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Shauna Shanks

ICH MUSS
verrückt sein,

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Deutsch von Beate Zobel

Published by arrangement with The Zondervan Corporation
L.L.C., a subsidiary of HarperCollins Christian Publishing, Inc.
Copyright © 2017 by Shauna Shanks

Titel der Originalausgabe: A Fierce Love
© Shauna Shanks 2017
Veröffentlicht mit Zustimmung der Zondervan Corporation
L.L.C., einem Imprint von HarperCollins Publishing, Inc.

© 2018 Brunnen Verlag Gießen

Lektorat: Konstanze von der Pahlen

Umschlagfoto: Matt Day
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger

Satz: DTP Brunnen

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN Buch 978-3-7655-0994-0

ISBN E-Book 978-3-7655-7510-5

www.brunnen-verlag.de

Stimmen zum Buch

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Ich kann dieses Buch nur empfehlen. Es ist die erstaunliche Geschichte einer Frau, die im Kampf um ihre Ehe alles auf eine Karte setzt. Sie hat allen Grund aufzugeben – stattdessen verlässt sie sich ganz auf Gottes Wort. In welchen Herausforderungen wir auch stehen mögen: Dieses Buch hat für jeden etwas!

Christine Caine, Autorin

Dies ist die faszinierende Beschreibung eines ungewöhnlichen, mutigen Kampfes. Mit Gottes Hilfe entscheidet sich Shauna Shanks, ihren Partner zu lieben, obwohl er ihr das Herz gebrochen hat.

Lysa TerKeurst, Autorin und Leiterin von „Proverbs 31 Ministries“

Egal wodurch unser Glaube auf den Prüfstand kommt: Shaunas Geschichte zeigt, wie man in scheinbar hoffnungslosen Situationen nah bei Gott bleiben kann.

Chad Veach, Pastor

Für Micah –

du hast dich darauf eingelassen und mitgeholfen, dass
unsere Geschichte erzählt wird, ohne Einschränkungen.

Für Tante Jan und Shannon –

ihr seid mit mir durch die dunklen Täler gegangen
und habt mich wieder auf den geraden Weg zurückgeführt.

Für meine Jungs Josiah, Gabe und Judah –

ihr habt jeden Abend dafür gebetet,
„dass Mama ihr Buch fertigkriegt“. Danke dafür.

Inhalt

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Stimmen zum Buch

1 Der Nackte

2 Anfang vom Ende?

3 Gott redet

4 Scherbenhaufen

5 Der Liebesfilter

6 Für die Kinder

7 Spiegelglas

8 Entsetzliche Gleichgültigkeit

9 Brotkrumen

10 Aaron und Hur

11 Wüstenwanderung

12 Worte haben Macht

13 „Es ist aus“

14 Neue Gnade

15 Überschwängliche Liebe

16 Das ist Krieg

17 Laufen, rennen

18 Schwelgen

19 Micah

20 Selbsttäuschung

21 Die schönste Liebesgeschichte

22 Vergeben

23 Kalifornien, goldener Westen

24 Geistlicher Kampf

25 Ein weiches Herz

26 Nähe

27 Herr der Ringe

28 Gesunder Menschenverstand

29 Unendlich viel mehr

Quellenangaben

Bibelübersetzungen

1

Der Nackte

San Francisco, Semesterferien, Frühjahr 2003

Der Mann und die Frau waren nackt,
sie schämten sich aber nicht.

1. Mose 2,25

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Vor uns lag ein besonderer Tag, alles hatte Micah perfekt geplant. Zunächst schlenderten wir über San Franciscos Baker Beach mit seinem feinen, hellen Sand; dann besichtigten wir den Palace of Fine Arts, der wie ein alter römischer oder griechischer Tempel aussieht. Zusammen mit vielen anderen Touristen setzten wir mit der Fähre nach Alcatraz über und aßen am Pier 39 eine Spezialität der Gegend: Bread Bowls, Suppe in einem ausgehöhlten Brot.

Obwohl die Sonne warm und kraftvoll schien, fröstelten wir doch immer wieder. Der Wind, der vom Pazifik her kalt über das Land blies, war typisch für die Bucht von San Francisco. Lange standen wir an der ehemaligen Anlegestelle vom Pier 39. Schon vor Jahren war die Hafenanlage den immer mehr werdenden Seelöwen überlassen worden. Wir beobachteten die massigen Tiere beim Spielen und Schlafen. Ihr Bellen füllte die Luft, zusammen mit dem strengen Geruch von Fisch und Meer.

Unzählige Straßenkünstler unterhielten die Passanten. Hatte alle Welt Semesterferien oder warum waren hier so viele Leute unterwegs? Ein Mann hatte sich als lebende Statue von Kopf bis Fuß in Alufolie gewickelt und sein Gesicht silbern bemalt. Keine Ahnung, worin seine Kunst bestand. Aber ein Blickfang war er doch, wie er da stand, funkelnd und knisternd, wie aus einem alten Science-Fiction-Film.

Die Menschentrauben, die sich um die verschiedenen Darsteller bildeten, machten das Durchkommen in den überfüllten Straßen schwer. Nicht nur Zauberer und Musiker, auch viele schräge Vögel waren unterwegs. Einer sprach mich an, verkleidet als Polizist, hielt mir einen Strafzettel hin: „Sie erregen zu viel Aufsehen, zu viele Leute drehen sich nach Ihnen um“, stand auf dem Papier. Ich habe es bis heute aufgehoben.

Doch mehr als die vielen bunten Eindrücke faszinierte mich der junge Mann an meiner Seite, Micah, auf den ich mich so lange gefreut hatte. Zwei Jahre lang führten wir nun schon eine Fernbeziehung und sahen uns nur wenige Male im Jahr. Wir studierten an unterschiedlichen Colleges in verschiedenen Bundesstaaten. Nun waren endlich Semesterferien und ich besuchte ihn, nicht ahnend, was dieser Tag noch bringen würde.

Hand in Hand schlenderten wir durch die Stadt, küssten uns und genossen es, einander endlich in die Augen sehen zu können. Damals gab es weder WhatsApp noch Skype. (Gerade wird mir bewusst, wie alt ich schon bin …) Wir schickten uns E-Mails und telefonierten, wobei das Timing immer genau abgestimmt sein musste.

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Micah und ich kannten uns schon seit der Highschool. Doch obwohl wir gemeinsame Freunde gehabt hatten, verband uns damals nicht viel. Kurz vor dem Schulabschluss hatte ich die Beziehung zu meinem damaligen Freund beendet, mit dem ich zwei Jahre lang zusammen gewesen war. Dann nahte der Abiball und ich hatte keine Ahnung, mit welchem Tanzpartner ich dort auftauchen sollte. Auf keinen Fall wollte ich mit meinem Ex-Freund dorthin gehen und einen anderen Begleiter konnte ich mir auch nicht vorstellen. Meiner Freundin Jennifer erklärte ich schließlich, dass ich überhaupt nicht mitkommen würde.

Jennifer war total schockiert. Nach ihrer Meinung konnte ich auf keinen Fall so sang- und klanglos aus unserer Highschoolzeit verschwinden. Also beschloss sie, mir einen Tanzpartner für den Abschlussball zu suchen. Gemeinsam gingen wir die Liste unserer Klassenkameraden durch, aber ich lehnte jeden Einzelnen ab. Nachdem ich gerade eine ernsthafte Beziehung hinter mich gebracht hatte, war mir überhaupt nicht nach „Männersuche“. Ich wollte zur Ruhe kommen, Zeit haben und frei sein. Bis Jennifer schließlich fragte: „Und was ist mit Micah?“ Er hatte die Schule schon ein Jahr vor uns abgeschlossen.

„Also“, zögerte ich, „mit ihm könnte ich es mir vorstellen.“

Micah war ein lustiger Typ, er nahm alles sehr locker und brachte sein Umfeld immer zum Lachen. Mit ihm konnte ich einen Abend verbringen, ohne dass daraus mehr werden würde. Davon war ich überzeugt. „Ja, gut, mit ihm würde es gehen“, erklärte ich meiner kichernden Freundin. Und tatsächlich willigte Micah kurz darauf ein, mich zu begleiten.

Nach dem Abiball stand für mich fest, dass ich ihn heiraten wollte.

Wir trafen uns von da an öfters, auch wenn uns bewusst war, dass wir uns bereits an unterschiedlichen Studienorten eingeschrieben hatten. Micah besuchte ein College in Sacramento im Bundesstaat Kalifornien, ich war an einem christlichen College in Dallas, Texas, angemeldet. Vier Monate nach dem Abschlussball beschlossen wir, es trotzdem mit einer Fernbeziehung zu versuchen.

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Als die Sonne langsam am Horizont versank, führte Micah mich unter die Golden Gate Bridge. Im Wasser spiegelten sich die Lichter der Stadt. Die Wellen schlugen gegen die riesigen Felsbrocken, die über den Sandstrand verstreut waren. Leichtfüßig sprang Micah auf einen der Felsen, reichte mir die Hand und half mir hinauf.

Ich ahnte, was jetzt geschehen würde. Der Tag war einfach perfekt gewesen. Es nahte der krönende Abschluss.

Tatsächlich kniete Micah sich jetzt auf den Stein, einen Fuß aufgestellt, und griff mit der Hand in seine Tasche. Ich wartete gespannt. In diesem Moment hörten wir ein knirschendes Geräusch, das immer näher zu kommen schien. Da die Sonne schon sank, war es schwer, in der Entfernung irgendetwas zu erkennen. Micah zögerte. Er wollte bei dem, was er gleich sagen würde, nicht unterbrochen werden. Dann bemerkte ich einen Mann, der sich schnell näherte.

Später, wenn wir uns diese Geschichte erzählten, nannten wir ihn einfach den Nackten.

Kam er wirklich auf uns zu? Zugegeben, wir waren an einem FKK-Strand. Aber sah er denn nicht, dass Micah vor mir kniete? Außerdem war es doch kalt. Aber der Nackte beachtete uns überhaupt nicht und rannte weiter direkt auf unseren Felsen zu. Mit ausgestrecktem Arm klatschte er den Stein ab, dann drehte er sich wieder um und rannte den ganzen Weg zurück, den er gekommen war. Sein bloßes Hinterteil wackelte bei jedem Schritt.

So etwas kann einem wirklich nur in San Francisco passieren. Ich liebe diese Stadt!

Der Ring, den Micah mir schließlich überreichte, war traumhaft, er hätte nicht schöner sein können. Ich freute mich so sehr über ihn. Ich liebte den Ring und ich liebte diesen Mann. Ich war verlobt, endlich, verlobt mit dem Mann meiner Träume.

Als wir das nächste Mal unter dieser Brücke standen, feierten wir unseren zehnten Hochzeitstag. Doch welch ein Unterschied zu unserer romantischen Verlobung! Es war der letzte, verzweifelte Versuch, den Scherbenhaufen zu kitten, der von unserer Ehe noch übrig geblieben war.

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2

Anfang vom Ende?

Wer sein Leben zu erhalten sucht, wird es verlieren;
wer es aber verliert, wird es bewahren.

Lukas 17,33

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Meine Vorfreude war riesig: Ich würde eine Konferenz besuchen! Als leitende Mitarbeiterin und kreativer Kopf im Kinderdienst wurde ich offiziell von der Gemeinde entsandt. Ein ganzes Wochenende frei – weg von zu Hause, ein seltenes Geschenk.

Seit den Geburten meiner drei Jungs war ich nie ohne Familie weg gewesen, schon gar nicht am Wochenende. Denn da ging ich meiner Berufstätigkeit nach. Mit selbst gebackenen Kuchen belieferte ich Hochzeiten, Geburtstage, Taufen und andere Feste, die meist am Wochenende gefeiert wurden.

Was meine Vorfreude noch steigerte, war, dass meine Freundin Crystal mitkommen würde. Neben allen Veranstaltungen würden wir bestimmt noch genügend Zeit zu zweit haben, würden Essen gehen, Schaufensterbummel machen und spät abends im Bett noch reden.

Ob wir einen Fernseher in unserem Zimmer haben würden? Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte ich keinen richtigen Film mehr gesehen, immer nur Kinderprogramm. Zwei Abende in Folge würde ich niemanden baden, an keinem Ringkampf teilnehmen, kein Kind ins Bett bringen. Keine Küchenarbeit, keine Wäsche, kein schmutziges Geschirr, keine klebrigen Flecken, die ich vom Fußboden wischen würde. Egal worum es auf der Konferenz gehen würde: Für mich war das wie Urlaub. Endlich frei!

Erst am Abend vor meiner Abreise nahm ich mir Zeit, das Programm anzuschauen. Zugegeben, etwas spät – aber ich hatte schließlich drei Kinder. Da hat man selten Zeit zum Lesen. Auch alles andere kann man damit entschuldigen. Wäscheberge? Ich habe drei Kinder. Das Essen ist noch nicht fertig? Die Kinder … Sie taugen immer als Alibi. Wer etwas von mir will, muss warten. Die Kinder kommen immer zuerst.

Wer kleine Kinder hat, kennt das. Man fängt tausend Sachen an und bringt nichts zu Ende. Ständig wird man unterbrochen, gebraucht, abgelenkt. Den ganzen Tag ist man beschäftigt und dreht sich doch nur im Kreis. Immerhin, am Ende des Tages geht es allen Kindern gut, sie sind sauber, satt und unversehrt – meistens. Was will man mehr?

Es war ruhig im Haus. Während ich den Konferenzflyer studierte, las ich zum ersten Mal, dass es ein Konzert geben würde. Am letzten Abend trat meine Lieblingsband auf! Sofort rief ich meinen Mann an, um ihm die gute Nachricht zu erzählen. Ich war begeistert und er freute sich mit mir. Schließlich wusste er, dass ich diese Musik in der letzten Zeit rauf und runter gehört hatte.

Eigentlich kannte ich die Band erst seit ein paar Wochen. Ich hatte sie während einer Nachtschicht in der Küche entdeckt; am nächsten Tag hatte ich eine Hochzeit mit Kuchen zu beliefern. Wie so oft stand mein Laptop auch in jener Nacht auf der Arbeitsplatte. Mir tut Musik gut, wenn ich in der Küche arbeite – meinem Computer weniger. Puderzucker und Schokoglasur lassen sich kaum noch von der Tastatur entfernen.

Ich hatte das Lied „Come Thou Fount of Every Blessing“ im Kopf und suchte bei YouTube danach. Dabei stieß ich auf eine Band namens „All Sons & Daughters“, die auch eine Version dieses Liedes aufgenommen hatte. Ich kannte diese Band nicht und hörte die restliche Nacht alle ihre Lieder, wie sie mir von YouTube vorgeschlagen wurden.

Ihre intensive Art, Gott anzubeten, berührte mich. Immer wieder unterbrach ich in dieser Nacht das Backen, hielt inne und genoss ein paar Augenblicke lang die sanfte Gegenwart meines Schöpfers. Mein Leben war stressig, laut, oft genug chaotisch. Aber diese Musik ließ die ganze Hektik in den Hintergrund treten. Ich spürte meine Sehnsucht nach dem Einen, auf den sich die Lieder bezogen.

Es war, als würde mein Inneres tief aufatmen: Das tut so gut. Diese Anbetung weckte Erinnerungen an Zeiten in seiner Nähe. Die Freude, die mich erfüllte, wenn ich ihm nahe war – ich kannte sie. Aber viel zu selten gab ich ihr Raum. Schuldgefühle mischten sich in die Erinnerung – wie beim Gedanken an eine schöne Freundschaft, die man vernachlässigt hat. Ich wünschte, ich wäre treuer, verlässlicher gewesen. Diese Nacht, in der ich Hochzeitstorten herstellte und mich der Anbetung öffnete, wurde zu einer wichtigen Nacht für mich.

Die Lieder ließen mich nicht mehr los. Sie wurden Teil der Playlist, die ich beim Joggen hörte. Oder vielmehr beim Gehen. Ich hatte mit dem Laufen erst kurz davor angefangen und war sehr schnell außer Puste. Als Läuferin machte ich keine besonders gute Figur, aber ich hörte dabei diese Musik und sie berührte mich ganz tief.

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Dann war es so weit. Crystal fuhr morgens mit ihrer Familienkutsche bei uns vor und gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Eine Stunde später waren wir schon am Ziel, in Columbus. Auf der Konferenz besuchten wir Workshops, zogen von Stand zu Stand und sammelten Infos und Werbegeschenke. Wir ließen uns mit Schlapphüten und übergroßen Brillen fotografieren und verbrauchten genüsslich das Budget, das wir fürs Essen vorgesehen hatten.

Dann nahte der letzte Abend und meine Erwartung stieg. Ich würde jede Sekunde davon auskosten. Immerhin hatte Gott mir vor gar nicht langer Zeit, nachts in meiner Küche, schon Appetit gemacht. Er hatte mich daran erinnert, wie gern ich in seiner Nähe war. Nun freute ich mich auf das Zusammensein mit dem Freund, für den ich zuletzt nur so selten Zeit gehabt hatte.

Für mich war es kein Zufall, dass an diesem Abend „All Sons & Daughters“ spielten, die ich gerade erst entdeckt hatte. Nein, ich wollte mir gerne vorstellen, dass Gott das extra für mich so organisiert hatte, weil er mir besonders nahe kommen wollte. Zu Hause verbrachte ich die Gottesdienste immer im Kinderbereich der Gemeinde. Doch heute war ich ohne Kinder da und bereit, Gott zu begegnen.

Aus unserer Gemeinde war ein ganzes Team gekommen, mit dem ich nun zusammensaß. Die anderen hatten die Plätze ausgesucht, ganz hinten im Raum, in maximaler Entfernung von der Bühne und in kaltes Licht getaucht.

Wie einladend sah dagegen der vordere Bereich aus. Dort war es dunkel, alle Leute standen. Ich wollte vorne sein, mich unauffällig unter die Leute vor der Bühne mischen. Das war mein Abend mit Gott, heute würde ich ihm begegnen. Dabei wollte ich mich nicht beobachtet fühlen.

Als die Musik begann, stand ich auf. Unwiderstehlich zog es mich nach vorne. So bat ich Crystal, auf meine Tasche aufzupassen, entschuldigte mich und zwängte mich aus der Reihe, in den Gang, nach vorne.

Je näher ich der Bühne kam, desto ergriffener war ich. Mein Verstand war wie ausgeschaltet, als ich auf Höhe der fünften oder sechsten Reihe irgendwo in einem Seitengang auf die Knie sank und zu weinen begann. Es war kein vornehmes, zurückhaltendes Weinen. Ich brach in lautes, unkontrolliertes Schluchzen aus, meine Schultern zuckten, die Nase lief.

Was ist denn mit mir los? Ich wusste es selbst nicht. Das Konzert war schön, aber so dramatisch auch wieder nicht. Normalerweise kniete ich mich in Gottesdiensten auch nicht hin, zumindest in den letzten paar Jahren war das nicht mehr vorgekommen. Irgendwann gesellte sich eine Frau zu mir, legte ihre Hand auf meinen Rücken, tätschelte mich mitfühlend und betete: „O Herr, du weißt, was diese Frau gerade durchmacht …“

Schon klar, mein Verhalten war ungewöhnlich. Im Stillen dachte ich: Natürlich, sie muss ja denken, dass ich gerade eine Katastrophe erlebe, wenn sie mich so sieht. Aber ich mache gar nichts durch. Alles, was mich erfüllt, ist diese Sehnsucht nach Jesus. Das kann die Frau ja nicht ahnen. Lieb von ihr, aber gar nicht nötig …

Was ich nicht wissen konnte: Alles war schon für den vernichtenden Schlag vorbereitet, der wenige Stunden später gegen mich ausgeführt werden würde. Das Urteil war gefällt und ich steuerte unaufhaltsam der Katastrophe entgegen. Aber auch Jesus hatte seinen Part vorbereitet. Ich hatte um eine tiefere Verbindung mit ihm gebeten und genau dahinein würde er mich schon bald führen.

Im Nachhinein tröstete mich der Gedanke, dass er damals schon gewusst hatte, was mir bevorstand. Ehe alles losging, zog er mich in seine Nähe. Er stärkte mich und hielt mich eng umschlungen. Bei allem, was dann kam, war er an meiner Seite.

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Es war der 14. Oktober. Ein Datum, das ich nie vergessen werde. Erst am Vortag war ich von der Konferenz zurückgekommen. Gegen Abend war ich joggen gewesen, auch wenn meine Art von Laufen diesen Namen noch nicht verdiente. Immerhin war ich vor Erschöpfung nicht im Vorgarten des Nachbarn zusammengebrochen. Nein, ganz im Gegenteil: Allmählich wurde ich besser. Darauf war ich ziemlich stolz.

Die Kinder waren im Bett, ich war vom Laufen zurück und wollte gerade in die Dusche steigen. Da kam Micah. Er benahm sich irgendwie seltsam. Zuerst meinte er, wir müssten reden, dann unterbrach er sich: „Ach egal, dusch erst mal in Ruhe.“ Ich finde, das widerspricht den Grundregeln des fairen menschlichen Umgangs miteinander. Wenn jemand so eine Andeutung macht, dann muss ich wissen, warum es geht. Aber das sagte ich nicht, sondern reagierte bewusst unkompliziert, verschob das Duschen auf später und setzte mich zu ihm.

Unsere Beziehung lief gut, dachte ich. Natürlich war unsere Ehe nicht perfekt. Aber wer führt schon eine perfekte Ehe? Doch als Micah dann zu reden begann, traute ich meinen Ohren nicht. Zuerst lachte ich und war mir sicher, dass er sich einen Spaß mit mir erlaubte. Dann weinte ich. Micah erklärte allen Ernstes, dass er nicht mehr mit mir verheiratet sein wollte. Während er redete, verschwand mein geliebter Mann vor meinen Augen. An seine Stelle trat ein Fremder, böse und kalt, berechnend und gefährlich. Er hatte das geplant. Es war eine Falle.

Er sei nicht glücklich, sprach Micah weiter. Er fände mich nicht attraktiv, schon seit Jahren nicht. Er liebe mich nicht. Er wolle nicht mehr mit mir zusammen sein und am liebsten überhaupt keine Zeit mehr mit mir verbringen. Mit einem eisigen Blick sah er mich an. Ich wollte doch, dass er glücklich war, oder? Vermutlich ginge es mir genauso wie ihm, nicht wahr? Seine Worte drangen an meine Ohren, aber begreifen konnte ich sie nicht.

Auch in den folgenden Tagen wiederholte Micah immer wieder, wie wenig ich ihm bedeutete. Ich kam mir vor wie ein ausgesetzter junger Hund, der immer wieder zu seinem Herrchen zurückkommt, weil er nicht glauben kann, dass er dazu fähig ist, ihn davonzujagen. Doch der Mann tritt ihn und befördert ihn immer wieder hinaus. Er soll endlich abhauen und im Wald verschwinden.

Micahs Worte brachen mir das Herz. Damit hatte ich nicht im Entferntesten gerechnet. Bittere Gedanken stiegen in mir auf. Wie dumm war ich gewesen, wie blind! Hatte ich wirklich geglaubt, glücklich verheiratet zu sein? Gestern noch? Was für eine Selbsttäuschung!

Tatsächlich hatte ich mir über unsere Ehe nie Gedanken gemacht. Es gab in meinen Augen auch keinen Grund dazu. Natürlich blieben Wünsche offen und über die Jahre war manches normal geworden, was ich mir ursprünglich anders gewünscht hatte. Ja, Micah wirkte manchmal abweisend, aber das war eben seine Art, dachte ich. Er war nicht so der romantische Typ.

Schließlich hatte Micah eine schwere Kindheit gehabt. Wahrscheinlich fiel es ihm deshalb grundsätzlich nicht leicht, tiefe, innige Beziehungen aufzubauen. Wirklich zärtlich war er nie gewesen, aber ich dachte, so sei er eben. Auf keinen Fall wollte ich, dass er mir etwas vorspielen müsste. Micah sollte sich so verhalten dürfen, wie ihm zumute war. Damit hatte ich mir sein Verhalten erklärt, wenn es mir kühl erschienen war. Aber nie hatte ich das Gefühl gehabt, nicht von ihm geliebt zu werden. Entsprechend unvorbereitet trafen mich seine Worte jetzt.

Ich hatte mit diesem Mann mein Leben geteilt, ich hatte ihm die Treue gelobt, er war der Vater meiner Kinder. Wie konnte er jetzt sagen: „Ich liebe dich nicht“? Wie ein Messer schnitt mir dieser Satz ins Herz. „Ich finde dich nicht attraktiv.“ Das Messer drang noch tiefer ein. „Es war von Anfang an ein Fehler, dich zu heiraten.“ Er drehte das Messer in der Wunde.

Unter Tränen erinnerte ich Micah an unseren zehnten Hochzeitstag, der nächsten Monat anstand. Entsetzt hörte ich seine Antwort: „Ja, ich weiß. Zehn Jahre meines Lebens habe ich deinetwegen verloren. Das reicht. Ich will nicht noch mehr Zeit mit einer Frau verschwenden, für die ich nichts empfinde.“ Mir war, als würde ich sterben. Micah hatte mit seinen Worten die Frau ausgelöscht, die ich bis dahin gewesen war. Mein bisheriges Leben existierte nicht mehr.

Selbst in den schlimmsten Albträumen hätte ich mir so etwas nicht vorstellen können. Micah beteuerte, dass es keine andere Frau in seinem Leben gab. Stattdessen wiederholte er ständig, dass er mit mir nicht glücklich sei. Ich konnte doch nicht sein Unglück wollen, oder? Unendlich dumm kam ich mir vor und starrte ihn ratlos an.

Also war mein ganzes Glück nur Einbildung gewesen. Wie konnte das sein? Ich hätte lieber gehört, dass Micah mich wegen einer anderen verlassen wollte. Das hätte ich besser einordnen können. Aber so – ohne Grund? Er war meiner einfach nur überdrüssig? Wertloser konnte ein Mensch nicht sein. Es fühlte sich entsetzlich an.

Vergeblich mühte sich mein Verstand, meine letzten zehn Jahre neu zu bewerten. Hätte Micah gesagt: „Ich liebe dich nicht mehr“, dann hätte ich damit besser umgehen können. Aber er sagte: „Ich habe dich noch nie geliebt.“ Unsere Beziehung ging nicht zu Ende, sie hatte noch nie existiert. Micah drehte die Zeit zurück und zog mir den Teppich der letzten zehn Jahre unter den Füßen weg. Alles, was wir gemeinsam erlebt und erreicht hatten, unsere Ehe, unsere Kinder, unser gemeinsamer Dienst in der Gemeinde, alles verlor seine Bedeutung. Als wäre es nie wirklich da gewesen. Alles nur eingebildet, zerplatzt wie eine Seifenblase.

Von einem Moment zum anderen war alles weg.

An diesem Abend begann ich zu weinen – und hörte drei Tage lang nicht mehr auf. Zusammengekrümmt lag ich auf dem Sofa, ohne zu essen, ohne zu schlafen, und weinte nur noch.

Diese erste Nacht – so unvergesslich, und doch fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern. Ich war innerlich zerbrochen, meine Welt lag in Scherben, ich trauerte um mein unbeschwertes Leben, um meine kleine Familie. Der Gedanke an das Leid der Kinder, die ihren Vater, ihre Eltern verloren, schwang im Hintergrund mit.

Doch mein eigener Schmerz überlagerte alles. Meine Liebe für Micah war nicht weg. Ich wollte ihn umarmen, drücken, küssen – wie ich es gewohnt war, wie ich es immer getan hatte, wenn mir danach zumute war. Das sollte nie wieder möglich sein? Angst ergriff mich.

Ein Leben ohne Micahs Nähe, ohne seine Zuneigung – unvorstellbar. Ich musste ihn anfassen, von ihm berührt werden. Er sollte mich umarmen und diese Sätze zurücknehmen. Aber nachdem wir geredet hatten, war er wie verwandelt. Äußerlich sah er immer noch aus wie mein Mann. Aber er war ein anderer. Mein Mann hatte mich verlassen.

Am zweiten Abend, als Micah seine Sachen packte, geriet ich in Panik. Ich verlangte, dass er unserem Ältesten sein Vorhaben selbst erklärte. Josiah war damals acht. Ich hoffte inständig, dass Micah das nicht übers Herz bringen würde. Doch weit gefehlt!

Mechanische Sätze kamen aus seinem Mund: „Deine Mutter und ich haben beschlossen …“ Ich krümmte mich auf dem Sofa zusammen. Was tust du da? Hast du den Verstand verloren? Unseren Kinder ist nie in den Sinn gekommen, dass Mama oder Papa weggehen könnten. Diese Option gibt es in ihrer Welt nicht. Und lass mich aus dem Spiel! Mama hat ganz sicher nichts davon beschlossen! Du, du allein … In mir schrie es, während ich wie gelähmt war vor Entsetzen. Sterben konnte nicht schlimmer sein.

Direkt danach ging Micah joggen. Es war mir unmöglich, das ganze Leben von mir und den Kindern innerhalb von vierundzwanzig Stunden neu zu organisieren. So bat ich ihn, als er vom Joggen zurückkam, diese eine Nacht noch im Haus zu bleiben. Ich musste zuerst überlegen, wie es ohne ihn weitergehen würde.

Ohne Übertreibung, in diesen ersten Tagen wollte ich sterben. Wären die Kinder nicht gewesen, ich hätte mich für immer unter meiner Decke verkrochen und wäre nie wieder aufgestanden. Bis dahin hatte ich nie etwas Traumatisches erlebt. Nie hatte mir jemand das Herz gebrochen. Es traf mich unvorbereitet und ich wusste nicht mehr weiter.

In der ersten Nacht, als ich wach lag und die Gedanken sich in meinem Kopf jagten, war da nur Traurigkeit. Fassungslosigkeit. Entsetzen. Was soll ich tun? Wie kann ich ohne Micah leben? Das Haus ist viel zu groß, so leer. Ohne ihn will ich hier nicht bleiben. Muss Josiah dann die Schule wechseln? Wohin sollen wir gehen?

Was soll ich bloß tun?

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3

Gott redet

Was für immer bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe,
diese drei. Aber am größten von ihnen ist die Liebe.

1. Korinther 13,13

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In der ersten Nacht, zwischen Tränen und Fassungslosigkeit über Micahs Worte, wandte ich mich verzweifelt an Gott: „Bitte gib mir irgendeinen Halt. Etwas, an das ich denken kann. Ein Wort, einen Satz, ein Bild. Diese Gedanken machen mich wahnsinnig. Ich will ruhig werden und schlafen.“ Schon bald würde es Zeit sein, die Kinder zu wecken. Ohne Schlaf war der nächste Tag eine Qual. Wenn Gott mir irgendetwas geben würde, auf das ich mich konzentrieren könnte, vielleicht würde ich dann einschlafen. „Bitte, Gott, gib mir etwas, irgendetwas.“

Dann gab Gott mir drei Worte.

Halte durch. Hoffe.

Sofort dachte ich an 1. Korinther 13, das Hohelied der Liebe. Von alleine hätte ich in dieser Situation ganz sicher nicht daran gedacht. Das war viel zu klischeehaft, viel zu abgedroschen. Auf wie vielen Hochzeiten wurde das gelesen? Viel zu oft wurden diese Sätze bemüht. Ich war im christlichen Umfeld aufgewachsen. Sonntagmorgens. Sonntagabends. Mittwochabends. Wann auch immer die Kirchentüren offen waren, meine Familie war stets zur Stelle. Wir Kinder nahmen an Kinderbibelwochen teil. Wer viele Bibelverse auswendig gelernt hatte, bekam einen Preis. Ich kannte dieses Kapitel. Diese Definition von Liebe war uralt. Zu einfach, zu banal für meine Situation.

Immerhin, ich hatte etwas, worüber ich nachdenken konnte, das mich von meiner Verzweiflung ablenkte. Schnell schlug ich Halte durch nach. „Durchhalten“ oder „erdulden“ steht für „geduldiges Leiden“. Aha. Das könnte ich schaffen. Geduldig leiden traue ich mir zu. Auch wenn es nicht gerade angenehm klingt. Vor allem weiß ich aus der Bibel, dass für Gott auch schnell mal Jahrzehnte ins Land gehen können. So lange musste sein Volk geduldig durchhalten und durch die Wüste wandern. Auf jeden Fall hatte ich damit eine klare Anweisung. Wenn es das ist, was Gott von mir will, dann weiß ich, was ich tun muss. Das hilft. Ich werde abwarten und durchhalten.

Beim Hoffen könnte es etwas schwieriger werden. Hoffen. Hoffnung ist der Glaube, dass etwas zu einem erwünschten Ausgang kommen wird. Doch auf den Ausgang unserer Geschichte kann ich keinen Einfluss nehmen. Micahs Entschluss stand fest. Er wollte mit mir nichts mehr zu tun haben. Ich bin der kleine Hund, mit einem brutalen Tritt vor die Tür gesetzt. Erst allmählich wird es mir bewusst. Micah hat mich entsorgt, er hat sich meiner entledigt. „Ich verlasse dich“, hatte er gesagt, „weil ich dich nicht liebe.“

Da soll ich hoffen? Worauf? Es wird sich nie erfüllen. Solange ich hoffe, bleibe ich verletzlich. Besser wäre es, mich zu verschließen, mein Herz zu schützen, Micah gegenüber unempfindlich zu sein. Nur so kann ich weiterleben. Eine Wunde muss heilen, sich verschließen. Man sollte sie nicht klaffend offen lassen.

Hoffnung. In meiner hoffnungslosen Situation eine riskante Haltung. Dennoch versprach ich Gott: Ich will es versuchen. Immerhin, ich musste ja nur diese beiden Dinge versuchen, durchhalten und hoffen. Machbar, vielleicht.

Erstaunlich, was da schon in der ersten Nacht geschah. Ich bemerkte es selbst erst allmählich, weil ich so von Traurigkeit erfüllt war. Mir war nur wichtig, eine Orientierung zu bekommen. Ich musste wissen, was ich tun und wie ich mich verhalten sollte. Diese drei Worte wurden mir zu einem Halt, an den ich mich klammerte, ohne das eigentliche Wunder überhaupt zu bemerken: Gott hatte zu mir gesprochen. Gott redete. Unbeschreiblich! Noch erstaunlicher: Ich konnte ihn hören! Das war in meinem ganzen erwachsenen Christenleben noch nicht oft der Fall gewesen.

Im Normalfall traf ich Entscheidungen und packte Sachen an, bevor ich Gott um seine Meinung dazu bat. Natürlich kannte ich auch Leute, die Gott ihre Fragen vorlegten und seine Antworten hörten. Aber bei mir was das nicht so gewesen. Zumindest bisher. Es änderte sich in jener Nacht, ohne dass mir das selbst auffiel. Während der folgenden Tage, die ich in tiefer Verzweiflung erlebte, klammerte ich mich an diesen drei Worten fest. Sie waren mein einziger Rettungsring im sturmgepeitschten Meer meiner Gefühle. Von da an hörte ich Gott. Er sagte mir, was ich tun sollte, und blieb immer, zuverlässig, erreichbar für mich.

Während dieser ersten Nacht beschloss ich, Micah mit einer Liebe zu lieben, die unabhängig von allen Gefühlen war. Wie dramatisch Gefühle sich ändern können, erlebte ich ja gerade. Doch Liebe ist anders. Sie hält durch.

Ich sollte Micah weiterlieben, ohne mich an dem zu orientieren, was ich von ihm bekam. Denn das war brutal – gebrochene Versprechen, schroffe und verletzende Worte, dazu eine Ablehnung, die sogar rückwirkend galt. Jedes Mal, wenn dieser raue Wind mir wieder entgegenschlug, nahm Gott mich zur Seite und lenkte meinen Blick zurück auf 1. Korinther 13. Da steht alles. Halte dich daran.

Dieser Bibelabschnitt beschreibt Gottes Art von Liebe. Genau so sollte ich auch lieben. Mit Gefühlen hatte das nichts zu tun. Diese Sätze waren wie Handlungsanweisungen. Hier konnte ich immer wieder nachschauen, was ich als Nächstes tun sollte. Wort für Wort studierte ich diesen kurzen Text, immer wieder überlegend, was er in meinem Fall bedeutete.

„Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. Die Liebe vergeht niemals“ (1. Korinther 13,4-8).

Immer wieder ging ich diese Sätze in Gedanken durch. Liebe ist nicht neidisch. Nicht unhöflich. Sie lässt sich nicht provozieren. Über falsches Verhalten freut sie sich nicht, aber sie freut sich, wenn Wahres gesagt wird. Sie gibt Schutz, erträgt alles, glaubt alles, steht alles durch. Liebe versagt niemals. Liebe. Scheitert. Nicht.

Meine extreme Situation half mir zu erkennen, wie radikal und herausfordernd dieser Bibeltext war. Um besser zu verstehen, was Gott mir sagen wollte, las ich ihn in allen verfügbaren Übersetzungen. In der Amplified Bible klang es etwa so: „Liebe (Gottes Liebe in uns) besteht nicht auf ihrem eigenen Recht oder ihren eigenen Vorstellungen, denn sie verfolgt nicht ihre eigenen Interessen. Sie ist nicht empfindlich oder wehleidig oder nachtragend. Sie führt nicht Buch über das Unrecht, das man ihr zufügt (sie kümmert sich nicht um das Unrecht, das sie erleidet) … Liebe hält allem und jedem stand, egal was geschieht. Sie ist immer bereit, von jedem nur das Beste zu denken, unter allen Umständen gibt sie niemals die Hoffnung auf und sie erträgt alles (ohne dabei schwach zu werden) … Liebe versagt niemals (sie lässt nie nach, sie veraltet nie, sie erlöscht niemals)“ (1. Korinther 13,5+7-8, freie Übertragung der Amplified Bible).

Unvorstellbar schön, diese Liebe. Perfekt. Geht das überhaupt? Nun, wenn Gott uns das aufträgt, dann muss es möglich sein, so zu lieben. Es ist sein Wort, er hat es so aufschreiben lassen. Und er sprach diese Worte in mein Herz. Ich klammerte mich daran. Schließlich wollte ich meinen Mann zurückhaben. Das war der Weg, den Gott mir zeigte, den sollte ich gehen. Ich sah keinen anderen.

Bald war mir klar, dass dieses Hohelied der Liebe viel mehr war als nur schöne Worte, mehr als Poesie.

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4

Scherbenhaufen

Eines frühen Abends stand David auf,
nachdem er sich eine Weile ausgeruht hatte,
und ging auf dem flachen Dach seines Palasts spazieren.
Da fiel sein Blick auf eine Frau,
die im Hof eines Nachbarhauses ein Bad nahm.
Sie war sehr schön. David wollte unbedingt wissen,
wer sie war, und schickte einen Diener los,
der es herausfinden sollte. Man berichtete ihm:
„Die Frau heißt Batseba.“

2. Samuel 11,2-3

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Es war auf den Tag genau zwei Wochen nach dem 14. Oktober, an dem Micah mir zum ersten Mal erklärte, dass er sich scheiden lassen wollte.

Micah, der im Schichtdienst arbeitete, hatte heute frei, trotzdem war ich erst lange nach ihm ins Bett gegangen. Ich wollte müde genug sein, um dann auch wirklich schlafen zu können. Gegen drei Uhr wachte ich plötzlich auf. Alles war ganz ruhig. Ich wusste nicht, was mich geweckt hatte. Da ich nicht mehr einschlafen konnte, stand ich auf und ging ins Wohnzimmer. Dort brannte Licht. Micah saß auf dem Sofa und empfing mich mit ein paar belanglosen, nicht unfreundlichen Sätzen. Schon allein dafür hatte es sich gelohnt, wach zu werden, dachte ich und setzte mich zu ihm. In den letzten zwei Wochen war Micah nur selten zu einem Gespräch aufgelegt gewesen.

Das war die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte. Falls bei Micah doch eine andere Frau im Spiel war, wollte ich ihm zeigen, dass ich verständnisvoll reagieren würde. Ich wollte ihm das Gefühl nehmen, am Scheitern unserer Ehe allein schuld zu sein. Auch ich hatte mich einmal in einen anderen Mann verliebt. Es war in den ersten Jahren unserer Ehe, ich arbeitete in einem Krankenhaus. Dort begegnete ich Evan. Wir hatten nie ein Wort gewechselt, aber wir sahen uns damals oft.

Die ganze Angelegenheit war extrem peinlich gewesen. Jedes Mal wenn Evan auftauchte, stieg mir das Blut in den Kopf. Ich wollte ganz normal bleiben und lächelte ihn nur flüchtig an. Aber sobald er mein Lächeln erwiderte, fing ich an zu kichern wie ein Schulmädchen. Ich konnte nichts dagegen tun. Unter seinem freundlichen Blick verwandelte ich mich in eine formlose Masse und verlor jede Kontrolle über mich selbst. Wenn ich ihn nur von Weitem sah, wurde ich starr vor Schreck, weil ich schon wusste, dass es gleich wieder losgehen würde. Meine Kollegin, die meistens an meiner Seite war, wenn wir die langen Gänge durchschritten und Evan begegneten, hatte ihren Spaß. Das machte alles nur noch schlimmer.

Evan konnte das alles nicht entgangen sein. Immer wenn wir uns begegneten, reagierte ich heftig auf ihn. Aber er lächelte nur und sagte nie etwas. In jener Nacht erzählte ich Micah von ihm. Natürlich erwähnte ich auch, dass daraus nie etwas geworden war und Evan weder damals noch heute in meinen Träumen herumgeisterte. Aber Micah sollte wissen, dass er auf mein Verständnis zählen konnte, falls er sich zu einer anderen Frau hingezogen fühlte.

Da ich selbst nicht vollkommen war, durfte ich auch die Unvollkommenheit anderer nicht verurteilen. Allerdings war es damals für mich keine Option, diese Gefühle auszuleben. Auch mit meinen verrückten, verliebten Gedanken verfuhr ich damals so, wie ich es bei Paulus gelesen hatte: „Alles menschliche Denken nehmen wir gefangen und unterstellen es Christus, dem es gehorchen muss“ (2. Korinther 10,5; Hfa). Trotzdem kannte ich das Gefühl, in einen anderen Mann verliebt zu sein, und ich konnte nur froh sein, dass Evan nicht aktiv versucht hatte, meine Bekanntschaft zu machen.

Das alles erzählte ich Micah, mitten in der Nacht. Anschließend eröffnete er mir, dass er eine andere hatte. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte. Allein die Worte klangen so hässlich, dass mir von ihrem Klang direkt übel wurde. Doch die Übelkeit ließ bald wieder nach und ein unerklärlicher Frieden umgab mich.

Ich spürte Micahs lauernden Blick. Würde ich auch jetzt noch diesen absurden Handlungsanweisungen aus 1. Korinther 13 folgen, von denen ich ihm bereits erzählt hatte? Liebe ist geduldig, erinnerte ich mich. Ich will geduldig sein, sagte ich mir selbst. Liebe ist freundlich, kam mir als Nächstes in den Sinn. Also, sei freundlich!

Dennoch konnte ich nicht verhindern, dass meine Gedanken zu der Frage zurückwanderten, wie es so weit hatte kommen können. War für Micah alles, was er noch vor ein paar Jahren in unserer kalifornischen Gemeinde als Jugendpastor weitergegeben hatte, plötzlich nichts mehr wert? War er nicht mit ganz anderen Überzeugungen in die Ehe gestartet? Wer hatte ihm so den Sinn verdreht, sein Denken verändert? Ja, er hatte sich seit unserem Umzug nicht mehr so in die Gemeinde investiert und sich aus vielem herausgehalten – aber das konnte doch nicht bedeuten, dass er ohne schlechtes Gewissen eine Affäre führte, oder?

Bleib bei dem, was Gott dir gesagt hat, ermahnte ich mich selbst. Ich ging den Bibeltext in Gedanken weiter durch, bis ich zur Hoffnung kam. Liebe hofft alles. Vorsichtig berührte ich Micahs Schulter. „Das muss trotzdem nicht das Ende für unsere Ehe sein“, sagte ich, „wir können auch das wieder hinkriegen.“ Hoffnung ganz praktisch, laut ausgesprochen.