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MEL STARR

Kein Toter
für den Kirchhof

Der vierte Fall für Hugh de Singleton

Deutsch von Dorothee Dziewas

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.ddn.de abrufbar.


Originaltitel: Unhallowed Ground
© 2011 by Mel Starr
Published by Lion Fiction
an imprint of Lion Hudson plc
Wilkinson House, Jordan Hill Road, Oxford OX2 8DR. England
www.lionhudson.com/fiction



© der deutschsprachigen Ausgabe
2016 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Umschlagfoto: FinePic, München
Umschlaggestaltung: Wolfgang Staisch, ZERO Werbeagentur
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-7655-7445-0

Für Tony und Lis Page

Danksagung

Im Sommer 1990 entdeckten meine Frau Susan und ich eine entzückende Pension in dem Dorf Mavesyn Ridware. Tony und Lis Page, die Inhaber, wurden gute Freunde. 2001 besuchten wir sie wieder, nachdem sie nach Bampton gezogen waren, und mir war gleich klar, dass das Dorf eine ideale Kulisse für die Geschichten wäre, die ich schreiben wollte. Tony und Lis waren eine reiche Informationsquelle für mich, was die Geschichte von Bampton betrifft, und ich bin ihnen sehr dankbar.

Als Dan Runyon, Professor für Englisch an der Universität Spring Arbor, erfuhr, dass ich Verräterische Gebeine schrieb, lud er mich ein, vor seinen Studierenden über die Probleme eines Schriftstellerneulings zu berichten. Und er schickte einige Probekapitel an seinen Freund Tony Collins. Danke, Dan. Herzlichen Dank auch an Tony Collins und die engagierten Mitarbeiter von Lion Hudson für ihre Bereitschaft, einen neuen Autor ohne Erfolgsgeschichte zu veröffentlichen. Ich danke auch meiner Lektorin Jan Greenough, die dafür sorgt, dass die Handlung weitergeht, wenn ich abschweife.

Mein Dank gilt außerdem Dr. John Blair vom Queen’s College, der mehrere Aufsätze über die Geschichte von Bampton geschrieben hat. Die Erlebnisse von Meister Hugh sind Fiktion, aber so weit wie möglich entspricht das Bampton, in dem er lebte, dem damaligen Ort.

Malgorzata Deron, eine Linguistin aus dem polnischen Posen, hat sich freundlicherweise bereit erklärt, meine Internetseite zu betreuen – und das weiß ich als Mensch, den digitale Medien sehr herausfordern, aufs Höchste zu schätzen. Ihr Werk ist unter www.melstarr.net zu bewundern.

Mel Starr

Glossar

Almosenier, auch Almosener: weltlicher oder kirchlicher Armenpfleger; betraut mit der Verteilung von Almosen an die Armen und mit der Verwaltung der dafür vorgesehenen Güter und Gelder.

Angelusgeläut: ertönte dreimal am Tag, und zwar bei Tagesanbruch, zu Mittag und bei Einbruch der Dunkelheit. Es markierte den Beginn des Angelusgebetes.

Beinlinge: eng anliegende Hosen, oft zweifarbig (eine Farbe für jedes Bein).

Bürger: städtischer Kaufmann oder Händler.

Burgvogt: der wichtigste Repräsentant eines Gutsherrn. Er war mit allen Geschäften betraut, sammelte Pacht und Strafgelder ein und sorgte dafür, dass Hörige und Pächter ihre Frondienste verrichteten. Kein beliebter Mann.

Büttel: Gehilfe und Handlanger des Schultheiß.

Cotehardie: das wichtigste Kleidungsstück im Mittelalter. Die Cotehardie einer Frau reichte bis zum Boden, die der Männer bis zum Unterschenkel oder Fußgelenk.

Dritte Stunde: 9 Uhr morgens.

Farthing: die kleinste Münze im Wert eines Viertelpennys.

Feuerschale: eine Schüssel mit Öl und einem schwimmenden Docht, der angezündet wird.

Furchenlänge: altes Längenmaß aus der Landwirtschaft (engl. furlong); 660 Fuß.

Fuß: Längenmaß; 30,48 Zentimeter (12 Zoll).

Galen House: Galen ist die englische Namensform von Galenos von Pergamon, eines berühmten griechischen Arztes im 2. Jahrhundert.

Georgstag; St. Georg: 23. April. Im Jahr 1366 fiel dieser Tag auf einen Donnerstag. Der heilige Georg ist der Schutzpatron Englands.

Gugel: Kopfbedeckung, die das Gesicht umschließt und bis auf die Schultern reicht. Oft ist sie mit einem langen Zipfel versehen.

Himmelfahrt: vierzig Tage nach Ostern. Im Jahr 1365 am 22. Mai.

Hochgericht: auch Blutgericht; königliches Gericht im Mittelalter, das für Schwerverbrechen wie Mord, Raub, Vergewaltigung oder Hexerei zuständig war. In weniger schwerwiegenden Fällen war für die lokale Gerichtsbarkeit der Gutsherr oder Lehensherr zuständig, der sie von seinem Vogt oder Schultheiß ausüben ließ (s. auch Niedergericht).

Höriger: ähnlich wie der Leibeigene an das Land seines Herrn gebunden und ihm Arbeitsdienste schuldig, im Gegensatz zum Leibeigenen war er dies jedoch aus freien Stücken.

Hufe: ein altes Flächenmaß, etwa 30 Morgen. Es bezeichnete eine landwirtschaftliche Fläche, die mit einem Pflug bestellt werden kann und damit der Arbeitskraft einer Familie entspricht. Die englische Kleinhufe (engl. Oxgang) umfasst etwa 15 Morgen.

Kammerdiener, auch Kämmerer: Bediensteter fürstlicher Höfe, der für alle Angelegenheiten der Hausverwaltung des Grundherrn zuständig ist.

Kapaun: Kastrierter Hahn.

Kemenate: beheizter Wohnraum in der Burg, der Frauen, Rittern und Adligen vorbehalten war.

Kötter: Pächter eines kleinen Landstücks und Bewohner einer Kate oder Hütte; zu Arbeiten für den Grundbesitzer verpflichtet.

Küfer: auch Böttcher; Handwerker, der Fässer und andere Gegenstände aus Holz herstellt.

Lammastag: 1. August. An diesem Tag wurde für eine gelungene Getreideernte gedankt.

Laterankonzil: Als Laterankonzilien werden die fünf mittelalterlichen Konzilien der katholischen Kirche bezeichnet, die zwischen 1123 und 1517 im Lateran in Rom stattfanden. Das vierte Laterankonzil im Jahr 1215 formulierte unter anderem den Anspruch des römischen Papst-Primates und die Lehre von der Transsubstantiation (Wandlung) bei der heiligen Eucharistie.

Laudes: Morgengebet.

Letzte Ölung: Sterbesakrament. Es durfte nicht zu früh gespendet werden, denn ein Empfänger, der wieder gesundete, galt als so gut wie tot. Er musste ständig fasten, barfuß gehen und sich jeglicher sexueller Beziehungen enthalten.

Lichtmess: 2. Februar. Fest der Darstellung des Herrn im Tempel. Früher auch „Mariä Reinigung“ genannt. An diesem Tag zogen die Frauen mit entzündeten Kerzen durch die Kirche. Außerdem wurde die Arbeit auf dem Feld wieder aufgenommen.

Magister: akademischer Grad; Lehrer oder Meister.

Meile: Längenmaß; ca. 1,6 Kilometer.

Mengbrot: Brot, das aus einer Getreidemischung hergestellt wurde; meistens Weizen und Roggen oder Gerste und Roggen.

Michaelis: 29. September.

Neunte Stunde: 3 Uhr nachmittags.

Niedergericht: Gerichtsbarkeit des Grundherren, das in der Regel mit geringfügigen Delikten befasst war und Leibstrafen oder Geldbußen verhängte.

Nobel: Goldmünze im Wert von 6 Schillingen und 8 Pence.

Non: Stundengebet zur neunten Stunde, also drei Uhr nachmittags.

Pinte: altes Raummaß, entspricht 0,5683 Litern.

Refektorium: Speisesaal eines Klosters.

Schilling: englische Münze im Wert von 12 Pence. 12 Schillinge ergeben ein Pfund.

Schritt: Maßeinheit; ca. 75 cm.

Schwarzer Tod: die große Seuche von 1347 bis 1353, die etwa ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung auslöschte.

Schultheiß: oberster Dienstmann auf einem Gutshof. Er führte die Aufsicht über Geld- und Rechtsangelegenheiten.

Sechste Stunde: 12 Uhr mittags.

Siechenmeister: auch Infirmarius; Klosteramt des Krankenbruders.

Sixpence: Münze im Wert von 6 Pennys.

Starstich: eine einfache und nicht sehr sichere Methode zur Behandlung des Grauen Stars, die seit dem Altertum bis in die Frühe Neuzeit angewandt wurde. Beim Starstich wird mit einer Nadel in das Auge gestochen und die getrübte Augenlinse auf den Boden des Augapfels gedrückt. Dadurch kann das Licht ohne Hindernis auf die Netzhaut fallen und der Patient kann besser sehen, wenn auch mit einer starken Übersichtigkeit.

Stone: Gewichtseinheit, ca. 14 Pfund.

Terz: Gebet zur dritten Stunde, also neun Uhr vormittags.

Tuppence: Münze im Wert von 2 Pennys.

Vesper: Abendgebet.

Vigil: Teil des monastischen Stundengebets, der in der Nacht bzw. den frühen Morgenstunden gebetet wird.

Weald, das: Waldgebiet um Bampton herum.

Weißer Sonntag: Sonntag nach Ostern.

Zehntscheuer: auch Zehntscheune; ein Lagerhaus zur Aufbewahrung des Zehnten, der in Form von Naturalien gezahlt wurde.

Zelter: mittelalterliche Bezeichnung für ein leichtes Reitpferd oder Maultier, das den besonders ruhigen Zeltgang beherrschte.

Zoll: Längenmaß; 2,54 cm.

1

Es war zwei Wochen nach dem Weißen Sonntag des Jahres 1366, als ein Rufen und Hämmern an der Tür von Galen House mich von dem Brotlaib aufblicken ließ, mit dem ich das nächtliche Fasten brach. Die Sonne schickte gerade ihre ersten Strahlen auf den Kirchturm von St. Beornwald. Hubert Shillside war es, der da seine Knöchel an meiner Tür aufschürfte. Er war auf dem Weg zur Burg und wollte, dass ich ihn begleitete. Ein Todesopfer war zu beklagen und Hubert als Leichenbeschauer und ich als Burgvogt von Bampton Manor mussten unsere Pflicht tun. An diesem Morgen hatte man bei Cow-Leys Corner Thomas atte Bridge gefunden – vom Ast einer Eiche hängend.

So ein Todesfall spricht sich in einem kleinen Ort schnell herum. Ein Dutzend Männer und einige Frauen standen bereits an der Weggabelung, als Shillside und ich dort eintrafen. Hier trennen sich die Straßen nach Clanfield und Alvescot; Erstere führt durch eine Wiese, von der aus Lord Gilberts Rinder gelassen zusahen, wie die Menschen sich versammelten. Die Straße nach Alvescot und Black Bourton ist nördlich der Gabelung von Wald gesäumt. Von einem dieser Bäume baumelte, wenige Schritt abseits von der Straße, der Leichnam von Thomas atte Bridge, am Hals aufgehängt. Shillside und ich bekreuzigten uns, als wir näher kamen.

Die meisten, die sich hier zusammengefunden hatten und den Toten anstarrten, taten es schweigend. Nicht so seine Frau. Maud atte Bridge kniete vor dem reglosen Leib ihres Mannes, die Arme um seine Knie geschlungen, und stieß unverständliche Klagelaute aus, was durchaus verständlich war.

Atte Bridges Leiche hing an einem rauen Hanfseil, das um einen Ast der Eiche und um seinen Hals gewickelt war. Von dem Ast führte das Seil zum Baumstamm, an dem es in Hüfthöhe befestigt war. Der Ast befand sich nicht sehr hoch über meinem Kopf. Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich ihn beinahe berühren. Die Füße des Mannes schlenkerten kaum mehr als zwei Handbreit über dem Boden in der Umarmung seiner Frau und in der Nähe des Toten lag ein umgestürzter Hocker.

„Wer hat ihn gefunden?“, fragte ich die Umstehenden. Ralph, der Dorfhirte, trat vor.

„Ich war auf’m Weg zu den Rindern. Die sind noch nich’ lange auf der Weide und könn’n aufbläh’n. Wär’ fast in ihn reingelaufen, dunkel, wie’s war, und wo er so dicht an der Straße hängt.“

Hubert Shillside sah sich an der Stelle um, kam dann zu mir und flüsterte: „Selbstmord, glaube ich.“

Es heißt, an Cow-Leys Corner würden Geister ihr Unwesen treiben. Viele Leute meiden den Ort nachts und die es nicht tun, haben manchmal Erscheinungen. Das ist zu erwarten, denn hier werden all die beerdigt, die sich selbst das Leben nehmen. Sie können nicht auf dem Kirchhof, also in geweihter Erde, begraben werden. Deshalb finden ihre Seelen keine Ruhe und plagen die Reisenden, die nachts an dem Ort vorbeikommen.

„Er hat gewusst, dass man ihn hier begraben wird“, fuhr Shillside fort, „und wollte der armen Maud sicher noch mehr Kummer ersparen.“

Dass Thomas atte Bridge in irgendeiner Weise hatte Rücksicht üben wollen, schien mir, da ich den Mann kannte, recht unwahrscheinlich. Er hatte zwei nächtliche Angriffe auf Friedhöfen auf mich verübt und mir dicke Beulen am Schädel verpasst. Aber ich erwiderte nichts. Es ist nicht gut, schlecht von Toten zu sprechen, und das galt auch für diesen Toten.

Kate hatte die Nachrichten, die Shillside brachte, noch zu Hause mitgehört und war uns zu Cow-Leys Corner gefolgt. Jetzt blickte sie vom Leichnam zu Maud und dann zu mir und sagte dann leise: „Etwas beschäftigt dich, Hugh.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Wir waren erst seit drei Monaten verheiratet, aber Kate ist eine aufmerksame Beobachterin und sie kennt mich gut.

„Ich werde eine Leichenschau vor Zeugen durchführen, an Ort und Stelle“, verkündete Shillside. „Wir können den Burschen losschneiden und sofort beerdigen.“

„Ihr müsst Pater Thomas Bescheid sagen – oder einem der anderen Pfarrer“, erinnerte ich ihn. „Thomas war ein Pächter des Bischofs von Exeter, nicht einer von Lord Gilberts Leuten. Sie haben vielleicht etwas gegen dieses Verfahren.“

Shillside machte sich auf den Weg in die Stadt, während zwei Männer Maud aufhalfen und die schluchzende Frau in dieselbe Richtung führten, in die der Leichenbeschauer aufgebrochen war.

„Wartet“, sagte ich plötzlich. Alle wandten sich um, neugierig, was es mit meinem Befehl auf sich hatte. „Der Hocker, der da unter deinem Mann liegt“, fragte ich die trauernde Witwe, „gehört der dir?“

Maud hörte gerade lange genug auf zu schluchzen, um ein „Ja“ zu flüstern.

Einer der Umstehenden stellte den Hocker auf und schickte sich an, mit einem Messer in der Hand hinaufzusteigen, um den Leichnam loszuschneiden, aber ich gebot ihm Einhalt. Kate hatte die Wahrheit gesagt: Etwas an den Umständen dieses Todes beschäftigte mich, obwohl ich bereitwillig zugebe, dass ich keinen Kummer empfunden hatte, als ich erkannt hatte, wer der Tote war.

Einmal hatte ich gesehen, wie ein Mann gehenkt wurde. Das war in Paris, als ich dort Chirurgie studierte. Er schwang hin und her und trat um sich, während er im Gesicht blau anlief, bis die Wachen sich erbarmten und seinen Freunden erlaubten, ihn an den Beinen zu ziehen, um den Qualen ein Ende zu machen. Das Gesicht von Thomas atte Bridge war geschwollen und bläulich und er hatte angesichts des herannahenden Todes die Kontrolle über seinen Darm verloren. Insofern glich er dem unseligen Taschendieb von Paris. Es schien so zu sein, wie Hubert Shillside gesagt hatte: Atte Bridge war mit Seil und Hocker zu Cow-Leys Corner gegangen, hatte das Seil über den Ast geworfen und um den Baumstamm gebunden. Dann hatte er es um seinen Hals gelegt und anschließend den Hocker zur Seite getreten, auf dem er gestanden hatte, um das Seil am Ast zu befestigen. Alle, die noch immer dastanden und mich und den Leichnam anstarrten, dachten das sicher auch.

Ich ging um die vom Ast baumelnde Leiche herum. Die Hände des Toten hingen schlaff herab und fühlten sich kalt an. Ein Mann, der am Galgen sterben soll, ist gefesselt, nicht aber einer, der sich selbst das Leben nimmt. Nachdem ich atte Bridges Hände untersucht hatte, schob ich die abgewetzten Ärmel hoch, um seine Arme zu begutachten.

An einem Handgelenk sah ich einen kleinen roten Fleck, ähnlich einem Ausschlag oder einer Stelle, die jemand längere Zeit gekratzt hat, weil sie juckt. Das andere Handgelenk wies keine solche Stelle auf, aber als ich den Ärmel der Cotehardie höherschob, fiel mir etwas anderes auf. Der Ärmel war aus grober brauner Wolle und vom Alter verschlissen. In den Fransen am Ärmelsaum hatte sich ein gekräuselter Faden in hellerer Farbe verfangen. Ich blickte zu dem Ast über dem leeren Blick des Toten hinauf. Die Faser, die ich entdeckt hatte, war von derselben Farbe wie das Hanfseil, an dem atte Bridge hing. Vielleicht war sie am Ärmel hängen geblieben, als der Mann sich das Seil um den Hals gelegt hatte.

Ich trat einen Schritt zurück und sah mich um. Es fehlte nicht viel, um mich davon zu überzeugen, dass Hubert Shillside recht hatte. Wäre das der Fall gewesen, dann hätte es mir das Leben leichter gemacht. Aber meine Pflichten als Burgvogt von Lord Gilbert Talbot haben mich ein wenig misstrauisch gegen die Menschen werden lassen und ich nehme die Geschichten, die sie – lebendig oder tot – erzählen, mit einer gehörigen Portion Skepsis auf. In diesem Augenblick bemerkte ich die Erde an Thomas atte Bridges Fersen.

Um besser sehen zu können, kniete ich mich hin. Kate spähte mir über die Schulter. Nun war es nichts Ungewöhnliches, dass jemand Matsch an den Schuhen hatte, der im Frühjahr auf feuchten Straßen unterwegs war. Aber bei atte Bridge befand sich dieser Schlamm nicht an den Schuhsohlen, wo er wohl hätte sein sollen, sondern trocknete an den Absätzen und Fersen. Kate verstand auch sogleich, was wir da sahen.

„Das ist merkwürdig“, sagte sie leise, damit die anderen es nicht hörten. Dann wandte sie sich dem aufgestellten Hocker zu und betrachtete ihn nachdenklich. Ich sah, wie sich ihre Stirn in Falten legte, und wusste, warum. Um ungestört mit ihr reden zu können, ohne dass uns jemand zuhörte, zog ich sie etwas von dem Leichnam fort zum Stamm des Baumes.

„Ein Mann, der in seinen Tod geht, hat Erde an den Sohlen seiner Schuhe“, flüsterte ich, „und nicht hinten an den Absätzen.“

„Und er hinterlässt dort, wo er steht, Fußabdrücke“, erwiderte Kate. „Auf dem Hocker sehe ich aber keine Spuren davon.“

„Komm mit“, sagte ich. „Sehen wir nach, was die Straße uns verraten kann.“

Die Straße verriet uns, dass an dieser Stelle viel Volk unterwegs gewesen war. Es hatte in der vergangenen Woche viel geregnet und die Straße war aufgeweicht. Zahlreiche Fußspuren waren zu sehen, und mindestens ein Mensch, der hier entlanggegangen war, hatte bloße Füße gehabt. Etwa hundert Schritte östlich von Cow-Leys Corner fand ich, was ich suchte. Zwei parallele Linien, eine Handbreit voneinander entfernt, zogen sich durch den Schlamm der Straße. Diese Spuren waren etwa einen Schritt lang. Kate sah zu, wie ich die Furchen begutachtete.

„Stammt die Erde an seinen Schuhen von hier?“, fragte sie.

„Möglicherweise. Es sieht aus, als hätten zwei Männer einen dritten getragen, und ich vermute, dann sind einem die Füße des Burschen aus der Hand gerutscht und kurz über den Boden geschleift.“

„Wie kann das sein. War er schon tot?“

„Das glaube ich nicht. Sein Gesicht ist das eines Mannes, der am Strang gestorben ist. Aber wenn er nicht durch eigene Hand gestorben ist, hat jemand ihn gefesselt oder anderweitig außer Gefecht gesetzt, um ihn hierher zu Cow-Leys Corner zu bringen.“

Während Kate und ich noch auf der Straße standen und verdächtige Spuren untersuchten, kam Hubert Shillside mit elf Männern aus Bampton zurück. Der Leichenbeschauer sah, dass wir den schlammigen Boden zu unseren Füßen musterten, und ließ seinen Blick ebenfalls dorthin wandern. Er sah nichts, was sein Interesse weckte.

„Was gibt es, Hugh? Warum steht Ihr hier und stiert auf den Weg?“

„Seht einmal diese Stelle“, sagte ich und deutete auf die parallelen Furchen im Schlamm. Da Shillside die Fersen des Toten nicht gesehen hatte, konnte er von meinem Verdacht nichts wissen. Er zuckte mit den Schultern und ging weiter. Die Geschworenen des Leichenbeschauers folgten und hätten die Spuren auf dem Weg verwischt, wenn Kate und ich nicht davorgestanden hätten, sodass die Männer gezwungen waren, um uns herumzufließen wie der Shill Brook um einen Felsen.

Wir konnten keine weiteren Erkenntnisse sammeln, indem wir auf der Straße herumstanden. Also folgten Kate und ich den Geschworenen zurück zur Weggabelung. Shillside und die Männer in seinem Gefolge begutachteten Leichnam, Seil und Hocker und unterhielten sich leise. Der Leichenbeschauer hatte seine Überzeugung, atte Bridge sei durch seine eigene Hand umgekommen, bereits kundgetan. Seine Gefährten, die damit eine bequeme Schlussfolgerung vorgelegt bekamen, sahen keinen Grund, anderer Meinung zu sein. Wenn ein Mensch erst einmal zu einem Schluss gekommen ist, dann ist es schwierig, ihn wieder davon abzubringen. Ich versuchte es trotzdem.

Ich ging mit Shillside zu dem Toten und bat den Leichenbeschauer, sich zu bücken und die schmutzigen und vom Schlamm verkrusteten Fersen zu betrachten. „Die Spuren, die ich da gerade auf der Straße untersucht habe … ich glaube, sie stammen von atte Bridges Absätzen. Warum sonst sollte jemand Schlamm an den Fersen haben?“

„Hmmm … vielleicht.“

„Und dann der Hocker. Wenn er darauf gestanden hat, um das Seil an dem Ast zu befestigen, dann hat er keine Fußabdrücke hinterlassen.“

Shillside warf einen Blick auf den Hocker und hob den Blick dann auf zum hin- und herschwingenden Kopf des Toten.

„Der Bursche ist durch Erhängen und Ersticken gestorben“, erklärte er. „Ich habe Männer so sterben sehen, das Gesicht geschwollen und blau, und die Zunge hing ihnen dick und rot aus dem Mund.“

„Das ist wahr“, stimmte ich zu. „Es sieht ganz so aus. Aber wenn er auf diesem Hocker stand, um das Seil am Baum zu befestigen, dann hat er keine Spuren hinterlassen. Wie kann ein Mann diese Straße heraufkommen und saubere Schuhe haben … abgesehen von den Absätzen und Fersen?“

Wieder zuckte Shillside mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen? Aber eins kann ich sagen: Niemand in Bampton oder im Weald wird traurig darüber sein, dass Thomas atte Bridge tot ist. Er hat versucht, Euch zu töten. Seid froh, dass der Bursche weder Euch noch jemand anderem jemals wieder etwas antun kann.“

In diesem Augenblick erkannte ich, wie es gewesen sein könnte. Shillside rief seine Geschworenen am Wegrand zusammen und diskutierte die Angelegenheit mit ihnen. Gelegentlich blickte der eine oder andere in der Gruppe zu der Leiche hinüber, die sich jetzt langsam an dem Hanfseil drehte. Wind war aufgekommen.

Pater Thomas, Pater Simon und Pater Ralph, alle drei Pfarrer an der Kirche St. Beornwald, erschienen, als die Geschworenen gerade ihre Überlegungen beendeten. Die Geistlichen sahen den Toten an und schlugen das Kreuzzeichen. Diejenigen Schaulustigen, die noch an Cow-Leys Corner herumstanden, wetteiferten darum, den Priestern mitzuteilen, was diese selbst sehen konnten: Da hing ein Toter an einem Seil vom Ast eines Baumes. Mehr wusste niemand. Und wenn es mehr zu wissen gab, dann gab es manche, die es vorzogen, nichts weiter zu erfahren.

Hubert Shillside trat zu den Priestern und mir und verkündete das Urteil der Geschworenen. Thomas atte Bridge hatte sich das Leben genommen und beschlossen, es an dem Ort zu tun, wo man, wie jedermann bekannt war, seit Jahren die Selbstmörder begrub. Der Hocker war der Beweis: Maud hatte bestätigt, dass das Möbelstück aus ihrem Haus stammte.

Die Geistlichen hörten mit ernster Miene zu, während Shillside diese Schlussfolgerung erläuterte. Hocker und Seil, erklärte er, würden nach geltendem Recht der Krone zufallen. Was König Edward damit anfangen sollte, sagte er nicht.

Thomas atte Bridge war Pächter des Bischofs von Exeter gewesen, aber gefunden hatte man ihn auf Lord Gilbert Talbots Land. Die Priester und die Geschworenen erwarteten von mir eine Entscheidung. Lord Gilbert residierte gerade in Goodrich Castle. Als Burgvogt seiner Güter in Bampton fiel die Entsorgung der Leiche nun in meine Zuständigkeit. Mein Verdacht blieb bestehen, aber offenbar war ich der Einzige, der Zweifel hatte. Abgesehen von Kate.

Ich sah, dass auch Arthur, einer der Bediensteten der Burg, am Rand der Menschentraube stand, und winkte ihn zu mir. Während er sich durch die Schaulustigen schob, sprach ich mit Pater Thomas.

„Werdet Ihr ein Begräbnis auf dem Kirchhof erlauben?“

Der Geistliche schüttelte den Kopf. Pater Simon und Pater Ralph spitzten die Lippen und runzelten die Stirn, offenbar derselben Meinung. „Ein Mann, der sich das Leben nimmt, kann keine Absolution erlangen“, erklärte Pater Thomas. Die Erklärung wäre nicht nötig gewesen, denn ich kannte die Gepflogenheiten. „Er stirbt in seinen Sünden, ohne Reue und Vergebung. Er kann nicht in geweihter Erde ruhen.“

Arthur hatte mir und Magister John Wyclif aus Oxford gute Dienste erwiesen, als wir nach den Büchern gesucht hatten, die man Meister John gestohlen hatte. Jetzt hatte ich eine neue Aufgabe für den kräftigen Burschen. Ich schickte ihn zur Burg, um einen zweiten Knecht und zwei Spaten zu holen.

Es hatte keinen Sinn, die Angelegenheit in die Länge zu ziehen. Shillside fragte, ob der Leichnam jetzt losgeschnitten werden könne, und ich nickte. Es dauerte nur einen Augenblick, bis ein anderer Pächter des Bischofs auf den Hocker gestiegen war und das Seil durchtrennt hatte. Die sterblichen Überreste von Thomas atte Bridge sackten vor den Füßen des Mannes zusammen. Ich wies den Pächter an, das Seil vom Ast abzuwickeln, während er dort oben war. Dann kniete ich bei dem Toten und entfernte das Seil auch von atte Bridges abgeschürftem Hals. Anschließend legte ich den Mann ausgestreckt am Straßenrand hin. Allmählich setzte die Totenstarre ein und wir wollten ihn doch möglichst ungekrümmt in sein Grab senken.

Während ich den Kopf des Toten zurechtrückte, blickte ich in seine starren, hervorquellenden Augen und den offenen Mund. Noch immer sehe ich ihn manchmal in der Nacht so vor mir, wenn ich nicht schlafen kann. Das Gesicht war aufgedunsen und blau und so hätte ich beinahe die Schwellung an atte Bridges Oberlippe übersehen. Dort war eine rote Wulst zu erkennen. Und gleich darunter sah ich in dem offenen Mund einen Zahn, der nach hinten gebogen war.

Ich steckte den Finger zwischen die Lippen des Toten und drückte auf den Schneidezahn. Er gab sofort nach. Vorsichtig zog ich an dem Zahn und hätte ihn beinahe herausgeholt. Thomas atte Bridge war erst vor Kurzem in eine Schlägerei verwickelt gewesen und hatte einen heftigen Schlag abbekommen. Das überraschte mich nicht. Ich kannte atte Bridge. Den Mann, der ihm eine dicke Lippe und einen gebrochenen Zahn beigebracht hatte, konnte ich nur beglückwünschen.

Aber hatte diese Entdeckung etwas mit dem Tod oder Selbstmord von Thomas atte Bridge zu tun oder nicht? Wer konnte diese Frage beantworten? Wohl nur der Mann, der den Schlag geführt hatte.

Arthur kehrte mit einem Helfer zurück und machte sich daran, am Fuß der Mauer, die Lord Gilberts Weide umgibt, ein Grab auszuheben. Kühe, nachdenklich das Frühlingsgras zerkauend, sahen ihm bei der Arbeit zu, Kälber sprangen herum. Einer der Umstehenden drängte Arthur, das Grab tief auszuheben, damit der Tote nicht so leicht herauskomme, um nichts ahnende Passanten zu verfolgen, die bei ihren Geschäften an Cow-Leys Corner vorbeikamen. Arthur schien diese Aufforderung zu missfallen.

Kate ging, bevor das Grab fertig war. Sie wollte uns zum Mittag einen Kapaun braten und musste sich dafür bereits eilen. Ihre Geschäftigkeit erinnerte mich daran, wie hungrig ich war. Manch einer mag den Appetit verlieren, wenn er einem Gehenkten ins Gesicht schaut. Für mich gilt das nicht, vor allem dann nicht, wenn dieses Gesicht Thomas atte Bridge gehörte.

Hubert Shillside kam näher, als Arthur und sein Helfer die letzte Erde auf den Grabhügel schaufelten. „Ein Unruhestifter weniger in der Stadt, was?“, sagte er.

„Niemand wird ihn vermissen“, stimmte ich zu, „abgesehen von Maud.“

„Ha. Die Leute auf dem Weald sagen, dass er sie regelmäßig verprügelt hat. Dass es damit ein Ende hat, macht ihr gewiss keinen Kummer.“

„Mag sein, aber er hat für seine Familie gesorgt. Wer wird das jetzt tun?“

„Es gibt genügend Witwer hier in der Gegend, die froh wären, ihren Besitz um ein Stück Land zu vergrößern.“

„Eine Viertelhufe? Und vier Kinder noch dazu? Ich glaube nicht, dass Maud viele Verehrer haben wird.“

„Hmmm. Sie wird irgendwie auskommen müssen. Vielleicht kann der älteste Knabe Männerarbeit verrichten.“

„Vielleicht.“

Während wir atte Bridges Leiche ins Grab hinabgelassen hatten, hatte sich die Schar der Schaulustigen allmählich zerstreut. Auf dem Weg zurück in die Stadt unterhielten die Leute sich lautstark über den Tod und das Begräbnis. Sie schienen nicht gerade vor Gram gebeugt zu sein, sondern benahmen sich eher so, als sei ihnen eine Last von den Schultern gefallen. Hatte Thomas atte Bridge wohl geahnt, dass man so auf seinen Tod reagieren würde, nachdem er mit allen und jedem in Feindschaft gelebt hatte?

Der Leichenbeschauer und ich waren unter den Letzten, die Cow-Leys Corner verließen. Ich hatte das Hanfseil in der Hand, das Thomas atte Bridges Leben ein Ende gemacht hatte und jetzt aus zwei Stücken bestand. Wir gingen hinter den Priestern. Shillside plauderte über das Wetter, die Aussaat und andere angenehme Frühlingsdinge; aber ich schwieg. Da er auf seine Bemerkungen keine Antwort von mir bekam, verfiel auch er in Schweigen. Aber als wir die Burg erreichten, richtete er doch noch ein paar eindringliche Worte an mich.

„Der Mann ist sicher von eigener Hand gestorben, Hugh. Ihr müsst nicht nach einem Verbrecher suchen, wo keiner ist. Und selbst wenn atte Bridge ermordet wurde – es gibt in Bampton nicht einen einzigen Menschen, dem das leidtäte. Er war ein übler Geselle und wir können froh sein, dass wir ihn los sind.“

2

Am nächsten Tag erhielt ich kurz vor Mittag Besuch. Maud atte Bridge erschien vor meiner Tür. Ihre Augen waren von Tränen und einer schlaflosen Nacht gerötet. Ich öffnete, damit sie eintreten konnte, und Kate, die ihren Zustand sah, bot ihr einen Platz am Feuer an. Die Frau setzte sich und seufzte, dann blickte sie zu mir auf und begann zu reden.

„Alle sag’n, er hätt’ sich umgebracht“, fing sie an, „aber das hat er nich’.“

„Warum meinst du das?“

„Das hätt’ er nich’ gemacht. Ich kenn’ doch meinen Thomas.“

„Was ist denn in der Nacht geschehen, bevor er gefunden wurde? Hat er das Haus frühmorgens verlassen oder war er die ganze Nacht fort?“

„Die ganze Nacht. Das Feuer war schon aus und wir ha’m grad schlafen geh’n woll’n, da hat er die Hühner gackern gehört. Das machen die im Dunkeln nur, wenn was is’. Tom dachte, vielleicht isses ’n Fuchs, also hat er seinen Stock genomm’n und is’ raus in den Hof.“

„Ist er zurückgekommen?“

„Nee. Die Hühner war’n irgendwann still und ich hab’ gedacht, er hätt’ das Tier verjagt, das sie geärgert hat. Aber er is’ nich’ wieder ins Bett gekommen. Nach ’ner Weile bin ich raus, um ihn zu suchen, hab’ ihn aber nich’ gefunden. Hab’ ihn erst wieder geseh’n, als die andern mich zu Cow-Leys Corner gebracht hab’n, und da hing er.“

„Der Schemel, den wir dort gefunden haben … du sagtest, er gehöre dir.“

„Hmmhmm, das is’ meiner. Vor zwei Tagen war er plötzlich weg. Tom hat mit den Ochsen vom Bischof gepflügt und ich hab’ im Hof Zwiebeln gesetzt. Abends, als er fertig war, hab’n wir den Schemel nich’ gefunden. Morgens war er noch da gewes’n.“

„Deine Kinder haben nicht gesehen, dass jemand ins Haus gekommen ist und ihn genommen hat?“

„Nee. Die sind ja auch nich’ immer da gewes’n. Der Älteste hat mir im Hof geholf’n. Das Baby hat geschlaf’n und hätt’ eh nich’ gemerkt, wenn jemand den Schemel klaut.“

„Vielleicht hat Thomas den Schemel an dem Tag selbst genommen, weil er seinen Tod geplant hat.“

Maud blickte auf die Steinplatten zu ihren Füßen. „Kann sein. Aber er war so wütend, weil der Schemel weg war. Hat gesagt, er würd’ bei den andern im Weald gucken, ob jemand ihn hat, und wenn, dann würd’ er’s ihnen schon zeigen.“

„Hat Thomas sich am Tag vor seinem Tod mit jemandem geprügelt?“

„Geprügelt? Nee … hat er nix von gesagt.“

„Aber er hat oft mit anderen gestritten, nicht wahr?“

„Na, das wisst Ihr doch.“

„In letzter Zeit war er aber nicht in Auseinandersetzungen verwickelt?“

„Nee. Er hat nix erzählt.“

„Und in seinem Gesicht waren keine Spuren von Schlägen zu sehen?“

Maud sah mich misstrauisch an. „Nee. Wieso sollte denn da was zu seh’n sein?“

Ich beschloss, nichts von Thomas atte Bridges dicker Lippe und dem ausgeschlagenen Zahn zu sagen. Inzwischen hatte ich gelernt, dass Wissen ein nützliches Werkzeug sein kann und gelegentlich auch eine Waffe – eine Waffe, die am wirkungsvollsten ist, wenn ein Gegner nichts von ihrer Existenz weiß, so wie bei einem Dolch, der in einem Stiefel verborgen ist.

„Die Priester ha’m ihn nich’ auf’m Friedhof begraben woll’n“, fuhr Maud fort. „Wie kommt er dann nu’ in’n Himmel?“

Ich antwortete nicht. Es hatte keinen Sinn, die Frau an die vielen Sünden ihres Mannes zu erinnern. Unser Herr Jesus Christus hat gesagt, dass der Weg in den Himmel schmal ist und nur wenige ihn finden werden. Es schien mir unwahrscheinlich, dass Thomas atte Bridge unter diesen wenigen sein würde, ob er nun in geweihter Erde begraben war oder nicht. Aber Maud hatte schon genügend Kummer, da musste ich sie nicht noch zusätzlich betrüben.

„Ihr seid Lord Gilberts Burgvogt – da is’ es doch Eure Aufgabe, ’rauszufinden, wer Tom umgebracht hat, und die Sache richtigzustell’n, damit er auf’m Kirchhof begraben werd’n kann.“

Mein Blick wanderte von Maud zu Kate und in den Augen meiner Frau spiegelten sich meine eigenen Gedanken. Kate wusste, dass Thomas atte Bridge mich angegriffen hatte, denn ich hatte ihr davon erzählt, dass er mir sowohl in Alvescot als auch bei St. Andrew’s Chapel eine Beule verpasst hatte. Damals hatte ich herausgefunden, welche Rolle er dabei gespielt hatte, als er, sein Bruder Henry und der heruntergekommene Priester John Kellet Menschen erpresst hatten, die bei dem Geistlichen gebeichtet hatten.

Obwohl ich also gute Gründe hatte, Thomas atte Bridge in seinem Grab bei Cow-Leys Corner zu lassen, sah ich in Kates Blick, dass ich das nicht tun konnte. Wenn er durch einen anderen zu Tode gekommen war, wäre es eine große Ungerechtigkeit, ihn dort verloren und unerlöst zurückzulassen. Atte Bridge war selbst vieler Vergehen schuldig. Aber in der Heiligen Schrift steht, dass Christus für seine Sünden ebenso gestorben ist wie für meine.

Wer hätte Thomas atte Bridge wohl ermorden wollen? Gewiss jemand, dem Thomas selbst übel mitgespielt hatte. Atte Bridge hatte in Bampton und im Weald kaum Freunde. Wenn ich überzeugt war, dass der Mann umgebracht worden war, und nach dem Mann suchte, der es getan hatte, würde ich wohl einem Menschen auf die Spur kommen, der getan hatte, was andere sich vielleicht gewünscht, aber nicht getraut hatten. Aber wer würde mir dann helfen? Wer wollte schon einen Freund hängen sehen, weil er einen Schurken getötet hat?

Ein ähnliches Problem hatte ich schon gehabt, als ich versuchte herauszufinden, wer Thomas’ Bruder Henry auf dem Gewissen hatte. Henry war ebenso verhasst gewesen wie Thomas, vielleicht sogar noch mehr. Die Stadtbewohner waren froh, dass diese Brüder sie nicht mehr ärgern würden. Wenn es mir gelänge, einen aus ihrer Mitte für Thomas’ Tod verantwortlich zu machen, würde mir das keine Sympathien einbringen. Wieder sah ich Kate an. War mir die Anerkennung der Menschen wichtiger als Gerechtigkeit? Selbst wenn es Gerechtigkeit für die Ungerechten war?

Ich seufzte und kaute auf meiner Unterlippe. Vielleicht, überlegte ich, würde ich ja herausfinden, dass Thomas atte Bridge sich tatsächlich selbst das Leben genommen hatte und es nur so hatte aussehen lassen, als wäre ein anderer in die Sache verwickelt. Das wäre mir recht gelegen gewesen. Aber die Gerechtigkeit ist leider oft unbequem.

Schließlich versprach ich Maud, die Todesumstände ihres Mannes zu untersuchen, und sie verließ Galen House mit so vielen Dankesworten, als hätte ich den Fall schon aufgeklärt.

Der Strick, der um Thomas atte Bridges Hals geschlungen gewesen war, lag in einer Ecke der Kammer. Mein Blick fiel darauf, während ich am Tisch saß und über die Verpflichtung nachdachte, die ich eingegangen war. Zwei Stücke Hanfseil lagen dort in einem Knäuel. Drei der Enden waren glatt durchtrennt. Das Messer, das für einen der Schnitte verantwortlich war, hatte ich mit eigenen Augen gesehen, als Thomas losgemacht wurde. Das vierte Ende war ganz ausgefranst. Als das Seil noch an einem Stück gewesen war, hatte es ein altes Ende gehabt und ein frisch geschnittenes.

Kate hatte zum Mittagessen eine Kaninchenpastete gebacken. Während ich aß, kehrten meine Gedanken zu dem Seil zurück. Kate bemerkte, wie geistesabwesend ich war, und folgte meinem Blick. Sie erriet, was ich dachte.

„Du bist schweigsam, Hugh. Macht Mauds Klage dir Sorgen?“

„Das tut sie. Lord Gilbert hat mir die Aufgabe übertragen, in Bampton für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen. Wenn ein Mann hier ermordet wurde, muss ich herausfinden, wer ihn getötet hat. Aber wenn Maud die Wahrheit sagt und jemand anders ihren Mann auf dem Gewissen hat, dann gibt es hier genügend Leute, die der Meinung wären, der Mörder hätte eine gute Tat vollbracht.“

„Ist das auch deine Meinung?“, fragte sie.

„Ich bin hin und her gerissen. Mord ist eine schwere Sünde, aber es tut mir nicht leid, dass Thomas atte Bridge in seinem Grab liegt. Was ist, wenn ich herausfinde, dass er ermordet wurde und der Verbrecher ein Freund ist? Was tue ich dann?“

„Du wirst tun, was recht ist. Da vertraue ich dir voll und ganz“, sagte Kate leise.

„Ich könnte besser schlafen, wenn ich ebenso viel Vertrauen hätte.“

„Dann werde ich tun, was ich kann, damit du gut schläfst und deine Last vergisst“, lächelte sie.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir nach diesen Worten meine Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

Den ganzen Tag über ging mir das Seil nicht aus dem Kopf. Irgendwie schien mir der unterschiedliche Zustand der Enden eine Bedeutung zu haben. Später am Tag nahm ich ein Stück des Seils mit und ging zu Mauds Haus.

Die Tür stand an diesem warmen Frühlingsnachmittag offen, aber mir schlug nichts als Stille entgegen. Ein Haus mit vier Kindern sollte ein lärmender Ort sein. Als ich an den Türpfosten klopfte, hörte ich das Rascheln von Stroh auf dem Boden. Maud erschien, ihr jüngstes Kind auf der Hüfte, und beide blinzelten aus dem schummrigen Inneren der Behausung ins Sonnenlicht.

Ich zeigte ihr das Seil und sie wich zurück, als hätte ich sie damit geschlagen. Allerdings gewann sie ihre Fassung schnell wieder, als ich ihr erklärte, ich sei mit eben der Tätigkeit befasst, um die sie mich gebeten hatte. Meine Frage war, ob Thomas Seile wie das in meiner Hand besessen hatte. Solch gewöhnliche Gegenstände waren im Haus eines Kötters durchaus üblich. Wenn jemand Hanf anbaute, war ein solches Seil einfach herzustellen. Ich hatte gedacht, Maud würde ein Stück Seil holen und ich könnte die abgeschnittenen Enden vergleichen, aber das tat sie nicht. Thomas, behauptete sie, habe kein solches Seil besessen und auch seit Jahren keins mehr gebraucht.

Dass Thomas atte Bridge Dinge besessen hatte, von denen seine Frau nichts wusste, war zweifellos möglich. Aber es schien unwahrscheinlich, dass er den Besitz eines Hanfseils vor ihr verbergen würde. Allerdings konnte es gut sein, dass er einen solchen Strick von einem anderen geliehen hatte und Maud nichts davon wusste.

Wenn ich mit dem Strick herumlief und fragte, wem das Seil gehörte, von dem es geschnitten war, würde sich das bald in Bampton und im Weald herumsprechen. War Thomas ermordet worden, wie ich glaubte, würde ein Schuldiger den Rest des Seils gewiss verstecken. Ich beschloss, die Nachbarn im Weald nicht zu befragen.

Kate hatte recht. An diesem Abend schlief ich schnell ein und am nächsten auch, aber zwei Tage später erwachte ich noch vor dem Angelusgeläut. Während das blasse Licht der frühen Morgendämmerung ins Zimmer fiel und Kate neben mir gleichmäßig atmete, dachte ich über die durchtrennten Enden des Hanfseils nach. Noch bevor Kates Hahn seine Pflicht getan hatte, fiel mir ein, wo ich vielleicht ein Stück Seil wie das finden könnte, das Thomas atte Bridge den Tod gebracht hatte. Fand ich es dort nicht, wusste ich genauso viel wie bisher; fand ich jedoch ein Stück Hanfseil, würde das meinen Verdacht erheblich untermauern.

Ich kroch aus dem Bett, stieg die Treppe hinunter und schürte die Kohlen im Kamin zu neuem Leben. Dann setzte ich mich auf eine Bank und legte Zweige auf die flackernden Flammen, bis es warm im Zimmer war. Es dauerte nicht lange, bis Kate erschien. Sie holte von unserem Tellerbord einen Laib Mengbrot und für mich einen Becher Dunkelbier, aber sie selbst wollte nicht frühstücken. Ihr sei ein wenig flau im Magen.

Dann erzählte ich ihr von meinem Plan, nach einem weiteren Stück Seil zu suchen. Kate wollte trotz ihres Unwohlseins nichts davon hören, zu Hause zu bleiben, und so machten wir uns, als die Sonne hoch genug stand, um eine gründliche Suche auch im schattigen Wald zu ermöglichen, auf den Weg zu Cow-Leys Corner.

Keine sechs Monate war es her, dass Kate an der Mauer zu Canterbury Hall in Oxford zusammen mit mir nach einem gerissenen Riemen gesucht hatte. Sie hatte den Lederstreifen gefunden und jetzt durchstreifte sie an meiner Seite den Wald im Norden der Straße, auf der Suche nach einem Stück Hanfseil. Sie war es schließlich auch, die das Gesuchte fand.

Der Strick war so lang wie mein Arm. Er lag auf einem Bett aus verrottenden Blättern und abgebrochenen Zweigen, sodass seine Farbe auf dem Waldboden nicht auffiel. Kate wusste zwar, was ich suchte, aber nicht, warum. Sie hielt das Stück Hanfseil hoch und verkündete ihren Erfolg, während ich zwanzig, dreißig Schritte entfernt durch nasses Laub watete.

„Was bedeutet das?“, fragte sie, als ich das Seil von ihr entgegennahm, um es zu untersuchen.

„Bleib dort stehen“, erwiderte ich, „wo du es gefunden hast.“

Ich stellte mich unter den Ast, an dem der sterbende Thomas atte Bridge gehangen hatte. Dort wickelte ich den Strick zu einem Knäuel auf und warf ihn in Kates Richtung. Das Hanfseil entrollte sich im Flug und landete zu ihren Füßen – oder jedenfalls beinahe, vielleicht einen Schritt jenseits der Stelle, wo sie mit fragendem Blick beobachtete, was ich tat.

„Thomas atte Bridge hatte eine kleine Druckstelle am Handgelenk“, erklärte ich, „so als wären seine Hände gefesselt gewesen, bevor er starb.“

„Dann sagt Maud die Wahrheit und dein Verdacht ist richtig; ihr Mann hat sich nicht das Leben genommen.“

„Das fürchte ich.“

„Fürchten?“

„Ja. Es gibt Leute genug, denen es nicht recht sein wird, wenn ich den Mörder eines solchen Mannes unter ihren Freunden suche.“

„Aber wirst du das denn?“