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Terri Blackstock

Roman

Deutsch von Renate Hübsch

Originally published under the title: If I Run
Copyright © 2016 by Terri Blackstock
Published by arrangement with The Zondervan Corporation L.L.C.,
a subsidiary of HarperCollins Christian Publishing, Inc.

Titel der Originalausgabe: If I Run
© Terri Blackstock 2016
Veröffentlicht mit Zustimmung der Zondervan Corporation L.L.C.,
Imprint von HarperCollins Christian Publishing, Inc.

© 2017 Brunnen Verlag Gießen
Lektorat: Konstanze von der Pahlen
Umschlagfoto: mauritius images/Ian Pilbeam/Alamy
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN Buch 978-3-7655-2074-7
ISBN E-Book 978-3-7655-7478-8

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

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Ich widme dieses Buch in Liebe dem Nazarener.

1

Blut klebt an den Sohlen meiner Sneaker. Ich lasse Wasser darüberlaufen. Ohne Zweifel wird die Polizei den Abdruck der Gummisohlen prüfen und herausfinden, dass es Skechers sind. Die Abbuchung vom Schuhgeschäft werden sie auf meiner Kreditkarte entdecken, was beweist, dass es meine Sneaker sind.

Blut rinnt durch den Abfluss. Mein Herz rast, als ob es mein eigenes Blut ist, das da wegfließt. Aber so ist es nicht. Meine Kehle schnürt sich zu und mir kommen die Tränen, doch ich blinzele sie weg. Jetzt ist keine Zeit für Gefühle.

Als die Schuhe einigermaßen sauber sind, wische ich sie mit einem Handtuch ab und stecke sie in meine Tasche.

Sie werden die Blutspuren im Waschbecken entdecken, an der Tür, wo ich die Schuhe ausgezogen habe, auf dem Handtuch. Sie werden in der ganzen Wohnung dieses Luminolzeug versprühen und die Liste der Beweise gegen mich dadurch noch verlängern. Es hat keinen Sinn, meine Zeit damit zu verschwenden, die Spuren zu tilgen. Ich muss einfach nur weg hier.

Es ist nicht leicht, mal kurz sein ganzes Leben in einem Koffer zu verstauen, aber mir bleibt keine andere Wahl. Ich packe ein, was ich wohl brauchen werde – einen Rock, zwei Jeans, ein paar T-Shirts, eine Schere, um mir die Haare abzuschneiden, sobald ich irgendwo ein sicheres Plätzchen gefunden habe, Unterwäsche, Wimperntusche, Zahnpasta und -bürste, Kontaktlinsenschale und meine Brille. Ich gehe zur Kommode und ziehe die Schublade auf, dann wühle ich unter den Socken nach der Zigarrenkiste. Von ganz hinten angle ich sie heraus und öffne sie. Die Hundert-Dollar-Noten sind noch da. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der ich sie brauchen werde. Ich stopfe die Scheine in die Seitentaschen meines Gepäcks, dann haste ich in meine winzige Wohnküche und schnappe mir die gerahmten Familienfotos von einem Regal. Auch sie wandern in meine Tasche.

Eilig schreibe ich einen Scheck für die Miete, reiße ihn aus dem Block und lege ihn auf den Küchentresen – zusammen mit einer Nachricht für den Vermieter, dass er die Wohnung weitervermieten und die zurückgelassenen Sachen an irgendeine Wohltätigkeitsorganisation spenden soll. Ich will nicht, dass er das Nachsehen hat. Ich überlege kurz, meinen Chef anzurufen und ihm zu sagen, dass ich nicht mehr komme, aber es ist besser, das nicht zu tun.

Ich hänge mir die Handtasche über die Schulter und trage die Reisetasche nach draußen, dann schließe ich meine Wohnung hinter mir ab, auch wenn ich nicht weiß, warum.

Als ich ins Auto steige, sehe ich das Blut am Türgriff. Ich ignoriere es und fahre in das Parkhaus eines Hotels in der Innenstadt, stelle den Wagen ab, ohne noch einen Blick darauf zu werfen, und nehme den Fahrstuhl hinunter ins Hotelfoyer. Dort husche ich in die Damentoilette, binde mir das Haar zu einem Pferdeschwanz und wickele mir ein Tuch um den Kopf. Ich nehme die Kontaktlinsen heraus, wasche mein Augen-Make-up ab und setze die Brille auf. Dann trage ich Handtasche und Reisetasche durch die gläserne Hoteltür hinaus auf die Straße, wo die Taxis warten. Dem Portier, der eines für mich heranwinkt, drücke ich ein Trinkgeld in die Hand. Ich steige ins Taxi und sage dem Fahrer, er solle mich zum Busbahnhof fahren.

Höchstwahrscheinlich suchen sie noch nicht nach mir. Es wird ein Weilchen dauern, bis sie Brents Leiche finden. Ich gebe der Versuchung nach zu beten, auch wenn ich nicht weiß, ob mich jemand hört. Ich habe Mühe, an Gott zu glauben, aber wenn ich in Schwierigkeiten stecke, formuliert mein Gehirn ganz von selbst stumme Bitten. Keine Ahnung, worum ich bitten soll. Um Zeit? Dass ich rasch weit weg bin? Um einen Ausweg?

Um Gerechtigkeit?

Blödsinn.

Ich bete einfach ganz allgemein um Hilfe. Falls jemand am anderen Ende der Leitung meine Gebete hört, wird er schon wissen, was ich brauche. Während wir durch die Stadt fahren, überfällt mich die Einsamkeit wie ein plötzlich aufsteigender Nebel und ich frage mich, wie ich ohne meine Freunde auskommen soll. Ich mag Menschen. Das war schon immer so. Ich bin nicht gern allein.

Und meine Familie. Meine sechs Monate alte Nichte, die jede Woche irgendwas Neues kann … Ob ich sie je wiedersehe? Der Gedanke, dass ich sie vielleicht niemals mehr in den Schlaf wiegen werde, ist fast so brutal wie das Bild meines besten Freundes, der tot vor mir auf dem Fußboden liegt.

Ich lasse meinen Blick über die Stadt schweifen, die ich lieb gewonnen habe. Komisch, bis jetzt war mir gar nicht klar, wie sehr ich sie liebe.

Mit aller Kraft versuche ich meine Gedanken daran zu hindern, zu dem zurückzuwandern, was sich gerade ereignet hat. Vor einer Stunde? Oder zwei? Ich zwinge mich, nicht an das Entsetzliche zu denken.

Einen Schritt nach dem anderen. Erst mal zum Busbahnhof. Weinen kann ich dann.

2

Ich bin noch nie am Busbahnhof gewesen. Er hat für mich eine Art dunkler Faszination – das Gefühl des Unbekannten, das ich so fürchte –, aber ich weiß, dass ich die Stadt nicht in meinem Auto verlassen darf. Danach werden sie bestimmt suchen. Der Flughafen kommt auch nicht infrage. Zu viele Kameras, zu viele Sicherheitsleute. Ich hoffe, ich werde nicht sofort dadurch auffallen, dass mein Gesicht plötzlich knallrot wird – auch hier sind überall Überwachungskameras angebracht. Ich betrachte die blasse Anzeigentafel, auf der Abfahrtszeiten und Zielorte aufleuchten. Ich habe keine Ahnung, wo ich hinsoll.

Es muss so weit weg sein, dass mein Fahndungsfoto dort nicht mehr in den Lokalzeitungen erscheint. Irgendein Ort, zu dem ich keinerlei Verbindung habe und an dem es nichts gibt, das mich dorthin ziehen könnte. Ein Ort, wo ich nie hingehen würde. Und es muss einer der nächsten Busse sein, die abfahren, wohin auch immer. Ich werde nicht bis zur Endstation fahren. Irgendwo unterwegs steige ich aus.

Aber immer der Reihe nach. Ich finde die Damentoilette und spähe unter die Kabinentüren, um zu sehen, ob ich allein bin. Im Moment ja. Vor dem schmutzigen Waschbecken stehend, starre ich in den Spiegel. Ich öffne die Handtasche und nehme die Schere heraus. Ich löse mein blondes Haar aus dem Pferdeschwanz, bürste es glatt und lasse es noch ein letztes Mal durch meine Finger gleiten.

Meine Haare waren schon immer mein größter Pluspunkt und ich hasse den Gedanken, sie abzuschneiden. Aber Eitelkeiten dürfen mich jetzt nicht aufhalten. Ich setze die Schere auf Kinnhöhe an und schaue zu, wie ein Teil von mir stückweise auf den Boden sinkt. Ich nehme mir nicht die Zeit, dem hinterherzutrauern. Eilig säbele ich eine Strähne nach der anderen ab, bis ich auf der anderen Seite angekommen bin.

Es sieht aus wie ein ziemlich unprofessionell geschnittener Bob, aber es könnte schlimmer sein. Eigentlich sieht es noch zu sehr nach mir aus. Ich streiche die Haare hinter die Ohren – ja, etwas anders, aber immer noch nicht genug. Soll ich es noch kürzer schneiden – zu einem Pixie Cut? Nein, das würde zu lange dauern und die amateurhafte Qualität des Schnitts würde erst recht auffallen. Es muss erst einmal so gehen, bis ich irgendwo bin, wo ich mir die Haare färben kann.

Ich nehme ein Bündel Geldscheine aus meiner Reisetasche und stecke es in die Hosentasche. Ich werde mein Geld dicht bei mir haben müssen.

Ich hocke mich hin und kehre mit den Händen die ausrangierten Haare zusammen, trage sie zur Toilette und spüle sie weg. Dann befeuchte ich ein Papierhandtuch und wische den Fußboden, um sicherzustellen, dass keine blonden Härchen mehr zu finden sind. Noch einmal gehe ich zur Toilette und drücke die Spülung. Einen Moment lang stehe ich da und sehe die alte Casey in der Kloschüssel herumwirbeln, bevor sie schließlich im Abfluss verschwindet.

Ich lehne mich an die Tür der Toilettenkabine. Ich schaffe das. Ich habe schon früher schwierige Situationen durchgestanden. Ich muss nur das tun, was die Polizei am wenigsten erwartet. Mein Leben hängt davon ab.

Ich öffne die Rückseite meines Handys, nehme den Akku heraus und werfe ihn in den Abfalleimer. Dann breche ich das Gerät kaputt und stecke die Einzelteile ein, um sie stückweise unterwegs wegzuschmeißen. Ob das reichen wird, damit die Polizei mich nicht über das GPS des Handys orten kann, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich im Fernsehen gesehen, dass Kriminelle so vorgehen.

Ich verlasse die Toilette, sehe mich in der Bahnhofshalle um und erspähe einen Schalter, vor dem keine Schlange steht. Handtasche und Reisetasche um die Schultern gehängt, gehe ich zum Schalter.

„Wohin?“, fragt die Angestellte, ohne mich anzusehen.

„Hmm … wohin fährt der Bus, der gerade das Gepäck der Passagiere einlädt?“

Jetzt sieht die Frau auf. Unsere Blicke treffen sich, aber ich fühle mich nicht wahrgenommen. „El Paso. Geht in zwanzig Minuten.“

Ich nehme mir nicht die Zeit nachzudenken. „Perfekt. El Paso. Genau da will ich hin.“

Sie druckt das Ticket aus und gibt mir das Wechselgeld heraus. „Beeilen Sie sich besser“, sagt sie schläfrig.

Ich danke ihr und eile zum Bus. Der Fahrer wirft einen Blick auf mein Ticket und streckt die Hand nach meiner Tasche aus.

„Schon gut“, sage ich. „Die behalte ich bei mir.“

„Der Bus könnte voll werden. Oben gibt es keinen Platz dafür.“

Ich hatte keine Ahnung, dass El Paso ein so beliebtes Ziel für Reisende aus Shreveport ist. „Ich stelle sie unter den Sitz. Wie lange dauert die Fahrt?“

„Zehneinhalb Stunden, plus/minus.“

Vermutlich ist das gut. Je länger ich mich in einem Bus verkrieche, desto besser. Solange sie nicht rauskriegen, auf welchem Weg ich aus der Stadt raus bin, könnte dies ein gutes Plätzchen sein, um vom Radar zu verschwinden.

Ich steige ein. Der Bus ist bisher etwa halb voll. Ich gehe den Mittelgang entlang, vorbei an einer Familie mit zwei kleinen Kindern, und wähle einen Fensterplatz in einer leeren Sitzreihe. Handtasche und Reisetasche stelle ich auf den Sitz neben mir.

Die Reihen füllen sich rasch. Ich versuche, Blickkontakt mit Platzsuchenden zu vermeiden. Ein Mann, der leicht hinkt und es kaum die Stufen hochschafft, ein Teenager mit dunklen Ringen unter den Augen und Ohrhörern in den Ohren, eine ältere Frau mit Stock, ein Soldat in Uniform mit Armeereisetasche.

Der Soldat entdeckt mich und bleibt neben mir stehen. „Sitzt hier jemand?“, fragt er und weist auf mein Gepäck.

Einem Soldaten möchte ich nichts abschlagen. Wir verlangen so viel von ihnen und sie erwarten so wenig von uns. Ich schüttele den Kopf und verstaue die Tasche unter meinem Sitz. Er rutscht auf den Platz neben mir, seine breiten Schultern berühren meine.

„Auch nach El Paso?“, fragt er.

„Nein, ich steige unterwegs aus. Sind Sie aus El Paso?“

„Ja“, sagt er. „Bin mehr als ein Jahr weg gewesen. Afghanistan.“

„Und dann kriegen Sie keinen Direktflug nach Hause?“, erkundige ich mich erstaunt.

„Der Rückflug geht immer dahin, von wo man ausgeflogen wurde. Aber das ist nicht da, wo meine Familie lebt. Ich wollte auch nicht direkt nach Hause“, erzählt er. „Ich wollte zuerst noch die Familie eines Kameraden besuchen. Er hat’s nicht nach Hause geschafft …“

Mir geht das Herz auf. Der Soldat muss ein feiner Kerl sein, wenn die Familie eines toten Freundes ihm wichtiger ist als seine eigene Heimkehr.

„Mit dem Bus dauert es auch nicht so lange.“

„Und wer wartet dann auf Sie?“, will ich wissen.

„Meine Eltern“, sagt er. „Und meine Freundin. Ich kann es kaum erwarten, sie alle wiederzusehen.“

„Das geht denen bestimmt nicht anders.“

„Ja, es wird bestimmt ein fantastisches Wochenende“, meint er, dann schluckt er schwer. „Ich … bin ein bisschen nervös.“

Das verstehe ich. Er ist sicher nicht mehr ganz derselbe, als der er in den Krieg gezogen ist. Und es wird ungewohnt und schwierig sein, wieder in einer Beziehung zu leben. Der Mann meiner Freundin Nora wurde vier Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes auf einen Auslandseinsatz geschickt und war über ein Jahr fort. Er tat, was er konnte, um über Skype eine Beziehung zu seinem Kind aufzubauen. Aber es war nicht dasselbe. Man kann diese ersten Monate einfach nicht nachholen.

Als er heimkam, wurde aus Noras Freude bald eine stumme Besorgnis und wir wussten alle, dass die Dinge nicht gut standen. Ein Jahr als Mutter … ein Jahr im Krieg – das verändert die Menschen. Ich hoffe, die Freundin dieses Soldaten empfängt ihn als Helden und gibt ihm die Zeit und den Raum, die er braucht, um wieder hier anzukommen.

Er steckt sich Ohrhörer in die Ohren und ich bin erleichtert, dass er sich nicht näher nach mir erkundigt. Nachdem ich mir ebenfalls In-Ears in die Ohren gedrückt habe, schließe ich die Augen und stelle mich schlafend, aber als der Bus sich in Bewegung setzt, mache ich sie wieder auf, um meine Stadt davongleiten zu sehen. Vielleicht sehe ich sie nie wieder.

Als meine Augen feucht werden, schließe ich sie rasch wieder. Ich schaffe das, sage ich mir. Ich bin stark. Ich habe ein Ziel. Ich bin entschlossen.

Ich werde nicht zulassen, dass sie gewinnen.

Die Tränen lassen nach. Ich wünschte, ich hätte tatsächlich Musik, um meine Gedanken zu übertönen, aber mein Handy liegt ja in Einzelteile zerlegt in meiner Handtasche. Immerhin sorgen die Ohrhörer dafür, dass ich für mich bleibe.

Ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist oder schlecht.

3

Als der Bus an der Greyhound-Station in Dallas hält, beschließe ich auszusteigen und die Nacht hier zu verbringen. Der Bus wird weiterfahren nach El Paso, aber ich werde nicht mehr drinsitzen.

In Sichtweite des Busbahnhofs gibt es ein kleines Hotel. Mit hastigen Schritten laufe ich hin, voller Angst, dass ich überfallen werde, bevor ich das Gasthaus erreiche. Die Nacht wimmelt von Schatten und Bewegungen. Mein Herz klopft wild. Auf halbem Weg trifft mich die Verzweiflung wie der Schlag eines Schmiedehammers mitten auf die Stirn. Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich hier bin, auf der Flucht vor dem Gesetz. Meine Eltern haben mich dazu erzogen, Autorität zu respektieren und an das System zu glauben … aber das war, bevor das System sich gegen uns gewandt hat.

Einen Mord zu begehen liegt meiner Familie ebenso fern, wie sich selbst das Leben zu nehmen.

Wir sind keine Leute, die aufgeben. Wie oft habe ich mir das nach dem Tod meines Vaters vor dreizehn Jahren selbst gesagt. Er hätte sich nie erhängt. Da war ich mir ganz sicher, als ich ihn fand – seine Leiche so in Szene gesetzt, dass es aussah, als hätte er nur noch Schluss machen wollen. Mein geliebter Dad. Er hätte nie gewollt, dass ich ihn so finde.

Jetzt frage ich mich, ob ich in unserer Familie eine echte Pionierin sein könnte. Könnte ich tatsächlich die Erste sein, die aufgibt?

Vielleicht werde ich überfallen und umgebracht, das wäre noch das Beste. Aber mein Überlebenswille ist zu stark, also laufe ich, so schnell ich kann, bis ich die Eingangstür des Hotels erreiche. Sie haben freie Zimmer und ich erzähle ihnen, mein Portemonnaie sei gestohlen worden, aber ich hätte Bargeld. Ich checke unter falschem Namen ein und bald halte ich den Zimmerschlüssel in den Händen.

Der Raum, den ich betrete, riecht nach Schimmel und Zigaretten. Das Bett ist hart und das Laken reicht nicht ganz über die Matratze. Aber ich sage mir, dass ich mich glücklich schätzen kann, hier zu sein und nicht im Knast.

Die Hoffnungslosigkeit schlägt ihre Klauen tiefer in mich und der Gedanke, mich umzubringen, taucht wieder auf. Ich denke darüber nach, wie ich es anstellen soll, damit ich demjenigen, der irgendwann auf meine Leiche stößt, am wenigsten Schrecken einjage. Für ein paar Minuten erlaube ich mir den Gedanken, es könne bald alles vorbei sein; gönne mir die befreiende Vorstellung, nicht mein Leben lang auf der Flucht sein und mich verstecken zu müssen wie eine Kriminelle. Mir keine Sorgen machen zu müssen, wovon ich leben soll und wo und wer mir auf den Fersen ist. Mich nicht damit herumschlagen zu müssen, als Mörderin gebrandmarkt zu sein.

Aber lange kann ich mich nicht in dieser Fantasievorstellung ausruhen. Ich denke an meine Mom, wie sie bei der Beerdigung Hände schüttelt und die tröstet, die eigentlich sie trösten wollen, und dabei in atemberaubendem Tempo ihre kleinen Zwangsrituale vollzieht. Nach der Beerdigung wird sie die ganze Nacht wach liegen, den Kopf voller Ängste. Wochenlang wird sie keinen Schlaf finden, bis ein Arzt eingreift und ihre Medikamentendosis erhöht. Meine Schwester wird verstört und vor Kummer fast wahnsinnig sein und sich nicht mehr richtig um die kleine Emma kümmern können. Ihre Ehe wird leiden, weil Bitterkeit und Zorn wie Lava in ihr kochen werden, und irgendwann wird sie in der Öffentlichkeit etwas sagen, was sie besser nicht gesagt hätte, und dann wird man sie abholen.

Im Fernsehen werden sie über meinen Selbstmord reden, als wäre ich der Unglücksfall der Woche. Alle Einzelheiten werden sie breittreten und auf YouTube wird es ein Video mit meiner Leiche geben. In Boulevardmagazinen wird meine psychologische Autopsie vorgenommen.

Endlich stecke ich den Gedanken weg. Mir das Leben zu nehmen, wäre zu egoistisch. Zu viele Dominosteine würden umfallen, zu viele Menschen wären betroffen, und zwar nicht nur für einen Tag oder eine Woche oder einen Monat, sondern auf Jahre hinaus … Jahrzehnte.

Man kann nicht einfach auschecken und glauben, damit sei alles vorbei. Für alle, die dich lieben, ist es nicht vorbei. Alles, was du erreichst, ist nur, sie auf eine Jagd nach den Bruchstücken zu schicken, die ein zorniger Wind verweht. Du verurteilst sie dazu zu versuchen, die Probleme zu lösen, die du nicht lösen wolltest … während sie noch die eigenen Wunden verbinden. Selbst jemand wie ich, Single und kinderlos, könnte auf diese Weise noch Generationen beeinträchtigen.

Ist ein schneller Ausweg das wert?

Nein, keinesfalls. Lieber trage ich den Schmerz selbst, damit sie es nicht müssen.

Ich empfinde kein bisschen Erleichterung, als ich beschließe, dass ich die Sache durchstehen muss. Aber zumindest spüre ich in mir die Entschlossenheit, es für meine Familie zu tun. Die kleine Emma wird nicht davon reden müssen, dass ihre Tante sich umgebracht hat. Natürlich werden ihre Sandkastenfreunde mich noch auf Jahre hinaus eine Mörderin nennen. Aber ihre Mutter wird ihr die Wahrheit sagen. Vielleicht bekommt Emma doch etwas Gutes über mich zu hören.

Endlich schlafe ich ein, die willkommene Erleichterung, um die ich nicht gebeten hatte. Ich träume, dass Brent noch am Leben ist, dass wir zu Malicos Pizza Plaza gehen, Peperoni essen und uns über den dusseligen Kellner beklagen – als sei die Tatsache, dass er unsere Extraportion Käse vergessen hat, das Schlimmste, was passieren kann.

Als ich aufwache, ist Brent wieder tot. Ich habe Samstagvormittage immer geliebt, aber in diesem muffigen Hotelzimmer scheint alles verkehrt. Unter der Dusche weine ich stumm und mache mich bereit zum Aufbruch nach Ichweißnichtwohin.

4

Wenn die Polizei weiß, dass ich ein Ticket nach El Paso gebucht habe, suchen sie mich vielleicht nicht in Dallas. Trotzdem binde ich mir das Tuch wieder ganz eng um den Kopf und gehe zurück zum Busbahnhof. Ich habe mich noch nicht entschieden, wohin ich fahren will, aber der nächste Bus geht nach Tulsa, Oklahoma, also kaufe ich das Ticket. Den größten Teil der Fahrt habe ich meine Sitzreihe für mich, was ein Segen ist, aber ich traue mich nicht einzuschlafen, damit ich die Zwischenstopps nicht verpasse und aus Versehen doch bis Tulsa fahre. Irgendwo unterwegs muss ich aussteigen.

Durant, Oklahoma, erscheint mir genauso geeignet wie jeder andere Ort. Es ist nicht einmal ein offizieller Zwischenhalt, nur ein Ort, an dem die Passagiere zehn Minuten Zeit haben, eine Zigarette zu rauchen oder eine Cola zu kaufen. Wir sind nicht gerade in der besten Gegend der Stadt, aber vier Straßen weiter entdecke ich an einer Ecke eine Drogerie. Ich laufe geradewegs darauf zu und bemühe mich, nicht auszusehen, als ob ich mich nicht auskenne. Selbst am helllichten Tag gebe ich ein erstklassiges Opfer ab – ein zierliches blondes Mädchen, das sich allein in einer üblen Gegend herumtreibt.

Jemand, der auf der Flucht ist, sollte wohl kühn und mutig sein, aber ich fühle mich wie eine welkende Tulpe, die die Blütenblätter in den Schmutz hängen lässt. Angst pulsiert wie Blut in meinen Adern, in meinen Ohren, hinter den Schläfen.

Du bist doch mein tapferes Mädchen, hat Dad immer zu mir gesagt, als ich mit zehn die Schule wechselte und irgendeine Göre mir das Leben schwer machte. Damals war ich nicht tapferer als heute. Ich mied die fiese Mitschülerin auf dem Flur, und sobald sie auftauchte, hielt ich mich eng an die Lehrerin. Weil ich neu war, spielte ich auf dem Schulhof allein, bewegte die Lippen zu unhörbaren Liedern und lächelte, als würde mir gar nicht auffallen, dass ich allein bin.

Ich lächele auch jetzt und bewege meine Lippen zu diesem stummen Lied, als sei ich mit mir selbst völlig im Reinen und tief in Gedanken. Niemand scheint zu bemerken, dass mein Gesichtsausdruck lügt und dass in meinem Kopf ein Tornado tobt.

Niemand nimmt mich überhaupt nur wahr.

Ich erreiche die Drogerie und gehe zum Regal mit den Haarfarben. Vor den L’Oréal-Produkten versuche ich mich zu entscheiden, was meine neue Haarfarbe sein soll. Ich war immer sehr gern blond, aber jede Blond-Variante wird immer noch zu sehr nach mir selbst aussehen. Nein, ich werde wohl braun werden müssen. Ich greife nach einer Packung Dunkelbraun und hoffe, dass ich die Sache nicht verpfusche.

Ein lautes Poltern lässt mich aufschrecken. Vorn im Laden flucht jemand. Um Atem ringend gehe ich den Mittelgang entlang, bis ich die Angestellte zwischen den Regalen sehen kann. Sie kniet mitten in einem wirren Haufen von Päckchen mit Medikamenten gegen Sodbrennen – ein Sonderposten zum halben Preis.

Ohne nachzudenken, eile ich zu ihr. „Alles okay?“, frage ich. „Sind Sie gestürzt?“

Ihre Wangen röten sich. „Ja. Ich bin so ungeschickt. Ich hab das Display umgerannt.“ Ich strecke die Hand aus, um ihr hochzuhelfen, und sie ergreift sie und kommt auf die Füße. „Danke. Ich kann jetzt kassieren, wenn Sie alles haben.“

Ein Blick an die Decke zeigt mir die Überwachungskamera an der Tür. Ich senke den Kopf. „Ja, ich bin fertig. Aber ich kann warten, wenn Sie erst das Display wieder aufbauen wollen.“

„Nein, das Display kann warten.“

Normalerweise hätte ich ihr geholfen, die Schachteln wieder einzusortieren. Freundliche Gesten haben mich bisher nichts gekostet. Jetzt kosten sie mehr, als ich zu zahlen bereit bin. Ich folge ihr zur Kasse und nehme noch einen Schokoriegel und ein paar Nüsse aus dem Regal daneben in der Hoffnung, sie von der Haarfarbe abzulenken. „Ach, übrigens, kennen Sie hier irgendwo ein sicheres Motel? Ich bin auf der Durchreise und habe kein Zimmer gebucht.“

Sie scannt die Barcodes von Haarfarbe, Schokoriegel und Nüssen und packt die Sachen in eine Tüte. „Es gibt eins weiter oben in der Straße“, sagt sie, „aber offen gesagt, an Ihrer Stelle würde ich nicht hierbleiben. Gehen Sie besser weiter in die Innenstadt, ins Hampton Inn auf der Burngard Street. Das sind allerdings noch ein paar Meilen.“

„Dürfte ich vielleicht Ihr Handy benutzen, um mir ein Taxi zu bestellen? Heute ist nicht gerade mein Glückstag. Mein Auto ist liegen geblieben und der Akku vom Handy ist leer.“

„Aber gern.“ Sie schiebt mir das Geschäftshandy über den Kassentisch. „Rufen Sie die Auskunft an und fragen Sie nach Deans Taxiservice. Es ist das einzige Taxiunternehmen in der Stadt.“

Ich rufe das Taxi, bedanke mich und warte draußen. Jedes Wort, das ich zu ihr gesagt habe, bereue ich jetzt. Wenn man sie vernimmt, könnte sie sich an mich erinnern. Aber wir sind hier in Durant und wahrscheinlich sucht man mich hier nicht, jedenfalls nicht, bevor ich längst wieder weg bin. Vielleicht wird sie ja nie zu hören bekommen, dass ich eine Mörderin bin.

Mit der Haarfarbe in der Tasche stehe ich da und ertrinke langsam in der Realität. Was habe ich mir nur gedacht? Ich hätte noch im selben Moment, in dem ich Brent gefunden habe, die Polizei rufen und ihnen erklären sollen, dass er tot ist und wer dafür ganz sicher verantwortlich ist. Aber so schnell, wie der Gedanke in mir aufgestiegen ist, so sicher weiß ich auch, dass es nicht funktioniert hätte. Mein erster Instinkt war richtig.

Ich wünschte, ich könnte meine Mutter besuchen und ihr alles erzählen, wünschte, sie könnte mich in den Arm nehmen und mir versichern, dass diese Sache mir nicht das Genick brechen wird. Was sie ihr allerdings antun wird, das verabscheue ich zutiefst. Schon einmal hat sie die Lügen und die entsetzliche Trauer durchgemacht und beides hat sie zu einem anderen Menschen gemacht – einem Menschen mit dunklen Schatten auf der Seele, die sich in ihrem ruhelosen Blick spiegeln.

Sie hat ja noch meine Schwester und meine Nichte, die immer noch ein Lächeln in diese Augen zu zaubern vermag. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass ich nicht mit ihnen reden kann.

Und Brent fehlt mir. Mein Vertrauter, der Mensch, der ein offenes Ohr für die Dinge aus meiner Vergangenheit hatte, die mich quälen. Seltsam, ich verspüre noch immer den Impuls, zum Handy zu greifen und ihn anzurufen. Ob sie ihn schon gefunden haben? Hat man es seinen Eltern gesagt?

Sind alle, die ihn lieben, bereits vom Schmerz überwältigt?

Geben sie mir die Schuld?

Vielleicht sollten sie das sogar, denn sein Tod ist meine Schuld. Das Bewusstsein dieser Schuld überschwemmt mich und ich weiß nicht, wie ich ihm standhalten soll. Ich muss einfach durchatmen und den nächsten Schritt tun.

Die Polizei in Shreveport ist nicht allwissend, und selbst wenn sie die Fahndung im ganzen Bundesstaat ausschreiben, ist ihre Reichweite begrenzt. Aber ich weiß: Wenn sie nach mir suchen, dann nicht, weil es ihnen um Gerechtigkeit geht. Gerechtigkeit hat noch nie etwas damit zu tun gehabt.

Das Taxi hält. Der Fahrer ist ein untersetzter, grauhaariger Mann mit tiefen Lachfalten um die Augen. Ich setze mich auf den Rücksitz. „Danke, dass Sie kommen“, sage ich. „Ich nehme an, dass Sie nicht gerade oft Fahrgäste hier abholen.“

„Nein, Ma’am“, bestätigt er. „Aber ich würde fast überall hinfahren. Wie sind Sie hierhergekommen?“

„Ich bin von der Tankstelle hergelaufen“, sage ich. „Mein Auto ist liegen geblieben, und es wird erst morgen fertig. Ich hoffe, im Hampton Inn ist noch ein Zimmer frei.“

„Das sollte es wohl“, nickt er. „Dieses Wochenende gibt es keine Hochzeiten. Dann sind Sie auf der Durchreise?“

„Ja. Ich war geschäftlich unterwegs nach Tulsa.“

„Ach ja? Was machen Sie beruflich?“

Ich bemühe mich, mir den am wenigsten erinnerungsträchtigen Job auszudenken, der mir einfällt. „Ich arbeite für eine Firma, die Pappkartons entwirft.“ Dass mir das Lügen so leichtfällt, gefällt mir gar nicht.

„Pappkartons?“, hakt der Fahrer nach. „Noch nie gehört.“

Ich lächele. „Na ja, irgendwer muss auch so was machen, oder? All diese Verpackungen entstehen ja nicht von selbst, stimmt’s?“ Ich mache eine kleine Pause, unsicher, ob ich zu weit gegangen bin. „Seit wann fahren Sie Taxi?“

Wie ich gehofft hatte, springt er auf das Thema auf. „Seit drei Jahren. Hab meinen Job verloren, als sie die Fabrik zugemacht haben, und einen neuen konnte ich nicht finden. Also fahre ich jetzt Taxi.“

„Sie tun, was nötig ist“, sage ich. „Gut, wenn Sie das können. Haben Sie Familie?“

„Frau und Tochter und ein entzückendes Enkelkind. Meine Tochter ist nicht verheiratet und anfangs dachte ich, die Welt ginge unter. Aber dieses Baby wickelt uns um den kleinen Finger. Fünfzehn Monate ist sie gerade und sie ist unsere ganze Freude.“

„Ich liebe Babys.“

„Haben Sie selbst Kinder?“

„Nein, aber hoffentlich später mal. Haben Sie ein Foto?“

Das ist nicht nur ein Versuch, das Gespräch zu lenken. Ich schaue mir wirklich gern Familienfotos an, besonders, wenn Babys darauf sind.

Er macht sein Handy an und wirft es mir nach hinten. Das pausbäckige Gesicht und die strahlenden Augen bringen mich zum Lächeln. „Sie ist hinreißend.“

„Gott macht sie so unwiderstehlich, damit wir sie nicht zurückschicken. Ja, die Nächte sind lang, aber sie sind es allemal wert.“

Bald halten wir auf dem Parkplatz des Hampton Inn. „Danke für die Fahrt“, sage ich. „Ihre Enkelin kann sich glücklich schätzen.“

Ich zahle und steige aus. Im Hampton Inn sind Zimmer frei, ich checke ein, wieder unter falschem Namen und mit der Behauptung, ich hätte meinen Führerschein verloren. Als ich erkläre, dass ich bar zahlen möchte, muss die Rezeptionistin den Geschäftsführer holen und die Sache mit ihm klären. Er kommt nach vorn, mustert mich von Kopf bis Fuß, dann willigt er ein. Sein forschender Blick macht mich nervös. Kaum habe ich den Schlüssel, suche ich Zuflucht in meinem Zimmer. Als Allererstes stelle ich den Fernseher an, um Nachrichten zu sehen. Ob es einen Beitrag über einen Mord in Shreveport gibt? Ich bezweifle es, denn warum sollte es dieses Land interessieren, dass in einer kleinen Stadt in Louisiana ein Mann ermordet wurde – wenn auch ein sehr besonderer? Während ich den Nachrichten zuhöre, färbe ich mir die Haare. Auf dem blonden Untergrund ist die braune Farbe hoffentlich dunkel genug. Nach den empfohlenen fünfzehn Minuten steige ich in die Dusche und spüle die Farbe aus.

Die dunkle Brühe kreist um den Abfluss und ich denke an all das Blut. Brent …

Ich schließe die Augen und sinke im nassen Duschbecken auf den Boden. Die Dusche läuft noch und jetzt lasse ich auch meinem Kummer freien Lauf. Ich presse die Hände auf den Mund, um das raue Schluchzen zu ersticken. Nach kurzer Zeit wird der Wasserstrahl kalt. Ich drehe ihn ab und bleibe im leeren Duschbecken sitzen, bis ich wieder Luft bekomme.

Als ich mich endlich rühren kann, steige ich aus der Dusche und trockne mein Haar, erstaunt über die neue Person, die mich aus dem Spiegel anblickt. Ich habe nicht wirklich den passenden Teint zu dunklen Haaren, aber jetzt ist es, wie es ist. Meine Augenbrauen sind immer noch blond, also ignoriere ich die Warnung auf der Gebrauchsanleitung und verteile den Rest aus der Flasche auf meinen Augenbrauen, dann lege ich mich rücklings aufs Bett in der Hoffnung, dass die Farbe mir nicht in die Augen läuft. Anstatt die Farbe auszuspülen, wische ich sie nach einer Weile mit einem feuchten Waschlappen ab. Als ich angezogen bin und mein Haar trocken ist, betrachte ich mein Spiegelbild und erkenne mich nicht wieder.

Ja, es sind immer noch meine Augen … mandelförmig und ein wenig zu groß, um unauffällig in einer Menge unterzugehen. Vielleicht fallen sie nicht so auf, wenn ich zur Abwechslung auf Make-up verzichte – und meinen geliebten Eyeliner weglasse. Die Brille sollte auch helfen. Sie ist ziemlich neu und noch nicht viele Menschen haben mich mit ihr gesehen, es ist also vielleicht sicher, sie zu tragen.

Gegen elf gehe ich nach unten und werfe Schachtel und Flasche von der Haarfarbe in einen Mülleimer am Ende des Korridors. Dann suche ich nach der EDV-Ecke und dem hoteleigenen Computer. Ich wage es nicht, die Facebook-Seiten meiner Freunde aufzurufen oder ihnen Mails zu schicken. Selbst ein Klick auf die Nachrichtenseite meiner Heimatstadt könnte mich verraten, wenn die Polizei etwa prüft, ob jemand von außerhalb der Stadt die Seiten aufruft. Vielleicht tue ich das morgen, direkt bevor ich die Stadt verlasse. Dann wäre ich, falls sie tatsächlich herauskriegen, wo ich bin, zumindest schon wieder weg. Im Moment brauche ich nur die Fahrpläne von Greyhound und von der Bahn. Und ich muss mich entscheiden, wohin ich als Nächstes will. Den Bahnfahrplan finde ich rasch, aber eine Greyhound-Station gibt es hier nicht. Die nächste ist in Ardmore, trotzdem drucke ich mir die Angaben aus, für alle Fälle, ebenso wie den Zugfahrplan. Zurück in meinem Zimmer mache ich Kassensturz.

Ich habe 12 000 Dollar. Als meine Schwester und ich zwei Jahre nach Dads Tod seine Sachen aufräumten, fanden wir einen Stapel Geldscheine, 36 000 Dollar, Geld, das er hundertdollarweise im Lauf der Jahre zusammengespart hatte. Es war in einer Schachtel mit der Aufschrift „Notgroschen“. Wir haben es Mom gegeben und sie hat darauf bestanden, dass wir es unter uns dreien aufteilen. Ich habe dieses Geld nie angerührt, es auch nie auf die Bank gebracht. All die Jahre lag es in dieser Zigarrenkiste in meiner Schublade, weil ich nie wusste, wofür ich es ausgeben sollte. Es kam mir fast vor wie Blutgeld, denn ich würde es nicht besitzen, wenn er nicht gestorben wäre. Jetzt weiß ich, dass Dad auf diese Weise für mich gesorgt hat, als ob er gewusst hätte, dass ich eines Tages vor seinen Feinden würde fliehen müssen. Es sollte reichen, um Hotelzimmer und Essen und vielleicht einen neuen Laptop und ein Handy zu bezahlen. Und vielleicht sogar einen alten Gebrauchtwagen, wenn ich mal irgendwo angekommen bin.

Wenn ich einen Ort finde, an dem ich mich verstecken kann, sollte ich mir als Erstes einen Job suchen, damit ich nicht mehr von diesem Finanzpolster leben muss und es wieder aufbessern kann.

Dankbarkeit steigt in mir auf, dass Dad vorausschauend genug war, um uns dies zu hinterlassen. Aber wenn er wüsste, wofür ich es nun verwenden muss, wäre er entsetzt.

Die Nacht ist schon halb vorbei und ich kann immer noch nicht schlafen, also setze ich mich auf und denke nach. Ich brauche einen neuen Führerschein. Ohne Führerschein kann man gar nichts machen. Ich gehe noch einmal nach unten zum Hotelcomputer. Stimmen sind vom Empfang zu hören, eine Frau und ein Mann lachen und flirten. Sie haben mich nicht bemerkt. Ich betrete den kleinen Computerraum und google nach „Führerschein, gefälscht“.

Auf dem Bildschirm erscheint nichts, was mich weiterbringt. Ich nehme an, Leute, die das Gesetz brechen, werben nicht öffentlich dafür. Ich gehe zurück ins Bett und versuche mir darüber jetzt keine Sorgen zu machen.

Schließlich kommt der Schlaf, aber ich wache früh auf, schon um sieben, voller Angst, dass die Polizei bereits vor dem Hotel wartet, um mich zu schnappen, sobald ich einen Fuß vor die Tür setze. Aber das ist albern. Sie würde ja nicht warten. Ein Sondereinsatzkommando hätte schon längst meine Tür eingerannt und wäre mit entsicherten Maschinenpistolen hereingestürmt, bereit, mich in Handschellen mit sich fortzuschleppen.

Ich gehe runter an den Computer und rufe einen Stadtplan auf, um herauszufinden, wie ich zum Bahnhof komme. Ich will nicht wieder ein Taxi nehmen. Ich werde hinlaufen; ich brauche die Zeit, um einen klaren Kopf zu bekommen. Bevor ich den Computerraum verlasse, gehe ich noch kurz auf die Facebook-Seite eines Freundes. Er hat schon alles über mich gepostet.

In der Glastür taucht jemand mit Schlüsselkarte in der Hand auf und ich schließe die Seite schnell. Ich werde sie später noch mal aufrufen müssen.

Wieder in meinem Zimmer, stecke ich mir hundert Dollar in kleinen Scheinen in die Tasche. Ich habe auch noch Bargeld im Portemonnaie. Den Rest verteile ich gleichmäßig auf zwei Stapel, die ich mir in meine Stiefel stecke.

Mit der umgehängten Reisetasche laufe ich die Häuserblocks entlang zum Bahnhof. Unterwegs komme ich an einem Mann vorbei, der an einer Straßenecke steht. Vielleicht ein Drogendealer. Er betrachtet mich, während ich näher komme. Ich widerstehe dem Drang, die Straßenseite zu wechseln und ihm aus dem Weg zu gehen. Eigentlich, fällt mir ein, kann er mir sogar helfen.

Als ich ihn erreiche, hebe ich das Kinn, um zu signalisieren, dass ich mich nicht fürchte. „Hi. Wie geht’s?“

Die Frage scheint ihn zu überraschen. Seine Dreadlocks schwingen im Wind. „Ganz okay“, sagt er und dehnt das Wort okay ein wenig zu lang.

„Ich habe mich gerade gefragt, ob Sie mir vielleicht eine Auskunft geben können. Gibt es hier in der Gegend jemanden, der mir einen Führerschein besorgen könnte?“

Seine Augen verengen sich. „Haben Sie’s schon mal bei der Verkehrsbehörde versucht?“

„Ich meine keinen legalen.“ Ich spüre die Hitze in meinen Wangen.

Er nickt, lässt sich Zeit mit der Antwort. „Ich kenn da vielleicht tatsächlich jemanden. Geben Sie mir Ihre Nummer. Ich ruf Sie an.“

„Ich habe keine Nummer“, sage ich.

Er nickt wieder, als würde ihm langsam klar, dass ich mich bemühe, unterhalb des Radars zu fliegen. „Was ist es Ihnen wert?“

Ich ziehe zwanzig Dollar heraus.

„Nee, das reicht wohl kaum.“

„Bezahle ich Sie für das Dokument oder für die Information?“

„Für die Information. Aber die ist auch was wert. Woher soll ich wissen, dass Sie nicht von den Bullen sind?“

„Und woher soll ich das von Ihnen wissen?“

Er lacht und mir fällt auf, dass ihm ein paar Backenzähne fehlen. „Sechzig – und ich bringe Sie an den richtigen Ort.“

Ich taste in meiner Tasche nach zwei weiteren Geldscheinen und ziehe sie heraus.

Er nimmt das Geld. „Auf der West Cedar Street gibt’s ’nen Imbiss, Pedro’s Place, gleich neben der Taco Casa. Gehen Sie dahin und sagen Sie dem Typen hinter dem Tresen, Sie kommen von D. J. Sagen Sie ihm, Sie versuchen, sich selbst zu finden.“

Ich versuche, mich selbst zu finden. Dürfte ziemlich zutreffend sein.

„Okay, danke.“

Ich setze meinen Weg fort und er ruft mir nach: „Falls Sie mal Trost brauchen, kommen Sie zu mir. Ich werde hier sein.“

Trost brauche ich, das weiß ich. Aber Drogen waren noch nie eine Lösung.

Einfach zu überleben, das ist alles, was ich im Moment an Trost bekommen kann.