114293.jpg

Marjon van Dalen

Kalifat oder Tod

Ein Boko-Haram-Kämpfer begegnet Jesus

Deutsch von Renate Hübsch

Die niederländische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Kalifat of de Kogel“ bei SDOK (Stichting De Ondergrondse Kerk).
© 2015 SDOK

Bibelzitate folgen im Allgemeinen der Übersetzung Hoffnung für alle ®.
Copyright 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™. Verwendet mit freundlicher Genehmigung von Fontis – Brunnen Basel.
Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

Um bestimmte Personen zu schützen, wurden Namen und Ortsangaben zum Teil geändert.

© der deutschen Ausgabe: 2016 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Umschlagfoto: shutterstock
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger
Satz: Uhl +Massopust, Aalen
ISBN 978-3-7655-7404-7

Inhalt

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Sie kamen in der Dunkelheit

Flug nach Jos

Habila und Vivian

Der Abend, der alles veränderte

Keine medizinische Erklärung

Ein brüllender Löwe

Der Traum

Der Verräter

Eine Gemeinde voller Freude

Umar, der ehemalige Boko-Haram-Kämpfer

Einsamkeit

Drei Jahre bei Boko Haram

Bittere Tränen

Brüder

Die Kraft der Christen in Nigeria

Was bedeutet es, im Norden Nigerias Christ zu sein?

Hilfsaktion Märtyrerkirche – Verfolgten Christen helfen und von ihnen lernen

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Kalifat oder Tod? Wir können uns solche Alternativen kaum vorstellen. Dennoch ist diese Wahl für unzählige Christen in den Ländern der Märtyrer bittere Realität. „Märtyrer“, dieses griechische Wort bedeutet „Zeuge“. Zeuge des Evangeliums. Zeuge für Jesus. Zeuge einer großen Hoffnung über den Tod hinaus. Zeuge eines Vaterlandes jenseits dieser Welt. Zeugen für ein Leben in Fülle. Zeugen einer besseren Welt. Jesus gibt seinen Jüngern den Auftrag: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, Judäa, Samaria und bis an das Ende der Welt“ (Apostelgeschichte 1,8).

Das war der Auftrag der ersten Jünger – und das ist immer noch unser Auftrag heute im 21. Jahrhundert: Wir erzählen, was Jesus in unserem Leben getan hat und was wir mit ihm erlebt haben. Viele mutige Jesus-Zeugen nehmen dafür Benachteiligung, Ausgrenzung, Spott, Unterdrückung, Folter, Inhaftierung oder sogar den Tod in Kauf.

Dieses Buch erzählt von solchen Zeugen Jesu in Nordnigeria. Dort, wo die Terrorgruppe Boko Haram ihr Unwesen treibt und ein islamisches Kalifat errichten will. Dort haben Christen keinen Platz und werden ermordet oder vertrieben. Mittendrin das Schicksal von Bahdri und Habila.

Bahdris Geschichte schmerzt schon fast beim Lesen. Wie kann Gott es zulassen, dass einer seiner Nachfolger den Horror eines Boko-Haram-Trainingslagers durchstehen muss? Aber Bahdris Geschichte lässt einen staunen über die Größe unseres Gottes und seine Fähigkeiten, Menschen zu verändern, ja neu zu machen.

Ich habe den nigerianischen Christen Habila getroffen, der in diesem gewalttätigen Klima der Schariagesetze und des Terrorismus beinahe ums Leben gekommen wäre. Habila, der Jesus nicht verleugnete und heute ein Botschafter der Liebe und der Versöhnung in der Kraft des Evangeliums ist. Seine Liebe zu Jesus und sein Glaubensmut sind ansteckend. Seine Liebe für seine Peiniger auch. Er ist Zeuge dafür, dass Jesus einen Menschen frei machen kann von Rachegelüsten und ihn mit Liebe füllen kann. Dieses Buch erzählt, was die Begegnung dieser beiden Männer bewirkte.

Deutschland ist nicht Nordnigeria und doch nehmen Übergriffe auf Christen auch bei uns zu. Wir können von den Christen in Nordnigeria lernen. Vielleicht sollten wir uns alle einmal fragen: Was darf uns unser Glaube kosten? Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen, weil wir zu Jesus gehören?

Was wollen wir sagen, wenn wir einmal auf unseren Glauben angesprochen werden und die klare Antwort nur Nachteile bringen würde?

Ich wünsche Ihnen und mir den Mut, sich wie Bahdri und Habila ganz auf die Seite von Jesus zu stellen und dann auch seine Macht und Kraft kennenzulernen, die alle Furcht überwinden hilft. Mutige, furchtlose Jesus-Zeugen brauchen wir auch hierzulande.

Manfred Müller

Missionsleiter der Hilfsaktion Märtyrerkirche

Sie kamen in der Dunkelheit

Gegen elf Uhr abends schreckte Habila hoch. Durch die Vorhänge sah er eine Taschenlampe, deren Lichtkegel über die Wand des Schlafzimmers tanzte. Stimmen waren zu hören. „Nigerianische Armee. Machen Sie auf!“ Vivian war sofort wach. Sie saßen aufrecht im Bett und sahen einander voller Angst an. Was nun? Habila sprang rasch aus dem Bett. Wenn die Armee vorbeikam, hatte man keine Wahl. Sie mussten die Tür öffnen. Vorsichtig suchte er sich seinen Weg zur Tür und drehte den Schlüssel um. Dann schlug der Terror zu. Habila fand sich Auge in Auge mit einer Gruppe Männern in schwarzen Sturmhauben und Kalaschnikows in den Händen. Sofort war ihm klar: Das waren keine Soldaten. Das war Boko Haram.

Vier maskierte Männer stürmten direkt ins Wohnzimmer. Ein fünfter hielt draußen am Hoftor Wache.

Habila wich zurück. „Jesus!“, schrie Vivian auf, in Panik angesichts der nächtlichen Besucher.

„Wir kommen, um das Werk Allahs zu tun!“, schrie einer der Männer …

Flug nach Jos

Gerade hat die nigerianische Stewardess Tüten mit Erdnüssen verteilt. Ich nehme einen Schluck von meinem Saft und spähe aus dem Flugzeugfenster. Tief unter mir erstreckt sich der Regenwald. Hier und da erkennt man Lichtungen, darauf ein paar braune Blätterhütten. Ein mächtiger Fluss sucht sich seinen gewundenen Weg durch die Landschaft. Vor zwanzig Minuten sind wir von Lagos, Afrikas größtem Ballungsgebiet, aus gestartet. Die Stadt Jos im Landesinneren ist unser Ziel.

Das kleine Flugzeug ist kaum halb voll; ich bin die einzige Europäerin an Bord. In der Reihe vor mir sitzt eine füllige Dame in einem glänzenden braunen Kleid und einer Kopfbedeckung aus demselben Stoff. Sehr konzentriert liest sie in der großen Bibel, die sie auf dem Schoß liegen hat. Die Stimmung an Bord ist entspannt – bis das Flugzeug plötzlich in Turbulenzen gerät. „Ay-ay-ay-aah!“, ertönt es laut und klagend aus den Kehlen meiner Mitreisenden. Über den Sitzen leuchtet das Signal, sich anzuschnallen. Rums! Das Flugzeug sackt weiter, und zwar nicht zu knapp. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, dass die Luft über dem Regenwald jetzt dunkel und staubig ist. Wir fliegen direkt in einen Tropensturm. Vor uns zucken Blitze. Ich spüre, wie mir Adrenalin durchs Blut schießt. Die noch frischen Bilder des Flugs MH17 tauchen lebhaft aus meinem Gedächtnis auf. Die riesigen, qualmenden Trümmerteile, die sich über ein Feld verteilten, waren ein Anblick, der ganz Holland erschüttert hat. Wird dies etwa mein letzter Flug sein? Warum musste ich überhaupt auch nach Nigeria kommen?

Für die kommenden Wochen besteht meine Aufgabe darin, Interviews mit Menschen zu führen, die Opfer der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram geworden sind. Die Bewegung hat sich in Nordnigeria fest etabliert und in den letzten Jahren Tausende Zivilisten brutal ermordet: Amnesty International verzeichnet seit Anfang 2014 bereits 5500 getötete Zivilisten. Oft sind es Lehrer oder Staatsangestellte, gegen die Boko Haram besonders gezielt vorgeht. Aber auch besonders Christen sind Ziele tödlicher Angriffe, weil ihr Glaube mit der Vorstellung von einem islamischen Kalifat kollidiert, zu dem Boko Haram den Norden Nigerias erklärt hat.

Die hohe Zahl an Todesopfern und die unermessliche Tragödie, die jeder einzelne dieser Toten bedeutet, schockieren mich. In holländischen Zeitungen erfährt man über diese Vorfälle allenfalls etwas in einer Kurzmeldung auf der letzten Seite – eine Tatsache, die mich in meiner Motivation nur bestärkt, die Geschichten hinter diesen erschreckenden Zahlen kennenzulernen. Wie verändert sich das Leben eines durchschnittlichen Nigerianers durch Boko Haram? Wie überlebt die nigerianische Kirche in diesem Ansturm äußerst brutaler Gewalt? Das sind die Fragen, auf die ich in den kommenden Wochen Antworten suche.

Ich beginne meine Suche mit einem Besuch bei dem nigerianischen Christen Habila Adamu. Ihm haben Boko-Haram-Leute aus nächster Nähe in den Kopf geschossen und ihn dann als tot liegen gelassen. Über Habila hoffe ich auch in Kontakt zu weiteren Opfern der Terrortruppe zu kommen.

Der Name Boko Haram bedeutet „Westliche Bildung ist Sünde“. Wie es scheint, erhebt sich der Widerstand, von dem der Name der Gruppe spricht, bereits, bevor ich überhaupt in Jos gelandet bin. Wo hatte ich doch gleich gelesen, man dürfe dem Schicksal nicht die Stirn bieten?

„Ay-ay-ay-aah!“ Die Schreckensrufe der nigerianischen Passagiere sind inzwischen wirklich laut. Das Flugzeug sackt wieder; diesmal neigt es sich auch noch bedrohlich zur Seite – und gleich darauf zur anderen. Es scheint, als werde die Maschine wehrlos hin- und hergestoßen. Wir ruckeln von links nach rechts und wieder zurück. Die Dame im glänzenden Kleid schwenkt die Bibel über dem Kopf und beginnt, laut zu beten: „Herr Jesus, rette uns! Wenn du nur ein Wort sprichst, müssen die Geister der Luft dir gehorchen. Jesus, o Jesus …“

Die Anspannung unter den Passagieren wächst. Weitere Stimmen beginnen ebenfalls zu beten, überschneiden sich. Zum großen Verdruss der Flugbegleiterin hat der makellos gekleidete Gentleman hinter mir das Zeichen zum Anschnallen ignoriert und blockiert nun den Mittelgang im Versuch, in dem ruckelnden Flugzeug halbwegs elegant auf die Knie zu gehen. Allahu akbar – „Allah ist größer“, höre ich ihn leise murmeln, während er die Stirn auf den Fußboden beugt.

Ich fühle mich, als hätte man mich plötzlich in ein groteskes Szenarium versetzt. Ob wir je in Jos ankommen? Ich bin mir nicht sicher. Oder ist unser Ende nah?

Dann, ganz plötzlich, sind die Turbulenzen wie von Zauberhand weggewischt. Der Wind hat sich beruhigt und die Sprechanlage funktioniert wieder. Ein Weilchen knackt es, dann dringt eine nervöse Stimme durch: „Ladys und Gentlemen, hier spricht Ihr Kapitän. Wir mussten gerade einem heftigen Sturm ausweichen und ändern unseren Kurs in Richtung Abuja, wo wir zwischenlanden werden. Wir werden am Boden warten, bis die Wetterlage sich ausreichend beruhigt hat, um unseren Flug nach Jos sicher fortzusetzen.“

„Danke, Jesus!“ Die Stimme der Dame mit der Bibel füllt die gesamte Kabine. „Amen!“, antworten etliche Nigerianer wie aus einem Mund. „Willkommen in Nigeria!“, denke ich mit einem Seufzer der Erleichterung.


Marjon van Dalen

März 2015

Habila und Vivian

Die Ausläufer von Jos, der Metropole im Zentrum von Nigeria, bieten einen bemerkenswerten Anblick. Vor dem leuchtenden Grün der Hochebene, aus dem immer wieder riesige Felsbrocken hervorleuchten, wirken die einfachen Häuser, als habe man sie dutzendweise zwischen die Felsen gestreut.

Sieht man genauer hin, wird allerdings schnell klar, dass nichts dem Zufall überlassen wurde. Die hier ansässigen Familien haben sich alle den Felsen sorgfältig ausgesucht, in dessen Schutz sie ihr Haus bauen wollten. Manche haben äußerst einfallsreiche Kreationen in die Landschaft gesetzt und ihre Häuser als eine Art Erweiterung des Felsens gebaut. Der Fels dient ihnen als Trockenplatz für die Wäsche, was äußerst effizient ist, denn sobald die Sonne auch nur ein wenig hervorschaut, wird das Gestein heiß wie ein Backofen. Andere haben sich dafür entschieden, ihre Behausung in eine Felsspalte zu setzen. Anscheinend wissen sie den zusätzlichen Schutz zu schätzen, den solide Felswände zu zwei Seiten hin bieten. Aber Schutz wovor? Regen, Wind, Fäuste, Kugeln – all das kann hier durch die Luft fliegen. Wer in Jos lebt, hat keinen Mangel an Dingen, vor denen man sich schützen muss.

Zur Kolonialzeit hatte die Stadt ihre Blütezeit als stolzes Zentrum der Zinnindustrie. Die strategisch günstige Lage auf einem Hochplateau im Herzen Nigerias veranlasste die Briten, hier 1915 eine Siedlung zu gründen. Was sie vor allem dazu bewog, war die Aussicht auf reiche Bodenschätze in der Gegend. 17 000 Tonnen Zinn wurden jährlich aus den Minen in und um Jos gewonnen; 75 000 Einheimische fanden hier Arbeit.

Heute sind die Minen, bis auf wenige Ausnahmen, stillgelegt. Nach dem Preisverfall für Zinn in den 1930er-Jahren haben die großen Gesellschaften das Gebiet verlassen und die örtliche Wirtschaft damit in eine Dauerkrise gestürzt. Überall in der Landschaft stehen rostzerfressene Förderbänder, die sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewegen, als stumme Zeugen dafür, dass die Stadt einmal bessere Tage gesehen hat. Hier und dort hält noch ein maroder Kran seinen Posten, den Sockel umschlungen von hohem Gras, in dem sich ein Mann verbergen könnte. Die Wirtschaft des modernen Jos ist nur noch ein schwacher Abklatsch ihres früheren Selbst.

Die meisten Einwohner sind nicht gerade optimistisch, was ihre Zukunft angeht – nicht nur, weil die wirtschaftlichen Aussichten düster sind, sondern auch, weil sie der Gewalt ausgeliefert sind. Im Norden gewinnt die islamistische Gruppierung Boko Haram immer mehr an Boden. Die Menschen in Jos sind sich sehr wohl bewusst, dass es nicht viel braucht, bis der Funke überspringt und die ganze Stadt in Brand setzt. Sie liegt genau dort, wo der überwiegend muslimische Norden und der mehrheitlich christliche Süden Nigerias aufeinandertreffen. Erst vor ein paar Jahren wurden in Jos dreißig Menschen bei einem Angriff an Weihnachten getötet. Nachdem eine Kirche in Brand gesteckt worden war, brachen Kämpfe zwischen Christen und Muslimen aus. Im nächsten Jahr zu Weihnachten gab es wieder gewaltsame Übergriffe. Niemand in Jos blieb davon unbehelligt: Wer nicht selbst Angehörige verloren hat, hat Freunde, die um Familienmitglieder trauern. Niemand hier zweifelt daran, dass Boko Haram bereits etliche Schläferzellen in der Stadt hat, die nur auf ihre Befehle warten.