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Steffen Tiemann

Tugenden

Kraftquellen
für einen starken Charakter

Bibelzitate folgen, wenn nicht anders angegeben,
der Lutherbibel, revidierter Text 1984,
durchgesehene Auflage in neuer Rechtschreibung,
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Sonst:
GNB: Gute Nachricht Bibel, © 2000, Deutsche
Bibelgesellschaft, Stuttgart.

BB: BasisBibel. Das Neue Testament und die Psalmen,
© 2012 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

ELB: Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2006
SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

© 2016 Brunnen Verlag Gießen

Lektorat: Uwe Bertelmann

Umschlagillustration: shutterstock

Umschlaggestaltung: Jonathan Maul

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN Buch 978-3-7655-4299-2

ISBN E-Book 978-3-7655-7454-2

www.brunnen-verlag.de

Meinungen zum Buch

„Steffen Tiemann ist Pfarrer einer dynamischen Gemeinde – einer, dessen Predigten gern gehört werden, weil ihre Inhalte alltagstauglich, tiefgründig und Mut machend sind. Genau diese Eigenschaften spiegelt dieses kluge Buch über die sieben Kardinaltugenden.“

Ulrich Eggers, Vorsitzender Willow Creek Deutschland

„Kann man alte Worte wieder neu beleben? Offensichtlich, denn das Buch von Steffen Tiemann ist ein ganz frischer Zugang zu der Frage, wie ich als Mensch reifen und als Christ im Glauben wachsen kann. Vielleicht hätte man nicht bei den Tugenden gesucht, aber der Autor hat mich überzeugt, dass es sich lohnt, anhand der sieben Tugenden über das Leben mit Gott nachzudenken.“

Prof. Dr. Michael Herbst, Greifswald

„Ein Buch über Tugenden? Als evangelischer Theologe war ich skeptisch. Steffen Tiemann nimmt einen mit auf eine faszinierende Entdeckungsreise. Er zeigt, dass Tugenden Orientierungsmarken sind, die helfen, dass das Leben gelingt.“

Prof. Dr. Peter Zimmerling, Leipzig

Inhalt

Meinungen zum Buch

Den Staub wegpusten

Klugheit

Gerechtigkeit

Mut

Maß

Glaube

Hoffnung

Liebe

Zum Abschluss: Tugend und Gnade oder „Lass den Schweinehund raus!“

Anmerkungen

Den Staub wegpusten

Manche Begriffe sind eine Zumutung. Der Begriff „Tugend“ zum Beispiel. Er löst sofort negative Bilder im Kopf aus. Man denkt an zugeknöpfte Damen mit gesenktem Blick, an verklemmte Männer, die nicht lachen können. Tugend, das klingt nach Rohrstockpädagogik, nach Heuchelei und – vor allem – nach schrecklicher Langeweile. Oder?

Früher hatte das Wort einen völlig anderen Klang. Bei den Griechen und bei den Römern war Tugend etwas Großes, Edles, von allen Erstrebtes. Das lateinische virtus stammt von vir, der Mann. Tugend war das, was echte Männer ausmacht. (Für die weiblichen Leistungen hatten die Römer nur ein sehr eingeschränktes Verständnis.) Auch das griechische Wort für Tugend, arete, war positiv besetzt: Es meint in seiner ursprünglichen Bedeutung Qualität, Exzellenz, Fähigkeit. Tugenden sind Charakterzüge und Haltungen von hoher Qualität.

Unter den vielfältigen Tugenden schälten sich allmählich vier als besonders wichtig heraus. Der Philosoph Platon war der Erste, der diese Viererauswahl formuliert hat: Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Maß. Man nennt diese vier auch die Kardinaltugenden. Der Begriff geht nicht auf besonders tugendhafte Kardinäle zurück, sondern auf das lateinische cardo, Türangel. Die vier Kardinaltugenden sind der Dreh- und Angelpunkt für alles weitere ethische Handeln. Es sind, so schreibt der Philosoph und Tugendforscher Josef Pieper, die „Angeln, in denen das Tor zum Leben schwingt“1.

Die ersten Christen haben diese Tugenden positiv aufgegriffen. Das Wort „Tugend“ taucht zwar im Neuen Testament nur sehr selten auf, die Sache spielt jedoch eine wichtige Rolle. Christen werden in der Bibel aufgefordert, klug zu handeln, Gerechtigkeit zu üben, tapfer und maßvoll zu sein. Diese Tugenden werden allerdings, wie wir noch sehen werden, von Gottes Offenbarung in Christus her entscheidend vertieft und erweitert.2

Thomas von Aquin, der große Theologe und Philosoph des Mittelalters, hat die christliche Tugendlehre in ein beeindruckendes System gebracht. Zu den vier natürlichen Kardinaltugenden, zu denen jeder Mensch von Natur aus fähig ist, gesellen sich bei ihm drei über-natürliche oder göttliche Tugenden. Das sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Diesen Dreiklang hat Thomas dem Neuen Testament entnommen (vgl. 1. Korinther 13,13). Sie sind „göttlich“, weil sie zum einen auf Gott bezogen sind. Sie heißen aber auch so, weil sie nur mit Gottes Gnade verwirklicht werden können. Glaube, Hoffnung und Liebe lassen sich nicht durch Willenskraft und Training erlangen. Ehe man diese Tugenden entwickeln kann, müssen sie erst einmal wie ein Geschenk empfangen werden. So entsteht aus dem „Viergespann“ der Antike und dem paulinischen Dreiklang bei Thomas eine Siebenzahl von Haltungen, die das Leben eines Christen prägen sollen.

In der mittelalterlichen Theologie war der Begriff der Tugenden eng verknüpft mit dem Verdienstgedanken. Menschen sollten mit ihren natürlichen Fähigkeiten und Gottes Hilfe Tugenden verwirklichen, um gut zu sein und dadurch vor Gott bestehen zu können. Schlicht gesagt: Wer tugendhaft lebt, kommt in den Himmel. Wer den Lastern frönt, endet in der Hölle.

Die Reformatoren haben diese Sichtweise heftig kritisiert. Zu Recht. Nach dem Neuen Testament kann sich kein Mensch vor Gott gerecht machen. Alles Bemühen, selber gut zu werden und so Gott zu gefallen, führt nach Martin Luther nur zu Selbstgerechtigkeit oder zu Verzweiflung. Die gute Nachricht ist: Gott ist in Jesus auf die Seite des Menschen getreten und hat ihn schon mit sich ins Reine gebracht. Er schenkt ihm seine Liebe, ganz unabhängig davon, wie gut der eigene Charakter ist. Von dieser Überzeugung her gibt es in der Evangelischen Theologie eine berechtigte Skepsis gegenüber aller Tugendlehre. Steckt in dem Bemühen um Tugend nicht immer schon der Same der Selbstgerechtigkeit?

Diese Anfrage müssen wir ernst nehmen. Auf der anderen Seite sagt das Neue Testament ganz deutlich, dass Christus das Leben der Menschen verändern will. Seine Liebe ist bedingungslos, aber nicht folgenlos. Paulus schreibt an die Christen in Rom: „Lasst euch von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird“ (Römer 12,2 GNB). Und den Korinthern sagt er: „Wenn ein Mensch zu Christus gehört, ist er schon neue Schöpfung. Was er früher war, ist vorbei; etwas ganz Neues hat begonnen“ (2. Korinther 5,17 GNB). Die Veränderung bezieht sich also nicht nur auf das äußere Verhalten, sondern auf die Persönlichkeit, auf den Charakter. Jesus selbst hat betont, dass ein gutes Verhalten aus dem Inneren heraus wachsen muss: „Jeder gute Baum bringt gute Früchte“ (Matthäus 7,17).

Genau hier setzt die Tugendlehre an. Sie fragt nicht: „Was soll ich tun?“, sondern: „Was für eine Persönlichkeit möchte bzw. sollte ich werden?“ Es geht um Haltungen, um Charakterzüge, die sich entwickeln können und aus denen dann konkrete Taten hervorgehen.

Charakterbildung ist heute nötiger denn je. Unsere Welt wird immer komplexer und verändert sich immer schneller. Permanent kommen wir in neue Situationen, werden mit neuen ethischen Fragen konfrontiert und müssen uns irgendwie dazu verhalten. Die Antworten von gestern helfen uns da oft nicht mehr weiter. In dieser Lage brauchen wir nicht mehr Wissen, sondern mehr Kompetenz. Wir brauchen ethische Kompetenzen. Genau das sind die Tugenden. Sie sind Charakterkompetenzen. Tugenden sind Schlüsselkompetenzen für ein gelingendes Leben. Sie befähigen uns, mit aufrechtem Gang durchs Leben zu gehen. Sie versetzen uns in die Lage, dem Sog der Meinungen und dem Druck der Erwartungen Widerstand entgegenzusetzen, um das zu tun, was gut und richtig ist. Tugenden setzen uns keinen Heiligenschein auf, aber sie stärken das Rückgrat. Was kann man sich für eine Gesellschaft Besseres vorstellen als Menschen, die in diesem Sinne „tugendhaft“ sind?!

Das ist wohl der Grund, weshalb in den letzten Jahren ein neues Interesse an den Tugenden erwacht ist. Besonders in der angelsächsischen Philosophie ist es zu einer Wiederentdeckung der Tugenden gekommen.3 Man muss nur einmal den Staub wegpusten, der sich auf die alten Begriffe gelegt hat. Dann entdeckt man, dass Klugheit und Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß, aber auch Glaube, Hoffnung und Liebe wie Edelmetalle sind. Sie glänzen auch nach Jahrhunderten und haben nichts von ihrem Wert verloren.

Das vorliegende Buch will allerdings nicht nur Tugenden beschreiben. Das könnte angesichts des eigenen Mangels an diesen Eigenschaften ziemlich deprimierend werden. Immer wieder wird es deshalb um die Frage gehen, wie man solche Tugenden entwickeln kann. Veränderung ist möglich. Für jeden. Die Charakterbildung eines Menschen ist nie abgeschlossen. Es liegt an uns, in welche Richtung sich unser Charakter entwickelt. Dabei wird deutlich werden, dass der christliche Glaube eine wertvolle Ressource darstellt, um solche Veränderungen zu erreichen.