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Gordon MacDonald

Warum Jesus
kein Burnout hatte

Von innen heraus stark sein

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Titel der amerikanischen Originalausgabe: Building Below the Waterline
Copyright © 2011 Gordon MacDonald
Veröffentlicht mit Genehmigung von Christianity Today, Illinois, USA.

Bibelzitate folgen i. d. R. der Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984.
© 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

INHALT

Einleitung

Teil I: Unser inneres Leben

Die eigene Mitte finden

Sieben Worte zum Leben

Die Seele kultivieren

Wenn ich einmal groß bin

Das Innerste aufzeichnen

Die tiefsten Beweggründe

Bedingungsloser Glaube

Die Wurzel des Leitens

Neue Kraft am Montagmorgen

Persönliche Zeiten des Rückzugs

Auf den Knien beginnt der Dienst

Teil II: Unser äußeres Leben

Die Kraft des gottesdienstlichen Gebets

Anruf um drei Uhr nachts

Unangenehme Erschütterungen

Deutliche Worte sprechen

Vorzeitig ausgeschieden

Das Herz erreichen

Vom Fall großer Kirchen

Vom richtigen Umgang mit Konflikten

Manchmal muss man einfach verschwinden

Zehn Voraussetzungen für Gemeindewachstum

Gezielte Nachwuchsförderung

Gottes Botschaft im Schmerz

Wenn es Zeit ist zu gehen

Nachwort

EINLEITUNG

Der Bau der Brooklyn Bridge, die den East River überspannt und Manhattan mit Brooklyn verbindet, dauerte den New Yorkern eindeutig zu lange. Weil es über Wasser keine sichtbaren Anzeichen für bauliche Fortschritte gab, murrten die Leute. Im Juni 1872 veröffentlichte der leitende Ingenieur des Projektes schließlich eine Stellungnahme. Er erklärte, dass im vergangenen Winter unter Wasser immense Maurer- und Zementierarbeiten verrichtet worden waren. Diese entsprächen „dem Umfang der gesamten Maurerarbeiten am Brooklyn-Turm, die heute über der Wasseroberfläche sichtbar sind“ (aus: David McCullough, The Great Bridge; Hervorhebung von mir).

Die Brooklyn Bridge ist nur deshalb bis heute eine Hauptverkehrsader nach New York City, weil der leitende Ingenieur und sein Team vor 140 Jahren dort am geduldigsten und mutigsten tätig waren, wo keiner etwas davon sah: an den Fundamenten der Türme unter Wasser. Dies entspricht einem zeitlosen Prinzip für Christen in Verantwortung: Die Arbeit, die unter Wasser geleistet wird (nämlich an der eigenen Seele), entscheidet darüber, ob man die Prüfungen und Herausforderungen besteht, denen man im Laufe des Lebens begegnet. Diese Arbeit nennt sich Anbetung, Andacht und geistliche Disziplin. Sie geschieht im Stillen, wo sie nur Gott allein sieht.

Heute wird ungeheures Gewicht auf Themen wie Vision, Organisationsstrategien und eine „markttaugliche“ Botschaft gelegt. Fraglos sind diese Dinge sehr wichtig – und ich wünschte, ich hätte als junger Pastor davon gehört. Wenn es aber nur darum geht, was „über der Wasseroberfläche“ passiert, dann werden wir in den kommenden Jahren wahrscheinlich viele verantwortliche Gemeindemitarbeiter scheitern und ausbrennen sehen. Menschen, die mit großartigen Gaben und Charisma gesegnet sind, könnten erleben, wie ihr Charakter, ihre Schlüsselbeziehungen und ihr Glaubenszentrum zerbrechen. Sie haben nie gelernt, dass man nicht über Wasser bauen kann (und auch nicht soll), solange es keine festen Fundamente darunter gibt.

TEIL I

UNSER INNERES LEBEN

DIE EIGENE MITTE FINDEN

Die Mitte der Seele ist Gott; sobald der Mensch
entsprechend der ganzen Fassungskraft seines Wesens
und entsprechend der Kraft seines Wirkens
und seines Hanges zu ihm gelangt ist, ist er zu seiner
letzten und tiefsten Mitte in Gott gelangt
.

JOHANNES VOM KREUZ*

Es gab eine Zeit, in der ich sehr danach strebte, Verantwortung für eine Gemeinde zu tragen; heute sehe ich das nüchterner. Es ist ein Vorrecht, ein solches Amt zu haben, aber der Preis ist hoch.

Ein Gemeindeleiter muss genau auf jedes seiner Worte achten und lernt schnell, dass man ohne ein paar Kritiker nicht durchs Leben kommt; und manche hat man sehr wohl verdient. Gelegentlich fällt es schwer, echte Freunde auszumachen, und man hat wenig Zeit, Beziehungen zu pflegen. Auf Freunden und Familie lastet Druck, und manchmal, so vermute ich, fragt man sich: „Wer braucht denn all das?“ Andererseits war alles, woran ich teilhaben durfte, das Ergebnis meiner Entscheidung, auf Gottes Ruf in eine leitende Position zu antworten. Also will ich nicht klagen.

Meiner Frau Gail und mir ist ständig bewusst, dass Gott uns zu etwas berufen hat. Jeden Morgen nehmen wir uns Zeit, ihn zu fragen: „Welchen Zweck hat dies oder jenes in unserem Leben?“ Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass all mein Tun toll sein muss, aber ich empfinde stark das Gefühl, berufen zu sein und eine Pflicht zu haben. Welche anderen Kennzeichen sollte ein Christ in Verantwortung neben der Berufung noch besitzen?

Vier Kennzeichen eines Christen
in Verantwortung

Das erste Kennzeichen ist die Fähigkeit, eine Vision weiterzugeben. Als Verantwortlicher ist man Hüter einer Vision. Manche von uns vermitteln die Vision durch ihr rednerisches Talent, andere gehen andere Wege. D. E. Hoste beispielsweise, Hudson Taylors Nachfolger in der China-Inland-Mission, hatte die Gabe des Verwaltens; seine Verantwortung nahm er im Büro und am Sitzungstisch wahr. Dank seiner Weisheit und Überzeugungskraft erkannten die Menschen, dass er mit dem Heiligen Geist erfüllt und es wert war, ihm zu folgen.

Das zweite Kennzeichen ist die Aufmerksamkeit Menschen gegenüber. Zuerst und vor allem muss man hören, was Menschen sagen. Peter Drucker sagt, Kommunikation ereigne sich nicht beim Redner, sondern beim Hörer. Als Redner muss ich verstehen, wie der andere denkt. Wie nimmt er Informationen auf? Churchill kannte die Engländer und achtete deshalb auf die richtigen Formulierungen, mit denen er ihre Aufmerksamkeit gewinnen konnte; er wusste, was sie inspirieren und auf den Feind wütend machen konnte, damit sie trotz unglaublicher Nöte durchhalten würden.

Ein drittes Kennzeichen ist die Fähigkeit, Situationen zu beurteilen. Einfühlsam zu sein, bedeutet auch, Situationen entschlüsseln zu können und zu begreifen, was vor sich geht. Ich denke, Gott hat mich in diesem Bereich begabt. Ich kann einen Raum betreten und blitzschnell instinktiv erfassen, wer hier das Sagen hat, oder aber (was auch sein kann), dass niemand das Sagen hat. Das ist im Bereich der Gemeinde eine wichtige Fähigkeit.

Das vierte Kennzeichen ist wachsende Selbsterkenntnis. Einfühlsame Christen in Verantwortung müssen sich selbst kennen. Wenn wir uns selbst nicht kennen, nicht wissen, was uns geformt hat, was uns kaltstellt und wo unsere Grenzen sind, öffnen wir dem Unheil Tor und Tür. Viele Verantwortliche sind unsicher. Manche kämpfen mit Dingen aus ihrer Vergangenheit, die nicht aufgearbeitet wurden. Das kann zur Achillesferse der Mitarbeit werden.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Als ich meinen Gemeindedienst antrat, war ich sehr unsicher und brauchte besondere Bestätigung. Ich brauchte Menschen, die mich mochten, und setzte Zustimmung mit Bestätigung gleich. Erst nach und nach veränderte ich mich von jemandem, der getrieben ist, hin zu einer Person, die berufen ist.

Der Weg der Selbsterkenntnis beginnt damit, mich täglich kritisch vor Gott zu prüfen und sündhafte Beweggründe aufzuspüren. Außerdem führt er zurück in die eigene Vergangenheit: Was hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin? Wonach suche ich im Leben? Was habe ich nicht bekommen, das ich gebraucht hätte?

Der Wert des Mentors

Auf diesem Weg kann uns ein Mentor wertvolle Hilfestellung leisten. Der Mentor gibt Bestätigung, sodass man sie nicht künstlich suchen muss. Und er korrigiert falsche Verhaltens- und Denkweisen. In der Pfarrerausbildung war Ray Buker einer meiner Lehrer. Für ein anderes Fach musste ich eine Erörterung zum Thema christliche Erziehung verfassen, also schwänzte ich zwei Unterrichtsstunden bei Dr. Buker, um daran zu arbeiten. Am Abend, nachdem ich meinen Vortrag gehalten hatte und alle weg waren, kam Buker und sagte: „Gordon, dein Vortrag war gut. Leider war er nicht großartig. Willst du wissen, warum?“

Ich sagte: „Ich weiß nicht genau …“

„Er war nicht großartig, weil du deine Routine dafür aufgegeben hast.“

Das war einer jener Momente, in denen ich ein wichtiges Lebensprinzip erkannte. Die Routine zu opfern, macht uns nicht besser. Dr. Buker wollte darauf hinweisen, dass die meisten von uns um der Gipfel willen durch das Leben gehen, statt zu erkennen, dass das Leben oft in den Tälern und an den Hängen stattfindet. Ich werde diese Lektion nie vergessen.

Als ich noch Wettkampfsportler war, verlor ich ein wichtiges Rennen, weil ich nicht auf meinen Trainer gehört hatte. Im Anschluss an das Rennen sagte er zu mir: „Du bist auf dem besten Weg, ein Mann zu werden, der in seinem Leben die Dinge auf die harte Tour lernen wird.“

An diesem Tag ging ich nach Hause und dachte: Das war die letzte Lektion, die ich auf die harte Tour gelernt habe. In Zukunft schaue ich mir ab, was andere auf die harte Tour gelernt haben. Diesem Prinzip bin ich treu geblieben. Ich fing an, die Fehler und das Versagen anderer zu beobachten, und fragte mich dann: Wo neige ich dazu, dieselben Fehler zu machen?

Viele Verantwortliche arbeiten auf einem Niveau, auf dem sie lange Zeit durchhalten, ohne dass jemand von ihnen Rechenschaft verlangt. Das führt dazu, dass sie so damit beschäftigt sind, anderen zu helfen, dass sie den klaren Blick auf die Dinge verlieren. Wenn dann ein Mentor ein paar deutliche Fragen stellt, sie mit harten Fakten konfrontiert, fragen sie sich plötzlich: Wie konnte ich das denn übersehen?

Unsere geistliche Mitte

Oft schaffen wir es nicht, zwischen dem zu unterscheiden, was gut und nützlich ist, und dem, was wir ablegen müssen. Wir alle können unsere Vergangenheit als Ausrede benutzen: „Ich bin aus diesem und jenem Grund so, also nimm mich, wie ich bin.“ Als verantwortlicher Mitarbeiter darf man sich solch ein Selbstmitleid aber nicht erlauben. Es abzulegen, ist ein schweres Stück Arbeit und ein lebenslanger Prozess. Ich kann sehr schnell darauf zurückverfallen, ein getriebener Mensch zu sein, wenn ich meine geistliche Mitte nicht pflege.

Beim Lesen der Mystiker bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit um ein geistliches Zentrum kreist. Dieses Zentrum wird schnell fast ganz unwirksam, wenn es nicht durch anhaltende geistliche Disziplin gepflegt wird. Fast alle Christen in Verantwortung finden dies unabdingbar, aber nur wenige halten sich tatsächlich eine oder zwei Stunden täglich frei, um sich ihrer geistlichen Mitte zu widmen.

Die Folge ist, dass man Erkenntnis anhäuft, ohne Weisheit zu haben, und sich auf sein Charisma verlässt statt auf die Kraft des Geistes. Es bedarf aber geistlicher Macht, um mit den Werten der Welt klar zu brechen. Das klingt vielleicht sehr fromm, aber je älter ich werde, desto mehr erkenne ich diese Wahrheit. Wir verpassen das Wesentliche, wenn wir nicht täglich beten, die Bibel studieren und regelmäßig ein gerüttelt Maß an klassischer geistlicher Literatur lesen.

Wenn andererseits unser Wirken von innen heraus erfolgt, werden unsere Ressourcen kanalisiert und vervielfacht durch eine wirklich kraftvolle geistliche Mitte, durch die Veränderung geschieht.

Zum weiteren Nachdenken

1. Wie einfühlsam sind Sie anderen Menschen und Situationen gegenüber? Welchen Einfluss hat das auf Ihre Entwicklung im Gemeindedienst gehabt? Welche Schritte könnten Sie tun, um diese Art von Sensibilität zu entfalten?

2. Welchen Mentoren sind Sie in Ihrem Leben bisher begegnet? Denken Sie zurück an Betreuer, geistliche und andere Leiter, die Ihr Denken und Ihre Gewohnheiten geformt haben. Was waren Schlüssellektionen, die Ihnen vermittelt wurden?

3. Wie viel Zeit nehmen Sie sich für geistliche Reflexion und Gebet? Wie könnten Sie Ihren Tagesablauf umstellen, um diese Zeit zu vermehren?

* aus: Die lebendige Liebesflamme. Vollst. Neuübersetzung. Gesammelte Werke Bd 5. Hrsg., übers. u. eingeleitet v. Ulrich Dobhan © Verlag Herder, Freiburg 22007, S. 20

SIEBEN WORTE ZUM LEBEN

Nah bei Gott, nah bei den Menschen.

CHARLES DE FOUCAULD

Ich liebe diesen einfachen Satz, den sich Charles de Foucauld (1858–1916) aussuchte, um sein Leben zu beschreiben. Im Wirrwarr der Leitbilder und markigen Schlagworte, die die Leidenschaft von Organisationen, Gemeinden und Einzelpersonen beschreiben, mag ich dieses Wort am liebsten.

„Nah sein“ erinnert mich an das Erlebnis, das meine Frau und ich einmal während eines Spaziergangs in einem Schweizer Alpental hatten. Wir begegneten einem Bauern mit seinem Hund, die gemeinsam eine große Herde brauner Kühe (mit riesigen Glocken um den Hals) zusammentrieben. Der Bauer zeigte auf die eine Seite der Herde; der Hund rannte dorthin, blieb dann plötzlich stehen und sah sich um, um einen weiteren Befehl zu erhalten. Der Bauer drehte seine Hand nach rechts oder links, und der Hund, der nun wild bellte, trieb die Kühe, wohin sein Herr sie haben wollte.

Dann kam der Hund zurück an die Seite des Bauern, setzte sich, hechelte, sah hoch und wartete – beinahe ungeduldig – auf den nächsten Befehl. Das Bild dieses Hundes, der so aufmerksam gegenüber seinem Herrn ist und jederzeit bereit, auf eine Anweisung zu reagieren, zeigt mir, was Foucaulds Leitsatz bedeutet.

Nah bei Gott

Ich bin ganz nah bei Gott, wenn ich still werde, um solch ein sanftes Sausen zu vernehmen wie Elia auf dem Berg. Wenn ich auf solche Anweisungen höre wie Philippus, als er zum Wagen des Äthiopiers geschickt wurde. Wenn ich wach genug bin, um dieselbe Stimme zu hören, die eines Nachts zu Paulus sprach und ihm sagte, er solle sich nicht fürchten; er solle reden und nicht schweigen, denn „ich bin bei dir … viele Menschen in dieser Stadt werden an mich glauben“ (Apg. 18,10 Hfa). Und wenn ich mich für Gottes Liebe, Gottes Mahnungen und Gottes Offenbarungen öffne.

In Mein Äußerstes für sein Höchstes schreibt Oswald Chambers: „Nicht der Wunsch, als ein Mann des Gebets zu gelten, soll das Motiv sein, das deinem religiösen Leben zugrunde liegt. Bereite in deinem Inneren eine Kammer, in der du beten kannst, ohne dass jemand darum weiß; schließe die Tür und sprich im Verborgenen zu Gott! Habe kein anderes Motiv als den Wunsch, deinen Vater im Himmel zu erkennen.“

Nah bei den Menschen

Ist das schwerer oder leichter, als Gott nahe zu sein? Ich finde es leicht (und wer nicht?), Zeit zu verbringen mit anziehenden oder begabten Menschen, Menschen mit Visionen, intelligenten oder liebenswerten Menschen. Ich umgebe mich gern mit Menschen, die mich mögen und mich witzig und charmant finden. Meine Enkelkinder gehören in diese Kategorie.

Aber nah bei Menschen zu sein, die schwach, arm, krank, unzuverlässig, undankbar und respektlos sind? Das ist etwas anderes. Mein Instinkt rät mir allzu oft, mich von ihnen fernzuhalten. Und hier werden mein Charakter und meine Berufung täglich herausgefordert. Manchmal klappt es; oft schaffe ich es nicht. Denn Menschen nahe zu sein, bedeutet, dass ich ganz besonders aufmerksam zuhören muss, zuhören und dann reagieren. Und das kann unangenehm sein und sehr anstrengend.

Deshalb liebe ich Foucaulds Satz, der komplexe Fragestellungen und tägliche Verpflichtungen auf sieben schlichte Worte reduziert. Er erinnert mich ans Aufzugfahren: In Sekundenschnelle wird darin ein ganzes Leben beschrieben.

Zum weiteren Nachdenken

1. Haben Sie einen persönlichen Leitsatz für Ihr Leben/Ihren Dienst/Ihre Mission? Wenn nicht, formulieren Sie doch einen. Können Sie ihn auf sieben Worte komprimieren?

2. Was bedeutet es für Sie persönlich – zusätzlich zu den aufgeführten Beispielen –, nah bei Gott zu sein und aufmerksam auf sein Reden und Handeln zu achten?

3. Fällt es Ihnen leicht oder schwer, für Menschen da zu sein? Wie können Sie da noch aktiver werden – vor allem in Ihrem direkten Umfeld?

DIE SEELE KULTIVIEREN

Geist des lebendigen Gottes, sei der Gärtner meiner Seele … Beseitige das tote Wachstum der Vergangenheit, brich die harten Schollen der Tradition und der Routine auf, mische den guten Dünger der Vision und Herausforderung unter. Grab das eingepflanzte Wort tief ein in meine Seele, kultiviere und pflege mein Herz, bis neues Leben aufkeimt und sich öffnet und aufblüht.

RICHARD FOSTER

Vor dreißig Jahren haben Gail und ich eine alte Farm gekauft, der wir den Namen „Peace Ledge“ (Felssims des Friedens) gaben. In den Jahren nach 1800 war der Wald dort kahl geschlagen worden, und man nutzte das Land als Weide, auf der mächtige Arbeitspferde gezüchtet wurden. Um das Jahr 1900 ging die Farm dann pleite, wurde aufgegeben und verwandelte sich in den nächsten 70 Jahren allmählich wieder in Waldgebiet.

Gelegentlich stecken Gail und ich ein Stückchen des Waldes ab und lichten ihn aus. Wir fällen kranke Bäume. Wir reißen die Bodenpflanzen heraus, die die Brandgefahr erhöhen. Und wir graben allgegenwärtige Steinbrocken aus (ein Geschenk früherer Gletscher), die am Mähwerk unseres Traktors Schaden anrichten.

Gail und ich genossen unsere Errungenschaft eine kleine Weile, bis uns nach und nach klar wurde, wie viel Arbeit auch in die angrenzenden Gebiete gesteckt werden musste. Die Instandhaltung unseres Landes ist eine Lebensaufgabe. Und wenn wir sterben, werden unsere Nachkommen vermutlich den Job übernehmen.

Für mich spiegelt diese Arbeit im Freien die Disziplin im geistlichen Bereich wider, denn so, wie man Land kultiviert, muss man auch regelmäßig, beinahe systematisch, die tiefsten Bereiche in seinem Inneren pflegen. Denn dorthinein flüstert Gott die zeitlos gültigen Verheißungen für das Leben eines Menschen. Er schreit nicht.

Auch im geistlichen Bereich ist Abholzen, Jäten, Umgraben, Rechen und Neupflanzen nötig – natürlich nicht mit Kettensäge oder Schaufel, sondern durch Anbetung, Reflexion, Gebet, Bibelstudium und eine lange Reihe anderer Aktivitäten, die der Seele Orientierung geben. Die Bücher von Richard Foster, Dallas Willard und Henri Nouwen, um nur einige zu nennen, beschreiben das sehr gut.

Wenn ein Teilstück unseres Landes bearbeitet ist, sind Gail und ich immer überrascht über die Schönheit, die beinahe über Nacht erblüht. Wildblumen gedeihen, Waldtiere lassen sich blicken, gesunde Bäume wachsen heran – die Schöpfung zeigt sich in ihrer ganzen Pracht. Und wenn man ähnlich mit der Seele umgeht, entwickelt sich in ihr die Schönheit und die Tugend eines gottähnlichen Charakters.

Offen gesagt denke ich, dass nicht viele Menschen, die in Gemeinden Verantwortung tragen, das wissen. Ich meine, wirklich wissen. Meine Ansicht stützt sich auf folgende Eindrücke:

Zum Ersten werden auf den meisten Weiterbildungs- und Motivationskonferenzen Themen wie Vision, ausgeklügelte Entwicklungsprogramme und der Aufbau großer und erfolgreicher Gemeinden behandelt – zugegebenermaßen alles wichtige Dinge. Aber es fehlt die Erkenntnis, dass das Kultivieren der Seele dem allen vorangeht. Wie soll man große, gesunde und authentische Gemeinden aufbauen können (im Moment das Topthema), ohne das seelische Reifen der verantwortlichen Mitarbeiter im Blick zu haben, die dieses Bestreben auf lange Sicht aufrechterhalten?

Ein zweiter Eindruck: Die schrecklich lange Liste von Leuten, die ihr zehntes Jubiläum im Gemeindedienst nicht erreichen. Ausgebranntsein, Versagen und Enttäuschung fordern einen immensen Tribut. Ich bin erstaunt, wie viele Mitarbeiter einfach wieder verschwinden und endgültig aufgeben.

Ein Drittes: Die vielen Gespräche mit jungen Menschen, die mir anvertrauen, dass sie geistlich ausgetrocknet, unmotiviert und verzweifelt sind und sich fragen, wie sie damit umgehen sollen.

Und vielleicht noch ein Viertes: Ich vergesse nie, wie gefährlich nahe ich selbst daran war aufzugeben. Obwohl der entscheidende Moment meiner persönlichen Krise schon Jahre zurückliegt, ist die Erinnerung daran noch immer gegenwärtig.

Den Kern der Seele formen

Unser intensiver Dienst in der Gemeinde klammert allzu leicht die Worte des Apostels Paulus an Timotheus aus: „Übe dich selbst aber in der Frömmigkeit! … Die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens“ (1. Tim. 4,7-8). Das riecht geradezu nach geistlicher Weiterentwicklung.

Die Seele so zu formen, dass sie zu einem Ort wird, an dem Gott wohnt, ist die vorrangige Aufgabe eines Christen. Das ist keine zusätzliche Option mit einem untergeordneten Stellenwert. Wo diese zentrale Aufgabe vernachlässigt wird, kann man beinahe garantieren, dass Christen nicht ein Leben lang Verantwortung in Gemeinden tragen werden oder dass ihr Dienen immer weniger Ausdruck von Gottes Herrlichkeit und seinen Zielen ist.

William Booth, der Gründer der Heilsarmee, schrieb in jungen Jahren in einem Brief an seine Frau, wie entmutigt und fruchtlos er sich gerade fühlte und dass er kurz davor sei aufzugeben. Catherine, seine bemerkenswerte Frau, antwortete:

Ich weiß, wie gut man predigen, beten, singen und sogar jubeln kann, obwohl das Herz vor Gott nicht in Ordnung ist. Ich weiß, wie Berühmtheit und Wohlstand die Neigung haben, das eigene Ich zu begeistern und zu erheben, wenn das Herz nicht demütig ist vor Gott. Ich weiß, wie der Satan diese Dinge ausnutzt, um (so es möglich ist) den zu vernichten, den der Herr benutzt, und um die Festungen seines Königreiches einzureißen. All diese Überlegungen lassen mich erzittern und weinen und für dich beten, mein Allerliebster, dass du all seine Angriffe überwinden mögest und standhältst, nicht in deiner eigenen Kraft, sondern in demütiger Abhängigkeit von ihm, der „alles in allem“ wirkt.

Soweit ich weiß, war Catherine erst 23 Jahre alt, als sie diese Worte schrieb. Sie war aber nicht zu jung, um „den Durchblick“ zu haben. Williams geistliche Mitte, das verstand sie, war der Schlüssel zu allem.

Die Techniken zu beschreiben, wie man sich geistlich entwickelt, überlasse ich anderen, qualifizierteren Lehrern. Mir geht es hier um die offensichtlichen Tugenden, die – wie Wildblumen – sprießen, wenn eine Seele auf den Himmel ausgerichtet ist.

Anthony Bloom erzählte einmal eine Geschichte von einem der Wüstenväter. Er war eingeladen, in einer Messe zu predigen, an der auch ein Bischof teilnehmen sollte. Der Mönch lehnte mit den Worten ab: „Wenn mein Schweigen nicht zu ihm spricht, werden auch meine Worte nutzlos sein.“

Was der Mönch sagt, fordert mich heraus, denn ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, mich auf Worte zu verlassen, auf soziale Kompetenzen und die Fähigkeit, schnell zu entscheiden, wie ich mit Menschen kommuniziere. Aber wie würde ich kommunizieren, wenn ich auf die Stille beschränkt wäre? Das könnte nur gelingen, wenn aus meiner Seele Tugenden wie Blumen aus einem guten Boden sprießen würden.

Fünf Tugenden, die es zu kultivieren gilt

Welche Tugenden könnten das sein? Zurückhaltend möchte ich fünf benennen, die allzu oft vernachlässigt werden und deren Fehlen dann für unser Scheitern verantwortlich ist. Die Liste ist weder vollständig, noch kann ich garantieren, dass sie die beste ist. Aber es ist meine.

Die Frucht der Demut

Zunächst würde ich mir wünschen, dass Menschen sehen, dass ich – als Ergebnis der Arbeit an meiner Seele – demütiger geworden bin. Demut ist nichts, das man anstrebt; sie ist die Frucht anderer Bestrebungen.

Offen gesagt: Leute, die mich von früher kennen, hätten mich nie als demütig bezeichnet. Ich befürchte, sie erinnern sich an mich als jemanden, der sich nur um sich selbst dreht, vielleicht übermäßig selbstbewusst und ständig in Bewegung ist. Talentiert, vielleicht auch ein wenig begabt, aber kein demütiger Mann.

„Ein demütiger Mann“, sagt Isaak von Syrien (gestorben um 522), „ist niemals übereilt, hastig oder beunruhigt, sondern bleibt stets ruhig. Nichts kann ihn überraschen, verstören oder erschrecken, denn er erleidet weder Furcht noch Wandel in Drangsal, weder Überraschung noch Freudenjubel. All seine Freude und sein Glück sind in dem, was den Herrn erfreut.“

Wenn heute auch nur ein Stängelchen Demut aus dem Boden meiner Seele wächst, liegt das daran, dass ich inzwischen vertraut bin mit den schlimmen Auswirkungen der Sünde, mit der Wirklichkeit persönlicher Grenzen und Schuld und der zerstörerischen Wirkung unaufhörlichen Leistungsdrucks. Darüber habe ich langsam (!) begonnen, die Größe Gottes und meine Stellung vor ihm als kleines Kind anzuerkennen.

„Der Weg eines Christen in Verantwortung“, schrieb Henri Nouwen, „ist nicht der Weg nach oben, von dem die Welt so viel hält, sondern nach unten, und mündet in das Kreuz. … Es geht nicht um Macht und Kontrolle, sondern um Machtlosigkeit und Demut, in der sich der leidende Diener Gottes, Jesus Christus, manifestiert.“

Nouwens Worte verströmen einen geheimnisvollen Duft. Sie erscheinen wenig sinnvoll in einem Leben, in dem Pläne, Aufstieg, Kreativität und Charisma alles zu bedeuten scheinen. Aber sie sind ein Wegweiser für Christen, die beständig dienen und am Ende vielleicht nicht große Gemeinden, aber große Heilige hervorbringen.

Fruchtbares Mitgefühl

Wenn ich zum Schweigen gezwungen wäre, würde ich mir wünschen, dass Menschen die fortgeschrittene Gestaltung meiner Seele daran erkennen würden, dass ich mitfühlend bin. Mitgefühl ist die Fähigkeit, sich von ganzem Herzen mit der Verletzlichkeit, den Ängsten und den Sorgen anderer zu identifizieren; und zwar so, dass man nicht gelähmt ist, sondern von großer Liebe angetrieben.

Einmal bekam ich eine E-Mail von Leuten, die wissen wollten, ob sie in unserer Gemeinde willkommen seien, wenn bestimmte Geheimnisse aus ihrem Leben bekannt würden. „Ich möchte nicht zum Projekt für jemanden werden“, schrieb der Absender.

Diese Worte bohrten sich geradezu in meine Seele, weil mir klar wurde, wie leicht es ist, Leute in irgendwelche Programme zu stecken oder sie zu einem Projekt zu machen. Dadurch kann man die ermüdende Erfahrung umgehen, den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, mit denen diese Menschen ringen.

Der Großteil der Welt nimmt die Zeichen des Mitgefühls nicht wahr, die von den Kindern Gottes ausgehen. Obwohl Nicholas Kristof von der New York Times unsere Glaubensgemeinschaft oft lobt wegen unserer weitreichenden Aids-Programme, der Hausbau-Unterstützung für Privatleute, den Krankenhäusern und der Katastrophenhilfe, so sind wir deshalb doch nicht dafür bekannt, mitfühlende Leute zu sein. All unsere Bemühungen werden von Misstrauen überdeckt, man hält uns für stolz, wütend und rachsüchtig in unserer ausgesuchten Zuwendung zu denen, die irgendeiner Art der Erlösung bedürfen.

Ich möchte aber nicht als hartherzige Person mit einer anklagenden Botschaft erscheinen, die gelegentlich Gutes tut. Viel lieber möchte ich als ebenfalls verwundeter Heiler wahrgenommen werden, der sein Verbandsmaterial mit dem teilt, der nichts zurückgeben kann.

Standhaftigkeit, nicht Sturheit

Wenn ich in völliger Stille leben müsste, würde ich mir drittens wünschen, dass geistliches Reifen Standhaftigkeit in mir hervorbringen würde. Standhaftigkeit ist nicht Sturheit und auch nicht Widerstand gegen Veränderung. Stattdessen ist sie ein unaufhörliches Willkommen-Heißen bestimmter Ziele und Verantwortungen, vor denen man sich nicht scheut.

Standhaftigkeit bedeutet charakterliche Verlässlichkeit, das Erfüllen von Versprechen, Treue in Schlüsselbeziehungen und (was am wichtigsten ist) ein Leben im Gehorsam Jesus gegenüber. Solch eine Standhaftigkeit habe ich nicht von Natur aus; ich musste sie mir erarbeiten, sodass sie heute ein Teil von mir ist. Der Drang aufzugeben, mich vor etwas zu drücken, abzuspringen und wegzulaufen, entspricht viel eher meiner Natur. Und hätte ich nicht gute Mentoren und eine starke Ehefrau, die mich immer wieder herausforderten, mich dem zu stellen, wüsste ich nicht, wo ich heute wäre.

Im Prozess der geistlichen Entwicklung habe ich das „Kneifer-Gen“ überwunden, das in mir steckt. Ich habe mich tadeln lassen, mich vom Leben großer Glaubensvorbilder aus der Bibel (und der Heiligen, die auf sie folgten) inspirieren lassen und wurde von Bekannten ermutigt. Nur so konnte ich Fortschritte in der Disziplin der Standhaftigkeit machen. Heute bin ich wohl jemand, der ziemlich gut „dranbleibt“, aber ohne die andauernde Kultivierung der Seele wäre es wohl kaum dazu gekommen.

„Bleibt fest und unerschütterlich in eurem Glauben! Setzt euch mit aller Kraft für den Herrn ein …“, schrieb Paulus den Korinthern (1. Kor. 15,58 Hfa). Es ging ihm offensichtlich um etwas Bedeutendes. Vielleicht sprach er zu Leuten, die in ihrem Verhalten unzuverlässig waren, kurzlebig in ihren Versprechen, nachgiebig unter Druck – Leute wie mein natürliches Ich.

Glauben über das Sehen hinaus

Wenn man mir die Sprache nehmen würde, wünschte ich mir, dass andere in mir Glauben sehen würden. Glauben ist die Fähigkeit, der Kraft Gottes zu vertrauen und sich auf diese Kraft zu verlassen, die jenseits meiner Wirklichkeiten liegt, jenseits meines instinktiven Pessimismus und meiner Bereitschaft, mich mit weniger als dem Besten zufriedenzugeben.

Ich liebe es, von Menschen zu lesen und sie zu beobachten, die vom Glauben angetrieben werden. Das ist Teil meiner Aktivitäten zur geistlichen Entwicklung. Glaubende Menschen inspirieren mich. Ich kann nicht genug bekommen von John Wesley, William Wilberforce, der Herzogin von Huntington und Charles Simeon: alles evangelikale Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts. Sie besaßen die Kühnheit zu glauben, dass das Evangelium von Jesus Christus die sozialen Strukturen Englands verändern könne. Jedes Mal, wenn ich ein Buch über einen von ihnen gelesen habe, bin ich bereit, im Glauben loszumarschieren, weil ich dem Evangelium auch heute solche Veränderung zutraue.

Oft zieht es mich zur biblischen Geschichte über die arme Witwe, die ihre beiden „Scherflein“ in den Gotteskasten legte und damit nach Jesu Worten alles gab, „was sie zum Leben hatte“ (Lk. 21,4). Hier ist in wenigen Worten dargestellt, was Glaube bedeutet: ein ruhiges, stilles, unaufdringliches Geben aller Habe, in dem Glauben, dass Gott sich um meine Bedürfnisse kümmern wird.

Geistliches Geformtwerden bedeutet, ein Herz zu bekommen, das Gott gerne bittet und ihm glaubt, dass er das scheinbar Unmögliche tut; zu beten, dass Kranke geheilt, Boshafte verwandelt und die Unterdrücker entmachtet werden.

Es besteht eine enge Verbindung zwischen Glaube und Vision. Beide sind häufig vorhanden, wenn es um den Aufbau von Gemeinden und Gebäuden geht. Ich würde meinen eigenen Glauben und meine Vision statt in Institutionen aber lieber in die Möglichkeiten legen, die Gott Menschen bietet.

Selbstbeherrschung

Sollte ich mein Leben, wie der Mönch in Anthony Blooms Geschichte, in Stille leben müssen, würde ich hoffen, dass die geistliche Frucht der Selbstbeherrschung sich zeigen würde.

Das hat natürlich viel mit Disziplin zu tun und mit der Bereitschaft eines Menschen, die Fähigkeit zu kultivieren, in seinem Leben sowohl zum Falschen Nein zu sagen als auch zum Richtigen Ja. Kein beliebtes Thema, ganz sicher nicht.

Um Selbstbeherrschung geht es, wenn jemand in verantwortungsvoller Position angegriffen, verleumdet, übergangen und ignoriert wird und man von ihm verlangt, auch die zweite Meile zu gehen (Mt. 5,41). Wie reagiert er darauf? Selbstbeherrschung hat damit zu tun, wie wir mit Geld umgehen, mit Macht und Einfluss und mit übertriebener Schmeichelei. Wie ziehen wir in unserem Leben gesunde Grenzen?

Das Alte Testament stellt uns Menschen vor, denen es an Selbstbeherrschung fehlte: Simson, Saul, Salomo fallen mir ein. Und die Meister der Selbstbeherrschung? Joseph natürlich. Und Daniel. Und Esther.

Wenn ich an Selbstbeherrschung in Vollendung denke, steht mir Jesus im Garten Gethsemane vor Augen, wie er umringt ist von seinen versagenden Jüngern, den grausamen Soldaten, die gekommen sind, um ihn zu verhaften, und dem verleumderischen Judas Iskariot. Was für ein Augenblick, um die Fassung zu verlieren! Doch nicht für Jesus. Er bewahrt seine Würde und wird zum ruhigen Zentrum einer chaotischen Situation. Das ist Selbstbeherrschung.

„Die Qualität von Christen in Verantwortung ist entscheidend, damit sie es ertragen, mit allerlei Problemen überfallen zu werden, Schläge wegstecken, als Stoßdämpfer wirken, und es aushalten, dauernd belästigt zu werden“, schrieb Fred Mitchell, ein früherer Leiter der alten China-Inland-Mission. „Der Verschleiß, die ständige Reibung und die Probleme, die den Dienern Gottes begegnen, sind die härteste Probe für ihren Charakter.“

Weitere Entwicklung

Vor dem Fenster meines kleinen Studierzimmers, das ich hier auf unserer Farm habe, liegt ein großer Felsbrocken. Wenn ich den irgendwohin versenden wollte, hätte das Paket vermutlich eine Höhe, Breite und Tiefe von je 1,20 Metern. Vor vielen Jahren war er noch ganz in der Erde vergraben, und nur ein paar Zentimeter schauten aus dem Boden heraus. Meine Frau dachte, es sei keine große Sache, und fing an, ihn auszugraben.

Je mehr sie grub, desto mehr erkannte sie, wie groß das Projekt war, das sie begonnen hatte. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Nach zwei Tagen hoben wir (sie hatte mich mittlerweile eingebunden) dieses gigantische Stück Felsen aus einem Loch, das groß genug war für einen Swimmingpool (ich übertreibe zur Verdeutlichung). Während ich dies schreibe, sehe ich den einst verborgenen Felsbrocken vor meinem Fenster.

Der Stein ist eine ständige Erinnerung an die Arbeit, die zur geistlichen Entwicklung nötig ist. Manche Sachen müssen ausgegraben, noch mehr muss abgeschnitten, anderes neu gepflanzt werden. Dann, auf lange Sicht, hat man etwas Wunderschönes. Etwas wirklich Wunderschönes.

Und es bedarf keiner Worte, um anderen zu erklären, was sie sehen. Sie beobachten Gottes Werk in Ihrem Leben – selbst, wenn da nur Stille ist. Geistliche Entwicklung kann geschehen, ohne dass ein einziges Wort gesprochen wird.

Zum weiteren Nachdenken

1. Welche der fünf erwähnten Tugenden sind in Ihrem Leben erkennbar? Wie wurden sie kultiviert? Fehlt eine der Tugenden in Ihrem Leben?

2. Welche Autoren tragen regelmäßig zu Ihrer geistlichen Ernährung bei? Wie beeinflussen sie Ihre geistliche Entwicklung?

3. Wie halten Sie das Gleichgewicht zwischen dem Wunsch, erfolgreich zu sein, und der Vision von Wachstum und verantwortungsvollem Christsein, wie es Henri Nouwen beschrieben hat (S. 23 „Die Frucht der Demut“)?

WENN ICH EINMAL GROSS BIN

So ermahne ich euch nun, … dass ihr der Berufung würdig lebt,
mit der ihr berufen seid
.

EPHESER 4,1

Während meiner Pfarrerausbildung betreute ich zwei Jahre lang eine kleine Landgemeinde 280 Kilometer östlich von Denver. Ein Jahr lang sparten Gail und ich Geld, indem wir im kleinen Pfarrhaus der Gemeinde lebten. Das hieß, dass ich dienstagmorgens um vier Uhr das Haus verließ und in unserem VW-Käfer drei Stunden nach Denver fuhr.

Die Interstate 36 von der Grenze zu Kansas bis nach Denver ist beinahe schnurgerade. Während ich nach Westen bis zum Horizont blickte, bemerkte ich, dass das Auto in jede beliebige Richtung hätte fahren können, ohne auf irgendein Hindernis zu stoßen. Es war wie ein geschmeidiges Dahingleiten.

Manchmal ist das Leben genauso. Keine Hindernisse in Sicht; man hat den Eindruck, man kann alles tun, was man will, wenn man es nur energisch genug angeht. Und energisch genug betet. Und energisch genug die Bibel studiert. Ich habe das früher einmal selbst geglaubt.

Aber zurück zur Interstate 36. Kurz nach dem Örtchen Last Chance, Colorado, tauchen plötzlich drei Bergspitzen am Horizont auf – Pike’s Peak im Süden, Long’s Peak im Norden und Mount Evens direkt im Westen. Die Illusion, ganz frei zu sein, wird abrupt beendet von der Erkenntnis, dass drei massive und ziemlich große Hindernisse die Möglichkeiten einschränken.

Manchmal erreichen wir in unserem Dienst für Gott auch so ein „Last Chance“. Es kommt der Tag, an dem man persönliche Hindernisse und Grenzen entdeckt: Ich kann das nicht so gut wie … Ich habe tatsächlich nicht die Gabe des … Für diese Aufgabe braucht es etwas, das schlicht nicht meine Stärke ist.

Verpflichtungen haben sich angehäuft. Vielleicht ist ein Ehepartner dazugekommen. Vielleicht ein Kind oder zwei. Vielleicht Verantwortung für Familienmitglieder. Es klingt nicht schön, wenn man sie Hindernisse nennt. Aber sie beschränken dennoch unsere Möglichkeiten.

Das kann für junge Verantwortliche ein harter Moment sein. Die einst atemberaubenden Träume werden langsam durch die Wirklichkeit verändert. Und ganz allmählich entdecken wir, warum wir tatsächlich mitmachen bei diesem „Unternehmen“, Gott zu dienen. Wir werden wahrscheinlich keine Helden werden, und die Welt wird uns wohl auch nicht die Bude einrennen, weil sie unsere Einsichten braucht. Und das ist in Ordnung.

Aber ich will mein Beispiel noch zu Ende führen.

Auf der Fahrt nach Denver, wenn man sich der Stadt langsam nähert, kommt ein Punkt, an dem sich der lange Gebirgszug der Rocky Mountains wie eine undurchdringliche Mauer erhebt. Wo erst nur drei Hindernisse, durch gleichmäßige Abstände voneinander getrennt, den Horizont unterbrachen, steht nun eine ganze Reihe Hindernisse. Man bekommt den Eindruck, dass man nirgendwo mehr hinkann. Man sitzt in der Falle! Die Illusion der Freiheit und Grenzenlosigkeit hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.

So empfinden das viele Gemeindemitarbeiter mittleren Alters. Die Frische ist dahin, und die Furcht vor dem Mittelmaß, der Wirkungslosigkeit oder davor, sich im Trott zu verlieren, ist heimtückisch.

Mitarbeiter-Midlife-Crisis

Durchdringt man den Vorhang des Schweigens vieler vierzig- oder fünfzigjähriger Christen, merkt man, dass diese Mauer ganz real empfunden wird: Wohin kann ich gehen? Wem kann ich sagen, dass ich Angst habe, nirgendwohin zu können? Und warum schäme ich mich, dass ich mich um solche Dinge sorge? Haben sich meine Glaubensvorbilder auch manchmal wie gefangen gefühlt? Was ist bloß los mit mir?

Wenn man in seinem Leben zu solch einem „Denver“ kommt, hat man drei Möglichkeiten:

1. Man versucht zurückzukehren zu den Ursprüngen, zur „Jugendlichkeit“, wo die Träume der Grenzenlosigkeit noch existieren;

2. man versucht, im Kreis zu fahren, verflucht die Mauern und jammert, dass es unmöglich ist zurückzukehren; oder (und das ist eine wichtige Alternative)

3. man versucht, den Berg zu erklimmen und den Pass oder Tunnel zu finden, der dazu führt, dass man die verbleibenden vierzig Lebensjahre gesund, geistlich aktiv und effektiv lebt.

Ich bin an dem Punkt im Leben, an dem ich die Mauer schon überwunden und den Prozess sogar genossen habe! Nun weiß ich, dass das Leben in den „grenzenlosen“ Tagen nett war – aber schrecklich unrealistisch.

Kein Wunder, dass mich in jenen Tagen niemals ältere Männer um Rat gebeten haben. Sie waren freundlich mir gegenüber, hörten sich meine Predigten an und folgten mir, wenn ich gute Ideen und Begeisterung hatte. Aber jetzt weiß ich, was sie dachten: Er ist ein guter Junge, der noch ein bisschen wachsen muss, bevor er erkennen kann, was in unseren Herzen vorgeht.

Auch ich habe Zeiten in der Warteschleife erlebt. In einem Augenblick großen persönlichen Versagens und großer Traurigkeit versuchten Gail und ich geduldig darauf zu hören, was Gott über unsere Zukunft sagte – und ob es überhaupt eine gab. Das waren einige der dunkelsten Tage in meinem Leben. Aber es waren auch Tage unvergesslicher Freundlichkeit. Gott brachte uns durch den Schmerz Dinge nah, die wir anders wohl nicht gelernt hätten.

Weil Gott ein freundlicher und gnädiger Gott ist und weil ich einige Männer und Frauen um mich herum hatte, die an die wiederbelebende Gnade glaubten, entdeckte ich die Zukunft oben auf den Pässen und in den Tunneln, die mich durch den Berg führten.

Wachstum und Gnade

Es war ein wichtiger Tag, als mich die Frage traf: Wie möchtest du eigentlich sein, wenn du älter wirst?, und ich entschied mich für einen Lebensstil voller Wachstum und Gnade. Ich liebe die Worte in Tennysons Gedicht Ulysses. Er stellt sich den alten, vom Umherziehen erschöpften Ulysses vor, der darüber nachgrübelt, was er noch tun könnte, nachdem er schon die Welt gesehen hat:

Viel schwand dahin, doch viel verblieb; obwohl
wir nicht die Kraft besitzen, die einmal
den Himmel und die Erd’ bewegt; wir sind
das, was wir sind; von gleichem Sinn und Mut,
vom Zeitgeschick geschwächt, doch stark im Will’n
zu streben, suchen, seh’n – und nie zu ruh’n
.

Das drückt es für mich aus: „stark im Will’n zu streben, suchen, seh’n – und nie zu ruh’n.“ Ulysses ist ein alter Mann, der sich entschlossen hat, auch im Alter noch offen zu sein für Wachstum und Veränderung. Viele andere ältere Männer wählen dagegen die gemütliche Variante von Mallorca und Skatabenden.

Vielleicht hätte ich es auch mit Paulus’ Worten ausdrücken können: „Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“ (2. Kor. 4,16). Oder noch einmal anders: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet“ (2. Tim. 4,7). Ich liebe Ulysses’ Begeisterung bei Tennyson und Paulus’ Entschlossenheit.

Also bat ich Gott in meiner Lebensmitte um die Wiedergeburt von Geist und Verstand. Und ich erlebte eine wunderbare Befreiung. Eine Befreiung von dem Gefühl, dass ich immer alles richtig machen und jedermanns Definition von Rechtgläubigkeit entsprechen müsse; die Befreiung von dem Gefühl, dass ich dieses Jahr erfolgreicher sein müsse als das letzte Jahr; die Befreiung von der Furcht, dass manche Leute mich nicht mögen könnten; eine langsame und untrügliche Befreiung, die mir sagte: Sei zufrieden damit, dass du für Christus eine Freude bist, deiner Frau ein liebevoller Mann, ein Großvater für deine Enkel, ein Freund für jene, die das Leben mit dir teilen wollen, und ein Diener deiner Generation.

Zum Teil entsprang diese Befreiung der Gnade und Freundlichkeit Jesu; sie kam aber auch aus der Erkenntnis, dass nach Versagen kräftig aufgeräumt werden muss. Menschen, mit denen ich damals zu tun hatte, wussten nun auch um meine schlimmsten Momente, meine peinlichsten Fehler. Ich war befreit, mein Leben zu öffnen und das zu sein, was ich war: ein Sünder, der nur aufgrund der Barmherzigkeit Christi überlebt.

Jetzt habe ich die Freiheit, über Ängste, Zweifel, Enttäuschungen und Schwächen zu sprechen. Weil alles Gute, das in jemandem wie mir steckt, in Wirklichkeit von Gott kommt. Paulus drückt es am besten aus: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“ (2. Kor. 12,10).

Meinen Auftrag definieren

Ich hatte die Frage: Was für ein Mann möchtest du im Alter sein? noch nicht abschließend beantwortet. Also sah ich mich um und bemerkte, dass ich nicht viele betagtere Männer kannte, die so waren, wie Tennyson seinen Ulysses beschrieben hatte.

Warum war das so? Vielleicht deshalb, weil die meisten Männer und Frauen nie einen Plan für ihren Ruhestand aufstellen. Und wenn man sich keine Gedanken darüber macht, wie man mit achtzig sein will, und es verpasst, schon mit vierzig oder fünfzig daran zu arbeiten, dann wird es wahrscheinlich nicht dazu kommen.

Das trieb mich dazu, meine persönliche Mission zu definieren. Ohne Mission reagieren Menschen nur, statt initiativ zu handeln. Ich hatte in meinem Berufsleben schon ein paar Leitbilder für Gemeinden und Organisationen formuliert; warum nicht auch eines für mich selbst?

Heute steht mein Leitbild auf Seite 2 meines Tagebuches, sodass ich es jeden Morgen lese, wenn ich meinen Tag beginne. Es bestimmt meine Richtung und lenkt meine Begeisterung in die richtigen Bahnen:

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