächsanregungen für 13 Treffen. Wenn Sie danach weiterhin zusammenkommen wollen, verlängern Sie einfach Ihre Abmachung.)

• Wo wollen Sie sich treffen?

• Um welche Uhrzeit sollen die Treffen beginnen und wie lange sollen sie dauern?

• Möchten Sie Getränke und etwas zum Knabbern bereitstellen? Wer ist dafür zuständig?

ZEITLICHER RAHMEN

6. Wie lange dauert ein Treffen? Die Mindestzeitangaben für die einzelnen Bausteine des Treffens sind für Gruppen gedacht, die nur eine Stunde zusammensein können. Wenn Sie mehr Zeit zur Verfügung haben, verlängern Sie die angegebenen Zeiten einfach entsprechend.

STARTPHASE

7. Warum beginnt der Kreis mit nur 13 Wochen Dauer? Weil es leichter ist, sich für einen überschaubaren Zeitraum für eine Sache zu entscheiden und sie wirklich durchzuhalten, als eine Verpflichtung auf unbestimmte Zeit einzugehen. Wenn Sie den Kurs anschließend verlängern wollen – um so besser.

GESPRÄCHSINHALT

8. Was wird bei den Treffen besprochen? Auf der Seite 3 finden Sie eine Übersicht über die Texte und Themen.

BIBELKENNTNIS

9. Und wenn jemand in der Gruppe wenig von der Bibel weiß? Prima! Dafür ist die Gruppe ja da. Die ERLÄUTERUNGEN geben Ihnen Hinweise zum Verständnis größerer Zusammenhänge, einzelner Ausdrücke, geschichtlicher Hintergründe oder wichtiger Personen im Text. Greifen Sie immer dann auf die Erläuterungen zurück, wenn der Sinn des Textes sich nicht von selbst erschließt.

„HAUSAUFGABEN“

10. Was muß ich sonst noch tun? Nichts, wenn Sie nicht wollen. Aber Sie können über das hinausgehen, was in der Gruppe besprochen wird. Nicht immer werden Sie alle Erläuterungen gemeinsam in der Gruppe lesen und diskutieren können. Wenn Sie die Zusatzinformation voll ausschöpfen möchten, haben Sie dafür zwei Möglichkeiten:

a) Lesen Sie Text und Erläuterungen vorbereitend zu Hause. Oder:

b) Vertiefen Sie das Gespräch über einen Text nachbereitend, indem Sie den Text noch einmal im Zusammenhang lesen und sich Zeit nehmen, die Erläuterungen zu studieren.

Wenn Sie sich mit einem längeren Buch der Bibel beschäftigen, wird es nur in Ausschnitten behandelt werden können. Sie könnten dann den Vorschlägen zur Lektüre folgen, um einen größeren Überblick zu erhalten.

DER TRAUM

11. Der Traum, der dahintersteckt: Menschen finden sich zusammen, um zu einer tragfähigen Gemeinschaft zu werden, in der jeder eine Heimat findet und in seinen Freuden und Schwierigkeiten angenommen ist. Menschen kommen zusammen, reden über ihr Leben und ihren Glauben und begegnen der Bibel – unabhängig davon, ob sie zu einer Kirche gehören oder nicht.

SERENDIPITY

12. Was heißt Serendipity? „Die Gabe, zufällig glückliche Entdeckungen zu machen“. Genau darum geht es bei dem Material für Kleingruppen, das vom Arbeitskreis Serendipity herausgegeben wird: Daß Menschen zusammenkommen, ihre Erfahrungen austauschen, der Bibel begegnen und dabei wertvolle Entdeckungen für ihr Leben machen – möglicherweise sogar ganz unvermutet.

Einführung in die Gleichnisse

„ Was er ihnen von Gott zu sagen hatte, erklärte er ihnen durch Beispiele“ (Mk 4,2).

Jesus war ein Meister im Erzählen. Egal, zu wem er sprach – zu einer großen Volksmenge, im kleinen Kreis mit seinen Jüngern beim Essen oder zu seinen Gegnern, die ihn mit Fangfragen in eine Falle locken wollten – immer wieder erzählte er Geschichten, um etwas zu verdeutlichen.

Jesus benutzte natürlich auch andere Methoden. Er kommentierte Bibelverse, hielt Predigten, provozierte durch spitze Fragen und erörterte wichtige Themen im Gespräch mit Gruppen und einzelnen. Die Geschichten, die er erzählte, hatten aber etwas Einzigartiges. In einfachen Worte brachten sie eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck. Es kam vor, daß Menschen von einer solchen Geschichte so betroffen waren, daß sie spontan ihr Leben änderten. Andere gerieten in Zorn oder ärgerten sich, wenn sie erkannten, was eine Gleichnisgeschichte über sie selbst oder über Jesus sagte.

Diese Geschichten – die wir als „Gleichnisse“ kennen – haben bis heute nichts von ihrer lebensverändernden Wirkung verloren. Wie damals die ersten Hörer fordern sie bis heute auch uns dazu heraus, unser Verhältnis zu Gott zu überdenken.

Wir wollen uns in diesem Heft mit dreizehn bekannten Gleichnissen Jesu beschäftigen. Dazu ist es hilfreich, zu wissen, was man über die Gleichnisse im allgemeinen sagen kann: über ihre Bedeutung, ihr Ziel und was man berücksichtigen muß, um sie zu verstehen.

Was ist ein Gleichnis?

„Gleichnis“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes parabole (Parabel), wörtlich übersetzt etwas, das man entlang oder neben etwas hinwirft. Das Gleichnis stellt also zwei Dinge nebeneinander. In den Evangelien werden oft Dinge oder Handlungen des Alltags benutzt, um Aussagen über das Reich Gottes zu verdeutlichen. Ein Gleichnis ist aber mehr als ein Beispiel, das man verwendet, um eine Aussage anschaulich zu machen. Ein Beispiel hat nur eine Hilfsfunktion. Es verdeutlicht nur noch einmal, was ohnehin schon in Thesen oder direkter Aussage vorgebracht wurde. Das Gleichnis dagegen ist selbst die eigentliche Botschaft. In bildlicher Sprache vermittelt es eine Erkenntnis über Gott und sein Reich – und fordert eine Reaktion heraus.

Gleichnisse können ganz unterschiedlich aussehen. Der Formenreichtum der neutestamentlichen Gleichnisse reicht vom Einzeiler („Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken“, Mk 2,17) bis zur ausführlichen Erzählung wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Die Gleichnisse sind keine Erfindung Jesu. Auch im Alten Testament und den Schriften der jüdischen Rabbinen vor der Zeit Jesu finden sie sich. Dennoch haben die Gleichnisse Jesu ihren ganz eigenen Charakter und ihre eigene Botschaft.

Die Vielfalt an Gleichnisformen und ihre unterschiedlichen Ziele erschweren eine umfassende Definition. Die folgenden Beschreibungen bieten aber gute Anhaltspunkte.

Ein Gleichnis ist:

• ein bildlicher Ausdruck oder Vergleich aus der normalen Alltagserfahrung oder der Natur, der durch seine Lebendigkeit oder Ungewöhnlichkeit Aufmerksamkeit weckt. Er verwundert und reizt dadurch die Hörer zu eingehendem Nachdenken darüber, was genau ausgesagt wurde.

• eine einprägsame bildhafte Form theologischer Aussagen, die nach Antwort verlangt, weil sie eine Wahrheit über das Reich Gottes offenbart oder darüber, was es heißt, Bürger dieses Reiches zu sein.

Die Absicht der Gleichnisse

Beide Definitionen machen deutlich, welch großen Wert Jesus auf eine Reaktion auf seine Gleichnisse gelegt hat. Gleichnisse sind nicht einfach Geschichten, die (etwa wie die Fabeln Aesops) moralisches Handeln propagieren, um den Hörer zu einem besseren Menschen zu machen. Sie sind auch keine Rätselworte (wie im Zen-Buddhismus), die den Verstand „aus den Angeln heben“ wollen, um den Hörer für neue Bewußtseinsebenen zu öffnen. Statt dessen wollen sie, wie die zweite Definition zeigt, dem Hörer etwas über das Reich Gottes offenbaren und ihn zu einer Reaktion auf die Person und den Auftrag Jesu bewegen. Sie beschreiben das Leben unter der Herrschaft Gottes und die Wesensart Jesu. Damit fordern sie die Hörer auf zu einer Entscheidung: Wie wollt ihr euer Leben führen, nachdem ihr Jesus begegnet seid, der die Gesetze des Reiches Gottes verkörpert? Wäre Jesus nur ein jüdischer Handwerker gewesen, der ein moralisches Leben gepredigt hätte, hätte ihn niemand kreuzigen wollen. In den Gleichnissen spricht Jesus aber von einem neuen Lebensprogramm, das allem Bisherigen entgegentritt.

Es wird immer wieder gesagt, daß die Gleichnisse dazu dienten, schwierige Wahrheiten verständlicher zu machen. Bei genauerem Hinsehen sind die Gleichnisse allerdings gar nicht so leicht verständlich. Sie enthalten oftmals eine unerwartete Wende, die die Hörer überraschte und eine althergebrachte Meinung erschüttern sollte:

• Ein Samariter, der von orthodoxen Juden verachtet und als vor Gott unwürdig angesehen wurde, wird plötzlich zum Vorbild, obwohl in der Geschichte auch ein angesehener jüdischer Priester und ein Tempeldiener vorkommen (Lk 10,25-37).

• Ein märchenhaft reicher orientalischer Herrscher, der sonst nur um seinen Besitz und seine Macht besorgt ist, erläßt einem seiner Schatzmeister, der königliches Hab und Gut veruntreut hat, einfach seine Schulden (Mt 18,21-35).

• Jemand feiert ein großes Fest wegen eines einzelnen Schafes, das sich verlaufen hatte und wiedergefunden wurde (Lk 15,1-10).

Jesus wußte, daß alle diese Dinge in den Ohren seiner Hörer keineswegs normal waren. Gerade das Überraschungsmoment machte die Gleichnisse so effektiv. Die Gleichnisse ähneln kleinen Raketen. Sie haben unterschiedlich lange „Zündschnüre“, aber früher oder später befördern sie die Hörer auf eine neue Ebene, auf der man mehr über Jesus und sein Reich versteht. Durch das Gleichnis wird das Normale in Frage gestellt, und plötzlich erkennt man überrascht, daß man ja auch einmal etwas ganz anderes denken könnte.

Das Anliegen der Gleichnisse läßt sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Das Interesse Jesu gilt hauptsächlich drei Themen: der Gnade Gottes, den Anforderungen der Nachfolge und den Folgen der Nichtbeachtung dieser Botschaft.

2. Das zentrale Thema, das alle Gleichnisse Jesu durchzieht, ist das Reich Gottes. Es wird beschrieben als sowohl gegenwärtig als auch zukünftig. Es umfaßt persönliche und gesellschaftliche Veränderungen. Es ist die dynamische und kraftvolle Offenbarung Gottes, die darin erfolgt, daß Gott selbst sein Reich aufrichtet, indem Menschen, die Jesus in allen Bereichen ihres Lebens dienen wollen, zu einer neuen Gemeinschaft zusammenfinden.

3. Die Gleichnisse werfen die Frage nach der Identität Jesu auf: Wer ist der, der durch Gleichnisse den Anspruch erheben kann, Sünden zu vergeben, den gesellschaftlich Geächteten den besonderen Segen Gottes zuzusagen und den Richterspruch im Jüngsten Gericht vom Verhältnis zu seiner Person abhängig zu machen?

4. Jesus beansprucht mit seinen Gleichnissen unausgesprochen göttliche Autorität. Er setzt sich oft gleich mit den Autoritätsträgern in seinen Geschichten; und für jüdische Ohren setzte er sich damit an Gottes Stelle. Seine Zuhörer konnten diesen Anspruch entweder akzeptieren und Jesus als Messias verehren, oder sie mußten seine Worte als Gotteslästerung und schlimmste Irrlehre verwerfen. Für eine distanzierte Bewunderung seiner Gedanken ließen seine Gleichnisse aber keinen Raum. Sie machten die Hörer entweder zu Jüngern oder aber zu Gegnern Jesu. Dies ist im Grunde bis heute so geblieben.

Zur Auslegung der Gleichnisse

Lange Zeit hielt man die Gleichnisse für kunstvoll geformte Allegorien, in denen jedes kleinste Detail eine tiefere Bedeutung hat, die entschlüsselt werden muß. In der Tat hat Jesus bei einigen wenigen Gleichnissen auch Details eine Bedeutung beigelegt (vgl. Mt 13,24-30.36-43). Manche Ausleger haben daraufhin Gleichnisse so detailliert ausgelegt, wie es die ursprünglichen Hörer nie hätten verstehen können. Die Gefahr einer solchen Auslegungsmethode liegt darin, daß sie Raum gibt für eine Menge von Spekulationen, mit denen man sich von der ursprünglichen Aussageabsicht Jesu entfernt. Die allegorische Auslegung wurde vor allem von den Reformatoren abgelehnt. Luther, Calvin und andere bemühten sich statt dessen, die Gleichnisse vor dem Hintergrund des gesamten Auftretens Jesu und seiner Sendung zu verstehen. Aber auch ihnen fiel es an einigen Stellen schwer zu verstehen, was Jesus gemeint hatte. Erst im 19. Jahrhundert begannen die Theologen, die Gleichnisse im Licht der sich entwickelnden historischen und kulturellen Forschung über die Zeit Jesu zu verstehen.

Seither hat man in Abwehr der wild wuchernden und zum Teil recht skurrilen allegorischen Auslegungen behauptet, daß Gleichnisse nur einen einzigen Vergleichspunkt besitzen, der irgendwie auf das Reich Gottes zielt. Obwohl dies eine nötige Korrektur war, betonen heute einige Ausleger, daß diese Sicht zu stark eingeschränkt sei. Sie sprechen sich für eine Mehrzahl von Deutungen aus. Nicht in dem Sinne, daß allegorische Phantasieauslegungen entstehen, sondern daß die unterschiedlichen Charaktere und Situationen des Gleichnisses auch mehrere Themen oder theologische Aspekte ansprechen können und nur in ihrem Zusammenspiel die Gesamtaussage des Gleichnisses ergeben. Das Ziel der Gleichnisse ist aber immer, den Hörer zu einer Reaktion zu bewegen.

Bei der Auslegung der Gleichnisse sollten folgende Leitfragen beachtet werden:

1) An wen ist das Gleichnis gerichtet? Spricht Jesus zu den Pharisäern und Schriftgelehrten, zur Volksmenge oder zu seinen Jüngern? Die Bedeutung des Gleichnisses hängt davon ab, wem es gesagt ist. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) bekommt seine eigentliche Bedeutung erst, wenn man sich vor Augen hält, daß es einer Gruppe von Pharisäern erzählt wurde, denen schon der bloße Gedanke an einen Kontakt mit Sündern großes Unbehagen bereitete. Auf diesem Hintergrund ist die Reaktion des älteren Bruders am Ende der Geschichte entscheidend. Einerseits erzählt das Gleichnis von Gottes überwältigender Gnade dem Sünder gegenüber; andererseits fordert das Gleichnis durch seinen offenen Ausgang die zuhörenden Pharisäer (die dem älteren Bruder ähneln) heraus.

2) In welchem Textzusammenhang steht das Gleichnis? Der Textzusammenhang, in dem ein Gleichnis erzählt wird, gibt oftmals Hinweise auf seine Deutung. Z.B. bekommt das Gleichnis vom großzügigen Schuldenerlaß (Lk 7,41-42) seinen Sinn, wenn man berücksichtigt, daß es mitten in einem Bericht über die Begegnung Jesu mit einer Prostituierten und einem Pharisäer steht. Durch den Zusammenhang wird klar, daß das Gleichnis ein strenger Tadel für die mangelnde Gottesliebe des Pharisäers ist. Zugleich zwingt es den Hörer, Fragen über die Person und die Autorität Jesu zu stellen. Er stellt sich ja deutlich an die Stelle dessen, der gewaltige Summen von Schulden erläßt.

3) Was wissen wir über den geschichtlichen und kulturellen Hintergrund? Hierbei geht es nicht nur darum, Bräuche und Sitten der damaligen Zeit zu verstehen (wie z.B. Menschen sich zur Zeit Jesu kleideten oder wie man reiste), sondern sich auch mit ihren Wertmaßstäben und Umgangsformen vertraut zu machen. Wir denken uns heute kaum etwas dabei, wenn wir einen älteren Mann rennen sehen. Entweder treibt er gerade Sport, oder er will seinen Bus nicht verpassen. Im Vorderen Orient geht der ältere Mann stets langsam als Ausdruck seiner Würde. Auch dieses Wissen verdeutlicht einen Aspekt des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, in dem der Vater seinem Sohn entgegenrennt, um ihn willkommen zu heißen.

4) Welche Symbole und Bilder enthält der Text und was war ihre Bedeutung für die ursprünglichen Hörer? Diese Fragestellung führt tief in die Vorstellungswelt der damaligen Hörer hinein. Wenn wir heute etwas über den Nikolaus hören, dann sind für deutsche Ohren damit ganz bestimmte Assoziationen verbunden. Bei einem Chinesen, der in Peking aufgewachsen ist, lösen dieselben Worte nicht dieselben Gefühle, Bilder oder Gedanken aus, weil der Nikolaus in der chinesischen Kultur keine Rolle spielt. Wir erfassen nicht unmittelbar einen symbolischen Gehalt, weil wir in einer kulturell anderen Welt leben. Es erfordert viel Arbeit, sich diese Feinheiten einer Kultur anzueignen.

5) Welche Reaktion sollte das Gleichnis bei den damaligen Hörern auslösen? Wenn wir erkennen, welche Auswirkungen das Gleichnis auf die ersten Hörer haben sollte, wissen wir auch, welchen Effekt es bei uns heute erzielen will. Der Kirchenvater Augustin legte z.B. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter dahingehend aus, daß es betonte, wie wichtig es sei, zur Gemeinde Jesu zu gehören, um gerettet zu werden. Aus der Rahmenerzählung des Gleichnisses (Lk 10,25-29.36-37) wird aber klar, daß es darauf abzielt, als Mitmensch zu handeln. So wichtig auch die Gemeinde ist, sie ist an dieser Stelle einfach nicht das Thema Jesu.

6) Um welches theologische Thema geht es? Die Gleichnisse machen Aussagen über Gott und das Handeln der Menschen in Beziehung zu ihm. Wenn das Verständnis der Hörer und die Wirkung der Worte auf sie klar sind, gilt es zu bedenken, welche grundsätzlichen Aussagen über Gott und die Nachfolge Jesu gemacht werden.

So geht etwa das Gleichnis in Lk 17,1-10 davon aus, daß Gott vom Glaubenden offensichtlich erwartet, daß dieser ihm wie ein Diener gehorcht und daß die Erlösung ein Geschenk ist und nie eine verdiente Belohnung für das Handeln des Menschen. Der Mensch, auch wenn er glaubt, hat keinerlei Rechtsansprüche an Gott. Außerdem wird Gott dadurch gedient, daß man Jesu Worten gehorcht.

*

Vielleicht haben Sie angesichts dieser Leitfragen den Eindruck, daß es wohl unmöglich sei, die Gleichnisse überhaupt zu verstehen. Schließlich wissen die wenigsten von uns heute, welche Vorstellungen und welcher Alltag vor ca. 2000 Jahren die jüdische Landbevölkerung geprägt hat. Glücklicherweise ist dem in zweierlei Hinsicht leicht abzuhelfen.