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Christoph Morgner (Hrsg.)

Tinte, Thesen,
Temperamente

Ein Lesebuch auf den Spuren
von Martin Luther

Meiner lieben Frau Elfriede
für mehr als 50 Jahre
Weg-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft

© 2016 Brunnen Verlag Gießen
Lektorat: Eva-Maria Busch
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul
Umschlagmotiv: mauritius images, shutterstock
Innenfotos: © jmp-bildagentur, J. M. Pietsch, Spröda,
mit freundlicher Genehmigung der Stadtkirche Wittenberg
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN Buch 978-3-7655-2064-8
ISBN E-Book 978-3-7655-7450-4

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

Einige unerlässliche Gedanken im Voraus

Hans-Dieter Frauer

Als die Welt ins Wanken geriet

Christoph Morgner

Von Luder zu Luther
Stationen eines außergewöhnlichen Lebens

Tabellarischer Lebenslauf

Christoph Morgner

Marksteine evangelischer Verkündigung

Theo Schneider

Martin Luther und seine Botschaft
Ein Bild als Wegweiser

Ursula Koch

„Herr Käthe“

Stefan Lämmer

Luthers Umgang mit der Bibel

Karl-Heinz Bormuth

„Dem Volk aufs Maul schauen“
Martin Luther und die deutsche Sprache

Ernst Lippold

Martin Luther und seine Lieder

Eberhard Winkler

Luther und Erasmus

Axel Noack

Beten lernen mit Martin Luther

Rolf Sons

Luther als Seelsorger

Christoph Morgner

Gewinn um jeden Preis?
Martin Luther und das Wirtschaftsleben

Christoph Morgner

Martin Luther und die Juden

Jürgen Werbick

Der gnädige Gott?
Martin Luther und wir Katholiken

Thomas Kuhlgatz

Luther und seine Krankheiten

Horst Hirschler

Luther und die Politik

Hans-Dieter Frauer/Christoph Morgner

„Ich habe von Martin Luther das Evangelium gelernt“
Philipp Melanchthon – der Lehrer Deutschlands

Christoph Morgner

Der Besuch lohnt
Lutherstätten besichtigen

Jürgen Werth

Luther und die Wartburg – die Wartburg und ich

Reinhard Holmer

Martin Luther in der DDR

Manfred Siebald

Martin Luther in Amerika

Hans-Dieter Frauer

„Hier ist offensichtlich Gott am Werk“
Die Reformation in Württemberg

Michael Hobrack

Wittenberg zwischen gestern und heute

Einige unerlässliche Gedanken im Voraus

Noch ein Lutherbuch? Als ob die Ladentische davon nicht schon überquellen würden! Luther überall. Doch es lohnt sich, in die Welt von Martin Luther und in seine Zeit einzutauchen. Es gibt dabei vieles zu beobachten und zu lernen. Manches davon kommt uns heute zugute.

Wenn wir über Martin Luther und die Reformation nachdenken, müssen wir uns allerdings davor hüten, das damalige Geschehen an den Maßstäben zu messen, die uns im Laufe der vergangenen 500 Jahre durch Renaissance, Humanismus, Reformationszeit, Aufklärung etc. zugewachsen sind. Es gilt ernst zu nehmen, dass früher vieles anders gesehen wurde, als es heute üblich ist. In einer liberalen Demokratie und Wohlfahrtsgesellschaft fällt es leicht, Luther als „totalitär“ und „antijudaistisch“ abzukanzeln, wie das häufig geschieht. Doch Normalität und Zeitgeist waren im ausgehenden Mittelalter anders als heute. Deshalb werden wir dem damaligen Geschehen nicht gerecht, wenn wir unsere heutigen Denkmuster gleichsam als Lineal anlegen und dann vollmundige Urteile ausposaunen. Es kommt vielmehr darauf an zu versuchen, die Reformation in ihre Epoche einzuordnen und aus ihrer Zeit heraus zu verstehen.

Dabei stellen wir fest, dass sie nicht isoliert aus dem damaligen Geschehen herausragt, sondern begünstigt ist durch die Umstände der Zeit. Die Reformation kommt nicht von ungefähr. Die Erfindung neuer Techniken in der Buchdruckerkunst hat die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Reformation zum ersten globalen Medienereignis wurde.

Inhaltlich vorgearbeitet haben die sogenannten Vorreformatoren John Wycliff (um 1330–1384), Jan Hus (wohl 1371–1415) und andere. Diese kritisierten ihre Kirche und regten Reformen an: Gottesdienste in der Landessprache, die Bibel in der Hand der Gläubigen, ein ethisch vorbildliches Leben der Geistlichen u. a. Sie wollten Segmente ihrer Kirche erneuern und stießen dabei auf heftigen Widerstand. Bei Martin Luther ging es jedoch nicht um einzelne Elemente, sondern um das Ganze der Kirche und ihrer Theologie.

Der entscheidende Unterschied zur lutherischen Reformation liegt in deren Ausgangspunkt, nämlich der Entdeckung der „Gerechtigkeit Gottes“ als Heilsbegriff und der sich aus dem weiteren Prozess ergebenden qualitativen und quantitativen Dimension. So hat die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts kulturbildend gewirkt und das „Evangelische“ zum konfessionellen Markenzeichen erhoben.

Das vorliegende Buch zielt nicht darauf ab, das Leben und Wirken Martin Luthers bis in alle Winkel hinein minutiös zu beschreiben. Vielmehr konzentriert es sich auf wesentliche Aspekte.

Tinte

Auf der Wartburg soll Junker Jörg, so wurde Luther dort genannt, mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben. Wie sich herausstellte: eine fromme Legende. Aber die Tinte spielte dennoch bei Luther eine bedeutende Rolle. Auf den Papierseiten war sie noch nicht eingetrocknet, als die Boten des Druckers die Texte bei Luther abholten. Und das Tag für Tag … lebenslang durchschnittlich fünf Seiten pro Tag!

Thesen

Mit ihnen kam die Reformation in Gang. Es war überhaupt nicht Luthers Absicht, sie zu drucken und zu verbreiten. Er wollte damit lediglich ein Gespräch an der Universität vorbereiten. Und dann das! Luther wurde von der weiteren Entwicklung völlig überrollt.

Temperamente

Luther selbst vereinte in sich mehrere Temperamente. Er konnte laut poltern, aber auch zärtlich und zuvorkommend sein. Mit Philipp Melanchthon, dem Wittenberger Professor für Griechisch, verband ihn eine lebenslange Freundschaft, obwohl beide in ihrem Temperament sehr unterschiedlich waren. „Ich bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen muss. Aber Meister Philippus fahret säuberlich und stille daher.“

Von all dem wird im vorliegenden Buch zu reden sein. Ich habe viel Grund, den Autoren ausdrücklich und herzlich zu danken, die mit ihren kenntnisreichen Beiträgen das Buch inhaltlich gestaltet haben.

Mein ausdrücklicher Dank gilt auch den beiden, die geduldig Korrektur gelesen haben: meiner Frau Elfriede und unserer Enkelin Miriam Morgner.

Dr. Christoph Morgner, Garbsen

Im Mai 2016

Hans-Dieter Frauer

Als die Welt ins Wanken geriet

Mit seinem Thesenanschlag hat Martin Luther „die Welt in Brand gesetzt“ (so seine eigene Einschätzung in einem Tischgespräch). Und in der Tat hat die Reformation den Gang der Geschichte verändert. Diese Weltveränderung beginnt ganz unscheinbar: Ein Mönch veröffentlicht Thesen in lateinischer Sprache, um zu einer wissenschaftlichen Disputation einzuladen – und setzt damit Kräfte frei, die den Lauf der Welt verändern. Das ist nur aus den bewegten Zeiten damals zu erklären.

Ab etwa dem Jahre 1450 brachen eine verwirrende Fülle von Erfindungen, Entdeckungen und neuen Gedanken über die Menschen herein. Alte, anscheinend fest gefügte Überzeugungen und Glaubensgrundlagen zerfielen. Die Menschen spürten, dass die Welt ins Wanken geraten war und sahen sich unvermutet neuen, bis dahin unbekannten Herausforderungen gegenüber. Sie waren deshalb von Ängsten gequält, befürchteten den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang und das Jüngste Gericht mit Fegefeuer und Hölle.

An diese Ängste erinnert heute das Läuten der Glocken um 12 Uhr, das zum Mittagsgebet auffordert. Entstanden ist es 1456 als „Gebet gegen die Türkengefahr“. Drei Jahre zuvor – am 29. Mai 1453 – hatten die heidnischen Osmanen das christliche Konstantinopel erobert und damit das uralte Oströmische Reich von der Landkarte gefegt. Nun überrannten sie den Balkan. Über Jahrhunderte hinweg waren die lange unbesiegbaren Osmanen der Schrecken Europas – das beweist das „Türkengebet“.

Auch der Begriff „die neue Welt“, der noch heute für Amerika gebraucht wird, ist aus Ängsten heraus entstanden. Mit der Entdeckung Amerikas zerbrach ein frommes, aus der Bibel abgeleitetes Weltbild. Aus dem Besuch der Weisen aus dem Morgenland bei dem neugeborenen Jesuskind schloss man, dass es drei Erdteile gebe; jedes der drei Geschenke wurde als Dankesgabe eines Erdteils gedeutet. Und nun gab es plötzlich einen weiteren, den es doch eigentlich gar nicht geben durfte!

Nicht nur das Wissen um die Erde veränderte sich – so wurde eben jetzt ihre Kugelgestalt wieder entdeckt. Bisher hatte die Erde als Mittelpunkt der Welt und Jerusalem als ihr Zentrum gegolten, weil sich hier das biblisch bezeugte Heilsgeschehen ereignet hatte. Nun wies die neu entstehende Astronomie nach, dass die Erde kein Fixpunkt war, sondern nur ein Planet unter unendlich vielen. Auch das durfte ja eigentlich gar nicht sein. Vertreter der damaligen Kirche verteidigten ihre Welt-Anschauung lange und hartnäckig. Noch im Jahr 1660 wurde in Rom Giardano Bruno von der Inquisition zum Tode verurteilt und verbrannt, weil er das heliozentrische Weltbild mit der Sonne als Mittelpunkt und die Unendlichkeit des Weltraums postulierte.

Schließlich brach sich neues Denken Raum. Man begeisterte sich für die Antike, deren Formen, Kultur und Schriften. Mit Renaissance und christlichem Humanismus zog ein neuer Geist der Lebens- und Weltbejahung in Kunst und Forschung ein. Erstmals bildete sich eine Weltwirtschaft aus. Fugger und Welser häuften Vermögen in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß an. Nebenan verschlechterte sich jedoch die Lage der „kleinen Leute“ durch den Übergang zur Geldwirtschaft und das neu eingeführte römische Recht. Für die Bauern wurde die Leibeigenschaft immer drückender. Sie führten ein geradezu erbärmliches Leben – belastet durch hohe Abgaben und bedroht von häufigen Missernten.

Diese wenigen – unvollständigen – Beispiele zeigen, wie total sich das Leben in fast allen Bereichen in dieser Zeit veränderte. Alte, fest gefügte Überzeugungen und Glaubensgrundlagen zerbrachen. Außerdem verbreitete das neue Medium Buchdruck die unerhörten Neuigkeiten rasch und weit. Auch das trug dazu bei, Ängste und Weltuntergangserwartungen zu schüren. Man war überzeugt, in der Endzeit zu leben.

Die verunsicherten und geängsteten Menschen suchten ihre Zuflucht in der Kirche. Diese nahm für sich in Anspruch, alleinige Mittlerin zum Heil zu sein (Bulle Una sanctam, 1302) und entfaltete nun eine von „guten Werken“ geprägte und geradezu hektische Frömmigkeit. Wallfahrten und Pilgerwege (etwa der Jakobspilgerweg nach Santiago de Compostela) wurden propagiert. Das Rosenkranzgebet kam auf. Die Zahl der Heiligenfeiertage mit Prozessionen und Umzügen uferte aus. Eine geradezu abgöttische Marienverehrung ging Hand in Hand mit einem immer schamloser betriebenen Reliquienkult. An fast hundert Tagen im Jahr wurde bei Prozessionen eindrucksvoll kirchliche Pracht entfaltet. Die Jahrzehnte unmittelbar vor der Reformation gelten als die kirchenfrömmste Zeit überhaupt. Die kirchlichen Gnadenmittel reichten aber nicht aus, um Wunder- und Aberglauben, Teufels- und Höllenvisionen zu bannen. Die Angst vor Gott bestimmte im ausklingenden Mittelalter das Lebensgefühl der Menschen.

Der Institution Kirche ging es vor allem um die Sicherung der von ihr beanspruchten Weltherrschaft und um die Behauptung politischer Macht. Damit einher ging der Verfall des Renaissance-Papsttums; der Vatikan war lange ein Hort des Lasters und der Verbrechen. „Alle trieben alles mit allen vor allen“, schrieb ein Teilnehmer päpstlicher Feiern. Die Päpste selbst – es gab oft mehrere nebeneinander – waren damals meist unwürdige Gestalten. Ihr Lebenswandel wäre sogar nach heutigen Maßstäben skandalös zu nennen. Sie versagten sich hartnäckig der schon lange und zunehmend heftiger geforderten Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Mehrere Konzile dazu scheiterten. Die Institution Kirche wollte die für sie finanziell höchst einträglichen Verhältnisse beibehalten. Ämterkauf und Bestechung waren alltäglich. Der hohe Klerus mehrte seinen Reichtum, während der niedere in theologischer Unbildung verwahrloste.

Eine solche Kirche fand keine Antworten auf die Fragen und Herausforderungen der Zeit und auf die Ängste der Menschen. Sie hielt zäh am Alten fest und wehrte sich gegen jede Veränderung. So wagte Kopernikus seine These vom Sonnensystem erst zu veröffentlichen, als er bereits auf dem Sterbebett lag. Reformversuche etwa durch die Waldenser oder durch Johannes Hus wurden blutig erstickt. Die kirchliche Macht zu sichern und unbequeme Frager und Denker zu beseitigen, war zum obersten Prinzip geworden.

Unmittelbarer Anlass für die Reformation wurde dann der Ablasshandel, in dem Gnade für Geld zu haben war. Eben daran entzündete sich die Kritik von Martin Luther. Der hochgelehrte Augustinermönch war durch intensives Forschen in der Bibel zu der reformatorischen Erkenntnis des „sola gratia“ (allein aus Gnaden) gelangt. Der Gläubige erlange das Heil weder durch gute Werke noch durch die Fürbitte der Heiligen, auch nicht durch sakramentale Vermittlung durch geweihte Priester und erst recht nicht durch den Kauf von Ablassbriefen. Das Seelenheil werde dem Gläubigen vielmehr allein aufgrund seines Glaubens vor Gott („sola fide“; allein durch den Glauben) und aus reiner Gnade geschenkt. Nicht die Lehrautorität der Amtskirche, sondern die Heilige Schrift sei die allein maßgebliche Autorität.

Die Reformation hat eine bis heute nachwirkende Veränderung der Welt ausgelöst. Früher war man sich mehr als heute bewusst, dass die Reformation den Menschen frei gemacht und zu einem selbstverantworteten Handeln berufen hat. Noch lange wurde daher in Deutschland der Tag des Thesenanschlags, der 31. Oktober, als „Reformationsjubelfest“ begangen. Die Reformation war eben mehr als ein Aufbegehren gegen kirchliche Missstände. Martin Luther hat tatsächlich die Welt verändert.

Hans-Dieter Frauer war mehrere Jahrzehnte im evangelischen Medienbereich tätig. Er lebt in Herrenberg bei Stuttgart.