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Timothy Keller

JESUS

Seine Geschichte – unsere Geschichte

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Titel der amerikanischen Originalausgabe:
King’s Cross: The Story of the World in the Life of Jesus
© 2011 by Timothy Keller
Published by Dutton, a member of Penguin Group (USA) Inc.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Friedemann Lux

Bibelzitate folgen, wo nicht anders angegeben,
der „Hoffnung für alle – Die Bibel“ (HfA),
Brunnen Verlag Gießen und Basel,
© 1996, 2002 by International Bible Society.
Sonst der Lutherbibel (LÜ), revidierter Text 1984,
durchgesehene Auflage in neuer Rechtschreibung,
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

© 2012 Brunnen Verlag
www.brunnen-verlag.de
Umschlaggestaltung: Ralf Simon
Motiv Schutzumschlag: shutterstock
Satz: Die Feder GmbH, Wetzlar
ISBN 978-3-7655-1224-7
eISBN 978-3-7655-7088-9

FÜR SCOTT KAUFFMANN UND SAM SHAMMAS,
OHNE DIE ES DIESES
BUCH NICHT GÄBE.
UND FÜR DIE ÜBRIGEN MITARBEITER DER REDEEMER
PRESBYTERIAN CHURCH UND VON REDEEMER CITY TO CITY –
DAS
TRAUMTEAM! –, OHNE DIE NICHT VIEL VON UNSERER ARBEIT
EXISTIEREN WÜRDE.
EUCH ALLEN DANKESCHÖN!

INHALT

VORWORT

TEIL I

Der König – wer ist Jesus?

1. Der Tanz

2. Der Ruf

3. Die Heilung

4. Die Ruhe

5. Die Kraft

6. Das Warten

7. Der Flecken

8. Der Zugang

9. Der Wendepunkt

TEIL 2

Das Kreuz – wozu ist Jesus gekommen?

10. Der Berg

11. Die Falle

12. Das Lösegeld

13. Der Tempel

14. Das Festmahl

15. Der Kelch

16. Das Schwert

17. Das Ende

18. Der Anfang

Nachwort

Danke!

Anmerkungen

VORWORT

Zu meiner Überraschung ist dem historischen Jesus in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ein zunehmendes Interesse zuteilgeworden. Es ist jedes Jahr dasselbe: Pünktlich zum Osterfest bringen die großen Magazine Titelstorys über Jesus und die Fernsehsender entsprechende Reportagen. Zu Ostern 2010 erklärte Lisa Miller, Religionsredakteurin beim Nachrichtenmagazin Newsweek: „Ostern ist ... eine Feier des letzten Aktes der Passionsgeschichte, der leiblichen Auferstehung Jesu aus dem Grab drei Tage nach seiner Hinrichtung. ... Die Evangelien beteuern die Glaubwürdigkeit dieses übernatürlichen Ereignisses. ... Jesus starb und erstand von den Toten, damit die, die ihm nachfolgen, eines Tages das Gleiche tun können. Diese Geschichte hat die Gutgläubigkeit selbst der frömmsten Gläubigen strapaziert, denn sie ist wahrlich unglaublich.“1

Ein Jahr zuvor stellte Geza Vermes in seinem Artikel „Myth or History: The Hard Facts of the Resurrection“ [„Mythos oder Historie: Die Fakten der Auferstehung“] für die britische Zeitung The Times folgende Frage: „Im Zentrum der christlichen Botschaft steht die Auferstehung Jesu. Der Hauptvertreter dieser Botschaft, Paulus, erklärt unverblümt: ,Wenn Christus nicht auferstanden ist, ist euer Glaube umsonst.‘ Wie lässt sich diese in zwei Jahrtausenden theologischer Reflexion verfestigte Aussage mit dem übereinbringen, was uns die Evangelien über das erste Ostern erzählen? Ist es ein bloßer Mythos oder enthält es ein Körnchen geschichtlicher Wahrheit?“2

Und in der Zeitschrift USA Today berichtete Nanci Hellmich, dass „zwei Forscher die Größe der Teller und der Essensportionen in 52 der berühmtesten Abendmahlsgemälde analysierten und dabei herausfanden, dass die Portionsgrößen in den letzten tausend Jahren erheblich gewachsen sind.“3 In Deutschland gab es z.B. im Juni 2011 eine eigene SPIEGEL-Sondernummer mit dem Titel Jesus von Nazareth und die Entstehung einer Weltreligion. Die Medien haben uns wirklich viel über das Thema „Jesus“ zu sagen.

Und sie sind damit nicht alleine. Es wäre keine Übertreibung, zu sagen, dass das Thema „Jesus“ ein eigenes Genre ist. Penibel recherchierte Biografien, wissenschaftliche Textkommentare, historischkritische Forschung, spekulative Romane, Antimythologien – es gibt nichts, was es nicht gibt.

In diesen scheinbar unerschöpflichen Strom von Worten und Gedanken über Jesus reihe ich mit aller Vorsicht diesen Band ein. Er ist eine umfassende Reflexion über die Grundannahme des historischen christlichen Glaubens, dass das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu das zentrale Ereignis der Geschichte des Kosmos und der Menschheit, ja die zentrale Achse unseres persönlichen Lebens darstellen. Anders ausgedrückt: Die ganze Geschichte der Welt (und unseren Platz in ihr) können wir am besten dadurch verstehen, dass wir uns eingehend mit der Geschichte von Jesus beschäftigen. In diesem Buch möchte ich Ihnen anhand seiner Worte und Taten zeigen, wie sinnvoll unser Leben wird, wenn wir es in dem Licht seines Lebens betrachten.

Eine wahre Lebensgeschichte

Wenn wir dieses Leben untersuchen und prüfen wollen, ob Jesus tatsächlich lebte, starb und auferstand, wenn wir wissen wollen, ob die Ostergeschichte „ein Körnchen geschichtliche Wahrheit“ enthält (oder vielleicht sogar den Schlüssel zur Geschichte?), dann müssen wir zu den Evangelien gehen, den historischen Dokumenten, die die Jesusgeschichte erzählen. Diese Evangelien sind nach ihren Verfassern benannt: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

Ein Großteil der heutigen „Jesusliteratur“ dreht sich um die Frage, ob die Evangelien zuverlässige Berichte über das Leben von Jesus sind. Vor etwa 200 Jahren kam in der Theologie die Ansicht auf, dass die Evangelien zunächst rein mündliche Überlieferungen waren, die im Laufe von Generationen mit vielen Legenden ausgeschmückt wurden, bis sie über 100 Jahre nach dem Leben Jesu niedergeschrieben wurden.4 Diese Theorie brachte im Laufe der Jahre viele Menschen zu der Überzeugung, dass wir nicht wissen können, wer Jesus wirklich war. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche und die englische Romanautorin George Eliot verloren ihren christlichen Glauben im Wesentlichen durch die Lektüre von David Friedrich Strauß’ Werk Das Leben Jesu, kritisch betrachtet, und jedes Jahr erleben Tausende junger Studenten eine ähnliche Erschütterung ihres Glaubens in Einführungskursen wie „Die Bibel als Literatur“.

Doch es gibt mittlerweile eine Gegenbewegung. Vor 150 Jahren behaupteten Theologen im Brustton der Überzeugung, dass vor den 30er-Jahren des 2. Jahrhunderts n.Chr. keine schriftlichen Evangelien existierten. Doch im Laufe des vergangenen Jahrhunderts sind die Indizien erdrückend geworden, dass die Evangelien viel früher niedergeschrieben wurden, noch zu Lebzeiten vieler der Augenzeugen von Jesu Leben und Tod.5 Dies hat zu „Glaubenswenden“ geführt. Zwei gut dokumentierte Beispiele sind Anne Rice und Andrew N. Wilson. Der Biograf Wilson schrieb 1992 das Buch Jesus: A Life (deutsch: Der geteilte Jesus, München 1993), das auf der These gründet, dass die Evangelien fast ganz aus Legenden bestehen. 2009 erklärte er, wie er nach Jahren des Atheismus und des Schreibens von Büchern, die den christlichen Glauben attackierten, zu eben diesem Glauben zurückgefunden hatte.6 Die Romanschriftstellerin Rice verlor ihren Glauben als Studentin, aber als sie anfing, die Werke bekannter Bibelwissenschaftler zu lesen, machte sie eine Entdeckung:

Die ganze Theorie von dem nichtgöttlichen Jesus, der irgendwie in Jerusalem landete, wo er von irgendwelchen Leuten gekreuzigt wurde, und der nichts mit der Gründung der christlichen Religion zu tun hatte und entsetzt wäre, wenn er wüsste, was man ihm da in die Schuhe schiebt – dieses ganze Bild, das in den liberalen Kreisen kursierte, in denen ich 30 Jahre lang als Atheistin verkehrt hatte, diese Theorie überzeugte nicht.7

Richard Bauckhams Buch Jesus and the Eyewitnesses [„Jesus und die Augenzeugen“] ist die für mich überzeugendste Darstellung, dass die Evangelien nicht mündliche Traditionen sind, die sich in einem langen Prozess herausgebildet haben, sondern vielmehr Geschichtsschreibung, die auf den mündlichen Aussagen von Augenzeugen beruht, die zur Zeit der Niederschrift noch lebten und in den Gemeinden aktiv waren.

Bauckham stellt detailliert dar, dass in den Jahrzehnten nach Jesu Tod und Auferstehung die Augenzeugen des Lebens von Jesus das, was sie mit ihm erlebt hatten, immer wieder in allen Einzelheiten und öffentlich erzählten. Die von ihm Geheilten, wie der Gelähmte, der durch das Dach eines Hauses herabgelassen wurde, Simon aus Kyrene, der das Kreuz von Jesus trug, die Frauen wie Maria Magdalena, die bei der Grablegung dabei waren, und die Jünger wie Petrus und Johannes, die Jesus drei Jahre nachgefolgt waren – mehrere Jahrzehnte berichteten diese Augenzeugen, was ihnen widerfahren war. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes schrieben diese Berichte nieder, und so sind wir zu den Evangelien gekommen.

Bauckham ist zudem zu der Überzeugung gelangt, dass die Evangelien auch inhaltlich zu viele schwierige Aussagen beinhalten, um Legenden zu sein. Es ist doch sehr erstaunlich, dass wir in den Gründungsdokumenten der christlichen Kirche einen Abschnitt finden, in dem einer ihrer größten Führer, Petrus, als jämmerlicher Versager erscheint, der Jesus unter Selbstverfluchungen öffentlich verleugnete. Die einzige plausible Quelle für den Bericht über die Verleugnung des Petrus ist Petrus selber. Kein anderer hätte die dort enthaltenen Details kennen können. Und niemand in der alten Kirche hätte es gewagt, die Schwäche ihres verehrtesten und wichtigsten Führers so offen zu dokumentieren, wenn nicht eben diese Schwäche ein wichtiger Teil der Geschichte gewesen wäre – und wenn sie vor allem nicht wahr gewesen wäre.

Das Markusevangelium

Für die Zwecke dieses Buches schien mir die beste Methode, das Leben von Jesus zu untersuchen, nicht darin zu bestehen, einen Überlick über alle Evangelien zu geben, sondern mich auf eine einzige Darstellung zu konzentrieren, und zwar eine, die die Worte und (vor allem) die Taten Jesu in den Mittelpunkt stellt. So bin ich beim Markusevangelium gelandet.

Wer war Markus? Die früheste und wichtigste Antwort finden wir bei Papias, der bis 130 Bischof von Hierapolis war und der berichtet, dass Markus der Sekretär und Übersetzer des Petrus, eines der zwölf Jünger Jesu, war, der „die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher erinnerte ... genau ... aufgeschrieben hat“. Dieses Zeugnis ist insofern besonders wichtig, als Papias (der 60–135 n.Chr. lebte) einen anderen der ersten Jünger, Johannes, persönlich kannte.8 Bauckham weist in seinem Buch nach, dass die relative Häufigkeit der Erwähnungen des Petrus bei Markus höher ist als in den anderen Evangelien. Wenn Sie das Markusevangelium lesen, stellen Sie fest, dass dort kaum etwas geschieht, bei dem Petrus nicht zugegen ist. Das ganze Evangelium beruht mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Augenzeugnis des Petrus.

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum ich für diese Darstellung des Lebens von Jesus das Markusevangelium als Grundlage wähle: Es ist alles andere als eine trockene Chronik. Es ist im Urtext im Präsens geschrieben und benutzt häufig Ausdrücke wie „sofort“. Der Bericht ist voller Action; die Szenen folgen einander Schlag auf Schlag. Markus lässt keinen Zweifel: Er will uns etwas sehr Wichtiges über Jesus sagen. Jesus ist nicht nur eine historische Figur, sondern eine lebendige Realität, eine Person, die heute zu uns spricht. Schon in den allerersten Sätzen sagt Markus uns, dass Gott in die Geschichte eingebrochen ist. Sein ganzer Stil atmet Dringlichkeit. Etwas unerhört Neues ist geschehen, das den Status quo erschüttert. Wir können uns Geschichte nicht mehr als geschlossenes System von natürlichen Ursachen vorstellen. Wir können kein menschliches System, keine Tradition oder Autorität mehr als zwangsläufig oder absolut betrachten. Jesus ist gekommen, und damit ist alles möglich. Markus möchte uns zeigen, dass dieses Kommen von Jesus unser entschlossenes Handeln verlangt. Er stellt ihn als Mann der Tat dar, der rasch und entschlossen eines nach dem anderen tut. Wir finden im Markusevangelium relativ wenig Lehre. Wir erleben Jesus vor allem als den Handelnden, und weil er handelt, ist unsere aktive Reaktion gefragt. Wir können nicht neutral bleiben. Wir können nicht auf dem Sofa sitzen und nach Ausreden dafür suchen, unser Leben nicht hier und jetzt zu verändern.

Der König und das Kreuz

Durch die Harry-Potter-Romane ist der Londoner Bahnhof King’s Cross zu literarischem Weltruhm gelangt. Im englischen Original ist „King’s Cross“ der Titel dieses Buches, weil es im Leben von Jesus genau darum geht: um das Kreuz („Cross“) des Königs („King“). Das Markusevangelium hat hier eine weitere Eigenschaft, die es für die Ziele dieses meines Buches ideal macht: Es zerfällt in zwei Teile, von denen der erste (die Kapitel 1–9) die Identität von Jesus als König über alle Dinge darstellt und der zweite (Kapitel 10–18) den Sinn seines Todes am Kreuz. Die Struktur des Buches folgt dieser Zweiteilung; auf Teil 1 „Der König“ folgt Teil 2 „Das Kreuz“, wobei jedes der Kapitel einem Aspekt der Geschichte von Jesus, wie Markus sie erzählt, nachgeht.

Bücher sind notwendig in ihrem Inhalt selektiv, und die Evangelien sind hier keine Ausnahme. Johannes beendet sein Evangelium mit den Worten: „Noch vieles mehr hat Jesus getan. Aber wollte man das alles eins nach dem anderen aufschreiben – mir scheint, es wäre wohl auf der ganzen Welt nicht genügend Platz für die vielen Bücher, die dann noch geschrieben werden müssten“ (Johannes 21,25). Ich habe mich entschlossen, mich auf eine Reihe von Schlüsseltexten im Markusevangelium zu konzentrieren, die meiner Ansicht nach das Leben von Jesus bzw. seine Identität und den Sinn seines Kreuzestodes am besten erklären. Dies bedeutet, dass einige bekannte Passagen des Markusevangeliums in diesem Buch nicht eingehend behandelt werden.

Ich bin zuversichtlich, dass die Person von Jesus Ihr Interesse finden wird, weil sie nicht vorhersehbar und doch verlässlich, sanft und doch voller Kraft, vollmächtig und doch demütig, menschlich und doch göttlich ist. Könnte es sein, dass sein Leben etwas für Ihr Leben zu bedeuten hat? Ich bitte Sie, sich diese Frage ernsthaft zu überlegen.

Unsere eigentliche Lebensgeschichte

Ich bin in einer christlichen Gemeinde aufgewachsen, aber erst als Student fand ich zu einem lebendigen, das Leben verändernden Glauben an Jesus. Einer der Kanäle dieses geistlichen Erwachens war die Bibel, besonders die Evangelien im Neuen Testament. Ich hatte die Bibel schon vorher studiert; im Konfirmandenunterricht musste ich viele Bibelstellen auswendig lernen. Aber als ich dann Student war, wurde die Bibel für mich auf eine Art lebendig, die sich nicht leicht beschreiben lässt. Am besten lässt es sich wohl so ausdrücken, dass vorher ich die Bibel studiert, hinterfragt und analysiert hatte, während jetzt die Bibel (oder vielleicht jemand durch die Bibel) mich studierte, hinterfragte und analysierte.

Nicht lange danach stieß ich in einer Zeitschrift auf einen Artikel von Emile Cailliet, Philosophieprofessor am Princeton Theological Seminary, mit dem Titel „The Book that Understands Me“ [„Das Buch, das mich versteht“].9 Als Student in Frankreich war Cailliet Agnostiker gewesen. Während seines ganzen Studiums hatte er nie eine Bibel in der Hand gehabt. Dann kam der Erste Weltkrieg, und er musste als Soldat an die Front. Er schrieb: „Die absolute Unzulänglichkeit meiner Vorstellungen vom Menschen überwältigte mich schier. Was nützt dir ... das gepflegte Seminargeplänkel, wenn direkt vor dir dein Kamerad, der dir gerade von seiner Mutter erzählt, eine Kugel in die Brust kriegt und stirbt?“

Dann bekam er selber eine Kugel ab. Es folgte ein langer Lazarettaufenthalt. Er las viel Literatur und Philosophie und bekam eine tiefe Sehnsucht „nach einem – ich muss es so sagen, egal wie komisch es klingt – Buch, das mich verstand.“ Da er kein solches Buch kannte, beschloss er, selber eines zusammenzustellen. Jedes Mal, wenn er bei seiner ausgiebigen Lektüre einen kurzen, prägnanten Abschnitt fand, der „in meine Lage hineinsprach“, notierte er ihn sorgfältig in einem in Leder gebundenen Notizbuch. Eines Tages, so nahm er sich vor, würde er die fertige Sammlung von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen. Er erwartete, dass sein Buch ihn „sozusagen von Angst und Qual über verschiedene Zwischenstufen hin zu Sätzen äußerster Befreiung und Freude führen würde.“

Der Tag kam, wo er sich in seinem Garten unter einen Baum setzte, um seine kostbare Anthologie zu lesen. Er fing an – und seine Enttäuschung wurde immer größer. Jedes Zitat erinnerte ihn an die Umstände, in denen er es gewählt hatte, aber die Dinge hatten sich verändert. „Da erkannte ich, dass das ganze Unternehmen nicht funktionieren konnte, ganz einfach weil es auf meinem eigenen Mist gewachsen war.“

Fast genau in diesem Augenblick kam seine Frau, die ihr Kind im Kinderwagen spazieren gefahren hatte. Sie hatte eine französische Bibel bei sich, die ihr ein Pastor, dem sie auf dem Spaziergang begegnet war, gegeben hatte. Cailliet nahm die Bibel und schlug sie bei den Evangelien auf. Er las und las, bis tief in die Nacht. „Und siehe da, während ich sie [die Evangelien] las, wurde der Eine, der in ihnen redete und handelte, für mich lebendig.“ Und es dämmerte ihm: „Dies war das Buch, das mich verstand.“10

Als ich diesen Artikel las, erkannte ich, dass mir das Gleiche passiert war. Als Jugendlicher hatte ich geglaubt, dass die Bibel das „Wort des Herrn“ war, aber dem Herrn des Wortes persönlich begegnet war ich nie. Als ich die Evangelien las, wurde er für mich lebendig. Dreißig Jahre später hielt ich in meiner Kirche in New York City eine Predigtreihe über das Markusevangelium in der Hoffnung, dass noch viele andere in den Berichten der Evangelien Jesus finden würden.

Dieses Buch ist durch diese Predigten angestoßen worden, und ich lege es meinen Lesern mit der gleichen Hoffnung vor.

TEIL I

Der König-wer ist Jesus?

1. Der Tanz

Dies ist die rettende Botschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Alles begann so, wie es der Prophet Jesaja vorausgesagt hatte: „Gott spricht: ,Ich sende meinen Boten dir voraus, der dein Kommen ankündigt und die Menschen darauf vorbereitet.‘“

„Ein Bote wird in der Wüste rufen: ,Macht den Weg frei für den Herrn! Räumt alle Hindernisse weg!‘“

Dieser Bote war Johannes der Täufer. Er lebte in der Wüste, taufte und verkündete den Menschen, die zu ihm kamen: „Kehrt um zu Gott, und lasst euch von mir taufen! Dann wird er euch eure Sünden vergeben.“ (Markus 1,1-4)

O hne Umschweife kommt Markus zum Thema seines Buches. Geradezu abrupt stellt er fest, dass Jesus der „Christus“ und der „Sohn Gottes“ ist. Christos war ein griechisches Wort, das „eine gesalbte königliche Gestalt“ bedeutet. Es war ein anderes Wort für den „Messias“ – für den, der kommen würde, um Gottes Herrschaft auf Erden aufzurichten und Israel von all seinen Bedrückern und Nöten zu erretten. Nicht einfach irgendein König, sondern der König.

Doch Markus nennt Jesus nicht nur den „Christus“, er geht weiter. „Sohn Gottes“ ist ein erstaunlich gewagter Ausdruck, der über das volkstümliche MessiasVerständnis jener Tage hinausgeht. Er meint nicht weniger als Göttlichkeit. Und dann lässt Markus die Katze vollends aus dem Sack. Durch das Zitat aus dem Propheten Jesaja erklärt er, dass Johannes der Täufer die Erfüllung der Prophezeiung von dem „Boten in der Wüste“ ist, und indem er so Johannes mit dem gleichsetzt, der „den Weg frei für den Herrn“ macht, setzt er Jesus mit dem „Herrn“ selber gleich, mit dem allmächtigen Gott. Gott der Herr, der sehnlich erwartete Gottkönig, der sein Volk erlösen wird, und Jesus – sie sind irgendwie ein und dieselbe Person.

Mit dieser mehr als mutigen Behauptung verankert Markus die Geschichte von Jesus so tief wie möglich in der historischen Religion des alten Israel. Der christliche Glaube, so deutet er an, ist nicht etwas vollkommen Neues. Jesus ist die Erfüllung all der Sehnsüchte und Visionen der biblischen Propheten; er ist der, der kommen wird, um über das gesamte Universum zu herrschen und es zu erneuern.

Der Tanz der Realität

Ein paar Sätze, nachdem er Jesus so vorgestellt hat, gibt Markus uns einen ersten Einblick in die Geschichte der Welt:

In dieser Zeit kam Jesus aus Nazareth, das in der Provinz Galiläa liegt, an den Jordan und ließ sich dort von Johannes taufen. Als Jesus nach der Taufe aus dem Wasser gestiegen war, sah er, wie sich der Himmel über ihm öffnete und der Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabkam. Gleichzeitig sprach eine Stimme vom Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn, der meine ganze Freude ist.“

Kurz darauf führte der Geist Gottes Jesus in die Wüste. Vierzig Tage war er dort den Versuchungen des Satans ausgesetzt. Er lebte unter wilden Tieren, und die Engel Gottes dienten ihm. (Markus 1,9-13)

Der Geist Gottes als Taube – uns heute ist dies ein vertrautes Bild, aber als Markus schrieb, war es ausgesprochen selten. In den heiligen Schriften des Judentums gibt es nur eine Stelle, wo der Geist Gottes mit einer Taube verglichen wird. Sie findet sich in den Targumen, der aramäischen Übersetzung der jüdischen heiligen Schriften, die zu Markus’ Zeiten in Umlauf war. Im biblischen Schöpfungsbericht heißt es in 1. Mose 1,2, dass der Geist auf dem Wasser schwebte. Das hier verwendete hebräische Wort bedeutet so viel wie „flattern“; der Geist flatterte über den Wassern. Um dieses Bild wiederzugeben, übersetzten die Rabbis diesen Abschnitt für die Targume folgendermaßen: „Und die Erde war ohne Gestalt und leer, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe, und der Geist Gottes flatterte über der Oberfläche der Wasser wie eine Taube, und Gott sprach: ,Es werde Licht.‘“ Bei der Erschaffung der Welt gibt es drei aktive Beteiligte: Gott, Gottes Geist und Gottes Wort, durch das er erschafft. Die gleichen drei Personen sind bei der Taufe von Jesus zugegen: der Vater, der die Stimme ist, der Sohn, der das Wort ist, und der Heilige Geist, der wie eine Taube flattert. Markus führt uns ganz bewusst zurück zur Schöpfung, zum Uranfang der Geschichte: So wie die Erschaffung der Welt ein Projekt des dreieinigen Gottes war, so ist auch ihre Erlösung, die Errettung und Erneuerung aller Dinge ein Projekt des dreieinigen Gottes. Und dieses Projekt beginnt jetzt mit der Ankunft des Königs.

Das will Markus uns also mit seiner Darstellung von Jesu Taufe zeigen. Aber was soll daran so wichtig sein? Warum ist es wichtig, dass wir begreifen, dass beide, Schöpfung und Erlösung, das Werk einer Trinität sindeines Gottes in drei Personen?

Die christliche Trinitätslehre ist nicht einfach; sie ist Schwerarbeit für unsere grauen Zellen. Sie besagt ja, dass Gott ein Gott ist, der jedoch von Ewigkeit an in drei Personen existiert. Dies ist kein Tritheismus, bei dem drei separate Götter harmonisch zusammenwirken. Es ist auch kein Unipersonalismus, also die Vorstellung, dass Gott mal die eine, mal die andere Gestalt annimmt, die dabei immer Manifestationen des einen Gottes sind. Nein, die Trinitätslehre besagt, dass es einen Gott gibt, der gleichzeitig in drei Personen existiert, die einander kennen und lieben. Gott ist nicht prinzipiell mehr Einer als Drei, und er ist nicht prinzipiell mehr Drei als Einer.

Das ist ein Mysterium und eine Herausforderung für unseren Verstand. Doch so „schwierig“ sie auch ist, die Trinitätslehre ist eine wahre Schatzkammer des Lebens. Denn wenn es wahr ist, dass diese Welt die Schöpfung eines dreieinigen Gottes ist, dann bedeutet dies, dass die Realität letztlich ein Tanz ist. Wie ist das zu verstehen?

Als Jesus aus dem Wasser steigt, umgibt und bedeckt der Vater ihn mit Worten der Liebe: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Und gleichzeitig umhüllt der Geist ihn mit Macht. Hier lässt Markus uns einen Blick hinein in das Herz der Realität tun, in den tiefsten Sinn des Lebens, in das Wesen des Universums, denn was hier bei der Taufe von Jesus geschieht, ist das, was von Ewigkeit her im Inneren der Trinität geschieht. Die Bibel sagt, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist einander verherrlichen. Wir sehen dies in dem hohepriesterlichen Gebet Jesu, das Johannes überliefert hat: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war“ (Johannes 17,4-5, LÜ). Jede der drei Personen der Trinität verherrlicht die andere. Es ist ein ewiger Tanz.

Mit den Worten meines Lieblingsautors C.S. Lewis: „Der Gott des Christentums ist nichts Statisches ... , sondern eine dynamisch pulsierende Kraft; ein Leben, fast so etwas wie ein Theaterstück oder, wenn man es nicht für Blasphemie hält, fast so etwas wie ein Tanz.“11 Der Theologe Cornelius Plantinga führt diesen Gedanken weiter aus; er stellt fest, dass die Bibel sagt, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist einander verherrlichen, was er so versteht: „Die Personen innerhalb Gottes erhöhen einander, haben Gemeinschaft miteinander und beugen sich einander. ... Jede der göttlichen Personen hat die beiden anderen im Zentrum ihres Seins. In einer beständigen Bewegung des Sichöffnens und Annehmens umgibt und umkreist jede die anderen. ... Gottes Inneres fließt [daher] über von Wertschätzung für andere.“12

Ich verherrliche etwas, wenn ich es um seiner selbst willen schön finde. Seine Schönheit nötigt mich, sie zu bewundern, meine Gedankenwelt wird davon gefangen genommen. Das ging mir mit Mozart so. Um eine Eins in Musik zu bekommen, habe ich in der Schule Mozart gehört. Ich brauchte gute Noten, um einen guten Beruf erlernen zu können. Also mit anderen Worten: Ich hörte Mozart, um Geld zu verdienen. Heute bin ich gerne bereit, Geld auszugeben, um Mozart zu hören, und das nicht, weil es mir irgendeinen Vorteil verschafft, sondern einfach um seiner selbst willen, weil es schön ist. Es ist nicht länger ein Mittel zum Zweck.

Und wenn wir eine Person auf die Art schön finden, dann geben wir uns ihr bedingungslos hin. Wenn ich sage: „Ich gebe mich dir hin, solange mir das einen Vorteil verschafft“, dann gebe ich mich nicht dieser Person hin, sondern verwirkliche mich selbst durch sie. Ich drehe mich dann nicht um diese Person, ich benutze sie, um sie in meinen Machtbereich, in meine „Umlaufbahn“ zu bringen.

Natürlich gibt es viele Zeitgenossen, die selbstlos und pflichtbewusst erscheinen – aus dem einfachen Grund, weil sie nicht Nein sagen können. Sie sagen Ja zu allem, und werden permanent von anderen Menschen benutzt. Und jeder sagt ihnen: „Du bist so selbstlos, du opferst dich so für andere auf – du solltest wirklich mehr auf dich selbst achten.“ Aber wer keine Grenzen setzen kann, alle auf sich herumtrampeln und sich benutzen lässt und nicht Nein sagen kann – tut er das aus Liebe für andere Menschen? Natürlich nicht – er tut es aus Not heraus, aus Angst und Feigheit. Das hat nichts damit zu tun, sich einem anderen Menschen wirklich hinzugeben, ihm wirklich zu dienen. Andere Menschen zu ehren, „verherrlichen“, meint, sich ihnen bedingungslos hinzugeben, nicht, weil wir damit irgendeinen Zweck erreichen, sondern nur aus Liebe und Wertschätzung dessen, was diese Menschen wirklich sind.

Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist drehen sich jeder um den anderen, sie verehren die jeweils anderen und dienen ihnen. Und weil Vater, Sohn und Heiliger Geist einander diese einander verherrlichende Liebe geben, ist Gott unendlich und zutiefst glücklich. Stellen Sie sich vor: Sie finden jemanden, den Sie verehren, für den Sie alles tun würden, und Sie entdecken, dass diese Person dasselbe für Sie empfindet. Würde sich das gut anfühlen? – Es wäre unglaublich! So empfindet Gott in alle Ewigkeit. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist verströmen sich vor Liebe und Freude und Verehrung aneinander und füreinander, jeder dient dem anderen. Sie suchen ohne Ende die Herrlichkeit dess anderen und sind daher unendlich glücklich. Und wenn es wahr ist, dass diese Welt vom dreieinigen Gott geschaffen ist, dann ist die tiefste Realität dieser Tanz.

„Und welche Bedeutung hat dies alles?“, schreibt C.S. Lewis. „Es ist bedeutsamer als alles andere auf dieser Welt. Der ganze Tanz, das ganze Schauspiel oder das Vorbild dieses dreieinigen Lebens muss in jedem von uns vollendet werden ... [Freude, Kraft, Frieden, ewiges Leben] entspringen einer gewaltigen Quelle der Kraft und Schönheit, die aus der Mitte aller Wirklichkeit hervorsprudelt.“13 Warum wählt Lewis das Bild des Tanzes? Ein Leben, das um sich selber kreist, ist statisch, nicht dynamisch. Der Egozentriker will, dass alles sich um ihn dreht. Ich helfe anderen, ich habe Freunde, ich verliebe mich sogar – aber nur solange es meinen ureigenen Interessen und Bedürfnissen nicht zuwiderläuft. Vielleicht spende ich sogar für die Armen – solange das mein Ego kitzelt und meinen Geldbeutel nicht zu sehr belastet. Für den Egozentriker ist alles nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck, dieses Etwas, ohne das nichts läuft, ist das, was ich will und was mir gefällt, es sind meine Interessen und nicht die der anderen. Ich spiele mit anderen, ich rede mit anderen, aber letztlich kreist alles um mich.

Wenn aber jeder sagt: „Alles hat sich um mich zu drehen!“, was ist die Folge? Stellen Sie sich fünf, zehn oder auch hundert Menschen vor, die auf einer Tanzbühne stehen und von denen jeder der Mittelpunkt sein will. Es wird zu keinem Tanz kommen, denn jeder steht nur da und sagt den anderen: „Los, tanzt um mich herum!“

Die Trinität ist völlig anders. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind nicht jeder auf sich bezogen, sondern ihrem ureigenen Wesen nach sich selbst verströmende Liebe. Keine Person der Dreieinigkeit fordert die anderen auf, sich um sie zu drehen, sondern jede dreht sich um die beiden anderen, verherrlicht sie, ehrt sie, dient ihnen und beugt sich ihnen. Jeder der drei kreist aus freien Stücken um die beiden anderen.

Aufforderung zum Tanz

Wenn dies die tiefste Realität ist, wenn der Gott, der das Universum schuf, so ist, dann hat diese Tatsache unglaubliche, unvorstellbare, lebensverändernde und fantastische Auswirkungen für unser Leben. Wenn diese Welt die Schöpfung eines dreieinigen Gottes ist, dann machen Liebesbeziehungen das Wesen und den tiefsten Sinn des Lebens aus.

Unterschiedliche Ansichten von Gott bringen unterschiedliche Folgen für unsere Sicht der Welt mit sich. Wenn es keinen Gott gibt und wir nur durch reinen Zufall auf dieser Erde sind, lediglich als Produkt der natürlichen Selektion, dann ist das, was Sie und ich Liebe nennen, nur ein chemischer Zustand des Gehirns. Die Evolutionsbiologen erklären uns, dass wir so sind, wie wir sind, weil diese Eigenschaften es unseren Vorfahren leichter machten, ihren genetischen Code weiterzuvererben. Wenn wir Liebe spüren, dann nur deswegen, weil die entsprechende Kombination von Chemikalien uns zum Überleben hilft und unseren Körper in die Lage versetzt, unseren genetischen Code weiterzugeben. Liebe ist Chemie, und sonst nichts. Gibt es Gott dagegen, ist er nur eine Person, dann gab es eine Zeit, wo Gott nicht Liebe war. Bevor er die Welt erschuf, gab es keine Liebe, denn er war ja allein. Damit aber wäre Liebe lediglich eine zweitrangige Eigenschaft Gottes, die nicht zu seinem innersten Wesen gehört. Sein innerstes Wesen könnte Allmacht sein, aber nicht Liebe. Wenn aber von Ewigkeit her, ohne Anfang und ohne Ende, die tiefste Realität eine Gemeinschaft von Personen ist, die einander kennen und lieben, dann geht es in der Realität im Tiefsten um Liebesbeziehungen.

Warum erschafft ein dreieiniger Gott eine Welt? Bei einem unipersonalen Gott könnte man sagen: „Er hat die Welt erschaffen, damit er Wesen hat, die ihn lieben und anbeten und ihm so Freude machen.“ Aber der dreieinige Gott hatte dies ja bereits, und die Liebe, die er in sich selber empfing, war viel reiner und stärker als das, was wir Menschen ihm je bieten könnten. Warum hat er uns trotzdem erschaffen? Es gibt nur eine Antwort. Offenbar hat er uns nicht erschaffen, um Freude zu bekommen, sondern um Freude zu geben. Er muss uns erschaffen haben, um uns zum Tanz aufzufordern, um uns zu sagen: Wenn ihr mich verherrlicht, wenn ihr euer ganzes Leben auf mich ausrichtet, wenn ihr mich schön findet, weil ich der bin, der ich bin, dann werdet ihr euch einreihen in den großen Tanz, denn dazu seid ihr erschaffen. Ihr seid nicht bloß dazu da, um an mich zu glauben oder ein bisschen spirituell zu sein, nicht nur, um zu beten und in dunklen Stunden etwas Inspiration zu bekommen. Ihr seid dazu erschaffen, euch mit eurem ganzen Sein um mich zu drehen und alles andere von eurer Beziehung zu mir her zu sehen. Ihr seid dazu da, mir bedingungslos zu dienen. Dann, und nur dann, werdet ihr Freude finden. Das ist der Sinn des Tanzes.

Tanzen Sie schon oder glauben Sie bloß, dass Gott irgendwo da oben ist? Tanzen Sie schon, oder beten Sie nur hin und wieder zu Gott, wenn Sie Probleme haben? Tanzen Sie oder suchen Sie Menschen, die bereit sind, sich um Sie zu drehen? Wenn das Leben ein göttlicher Tanz ist, dann ist das Wichtigste in Ihrem Leben, dass Sie mittanzen. Dafür sind Sie erschaffen. Sie sind dazu da, in einen göttlichen Tanz mit der Dreieinigkeit einzutreten.

Tanzen in der Wüste

Direkt nach seiner Taufe findet Jesus sich in der Wüste wieder, wo er vom Teufel versucht wird. Markus schreibt:

Kurz darauf führte der Geist Gottes Jesus in die Wüste. Vierzig Tage war er dort den Versuchungen des Satans ausgesetzt. Er lebte unter wilden Tieren, und die Engel Gottes dienten ihm. (Markus 1,12-13)

Markus zeigt uns mit diesen knappen Worten, dass die letzte Realität zwar ein Tanz ist, wir aber Realität als Kampf erleben. Markus verbindet seinen Bericht mit dem, was seine Leser über die Geschichte der Welt wussten, indem er eine Parallele zwischen dem Schöpfungsbericht der hebräischen Heiligen Schrift und dem Leben von Jesus herstellt. Im Schöpfungsbericht in 1. Mose schwebt der Geist über dem Wasser, Gott spricht die Dinge ins Sein, der Mensch wird erschaffen und die Menschheitsgeschichte beginnt. Was geschieht gleich darauf? Der Teufel versucht die ersten Menschen, Adam und Eva, im Garten Eden.

Und wie ist es hier bei Markus? Jesus steigt aus dem Wasser, der Geist kommt auf ihn herab, Gott spricht, eine neue Menschheit beginnt, der Gang der Geschichte ändert sich – und sofort wiederholt sich das Muster mit der Versuchung Jesu durch den Satan in der Wüste. Markus wählt seine Worte sehr bewusst: Er sagt, dass Jesus „bei den wilden Tieren“ war. Zur Zeit als Markus sein Evangelium schrieb, wurden die Christen in den römischen Arenen den wilden Tieren vorgeworfen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass viele überlebende Christen versucht waren, an ihrem Glauben zu zweifeln, ihre Hingabe an Gott aufzukündigen. Aber hier sehen sie, dass Jesus, wie Adam, eine besondere Gottesbeziehung erlebte und dann herausgefordert war, mit einer ganz eigenen Bedrohung fertigzuwerden.

Die Wüste ist nicht nur eine zufällige Abirrung in Schwierigkeiten – sie ist das grundsätzliche Kampffeld. Und die Versuchung ist nicht unpersönlich – es gibt einen konkreten Feind, der der Versucher ist. Markus behandelt Satan als Realität, nicht als Mythos. Das passt natürlich überhaupt nicht in unsere moderne Kultur, die die Existenz des Übernatürlichen schon skeptisch betrachtet – ganz zu schweigen von der Existenz des Dämonischen. Für uns ist Satan eine Personifikation des Bösen, die aus einer vorwissenschaftlichen, abergläubischen Zeit stammt. Die Bibel sagt demgegenüber, dass es in dieser Welt sehr reale Kräfte des Bösen gibt, und dass diese Kräfte sehr komplex und sehr intelligent sind. Satan, der Anführer dieser Kräfte, versucht, uns aus dem Tanz herauszubringen. Das können wir bei Adam im Garten beobachten – und bei Jesus in der Wüste.

Im Garten erhielt Adam die Anweisung: „Gehorche mir bei dem Baum; iss nicht von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ Warum wurde das zur Versuchung? Wie ich oben sagte, hat Gott uns dazu erschaffen, um ihn zu kreisen, unser Leben auf ihn auszurichten, in dem Tanz mitzutanzen. Wenn Gott uns sagt: „Iss nicht“, was ist unsere erste Reaktion? Klar, wir fragen: „Warum nicht?“ Aber diese Frage beantwortet Gott uns nicht. Warum tut er das nicht? Nun, wenn wir Gott deswegen gehorchten, weil wir wis sen, dass das gut für uns ist, blieben wir für uns und wären nicht in dem Tanz. Wir würden sagen: „Okay, das ist nachvollziehbar. Ich verstehe vollkommen, warum ich Gott gehorchen und nicht von dem Baum essen soll, klarer Fall.“ Gott wäre damit ein Mittel zu einem Zweck, und nicht ein Zweck in sich selber.

Gott sagte den ersten Menschen praktisch: „Weil ihr mich liebt, deshalb sollt ihr nicht von dem Baum essen – einfach, weil ich es gesagt habe. Nur um der Beziehung zu mir willen. Gehorcht mir, wenn es um diesen Baum geht, und ihr werdet leben.“ Adam und Eva bestanden diese Versuchung nicht, und dem ganzen Menschengeschlecht nach ihnen ist es nicht anders ergangen. Der Satan wird nie aufhören, uns auf die Probe zu stellen. Er sagt uns: „Diese Sache mit der sich selbst hingebenden Liebe, wo man sich total verletzlich macht und um andere kreist – das funktioniert nie und nimmer.“

Genau dasselbe ist Jesus in der Wüste passiert. Markus sagt uns nicht, was in der Wüste geschehen ist. Aber Matthäus tut es. In seinem Bericht (Mt 4,1-11) sagt er im Grunde, dass Satan versuchte, Jesus aus seiner „Umlaufbahn“ um den Vater und den Heiligen Geist – und um uns – herauszubringen, damit sich alles andere um ihn dreht und um sich selbst zu schützen. Natürlich endet die Versuchung nicht mit dieser Episode in der buchstäblichen Wüste: Den ganzen Rest seines Lebens wird Jesus vom Satan angegriffen, und der Kampf erreicht einen Höhepunkt in einem anderen Garten, dem Garten Gethsemane, dem ultimativen Antigarten zum Garten Eden.

Es ist leicht für uns, auf Adam und Eva herabzublicken und zu sagen: „Diese Narren! Warum haben sie auf den Teufel gehört?“ Wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir, dass wir diese Lüge des Satans immer noch im Herzen tragen; wir haben Angst, Gott bedingungslos zu vertrauen. Oder überhaupt jemandem zu vertrauen. Wir tanzen nicht, sondern stehen still, weil der Satan uns dazu auffordert.

Aber Gott lässt uns nicht alleine und hilflos zurück. Gott sagt zu Jesus: „Gehorche mir, wenn es um diesen Baum geht“ – nur dass dieses Mal der Baum ein Kreuz war – „und du wirst sterben.“ Und Jesus starb. Er ist vor uns vorgedrungen zum Zentrum dieses sehr realen Kampfes, um uns in die letzte Realität dieses Tanzes hineinzuziehen. Und manchmal, wenn wir am tiefsten in diesem Kampf drinstecken, wenn wir angefochten und verletzt und schwach sind, dann hören wir ganz tief in uns drin dieselben Worte, die Jesus hörte: „Dies ist mein geliebtes Kind – du bist mein geliebtes Kind, das ich liebe, über das ich mich sehr freue.“

2. Der Ruf

Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! (Markus 1,14-15, LÜ)

D as erste Mal, wo wir im Markusevangelium Jesus sprechen hören, sagt er: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Das Wort Buße tun bedeutet hier, dass man umkehrt bzw. sich von etwas abwendet. In der Bibel meint es speziell das Sichabwenden von den Dingen, die Jesus hasst, hin zu denen, die er liebt. Das griechische Euangelion, das normalerweise mit „gute Nachricht“ oder „Evangelium“ übersetzt wird, kombiniert Angelos („jemand, der eine Nachricht verkündet“) mit der Vorsilbe eu- („freudig“, „froh“). Das Evangelium ist wörtlich „eine Nachricht, die Freude bringt“, eine „Freudenbotschaft“. Zur Zeit des Markus war dies ein gängiges Wort, aber kein religiöses. Es bedeutete vielmehr eine Geschichte machende, das Leben verändernde Nachricht, im Gegensatz zu bloßen Alltagsneuigkeiten. Es gibt zum Beispiel eine römische Inschrift, die etwa aus der Zeit von Markus und Jesus datiert und die so anfängt: „Der Anfang des Evangeliums von Caesar Augustus“. Es geht hier um die Geschichte der Geburt und Krönung des Kaisers Augustus. Ein Evangelium war eine Nachricht über ein Ereignis, das den Lauf der Dinge veränderte. Das konnte zum Beispiel eine Thronbesteigung sein oder ein Sieg. Als die Perser in Griechenland einfielen und die Griechen die großen Schlachten von Marathon und Solnus gewannen, schickten diese Herolde („Evangelisten“) in die Städte, um die gute Nachricht zu verkünden: „Wir haben für euch gekämpft, wir haben gewonnen und ihr seid nun nicht länger Sklaven, sondern frei.“ Ein Evangelium ist die Verkündigung eines historischen Ereignisses, das den Status der Empfänger der Botschaft für immer verändert.

Womit wir bei dem Unterschied zwischen dem Christentum und allen anderen Religionen (einschließlich gar keiner Religion) wären: Alle anderen Religionen sind im Wesentlichen Anweisungen, wie man leben soll; das Christentum dagegen ist im Wesentlichen eine Nachricht von etwas Neuem. Andere Religionen sagen: „Das und das musst du tun, um Gott zu finden; so und so musst du leben, damit Gott dich annimmt.“ Das Evangelium dagegen sagt: „Das ist historisch geschehen. So hat Jesus gelebt und ist gestorben, um dir die Tür zu Gott zu öffnen.“ Das Christentum ist völlig anders. Es ist eine Freudenbotschaft.

Wie fühlen Sie sich, wenn jemand Ihnen Ratschläge gibt, wie Sie richtig leben? Jemand sagt: „So musst du lieben, so moralisch sauber musst du sein“, und dann illustriert er seine hohen moralischen Maßstäbe vielleicht noch durch eine Geschichte von irgendeinem großen Helden. Wenn Sie so etwas hören, was bewirkt das in Ihnen? Es ist inspirierend, ohne Frage. Aber fühlen Sie sich genauso wie damals die Menschen in Griechenland, die die Herolde hörten, die ihnen den Sieg verkündeten? Fühlen Sie sich wie jemand, von dem eine Last abfällt, für den etwas Großes geschehen ist, sodass er kein Sklave mehr ist? Natürlich nicht. Die moralischen Regeln drücken Sie nieder: So musst du leben. Dies ist kein Evangelium. Das Evangelium ist, dass Gott seine Beziehung zu Ihnen nicht auf die Grundlage dessen stellt, was Sie getan haben (oder nicht getan haben), sondern auf die Grundlage dessen, was Jesus historisch für Sie getan hat. Und damit ist es fundamental anders als jede andere Religion oder Philosophie.

Jesus sagt: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Was ist das Evangelium vom Reich Gottes? In 1. Mose 1 und 2 sehen wir, dass wir dazu erschaffen wurden, in einer vollkommenen Welt zu leben, in der alle Beziehungen heil sind (also seelisch und sozial perfekt), weil Gott der König ist. Aber 1. Mose 3 erzählt uns, wie es weiter ging: dass wir alle lieber unser eigener König sein wollten. Wir sind den Weg in die Ichbezogenheit gegangen, und Ichbezogenheit zerstört Beziehungen. Nichts macht einen elender (oder langweiliger) als das Kreisen um das eigene Ich: Wie fühle ich mich gerade? Wie geht es mir? Wie behandeln die Menschen mich? Habe ich Erfolg? Beweise ich mich gerade selber? Versage ich? Werde ich ungerecht behandelt? Die Selbstbezogenheit lässt uns stillstehen, lässt uns um uns selber kreisen. Es gibt nichts, was destruktiver wäre. Warum haben wir Kriege, Klassenkämpfe, kaputte Familien und zerrüttete Beziehungen? Es ist die Finsternis der Ichbezogenheit. Wenn ich beschließe, mein eigenes Zentrum, mein eigener König zu sein, bricht alles auseinander – physisch, sozial, geistlich und seelisch. Wir haben den Tanz verlassen. Aber wir alle sehnen uns danach, ihn wieder aufzunehmen. Diese Sehnsucht speist die Mythen und Legenden fast jeder Kultur, und so verschieden die Geschichten sind, sie haben alle ein ähnliches Thema: Ein wahrer König wird zurückkommen, den Drachen töten, uns küssen und aus dem Todesschlaf aufwecken, uns aus dem Turm, in dem wir gefangen saßen, befreien, uns zurückführen in den Tanz. Ein wahrer König wird kommen, um alles wiedergutzumachen und die ganze Welt zu erneuern. Und die gute Nachricht vom Reich Gottes ist diese: Dieser wahre König ist Jesus.

Ich muss hier an eine Szene in Tolkiens Herr der Ringe denken, wo eine alte Frau sagt: „Die Hände des Königs sind Hände eines Heilers. Und so konnte der rechtmäßige König immer erkannt werden.“14 Wie ein Kind unter der Autorität eines weisen und guten Vaters aufblüht oder ein Fußballteam in den Händen eines tüchtigen, begabten Trainers, so fängt dann, wenn Sie sich unter die heilenden Hände des Königs begeben, unter die Herrschaft Jesu, alles in Ihrem Leben an, heil zu werden. Wenn er einst wiederkommt, wird alles Traurige nicht mehr sein. Seine Wiederkunft wird das Ende von Angst, Leid und Tod bringen.

Chroniken von Narnia,15