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Karen Kingsbury

Zurück zu dir

Deutsch von Dorothee Dziewas

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Originaltitel: Shades of Blue
© 2009 by Karen Kingsbury.
Originalausgabe bei The Zondervan Corporation L.L.C., 2009
Published by arrangement with The Zondervan Corporation L.L.C.,
a subsidiary of HarperCollins Christian Publishing, Inc.; Grand Rapids,
Michigan 49530.
Alle Rechte vorbehalten.

Bibelzitate folgen, wo nicht anders angegeben,
der Übersetzung Hoffnung für alle®.
Copyright 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™.
Verwendet mit freundlicher Genehmigung von Fontis – Brunnen Basel.

Die Wiedergabe von Matthäus 5,23-24 in Kapitel 20 erfolgt nach dem
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen,
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

© der deutschsprachigen Ausgabe: 2015 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger
Umschlagmotiv: shutterstock
Satz: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7655-0938-4
eISBN 978-3-7655-7351-4

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

1

Es fiel Brad Cutler für gewöhnlich nicht schwer, den richtigen Slogan zu finden, aber diesmal kam er nicht recht weiter. Sein jetziger Auftrag galt dem Internetauftritt von Kotton Kids, einem angesagten Label für Kinderkleidung, und war eine lukrative Kampagne mit einem Topprodukt, das ihm eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten dürfte.

Er starrte aus dem Fenster und versuchte sich zu konzentrieren. Der atemberaubende Ausblick von seinem Büro im einundzwanzigsten Stock des Westmont-Gebäudes mitten in New York City war nicht gerade dazu angetan, sich heimelige Familienidylle vorzustellen, in der kuschelige Baumwollkleidung zum Einsatz kam. Aber das Chaos auf den Straßen von Manhattan war nicht das eigentliche Problem. Brad konnte überall arbeiten, und an diesem Tag hätte es ihm eigentlich besonders leichtfallen müssen, eine Kampagne zu entwerfen. Sein Büro war nicht mehr wiederzuerkennen vor lauter fließenden pastellfarbenen Stoffen, Spieluhrmusik zum Einschlafen und Kinderbildern in Plakatgröße – alles dazu gedacht, ihn aus dem hektischen Alltag der Stadt in eine andere Welt zu entführen.

Eine Welt voller Babys und voller Neuanfänge.

Brad wandte sich vom Fenster ab und stützte sich auf den Tisch aus massivem Walnussholz, der die gesamte Mitte des geräumigen Büros einnahm. Es spielte keine Rolle, dass er keine persönliche Erfahrung mit Babys hatte. Dieser Auftrag sollte ein Kinderspiel für ihn sein. Er glaubte an das Produkt – Kotton Kids stellte Kleidung und Bettwäsche der Luxusklasse aus biologischer Baumwolle für verwöhnte Säuglinge und Kleinkinder her. Brad wusste, worum es bei dem Auftrag ging.

Aber zwischen dem Wissen, was er zu tun hatte, und seiner Fähigkeit, unvergessliche Werbeslogans zu kreieren, stand eine virtuelle Mauer; eine schroffe Wand, die Brad nicht erklimmen konnte, so sehr er sich auch bemühte. Und das Schlimmste war, dass es für dieses Hindernis keinerlei logischen Grund gab. Außer vielleicht einem. Ihm wurde flau im Magen und er schloss die Augen. An diesem Tag hatte er den Tanz der Schatten längst vergangener Tage gesehen, hatte das Flüstern einer Erinnerung vernommen, die aus einem alten, beinahe vergessenen Ort in seiner Seele aufstieg.

Er starrte aus dem Fenster, und das Gefühl war wieder da. Der schwache Geruch nach Sommersand an einem Strand in North Carolina, die Blautöne, wo Himmel und Meer verschwammen, und sie an seiner Seite. Eine Erinnerung, an die er seit Jahren nicht zu denken gewagt hatte.

Du verlierst den Verstand, Cutler, ermahnte er sich selbst. Was soll das alles mit deiner Werbekampagne zu tun haben? Hilf mir, mich zu konzentrieren, Gott. Er fuhr sich mit den Fingern durchs blonde Haar und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Beinahe Mittag. In wenigen Minuten würde sein Chef hereinkommen, um zu sehen, wie weit er war, und Brad hatte keine Ahnung, was er ihm sagen sollte. Randy James hatte ihm ein Projekt anvertraut, das das Unternehmen noch in diesem Jahr einen Riesenschritt voranbringen konnte – und eine rosige Zukunft verhieß.

Randy James. Sein Chef. Und in sechs Wochen auch sein Schwiegervater.

Er ging zum Ende des Tisches, wo verschiedene Baumwollprodukte zwei Stühle und den Tisch bedeckten. Die Stoffe waren in warmen, zarten Rosa- und Blautönen und Sandfarben gehalten. Er nahm eine kuschelige Decke in die Hand und fuhr mit dem Daumen über die Satinkante. Bis jetzt hatte er nur ein paar Werbeslogans zu Papier gebracht, und nichts davon begeisterte ihn wirklich. Babys haben Besseres verdient … Die Worte gingen ihm wieder durch den Kopf und er änderte sie. Ihr Baby hat etwas Besseres verdient. Das war schon dichter dran, aber noch nicht der Volltreffer, den er suchte. Weil Ihr Baby das Beste verdient … Er ließ die Worte einige Sekunden lang im Vorzimmer seines Herzens nachhallen.

Egal, wie er sich entschied, am Mittwoch würde der Geschäftsführer von Kotton Kids zur Präsentation hier im Büro erscheinen. Wenn er den Kunden nicht überzeugte, könnte Brad den Auftrag verlieren. Er hob die Decke und fuhr sich damit über die Wange. Unglaublich weich, wie eine warme Brise auf der Haut. Das Produkt war fantastisch. Wenn er diesen Auftrag vermasselte, war es allein seine Schuld.

Aber die Mauer blieb.

Sein Blick wanderte über die Tischplatte zu den Babyfotos. Acht Säuglinge, alle noch kein Jahr alt und in unterschiedlichen Haltungen abgelichtet, die für Babys typisch waren – krabbelnd, auf dem Rücken liegend, die Füße in der Luft, auf dem Arm einer Mutter. Brad stellte sich vor, wie Laura, seine Verlobte, ein Baby in einer Decke wie dieser auf dem Arm halten würde. Weil Liebe weich ist … die kuschelweiche Seite der Liebe … Er versuchte, sich die Worte auf den Seiten einer Zeitschriftenanzeige vorzustellen, aber stattdessen blieb sein Blick an den Augen eines Babys auf den Fotos hängen. Ein blondes kleines Mädchen, das auf unsicheren Beinchen an einem Couchtisch stand. Die Kleine blickte über die Schulter zurück, und nach den Wiegenliedern und der Decke und seiner Gemütsverfassung in den letzten Stunden kamen ihre unschuldigen Augen ihm beinahe bekannt vor. Er wandte seine Aufmerksamkeit einem kleinen Jungen zu, der über einen hochflorigen Teppich krabbelte, den Kopf erhoben, den Schalk in den Augen. Wie es wohl wäre, wenn einmal ein Baby ihn so ansähe?

Es klopfte scharf an der Tür. Brad blickte von dem Bild des kleinen Jungen auf und ließ die Decke auf den Tisch fallen. „Ja?“

Randy James öffnete die Tür und streckte breit grinsend den Kopf herein. „Kommst du mit zum Mittagessen? Im Two Times Square?“

„Ähm …“ Brad wollte Nein sagen. Es war Montag und er brauchte jede Stunde hier zwischen Baumwollkleidung und Babyfotos und Wiegenliedern und damit jede potenzielle Gelegenheit, einen genialen Werbespruch zu Papier zu bringen. Aber Randy fragte nicht alle Tage, und das Two Times Square war eines der besten Restaurants im Theater District. Das wiederum bedeutete, dass sein Chef einen Grund für die Einladung hatte. Es gab nur eine mögliche Antwort. Brad lächelte. „Klar.“ Er drückte die Fernbedienung, und die Musik verstummte. „Gerne.“ Er ging um den Tisch herum, nahm sein Jackett und folgte seinem Schwiegervater in spe. Sie konnten bei Fisch und Salat über die Kampagne sprechen. Vielleicht würde der Tapetenwechsel ihn auf andere Gedanken bringen, sodass er den Kopf frei hätte, wenn er wieder ins Büro zurückkam.

Oder vielleicht würde ein gutes Gespräch die Mauer zum Einsturz bringen.

Das Two Times Square befand sich über der Lobby des Renaissance Hotels. Von außen war das Restaurant ganz verglast und wirkte ruhig und elegant, und man hatte von dort einen Blick über den Times Square, der ebenso umwerfend wie unwirklich war. Innen war es, als hinge man in einer stillen Luftblase über dem verrückten Treiben unten auf der Straße. Der Oberkellner kannte Randy. Er führte sie sofort an einen Tisch, ohne dass sie warten mussten, und Randy bestellte, was er immer bestellte – eine Flasche San Pellegrino und einen Krabbencocktail als Auftakt. Brad folgte seinem Beispiel mit dem Wasser, ließ aber die Vorspeise aus.

Randy wartete, bis sie beide volle Gläser hatten, bevor er einen ausgiebigen Schluck trank und die flache Hand auf die Tischplatte fallen ließ. „Noch sechs Wochen.“ Er lehnte sich zurück und strahlte Brad an. „In sechs Wochen hat die ganze Planerei ein Ende. Und Laura und du seid verheiratet.“

„In sechs Wochen.“ Brad wurde es etwas leichter ums Herz.

„Ich kann kaum noch denken, so aufgeregt bin ich.“ Randy lachte leise. „Kannst du fassen, dass es schon so weit ist?“

„Es kommt mir vor, als hätten wir gerade erst unsere Verlobung bekannt gegeben.“ Brad sah durch die Glasscheibe hinunter auf den Verkehr. Vielleicht war es das. Die Hochzeit. Das Planen und die Aufregung, der Countdown und der Kontakt zu seiner Familie zu Hause in North Carolina. Vielleicht störte das den kreativen Prozess. Die Hochzeit ging ihm nicht aus dem Kopf. Er würde das Mädchen seiner Träume heiraten – in einer minutiös vorbereiteten Zeremonie unter freiem Himmel. Im Anschluss war ein aufwendiger Empfang im großen Ballsaal des Liberty House am anderen Flussufer, gegenüber von Lower Manhattan, geplant. Dann würden sie auf Grand Cayman ihre Flitterwochen verbringen, und danach würde Laura in seine New Yorker Wohnung einziehen. Alle seine Träume würden in den nächsten Monaten wahr werden. Schöner konnte das Leben gar nicht sein.

Nein, die Hochzeit war nicht das Problem. Seine Liebe zu Laura James hatte ihn noch nie abgelenkt und tat es selbst jetzt nicht, wo der große Tag zum Greifen nah war. Er hob den Blick über die Hochhäuser, vorbei an den riesigen Leuchtreklamen mit ihren Lichtern und blinkenden Botschaften, die selbst bei Tageslicht hervorstachen. Wenn er zwischen Beton und Stahl hindurchblinzelte, konnte er ein Stückchen New Yorker Himmel sehen. Nie so blau wie der über Holden Beach. Er blinzelte und ein Lachen, das ihm früher einmal sehr vertraut gewesen war, flirtete irgendwie entfernt mit seinen Sinnen. Ohne Vorwarnung überfiel ihn plötzlich ein Gefühl von Heimweh. Stärker, als in den letzten vier Jahren im Frühjahr.

„Brad?“ Randy beugte sich ein wenig vor. In seinem Blick lag Besorgnis. „Du hast mir nicht geantwortet.“

„Tut mir leid.“ Ein kurzes Lachen, und Brad richtete sich auf. Er trank einen großen Schluck Wasser. „Du hast mich dazu gebracht, von der Hochzeit zu träumen. Ende Juni.“ Noch ein Lachen. „Ich kann es kaum erwarten.“

Randys Lächeln kehrte langsam zurück. „Ja.“ Er lehnte sich zurück und entspannte sich. „Es ist doch alles in Ordnung, oder? Du und Laura? Die Hochzeitspläne?“

„Alles bestens.“ Diesmal war es eine spontane und ehrliche Antwort. „Laura ist wundervoll. Ich bin der glücklichste Mann auf Erden.“

„Ihr habt beide das große Los gezogen.“ Randy nahm die Speisekarte zur Hand und starrte eine Minute lang mit gerunzelter Stirn darauf. „Kürbissuppe. Merkwürdige Wahl für Mitte Mai.“

Randy nahm das, was er immer aß – eine kleine Portion gegrillten Heilbutt mit gedünstetem Spinat. Brad nahm den kleinen Cäsar-Salat mit Hühnchen. Heute Abend würde er bei den James’ essen, nachdem Laura und ihre Mutter von den letzten Hochzeitsvorbereitungen zurückgekehrt waren. Brad konnte es sich nicht erlauben, zu satt zu sein.

Erst als sie ihre Teller halb leer gegessen hatten, legte Randy seine Gabel fort. „Wie läuft es mit Kotton Kids?“

Brad nickte langsam, während seine Gedanken sich überschlugen. „Ein fantastisches Produkt.“

„Auf jeden Fall. Hervorragend. Jetzt, wo alle auf Öko stehen, bei der Qualität der Materialien. Wenn wir die Werbekampagne richtig angehen, werden sie den Markt erobern.“

„Das sehe ich auch so.“

„Das muss ein Geniestreich werden.“ Randy tupfte sich die Mundwinkel mit der Leinenserviette ab. „Ich hab mir die Kollektion heute Morgen angesehen. Da freue ich mich noch mehr darauf, meinen ersten Enkel auf dem Arm zu halten. In einer Decke von Kotton Kids natürlich.“ Er lachte über seinen eigenen Witz.

Die Erwähnung eines Enkels war für Brad wie ein Schlag in die Magengrube. Er starrte einige Sekunden lang wortlos auf seinen Teller.

„Also“, sagte Randy und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Er wartete, bis Brad ihm wieder seine volle Aufmerksamkeit widmete. „Was hast du für Ideen?“

„Mehrere.“ Brads Herzschlag beschleunigte sich. Er trank noch einen Schluck Wasser. „Im Mittelpunkt der Kampagne wird die Weichheit des Materials stehen. Das Weiche rechtfertigt in diesem Fall die Kosten.“

„Das gefällt mir.“ Randy schien mit der Richtung einverstanden zu sein. „Am besten setzen wir uns morgen zusammen und gehen durch, was du hast. Bei der Sitzung am Mittwoch geht es um eine Vorbesprechung. Da brauchst du natürlich nicht mehr als einen grundlegenden Slogan und eine allgemeine Richtung für die Kampagne, damit die Leute von Kotton Kids zufrieden sind.“

„Genau.“

Sie aßen zu Ende und eine Limousine holte sie vor dem Renaissance Hotel ab, um sie ins Bankenviertel zurückzubringen. Zurück in seinem Büro, zog Brad sein Jackett aus, ging die vier Anrufe durch, die inzwischen eingegangen waren, und beantwortete sie. Den Anruf bei Laura hob er sich bis zum Schluss auf.

„Hallo.“ Er hörte seine Stimme weicher werden, sobald ihre Stimme am anderen Ende der Leitung erklang. „Wie war dein Vormittag?“

„Perfekt.“ Ihre Freude schlug ihm förmlich entgegen. „Wir haben die Tischdekoration im Liberty House ausgesucht. Es wird umwerfend, Brad. Wirklich. Und wir haben jede Menge Platz zum Tanzen.“ Sie hielt kaum lange genug inne, um Luft zu holen. „Und heute Nachmittag sehen wir uns noch einmal mein Kleid an. Ich wünschte, du könntest mitkommen.“

„Darf ich?“, neckte er sie. Er grinste.

„Natürlich nicht, du Schafskopf.“ Sie lachte. „Es ist nur … es ist einfach so schön.“

„Natürlich ist es das.“ Er konnte es kaum erwarten, sie nachher zu sehen. Wenn er sich vorstellte, wie sie in ihrem Hochzeitskleid aussehen würde, konnte er vielleicht seine Gedanken von dem weit entfernten Ort zurücklocken, an den sie offenbar immer wieder zu entschwinden beschlossen hatten. Es waren nur noch wenige Stunden, bis sie sich sahen, aber es dauerte ihm trotzdem zu lange. Er sehnte sich danach, sie in den Arm zu nehmen und ihre Hand in seiner zu spüren. „Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.“

„Geht mir auch so. Wir haben im Country Club mit dem Koch gesprochen. Er hat uns eine Liste zur Auswahl gegeben. Meeresfrüchte oder Steaks.

„Klingt gut.“ Er schloss die Augen und wünschte, die Stunden würden im Nu verstreichen, damit sie zusammen sein konnten. „Ich weiß schon, was ich haben will.“

„Ja? Was denn?“

„Dich.“ Seine Stimme klang bedeutungsschwer. „Dich und immer wieder dich. Nur dich.“

Er konnte beinahe hören, wie sie lächelte. „Hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie sehr ich dich liebe, Mr Cutler?“

„Sag es mir ruhig noch mal.“ Er drehte sich mit seinem Bürosessel und beobachtete das geschäftige Treiben auf der Straße unter ihm.

„Ich liebe dich, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind, und ich habe meinem Vater schon tausend Mal dafür gedankt, dass er damals diesen Grillabend für seine Mitarbeiter veranstaltet hat.“ Ein Lächeln lag in ihrer Stimme. „Du hast über deinen Glauben gesprochen und darüber, dass er das Wichtigste in deinem Leben ist.“ Sie holte schnell Luft. „Ich weiß nicht. Wir sind den Weg hinuntergeschlendert, und die Sonne ging hinter den Bäumen am Ende des Gartens unter. Und irgendwie wusste ich, dass ich dich für den Rest meines Lebens lieben würde. Weil wir an dieselben Dinge glauben, du und ich.“

Da war sie wieder, diese Nervosität. Brad schluckte mühsam und gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. „Ich glaube, ich wusste es sogar noch früher.“

„Wirklich?“

„Von Anbeginn der Zeit.“ Er konzentrierte sich auf das Bild von ihr, das er im Kopf hatte. „Erzähl mir von heute.“

Sie redeten noch ein paar Minuten über die Hochzeit. Laura versprach, ihm später die Einzelheiten darüber zu erzählen, was sie und ihre Mutter an diesem Tag organisiert hatten. „Geh wieder an die Arbeit. Ach, hab ich dir eigentlich erzählt, dass mein Dad dich für genial hält?“

„Oh“, lachte er. „Dann mache ich mich wohl wirklich besser an die Arbeit.“

„Und ich kümmere mich besser um mein Kleid.“

Sie legten auf und Brad griff nach der Fernbedienung. Sanfte Musik füllte den Raum erneut. Er würde es schaffen. In den nächsten zwei Stunden würde ihm ein Werbeslogan für Kotton Kids einfallen. Und damit würde er sich selbst beweisen, dass er wieder Oberwasser hatte. Zu den Klängen der Musik erhob er sich und schlenderte zurück zu den Bildern und den Produkten. Er fuhr mit der Hand über einen kuschelig aussehenden Strampler. Ein Babypyjama in Hellblau. Weicher als Luft.

Hmmm. Weicher als Luft? Er ließ die Worte auf sich wirken. Weil Liebe weicher sein sollte als Luft. Nein, es musste kürzer sein. Liebe ist weicher als Luft. Er blickte auf das Foto von dem kleinen Mädchen, das sich am Couchtisch festhielt. Das mit den vertraut wirkenden Augen. Weil Babyliebe weicher ist als Luft.

Diese Augen. Er wandte den Blick ab und die Worte blieben ihm im Hals stecken. Was hatte dieses Gesicht nur an sich? Er konnte das Mädchen unmöglich kennen. Er trat etwas näher, und einen Herzschlag später wusste er es. Es hatte nichts mit der Hochzeit zu tun oder mit dem Druck, der mit einem wichtigen Kundenauftrag verbunden war. Es waren die Babys. Und etwas anderes fiel ihm ein. Es war Mitte Mai, also gab es vielleicht einen anderen Grund, warum seine Gedanken immer nach Holden Beach zurückwanderten.

Er zog sein Telefon aus der Tasche, um das Datum zu überprüfen, und da war es. Der 15. Mai. Er hätte eher darauf kommen sollen. Er starrte das Telefon an und ließ sich dann mit geschlossenen Augen gegen die Wand seines Büros sinken. In einem Anfall von Emotionalität und Schmerz vergaß er alle Bilder auf dem Tisch. Heute war der 15. Mai. Und plötzlich gab es keine Werbekampagne mehr, kein Essen später am Abend, nichts außer der einen, unbestreitbaren Wahrheit, die von allen Seiten auf ihn einstürmte. Diese Wahrheit:

Heute wäre sie neun Jahre alt geworden.

2

Das fröhliche Geplapper von dreiundzwanzig Erstklässlern klang durch die Nachmittagsluft von North Carolina und mischte sich mit der Brise, die durch die offenen Fenster hereindrang und alle daran erinnerte, dass es bald Sommer war. Sehr bald.

Emma Landon sah ihre Schüler an und hob die Hand. „Schhh, wir erinnern uns: Es wird leise gearbeitet, in Ordnung?“

Die Kinder antworteten im Chor: „Ja, Miss.“ Sie hatten ein Arbeitsblatt vor sich, auf dem sie die fehlenden Buchstaben in einfachen Wörtern wie Hut oder gut einsetzen mussten. Alle außer Francesca Gianapoulos. Francesca war lange vor den anderen fertig gewesen und malte jetzt brav ein Pferdebild aus.

Emma ging zu Francescas Tisch. Die Jefferson-Grundschule ging in wenigen Wochen in die Ferien, und Emma fiel es immer schwer, sich von ihren Schützlingen zu verabschieden. Aber Francesca würde sie am meisten vermissen. Der dunkelhaarige kleine Engel mit der Strubbelfrisur und den großen braunen Augen war ein Sinnbild für das Leben. Ein Energiebündel, das weder auf dem Pausenhof noch im Klassenzimmer jemals aufgab.

„Dein Bild ist hübsch“, sagte Emma und kauerte sich neben dem süßen Mädchen hin. „Es gefällt mir, dass du so viele Farben verwendest.“

„Wissen Sie, warum?“ Francesca grinste zahnlos und ihre Augen funkelten.

„Warum?“

„Weil Gott uns so viele Farben gegeben hat, Miss. Darum.“

Gott. Emma bemühte sich, sich von dieser Bemerkung nicht die Laune verderben zu lassen. Stattdessen legte sie ihre Hand auf die von Francesca, sorgfältig bedacht, nicht zu viel Druck auszuüben. „Ich finde, du bist eine richtige Künstlerin, Francesca.“

Wieder lächelte das Mädchen mit tanzenden Augen. „Wenn ich Zeit habe. Ich klettere nämlich auch gerne auf Bäume und jage Jungs.“

„Aha.“ Emma bemühte sich, ernst zu bleiben. „Da könntest du Mühe haben, genug Zeit für die Kunst zu finden.“

„Stimmt. Weil man dabei so lange sitzen muss.“

„Das ist wahr.“ Emma richtete sich auf und tätschelte sachte Francescas Schulter. Das Mädchen hatte überall an den Armen und sogar auf den Handrücken blaue Flecke. Der kleinste Druck tat ihr weh. Und deshalb konnte Emma Francescas hartnäckigen Glauben, dass Gott hinter allem Guten steckte, nicht nachvollziehen. Gott hatte zugelassen, dass dieses wundervolle Mädchen mit einer unheilbaren Blutkrankheit geboren wurde, die für Francesca eine ständige Gefahr darstellte. Einmal die Woche musste sie zum Onkologen und eine Behandlung über sich ergehen lassen, nach der sie erschöpft und krank war. Trotzdem ließ Francesca sich von keinem blauen Fleck ihre grenzenlose Hoffnung rauben.

Francesca hob noch einmal den Blick. „Miss?“

„Was ist denn, Liebes?“ Emma beugte sich hinunter, um jedes Wort verstehen zu können.

„Sie sind ein bisschen traurig.“

Emmas Magen sank ihr in die Kniekehlen. Sie zwang sich zu lächeln und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Nichts an diesem Tag war ungewöhnlich gewesen. Die Abfolge der Ereignisse und Aufgaben, ihr Tonfall und ihr Aussehen – das alles war ganz normal. Darauf hatte Emma geachtet. Der Tag war fast vorüber, und niemand hatte bis jetzt eine Bemerkung gemacht, dass Emma sich anders verhalten hätte. Sie schluckte. „Nein, Liebes.“ Sie berührte noch einmal Francescas Schulter mit den Fingern. „Ich unterrichte heute. Und ich freue mich immer, wenn ich hier bei euch bin.“

Francesca blinzelte ein wenig. „Ja, aber ich glaube, Ihr Herz ist doch ein bisschen traurig.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber das ist in Ordnung. Ich hab nämlich schon für Sie gebetet. Dass Gott Sie wieder fröhlich macht.“

Das Mädchen war so natürlich wie die Bergkette der Appalachen in der Ferne. Und auch wenn Emma es bestritt, so war es doch eine Tatsache: Francesca hatte recht. Emma war traurig gewesen, seit sie an diesem Morgen aufgewacht war. Traurig und überzeugt davon, dass sie hundert Jahre alt werden konnte und an diesem Tag Mitte Mai immer traurig sein würde. Und Gott? Wenn es einen Gott gab, würde er ihr ganz bestimmt nicht aus der Patsche helfen, indem er ihr die Traurigkeit nahm. Niemals. Emma drängte diese Gedanken in ihr wundes Herz zurück. All das konnte sie diesem wundervollen Kind schließlich nicht sagen. Sie merkte, dass ihr Lächeln echter wurde und das Erschrecken über die Äußerung des Mädchens abebbte. „Du hast wirklich für mich gebetet?“

Francesca kicherte. „Natürlich, Miss. Ich bete die ganze Zeit für Sie.“

Emma lernte immer etwas, wenn sie mit Francesca zusammen war, und dieser Tag war in dieser Hinsicht keine Ausnahme. „Danke, Liebes. Ich bin froh, dass du für mich betest.“

„Gern geschehen.“ Francesca schien mit sich zufrieden zu sein und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Pferdebild und einem grünen Buntstift zu, der neben ihrem Papierblatt lag. Sie nahm ihn in die Hand und fing an, Gras zu malen.

Emma betrachtete das Mädchen noch einen Moment. Dann ging sie weiter und sah nach anderen Kindern, als sie eine Bewegung in der Nähe der Tür wahrnahm. Sie ging darauf zu und schaute in das Gesicht von Gavin Greeley, dem Basketballtrainer der Mittelschule von Wilson, die etwa drei Kilometer weiter in Richtung Meer lag. Warum gibt er nicht auf?, fragte sie sich. Er kennt mich nicht. Wenn er es täte, würde er es nicht einmal versuchen.

Als sie die Tür erreichte, wandte sie sich zu ihrer Klasse um. „Ihr habt schön gearbeitet, Kinder, und das macht ihr jetzt auch bitte weiter. Noch fünf Minuten, dann sind wir fertig.“ Sie wappnete sich. Als sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte, öffnete sie die Tür und trat auf den Gang hinaus.

Gavin hatte die Hände in die Taschen seiner Jeans geschoben. „Hi.“

„Hi.“ Es klang beinahe wie eine Frage, als sie es sagte. Gegen ihren Willen spürte sie, wie ihre Augen ein wenig leuchteten. „Bist du nicht in der falschen Schule?“

„Früher Schluss. Lehrerkonferenz bis drei.“ Er grinste und hob leicht die Schultern. „Unsere Gruppe ist schon fertig.“

„Und da bist du hergekommen?“ Sie lehnte sich an den Türrahmen.

„Ich musste ein paar Formulare für das Zeltlager vorbeibringen. Und da dachte ich mir, es ist ein schöner Freitagnachmittag. Und dass du vielleicht Lust auf ein Abendessen am Strand hast.“

Einen kurzen Moment lang stellte Emma sich vor, wie sie mit Gavin zusammen aß, ihm gegenübersaß, über ihre Schüler plauderte und über Gavins Humor lachen musste, den er stets bewies. Der Gedanke verblasste, bevor er noch ganz Gestalt angenommen hatte.

„Ich kann nicht.“ Sie warf über die Schulter einen Blick auf ihre Schüler. Sie kamen gut ohne sie klar. Krampfhaft suchte sie nach einer Ausrede, damit er ihre Absage nicht persönlich nahm. „Ich muss heute lange bleiben. Und dann muss ich noch zum Joggen an den Strand. Im November mache ich doch beim Halbmarathon mit.“

„Da könnten wir schon eine Lösung finden.“ Wenn ihre Antwort ihn kränkte, ließ er es sich nicht anmerken. „Ich könnte zum Beispiel neben dir herlaufen und dich mit Weintrauben und gegrilltem Hähnchen füttern. Mit ein bisschen Senf, damit du nicht alles trocken runterwürgen musst.“

Emma betrachtete ihn, diesen groß gewachsenen, jungenhaften Mann mit dem hoffnungsvollen Blick. Vor Jahren hatte Gavin in der Baseballmannschaft der Universität von Georgia gespielt, bevor er nach North Carolina zurückgekehrt war, um Geschichte zu unterrichten und die Kinder der Mittelstufe zu trainieren. Er war zweiunddreißig und hatte den straffen, muskulösen Körper eines Wassersportlers, dazu hellbraune Haare, einen sonnengebräunten Teint und grüne Augen, in denen sie sich leicht verlieren könnte.

Aber das würde sie nicht zulassen. Jetzt nicht. Und auch in Zukunft nicht.

Ein Seufzer hing auf ihren Lippen und ihr Lächeln fühlte sich so müde an wie ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassade. „Wirklich, Gavin, ich kann nicht. Nicht heute.“

„Hatte ich erwähnt“, sagte er mit einem übertrieben nachdenklichen Gesicht, „dass ich bei demselben Wettkampf mitlaufe?“

„Ach was!“ Sie sah ihn mit einem sarkastischen Lächeln an.

„Wirklich. Derselbe Lauf. Outer Banks Marathon.“

„Und das bedeutet …“

Er legte den Kopf schief, was seinen Charme verdoppelte. „Und das bedeutet, dass wir zusammen joggen könnten, weil ich ja auch trainieren muss. Wir könnten uns gegenseitig anspornen. Vielleicht ein paarmal die Woche am Strand laufen, damit wir fit sind.“

Sie stellte sich vor, wie sie neben Gavin Greeley herlief, zum Strand hinunter und an dem kleinen weißen Kreuz vorbei, das von dem hohen Gras auf den Sandhügeln oben am Ufer fast ganz verdeckt wurde. Dem Kreuz, das sie selbst dort aufgestellt hatte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, aber sie ließ sich nichts anmerken. Stattdessen lachte sie und schüttelte den Kopf. „Du bist doch schon gut.“

„Ich könnte noch besser sein, wenn ich mehr trainiere.“

„Ich meinte nicht das Laufen.“ Sie schüttelte immer noch den Kopf und musste einfach lachen. Seine Hartnäckigkeit hatte manchmal diese Wirkung auf sie. „Du bist wirklich gut.“

Er tat so, als wüsste er nicht, was sie meinte. „Nein, ehrlich. Ich bin kein Joggingprofi wie du.“ Er verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein, und ein Sonnenstrahl fiel in seine Augen und ließ sie noch intensiver leuchten als schon zuvor. „Ich sag dir was: Wenn du mich anspornst, könnte ich richtig gut sein.“ Er zog die Augenbrauen hoch und wartete auf eine Reaktion.

„Gavin.“ Es war die Stimme, die sie auch bei ihren Schülern einsetzte.

„Okay.“ Er zog das Wort in die Länge und nickte langsam. „Ein anderes Mal, meine ich. Dann könntest du mich anspornen.“

Ein Anfall von Bedauern nagte an Emmas Herz, aber er ging schnell vorüber. Sie kniff die Augen zusammen. „Jetzt mal im Ernst … du läufst den Marathon nicht wirklich, oder?“

„Willst du es genau wissen?“ Sein Lachen machte deutlich, dass die Neckerei vorbei war und er es ernst meinte. „Ich trainiere seit März. Aber ich bin kein richtiger Langstreckenläufer, also mache ich den Halbmarathon.“ Er grinste wieder. „Vielleicht sehen wir uns ja am Strand.“

Nicht heute … bitte nicht heute. Sie blickte wieder zu ihren Schülern hinüber und machte dann einen Schritt in Richtung Klassenzimmer. „Vielleicht.“ Sie zögerte kurz und schenkte ihm ein ehrliches Lächeln. „Ich weiß das Angebot zu schätzen. Ehrlich.“

„Ist gut.“ Er zuckte noch einmal mit den Schultern und trat einen Schritt zurück. „Bis die Tage.“

Emma zog sich ins sichere Klassenzimmer zurück und hob eine Hand zum Abschied. „Bis bald“, formte sie lautlos die Worte mit den Lippen.

Und dann war er fort. Emma schloss die Tür hinter ihm. Sie wandte sich zu ihrer Klasse um und ihr Blick begegnete dem von Francesca. Das kleine Mädchen lächelte sie traurig an, beinahe so, als verstände sie den Kampf in Emmas Herzen. Als wären die Gebete, die das Kind für sie gen Himmel geschickt hatte, nur der Anfang ihrer Fürsorge und ihres Wissens.

Wieder ging Emma langsam zu Francescas Tisch. „Also gut, Kinder, wenn ihr fertig seid, bringt ihr eure Arbeiten zu dem roten Ordner auf meinem Tisch und setzt euch wieder.“

Die meisten Schüler schoben ihre Stühle zurück und hüpften oder gingen mit ihren Zetteln nach vorne. Francesca blieb sitzen, die Augen noch immer auf Emma geheftet. Was hat sie nur an sich? Und wie kommt es, dass sie mich ansieht, als könnte sie durch meine Seele hindurchblicken? Emma versuchte, selbstsicher und ruhig zu wirken, so wie es sich für eine Lehrerin gehörte. Vor Francescas Tisch blieb sie stehen. „Alles in Ordnung, Liebes?“

„Ja, Miss.“ Ihre Miene erhellte sich ein wenig. „Ich habe Sie nur beobachtet, das ist alles.“

Emma strich über das prachtvolle dunkle Haar des Mädchens. „Mir geht es gut.“

Francesca legte den Kopf schief und sah sie prüfend an, wie nur ein Kind es konnte. „Gut.“ Sie streckte die Hand aus und hielt Emmas Finger fest. „Sie sind die besteste Lehrerin auf der ganzen Welt.“ Ihre Augen leuchteten. „Wissen Sie auch, warum?“

„Warum?“

„Weil Sie nett sind und weil Sie aussehen wie eine Prinzessin.“ Francesca drückte Emmas Hand ein bisschen und ließ sie dann los. Mühsam erhob sie sich. Ihre Arme hatten mehr blaue Flecken als sonst. „Ich bringe meinen Zettel jetzt nach vorne.“

Emma sah, dass Francesca mit den ersten Schritten Mühe hatte. Das Kind litt unter chronischen Schmerzen. Aber nach drei Schritten ging sie schneller und sah aus wie jedes andere Kind. Francesca ließ sich von Schmerzen nicht bremsen; seit Emma sie kannte, hatte sie das noch nie erlebt. Sie war der Beweis dafür, dass das Leben auch schön sein konnte, wenn es nicht vollkommen war.

Der Lärm in ihrer Klasse war wieder angeschwollen, die Schüler redeten laut und neckten einander, plauderten über das Wochenende und darüber, wer in der Pause die Spiele gewonnen hatte. Emma ließ sie gewähren. Sie ging zu ihrem Tisch und schichtete die Arbeitsblätter in der roten Mappe ordentlich auf. Während die letzten Minuten des Schultages verstrichen, starrte sie aus dem Fenster.

Es war ein Tag gewesen wie der heutige. Kälter natürlich. Vielleicht auch weniger schwül, aber genauso klar. Der Tag, der alles hätte verändern können. Die Erinnerungen überfielen sie, aber sie drängte sie zurück. Daran konnte sie später denken. Unten am Strand.

Die Glocke ertönte und die Kinder stellten sich brav an der Tür auf. Emma verabschiedete sich von jedem einzelnen Kind und setzte sich dann wieder an ihren Tisch. Zwei Stunden später, als alle Arbeiten korrigiert und abgeheftet waren und ihr Klassenraum so ordentlich war, wie es so kurz vor Beginn der Ferien ging, machte sie sich auf den Heimweg.

Emma hatte das Verdeck ihres alten VW-Cabrios heruntergeklappt. Die salzige Sommerluft linderte ihren Kummer ein wenig, während sie in Richtung Südosten zur Holden Beach Bridge fuhr. Aber ihre Einsamkeit währte nur kurz. Ihre Umgebung mochte noch so heiter sein, aber an ihr nagten die Fragen, stachen sie, spielten mit ihr, verhöhnten sie. Was wäre, wenn sie nie … Was, wenn sie damals nicht … Wie wäre es wohl heute, wenn …

Sie hielt gerade an einer Ampel, als ihr etwas auffiel. Sie drehte sich um und einige Sekunden lang stockte ihr der Atem. Der Fremde neben ihr saß in einem Dodge Pick-up, und in diesem Augenblick sah er aus wie … also, er glich ihm. Wie ein Gesicht aus der Vergangenheit, das sie nie ganz vergessen konnte. So wie er jetzt mit achtundzwanzig aussehen könnte. Die gleichen blonden Haare und das kantige Gesicht, dasselbe Profil.

Du bist verrückt, schalt sie sich. Du hast zu viel Fantasie und siehst Gespenster aus einer längst vergangenen Zeit. Sie kniff die Augen zusammen, um die Erinnerung zu vertreiben, und richtete den Blick wieder auf die Straße. Sie würde den Abend niemals überstehen, wenn es ihr nicht gelang, im Hier und Jetzt zu bleiben. Ihre Seele schmerzte von all den Gedanken und sie lehnte den Kopf an die Kopfstütze. Dass sie aber auch ausgerechnet an diesem Tag jemanden sehen musste, der ihm so ähnlich sah. Tief in ihrem Herzen formte sich ein Seufzer und entschlüpfte dann ihren Lippen.

Sie erreichte den Scheitelpunkt der Brücke und blickte auf den tiefblauen Atlantik hinaus. Zu bestimmten Jahreszeiten konnte man von der Insel Holden Beach aus an bestimmten Stellen des Strandes sowohl den Sonnenaufgang als auch den Sonnenuntergang sehen. Sie bog rechts ab in den Ocean Boulevard und genoss die Sonne auf ihrem Gesicht. Ihr dunkles Haar flatterte gegen ihre große Sonnenbrille.

Wenige Hundert Wohnwagen umrahmten den Strand; die meisten davon breit und geräumig, gruppenweise ein Stück vom Meer entfernt angeordnet, Eigenheime mit Meerblick. Direkt am Wasser gab es eine Handvoll millionenschwerer Häuser. Emma dachte jedes Mal, wenn sie nach Hause fuhr, was für ein Glück sie doch hatte, ein Haus in der Dolphin Street zu haben, nur einen Häuserblock vom Strand entfernt.

Sie hatte noch immer die Stimme ihrer Großmutter im Ohr, als sie sie eine Woche vor ihrem Tod angerufen hatte. „Ich war nicht für dich da, als ich es hätte sein sollen“, hatte sie mit zittrigen und undeutlichen Worten gesagt. „Es wird Zeit, dass ich das wiedergutmache.“

Das Strandhaus war ihre Form der Wiedergutmachung gewesen.

Emma fuhr in ihre Auffahrt und betrachtete ihr Zuhause. Es stand auf Stelzen, war weiß und grau gestrichen und hatte auf der Wetterseite eine Holzverkleidung, die von der Seeluft verwittert war – die meisten Häuser auf der Insel hatten diesen ausgeblichenen Look. Zur Veranda vor dem Haus führen auf beiden Seiten ein paar Stufen empor, die wie schräg stehende Stelzen hervorragten. Emma klappte das Verdeck ihres Wagens zu und schloss die Tür ab. Auf den ersten Blick glich ihr Haus einem überdimensionalen Krebs, der auf einem mit Gras bewachsenen Stück Sand saß – ihrem Vorgarten – und dessen Beine in unterschiedlichen Winkeln abstanden. Das Haus war in den späten Sechzigerjahren erbaut worden und hatte einen Charme, den sie nicht hätte missen wollen.

Es war nicht in dem Sinn schön, wie einige andere Strandhäuser es waren, aber das war Emma gleichgültig. Sie war in einer Minute am Strand und bei den acht Meilen Sand, auf denen sie so lange entlanglaufen konnte, bis ihr das Herz nicht mehr wehtat. Sie kannte alle Nachbarn in der Dolphin Street – darunter auch etliche Lehrer im Ruhestand, die den größten Teil ihrer Tage Zeitung lesend auf ihrer Veranda verbrachten. Irgendjemand war abends immer zu einem Schwätzchen und einer Tasse Kaffee aufgelegt. Aber heute war Emma froh, dass niemand draußen saß.

Außerdem würde sie nicht allein sein. Sie hatte Riley, ihren rotbraunen Labradormischling, und zwei Katzen – Oreo und Tiger. Und sie hatte einen Plan. In einem Jahr würde sie ihren Masterabschluss in Pädagogik in der Tasche haben. Danach wollte sie die Verwaltungsprüfung ablegen, dann konnte sie vielleicht irgendwann nach Wilmington oder Raleigh ziehen und Rektorin einer Grundschule werden. Sie liebte ihr Strandhaus, aber wenn sie aus Holden Beach wegzog, würde ihr nicht an jeder Ecke ihre Vergangenheit begegnen.

Sie hob den Riemen ihrer Handtasche über den Kopf und betrat das Haus. Von der Tür ging es direkt ins Wohnzimmer.

„Riley! Komm her, alter Junge.“ Durch das Fenster über der Spüle konnte sie einen kleinen Streifen Atlantik sehen, und um diese Uhrzeit glitzerte die Sonne auf dem entfernten Wasser, als wolle sie sie herbeiwinken.

Aus dem Flur kam das Geräusch von Hundepfoten, die über die alten Holzdielen kratzten, und Rileys wedelnder Schwanz schlug gegen die Wand. Er bog um die Ecke, gefolgt von Oreo, einem schwarz-weißen, frechen einjährigen Kätzchen, und Tiger, einem auffälligen Langhaarmix mit exotischen grünen Augen und einer hochmütigen Persönlichkeit. Die drei schliefen nachmittags meist zusammen auf dem Sofa in ihrem Schlafzimmer und badeten in der Sonne, die durch das Fenster hereinschien, während sie darauf warteten, dass Emma nach Hause kam.

„Hallo, ihr Süßen. Ich habe euch vermisst!“ Sie widmete jedem Tier eine Minute besonderer Aufmerksamkeit. Dann trank sie ein Glas Wasser und zog ihre Laufschuhe an.

Sie musste raus, musste zu dem langen weißen Sandstreifen, der sich hinter ihrem Haus erstreckte. Bei den Erinnerungen, die sie heute umgaben, gab es nur einen Ort, an dem sie sein wollte, nur einen Ort, der ihr ein wenig Trost spendete. Mit Riley an ihrer Seite lief sie in Richtung Wasser, zu dem vertrauten Strand von Holden Beach. Wo alles vor einer Ewigkeit begonnen hatte.

Und wo alles zu Ende gegangen war.

3

Das weiße Hochzeitskleid hing bei Clea Colet in der Upper East Side von New York City vor der mit Satin bespannten Wand, als Laura und ihre Mutter die Umkleide betraten. Laura stockte der Atem und sie schlug sich unwillkürlich die Hand vor den Mund. Sie konnte einfach nicht anders. Jetzt, wo das Kleid angepasst war, sah es irgendwie noch schöner aus als vorher.

„Diese Kleid iste gemachte für eine Prinzessin.“ Die Schneiderin hatte einen starken italienischen Akzent. Sie stand ein, zwei Meter entfernt und betrachtete das Kleid mit offensichtlicher Zufriedenheit. Dann wandte sie sich lächelnd zu Laura um. „Ich weiße nicht, ob wir schon haben gehabte schönere Braut für diese Kleid.“

„Die Spitze … sie ist wunderschön, Liebling.“ Ihre Mutter beugte sich vor und küsste Laura auf die Wange. „Wie alles an dir.“

Laura war nicht sicher, ob sie lachen oder weinen oder um einen ungestörten Augenblick bitten sollte. Aber als sie das Kleid mit seiner eleganten Spitzenschleppe, dem Rock aus Seide und Taft und der gekräuselten, ärmellosen Korsage anstarrte, erinnerte sie sich plötzlich wieder an damals. An den Tag, als sie gerade dreizehn geworden war und ihre Mutter überredet hatte, ihr die neueste Ausgabe von Braut & Bräutigam zu kaufen.

Da die Hochzeitsvorbereitungen so viel von ihrer Zeit beanspruchten, ertappte sie sich manchmal dabei, dass sie sagte, sie träume seit Brads Antrag von ihrer Hochzeit. Aber das stimmte nicht. Sie plante und träumte hiervon, seit sie in der Mittelstufe gewesen war, seit ihrem dreizehnten Geburtstag, als ihre Eltern ihr einen kleinen Goldring und ein Gebetstagebuch geschenkt hatten.

„Bitte Gott um den richtigen Ehepartner“, hatte ihre Mutter zu ihr gesagt. „Und gib dich niemals mit weniger zufrieden als mit diesem einen, ganz besonderen Mann.“

Laura hatte sich ihre Worte zu Herzen genommen. Wenige Wochen später waren sie mit einer Ausgabe von Braut & Bräutigam nach Hause gekommen, und Laura hatte eine einfache Frage gestellt. „Wieso sind die Kleider alle weiß?“

Ihr Mutter lächelte. „Weiß ist – für viele Bräute – ein Symbol für Reinheit. Dein Ring bedeutet, dass du ein Versprechen gegeben hast, Liebling. Du hast versprochen, dass du für deinen Ehemann rein bleiben willst, damit es eines Tages, wenn du ein weißes Brautkleid trägst, eine ganz besondere, wundervolle Bedeutung hat.“

Die Erinnerung verblasste so schnell, wie sie aufgetaucht war. Laura hakte sich bei ihrer Mutter unter. Dann warf sie einen hoffnungsvollen Blick in Richtung Schneiderin. „Darf ich es anprobieren?“

„Natürlich.“ Die zierliche Frau eilte zu dem Kleid und nahm es von dem seidenbespannten Bügel. „Sie haben gezogen an richtige Unterkleidung?“

„Habe ich.“ Laura und ihre Mutter unterdrückten ein Kichern. Sie waren an diesem Vormittag die ganze Madison Avenue hinuntergezogen und hatten den richtigen trägerlosen BH und die perfekte Unterwäsche zu dem Kleid gesucht. Was sie schließlich gefunden hatten, war eine umwerfende Mischung aus Satin und Spitze, ganz ähnlich dem Kleid.

Laura hatte die neue Unterwäsche in der Umkleidekabine von Rose’s angezogen, dem Geschäft, in dem sie die Kleider für die Brautjungfern bestellt hatten. Jetzt, wo die Tür zum Umkleideraum geschlossen war, ging sie zu dem kleinen Podest am Ende des Raumes, das auf drei Seiten von Spiegeln umgeben war, und schlüpfte aus T-Shirt und Jeans. Derweil half ihre Mutter der Schneiderin, und zusammen hoben sie das Kleid vorsichtig über Lauras Kopf.

„Oh, Liebling …“ Ihre Mutter trat einen Schritt zurück und ihr Blick war ganz staunend und liebevoll. Trotz des Lächelns, das auf ihrem Gesicht lag, hatte sie Tränen in den Augen.

„Ihne gefällte, Missis Rita?“ Die Schneiderin nickte Lauras Mutter zu. „Passte genau, ja?“ Sie legte den Kopf schief. „Sie sehen aus wie Berühmtheite, Miss Laura. Reese Witherspoon vielleichte.“

Laura und ihre Mutter mussten beide lächeln. Die Schneiderin war nicht die Erste, die sie mit der blonden Schauspielerin verglich. „Danke.“ Laura strich den Rock glatt und hob den Saum ein wenig an, damit er gleichmäßig um ihre Füße fiel.

„Ich habe wohl nie gedacht …“ Ihre Mutter starrte sie an. „Es ist vollkommen, Liebling. Ganz eindeutig.“

Das Kleid passte so, als wäre es für sie entworfen worden, und so war es ja auch beinahe. Laura starrte sich selbst und ihre Mutter, die ein, zwei Meter hinter ihr stand, im Spiegel an und sie wusste, dass sie diesen Augenblick ihr Leben lang nicht vergessen würde. Dieses Kleid würde in gewisser Weise ein Symbol für ihre ganze Vergangenheit und Zukunft sein, die an einem einzigen Tag miteinander verschmolzen.

An ihrem Hochzeitstag.

„Sie haben verloren eine bisschen Gewichte, ja?“ Die Schneiderin runzelte die Stirn und zupfte an dem Stoff um Lauras Taille. „Wir nehmen noch eine Zentimeter?“

Laura lachte. „Ist schon gut. Wenn ich abgenommen habe, werde ich wahrscheinlich in den verrückten kommenden sechs Wochen wieder zunehmen.“

Ihre Mutter nickte nachdenklich. „Laura hat recht. Wir lassen es so. Wenn es sein muss, können wir es in der Woche vor der Hochzeit immer noch anpassen.“ Sie zog eine Kamera aus ihrer Handtasche und machte Fotos von Laura: zwei von vorne und ein paar von beiden Seiten. „Dein Vater wird dich in dem Kleid sehen wollen. Wenn er gekonnt hätte, wäre er hergekommen.“

„Er kommt doch zum Abendessen, nicht wahr? Mit Brad?“

„Ja.“ Ihre Mutter machte ein letztes Foto. „Um sechs Uhr auf der Terrasse. Marta macht ihre Krabbenspieße, Steak und Folienkartoffeln.“

„Dann habe ich die verlorenen Pfunde gleich wieder drauf.“ Sie strich noch einmal über den Rock. Es war ein herrliches Gefühl, und sie wollte nicht, dass die Anprobe zu Ende ging. „Daddy wird begeistert sein. Und Marta auch.“ Die Haushälterin und Köchin war schon bei ihnen, seit Laura elf war. Die ganze Familie hing an ihr.

Die Schneiderin half Laura, das Kleid auszuziehen, und wenige Minuten später war sie wieder angekleidet und stand mit ihrer Mutter vor dem Geschäft. Sie hatte zwar am frühen Nachmittag mit Brad gesprochen, aber jetzt freute sie sich darauf, ihn zu sehen. Sie wusste nicht, wie sie es schaffen sollte, ihm nicht von dem Kleid zu erzählen.

Wieder hakte sie sich bei ihrer Mutter unter, und mit der Sonne im Rücken gingen sie langsam die Madison Avenue hinunter. „Du siehst in diesem Kleid einfach traumhaft aus.“ Sie trugen beide eine Sonnenbrille, aber trotzdem war der träumerische Ausdruck im Gesicht ihrer Mutter gut zu erkennen.

„Erinnerst du dich an damals, als ich dreizehn war?“ Laura, die ihre Schritte langsam und mit Bedacht setzte, blickte auf. „Wir haben eine Ausgabe von Braut & Bräutigam gekauft. Und dann haben wir über den Ring und weiße Hochzeitskleider gesprochen, und wir haben uns jedes Kleid in den Anzeigen angesehen. Weißt du noch?“

„Damals habe ich zu dir gesagt, dass du eines Tages eine Märchenhochzeit erleben würdest.“

„Und ich habe dir geglaubt.“

Ihre Mutter zog sie ein wenig näher. „Ich war immer gerne deine Mom. Du hast mir vom Tag deiner Geburt an nichts als Freude gemacht, Laura. Irgendwie kann ich noch gar nicht glauben, dass du wirklich heiratest.“

Laura lächelte, und sie spürte das Glück der Liebe bis in ihre innerste Seele hinein. „Ich habe meinen Märchenprinzen gefunden.“

„Ja.“ Sie blieben stehen und ihre Mutter zog sie in eine zärtliche Umarmung, ohne auf die vorbeilaufenden Passanten und die Hektik der Madison Avenue zu achten. „Den hast du ganz eindeutig gefunden.“

Der Tisch für das Abendessen war auf der Terrasse hinter Lauras Elternhaus gedeckt. Das 500-Quadratmeter-Haus stand in West Orange, New Jersey, umgeben von zwei Hektar Land. Es war nicht weit bis zum Essex County Country Club, und selbst zur Hauptverkehrszeit war man in nur einer Stunde in Manhattan.

Laura half Marta beim Tischdecken. „Ich habe Fotos.“ Sie konnte ihre Aufregung nicht länger verbergen. „Mom hat sie heute bei der Anprobe gemacht.“

„Von dem Kleid?“, fragte Marta und senkte ihre Stimme dann zu einem Flüstern. Sie war Anfang fünfzig, eine polnische Einwanderin mit weißgrauen Haaren, leuchtenden blauen Augen und einem lebendigen Glauben. „Wann kann ich sie sehen?“

„Nach dem Essen.“ Laura warf einen Blick zum Wohnzimmer hinüber, in dem Brad und ihr Vater über einen ihrer Werbeaufträge sprachen. „Brad darf nichts davon wissen.“

Lauras Mutter kam mit zwei Platten mit Krabbenspießen herein. „Das Essen ist fertig. Es duftet köstlich.“

„Danke.“ Marta ging um den Tisch herum und richtete die Leinenservietten, damit alles perfekt aussah. „Wie lange brauchen die Männer noch?“

„Ich sehe mal nach.“ Laura lief ins Haus zurück. „Na, ihr beiden? Das Essen ist fertig.“

„Eine Minute noch.“ Ihr Vater klang gut gelaunt. Was auch immer Thema seiner Unterhaltung mit Brad war, sie musste gut verlaufen sein. „Wir kommen gleich.“

Draußen erstreckte der grüne Rasen sich von der hölzernen Terrasse über den hinteren Teil des Grundstücks bis zu den Bäumen, die das Anwesen der James’ säumten. Es sah aus wie die Kulisse für einen Film, und Laura war sich dessen bewusst, dass diese Umgebung keine Selbstverständlichkeit war. Dass Gott ihnen dieses Leben schenkte, an diesem Ort … dass er sie Brad hatte treffen lassen – einen Werbemanager ihres Vaters, den er am meisten schätzte –, und dass sie beide in nur sechs Wochen eine Traumhochzeit und ein gemeinsames Leben im Glück erleben durften. Das alles war mehr, als Laura fassen konnte.

Ich habe das nicht verdient, Herr … danke. Ich danke dir von ganzem Herzen.

Die Männer gesellten sich zu ihnen und ihr Vater umarmte sie zärtlich. „Du hast also heute mit deiner Mutter ein bisschen eingekauft?“

„Wir haben ein paar letzte Änderungen an den Kleidern der Brautjungfern vorgenommen.“ Lauras Augen funkelten, als sie ihre Mutter ansah. „Und außerdem … sagen wir mal, wir haben den Tag gut genutzt.“

Brad versenkte seinen Blick in ihren, während er um den Tisch herum auf sie zukam. Die Chemie zwischen ihnen war spürbar, als er ihre Wange berührte. „Ich habe dich vermisst“, flüsterte er mit einer Stimme, die nur für sie bestimmt war. „Ich kann es gar nicht mehr erwarten, mit dir verheiratet zu sein.“

Sein Atem in ihrem Gesicht, die leichte Berührung seiner Haut, überhaupt seine Nähe berauschten Laura sofort. Ihre Eltern waren abgelenkt, als Marta das Essen auftrug. Laura lehnte sich an Brad. „Die sechs Wochen kommen mir vor wie eine Ewigkeit.“

Wieder begegneten sich ihre Blicke, aber wo Brad sonst den Augenblick in die Länge zog oder vielleicht ihre Hand ergriff, wandte er diesmal seine Aufmerksamkeit ihren Eltern zu. „Das Steak duftet wundervoll.“