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Aus dem Englischen von Gerhard Kretzer

Theologische Bearbeitung: Ingrid Kern, Friedhilde Stricker

Lektorat: Petra Lütjen

Die Bibelzitate sind entnommen aus:

Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift,

© 1980 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart

© 2000 Brunnen Verlag Gießen

Umschlagfotos: Dirk Höllerhage

Umschlaggestaltung: Ralf Simon

Satz: DTP Brunnen

ISBN 978-3-7655-7336-1

Inhalt

Neues Nachdenken eröffnen!

Im Einklang mit dem Willen Gottes?

Prolog

Einführung

1. Gründe für diese Studie

2. Ziel dieser Studie

3. Vorbemerkungen zur Auslegung

Anhang: Fragen zum Diskutieren und Nachdenken

Überprüfen der Sichtweisen

1. Auf der Suche nach einer biblischen Sichtweise

2. Untersuchung der traditionellen Sichtweise

3. Die Grundhaltung und Sichtweisen von Jesus Christus übernehmen

Anhang: Fragen zum Diskutieren und Nachdenken

Die Auslegung der Schrift

1. Das Alte Testament

1.1 Die Schöpfung – 1.Mose 1,26-28

1.2 Der erweiterte Schöpfungsbericht – 1.Mose 2,4b-25

1.3 Zerstörte Beziehung durch Sünde – 1.Mose 3,1-24

1.4 Die Frau im Alten Testament

a) Weibliche Bilder für Gott
b) Die Rolle der Frau im Alten Testament
c) Das Hohelied
d) Sprüche 31,10-31

1.5 Die Prophezeiung einer neuen Sichtweise – Joel 3,1-2

Anhang: Fragen zum Diskutieren und Nachdenken

2. Das Neue Testament. Die neue Sichtweise der Erlösung

2.1 Das kulturelle Umfeld

2.2 Die notwendige Grundhaltung

2.3 Die Lehre und das Vorbild Jesu

2.4 Die Erfüllung der Joel-Prophetie

2.5 Die Lehre des Apostels Paulus

2.6 Die Umsetzung der neuen Sichtweise durch die christliche Gemeinde

Anhang: Fragen zum Diskutieren und Nachdenken

Offenlegen der kulturellen Einflüsse

1. Die eigene geistliche Prägung erkennen

2. Die Entstehung von Auslegungstraditionen

3. Vorurteile aufdecken

Anhang: Fragen zum Diskutieren und Nachdenken

Konsequenzen ziehen

1. Eine Vision entwickeln

2. Glaubensinhalte gemäß der Vision gestalten

3. Die heutige Realität erkennen

Anhang: Fragen zum Diskutieren und Nachdenken

Nachwort

Bibliographie

Anhang A: Glossar

Anhang B: Diagramme

Anmerkungen

Marilyn B. Smith / Ingrid Kern (Hrsg.)

OHNE UNTERSCHIED?

FRAUEN UND MÄNNER IM DIENST FÜR GOTT

Leitungsaufgaben in christlichen Gemeinden und Werken

Eine Herausforderung, die Grundlagen neu zu überdenken

Erarbeitet von der Kommission für Frauenfragen der Weltweiten Evangelischen Allianz (World Evangelical Fellowship, WEF)

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Den Frauen in meinem Leben gewidmet:

Meiner Mutter Mary Frances, die in mir Hoffnung weckte,
indem sie mir mutig und humorvoll voranging –
in einer Zeit, die Frauen nur wenig Freiheit ließ.

Meiner Tochter Julie und meiner Schwiegertochter Miriam,
deren Vorbild mir Mut macht, die Freiheiten und Chancen,
die Gott mir geschenkt hat, stärker zu nutzen.

Meinen Enkeltöchtern Alicia, Lindsay und Jacqueline,
deren Jugend mich motiviert, für sie ein kulturelles Umfeld
zu schaffen, in dem sie nicht aufgrund ihres Geschlechts
gering geachtet oder zurückgedrängt werden.

Es ist ein großer Segen für mich, diese Weggefährtinnen um mich zu haben, und ein doppelter Segen ist die Ermutigung und Unterstützung der Männer in meiner Familie: meines Vaters, Mannes, meiner Söhne und Enkel. Ich bete darum, dass wir – jede und jeder für sich und alle miteinander – dem Ruf Gottes für unser Leben folgen.

Marilyn B. Smith

Neues Nachdenken eröffnen!

Die Rolle der Frau in der Gemeinde – über Jahrzehnte war das für viele Christen ein umstrittenes und allzu oft auch notvolles Thema. Hart wurde um die Frage gerungen, ob es nach biblischen Maßstäben Frauen in der Verkündigung und in leitender Verantwortung geben darf. Nicht alle Christinnen, die sich in den haupt- oder ehrenamtlichen Dienst im Reich Gottes berufen wussten, erlebten den traditionellen Ausschluss aus der Leitungsverantwortung für sich persönlich als existentiellen Konflikt. Viele fanden ihren Platz, an dem sie mit großer Freude und ohne das Gefühl der zwangsweisen Beschränkung einen ebenso segensreichen wie erfüllenden Dienst taten. Andere allerdings fügten sich nur gegen heftigen inneren Widerstand den Gegebenheiten, die eine Leitungstätigkeit nicht zuließen. Wieder andere kämpften in einer Reihe mit vielen Männern engagiert gegen die Ungleichbehandlung.

Heute scheinen diese Auseinandersetzungen im Raum der Kirche weit weg und fast schon unwirklich. Mit Ausnahme weniger Freikirchen und einiger Inseln des innerkirchlichen Pietismus finden sich Frauen in kirchen- und gemeindeleitenden Gremien ebenso selbstverständlich wieder wie auf landeskirchlichen Kanzeln und zunehmend auch auf Bischofsstühlen. Wenngleich das im Kontext der weltweiten Christenheit, insbesondere gegenüber den katholischen und orthodoxen Kirchen, nach wie vor eine Ausnahmesituation darstellt, ist der Zug der Zeit bei uns weitergefahren und hat unwiederbringlich neue Fakten geschaffen. Allerdings muss, auch auf die Gefahr heftiger Angriffe aus den Reihen derer hin, die um den Erfolg der Revolution bangen, die Frage erlaubt sein, wie es zu dieser neuen Situation kam. Und da wird die Antwort lauten müssen, dass insgesamt einfach der emanzipatorische Zeitgeist von der Kirche Besitz ergriffen hat und theologischer Widerspruch nicht gewünscht war. Zugleich stellt die kritische Theologie dem Ausleger, der doch eine theologische Rechtfertigung des Sinneswandels sucht, ein reiches Instrumentarium exegetischer Methoden zur Verfügung, das es erlaubt, unliebsame Schriftstellen zu eliminieren.

Allerdings darf aus diesem verfehlten Werdegang nicht der Gegenschluss gezogen werden, dass die Verteidiger des herkömmlichen Verständnisses und der herkömmlichen Praxis automatisch das biblische Wort auf ihrer Seite haben. Denn auch sie müssen sich fragen lassen, ob sich ihr Verständnis unmittelbar und zwingend aus dem biblischen Wort ableiten lässt oder ob hier nicht vielfach überkommene Ordnungen unreflektiert mit dem Attribut „biblisch“ versehen werden. Wo überhaupt die Bereitschaft besteht, über dieses Thema in ein neues biblisch-theologisches Nachdenken einzutreten, beschränkt sich die Argumentation allzu oft auf wenige einschlägige Schriftstellen, die in unreformatorischer Weise aus der neutestamentlichen Gesamtaussage herausgelöst werden.

In bemerkenswertem Kontrast dazu gibt es seit der Frühzeit des Pietismus Frauen in Leitungsverantwortung sowie im Verkündigungsdienst. Denken wir nur an die gesegnete Arbeit vieler Missionarinnen, Diakonissen und Verkündigerinnen im Kindergottesdienst. Oft werden recht abenteuerliche theologische Konstruktionen bemüht, um diese Verkündigungs- und Leitungstätigkeiten von dem Predigtdienst der Pastorinnen abzugrenzen: Predigt ja, aber nicht vor Männern – Lehre ja, aber nicht im Sinne der Lehrentscheidung – Verkündigung ja, aber nicht vor Erwachsenen. Sind diese Konstruktionen biblisch, oder dienen sie schlichtweg der Rechtfertigung lieb gewordener Ordnungen, die eigentlich im Widerspruch zur eigenen Lehre stehen? Auch hier braucht es vielfach eine Rückkehr zum reformatorischen sola scriptura.

Als evangelikale Christen können wir weder einfach auf den emanzipatorischen Zug des Zeitgeistes aufspringen oder uns der kritischen Bibelauslegung beugen, noch können wir an Erkenntnissen und Ordnungen festhalten, die zwar fromm erscheinen, aber doch der Prüfung am biblischen Text nicht standhalten. Stattdessen wollen wir uns ganz neu den Herausforderungen des biblischen Wortes stellen. Dazu muss der Heilige Geist unser Denken frei machen, damit wir neu sehen und verstehen können, was wir bereits meinten verstanden zu haben.

Dem dazu nötigen Nachdenken hat sich die Kommission für Frauenfragen der Weltweiten Evangelischen Allianz (World Evangelical Fellowship, WEF) gestellt. Nach Abschluss des Diskussionsprozesses wurde Marilyn B. Smith beauftragt, das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit zusammenzufassen. Die so entstandene Schrift „GENDER OR GIFTEDNESS?“ liegt hiermit nun auch in deutscher Fassung vor.

Marilyn B. Smith setzt an bei der Erkenntnis, dass viele Frauen ganz offensichtlich die Gabe der Leitung und Verkündigung haben, und stellt sich der Frage: Kann es sein, dass Gott Gaben gibt und zugleich ihren Gebrauch in der Gemeinde verbietet?

Damit öffnet sich bereits der Horizont, in dem das ganze Problem bedacht werden muss. Worüber hier nachgedacht wird, ist kein Frauenthema, sondern ein Thema der ganzen Gemeinde. Es geht nicht darum, den in die Leitung drängenden Frauen nachzugeben und ihnen mehr Rechte zu gewähren, es geht nicht um Proporzdenken und Frauenquoten: Es geht darum, den Willen Gottes für seine Gemeinde herauszufinden.

Wenn wir uns diesem schwierigen Prozess entziehen, wird es evangelikalen Christen in dieser Frage ebenso ergehen wie in manchen anderen Bereichen der biblischen Lehre und Ethik leider auch: Wir machen alles so wie alle anderen auch – nur zwanzig Jahre später als die Gesellschaft und fünfzehn Jahre später als die liberalen Kirchen.

Das darf nicht geschehen. Entweder Gottes Wort verbietet der Frau eindeutig Leitungsfunktionen und Predigtdienste in der Gemeinde. Dann gilt das in alle Ewigkeit, und wir müssen uns daran halten, auch wenn der Rest der Welt mit purem Entsetzen reagiert. Oder der lebendige Herr zeigt uns durch sein Wort, dass Frauen ebenso wie Männer zu diesen Diensten berufen sein können. Dann müssen wir geradezu Vorreiter sein, die Frauen auch mit ihren Leitungsgaben in die Gemeinde einzubinden.

Der Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz möchte im Sinne des oben Gesagten ein neues Nachdenken eröffnen und empfiehlt dazu das vorliegende Dokument der WEF-Frauenkommission einer breiten Öffentlichkeit.

Dieses Buch beantwortet nicht alle Fragen und löst nicht alle Probleme. Das kann es nicht, und das soll es auch nicht. Aber es schlägt wichtige Schneisen und eröffnet damit Leserinnen und hoffentlich auch vielen Lesern einen Raum zum Gespräch und zum Nachdenken.

Marilyn B. Smith erspart sich und uns nicht die Begegnung mit den herausfordernden, immer wieder ge- und missbrauchten Bibelstellen. Aber sie stellt sie in den Zusammenhang der völlig neuen Zuordnung der Geschlechter, die Jesus Christus vorgenommen hat, und zeigt von daher ihre besondere Brisanz.

Im Rahmen der Evangelischen Allianz ist Raum für viele unterschiedliche Erkenntnisse in nicht heilsrelevanten Fragen. Zugleich sind wir unlöslich darin verbunden, dass wir Antworten auf Fragen des christlichen Glaubens und Lebens nirgends suchen als allein im Wort Gottes, so wie es uns in den Schriften des Alten und Neuen Testaments gegeben ist. Diese Leidenschaft für die Bibel wird der Leser auch in den Zeilen von Marilyn B. Smith finden und es von daher leicht verschmerzen können, wenn er in diesem und jenem Punkt anderer Ansicht ist.

Rudolf Westerheide,

Referent der Deutschen Evangelischen Allianz

Im Einklang mit dem Willen Gottes?

Der Bedarf an Studienmaterial zur Rolle der christlichen Frau in Familie, Kirche und Gesellschaft wurde auf der Konferenz der Kommission für Frauenfragen der Weltweiten Evangelischen Allianz (World Evangelical Fellowship, WEF) 1992 in Manila deutlich zum Ausdruck gebracht. Als die Delegierten aus der ganzen Welt über die Situation der Frauen in ihren Ländern berichteten, stellte sich heraus, dass die Bedürfnisse zwar unterschiedlich stark ausgeprägt waren, aber dass sie stets in den Bereichen Ausbildung, Ermutigung und Anleitung lagen.

Sobald diese Bedürfnisse erkannt waren, konnte auch geklärt werden, welche Ressourcen nötig sind, um sie zu erfüllen, und welche Hindernisse dem entgegenstehen. Anschließend wurden von der Kommission spezielle Programme auf den Weg gebracht, um sich der elementaren Anliegen dieser Frauen im Einzelnen anzunehmen.

Im Austausch über den Bereich der Bildung wurde deutlich, dass die Anfragen hier von Lese-Lernprogrammen in einigen Teilen der Welt bis hin zu Weiterbildungskursen für das gehobene Management in anderen Teilen der Welt reichten. Es wurde auch deutlich, dass die traditionelle kirchliche Auffassung, Frauen stünden unter der Autorität der Männer und sollten sich ihnen deshalb unterordnen, ein unüberwindbares Hindernis für Frauen darstellt, sich die in ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld verfügbare Bildung anzueignen. Christliche Frauen, denen es trotzdem gelingt, diese Bildungschancen für sich wahrzunehmen, erhalten häufig auch innerhalb ihrer Kirche keinen Freiraum, die erworbenen Kenntnisse sinnvoll einzubringen. Wenn Männer an den Schaltstellen der Entscheidungsgewalt sitzen, bleibt die freie Nutzung vorhandener Bildungsmöglichkeiten durch Frauen auf das beschränkt, was Männer ihnen zugestehen – dies gilt sowohl für Analphabetinnen als auch für Frauen, die auf der Suche nach Management-Trainingsprogrammen sind.

Es schien daher angebracht, die neu geschaffenen Bildungsprogramme durch Studienmaterial zu ergänzen, das sowohl Männern als auch Frauen hilft, die traditionellen Lehrmeinungen zur Rolle der Frau neu zu überdenken.

Damit Frauen aus dem Kreislauf der Armut und Ausbeutung ausbrechen können, muss unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass ihre Bemühungen mit dem biblischen Zeugnis zu vereinbaren sind.

Wenn christliche Männer Frauen Mut machen wollen, in neuen Dienstbereichen aktiv zu werden, müssen auch die Männer ganz sicher gehen, dass sie fest auf dem Fundament der Heiligen Schrift stehen.

Das folgende Arbeitsmaterial wurde zusammengestellt, um dem Bedürfnis nach fundierten Kenntnissen in diesem Themenbereich Rechnung zu tragen. Die Stellung der Frau innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen wird aus der Perspektive geistlicher Gaben betrachtet. Die zentralen Fragen lauten daher:

Bestimmt das Geschlecht einer Person deren Dienst im Reich Gottes?

Entwickelt sich der Dienst aus Berufung und Begabung?

Auf welcher Grundlage und nach welchen Kriterien suchen wir die Antworten?

Wir bieten dieses Material den Frauen an, die sich danach sehnen, ihrem Herrn und Gott mit Begeisterung, Hingabe, Leidenschaft und all ihren Gaben zu dienen, in der Hoffnung, dass in Kirchen, Gemeinden, christlichen Werken und Organisationen Frauen und Männer zu neuem Miteinander finden. Und wir bieten dieses Material Männern an, die bereit sind, sich dem Willen Gottes in der Frage des Dienstes offen zu stellen.

Im Mai 1997 Die Kommission für Frauenfragen der Weltweiten Evangelischen Allianz:

Winnie Bartel, USA, seit 1997 Vorsitzende der Frauenkommission der WEF

Mary Thabet Bassili, Ägypten, Leiterin der Frauenarbeit der Ev. Allianz Ägypten

Dorothy Dahlman, USA, Pädagogin, Frauenarbeit der schwedischen baptistischen Union

Leoncia de Jesus, Philippinen, Frauenarbeit der Alliance World Fellowship

Margaret Jacobs, Australien, Mitglied der Leitung der Ev. Allianz Australien

Ingrid Kern, Pädagogin, Leitung der Frauenkommission der WEF bis 1997

Magda Ksenija, Kroatien, Theologin, Frauenarbeit des Baptistenbundes und der Ev. Allianz

Judy Mbugua, Kenia, Afrika-Leiterin der PACWA-Frauenarbeit

Leela Manasseh, Indien, Theologin, Leiterin der Frauenarbeit in Asien und Indien

Akiko Minato, Japan, Professorin für Theologie

Eva Sanderson, Sambia, Bürgermeisterin in Kitwe, Frauenarbeit in Afrika

Marilyn B. Smith, Kanada, Vizepräsidentin der Theologischen Hochschule Toronto

Olive Taylor-Pearce, Sierra Leone, Dozentin für Theologie, Frauenarbeit PACWA

Lucett Thomas, Costa Rica, Juristin, Frauenarbeit Costa Rica und Gesamt-Lateinamerika

Mariana Valarezo, Ecuador, Pädagogin, Frauenarbeit Ecuador und Gesamt-Lateinamerika

Blossom White, Jamaika, Professorin für Psychologie, Frauenarbeit Karibische Inseln

Beatriz Zapata, Guatemala, Leiterin der Frauenkommission der WEF bis 1992

Prolog

Die Bibel beruft uns zu einer Vision – einer Vision des Lebens unter der Königsherrschaft Gottes. Was verstehen wir darunter? Es gibt sicher viele Bilder, die uns – wenn auch immer nur unvollkommen – deutlich machen können, wie das Leben im Herrschaftsbereich Jesu Christi aussehen kann. In der Schrift begegnet uns das Bild eines Leibes, dessen Glieder zusammenarbeiten, um Wachstum und Gedeihen zu ermöglichen. Dabei leistet jedes Glied seinen Beitrag gemäß der ihm zugedachten Aufgabe. Die Schrift bezeichnet uns auch als ein Volk, eine heilige Nation, eine Gemeinschaft der Glaubenden, die gemeinsam anbetet, lernt und dient. In dieser Studie wird Ihnen eine Frage gestellt, auf die Sie für sich persönlich eine Antwort finden müssen:

Welche Voraussetzungen sind nötig, um Dienste und Leitungsaufgaben in der Gemeinde zu übernehmen?

Die wichtigste Grundlage für Dienst und Leitung in dieser Gemeinschaft ist natürlich die Zugehörigkeit zur Gemeinde der Glaubenden. Das Fundament der Zugehörigkeit ist die Erlösung durch Jesus Christus. In dieser Studie ist die Erlösung die Sichtweise, die die Auslegung jener Schriftstellen maßgeblich prägen soll, in denen die Voraussetzungen für Dienst und Leitungsaufgaben in der Kirche angesprochen werden. Mit diesem Ansatz möchte die vorliegende Studie die Vision einer Gemeinschaft entwickeln, die Christus uns als Anlass zur Freude zugedacht hat, sowie einige Hilfen anbieten, mit deren Unterstützung wir diese Vision in die Wirklichkeit umsetzen können.

Unser Wunsch ist, dass durch dieses Arbeitsbuch sowohl Männer als auch Frauen die Freiheit finden, auf die Berufung Gottes mit ihrem Leben zu antworten, ihre Gemeinde zu einem dynamischen und lebendigen Leib Christi aufzubauen und dann gemeinsam daran zu arbeiten, die gesellschaftlichen Wertmaßstäbe in Frage zu stellen, durch die Menschen, die Christus doch schon längst freigemacht hat, ungerecht behandelt oder unterdrückt werden, sei es aufgrund ihrer Volks-, Klassen- oder Geschlechtszugehörigkeit.

Wir hoffen, dass Frauen und Männer sich der Herausforderung stellen, in der Kraft des Heiligen Geistes vorwärts zu gehen und im Namen Christi die Berufung Gottes in ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld zu leben.

Im Juni 1999 Marilyn B. Smith und Ingrid Kern

Einführung

Die Herausforderung liegt in der Einsicht,

dass wir unsere Sichtweisen neu überdenken müssen.

1. Gründe für diese Studie

Die Herausforderung, die traditionelle Auslegung der biblischen Aussagen in Bezug auf Frauen – und speziell auf ihre Leitungsaufgaben innerhalb der christlichen Kirchen – neu zu überdenken, ergibt sich aus den ernst gemeinten und kritischen Anfragen, denen sich die Kirche immer wieder stellen muss.

Manche dieser Fragen entspringen dem großen öffentlichen Interesse an der weltweiten Situation von Frauen und Kindern. Warum lässt es die Kirche zu, dass Missbrauch und Ausbeutung weiter praktiziert werden (selbst in ihren eigenen Reihen), und warum bringt sie jene zum Schweigen, die solche Missstände an die Öffentlichkeit tragen wollen, um die Lage der Betroffenen zu verbessern?

Andere Überlegungen ergeben sich aus der Tatsache, dass die Stellung der Frau in beinahe allen Kulturkreisen im Wandel begriffen ist. Veränderung geht stets mit Unruhe einher, und die Reaktionen darauf können ganz unterschiedlich ausfallen. Manche Menschen nehmen Veränderungen mit offenen Armen auf. Andere stehen völlig verblüfft daneben, wieder andere widersetzen sich dem Neuen. In diesen beiden Fällen überwiegt Unsicherheit. Viele christliche Frauen leiden an der Spannung zwischen den Aufgaben, zu denen sie sich von Gott begabt und berufen wissen, und dem tatsächlichen Gestaltungsspielraum, den ihnen die Kirche zugesteht. Wie sollte die Kirche in diesen Zeiten des Umbruchs reagieren?

Andere Fragen tauchen auf, wenn Forschungen von Theologen und Theologinnen nicht nur Voreingenommenheiten, sondern auch eindeutige Fehlleistungen bei Bibelübersetzungen aufdecken, die über lange Zeit hinweg unser Verständnis der biblischen Lehre von der Rolle der Frau geprägt haben. Wie gehen die Kirchen mit den unterschiedlichen und häufig widersprüchlichen Auslegungen der vielen Bibelstellen um, in denen es um Frauen geht?

Wie REBECCA MERRILL GROOTHUIS in „GOOD NEWS FOR WOMEN“ ausführt, akzeptierten die Kirchenväter der frühen Kirche, dass Junia, die von Paulus zusammen mit Andronikus als „unter den Aposteln ausgezeichnet“ gelobt wird, zugleich Apostel und eine Frau war. Gelehrte späterer Generationen versuchten jedoch allen Ernstes darzulegen, Junia sei entweder keine Frau gewesen oder – falls sie es doch war – sie konnte eben kein Apostel, sondern nur von den Aposteln besonders geschätzt gewesen sein. Hierbei gingen sie von der vorgefassten Meinung aus, dass nur ein Mann Apostel sein konnte. Damit der Text ihrer Lehrmeinung entsprach, änderten manche Übersetzer den Namen dieser Frau kurzerhand in Junias.1

Wiederum andere Fragen entspringen dem Studium der Kirchengeschichte, die zeigt, wie die Kirche seit ihren Anfängen ihre Ansichten über den Wert der Frau immer wieder geändert hat (siehe Abschnitt: Offenlegen der kulturellen Einflüsse).

Frauen wollen und müssen wissen, ob sie auf den Ruf Gottes für ihr Leben hören können und sich dabei im Einklang mit der biblischen Lehre befinden. Sie müssen erfahren, wie sie die Geltung der Schrift wahren und zugleich ihre Gaben zur Auferbauung anderer Menschen innerhalb ihrer christlichen Gemeinde einsetzen können.

Aus diesem Spannungsfeld ergibt sich die Notwendigkeit, klarzustellen, was die Schrift wirklich über die Stellung der Frau sagt, um dann eindeutige Kriterien für Leitungsaufgaben innerhalb der Kirche zu formulieren.

2. Ziel dieser Studie

Ziel dieses Arbeitsmaterials ist es, die Kirchen bei der Entwicklung einer sachgerechten Sichtweise zu unterstützen, die klare Aussagen darüber ermöglicht, wo und wie sich Frauen in der christlichen Gemeinde einsetzen können, ohne die Einheit der Gemeinde und die Gültigkeit der Bibel zu gefährden. Sämtliche Überlegungen gelten selbstverständlich auch für Frauen und ihren Platz in christlichen Werken oder Organisationen.

Die meisten Christen haben den aufrichtigen Wunsch, auf Gottes Wort zu hören. Diese Haltung führt sie früher oder später auch in die Auseinandersetzung, welche angemessenen Aufgaben Frauen in der Kirche ausüben können, die von einem tiefen Bedürfnis, den Willen Gottes zu suchen, motiviert sind. Meist sind wir uns jedoch nicht darüber im Klaren, dass wir neben diesem aufrichtigen Wunsch noch zwei weitere Dinge im Gepäck haben, die unsere Fähigkeit, Gottes Willen zu erkennen, beeinträchtigen.

Da ist zunächst ein von unserem grundsätzlichen Verständnis der Bibel geprägter Rahmen – vergleichbar einem Fenster, durch das wir die biblische Botschaft wahrnehmen, verstehen und auslegen. Häufig haben wir uns dieses Rahmenwerk nicht bewusst gewählt, aber es ist dennoch vorhanden. Womöglich sehen wir die Schrift stets durch das „Fenster“ der Schöpfung, des Sündenfalls, der Erlösung, des Himmels, der persönlichen Erfahrung oder der politischen Bedingungen. Aber wie dieses „Fenster“ auch immer beschaffen sein mag: Erst indem wir es gründlich untersuchen, können wir uns darüber klar werden, wie es unsere Sichtweise und damit auch unsere Auslegung der biblischen Botschaft beeinflusst.

Viele Autoren beginnen ihren Versuch, die Aussagen der Schrift zur Stellung der Frau darzustellen, sofort mit der Betrachtung einiger relevanter Schriftstellen. Diese Methode birgt zwei Gefahren: Einerseits wird die Auswahl der relevanten Schriftstellen häufig gemäß der bereits vorgefassten Meinung des Autors getroffen, andererseits scheint die Schrift häufig genau die Aussagen zu bestätigen, die wir von ihr erwarten. Es ist nicht leicht, wirklich unvoreingenommen und offen für neue Gedanken zu bleiben und auch Erkenntnisse zuzulassen, die nicht einfach nur unsere Ansichten bestätigen.

Wir müssen bewusst machen, dass dieses Fenster, durch das hindurch wir einen Text betrachten, entscheidend mit darüber bestimmt, was wir in dem Text erkennen. Die Fragen, die wir bei der Betrachtung des Texts mitbringen, bestimmen darüber, was wir dem Text entnehmen werden.

Ein getrübtes „Fenster“ kann uns blind für die Wahrheit machen. Die Kirche sah sich im Licht neuen Beweismaterials schon oft gezwungen, grundsätzlich in Frage zu stellen, was sie über Jahrhunderte als göttliche Wahrheit gelehrt hatte. Das Thema Sklaverei ist ein einleuchtendes Beispiel dafür, dass die Kirche nicht immer im Recht gewesen ist. W.WARD GASQUE schreibt in einem Artikel über die Rolle der Frau in Kirche, Gesellschaft und Familie:

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die meisten Christen davon überzeugt, die Sklaverei sei eine gottgewollte Einrichtung, weil Paulus mit Nachdruck sagt, dass die Sklaven ihren Herren gehorchen sollen! Einige wenige Aussagen von Petrus und Paulus wurden damals der kleinen Schar vorausschauender Christen und anderen Visionären als „Beweismaterial“ entgegengehalten, in deren Augen die Sklaverei ein Angriff auf Würde und Wert des Menschen als Geschöpf zum Bilde Gottes war.2

Indem sie die Schrift durch das Fenster der politisch-wirtschaftlichen Bedingungen betrachteten, sahen sich Christen darin bestärkt, dass die Sklaverei von Gott angeordnet sein musste.

Traditionen sind das zweite Hindernis, das uns vom Erkennen der Wahrheit Gottes abhalten kann. Das eigene kulturelle Umfeld übt einen starken Einfluss aus, wobei dieser von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden stark ausgeprägt sein kann. Wenn die geistlich-kulturelle Prägung der Kirche auf die kulturellen Traditionen der sie umgebenden Gesellschaft trifft, muss es zwangsläufig zu Konflikten kommen. In solchen Fällen zieht sich die Kirche oft hinter die alten Grenzlinien zurück und zementiert ihre Position, anstatt die eigene Praxis durch die jeweilige Kultur in Frage stellen zu lassen.

Ein anschauliches Beispiel für die Weigerung der Kirche, auf wissenschaftliche Beweise hin ihre etablierte Lehrmeinung aufzugeben, war die Exkommunikation Galileo Galileis, als er die Auffassung vertrat, die Erde sei rund und nicht flach (wie es die traditionelle kirchliche Lehre darstellte). Die Kirche brauchte dreihundertfünfzig Jahre, um ihren Fehler zuzugeben und Galilei zu rehabilitieren. Es gibt Zeiten, in denen die Kirche dazu herausgefordert werden muss, ihre Theologie und ihre Traditionen neu zu überdenken. Eine solche Herausforderung kann eine Chance sein, die Wahrheit vertieft zu erkennen.

Wird die Stellung der Frau in der Kirche aber als rein kulturelle Frage angesehen, könnte einer von der Kirche gebilligten Änderung der bisherigen Praxis entgegengehalten werden, dass die Kirche ihre Theologie von der Kultur fremdbestimmen ließe. Wird die Stellung der Frau dagegen als theologische Frage verstanden, die auf das Drängen gesellschaftlicher Einflüsse hin von der Kirche neu überdacht wird, so kann auch hier die biblische Wahrheit die Oberhand über die Tradition gewinnen.

Ziel dieser Studie muss es demnach sein, eine geeignete Bezugsgröße für die Auslegung der Schrift zu finden, um die Debatten über Detailfragen zu beenden und sich auf die Grundlagen des Dienstes am Leib Christi zu konzentrieren. Folglich müssen einzelne Fragestellungen, etwa zu widersprüchlichen Begriffsdefinitionen (z. B. „Kopfbedeckung“, „Schweigen“, „Autorität“), zu der „Machtverteilung zwischen Männern und Frauen“ oder „Hierarchie gegen Gleichheit“ zurückgestellt werden, bis klare biblische Kriterien für weitere Untersuchungen eingeführt worden sind.

Sobald dieser Rahmen abgesteckt ist, können Prinzipien ermittelt und in den verschiedenen Kontexten, in denen die Kirche lebt, angewandt werden. Sobald eine Vision bzw. ein Prinzip feststeht, ist es Sache jedes Einzelnen und jeder Kirche zu fragen: „Wie können wir in unserem kulturellen Umfeld diesem Prinzip entsprechen, welche Themen müssen wir anpacken, und welche konkreten Schritte müssen wir gehen?“

3. Vorbemerkungen zur Auslegung3

Bevor ein geeignetes Rahmenwerk oder „Fenster“ für die Auslegung der Schriftstellen über Frauen gefunden wird, muss geklärt werden, welche grundlegenden Prinzipien der Auslegung für diese Studie gelten sollen. Die Kommission für Frauenfragen erklärt hiermit, dass die hier vorliegende Auslegung auf folgenden theologischen Voraussetzungen beruht:

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