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Josh Kelley

Voll Jesus. Null Druck.

Glauben ohne schlechtes Gewissen

Deutsch von Renate Hübsch

Radically Normal

Copyright © 2014 by Joshua C. Kelley

Published by Harvest House Publishers

Eugene, Oregon 97402

www.harvesthousepublishers.com

Die Originalausgabe erschien in den USA unter dem Titel: Radically Normal

© 2014 Joshua C. Kelley

Bibelzitate folgen, wo nicht anders angegeben, der Hoffnung für alle®,
Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica, Inc.®.

Verwendet mit freundlicher Genehmigung von Fontis – Brunnen Basel.

Weitere verwendete Übersetzungen sind wie folgt gekennzeichnet:

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift
© 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart.

GNBGute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe,
© 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

L Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe,
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

NLBNeues Leben. Die Bibel © 2002 und 2006 SCM-Verlag
GmbH & Co. KG, Witten.

NGÜBibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und
Psalmen, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

© der deutschen Ausgabe: 2016 Brunnen Verlag Gießen

Lektorat: Konstanze von der Pahlen

Umschlaggestaltung: Jonathan Maul

Umschlagillustration: shutterstock

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN Buch 978-3-7655-2067-9

ISBN E-Book 978-3-7655-7657-3

www.brunnen-verlag.de

Den beiden Menschen, denen dieses Buch vor allem zu verdanken ist:

Marilyn Kelley – meiner Teampartnerin in jeder Hinsicht:
von Kindererziehung über die Arbeit in der Gemeinde
bis hin zum Schreiben dieses Buches.

Bruder Jack, C. S. Lewis – über dich möchte ich sagen, was du einmal über George MacDonald gesagt hast: „Ich habe nie die Tatsache verschwiegen, dass ich ihn als meinen Meister betrachtet habe; ja, ich glaube sogar, dass ich niemals etwas geschrieben habe, worin ich ihn nicht zitiere.“

Inhalt

Bevor es losgeht

1 – Zwischen übertriebenem
und lauwarmem Glauben

2 – Verstehen, was Gnade ist

3 – Es ist okay, normal zu sein

4 – Jede Arbeit zählt!

5 – Ganz normal besonders

6 – Komische Christen

7 – Ganz natürlich von Gott reden

8 – Freude an irdischen Dingen

9 – Wenn Gott eine Party gibt

10 – Freude an geistlichen Dingen

11 – Fromm und glücklich

12 – Money, Money

13 – Zwischen Gesetzlichkeit und Verweltlichung, Teil 1

14 – Zwischen Gesetzlichkeit und Verweltlichung, Teil 2

15 – Leid, das Früchte trägt

16 – Hungrig nach dem Himmel

17 – Dieses Leben ist wertvoll

18 – Weitergehen

Anmerkungen

Bevor es losgeht

Ich habe dieses Buch in der Annahme geschrieben, dass die meisten meiner Leser Christen sind und sich in der Welt des evangelikalen Christentums auskennen. Wenn das auf dich nicht zutrifft, freue ich mich trotzdem, dass du dieses Buch liest. Vielleicht hilft es dir, den christlichen Glauben in einem neuen Licht zu sehen. Zugleich bitte ich um Verständnis, wenn manche Bezüge vielleicht nicht sofort verständlich sind.

Alle Geschichten in diesem Buch sind wahr und so wiedergegeben, wie ich mich daran erinnere. Manchmal habe ich unwesentliche Details verändert, um die Identität von einzelnen Personen unkenntlich zu machen.

Meine Geschichten können vielleicht den Eindruck vermitteln, dass ich in einer gesetzlichen Gemeinde oder einer sehr strengen Familie aufgewachsen bin. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich bin in einer liebevollen Familie groß geworden und war in einer großartigen Gemeinde zu Hause. Beide hatten ihre Eigenheiten, aber ich hätte mir kein besseres Elternhaus oder keine bessere Heimatgemeinde wünschen können. Die Selbstgerechtigkeit, mit der ich gelegentlich zu kämpfen habe, kommt allein aus meinem eigenen Herzen.

Und schließlich: Dieses Buch ist keine Reaktion auf ein anderes Buch oder einen anderen Autor. Vielmehr habe ich es geschrieben, um eine Reihe von Ideen und Praktiken zu korrigieren, die zum Teil schon seit den Anfängen des Christentums in der Christenheit kursieren. Aus diesem Grund – und weil mir die Kirche, der Leib Christi, teuer ist – vermeide ich es, bestimmte Bücher oder Autoren zu erwähnen, deren Meinung ich nicht teile. Falls du aber neugierig bist, auf wen ich mich beziehe, bin ich sicher, dass du es mit ein wenig Mühe und Recherche herausfinden wirst.

Man sollte nicht versuchen, spiritueller zu sein als Gott. Gott hat sich den Menschen nie als rein spirituelles Wesen gedacht. Deswegen benutzt er materielle Dinge wie Brot und Wein, um das neue Leben in uns hineinzulegen. Mag sein, dass wir das eher plump und ungeistlich finden. Gott tut das nicht: Er hat das Essen erfunden. Er mag die ­Materie. Er hat sie gemacht.

C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ1

Zwischen übertriebenem
und lauwarmem Glauben

Starbucks ist für mich nicht einfach irgendein Café. Die meisten meiner Jobmeetings finden bei Starbucks statt und auch meine Predigten schreibe ich dort. Zu Starbucks entführe ich meine Töchter, wenn wir unsere monatlichen Vater-Tochter-Dates machen. Und auch jetzt, während ich dies schreibe, sitze ich in einem Starbucks-Café. Aber noch im Frühjahr 2011 ahnte ich nicht, was für eine wichtige Rolle Starbucks in meinem Leben einmal spielen würde.

Ich war der jüngste Pastor im Gemeindeteam in einer der größten Gemeinden im Bezirk Skagit Valley (etwa eine Stunde nördlich von ­Seattle). Als ich dann die Leitung einer kleineren Gemeinde in der Gegend übernahm, hatte ich viele Träume, was ich alles auf die Beine stellen wollte. In den ersten dreieinhalb Jahren schaffte es meine Gemeinde von etwa 100 Gottesdienstbesuchern auf sage und schreibe 75 … – na gut, nicht gerade etwas, womit man bei Pastorenkonferenzen angeben kann.

Dieses Buch erzählt, welche Einsichten Gott mir in den darauffolgenden 18 Monaten durch Starbucks zukommen ließ. Zugleich ist es ein Buch, wie ich es als Jugendlicher gern selbst zur Verfügung gehabt hätte. Die Bücher, die ich damals gelesen habe, schienen alle nur eines nahezulegen: Wenn du Gott von ganzem Herzen folgen willst, musst du damit rechnen, dass du dieses Leben nicht besonders genießen wirst.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Dieses Buch erzählt davon, wie ich das entdeckt habe.

Extreme

Aber trotzdem verfolgt uns das Gefühl, Gott wäre irgendwie glücklicher, wenn wir unsere Bibel lesen, als wenn wir Fußball gucken.

Ich muss ungefähr zehn gewesen sein. Unsere Familie besuchte die Bibel­gruppe der Gemeinde und diesmal waren wir etwas früh dran. ­Arnie, unser Pastor, saß noch vor dem Fernseher, in dem ein Fußballmatch lief. Die Dinge schienen für sein Team nicht gut zu stehen, denn er war ein bisschen knurrig, und gelegentlich stieß er Sätze aus wie: „Ich glaub’s nicht! Na, los doch! Bist du blind, Mann?“

Dass ich unseren Pastor beim Fußballgucken erwischt hatte, beunruhigte mich irgendwie. Ich wusste allerdings nicht genau, warum. Es war schließlich nichts Unrechtes am Fernsehen (ich guckte mir jeden Morgen vor der Schule die neueste Episode von Star Blazers an). Und Fußball war auch nicht verboten (meine Mum ist ein großer Fußballfan). Aber es kam mir wohl irgendwie nicht spirituell genug vor. In meiner Zehnjährigenlogik schien klar, dass ein Pastor sich mit nichts anderem beschäftigte als mit hochgeistlichen Dingen.

Viele Christen plagt eine unbestimmte, tief verwurzelte Angst, dass wir uns entscheiden müssen: Wollen wir radikale Christen sein, die nicht nach Spaß im Leben Ausschau halten, oder halbherzige, selbstzufriedene Christen, die das Leben nach allen Regeln der Kunst genießen? Wir haben das Gefühl, es gäbe nur diese beiden Möglichkeiten. Sollten wir das Fußballspielen aufgeben, unseren gesamten Besitz verkaufen und als Missionare nach Indien gehen? Oder sollen wir uns ein nettes Häuschen bauen und auf der Beliebtheits- und der Karriereleiter nach oben klettern? Wir wissen zwar, dass das nicht wirklich Alternativen sind. Aber trotzdem verfolgt uns das Gefühl, Gott wäre irgendwie glück­licher, wenn wir unsere Bibel lesen, als wenn wir Fußball gucken. Ich frage mich, wie viele Christen wohl nur deshalb so lauwarm bleiben, weil sie Angst ­haben, Feuer und Flamme für Gott zu sein würde sie unglücklich ­machen.

Ganzheitliche Hingabe an Gott bedeutet radikalen Gehorsam, der sich in den überraschend normalen Gegebenheiten unseres Lebens bewährt und uns Freude schenkt.

Auf unserer christlichen Lebensreise hören wir dann Predigten oder lesen Bücher, die uns vor der gefährlichen Klippe der Halbherzigkeit warnen. Und das aus gutem Grund: Die Ablenkungen, die das Leben zu bieten hat, ziehen uns in der Tat von Gott fort. Aber mir wird mehr und mehr deutlich, dass es auf der anderen Seite des Weges ebenfalls eine gefährliche Klippe gibt. Diese Klippe nennt man Fanatismus oder Radikalismus. Radikalismus ist der Versuch, sich den Anschein zu geben, man sei ein wirklich tadelloser Christ. Die Liebe zu Jesus geht dabei ganz verloren.

Das Leben, das Gott für uns im Sinn hat, findet sich weder im einen noch im anderen Extrem. ­Ganzheitliche Hingabe an Gott bedeutet radikalen Gehorsam, der sich in den überraschend normalen Gegebenheiten ­unseres Lebens bewährt und uns Freude schenkt. Deshalb habe ich den Ausdruck „radikal normal“ geprägt. Es ist die bi­blische Kunst, sich voll und ganz auf das Leben hier einzulassen, während man sich zugleich auf das Leben ­danach ausrichtet.

Das Problem mit der Halbherzigkeit

Marilyn, meine Frau, ist in einer konturlosen, verschwommenen Welt aufgewachsen. Sie war so kurzsichtig, dass sie die Schultafel nicht ­lesen konnte, worunter natürlich ihre schulischen Leistungen litten. Sie wusste aber nicht, dass sie kurzsichtig war – sie dachte, die Welt müsse so verschwommen aussehen. Mit sieben bekam Marilyn endlich ihre erste Brille. Es war, als öffnete sich der Himmel und ließe sein Licht auf die Erde scheinen. Bis zu diesem Moment hatte sie nicht gewusst, dass Bäume voller einzelner Blätter hingen oder dass die Lehrerin tatsächlich lesbare, verständliche Worte an die Tafel schrieb.

Mir scheint, die meisten Christen sind geistlich genauso kurzsichtig. Das, was direkt vor uns steht – Essen und Trinken, Beziehungen, Kleidung, Bücher, Arbeit, Urlaub –, sehen wir kristallklar. Verschwommen und verzerrt erscheinen uns dagegen häufig Gebet, Gottesdienst, Andacht, Gerechtigkeit, der Himmel und Gott selbst. Das ist nicht zwangsläufig unser eigener Fehler, so wie Marilyns Kurzsichtigkeit nicht ihr Fehler war. Es ist einfach der Tatsache geschuldet, dass wir irdische Geschöpfe aus Fleisch und Blut sind. Aber wie wollen wir auf unsere Kurzsichtigkeit reagieren? Halbherzige, selbstzufriedene Christen finden sich einfach damit ab. Sie konzentrieren sich darauf, was direkt vor ihrer Nase liegt, und halten sich die unsichtbaren Wirklichkeiten vom Leib, sozu­sagen in einer Grauzone.

Das Problem mit einem halbherzigen Glauben ist seine Mittelmäßigkeit. Der Film Good Will Hunting erzählt die Geschichte von Will, einem genial begabten Mann vom Format eines Einstein, der anscheinend damit zufrieden ist, sich mit Hilfsarbeiterjobs durchs Leben zu schlagen. Als seine Vergangenheit ihn einholt, muss Will sich dafür entscheiden, etwas aus seinem Potenzial zu machen. Es gibt eine Szene, in der Will seinem besten Freund Chuckie erzählt, er werde einen Job als Straßenarbeiter annehmen und den Rest seines Lebens damit verbringen, sich Footballspiele anzuschauen. Daraufhin antwortet Chuckie:

Hör zu, du bist mein bester Freund, versteh das also nicht falsch. Wenn du in zwanzig Jahren immer noch hier rumhängst, immer noch zu mir rüberkommst, um Football zu gucken, immer noch beim Straßenbau arbeitest – dann bring ich dich um. Kapiert? Und das ist keine leere Drohung. Das meine ich total ernst. Ich bring dich um.

Chuckie weiß, dass Will sich mit viel zu wenig zufriedengibt. Jeder Tag, den Will beim Straßenbau verbringt, ist ein verschwendeter Tag. Genauso geht es mir im Blick auf einen lauen, halbherzigen und selbstbezogenen Glauben. Es ist nicht so, dass Halbherzigkeit an sich sündhaft ist oder zu weltlich, aber sie ist zu langweilig, zu sinnlos, zu klein. Sie sorgt dafür, dass wir weit hinter dem zurückbleiben, wofür wir geschaffen sind. Mein Lieblingsautor, C. S. Lewis, hat das so beschrieben:

Wir sind halbherzige Geschöpfe, die sich mit Alkohol, Sex und Kar­riere zufriedengeben, wo uns unendliche Freude angeboten wird – wie ein unwissendes Kind, das weiter im Elendsviertel seine Schlammkuchen backen will, weil es sich nicht vorstellen kann, was eine Einladung zu Ferien an der See bedeutet. Wir geben uns viel zu schnell zufrieden.1

Ich habe genügend lauwarme, halb entschlossene, selbstbezogene und kurzsichtige Christen kennengelernt. Sie geben ihr Geld für Dinge aus, die einen schnellen Kick versprechen; sie arbeiten härter für die Anerkennung von Menschen als für die Anerkennung von Gott; sie verlassen ihre Ehepartner, wenn es in der Ehe schwierig wird, und das Leben außer­halb ihrer eigenen kleinen Welt kümmert sie wenig. Wenn ich solche selbstzufriedenen Christen beobachte, empfinde ich keine Empörung; ich empfinde Mitleid. Sie geben sich viel zu schnell zufrieden.

Übertriebene Radikalität

Um einen solchen halbherzigen Glauben zu korrigieren, bieten nicht wenige Pastoren und christliche Autoren ein Heilmittel an: radikalen Glauben. Ihre Botschaft lautet: „Kümmert euch nicht so viel um die Dinge dieses Lebens!“ Ihr Heilmittel gegen die Kurzsichtigkeit ist Weitsichtigkeit. Übertrieben radikale Christen sagen nicht, dass irdischer Besitz böse ist. Aber sie deuten an: Je mehr du dich auf Gott konzentrierst, umso mehr sollte dieses Leben hier in den Hintergrund treten.

Solche Leute erinnern mich an eine sehr fromme Lehrerin, die ich kannte. Sie konnte wirklich sehr schlecht sehen, aber sie glaubte, Gott habe ihr gesagt, sie solle keine Brille tragen. Ich glaube, dahinter stand die Vorstellung, ihr Vertrauen auf Gott würde wachsen, wenn sie ihre Brille zu Hause ließe. Ich will mich nicht dazu äußern, ob sie Gott richtig verstanden hat – das ist nicht meine Angelegenheit. Was ich aber weiß, ist: Sie klagte oft über Kopfschmerzen – und sie sah ein wenig seltsam aus. Weil sie ständig ihre Augen zusammenkneifen musste, hatte sie ­etwas von einem Maulwurf an sich.

Übertrieben radikale Christen sagen vielleicht, wir anderen seien kurzsichtig und unfähig, Gott klar zu sehen, weil wir die Augen nicht genug zusammenkneifen. Wir spenden nicht genug, wir arbeiten nicht genug in der Gemeinde, wir beten nicht genug, wir setzen uns nicht genug ein. Vielleicht raten sie uns, die schönen Dinge des Lebens zu verachten, die Welt zu hassen und aufzuhören, uns nur mit irdischen Dingen zu beschäftigen. Und wenn wir das alles geschafft haben, dann wird das unsere geistliche Sicht schärfen. Dann werden wir einen vierstündigen Gottesdienst mehr genießen als einen Kinobesuch. Dann wird es uns wirklich glücklich machen, unseren ganzen Besitz zu verkaufen und nach Indien zu gehen.

Viele, die die Botschaft dieser Christen hören, bekommen Schuldgefühle, dass sie nicht genug tun, um sich allein auf Gott zu kon­zen­trie­ren. Sie fragen sich, ob irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Aber das Problem löst sich nicht dadurch, dass sie versuchen, diesem Rat zu folgen – das führt nur dazu, dass sie am Ende ebenso seltsam und unzugänglich aus­sehen wie die blinzelnde Lehrerin mit dem Maulwurfsgesicht.

Allzu viele Christen plagen sich mit einer schweren Last ab: Sie ver­suchen, es „gut genug“ zu machen. Sie sind so damit beschäftigt, im Glauben gut zu sein, dass sie das Gute verpassen, das Gott ihnen im ganz alltäglichen Leben schenkt. Wie verängstigte Kinder weigern sie sich, am Strand zu spielen, weil sie glauben, ihr Vater habe sie lieber, wenn sie stattdessen die Spülmaschine ausräumen.

Wer glaubt, dass er bei Gott keine Freude finden kann, wird versuchen, sie woanders – ohne ihn zu finden.

Schlimmer noch ist es, wenn Christen unter der Last der geistlichen Weitsichtigkeit zusammenbrechen und sich völlig von Gott abwenden. Wie wir noch sehen werden, lehrt die Bibel, dass Gott uns für die Freude geschaffen hat – nicht erst für die Freude irgendwann einmal in der Ewigkeit, sondern bereits hier und jetzt. Die Gegenwart ist das, worum es geht. Wer glaubt, dass er bei Gott keine Freude finden kann, wird versuchen, sie woanders – ohne ihn zu finden. Oder er wird seine Sehnsucht nach Freude unterdrücken und seine Seele wird verkümmern. Auch deshalb gibt es so viele verwelkte, sauertöpfisch wirkende Christen.

Ich frage mich gelegentlich, ob manche Atheisten vielleicht einmal zwanghafte Christen gewesen sind, die hofften, ihr freudloser Glaube sei nicht wahr. Das ist im Wesentlichen die Geschichte von C. S. Lewis. Als junger Mann, lange bevor er Gott aus rationalen Gründen ablehnte, wollte er einfach frei sein von dem freudlosen Glauben seiner Kindheit. Was ihn schließlich zu Gott zurückbrachte, war die Freude.2

Kennst du Menschen, die sich von Gott abgewandt haben, weil sie in der Kirche oder Gemeinde nicht glücklich werden konnten? Oder gehst du selbst vielleicht in diese Richtung?

Ein anderer Weg

Der jüngere Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-31) gleicht in mehrfacher Hinsicht einem halbherzigen, kurzsichtigen Christen. Er verlangt sein Erbe, damit er das Haus des Vaters verlassen und sein Vermögen in einem zügellosen Leben auf den Kopf hauen kann. Halbherzige Christen wollen durchaus Gottes gute Gaben genießen – Leben, Geld, Nahrung, Besitz, Sex –, aber sie möchten, dass Gott sich ansonsten raushält, damit sie mit seinen Geschenken umgehen können, wie sie wollen. Nicht selten gehen sie daran zugrunde.

Der ältere Bruder im Gleichnis ist eher von der Sorte sauertöpfischer, weitsichtiger Christ. Sein Vater muss ihn erinnern: „Alles, was ich habe, ist dein.“ Solche Christen kneifen die Augen oft so sehr zusammen, dass sie die Gaben des Vaters, die direkt vor ihrer Nase sind, nicht mehr genießen können. Ist es da verwunderlich, dass sie an seiner Güte zweifeln? Das Gleichnis illustriert Gottes Vergebung und seine Annahme des verlorenen Sohnes, aber es zeigt auch, wie leicht wir uns von Gott trennen können, selbst wenn wir das Vaterhaus gar nicht verlassen.

Ich möchte gern ­aufzeigen, wie viel die Bibel darüber sagt, wie wir Gott auf vollkommen ­normale Weise ­radikal verpflichtet sein können.

Wenn ich mich zwischen beiden Möglichkeiten entscheiden müsste, wäre ich lieber halbherzig als fanatisch. Überrascht dich das? Ein halbherziger Glaube wird sich als hohl erweisen, sobald er in Not gerät. Als er im Schweinestall sitzt, wird dem verlorenen Sohn sehr schnell klar, wie wenig erfüllend sein Leben tatsächlich ist. Sein Elend bringt ihn dazu, zu seinem Vater zurückzukehren. Im Gegensatz dazu lässt Jesus uns nur vermuten, was der ältere Bruder wohl tun wird. Wird er sich einladen lassen, an der Freude und Großherzigkeit seines Vaters teilzunehmen, und das Fest mitfeiern? Oder wird er verdrossen und zornig draußen bleiben? Zwanghafte Christen können sehr lange die Augen zusammenkneifen, ohne zu merken, wie weit sie von Gott entfernt sind.

Zum Glück gibt es nicht nur diese beiden Möglichkeiten. Zwischen den Extremen eines zu radikalen, zwanghaften oder fanatischen und ­eines halbherzigen, lauen und selbstzufriedenen Glaubens liegt das, was ich einen „radikal normalen“ Glauben nenne. Das ist keine neue Idee, die ich mir ausgedacht habe – ich benenne damit schlicht etwas, das die Bibel schon immer gelehrt hat. Ich möchte gern aufzeigen, wie viel die Bibel darüber sagt, wie wir Gott auf vollkommen normale Weise radikal verpflichtet sein können; darüber, wie wir einen scharfsichtigen Glauben bekommen, der uns etwas von Gottes Freude erfahren lässt – und das ­sowohl in irdischen als auch in geistlichen Dingen.

Unser Vater

Vor Jahren, als wir noch keine Kinder hatten, haben meine Frau und ich Israel bereist. Bei einem Bummel durch die Altstadt von Jerusalem beobachteten wir eines Tages einen kleinen jüdischen Jungen, der neben seinem Vater herlief und Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Als er immer mehr zurückblieb, hörte ich ihn rufen: „Abba! Abba!“ Daraufhin ging der Vater langsamer, bis sein Sohn ihn wieder eingeholt hatte. Dann spazierten sie Hand in Hand davon und mir wurde klar, dass ich soeben die tief greifendste Lektion der ganzen Reise erlebt hatte. Ich hatte das Neue Testament auf Griechisch studiert und komplizierte Passagen analysiert, aber nun verstand ich die Worte aus Römer 8,15 endlich so, wie es mir kein Kommentar hatte vermitteln können: „Von diesem Geist erfüllt rufen wir zu Gott: ,Abba! Vater!‘“ (GNB). Manchmal vergessen wir, dass Vater nicht einfach ein Name für Gott ist – es ist eine umfassende Offenbarung seiner Beziehung zu uns.

Heute bin ich selbst Vater und jeder Tag, den ich mit meinen Töchtern verbringe, zeigt mir etwas Neues über meinen himmlischen Vater. Meine beiden Mädchen, Grace und Sarah, sind genau 21 Monate auseinander. Manchmal frage ich mich, wie wir ihre ersten Lebensjahre überlebt haben, ohne durchzudrehen oder uns scheiden zu lassen. Aber wir haben sie überlebt und jetzt ist es mein größtes Glück, dass ich der Daddy dieser beiden kleinen Mädchen bin. Es ist das, wofür ich geschaffen bin. Mir fehlt kein Sohn, mit dem ich Fangen spielen kann (ich spiele nicht gern Fangen). Ich bin viel glücklicher, wenn ich meinen Töchtern die Narnia-Chroniken vorlesen oder sie zu einem Vater-Tochter-Date ausführen kann.

Zu den schönsten Dingen am Vatersein gehört es, meinen Töchtern einfach beim Spielen zuzusehen. Sie bauen im Garten Häuser für die Feen und kochen ihnen Suppe aus Grashalmen und Rosenblütenblättern. Wenn es regnet (was in Washington oft vorkommt), spielen sie drinnen, verwandeln ihre Betten in ein Fort und bevölkern es mit Kuschel­tieren. Wenige Dinge machen mir mehr Freude, als zuzuhören, welche Abenteuer sie sich ausdenken. Heute haben sie mir erzählt, dass ihre Stofftiere ins Gefängnis mussten, weil sie Bonbons geklaut hatten – allerdings als Schlafwandler. Ich habe keine Ahnung, woher meine Töchter diese Ideen haben.

Es ist eine Sache zu wissen, dass Gott mich liebt. Aber es ist etwas völlig anderes, mich an meinen Kindern zu freuen und darüber zu staunen, wie viel mehr Gott sich über mich freuen muss. Wenn ich daran denke, wie gern ich meinen Töchtern beim Spielen zusehe, frage ich mich, wie viel mehr Freude Gott daran haben muss, uns dabei zuzusehen, wie wir in der Welt spielen, die er uns gegeben hat.

Die Bibel deutet an, dass Gott am glücklichsten ist, wenn er uns Freude schenken kann – irdische genauso wie geist­liche Freude.

Wir vergessen zu leicht, dass diese Welt gut ist. Als Gott die Schöpfung vollendet hatte, hat er nicht gesagt: „Gar nicht mal schlecht für meinen ersten Versuch, aber ich hoffe, sie haben nicht allzu viel Spaß daran.“ Er sagte, alles sei sehr gut. Schließlich, vor 2 000 Jahren, wurde er selbst einer von uns, lebte in dieser Welt. Jesus betete, ging zum Gottesdienst, las die Schriften und speiste die Armen, aber er hat auch gefeiert, getrunken, geschlafen, gelacht, geweint und Witze erzählt.

Ich weiß: Vater sein ist nicht immer ein Zuckerschlecken. Es gehört auch dazu, dafür zu sorgen, dass Grace und Sarah ihre Betten machen, die Geschirrspülmaschine ausräumen und ihre Hausaufgaben erledigen. Ich muss ihnen Disziplin und vieles andere beibringen; das ist absolut entscheidend. Aber das sind nicht die Aspekte am Vatersein, die mir am besten gefallen. Ganz ähnlich weiß ich auch, dass es Gottes tiefster Wunsch ist, dass wir ewige Freude genießen. Und manchmal bedeutet das, dass wir auch Leid erleben und erfahren, wie er uns zur Ordnung ruft. Aber die Bibel deutet an, dass Gott am glücklichsten ist, wenn er uns Freude schenken kann – irdische genauso wie geistliche Freude.

Die Lage ist hoffnungsvoller als befürchtet!

Meine Eltern stammen aus Südkalifornien, aber wir sind in den Bundesstaat Washington gezogen, als ich drei Jahre alt war. Alle paar Jahre fuhren wir nach Kalifornien, um die Großeltern zu besuchen. Mein Vater gab nicht gern Geld für Zwischenübernachtungen aus, also brachen wir auf, sobald er von der Arbeit kam, und fuhren die Nacht durch. Meine Eltern legten für meinen Bruder, meine Schwester und mich Decken auf den Rücksitz unseres Autos (das war, bevor Sicherheitsgurte Pflicht ­waren) und wir verschliefen den größten Teil der Fahrt. Für mich begannen die Sommerferien in jedem Jahr damit, dass ich aus dem Heckfenster die Sterne betrachtete und langsam wegdämmerte. Der Höhepunkt dieser Reisen war ein Besuch in Disneyland. Egal wie knapp meine Eltern mit dem Geld waren, sie versäumten es nie, mit uns an den „schönsten Ort dieser Erde“ zu fahren. Es überrascht daher nicht, dass Disneyland für mich immer ein besonderer Ort geblieben ist.

Während Marilyn und ich unseren Töchtern Grace und Sarah dabei zusahen, wie sie sich eine Welt von Feen und Prinzessinnen erschufen, wuchs in uns die Vorfreude darauf, ihnen das magische Disneyland zu zeigen. Das ideale Alter, so beschlossen wir, wäre gekommen, wenn ­Sarah sieben und Grace neun sein würde – alt genug, um die Erfahrung wirklich zu genießen und sich daran zu erinnern, aber noch jung genug, um die Faszination und das Staunen erleben zu können. Das Problem war nur: Wir hatten nicht das Geld dazu. Also beteten wir zwei oder drei Jahre lang darum, dass Gott diese Reise irgendwie ermöglichen würde. Fast jeden Abend, wenn ich meine kleinen Prinzessinnen im Schlaf betrachtete, betete ich im Stillen: „Vater, ich weiß, eine Fahrt nach Disneyland ist nicht das Wichtigste in der Welt. Aber ich bitte dich, zeig uns ­einen Weg, wie wir unseren Töchtern dieses Erlebnis schenken können.“

Manchmal sind es die Antworten, die Gott auf unsere scheinbar unseriösen Gebete gibt, die am meisten bedeuten. Irgendwann konnten wir die Reise buchen, indem wir Pfennigbeträge sparten, Bonusflugmeilen geltend machten und immer wieder erstaunliche Sonderangebote entdeckten. Disneyland war als Abstecher auf dem Flug zu meiner Schwester und ihrer Familie geplant, die als Missionare in Mexiko leben. Zufälligerweise würden wir ausgerechnet an Sarahs Geburtstag ankommen – die Mädchen wären also noch gerade sieben und neun Jahre alt (mindestens bis um 20:23 Uhr, wenn Sarah acht wurde).

Natürlich konnten wir unseren Töchtern nicht einfach so nebenbei mitteilen, dass wir nach Disneyland fahren würden. Schon allein die Ankündigung sollte etwas Besonderes sein. Also platzierten wir Grace und Sarah auf dem Sofa und gaben jeder ein Geschenkpäckchen, in dem ein Paar Minni-Maus-Ohren und ein Disneyland-T-Shirt waren. „Wenn wir nach Kalifornien fahren und Urgroßpapa besuchen“, sagte Marilyn, „fahren wir mit euch zu einem ganz besonderen Ort. Diese Geschenke verraten euch, wohin.“

Dann warteten wir auf die Begeisterungsstürme, wenn die Geschenke ausgepackt waren. Doch wir warteten vergebens. Unsere Töchter starrten die Geschenke einfach nur an. Schweigen. Im Hintergrund hörte man, wie der Nachbar den Rasen mähte.

„Also, was glaubt ihr, wo fahren wir hin?“, fragte ich schließlich.

„Na ja, irgendwas mit Disneyland“, sagte Grace.

„Ja … Genau, es hat mit Disneyland zu tun“, sagte ich. „Was glaubt ihr also, was könnte denn mit Disneyland zu tun haben?“

„Wissen wir nicht.“

„Dann ratet. Es hat etwas mit Disneyland zu tun.“

Die Sache verlief nicht ganz nach Plan. Wir bemühten uns, nicht enttäuscht zu sein, und versuchten es noch einmal. „Also, es ist ein Ort in Kalifornien und er hat mit Disneyland zu tun. Wo könnte das wohl sein?“

„Wir wissen es nicht!“, sagte Grace.

„Also, verratet es schon!“, quengelte Sarah.

Schließlich gab ich nach. „Wir fahren nach Disneyland!“

Jetzt fing Grace an zu jubeln und Sarah wurde noch stiller, wie es ihre Art ist, wenn sie ganz besonders aufgeregt ist. Wir genossen es, ihnen dann von den Attraktionen dort zu erzählen und Bilder von Disneyland zu zeigen. Aber mich beschäftigte noch die ganze Zeit ihre enttäuschende Reaktion auf die Minni-Maus-Ohren.

Ich musste nicht lange warten, um herauszufinden, woran das gelegen hatte. Grace erzählte meiner Frau später, dass sie sofort verstanden hatte, dass wir Disneyland meinten. Aber sie hatte sich nicht getraut, es laut zu sagen, falls es doch nicht stimmte. Die Mädchen hatten sich nicht getraut zu hoffen, dass ihnen etwas so Gutes bevorstand. Ich kann kaum in Worte fassen, wie es mich berührte, als ich das erfuhr. Ich kann nur sagen: Manchmal zerreißt es einem als Eltern das Herz – vor Rührung oder auch vor Schmerz, zum Beispiel, wenn das Lieblingsspielzeug kaputtgeht oder meine Tochter sich endlich von der heiß geliebten, aber zerschlissenen Schmusedecke trennt.

Was mich besonders rührte, war dieses unschuldige Fehlen jeglichen Anspruchsdenkens und jeglicher Erwartungshaltung. Meine Töchter hatten ein Geschenk bekommen, das sie nicht erwartet hatten, und trauten sich kaum, es anzunehmen. Aber es brach mir auch das Herz. Wussten sie denn nicht, dass wir alles für sie tun würden, was in unserer Macht stand? Dass sie uns diese Reise nach Disneyland wert waren – und noch so viel mehr? Hatten wir etwa zu viel darüber geredet, wie knapp das Geld war?

Die Begebenheit ging mir noch tagelang nach. Dann dämmerte mir etwas. Wie oft macht Gott mit uns wohl ähnliche Erfahrungen? Trauen wir uns nicht, auch nur zu hoffen, dass er es uns wirklich gönnt, wenn wir all das Gute genießen? Fürchten wir insgeheim, wir sollten uns damit begnügen, uns nur noch mit Dingen abzugeben, die sich irgendwie fromm anhören? Auf meiner Reise dahin, einen radikal normalen Glauben zu entdecken, habe ich oft gedacht: „Es kann doch nicht so beglückend sein, Gott an die erste Stelle zu setzen.“ Aber die Bibel sagt: Doch, genau das kann es.

Dieses Buch ist eine Einladung zur Freude – dazu, dass wir unsere ewige Freude und völlige Erfüllung in Gott selbst finden und dann all die Gaben genießen, die er uns schenkt.

Vielleicht neigst du dazu, übertrieben spirituell zu sein und die Alltäglichkeiten zu gering zu bewerten. Oder du gibst dich manchmal zu schnell zufrieden und unterschätzt, wie wichtig es ist, vor allem auf Gott ausgerichtet zu bleiben. Oder du hast manchmal das Gefühl, du seist nicht geistlich genug. Vielleicht drängst du Gott auch eher in eine Ecke deines Lebens. Wie auch immer – ich hoffe, die folgenden Kapitel können dazu dienen, dich vor dem einen wie dem anderen Extrem zu bewahren.

Grace (deutsch: Gnade) ist nicht nur der Name meiner ältesten Tochter; es ist auch der rote Faden in diesem Buch. Wenn wir nicht verstehen, was Gnade ist, können wir sie leicht missbrauchen, um damit unsere Halbherzigkeit zu entschuldigen oder immer neue radikale Glaubensvarianten zu erfinden. Reden wir also über die Gnade.