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Karin Bulland

Überleben nicht
erwünscht

Meine Geschichte

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Die hier geschilderten Ereignisse sind meine persönliche Geschichte, wie ich sie erlebt habe. Zum Schutz der beteiligten Personen wurden die Namen geändert.

© 2016 Brunnen Verlag Gießen
Umschlagfoto: mauritius images/ès collection/Laurence Mouton
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul
Satz: DTP Brunnen
ISBN E-Book 978-3-7655-7470-2

www.brunnen-verlag.de

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Ich widme dieses Buch meiner Tochter Jacqueline, die als Kind schlimme Demütigungen in mehreren Kinderheimen und der Kinderpsychiatrie erleben musste.
Und den Opfern des politischen Missbrauchs der Psychiatrie in der DDR, denen ich weit mehr Verständnis und Hilfe in unserem wiedervereinten freien und demokratischen Deutschland wünsche.

Inhalt

Meine Eltern

Pfarrer Partetzke

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Die verräterische Fernsehuhr

Katastrophe in Prag

Unsere Pflegekinder

Meine erste Wohnung

Kinderschicksale

Beim Rat des Kreises

In der Psychiatrie

Rückkehr unerwünscht

Wie ein Augenblick mein Leben veränderte

Meine erste Bibel

Das verlorene Schaf

Schritt für Schritt in ein neues Leben

Mein erster Lobpreisgottesdienst

Mein Kind im Himmel

Segen empfangen und weitergeben

Angriff und Befreiung

Versöhnung und Berufung in Jerusalem

Vergeben oder Vergelten

Warum haben Sie das getan?

Und plötzlich rief er mich

Flieg, kleiner Adler, flieg

Josef im KZ Buchenwald

„Der kleine Adler verlässt das Nest“

Mein Vater

Der verlorene Sohn

Zum Schluss

Nachwort

Meine Eltern

Die Jahre nach 1945 waren eine schwere Zeit für meine Familie. Meine Eltern lebten in Thüringen. Dieses Gebiet war nach Ende des Krieges von den Sowjetrussen besetzt worden. Es gab Lebensmittelkarten und längst nicht immer genug zu essen.

Meine Eltern heirateten im Dezember 1949, also wenige Wochen nach der Gründung der DDR. Schon die Umstände der Hochzeit waren äußerst schwierig. Die Eltern meines Vaters waren Kommunisten. Der Vater meiner Mutter war ein Anhänger des Hitlerregimes gewesen, dazu Zellenleiter und Aufseher in einem Zwangsarbeitslager des KZ Buchenwald. Beide Familien bewohnten während des Krieges und danach bis zu ihrem Tod Einfamilienhäuser in einer Siedlung, für deren Bau die Hitler-Regierung sehr günstige Kredite vergeben hatte. Genauer: Die Familien meiner Eltern wohnten Zaun an Zaun! Die Eltern meines Vaters sagten zu ihrem Sohn: „Wenn du dieses Nazimädchen heiratest, betrittst du unser Haus nie wieder.“ Der Vater meiner Mutter sagte: „Den Kommunistenhund erschlage ich, wenn der in mein Haus kommt.“ Das war für meine Eltern hart, sehr hart. Wie sehr müssen sie sich geliebt haben, dass sie trotz dieser widrigen Umstände heirateten!

1950 wurde mein Bruder Peter geboren, elf Monate später mein Bruder Rolf. Da wohnten meine Eltern direkt neben dem ehemaligen Zwangsarbeitslager von Buchenwald. In diesem Lager arbeiteten während des Krieges etwa 1.000 Häftlinge des KZ Buchenwald. Es war eine Munitionsfabrik. Auf dem Grundstück des Lagers hatte man Mehrfamilienhäuser gebaut, in denen die Aufseher wohnten. Die Offiziere wohnten ganz in der Nähe in einer Siedlung mit Einfamilienhäusern aus der Zeit des Dritten Reiches.

Mein Vater entlud nach Ende des Krieges seit der Stationierung der Russen für die Sowjetarmee Waggons bei der Bahn, die unter anderem Lebensmittel wie Fisch enthielten. Was machte ein Vater, der für seine Familie nichts zu essen hatte? Mein Vater steckte einen Fisch in die Hosentasche, die andere Woche noch einmal – und wurde erwischt, 1953, um den 17. Juni herum, als die Menschen in der DDR in Massen auf die Straßen gingen, um gegen die politischen Umstände zu protestieren. Damals war der Protest noch erfolglos, viele wurden verhaftet, verurteilt und für lange Jahre ins Zuchthaus gesperrt. Meinen Vater verurteilten die Russen zu drei Jahren Zuchthaus – wegen „fortwährender Transportberaubung“, wie es in seiner Stasiakte heißt. Dazu mussten meine Eltern 5.000 Reichsmark Strafe bezahlen. Aus den Erzählungen meines Vaters weiß ich, dass er zwei Fische genommen hatte, um seiner Frau und seinen zwei Kindern etwas zu essen mitzubringen.

Wir waren für viele Jahre eine total verarmte Familie.

So hat diese Zeit uns schon als Kinder gelehrt, zu verzichten und mit dem zufrieden zu sein, was möglich war.

Herzen aus Stein

Als ich schon erwachsen war, erzählte mir meine Mutter einmal von ihren Eltern und ihrer Kindheit, nur ein Mal. Geboren wurde meine Mutter 1926. Als sie sechs Jahre alt war, musste sie auf Kirschkernen knien und wurde von ihrem Vater mit der Peitsche geschlagen. Als meine Mutter vierzehn war, wurde sie in Stellung geschickt. Das heißt, sie musste im Haushalt eines Arztes arbeiten. Meine Mutter erzählte: Sie musste dort so schwer arbeiten, dass sie bewusstlos wurde. Meine Oma aber meinte, es sei an der Zeit, dass diese Inge endlich mal richtig erzogen würde. Damals war es durchaus üblich, dass die Mädchen als Haushaltshilfen in wohlhabenden Familien tätig waren. Aber die Art und Weise, wie meine Oma über meine Mutter redete und die abfällige Art meiner Mutter, über die Oma zu reden, waren bezeichnend. Es gab weder Verständnis füreinander noch Liebe.

Genauso verständnislos und lieblos war es von den Eltern meines Vaters, ihrem Sohn den Zutritt zu seinem Elternhaus zu verwehren, weil er ein Mädchen liebte, dessen Eltern eine andere politische Einstellung hatten. Meine Eltern erlebten kalte Herzen aus Stein.

Verständnis und Hilfe konnten meine Eltern bei ihren Familien also nicht erwarten, als mein Vater 1953 verhaftet wurde. Mit dieser großen Not waren sie völlig allein. Meine Mutter musste zusehen, wie sie die beiden kleinen Jungen versorgte. Die materielle Not war groß und die seelische Not vielleicht noch größer. Wer konnte meine Mutter trösten, wer machte ihr Mut, nicht aufzugeben? Irgendwo bei irgendwem hat meine Mutter Trost und Zuwendung gesucht – und Sex gefunden – und sie wurde schwanger. Das Elend nahm seinen Lauf. Die Abtreibung misslang und ich wurde am 25. Juni 1954 geboren. Da es bei der Geburt medizinische Probleme gab, wurde ich sofort in die Universitätsklinik gebracht, wo ein totaler Blutaustausch erfolgt sein soll. Den ersten Überlebenskampf hatte ich gewonnen. Es sollte nicht der letzte gewesen sein.

Pfarrer Partetzke

Meine Mutter erzählte mir, dass 1954 die Kirche zu den Leuten nach Hause gekommen sei, um die Kirchensteuer einzutreiben. Meine Mutter hatte nicht genug Geld, um drei Kinder zu ernähren, und trat darum aus der Kirche aus. Des Geldes wegen? Weshalb sollte ich das anzweifeln? Vom Glauben wurde in meiner Familie nie gesprochen. Was nicht heißt, dass meine Mutter nicht an Gott glaubte. Ich habe allerdings nie auch nur ein Anzeichen gesehen, dass meine Mutter an Jesus Christus geglaubt hätte.

Am 3. Oktober 1954 brachte meine Mutter mich zum Pfarrer in die Kirche, legte mich auf seinen Amtstisch und sagte: „Machen Sie mit der, was Sie wollen. Die Hauptsache, sie wird mal anders als mein Vater.“ Wie schlimm musste es für meine Mutter in ihrer Familie gewesen sein, dass sie so etwas sagte!

Der Pfarrer Partetzke erzählte mir vierzig Jahre später, er sei in diesem Augenblick überzeugt gewesen, dass meine Mutter mich gern bei ihm abgegeben hätte, was er natürlich nicht dulden konnte. Aber die Not meiner Mutter konnte er gut verstehen und dass sie Hilfe brauchte, wusste er auch. Er hob mich empor zum Kreuz und betete etwa so: „Herr, du hast dieses Kind wunderbar gemacht, du hast gewollt, dass es lebt, und du hast einen Plan für dieses Kindlein. Dieses Kind gehört dir und dein Plan für diese kleine Karin soll in Erfüllung gehen. Halte du, allmächtiger Gott, deine schützende Hand über diesem Kind. Segne und behüte es und lass es deine Wege im Leben gehen.“ Dann segnete er mich mit dem Vers aus Johannesevangelium 13,7: „Was ich heute tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber später begreifen.“

So wurde ich Gott geweiht.

Meine Mutter brachte mir dagegen von klein auf bei: „Man hat nur vergessen, dich kleinerweise totzuschlagen; du bist ja sowieso zu nichts nütze.“ So wurde ich verflucht – von meiner Mutter.

Als Pfarrer Partetzke mir viel später diese Geschichte erzählte, sagte er mir auch, dass meine Mutter in einer schweren Notsituation und sehr verzweifelt gewesen sei. Von diesem Tage an hatte er für unsere Familie und speziell für mich gebetet. Ich wusste davon nichts. Aufgrund meiner Erziehung hätte ich das wahrscheinlich auch lächerlich gefunden. In unserer Familie wurde wie gesagt nicht über den christlichen Glauben gesprochen.

Als Pfarrer Partetzke 1985 in Pension ging, zog er aus dem Pfarrhaus aus und wurde der Nachbar meiner eigenen Familie, denn ich hatte 1978 bereits geheiratet und unsere Tochter war schon sieben Jahre alt. So wurden wir viele Jahre später im Plattenbau Nachbarn. Dadurch lernten wir uns persönlich kennen. Auch wenn er ein Geistlicher war und wir eine Funktionärsfamilie, hat uns das nicht an einem freundlichen und sogar persönlichen Umgang miteinander gehindert.

Zu seinem 80. Geburtstag durfte er noch erleben, wie seine Gebete erhört wurden. An diesem Tag wünschte ich ihm zum ersten Mal nicht mehr „alles Gute“, sondern „Gottes Segen“. Da hielt er meine Hände und weinte: „Das ist der schönste Tag in meinem Leben. Dass ich das erleben darf, dass Gott diese Gebete erhört hat, ist das größte Geschenk für mich. Bitte sagen Sie jedem: ‚Wer betet, siegt‘!“

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Einige Zeit später erzählte mein Vater mir die gleiche Geschichte, wie Pfarrer Partetzke sie mir erzählt hatte.

Mein Vater sagte, er sei gegen die Taufe gewesen, denn wenn Eltern ihr Kind taufen ließen, so meinte er, dann müssten sie ihr Kind auch im Glauben erziehen. Er glaubte nicht an Gott und so entschloss er sich, mich in keiner Weise zu erziehen. Das hatte zur Folge, dass mein Vater mich nie bestrafte, aber auch nie beschützte. Er kümmerte sich nie um schulische Dinge. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals eine Schularbeit unterschrieben hätte oder dass er zu einer Elternversammlung in der Schule war. Da ich als Kind von den Hintergründen seiner Entscheidung nichts wusste, war es für mich oft frustrierend, dass mein Vater nie für mich und meine Belange ansprechbar war. Es gab mir immer das Gefühl, nicht gewollt und nicht geliebt zu sein.

Trotz allem kann ich mich an eine sehr schöne Situation mit meinem Vater erinnern. Ich wünschte mir so sehr einen Bildband mit vielen schönen Fotos über das Kunstturnen. Denn ich liebte diesen Sport sehr und trainierte viel. Mancher behauptete, ich hätte in der Turnhalle Laufen gelernt und über dem Babykörbchen eine Reckstange gehabt. Ich war einfach talentiert und es fiel mir leicht. So brachte ich es zu recht guten Leistungen. Die Fotos in dem Buch zogen mich fast magisch an. Aber dieses Buch kostete 16,80 DDR-Mark. Ich hatte kein Geld, um es mir zu kaufen. In der Sportgemeinschaft trainierte ich zweimal wöchentlich kleine Schulkinder. Dafür bekam ich im Monat fünf Mark. Zehn Mark hatte ich mir gespart und mein Vater gab mir heimlich den Rest. Meine Mutter durfte davon nie und nimmer erfahren, „weil ich’s doch nicht wert war“. Mein Vater hätte richtig Stress mit ihr bekommen.

Von meiner Mutter bekam ich nie Taschengeld. Meine Brüder ja, aber ich nie. Ich sollte es mir selbst verdienen. Diese Art „Gerechtigkeit“ war ich da längst gewöhnt, hatte ich doch beizeiten begriffen, dass man mich nur vergessen hatte, „kleinerweise totzuschlagen“, weil ich ja zu nichts nütze sei. Einmal versuchte ich, meine Gleichberechtigung zu erkämpfen, was in einer Tracht Prügel endete, von der ich hinterher blaue Flecke am Körper hatte. Aber meine arme Mutter hatte es als Kind auch nicht anders gelernt. Sie bekam ja selbst statt Liebe und Zuwendung nur Peitschenhiebe.

Auch mein Vater machte es wie seine Eltern. „Bist du anderer Meinung, dann will ich mit dir nichts zu tun haben!“ Mein Vater wandte sich ab und kümmerte sich nicht um mich, so wie es seine Eltern mit ihm auch gemacht hatten.

Als Schüler der achten Klasse mussten wir Kinder alle in ein Konzentrationslager fahren und uns anschauen und anhören, was die Nationalsozialisten für schreckliche Gräuel verübt hatten. Heute will so mancher das unseren Jugendlichen „ersparen“, weil es zu grausam wäre.

Nein, so finde ich, man sollte das den Jugendlichen zeigen, damit jeder begreift, wie schrecklich der Nationalsozialismus war. Aus meiner heutigen Sicht müssen wir Deutschen nicht für alle Zeiten in Sack und Asche herumlaufen wegen dieser Vergangenheit. Aber wir haben eine Verantwortung für die Geschichte unseres Volkes. Wir können keinen toten Juden wieder lebendig machen. Was geschehen ist, ist geschehen, so schlimm das auch ist. Aber wir können die jüdischen Menschen unterstützen und ihnen helfen, wir können zeigen, dass in Deutschland längst eine neue Generation herangewachsen ist, die aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges gelernt hat. Und das wird ja auch in vielfältiger Weise getan.

Bei diesem Besuch der Gedenkstätte in Buchenwald sahen wir die Verbrennungsöfen und erfuhren, dass sogar aus Menschenhaut Lampenschirme gemacht worden waren. Grausamkeiten, die unser Denkvermögen überstiegen. Dann zeigte man uns einen Film, in dem Naziverbrecher, die man nach dem Krieg dorthin gebracht hatte, das Lager aufräumen mussten. Es klang einfach schrecklich: „Man hat das Lager von Leichen geräumt.“

Als ich das damals alles so sah, beschloss ich für mich, alles zu tun, damit es nie wieder Krieg geben sollte.

In der Schule sagte man uns immer wieder, dass viele Kriegsverbrecher aus der DDR geflohen waren und nun in der BRD lebten. Wir würden zwar keinen Krieg gegen die BRD führen, aber dennoch würde es eine „Kriegerische Auseinandersetzung“ geben, den Kalten Krieg. Das war alltägliche Rethorik in den Schulen und Medien.

Als ich zu Hause meiner Mutter erzählte, dass die Faschisten (so nannte man die Nazis in der DDR) sogar aus Menschenhaut Lampenschirme gemacht hatten, war meine Mutter entrüstet. Sie schlug mich ins Gesicht und sagte: „Davon wird hier nie wieder gesprochen. Dein Großvater musste auch dort sein!“

„Was“, fragte ich entsetzt, „die Faschisten haben Opa auch dort eingesperrt?“

Meine Mutter ging aus dem Zimmer und ich wusste, dass ich nie wieder danach fragen konnte.

Die Geschichte meiner Familie fing an, mich zu interessieren, aber ich hörte nie wieder etwas darüber.

Auch wenn wir die Geschichte unserer Vorfahren nicht kennen, hat sie doch gewaltige Auswirkungen auf unser Leben. Wenn Gott sagt, dass er die Sünden der Vorväter heimsuchen wird bis in die vierte Generation, dann tut er das auch (vgl. 2. Mose 34,7). In einem späteren Kapitel werde ich darauf noch genauer eingehen.

Als Kind und Jugendliche wusste ich von den Sünden meiner Vorfahren nichts, auch nichts von den Konsequenzen, die es für mich hatte. Mein Leben war für mich aber oft einfach enttäuschend, frustrierend, verletzend, demütigend, entwertend – alles Negative schien sich in mir gesammelt zu haben und ich wusste nicht warum.

Andererseits wurde ich dadurch eine Kämpferin. Ich unternahm wieder und immer wieder den Versuch, meiner Mutter zu beweisen, dass ich gar wohl nützlich war und etwas konnte. So wollte ich bei meiner Mutter Anerkennung bekommen. Meine Mutter zeigte gern anderen Leuten meine meist sehr guten Schulnoten. Wem musste ich nicht alles meine Zeugnisse zeigen! Oder ich musste meine Kunststückchen vorzeigen: Mit acht Jahren konnte ich schon Handstand an der Tischkante machen, natürlich bei gedecktem Kaffeetisch, und dabei einen Schluck Kaffee aus der guten Sammeltasse trinken. Ja, da war meine Mutter stolz auf mich. Aber nur so lange, bis der Besuch gegangen war. Wenn wir dann abends in der Familie wieder allein waren, bekam ich jedes Mal zu hören, dass ich ein Angeber sei. Dann wurde ich in mein Zimmer geschickt und bekam an dem Tag nichts mehr zu essen – weil ich’s nicht verdient hätte.

Prügel und Essensentzug waren wichtige Erziehungsmittel meiner Mutter für uns drei Kinder. Der Teppichklopfer hing an der Tür des Kachelofens im Wohnzimmer, immer in Reichweite. Und meine Mutter fand oft Gründe, ihn zu benutzen. Aus der Schule eine Zensur schlechter als drei mit nach Hause zu bringen, hatte schmerzhafte Folgen. So büffelte ich, was das Zeug hielt. Mir fiel das Lernen leicht. Das war mein großes Glück.

Die verräterische Fernsehuhr

Als ich sieben Jahre alt war, kam ich zur Schule. Meine Einschulung 1961 fiel genau in den Zeitraum des Mauerbaus. Ich hatte nichts von der hochgefährlichen Situation des Kalten Krieges mitbekommen. Zu der Zeit ließ ich meine Kreisel tanzen und fuhr Roller. Was ich damals sehr ungern tat, war Stricken. Als Sechsjährige hatte meine Mutter tatsächlich von mir verlangt, dass ich nicht nur stricken lernte, sondern vor meiner Einschulung für mich selbst eine Jacke strickte. Ich war immer ein lebhaftes Kind, das sich am liebsten den ganzen Tag bewegte. Das stundenlange Stillsitzen war eine Strafe für mich. Meine Mutter hatte in jeden Wollknäuel ein 50-Pfennig-Stück eingewickelt. Wenn ich das Knäuel verstrickt hatte, durfte ich mir etwas davon kaufen. Ich habe das gehasst. Einmal warf ich vor Wut das Geldstück in den Gully.

Meine Mutter war stolz darauf, dass ich doch tatsächlich zu meinem ersten Schultag eine selbst gestrickte Jacke trug. Ich mochte diese Jacke nie. Dennoch blieb mir die Freude an Handarbeiten, besonders am Stricken, mein Leben lang erhalten. In der DDR hatte ich nie einen gekauften Pullover oder eine Jacke. Ich machte alles selbst und hatte an den Gestaltungsmöglichkeiten meine große Freude. Auf diese Weise hatte ich immer individuelle Kleidung, was mir viel bedeutete.

Die politische Situation in der DDR war 1961, zur Zeit meiner Einschulung, sehr angespannt. Das Volk wurde bespitzelt und auf jede erdenkliche Art und Weise ausgehorcht.

Auch uns Kinder horchte man aus. So wurden wir gefragt: „Wer schaut abends das Sandmännchen?“ Das war der Abendgruß des Kinderfernsehens. Viele Kinder meldeten sich. Und die Lehrerin weiter: „Nach dem Abendgruß, was seht ihr da auf dem Bildschirm?“ Unsere Antwort: „Die Uhr.“ – „Ja, Kinder“, fragte die Lehrerin weiter, „hat die Uhr Punkte oder Striche?“ Um 19.00 Uhr vor der „Heute“-Sendung des ZDF ist immer eine Uhr zu sehen. Damals hatte diese Uhr Striche. Die Uhr im DDR-Fernsehen hatte Punkte. Durch die Antworten der Kinder war schnell klar, wer zu Hause das „staatsfeindliche Westfernsehen“ schaute. Jene Kinder, die die Uhr mit Strichen im Fernsehen sahen, brachten durch ihre Antwort ihre Eltern in echte Not. Diese bekamen „Besuch“ von der Staatssicherheit (Stasi). Oder die Eltern wurden zum Schuldirektor vorgeladen, um zu prüfen, ob die Eltern überhaupt in der Lage seien, ihre Kinder zu selbstbewussten sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen. Aus solch kleinen Dingen konnten richtig schwerwiegende Probleme für eine Familie werden.

Schon zu Beginn des ersten Schuljahres war ich monatelang im Krankenhaus, sodass ich im ersten Halbjahr der ersten Klasse keine Schulnoten bekam. Wir bekamen damals schon im ersten Schuljahr Zensuren. Meine Lehrerin kam mehrmals in der Woche zu mir ins Krankenhaus und unterrichtete mich. Ich bekam Aufgaben, die ich dann im Bett erledigen musste. Wenn meine Lehrerin kam, war ich richtig stolz, denn andere Kinder hatten dieses Privileg nicht. Und deshalb machte ich auch die schriftlichen Arbeiten besonders gern. Als kranker Spatz bekam ich dann immer druntergeschrieben: „Lob“, sogar mit dem Rotstift der Lehrerin. Darauf war ich natürlich erst recht stolz.

Wir hatten damals noch großen Respekt vor unseren Lehrern. Wir hätten uns nie getraut, irgendetwas auf dem Lehrertisch anzufassen. Dem Lehrer das Klassenbuch hinterhertragen zu dürfen, war fast schon eine Auszeichnung.

Freundinnen oder Freunde hatte ich keine, eigentlich nie. Meine Mutter erlaubte mir niemals, eine Spielkameradin mit nach Hause zu bringen. Das durften meine Brüder auch nicht. So trafen wir uns dann eben auf der Straße. Allerdings hatte ich dafür nur sehr wenig Zeit.

Ab dem Schulbeginn lernte ich Flötespielen, beim Kapellmeister des Landestheaters, was auch ein großes Privileg war. Im Landestheater bekam ich auch Sprachunterricht. Ich lernte als sächsisches Kind Hochdeutsch zu sprechen und Gedichte zu rezitieren. In späteren Jahren lernte ich auch zu moderieren. Meine Eltern brauchten für all das nicht eine Mark zu zahlen. Man hielt mich für begabt und förderte mich. Die Talentförderung war in der DDR wirklich gut. Durch die hohe Geldstrafe, zu der mein Vater 1953 verurteilt worden war, waren wir wie erwähnt über viele Jahre hin eine sehr arme Arbeiterfamilie. Und doch konnte ich zwei Instrumente spielen lernen und Sport treiben. Mein Vater konnte ein Ingenieurstudium machen. Meine beiden Brüder studierten Mathematik und meine Ausbildung als Heimerzieherin und Grundschullehrerin entspricht wohl der heutigen Fachhochschule, allerdings ohne Abitur.

Aber es war Voraussetzung, dass die Eltern loyal gegenüber der diktatorischen DDR-Regierung sein mussten. Ich kann mich nicht erinnern, dass in unserer Familie auch nur einmal kritisch über ein politisches Thema gesprochen wurde. Ich hörte aber auch nie eine positive Äußerung über den DDR-Staat. Meine Mutter weigerte sich jedes Jahr, zur Demonstration am 1. Mai zu gehen, was mit Sicherheit eine Notiz in der Personalakte brachte. Sie weigerte sich auch mehrmals, zur Wahl zu gehen, womit sie ihre Ablehnung dem Staat gegenüber kundtat. Uns Kinder dagegen schickte sie überallhin, damit wir keine Probleme bekamen. Meine beiden Brüder und ich traten mit dem achtzehnten Geburtstag sofort in die SED ein, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, wie die kommunistische Partei in der DDR hieß. Damit standen uns alle beruflichen Türen offen, viel weiter, als meine Mutter ahnte. Sie hätte das niemals erfahren dürfen. Sonst hätte sie uns aus dem Haus gejagt. Wir hatten wirklich Angst, dass sie es jemals erfahren würde.

In den Kulturhäusern gab es während meiner Kinder- und Jugendzeit noch viele Unterhaltungsabende mit Tanz, wo unsere Eltern gern hingingen. Einen DJ kannten wir noch nicht, es spielte jeweils eine traditionelle Tanzkapelle. Getanzt wurden die klassischen Tänze. In meiner Teenagerzeit kam gerade der Rock ’n’ Roll in Mode, „was nur für junge Leute etwas war“. Aber da war ich gerade richtig.

Meine Eltern sangen damals, in den 1960er- und 1970er-Jahren, in einem Volkschor. Diese Chöre traten dann an solchen Tanzabenden auf.

Jeden Dienstag war Chorprobe. Wir Kinder freuten uns jede Woche darauf. Denn wenn unsere Eltern aus dem Haus waren, saßen wir zu dritt oben im Doppelstockbett und spielten Skat. Ich war erst acht Jahre alt, da musste ich das lernen, denn meine Brüder brauchten den „dritten Mann“. Ich glaube, ich habe meine Brüder ziemlich genervt und gereizt. Manchmal haben wir uns so gestritten, dass die Türen knallten. Für gewöhnlich ging das so lange, bis eine Tür aus der Angel sprang. Wir waren uns sofort wieder einig, weil die Tür an Ort und Stelle sein musste, bevor unsere Eltern zurückkamen.

Natürlich blieb meinen Eltern das auf die Dauer nicht verborgen, denn die anderen Hausbewohner beschwerten sich ständig und wir bekamen entsprechend Ärger.

Bald fanden meine Eltern es besser, wenn wir mit zu den Chorproben gingen. Auf diese Weise lernte ich schon früh viele schöne Volkslieder kennen und bekam Freude an der Volksmusik. Und wenn meine Eltern am Wochenende Chorauftritt hatten, durften wir Kinder dabei sein.

Nach dem Chorsingen wollte ich unbedingt auch tanzen. Meinem Vater war das wohl doch ein bisschen zu komisch, mit mir aufs Parkett zu gehen. So heuerte ich meinen Bruder an.

Mein Bruder war nur drei Jahre älter als ich und wir übten viel, um einen ordentlichen Walzer aufs Parkett zu legen. Ich war erst im Grundschulalter, als ich bei solchen Kulturveranstaltungen auf der Bühne stand und Gedichte aufsagte. Ein Gedicht habe ich im fünften Schuljahr selbst geschrieben:

Wie schön bist du, du Republik.

Wir halten mit dir gleichen Schritt.

Die Kriege werden wir verjagen.

Und alle werden des Friedens Fahne tragen.

Dieses kleine Gedicht hat nichts Besonderes, und doch ist es etwas Besonderes, wie ein Kind schon in diesem Alter seine Vorstellungen aufschreibt.

Damals war ich nur stolz darauf, weil ich immer wieder dafür gelobt wurde. Als Kind begriff ich nicht, weshalb. Ich wurde gelobt und freute mich. Das, was für mich heute besonders ist, ist der Inhalt, der Glaubensinhalt. Ich würde es heute „Kommunistische Religion“ nennen. In der Bibel stehen Psalmen, Loblieder, die Gott ehren. Was war dieses kleine Gedicht anders als ein Loblied auf die selbst ernannten Götter Marx, Engels und Lenin. Dieses Gedicht ist in meinen Augen nichts anderes als das Ergebnis von Gehirnwäsche. Schon als Kinder wurden wir gelehrt, dass der böse Westen die Kapitalisten und Kriegstreiber beherbergte. Wollte man also die Kriege verjagen, musste man die Kriegstreiber bekämpfen und besiegen. Das heißt nichts weniger, als dass man den Kapitalismus besiegen musste, auch mit militärischen Mitteln. So wusste ich als Kind, dass der Westen mein größter Feind war. Deshalb sang ich mit ganzer Überzeugung: „Auf, auf zum Kampf, zum Kampf sind wir geboren …“

Schon früh wurden uns so Feindbilder vermittelt, Hass und Menschenverachtung in unsere Kinderherzen gesät. Spätestens als Jugendliche während meiner Ausbildung begriff ich, dass Christen gefährlich und böse waren. Eine Mitschülerin hatte sich vor Sehenswürdigkeiten in unserer Stadt fotografieren lassen, auch vor einer sehr schönen Kirche auf dem Marktplatz. Als sie uns die Fotos zeigte, sah ein Dozent das Bild, wo sie vor der Kirche stand. Das war der Grund, weshalb sie exmatrikuliert wurde, weil „das, was die Leute in der Kirche machen, nicht das ist, was unserer sozialistischen Erziehung entspricht“. So wusste ich, dass Kirche etwas ganz Schlimmes war, wo ich niemals hingehen durfte. Bis dahin hatte ich nie etwas über Christen, Glauben oder Kirche gehört. Ich kannte auch niemanden, der zur Kirche ging. Nicht, dass ich es ablehnte oder kritisch sah. Ich hatte einfach gar keinen Bezug dazu. Die Kirchen in der Stadt waren für mich genauso Gebäude wie das Rathaus oder die Turnhallen und Kulturhäuser.

Das Schulgebäude, in dem wir als Kinder Unterricht hatten, war ein altes Gebäude. Schon meine Mutter war dort zur Schule gegangen. In den 1960er-Jahren waren die Geldmittel noch sehr knapp, sodass es seit dem Krieg keine wesentlichen Erhaltungsmaßnahmen gegeben hatte. Unser Klassenraum hatte zu meinem Leidwesen eine Tür, die immer wieder von selbst aufging, oder man musste sie zuknallen.

Der Schüler, der der Klassentür am nächsten saß, musste dem Lehrer zum Stundenbeginn die Tür öffnen und sie wieder schließen. Eine Zeit lang hatte ich diesen Türdienst zu tun. Unser Staatsbürgerkundelehrer, also Politiklehrer, konnte es gar nicht leiden, wenn ich diese Tür etwas knallte. Aber wenn die Tür im Unterricht von selbst wieder aufging, mochte er das auch nicht. Ich konnte es ihm nie recht machen. Eines Tages packte mich die Wut, ich krachte die Tür zu und sagte laut und verärgert: „Echte deutsche Wertarbeit!“ Ich hatte glatt vergessen, dass ich den Mund halten sollte.

Jetzt musste ich nach vorn vor die Klasse kommen und erklären, was ich denn meinte mit „echter deutscher Wertarbeit“. Ich hatte keine schlechten, gar staatsfeindlichen Gedanken. Mich hatte einfach nur die Tür aufgeregt und dass der Lehrer jedes Mal rummeckerte. Dank meiner Redegewandtheit, die ich damals schon hatte, konnte ich mich herauswinden: „Ich wollte sagen, dass in der DDR sehr gute Produkte hergestellt werden, die in der ganzen Welt gefragt sind.“ Da war ich gerade noch mal davongekommen.

Nach der Jugendweihe lernte ich Akkordeon spielen, auch beim Kapellmeister des Landestheaters. Eine meiner schönsten Erinnerungen war ein Wettbewerb, bei dem ich auf dem Akkordeon den Freiheitschor aus der Oper „Nabucco“ von Giuseppe Verdi spielte. Ich gewann und bekam als ersten Preis ein Weltmeister-Akkordeon im Wert von 2.000 Mark. An manchen Abenden lud mich der Kapellmeister ins Theater ein. Dann durfte ich in der Regieloge sitzen und in der Pause durfte ich in sein Arbeitszimmer gehen, was eine besondere Ehre für mich war. Ein Erlebnis werde ich nie vergessen. Es klopfte an des Kapellmeisters Tür und ein Musiker aus dem Orchester trat ein. Er verneigte sich und sagte: „Herr Kapellmeister, bitte entschuldigen Sie, ich habe mich im zweiten Akt verspielt.“ Wow. So etwas hatte ich zuvor noch nie gehört.

Ich verspielte mich im Akkordeonorchester sogar bei einem Solo, aber nie habe ich mich entschuldigt. Als mir das in der Orchesterprobe passiert war, sagte der Kapellmeister vor dem versammelten Orchester: „Karin, das machst du schon ganz gut, das ist nur noch nicht zu gebrauchen.“ Boa. Ich war wütend, nahm mein Akkordeon, ging nach Hause und kam nie wieder ins Orchester, nur noch zum Einzelunterricht. Der Kapellmeister hat nie wieder etwas dazu gesagt. Danach erst hatte ich das Erlebnis im Theater, als der Musiker sich entschuldigte.

Mehr als zwanzig Jahre später war ich in einer Kirche und probte mit dem Kantor für Weihnachten das „Ave Maria“. Ich spielte Flöte und er begleitete mich an der Orgel. Zum selben Zeitpunkt war „mein“ alter Kapellmeister auch in der Kirche. Ich stand mit dem Kantor oben auf der Empore, der Kapellmeister unten zwischen den Bankreihen. Plötzlich rief er nach oben, wer da sei. Ich schaute hinunter und grüßte ihn. „Du, Karin?“ – „Ja, Herr Kapellmeister“, war meine Antwort. Er sprang förmlich die Treppen nach oben, begrüßte den Kantor. Dann gab er mir die Hand und hielt sie fest. Er schaute mir richtig tief in die Augen. In dem Moment wusste ich, was er wollte. Mir schossen die Tränen in die Augen. Er fragte nur: „Warum?“ Nach mehr als zwanzig Jahren schämte ich mich wie ein Kind und sagte kleinlaut: „Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister.“ Er hielt meine Hand immer noch und schaute mich immer noch an: „Lauf nie wieder weg. Das tut man nicht.“

Ja, er hatte so große Stücke auf mich gehalten, hatte sich oft auch privat um mich gekümmert, weil er wusste, dass ich es zu Hause nicht leicht hatte. Mit neunzehn Jahren durfte ich schon ein Solo im Orchester spielen. Und dann lief ich einfach weg. Wie undankbar war ich doch!

Für ihn war die Sache mit meiner Entschuldigung erledigt. Für mich war es eine Lektion fürs Leben, gewiss eine späte Lektion, aber umso lehrreicher. Ich bin nie wieder einfach weggelaufen, ohne etwas zu sagen. Nun hatte ich seine Vergebung und war sehr froh darüber.

Dann gab er dem Kantor und mir fürs „Ave Maria“ ein paar Tipps, hörte zu und meinte: „Hervorragend, Karin, wie immer.“ Wir hatten nach mehr als zwanzig Jahren Frieden geschlossen. Später erfuhr ich, dass er Christ war.

Diese öffentlichen Auftritte machten mich schon als Kind zu einer gewissen Persönlichkeit. In der Schule wurde ich ständig als Vorbild hingestellt, weil ja auch meine Schulnoten recht gut waren. Das erzeugte eine Distanz zu anderen Schülern und manchmal war ich auch ziemlich überheblich. In einem Zeugnis bescheinigte mir der Klassenleiter sogar ein „übersteigertes Selbstbewusstsein“. Schon damals wurde ich beklatscht und auch beneidet. Als Jugendliche sagte ich mal einem solchen Neider: „Wenn du auch so viel übst und trainierst wie ich, dann kannst du das auch.“

Heute weiß ich: Jeder Mensch hat Gaben. Es gilt sie zu entdecken und dann braucht es entsprechend viel Übung, Hingabe und Fleiß, um sie zu entwickeln. Ich habe als Kind nicht mit Puppen gespielt. Ich habe gelernt, geübt und trainiert. Es hat mir viel Spaß gemacht, aber es war auch harte Arbeit.

Zu diesen kulturellen Dingen trainierte ich noch zwei bis drei Mal in der Woche Geräteturnen. Als ich acht Jahre alt war, fragte mich ein Trainer, was ich einmal werden wolle. Wie aus der Pistole geschossen antwortete ich: „Weltmeister!“ Das bin ich zwar nie geworden, aber mir hat das alles richtig Spaß gemacht, bekam ich doch in der Turnhalle die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ich in meiner Familie nie hatte. Jedes Mal, wenn mein Name in der Zeitung stand, war meine Mutter total stolz, aber nur in der Öffentlichkeit. Zu Hause lief das anders ab. Meine Mutter hatte mir strickt den Leistungssport verboten. Ich durfte zwar zum Training gehen, aber nicht an Wettkämpfen teilnehmen. Lehrer, Trainer, Onkel und Tanten, Oma und Opa – alle versuchten, mit meiner Mutter zu reden. „Nein, ich verkaufe mein Kind nicht an den Staat“, war ihr Argument. Das kam einer Aufforderung zum Lügen gleich.

Alle haben mich unterstützt. Da meine Mutter dafür sorgte, dass ich keine Sportkleidung hatte, außer für den Schulsport, bekam ich sie vom Sportverein. Die Kleidung blieb bei meinem Trainer. Wenn Wettkampf war, lud er oder meine Klassenleiterin mich an den entsprechenden Wochenenden zu sich nach Hause ein. So konnte ich zu den Wettkämpfen gehen.

Einmal gab es eine ganz dumme Situation. Ich hatte mir allerlei Lügen ausgedacht, was ich am Wochenende mit meiner Klassenlehrerin gemacht hätte. Meine Medaillen, die ich bei Meisterschaften gewonnen hatte, hatte ich vorsorglich im Schuppen in einem Schuhkarton versteckt. Am Dienstag stand dann allerdings in der Zeitung, dass ich im Wettkampf die Goldmedaille gewonnen hatte. Als ich aus der Schule kam, stand meine Mutter schon mit dem Ausklopfer in der Tür. Ich sah die Zeitung und ein Bild von mir, und schon sauste der Teppichklopfer auf mich herunter.

Meine Mutter war nicht zimperlich. Sie war ja selbst mit Gewalt aufgewachsen. Sie wollte wissen, wo die Medaille war. „Im Schuppen“, sagte ich weinend.

„Her damit“, und schon zog sie mich die Treppen hinunter. Was, wenn sie den Schuhkarton entdeckt hätte? Zitternd vor Angst holte ich die Medaille und gab sie meiner Mutter. Wir hatten damals noch keine Toilette in der Wohnung, sondern über dem Hof ein Plumpsklo. Meine Mutter packte mich an den Haaren, nahm die Medaille und warf sie in die Jauchegrube, mit der Bemerkung: „Damit dir dieser Sportmist ein für alle Mal vergeht!“

Und wieder hörte ich sie sagen, wie unnütz ich sei und dass nur vergessen worden sei, mich kleinerweise totzuschlagen. Und auch diesmal sagte ich vor Angst kein Wort und wehrte mich nicht. Was sollte ich als Kind auch tun?

Das alles hinderte mich aber nicht, jede Gelegenheit zum Üben zu nutzen. So ging ich die Treppen öfters mal im Handstand nach oben. Die Teppichstange wurde zu meiner Reckstange, die Wiese zu meiner Turnmatte. Ich war wirklich quicklebendig und stillsitzen zu müssen war anstrengend wie Arbeit.

Oft lief ich weinend zu meiner Oma, der Mutter meiner Mutter. Zu meiner Mutter war die Oma vermutlich auch eine sehr harte Frau gewesen.

Aber mit mir ging sie sehr lieb um. Jedes Mal, wenn ich weinend kam, nahm sie mich auf den Schoß, zog ihr großes Taschentuch heraus und putzte mir die Nase. Dann kochte sie mir eine Tasse Kakao. Während die Milch heiß wurde, erzählte ich, was wieder passiert war. „Trink erst mal deinen Kakao, dann sieht die Welt wieder ganz anders aus.“ Das sagte sie immer. Und immer hatte sie recht.

Noch heute koche ich mir einen guten Kakao, wenn die Seele weint. Und noch heute sieht die Welt hinterher anders aus. Probleme löst das natürlich nicht. Irgendwann ist der Kakao kalt oder ausgetrunken. Unser Leben verändert das nicht. Da brauchen wir eher eine Veränderung unserer Denk- und Sichtweise auf die Dinge.