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Timothy Keller

GLAUBEN
WOZU?

Religion im Zeitalter der Skepsis

Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Making Sense of God: An Invitation to the Skeptical
© 2016 by Timothy Keller
Published by Viking, an imprint
of Penguin Random House LLC, New York, USA

Bibelzitate folgen, wo nicht anders angegeben, der Lutherbibel,
revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, sonst:
NLB: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH,
Witten/Holzgerlingen
GNB: Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe,
© 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
NGÜ: Neue Genfer Übersetzung, Neues Testament und Psalmen
© Genfer Bibelgesellschaft, Genesis und Exodus:
© Deutsche Bibelgesellschaft, Brunnen Verlag

Aus dem Amerikanischen von Frauke Bielefeldt

© 2019 Brunnen Verlag GmbH Gießen

Lektorat: Uwe Bertelmann

Umschlagfoto: Shutterstock

Umschlaggestaltung: Jonathan Maul

Satz: DTP Brunnen

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN Buch: 978-3-7655-0715-1

ISBN E-Book: 978-3-7655-7540-2

www.brunnen-verlag.de

Allen meinen Kollegen,
die mit mir daran gearbeitet haben,
einem skeptischen Zeitalter
Glauben zu vermitteln,

besonders
Craig Ellis, Mai Hariu-Powell
und meinem Sohn Michael Keller

Inhalt

Vorwort: Was säkular Denkende glauben

Teil 1 Wozu Religion?

Kapitel 1 Ist Religion nicht auf dem absteigenden Ast?

Kapitel 2 Beruht Religion nicht auf Glaube und säkulares Denken auf Wissen?

Teil 2 Religion hat mehr zu bieten, als man meint

Kapitel 3 Ein Sinn im Leben, den Leid einem nicht nehmen kann

Kapitel 4 Zufriedenheit, die nicht an Umstände gebunden ist

Kapitel 5 Warum darf man nicht leben, wie man will, solange man niemandem schadet?

Kapitel 6 Das Problem mit dem Ich

Kapitel 7 Identität, die andere nicht ausgrenzt

Kapitel 8 Hoffnung, die allem ins Auge sieht

Kapitel 9 Das Problem mit der Moral

Kapitel 10 Gerechtigkeit ohne neue Unterdrücker

Teil 3 Christsein ist vernünftig

Kapitel 11 Ist es vernünftig, an Gott zu glauben?

Kapitel 12 Ist es vernünftig, den christlichen Glauben anzunehmen?

Epilog: Nur in Gott

Dank

Anmerkungen

Vorwort

Was säkular Denkende glauben

Seit fast dreißig Jahren arbeite ich nun schon in Manhattan. Die meisten Menschen in dieser Stadt, die zu meinem Zuhause geworden ist, sind nicht gläubig oder religiös. Sie sind auch keine Namenschristen, die nur an Weihnachten und Ostern in die Kirche gehen. Die meisten würden sich als „säkular“ ansehen – „keine religiöse Zugehörigkeit“.

Neulich brachte die New York Times einen Bericht über eine wöchentliche Diskussionsrunde, die unsere Gemeinde für Menschen veranstaltet, die skeptisch gegenüber Gott und jeglicher übernatürlicher Realität sind. In dieser Gruppe wird keine Wahrheit einer Religion oder des Säkularismus vorausgesetzt, sondern es werden verschiedene Quellen konsultiert – persönliche Erfahrung, Philosophie, Geschichte und Soziologie genauso wie religiöse Texte. Glaubenssysteme werden verglichen und es wird abgewogen, wie sinnvoll sie jeweils sind. Die meisten Teilnehmer kommen sicherlich mit einem eigenen Standpunkt und werden hoffen, dass ihre eigene Weltanschauung in dieser Bestandsaufnahme besser dastehen wird. Doch jeder ist gezwungen, sich der Kritik zu stellen und Schwächen und Probleme seiner Sichtweise einzugestehen.1

Nachdem der Artikel erschienen war, wurde er in verschiedenen Internetforen diskutiert. Viele hatten nur Spott und Hohn übrig. Ein Kommentator sagte, dass Christsein „keinerlei Sinn ergibt in der realen, natürlichen Welt, in der wir leben“ und daher „keinerlei [rationalen] Wert hat“. Viele widersprachen der Ansicht, dass auch der Säkularismus ein Glaubenssystem ist, das sich mit anderen Systemen vergleichen lässt. Sie sahen in ihm lediglich eine vernünftige Einschätzung der Welt, die sich auf rein rationale Bewertungen stützt. Religiöse Menschen würden versuchen, ihren Glauben anderen aufzudrücken, aber säkulare Menschen würden reine Fakten einbringen, vor denen diejenigen, die nicht mit ihnen übereinstimmten, die Augen verschließen würden. Ein anderer schrieb, dass man nur Christ sein könne, wenn man die Märchen der Bibel für wahr hielte und jegliche Vernunft und Beweislage ausblende.

In einem anderen Forum konnten die Teilnehmer nicht verstehen, warum Skeptiker je zu einer solchen Diskussionsgruppe gehen sollten. Ein Mann fragte sich, ob wir etwa meinten, dass Menschen ohne religiöse Bindung nie vom christlichen Glauben gehört hätten. „Denken sie, dass säkulare Menschen da hinkommen, zuhören und sagen: ‚Hey, warum hat mir niemand davon erzählt?`“ Ein anderer schrieb: „Menschen sind nicht säkular, weil sie sich nicht mit Religion auskennen – sie sind es, weil sie Bescheid wissen.“2

Doch ich bin im Laufe der Jahre in so vielen solcher Diskussionsgruppen gewesen, dass ich weiß, dass diese Einschätzung der Kritiker des Glaubens weitgehend nicht zutrifft. Gläubige wie ungläubige Menschen gelangen zu ihren Überzeugungen durch eine Kombination aus Erfahrung, Glaube, Denken und Intuition. Und in diesen Foren sagen mir regelmäßig Skeptiker, dass sie sich gewünscht hätten, früher von dieser Art der Verbindung von Glauben und Denken zu wissen. Sie werden nicht alle zwangsläufig gläubig, aber sie sagen, dass sie noch nie vorher so viel Futter zum Nachdenken über diese Themen bekommen haben.

Dieses Buch soll den Lesern das gleiche Denkfutter anbieten – besonders den ganz skeptischen, die vielleicht meinen, dass die „gute Nachricht“ jeder kulturellen Relevanz entbehrt. Wir werden die Überzeugungen und Grundsätze des christlichen Glaubens mit der säkularen Weltanschauung vergleichen und danach fragen, welcher Ansatz unserer menschlichen Erfahrung einer komplexen Welt besser gerecht wird.

Bevor wir loslegen, sollten wir allerdings einen Moment darüber nachdenken, wie wir das Wort „säkular“ verwenden wollen, das heutzutage auf mindestens drei verschiedene Weisen benutzt wird:

1.sozio-politisch: Eine säkulare Gesellschaft macht eine scharfe Trennung zwischen Staat und Religion. Keine Glaubensrichtung wird von Regierung und kulturellen Institutionen bevorzugt;

2.individuell: Mit dem Begriff werden auch einzelne Personen beschrieben. Ein säkularer Mensch ist jemand, der nicht weiß, ob es einen Gott oder einen übernatürlichen Bereich gibt. Für ihn hat alles eine (natur-)wissenschaftliche Erklärung;

3.kulturell: Das Wort beschreibt auch eine bestimmte Kultur mit ihren Themen und Grunderzählungen (Narrativen). In einem säkularen Zeitalter liegt alles Gewicht auf dem saeculum, auf dem Hier und Jetzt, ohne jede Vorstellung von etwas Ewigem. Glück und Sinn des Lebens sucht man in Wohlstand, materiellen Annehmlichkeiten und emotionaler Erfüllung.

Es ist hilfreich, diese drei Aspekte zu unterscheiden. Eine Gesellschaft kann einen säkularen Staat haben, obwohl es im Land wenig säkulare Menschen gibt. Eine andere Differenzierung begegnet uns auf Schritt und Tritt: Menschen können bekennen, dass sie nicht säkular sind, sondern religiös. Doch auf praktischer Ebene wirkt sich die Existenz Gottes nicht merklich auf ihre Entscheidungen und Verhaltensweisen aus. Denn in einem säkularen Zeitalter neigen selbst gläubige Menschen dazu, Partner, Beruf, Freundschaften und finanzielle Optionen nach keinem höheren Ziel auszusuchen als ihrem jetzigen persönlichen Glück. Es ist selten geworden, seinen persönlichen Frieden und Überfluss für etwas zu opfern, selbst für Menschen, die von sich sagen, dass sie an absolute Werte und die Ewigkeit glauben. Auch wenn Sie kein säkularer Mensch sind, kann das säkulare Zeitalter Ihren Glauben „ausdünnen“ und kann ihn säkularisieren, bis er nur noch eine weitere Lebensentscheidung neben Job, Hobbys oder Politik darstellt – und nicht mehr der umfassende Rahmen ist, der alle Lebensentscheidungen bestimmt.3

In diesem Buch werde ich das Wort „säkular“ im zweiten und dritten Sinne verwenden und diese Positionen oft scharf kritisieren. Dagegen bin ich ein großer Verfechter des ersten Aspektes. Ich möchte nicht, dass die Kirche oder irgendeine religiöse Institution den Staat kontrolliert oder umgekehrt. Gesellschaften, in denen der Staat einen bestimmten, für wahr gehaltenen Glauben übernommen und gefördert hat, sind oft repressiv gewesen. Regierungen haben die Autorität der „einen wahren Religion“ als Gewähr für Gewalt und Imperialismus genommen. Doch ironischerweise endet die Hochzeit zwischen Staat und Kirche darin, dass die bevorzugte Religion geschwächt und keineswegs gestärkt wird: Wenn eine Religion den Menschen durch sozialen Druck aufgezwungen wird und sie sich nicht aus freien Stücken dafür entscheiden können, nehmen sie diese oft nur halbherzig oder sogar heuchlerisch an. Das Beste ist eine Regierung, die weder einen bestimmten Glauben fördert noch eine doktrinäre Form des Säkularismus, in der Religion abwertet und ausgrenzt.

Ein wahrhaft säkularer Staat wird eine wirklich pluralistische Gesellschaft schaffen; einen „Marktplatz der Ideen“, auf dem sich Menschen jeglicher Glaubensrichtung, einschließlich säkularer Ansätze, einfinden, um in Freiheit, gegenseitigem Respekt und Frieden ihre Gedanken beizutragen und miteinander zu reden, zu leben und zu arbeiten. Solch einen Ort gibt es noch nicht, wo Menschen, die zutiefst anders denken, dennoch lange und aufmerksam zuhören, bevor sie reden. Wo man Schattengefechte vermeidet und den Einwänden und Zweifeln der anderen ernsthaft und respektvoll begegnet. Wo man sich so sehr danach ausstreckt, die andere Seite zu verstehen, dass die Gegner sagen können: „Du stellst meine Position besser und überzeugender dar, als ich es selbst kann.“ Ich gebe zu, dass es solch einen Ort noch nicht gibt, aber ich hoffe, dass dieses Buch ein kleiner, unperfekter Beitrag zu seiner Entstehung sein kann.

Vor ein paar Jahren schrieb ich ein Buch mit dem Titel Warum Gott?, das ein Bündel an Argumenten für den christlichen Glauben an Gott liefert. Für viele war es hilfreich, doch für andere ging es nicht weit genug zurück. Manche werden diese Entdeckungsreise gar nicht erst antreten, weil christlicher Glaube ihnen einfach nicht relevant genug erscheint, als dass sie der Mühe wert wäre. „Erfordert Religion nicht blinde Glaubenssprünge in einem Zeitalter von Wissenschaft, Vernunft und Technik? Es werden gewiss immer weniger Menschen sein, die das Bedürfnis nach Religion verspüren, und sie wird aussterben.“

Dieser Band beginnt mit diesen Einwänden. In den ersten zwei Kapiteln hinterfrage ich die Annahmen, dass die Welt immer säkularer wird und dass säkulare, nichtreligiöse Menschen ihre Sicht vom Leben vor allem aus der Vernunft ableiten. Die Realität ist, dass jeder Mensch seine Weltanschauung auf eine Vielzahl rationaler, emotionaler, kultureller und sozialer Faktoren stützt.

Im zweiten Teil des Buchs werde ich vergleichen, wie christlicher Glaube und Säkularismus (mit gelegentlichen Bezügen zu anderen Religionen) versuchen, den Menschen Sinn, Zufriedenheit, Freiheit, Identität, ethische Moral und Hoffnung zu verschaffen – die wesentlichen Dinge, ohne die wir nicht leben können. Ich werde aufzeigen, dass der christliche Glaube emotional wie kulturell am meisten Sinn ergibt, dass er diese großen Lebensthemen am treffendsten erklärt und dass er unübertroffene Ressourcen bietet, um diesen unweigerlichen menschlichen Bedürfnissen zu begegnen.

Warum Gott? thematisiert außerdem nicht die vielen unterschwelligen Überzeugungen, die unsere Kultur uns über den christlichen Glauben aufdrückt und ihn so wenig plausibel erscheinen lassen. Diese Annahmen werden uns nicht ausdrücklich in einer Argumentation präsentiert, sondern begegnen uns verpackt in den Geschichten und Themen in Unterhaltung und Social Media, einfach als „die Dinge, wie sie sind“.4 Diese Annahmen sind so stark, dass selbst bei vielen Christen – vielleicht zunächst im Verborgenen – der Glauben in ihren Köpfen und Herzen immer mehr an Kraft verliert. Das meiste auf dieser Ebene ist für uns nicht als Glaubenssatz erkennbar:

»„Man muss nicht an Gott glauben, um ein erfülltes Leben voller Bedeutung, Hoffnung und Zufriedenheit zu haben“ (Kapitel 3, 4 und 8).

»„Man sollte frei sein, so zu leben, wie man es für richtig hält, solange man niemandem schadet“ (Kapitel 5).

»„Du wirst, wer du wirklich bist, wenn du deinen tiefsten Wünschen und Träumen treu bleibst“ (Kapitel 6 und 7).

»„Man muss nicht an Gott glauben, um eine Grundlage für ethisch-moralische Werte und Menschenrechte zu haben“ (Kapitel 9 und 10).

»„Es gibt wenig bis keine Anzeichen dafür, dass es Gott wirklich gibt oder der christliche Glaube wahr ist“ (Kapitel 11 und 12).

Wenn Sie meinen, dass christlicher Glaube kaum darauf hoffen kann, einem denkenden Menschen einzuleuchten, dann ist dieses Buch für Sie geschrieben. Wenn Sie Freunde oder Familienmitglieder haben, die so denken (und wer in unserer Gesellschaft hat das nicht?), dann könnte Sie dieses Buch ebenso interessieren.

Nach einer solchen „Skeptiker willkommen!“-Diskussionsrunde in unserer Gemeinde kam ein älterer Herr auf mich zu, der schon oft dabei gewesen war, und sagte zu mir: „Mir ist jetzt bewusst geworden, dass ich weder in meiner Jugend, als ich noch zur Kirche ging, noch später, als ich als Atheist lebte, meine Grundlagen so genau angeschaut habe. Ich stand zu sehr unter dem Einfluss meines Umfeldes und habe Dinge nicht für mich selbst durchdacht. Danke für diese Gelegenheit!“

Meine Hoffnung für dieses Buch ist, dass es Lesern innerhalb wie außerhalb religiöser Systeme dazu verhilft, das Gleiche zu tun.

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Teil 1

Wozu Religion?

Kapitel 1

Ist Religion nicht auf dem absteigenden Ast?

Dass Sie dieses Buch zur Hand genommen haben, verrät bereits ein gewisses Interesse an der Frage, ob religiöser Glaube in unserer Zeit denkbar ist. Aber sollten Sie wirklich weiterlesen? Ist ein Buch über die Relevanz von Religion nicht bloß ein verzweifeltes Rückzugsgefecht? Ist es nicht längst Realität, dass Nicht-Glauben im Kommen ist? Dass Religion allgemein (und besonders der christliche Glaube) vergebene Mühe ist und unweigerlich ihrem Ende zugeht? Stellen nicht immer stärkere Bevölkerungsanteile, besonders die Generation Y, fest, dass sie kaum noch ein Bedürfnis nach Gott und Glaube in ihrem Leben haben?

Eine Frau in meiner Gemeinde brachte einen Geschäftskollegen zu einem Sonntagsgottesdienst mit. Der Mittfünfziger war sprachlos, als er mehrere Tausend Berufstätige sah, die meisten davon jung und aus Manhattan. Er fand den Gottesdienst hilfreich, nachdenkenswert und sogar bewegend. Hinterher gestand er ihr, dass diese Erfahrung ziemlich nervenaufreibend für ihn war. Als sie nach dem Grund fragte, antwortete er: „Es stand für mich immer fest, dass Religion ausstirbt, zumindest unter gebildeten Menschen, besonders unter den jungen. Ich kann verstehen, dass junge Erwachsene sich von christlichen Rockkonzerttypen angezogen fühlen. Aber das hier untergräbt meinen Standpunkt.“

Nach einer großen neuen Studie des Pew-Forschungsinstituts brachte die Washington Post einen Artikel mit dem Titel „The World Is Expected to Become More Religious – Not Less“ („Es ist zu erwarten, dass die Religiosität in der Welt zunehmen wird – nicht abnehmen“). Während anerkannt wurde, dass in den USA und in Europa der Prozentsatz an Menschen ohne religiöse Bindung momentan zunimmt, griff der Artikel auf Forschungsergebnisse zurück, die zeigten, dass in der übrigen Welt Religion überall stetig und stark wächst. Christen und Muslime werden einen zunehmenden Prozentsatz ausmachen, während der säkulare Anteil abnimmt. Jack Goldstone, Politikprofessor an der Georg Mason University, wird mit den Worten zitiert: „Soziologen waren voreilig, als sie voraussagten, dass die zunehmende Modernisierung ein Wachstum an Säkularisierung und Nichtglauben bringen würde … Das sehen wir so nicht … Menschen brauchen Religion.“1

Viele Leser reagierten ähnlich wie der Mann, der unseren Gottesdienst besuchte, und konnten die Ergebnisse der Studie kaum glauben. Einer meinte: „Man wird Religion doch schnell los, wenn man Menschen einfach über andere Religionen unterrichtet; erst recht, wenn man ihnen einen säkularen, unvoreingenommenen Blick auf die Geschichte der Religionen eröffnet – was schließlich jedes Kind bei uns mitbekommen hat.“2 Solange also das Bildungsniveau steigt und die Modernisierung fortschreitet, muss Religion aussterben. Nach dieser Sicht empfinden Menschen ein Bedürfnis nach Religion nur, wenn sie in Wissenschaft, Geschichte und Logik nicht über ausreichende Bildung verfügen.

Doch die Pew-Studie stellt diese tiefen Überzeugungen über die Gründe für Religiosität infrage. Vor nicht allzu langer Zeit waren sich führende Wissenschaftler der westlichen Gesellschaft sogar einig darin, dass Religion unweigerlich vergehen würde. Sie nahmen an, dass das Bedürfnis nach Religion zurückginge, weil die Naturwissenschaften bessere Erklärungen für und Hilfe gegen die Elemente der Natur hätten als Gott. 1966 verkörperte John Lennon diesen Konsens, als er sagte: „Das Christentum wird vergehen. Es wird verschwinden und eingehen. Ich brauche darüber nicht zu streiten; ich habe recht und werde recht behalten.“3

Doch dies ist nicht eingetreten. Wie die Pew-Studie belegt, ist Religion auf dem Vormarsch und das Aufkommen der forschen, streitbaren „neuen Atheisten“ könnte in Wirklichkeit eine Reaktion auf das Bestehen und sogar Wiederaufleben vitaler Religion sein.4 Außerdem blüht der Glaube nicht nur unter weniger Gebildeten. In der letzten Generation haben Philosophen wie Alasdair MacIntyre, Charles Taylor oder Alvin Plantinga große, wissenschaftliche Werke verfasst, die den Glauben an Gott stützen und den modernen Säkularismus in einer Weise kritisieren, der man wenig entgegenzusetzen hat.5

Demografen erklären uns, dass das 21. Jahrhundert weniger säkular sein wird als das 20. Jahrhundert. In Schwarzafrika und in China hat es erdrutschartige religiöse Verschiebungen in Richtung Christentum gegeben, während in Lateinamerika Evangelikale und Pfingstler massiv zugenommen haben. Selbst in den USA geschah das Wachstum des Säkularismus vornehmlich unter den reinen Namenschristen, während die ernsthaften Christen in den USA und in Europa mehr werden.6

Vier von fünf Menschen auf der Welt halten den Glauben an Gott für sinnvoll und das wird auch in Zukunft voraussichtlich so bleiben.7 Hier stellt sich unmittelbar die Frage nach den Gründen. Warum wächst Religion immer noch angesichts so viel säkularen Widerstands? Manche mögen antworten, dass die meisten Menschen auf der Welt eben immer noch zu ungebildet sind, während andere unverblümter sagen: „Die Welt ist eben voller Idioten.“ Doch eine durchdachtere, weniger misanthropische (menschenfeindliche) Antwort wäre angebracht.

Es gibt zwei gute Antworten auf die Frage, warum Religion weiterhin besteht und die Religiosität zunimmt. Eine Erklärung besagt, dass viele Menschen feststellen, dass säkulare Vernunft manches auslässt, was sie zum Leben brauchen. Eine andere Erklärung geht dahin, dass viele Menschen intuitiv spüren, dass es eine transzendente Welt hinter dieser natürlichen Welt gibt. Sehen wir uns beide Erklärungen einmal genauer an.

Ein Bewusstsein von dem, was fehlt

Vor ein paar Jahren kam eine Chinesin in unsere Gemeinde, die an der Columbia University einen Abschluss in Politikwissenschaften machte. Sie war auch deswegen zum Studium in die USA gekommen, weil Sozialwissenschaftler in China zunehmend davon ausgingen, dass der christliche Transzendenzgedanke die geschichtliche Grundlage für die Ideen der Gleichheit und der Menschenrechte war.8 Sie sagte, dass die Wissenschaft allein letztlich keine Gleichheit der Menschen beweisen könne. Ich war überrascht, doch sie meinte, dass diese Gedanken nicht nur unter manchen chinesischen Akademikern umgingen, sondern auch von einigen der anerkanntesten westlichen Denker so geäußert würden. Sie verhalf mir zu der Einsicht, dass Glaube in exklusiven Philosophenkreisen gerade so etwas wie ein Comeback feierte und zunehmend gesehen wurde, dass der säkularen Vernunft (Rationalität und Wissenschaft ohne jeden Glauben an eine transzendente, übernatürliche Realität) wichtige Dinge fehlen, die unsere Gesellschaft braucht.

Jürgen Habermas, einer der prominentesten Philosophen der Welt, hat über Jahrzehnte die Sicht der Aufklärung verfochten, dass im öffentlichen Raum nur säkulare Vernunft gelten sollte.9 Doch kürzlich verschreckte Habermas das philosophische Establishment mit einer geänderten Haltung, die religiösem Glauben positiver gegenübersteht. Er geht nun davon aus, dass die säkulare Vernunft nicht alleine für das aufkommen kann, was er für die Substanz des Menschlichen hält. Er zeigt auf, dass Wissenschaft alleine nicht in der Lage ist zu beurteilen, ob ihre technischen Erfindungen für die Menschen gut oder schlecht sind. Dazu muss man wissen, was ein guter Mensch ist, und Wissenschaft kann nicht über Moral entscheiden oder solche definieren.10 Die Sozialwissenschaften können uns vielleicht sagen, was das Leben ist, aber nicht, wie es sein sollte.11 Der Traum der Humanisten im 19. Jahrhundert war, dass der Niedergang der Religion zu weniger Krieg und Konflikten führen würde. Stattdessen wurde das 20. Jahrhundert von noch mehr Gewalt geprägt, die von Staaten ausging, die angeblich nichtreligiös waren und auf der Grundlage von wissenschaftlicher Vernunft agierten. Denen, die immer noch darauf vertrauen, dass die Philosophie in der Lage sei zu bestimmen, was wahr und was falsch ist, rät Habermas, auf die „Katastrophen des 20. Jahrhunderts“ zu schauen – „religiöse Faschisten und kommunistische Staaten, die auf der Grundlage praktischer Vernunft agieren – um zu sehen, dass dieses Vertrauen fehl am Platz ist“.12 Im Namen der Religion sind furchtbare Taten begangen worden, aber der Säkularismus hat sich nicht als Verbesserung erwiesen.

Belege für die These von Habermas kommen aus der aktuellen Forschung über die Geschichte der Eugenik im frühen 20. Jahrhundert. Thomas C. Leonard von der Princeton University zeigt, dass man vor hundert Jahren unter progressiver, wissenschaftlich orientierter Sozialpolitik weithin verstand, Menschen mit Gendefekten zu sterilisieren oder zu inhaftieren.13 1926 fand der berühmte Scopes-Prozess in Tennessee gegen John T. Scopes statt, weil er Evolution unterrichtet hatte. Doch nur wenige erinnern sich daran, dass sein verwendetes Lehrbuch (Civic Biology von George Hunter) nicht nur Evolution lehrte, sondern sich auch dafür aussprach, solche Schichten von Menschen zu sterilisieren oder gar zu töten, die den Genpool schwächen würden, indem sie „Krankheit, Unmoral und Verbrechen über das ganze Land ausbreiten“.14 Das war üblich für damalige Lehrbücher.

Nicht die Wissenschaft, sondern die Schrecken des Zweiten Weltkriegs brachten die Eugenik in Verruf. Die Verbindung zwischen genetischer Ausstattung und verschiedenen Formen unsozialen Verhaltens ist nie widerlegt worden, im Gegenteil. Neuere Studien zeigen beispielsweise, dass ein bestimmtes Rezeptorgen bei Jungen die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Schullaufbahn schmälert, selbst bei ergänzender Nachhilfe durch Lehrer und Eltern.15 Es gibt viele Verbindungen zwischen Vererbung und Krankheit, Süchten und anderen Verhaltensproblemen. Thomas Leonard stellt fest, dass „Eugenik und Rassenlehre in der Progressive Era [Phase in der Geschichte der USA, 1890–1920, Anm. d. Übers.] keine Pseudowissenschaften waren, sondern Wissenschaft“.16 Es war vollkommen logisch zu schließen, dass es sozialer und ökonomisch kosteneffektiver war, wenn Menschen, deren Gene anfällig für ein unproduktives Leben waren, ihren Gen-Code nicht weitergaben. Doch die Todeslager riefen die moralische Intuition wach, dass Eugenik schlecht ist, auch wenn sie wissenschaftlich effizient sein mag. Doch wenn man das glaubt, dann braucht man Unterstützung von außerhalb der Wissenschaft und der streng rationalen Kosten-Nutzen-Analyse praktischer Vernunft. Wo kann man nach dieser Unterstützung suchen? Habermas schreibt: „Die Ideen von Freiheit … von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie [sind] unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik … Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“17

Damit soll überhaupt nicht geleugnet sein, dass Wissenschaft und Vernunft Quellen enormen und unersetzbaren Wohls für die menschliche Gesellschaft sind. Doch sie können nicht für sich alleine zum Leitprinzip einer Gesellschaft werden.18 Dies wird in einer Rede gut zusammengefasst, die seinerzeit eigentlich für den Scopes-Prozess geschrieben, dann aber nicht gehalten wurde: „Wissenschaft ist eine wunderbare materielle Kraft, aber sie ist keine Lehrerin von Moral. Sie kann wie eine perfekte Maschine funktionieren, aber sie bringt keine moralischen Grenzen mit, um die Gesellschaft vor dem Missbrauch dieser Maschine zu schützen … Wissenschaft lehrt keine brüderliche Liebe (und kann es auch nicht).“19 Säkulare, wissenschaftliche Vernunft ist etwas sehr Gutes, aber soll sie als ausschließliche Grundlage für das Leben der Menschen herhalten, wird man schnell feststellen, dass zu vieles fehlt.

Dem Tod entgegensehen und Vergebung finden

Ein bekanntes Buch, das ähnliche Gedanken entfaltet, ist der US-Bestseller When Breath Becomes Air (dt.: Bevor ich jetzt gehe: Was am Ende wirklich zählt – Vermächtnis eines jungen Arztes) des Neurochirurgen Paul Kalanithi, der an Krebs erkrankte und verstarb. In dem Buch berichtet er von seinen Reflexionen, die zu einer Reise zurück zum Glauben wurden. Paul Kalanithi war ein „eiserner Atheist“ gewesen. Sein vorrangiger Vorwurf gegen das Christentum war dessen „Versagen im Empirischen“ gewesen; „wirklich aufgeklärte Vernunft hatte einen wesentlich kohärenteren Kosmos zu bieten … eine materielle Konzeption der Wirklichkeit, ein ultimativ wissenschaftliches Weltbild“.20 Doch das Problem mit diesem ganzen Ansatz wurde ihm sehr deutlich: Wenn alles eine wissenschaftliche Erklärung und Beweisführung haben muss, dann „verbannt man nicht nur Gott, sondern genauso Liebe, Hass, Sinn – und das ist offensichtlich nicht die Welt, in der wir leben“.21

(Natur-)Wissenschaft kann seiner Ansicht nach nur „Phänomene auf handhabbare Einheiten reduzieren“. Sie kann nur etwas über Materie und Energie sagen und Dinge wie Liebe und Sinn nur als chemische Reaktionen im Gehirn erklären, die unseren Vorfahren zum Überleben halfen. Aber wenn wir davon ausgehen (was wirklich jeder tut), dass Liebe, Sinn und ethische Moral sich nicht nur real anfühlen, sondern es wirklich sind, kann Wissenschaft dazu nichts beitragen. So schließt er, dass „wissenschaftliche Erkenntnis nicht auf zentrale Aspekte des Menschseins anwendbar ist“ wie Hoffnung, Liebe, Schönheit, Würde, Leiden und Tugend.22

Als Kalanithi bewusst wurde, dass es für Dinge wie Sinn und Tugend, von denen er sicher war, dass sie existierten, keinen wissenschaftlichen Beweis gab, überdachte er sein ganzes Weltbild. Wenn die Voraussetzung des säkularen Denkens zu Schlussfolgerungen führte, die er für falsch hielt (nämlich dass Liebe, Sinn und Moral Illusionen sind), war es an der Zeit, seine Voraussetzungen zu ändern. Er fand es nun nicht länger unvernünftig, an Gott zu glauben, und kam zum Glauben an Gott und „die zentralen Werte des Christentums – selbstloses Opfer, Erlösung, Vergebung –, weil ich sie so verlockend fand“.23 Ebenso wie Habermas hatte er festgestellt, dass dem völlig säkularen Standpunkt zu viel von dem „fehlte“, was er als nötig und real erkannt hatte.

Kalanithi nennt als einen Grund dafür, dass er den Säkularismus hinter sich ließ, dass er die Vergebung entdeckte. Er führt dies nicht näher aus, aber ein anderer Fall mag darauf ein Licht werfen: Die Autorin und Dozentin Rebecca Pippert hatte einige Graduiertenkurse in Harvard zu prüfen, einen davon für Beratungssysteme. Einmal stellte der Professor eine Fallstudie vor, in der therapeutische Methoden eingesetzt wurden, um einem Mann zu helfen, die tiefe Feindseligkeit und Wut gegenüber seiner Mutter zu erkennen. Das half dem Klienten, sich besser zu verstehen. Dann fragte Pippert den Professor, was er gemacht hätte, wenn der Mann ihn um Hilfe gebeten hätte, seiner Mutter zu vergeben.24 Er antwortete, dass das Konzept von Vergebung eine moralische Verantwortung und vieles mehr voraussetzen würde, worüber wissenschaftliche Psychologie nicht sprechen könne. „Drücken Sie Ihre Werte über Vergebung nicht Ihrem Klienten auf“, sagte er. Als einige Studenten bestürzt reagierten, wollte er die Spannung mit Humor lösen und sagte: „Wenn ihr nach einem veränderten Herzen sucht, seid ihr hier wohl in der falschen Abteilung.“

Doch Pippert stellt fest: „Die Wahrheit ist, dass wir tatsächlich nach veränderten Herzen suchen.“25 Säkulare Vernunft gibt uns keine Grundlage für Selbstlosigkeit, Erlösung und Vergebung, wie Kalanithi in seinen letzten Lebensmonaten erkannte.

Ein Sinn für das Transzendente

Ein zweiter Grund, warum Religion selbst in unserem säkularen Zeitalter vielen Menschen weiterhin sinnvoll erscheint, ist eher existenzieller als intellektueller Natur. Der Harvard-Professor James Wood berichtete im New Yorker- Artikel „Is That All There Is?“ („Ist das alles, was es gibt?“) von einer befreundeten analytischen Philosophin und überzeugten Atheistin, die einmal mitten in der Nacht von einer tiefen Angst gepeinigt hochschreckte. „Wie kann diese Welt das Ergebnis eines zufälligen Urknalls sein? Wie konnte es keinen Plan und keinen metaphysischen Sinn geben? Kann es sein, dass jedes Leben – angefangen bei mir, meinem Mann, meinen Kindern usw. – kosmisch völlig bedeutungslos ist?“26

Wood, der selbst ein säkularer Mensch ist, gibt zu, dass „wenn man älter wird und Eltern und Freunde allmählich sterben, die Todesanzeigen in der Zeitung nicht länger Botschaften aus einer fernen Welt sind und die eigenen Projekte einem immer müßiger und flüchtiger erscheinen, solche Momente von Furcht und Nichtbegreifenkönnen häufiger und bohrender werden und, wie ich feststelle, genauso mitten am Tage auftauchen können wie in der Nacht“.27

Was ist dieses „Nichtbegreifenkönnen“, das so plötzlich selbst säkulare Menschen packen kann? Die Fragen der Freundin offenbaren eher eine intuitive Ahnung als einen Gedankengang – das Gefühl, dass wir mehr sind und dieses Leben mehr ist als das, was wir in der materiellen Welt sehen können. Steve Jobs bekannte im Angesicht seines nahenden Todes, dass es ihm „seltsam erschien, dass man alle diese Erfahrungen sammelt … und dann ist alles einfach weg. Deshalb möchte ich wirklich glauben, dass etwas überdauert, vielleicht unser Bewusstsein“. Es passte für ihn nicht zur Wirklichkeit, dass etwas so Bedeutsames wie das menschliche Ich einfach durch den Tod abgeschaltet würde – „Klick, und du bist weg“.28

Lisa Chase, die Witwe des bekannten Journalisten Peter Kaplan, weist das geschlossene Weltbild des konsequenten Säkularismus ebenso zurück und glaubt, dass ihr verstorbener Ehemann im Geist weiterlebt. Am Ende ihres Essays in Elle zitiert sie ihren trauernden Sohn, der sagt: „Ich wünschte, wir würden in einer magischen Welt leben, in der Wissenschaft nicht die Antwort auf alle Fragen ist“. Chase, die im Herzen des intellektuellen, progressiven Manhattans lebt, folgert, dass die „magische Welt“ ihres Sohnes tatsächlich der Wahrheit näher kommt als die säkulare Welt – zu stark waren ihre intuitiven Eingebungen über die Wirklichkeit des Transzendenten jenseits der natürlichen Welt geworden.29

Manchmal löst diese Intuition einen Protest gegen die Art des Säkularismus aus, das Leben zu verflachen und zu reduzieren, sodass „all unser Geben und Nehmen nur darauf hinausläuft, weiter zu zappeln und auf den Tod zu warten“.30 Ein andermal ist es eher die positive Wahrnehmung von Realitäten, die nach unserem objektiven Verstand eigentlich nicht real sein können. So bewegen bestimmte Kunstwerke den englischen Schriftsteller Julian Barnes in einer Weise, wie sie es eigentlich nicht sollten. Mozarts Requiem schöpft aus dem christlichen Verständnis von Tod, Gericht und dem Leben nach dem Tod, ohne das seine überwältigende Wirkung nicht zu erklären ist. In seinem objektiven Verstand verwirft Barnes solche Ideen und glaubt, dass nach dem Tod nur noch die Verwesung kommt. Trotzdem berührt ihn das Requiem, und das nicht nur durch die Musik, sondern auch durch die Worte, sodass er von der „quälenden hypothetischen Frage für den Nichtgläubigen“ schreibt: „Was wäre, wenn [das Requiem] wahr wäre?“31

Der Philosoph Charles Taylor fragt, ob Menschen wie Barnes erklären können, warum solche Kunst sie so tief berührt. Manchmal werden wir so sehr von solchen Erfahrungen überwältigender Schönheit „erschlagen“, dass wir uns genötigt sehen, das Wort „spirituell“ zu gebrauchen. Säkulare Denker wie der Harvard-Wissenschaftler Steven Pinker lehren uns stets, dass der Ursprung des Sinnes für Ästhetik nur etwas gewesen sein kann, das wie alles andere unseren Vorfahren das Überleben sicherte und uns dann über die Gene übertragen wurde.32

Doch solche reduktionistischen Erklärungen untermauern letztlich nur Taylors Argument. Denn die meisten Menschen (nicht nur religiöse!) werden lautstark protestieren und sagen, dass Schönheit mehr sein muss. Taylor schreibt: „Hier ist der Nichtgläubige herausgefordert, ein nicht-theistisches Register zu finden, das er ziehen kann, um auf [großartige Kunstwerke] ohne Verarmung zu reagieren.“33 Ich denke, Taylor meint damit: Wenn man voller Freude und Staunen ein Kunstwerk genießt, erscheint es einem ärmlich, daran erinnert zu werden, dass dieses Gefühl lediglich eine chemische Reaktion darstellt, die unseren Vorfahren geholfen hat, Nahrung zu finden und Feinden zu entfliehen. Man muss sich vor seinen eigenen säkularen Sichtweisen schützen, um ein solches Kunsterlebnis in seiner ganzen Tiefe machen zu können. Es ist schwer, „ernsthaft Freude an Musik zu haben, wenn man weiß und sich erinnert, dass die bedeutungsvolle Atmosphäre bloß eine Illusion ist“.34 Leonard Bernsteins Geständnis ist berühmt, dass er den „Himmel“ spürte, eine gewisse Ordnung hinter den Dingen, wenn er große Musik und große Schönheit hörte. „[Beethoven] hat den wahren, guten Stoff vom Himmel, die Kraft, dir das Gefühl zu geben, am Ziel zu sein: Etwas stimmt in der Welt. Da ist etwas, das in allem über uns wacht und stets seinem eigenen Gesetz folgt: etwas, dem wir vertrauen können, das uns nie enttäuschen wird.“35

Ist es möglich, dass Kunst in Menschen weiterhin die unentrinnbare Ahnung wecken wird, dass es mehr im Leben gibt, als der wissenschaftliche Säkularismus erfasst?

Die Erfahrung der Fülle

Religion ist für viele Menschen außerdem sinnvoll, weil sie eine direkte Erfahrung mit dem Transzendenten gemacht haben, die über die schwächeren Ahnungen des ästhetischen Erlebens hinausgehen.

In seinem besagten Essay diskutiert Wood auch Charles Taylors Beschreibung von „Fülle“. Manchmal erlebt man eine Fülle, in der die Welt auf einmal voller Bedeutung, Kohärenz und Schönheit erscheint, die in unser normales Lebensgefühl hineinbrechen.36 Einige, die eine solche Erfahrung machen, wissen unweigerlich, dass das Leben unendlich mehr ist als nur körperliche Gesundheit, Wohlstand und Freiheit. Da ist eine Tiefe und ein Staunen; eine Art höhere Gegenwart jenseits des gewöhnlichen Lebens. Vor ihr mögen wir uns klein und unbedeutend fühlen, doch gleichzeitig voller Hoffnung und unbesorgt über die Dinge, die uns normalerweise Angst machen.

Solche Erfahrungen sind wahrscheinlich häufiger, als man meint. Denn die meisten Menschen erzählen davon nur sehr widerwillig, weil sie wissen, dass Familie und Freunde denken werden, dass sie neben der Spur sind. Frank Bruni schrieb in der New York Times über solche Erlebnisse, während derer sich Menschen Gott nah und dann doch wieder ganz fern fühlen, weil sie zum Schluss zu führen scheinen, dass es etwas jenseits der materiellen, sichtbaren Welt gibt.37 Die Philosophen Hubert Dreyfus und Sean Kelly nennen diese Erfahrung „das Rauschen“.38 Der englische Philosoph Roger Scruton spricht vom Empfinden einer „höheren Ordnung“, das mit Macht in unser Bewusstsein eindringt.39

Ein klassisches Beispiel ist das, was Lord Kenneth Clarke passierte, einem der bekanntesten Kunstgeschichtler und -autoren, der die BBC-Serie Civilization produziert hat. In einem autobiografischen Bericht beschreibt er eine merkwürdige Episode während eines Aufenthalts in einer Villa in Italien:

Ich hatte eine religiöse Erfahrung. Es geschah in der Kirche von San Lorenzo, aber es schien nicht in Verbindung mit der harmonischen Schönheit der Architektur zu stehen. Ich kann nur sagen, dass für ein paar Minuten mein ganzes Wesen erleuchtet war von einer Art himmlischer Freude, die weit intensiver war als alles, was ich vorher erlebt hatte. … Doch so wunderbar dieser Zustand war, er stellte mich vor ein unangenehmes Problem. Mein Leben war nicht gerade schuldlos. Ich würde mich ändern müssen. Meine Familie würde denken, dass ich verrückt geworden sei und vielleicht war es letztlich doch eine Einbildung, denn einer solchen Flut von Gnade war ich in keiner Hinsicht würdig. Allmählich ließ die Wirkung nach und ich gab mir keine Mühe, sie zu bewahren. Ich denke, es war richtig. Ich war zu sehr in der Welt verankert, um meinen Kurs zu ändern. Aber ich hatte den „Finger Gottes“ gespürt, dessen bin ich mir ziemlich sicher, und auch wenn die Erinnerung daran verblasst ist, hilft sie mir immer noch, die Freuden der Heiligen zu verstehen.40

Ein ähnliches Erlebnis hatte Václav Havel, der tschechische Schriftsteller und spätere Staatsmann. Eines Tages im Gefängnis sah er hinaus zu einer großen Baumkrone und wurde plötzlich von einer Empfindung übermannt, als ob er sich „auf einmal hoch über alle Koordinaten meines momentanen Daseins auf der Welt erhoben hatte in eine Art ‚Über-Zeit‘ der totalen Gegenwart alles Schönen, das ich je gesehen und erlebt hatte“ – was man traditionell als Ewigkeit bezeichnen würde. Er wurde „durchflutet von einer Art höchst glücklichem Einklang mit der Welt und mir selbst, mit diesem Augenblick …“ und spürte, dass er an der Schwelle zum Unendlichen stand.41

Atheismus mit einem wilden Gott

Während Clark und Havel ihre Begegnungen mit der Fülle religiös interpretiert haben, gibt es andere, die dabei bleiben, nicht an Gott zu glauben, obwohl sie ihre Erfahrung nicht rational erfassen können.42 Im Paris Review schreibt Kristin Dombek: „Ich bin nun seit mehr als 15 Jahren Atheistin und habe mir fast alles über den Glauben erklären können, mit dem ich aufgewachsen bin. Aber ich habe mir nicht erklären können, wie Gott manchmal so real erfahren wird, dass er unaufgefordert im Leben von Menschen erscheint, sie mit Freude erfüllt und großzügig macht … Es ist, als ob man das beste Geheimnis der Welt erhascht: Liebe muss nicht knapp sein.“43

Die Atheistin Barbara Ehrenreich, am besten bekannt für ihr bahnbrechendes Werk Nickel and Dimed, schrieb ihre Erfahrung in Living With a Wild God nieder, das von einer lebensverändernden mystischen Erfahrung handelt, die sie im Mai 1959 als Siebzehnjährige machte. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr war sie auf der Suche nach Antworten auf die Frage, was der Sinn unseres kurzen Lebens ist und wozu wir hier auf der Erde sind.44 Ihre Eltern waren Atheisten gewesen und ihre Anstrengungen bei dieser Suche liefen auf streng rationalistischer Basis ab, was sie nach eigenen Worten in den „Morast des Solipsismus“ führte [nur das eigene Ich existiert]. Sie spürte, dass es keinen Weg gab, richtig von falsch zu unterscheiden oder wahr von unwahr.45 Doch als sie siebzehn war, fand sie auf einer leeren Straße im Morgengrauen „alles, wonach ich gesucht hatte, seit ich meine Suche artikuliert hatte“. Wie andere auch konnte sie diese Erfahrung nicht beschreiben: „Hier verlassen wir den Bereich der Sprache und es bleibt nur ein vages Gurgeln der Kapitulation, das sich in Worten wie ‚unaussprechlich‘ und ‚transzendent‘ ausdrückt.“46

Es gab keine Visionen, keine prophetischen Stimmen oder Besuche von Totemtieren, nur überall dieses Lodern. Etwas strömte in mich hinein und ich floss in dieses Etwas. Das war nicht die passive, glückselige Verschmelzung mit dem „All-Einen“, wie es die östlichen Mystiker versprechen, sondern eine rasende Begegnung mit einem lebenden Wesen … „Ekstase“ wäre das richtige Wort, aber nur, wenn man beachtet, dass es nicht das gleiche Spektrum wie „Glück“ oder „Euphorie“ abdeckt, sondern einem Ausbruch von Gewalt gleichen kann.47

Da sie nun jeden Beleg dafür hatte, dass es zumindest „die Möglichkeit eines nichtmenschlichen Akteurs gab, etwas mysteriöses Anderes, … konnte ich mich immer noch als Atheistin bezeichnen?“48 Sie beschloss, dass sie es konnte, weil ihre Erfahrung ihrer Meinung nach keine Ähnlichkeit mit der „religiösen Ikonografie“ hatte, mit der sie aufgewachsen war.49 Erstens schien sich diese „Gegenwart“ nicht um die Menschen zu kümmern. „Die am meisten gepriesene Eigenschaft des christlichen Gottes ist, dass er ‚gut‘ ist.“ Doch ihre Erfahrung hatte sie mit etwas „Wildem“ verbunden, ungestüm, sogar gefährlich und gewaltsam; nichts, was sie als gut oder freundlich ansehen konnte. Zweitens brachte ihre Erfahrung keine „ethischen Anweisungen“ mit sich. Sie hörte keine Stimmen. „Was ich auch gesehen hatte, es war, was es war, ohne Bezug zu menschlichen Anliegen.“ Dennoch führte dies unmittelbar dazu, dass sie aus ihrem klaustrophobischen Rätselraten gerissen und in das „große Feld der Geschichte geschwemmt wurde – die Unterdrückten gegen die Unterdrücker, die Besetzten gegen die Besatzer. Ich wurde mitgerissen in diesen Kampf.“50 So wurde sie zur sozialen Aktivistin und ist es heute noch.

Doch im Gegensatz zu ihrer Deutung passt ihre Erfahrung zu vielem in der christlichen und biblischen Theologie über Gott. Sie sagt, dass es etwas „wildes, amoralisches Anderes“ war, kein Wesen, das „Ethik durchsetzte“, doch im Buch Hiob kann man nachlesen, dass Menschen ihn als beides erlebt haben.51 In biblischen Berichten von Begegnungen mit dem Göttlichen (z. B. 2. Mose 3 und 33 und Jesaja 6) fühlten sich die menschlichen Empfänger völlig bedeutungslos. Diese Texte zeigen auch einen Gott, dessen Gegenwart heftig traumatisch und tödlich ist und dennoch gleichzeitig attraktiv und anziehend. Augustinus beschreibt in seinen Bekenntnissen (Confessiones) eine Erfahrung mit Gott vor seiner Bekehrung, die er nur als „Blitz eines zitternden Blickes“ beschreiben konnte, der ihm einen überwältigenden, aber bedrohlichen Einblick in etwas völlig anderes gab. Nachdem er dann Gott durch Christus begegnet war, wurden seine Kontakte mit dem Göttlichen geprägt von „der Einheit von Liebe und Schrecken“.52 Der Oxforder Historiker Henry Cladwick erklärt dazu in seinem Buch über Augustinus’ Theologie: „Der Schrecken wurde ausgelöst durch die Kontemplation des unnahbar Anderen, der so fern und so anders war, die Liebe durch das Bewusstsein des Anderen, der so ähnlich und nah ist.“53

Selbst Ehrenreichs aus dem Ärmel geschüttelter Kommentar es war, was es war klingt wie Gottes Wort an Mose: „Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3,14). Das „Wilde“, das Ehrenreich beschreibt, passt perfekt zu vielen Beschreibungen von Gott in der Bibel.54 Gott erscheint als ein Sturm (Hiob 38,1), als loderndes Feuer (2. Mose 3,2) oder als rauchender Ofen und brennende Fackel (1. Mose 15,17).55 Ehrenreichs Erfahrung klingt unheimlich ähnlich wie Rudolf Ottos berühmte Beschreibung des „Heiligen“: „ein überhaupt ‚Ganz anderes‘ …[,] das in Art und Wesen mir in keinster Weise ähnelt, weshalb ich vor ihm in starrem Erstaunen zurückpralle“56.

Trotz alledem bleibt sie Atheistin. Dennoch kann man sagen, dass ihr streng säkularer Rahmen nicht mehr vollständig oder geschlossen ist. Sie schreibt, dass sie „nicht länger die Art von höhnischen, dogmatischen Atheisten“ ist, „wie meine Eltern es waren“. Als sie in einer Fernsehsendung nach ihrem Atheismus gefragt wurde,

sagte ich nur, dass ich nicht „an Gott glaubte“, was so weit stimmte. Selbstverständlich hätte ich nicht damit fortfahren können, dass ich „nicht an Gott glauben muss, weil ich ihn kenne, zumindest irgendeine Art von Gott.“ Ich klang wohl nicht überzeugend, denn ich bekam einen Anruf von meiner klugen, heroischen Atheistentante Marcia, die mir sagte, dass sie die Sendung gesehen und ein leichtes Zittern und Ausweichen in meiner Antwort bemerkt hätte.57

Charles Taylor sagt, dass „Fülle“ streng genommen weder ein Glaube noch eine reine Erfahrung ist, sondern die Wahrnehmung, dass das Leben mehr ist, als naturalistische Erklärungen erfassen können. Dies sei die verbreitete, tatsächlich gelebte Verfasstheit der meisten Menschen ungeachtet ihrer Weltanschauung.58 Die Herausforderung für Gläubige wie Nichtgläubige liegt darin, wie sie diese gelebte Situation innerhalb ihrer Grundüberzeugungen verstehen. Wenn dieses Leben alles ist, warum sehnen wir uns dann so tief nach etwas, das es nicht gibt und nie gegeben hat? Warum gibt es so viele Erlebnisse, die über das Weltbild des Säkularismus hinausweisen, selbst bei denen, die solche Erfahrungen nicht begrüßen? Und wenn dieses Leben alles ist, was machen Sie dann mit diesem Verlangen, das im geschlossenen säkularen Rahmen keine Erfüllung finden kann?

Warum Staunen so natürlich ist

Die Grenzen des Verstandes, die normale Transzendenzerfahrung in der Kunst wie auch die außergewöhnlichen Erfahrungen, die den säkularen Denkrahmen selbst eingefleischter Atheisten aufbrechen, erklären, warum religiöse Überzeugungen sich wieder geltend machen, auch im Herzen des säkularen Westens.

Eigentlich ist es für Menschen nur natürlich, sich in Richtung auf Glauben an Gott zu bewegen. Der Humanwissenschaftler Mark Lilla schreibt: „Für die meisten Menschen ist Neugier auf die höheren Dinge normal; was sie lernen müssen, ist die Gleichgültigkeit.“59 Strenger Säkularismus geht davon aus, dass Menschen seelenlose physische Einheiten sind, dass sterbende Angehörige einfach aufhören zu existieren, dass Empfindungen von Liebe und Schönheit bloße chemisch-neurologische Ereignisse sind und dass es kein Falsch oder Richtig außerhalb dessen gibt, was wir in unserem Kopf bestimmen. Diese Positionen stehen dem Empfinden der allermeisten Menschen entgegen und große Teile der Menschheit werden sie einfach als unmöglich zu glauben ablehnen.

Viele fragen: Warum empfinden Menschen das Bedürfnis nach Religion? Vielleicht sehen wir nun, dass diese Formulierung der Frage das Fortdauern von Glaube nicht erklären kann. Menschen glauben nicht nur an Gott, weil sie ein gewisses emotionales Bedürfnis danach verspüren, sondern weil es ihnen verständlich macht, was sie sehen und erleben. Sogar viele denkende Menschen zieht es dorthin, wie wir gesehen haben, wenn auch widerwillig. Sie akzeptieren Religion, weil sie meinen, dass sie den Fakten menschlicher Existenz besser entspricht als der Säkularismus.

Aber ist Religion nicht im Niedergang begriffen?

Ich kann mir gut vorstellen, dass mancher Leser bisher vielem folgen kann. Aber Sie mögen einwenden, dass doch trotzdem viel mehr Menschen ihren Glauben verlieren als ihn zu finden. Ein Schreiber in der Times in London versicherte seinen Lesern, dass Religion auf der Welt unweigerlich schwindet, „weil die Unfairness göttlicher Gerechtigkeit, die Irrationalität der Lehre oder die Vorurteile … die Menschen allmählich ärgern“. Er schloss damit, dass „Säkularismus und mildere Formen von Religion auf lange Sicht siegen werden“.60