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Shane Claiborne

Ich muss verrückt sein, so zu leben

Shane Claiborne

ICH MUSS VERRÜCKT SEIN,
SO ZU LEBEN

Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe

„Man hatte mir beigebracht,
was man als Christ glaubt.
Aber niemand hatte mir gezeigt,
wie man als Christ lebt.“

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Titel der amerikanischen Originalausgabe:
The Irresistible Revolution. Living as an ordinary radical
Copyright © 2006 by The Simple Way
Die deutsche Ausgabe erscheint mit Erlaubnis von
Zondervan Publishing, Grand Rapids, Michigan, USA.

Ich widme dieses Buch allen Heuchlern,
Feiglingen und Verrückten … wie ich einer bin.
Auf dass wir in einer Welt der Abkürzungen, Täuschungen und
Tode den Weg, die Wahrheit, das Leben finden.

Liebe ohne Mut und Weisheit ist Sentimentalität,
wie beim gewöhnlichen Kirchgänger.
Mut ohne Liebe und Weisheit ist Tollkühnheit,
wie beim gewöhnlichen Soldaten.
Weisheit ohne Liebe und Mut ist Feigheit, wie beim gewöhnlichen Intellektuellen.
Aber wer über Liebe, Mut und Weisheit verfügt,
bewegt die Welt.
Ammon Hennacy (Kath. Aktivist, 1893-1970)

INHALT

Vorwort von Jim Wallis

Einleitung

1   Als man noch problemlos Christ sein konnte

2   Die Kirche wieder zum Leben erwecken

3   Auf der Suche nach einem Christen

4   Wenn einem vor lauter Behaglichkeit unbehaglich wird

5   Eine andere Art zu leben

6   Ökonomie der Wiedergeburt

7   Wissen, wo man steht, wenn Mächte aufeinanderprallen

8   Jesus ist schuld!

9   Jesus ist für Loser

10   Extremisten für die Liebe

11   Die Revolution unwiderstehlich machen

12   Kleiner und kleiner werden … bis wir die Welt übernehmen

13   Verrückt, aber nicht allein

Anhang

1   Eckpunkte für ein neues Mönchstum

2   In den Irak

3   Wer noch mit auf dem Weg ist

Anmerkungen

Achtung Sprengstoff!

Wie hat es dieses Buch geschafft, durch die amerikanischen Sicherheitskontrollen zu kommen? Warum wurde der Sprengstoff darin nicht erkannt?! Das Buch ist wirklich lebensgefährlich. Es gefährdet das Leben, das es sich bequem einrichtet zwischen TV, Sofa und Bibelstunde.

Arno Backhaus

Wer das liest, begibt sich in Gottesgefahr

Shane Claiborne. Wohl kein anderer Kollege hat mich in der letzten Zeit so inspiriert wie er. Shane ist radikal. Verwegen. Tollkühn. Mutig. Witzig. Beherzt. Originell. Er stellt allerbeste Fragen! Shane hat keine Angst. Oder wenn, dann ist sein Glaube doch größer als seine Angst.

Shane, der verbindlich in Gemeinschaft lebt und freiwillig ehelos bleibt. Sein Lebensort, „The Simple Way“, ist für meine Gemeinde und Lebensgemeinschaft ein großes Vorbild. Seine Aktionen, denen man die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden wahrhaft abspürt, sind eine provozierende, gleichzeitig werbende Herausforderung.

Shane ist für mich der Narr, der am Hof die Wahrheit sagen darf. Ich freue mich sehr, dass sein Buch ins Deutsche übersetzt wurde. Aber Vorsicht: Was er schreibt, kann einen in Gottesgefahr bringen. Ich wünschte, es würde so, und Shane, der Künstler, der Beter, der Aktivist, der Bruder dürfte uns in Deutschland etwas sagen.

Christina Brudereck, Theologin, Evangelistin, Autorin

VORWORT

Shane Claiborne ist ein gutes Beispiel für das alte Sprichwort: „Pass auf, wofür du betest.“ Evangelikale beten gern dafür, dass junge Menschen Jesus lieben lernen und ihm folgen mögen. Nun, das ist genau das, wovon Shane Claiborne in diesem bemerkenswerten Buch erzählt. Doch die Orte, an die seine kompromisslose Nachfolge ihn geführt hat, sind nicht jene behaglichen Vorstadtviertel, in denen viele evangelikale Christen heutzutage wohnen. Und sein Weg der Jüngerschaft hat ihn von vielen kulturellen Gewohnheiten weggeführt, die viele Christen aus der Mittelschicht inzwischen angenommen haben.

Seit etlichen Jahren betreibt Shane nun seine radikalen Experimente der Nachfolge Jesu – auf den Straßen Kalkuttas und Philadelphias, in der Intensität christlicher Weggemeinschaft und sogar in den Kriegsgebieten im Irak. In seinem Buch nimmt er uns mit auf eine Pilgerreise – erzählt von seinen Leidenschaften und gesteht zugleich seine Unsicherheiten ein, kritisiert seine Gesellschaft und seine Kirche, ohne seine eigenen menschlichen Schwächen und Widersprüchlichkeiten außen vor zu lassen, verrät seine Hoffnung, tatsächlich die Welt zu verändern, und heißt gleichzeitig die „Kleinheit“ jener Anstrengungen und Initiativen gut, die ihm am Herzen liegen.

Sie werden schnell feststellen, dass Shanes Unzufriedenheit mit dem kulturellen und patriotischen Christentum Amerikas nicht daher rührt, dass er „liberal“ oder „säkular“ geworden ist, sondern daher, dass er tiefer eingetaucht ist in das, was die frühen Christen „den Weg“ genannt haben – den Weg Jesu, den Weg von Gottes neuer Welt, den Weg des Kreuzes. Was er und seine Freunde tun, scheint ziemlich radikal, wenn nicht gar verrückt – das sagt er selbst. Aber er stellt umgekehrt die „Vernünftigkeit“ des „Normalen“ infrage: die Konsumgesellschaft, die verqueren Prioritäten der globalisierten Wirtschaft, den Kriege führenden Staat. Zugleich entdeckt er die biblische Umkehrung unserer Gesellschaftslogik wieder – dass die Torheit Gottes der Welt immer ein bisschen verrückt vorgekommen ist. Sie nennen ihre kleine Gemeinschaft in Philadelphia „The Simple Way“ – Der einfache Weg. Und sie glauben, dass Experimente wie das ihre ein Schlüssel für die Zukunft sind.

Die Lektüre dieses Buches hat mir wirklich das Herz erwärmt, und das gilt auch für seinen Autor. Ich muss zugeben, dass mich der junge Shane ein wenig an einen jungen kompromisslosen Christen von vor drei Jahrzehnten erinnert, damals, als wir die Zeitschrift und die Gemeinschaft „Sojourners“ gründeten. Auch wir waren junge Evangelikale, die der Meinung waren, dass weder unsere Kirche noch unsere Gesellschaft die Ansprüche Jesu erfüllten – nicht mal annähernd. Unser Engagement damals richtete sich gegen eine private Frömmigkeit, die die Religion auf persönliche Themen beschränkte und in der Folge den Glauben kompromittierte, indem sie vor den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Machthabern kapitulierte.

Wir wollten unbedingt sehen, dass unser Glauben „an die Öffentlichkeit“ ginge. Wir wollten eine prophetische Vision anbieten, die die Kraft hat, wirklich etwas zu verändern – sowohl in unserem privaten Leben als auch in politischer Hinsicht. Ich entsinne mich, 1973 die Rohfassung eines neuen, sehr hoffnungsfrohen Manifests geschrieben zu haben, der „Chicago Declaration of Evangelical Social Concern“. Es wurde von den Leitenden einer älteren sowie einer jüngeren Generation von Evangelikalen unterzeichnet, in der Hoffnung, wirklich etwas zu ändern.

Doch dann kam die religiöse Rechte und ging mit dem evangelikalen Glauben in die Öffentlichkeit, allerdings nicht so, wie wir gehofft hatten. Christliche Themen wurden auf ein paar „moralische Fragen“ reduziert (wovon die meisten mit Sex und der Vorherrschaft christlichen Vokabulars im öffentlichen Raum zu tun hatten), und bald paktierte man auch mit der ökonomischen und politischen Agenda der extremen Rechten Amerikas. Nach 30 Jahren war Amerika überzeugt, dass Gott Republikaner ist und das Bild, das sich vom christlichen Glauben in den Köpfen festgesetzt hat, ist das des Fernsehpredigers.

Doch das ändert sich nun. Bei meinen Reisen quer durchs Land spüre ich neuen Schwung, neue Bewegung. Viele, die das Gefühl hatten, nicht an der „Glaube und Politik“-Debatte beteiligt zu werden, erheben nun ihre Stimme. Das Selbstgespräch der religiösen Rechten hat endlich ein Ende gefunden und ein neuer Dialog hat begonnen. Ein Dialog darüber, welche Rolle der Glaube beim Thema soziale Gerechtigkeit spielt. Überall im Land fängt er an. Man nähert sich über das gesamte theologische Spektrum hinweg einander an – etwa bei Themen wie Überwindung der Armut. Die Umwelt wird „Gottes Schöpfung“ genannt und man fordert als Christ, bewahrend mit ihr umzugehen. Gemeindeleiter und evangelikale Theologen stellen die Theologie des Krieges und die imperialistische Religion infrage, die derzeit von den höchsten Stellen der politischen Macht ausgeht.

Das größte Hoffnungszeichen ist womöglich aber, dass eine neue Generation von Christen heranwächst, die weiß, was sie tut, und die bereit ist, ihren Glauben in die Welt zu tragen. Das Christentum der privaten Frömmigkeit, des reichen Konformismus hat das Zeugnis der Kirche kompromittiert und gleichzeitig eine neue Generation von Christen eingelullt. Den Glauben zu definieren durch die Dinge, die man nicht tun oder nicht hinterfragen darf, bringt keinen Lebensstil hervor, der den Menschen als zwingend vorkommt. Dabei hungert eine neue Generation junger Leute nach einer Agenda, für die es sich lohnt, alle Energie und alle Fähigkeiten mit ganzer Hingabe einzusetzen.

Shanes Buch ist der bisher beste Beweis, dass eine neue Generation von Christen aufwacht und dass sie sich anstecken lässt vom Feuer des Evangeliums. Man kann das Feuer des Autors auf jeder Seite des Buches spüren. Und er behauptet, nicht allein zu sein. Ich kann bezeugen, dass er recht hat – er ist nicht allein. Shane ist einer der besten Repräsentanten eines neu entstehenden Christentums, das das Gesicht der amerikanischen Religion wie der Politik verändern könnte. Seine Vision lässt sich nicht so einfach in Schubladen stecken, weder in die liberale noch die konservative, die linke oder rechte. Sie ist vielmehr geeignet, diese Kategorien selbst infrage zu stellen.

Dieses Buch ist ein Manifest für eine neue Generation von Christen, die ihren Glauben nicht bloß in der nächsten Welt leben wollen, sondern auch in dieser. Lesen Sie es – Sie werden neue Hoffnung schöpfen. Gott ist wieder am Werk – und er tut etwas Neues.

Jim Wallis, Herausgeber der Zeitschrift Sojourners und Initiator des „Call to Renewal“

EINLEITUNG

ES LÄUFT WAS SCHIEF IN DIESER WELT

Während die Stimmen der Kinohits und der Popkultur nach einem Leben schreien, das jenseits eines Rasters lebloser Effizienz läge, hat die Christenheit der Welt nicht viel anzubieten – mal abgesehen von der Hoffnung, dass im Himmel alles gut wird. In der Bibel heißt es, dass die ganze Schöpfung nach Befreiung stöhnt und ächzt, und ein Nachhall dieses Ächzens findet sich überall, von Hollywood bis zum Hip-Hop. Die Ahnung, dass etwas schiefläuft auf dieser Welt, greift um sich, und es ist eine leise Andeutung spürbar, dass das vielleicht nicht so bleiben muss. In den Schlagzeilen geht es um Krieg und Terror, Sexskandale, Veruntreuung bei den großen Konzernen, Korruption, die AIDS-Pandemie und die hoffnungslose Armut von einer Milliarde unserer Mitmenschen. Weltumspannende Initiativen wie Live 8 und die ONE Campaign haben bunt gemischte Gruppen von Prominenten und Popstars unter Parolen wie „Make Poverty History“ (in Deutschland: „Deine Stimme gegen Armut“) in einem gemeinsamen Anliegen vereinen können.

Die meisten christlichen Künstler und Prediger hingegen verhalten sich seltsam distanziert, was das menschliche Leid betrifft, und bieten der Welt ewige Gewissheit statt prophetischer Vorstellungskraft an. Es sollte uns vielleicht nicht überraschen, dass Jesus sagt, dass die Steine schreien werden, wenn die Christen stumm bleiben …

Vielen von uns sind sowohl die engstirnigen Lieblingsthemen der Konservativen als auch die seichte Spiritualität, die für Liberale kennzeichnend ist, fremd geworden. Wir dürsten nach sozialer Gerechtigkeit und nach Frieden, doch wir haben die größten Schwierigkeiten, Glaubensgruppen zu finden, die durchgängig für das Leben einstehen (und nicht nur für das ungeborene) oder anerkennen, dass es noch andere „moralische Probleme“ als Homosexualität und Abtreibung gibt – moralische Probleme wie Krieg, Hunger und Armut. Manche Leute versuchen daher am Ende nur noch, einzelne Seelen zu retten; andere versuchen, die Welt vor dem „System“ zu retten.

Nur selten nehmen wir überhaupt wahr, dass die Welt uns alle mit ihrer Krankheit angesteckt hat und dass die Heilung der Welt nicht bloß in uns beginnt, sondern mit uns auch noch lange nicht aufhört. Ich habe neulich einen Brief von einem jungen Mann bekommen, in dem es hieß: „Ich bin allein, umringt von glaubenslosen Aktivisten und passiven Gläubigen. Wo stecken die wahren Christen?“

Am College sagte einer meiner Professoren: „Lasst euch nicht von der Welt die Seele stehlen. Christ sein heißt Jesus wählen und sich entschließen, mit seinem Leben etwas unglaublich Gewagtes anzustellen.“ Ich beschloss, mich darauf einzulassen. Anfangs brach ich zu Missionsreisen auf, um den Armen „die Gute Nachricht zu bringen“. Ich entdeckte bald, dass sie mir die Gute Nachricht brachten. Seitdem habe ich versucht, jedem der es hören wollte, diese Nachricht zuzurufen, sei es in evangelikalen Megakirchen oder in den Vereinten Nationen. Das Abenteuer hat mich aus den Straßen Kalkuttas in die Kriegsgebiete des Iraks geführt. Jesus hat mich in die Hallen der Macht geführt und in die Slums der Mittellosen, zu Zolleinnehmern und Bauern, seinetwegen wurde ich in Verhandlungssäle und Gefängniszellen geschleift.

Ich ging auf Missionsreisen, um den Armen „die Gute Nachricht zu bringen“. Ich entdeckte bald, dass sie mir die Gute Nachricht brachten.

Als einer meiner Anarchofreunde, ein Punk, der zu allem, was entfernt nach Christentum riecht, Abstand hält, mitbekam, dass ich sonntags bei einer Gemeinde sprach, rief er mich an und sagte: „Ich hab gar nicht gewusst, dass du Prediger bist.“ Ich lachte und habe ihm meine Liebe zu Jesus erklärt, meine Unzufriedenheit mit der Kirche und meine Hoffnung auf eine andere Welt. Er meinte daraufhin zu mir: „Soll man’s glauben, du ein Prediger … in eine Kirche, wo man dich predigen lässt, würde ich auch gehen!“

Im Stillen dachte ich: Würden wir nicht alle in eine Kirche gehen, die an ganz gewöhnliche Trottel und Penner glaubt und deren Evangelium tatsächlich eine gute Nachricht ist? Ich habe gelernt, den Humor eines Gottes zu bewundern, der mit törichten Dingen die Weisheit dieser Welt beschämt und mit Schwächlingen die Starken daran erinnert, dass sie vielleicht nicht so mächtig sind, wie sie meinen (1. Korinther 1,27). In einem Zeitalter von „intelligenten Bomben“ braucht die Welt vielleicht mehr Verrückte.

EIN GEWÖHNLICHER RADIKALER

Ich muss etwas beichten: Ich passe nicht wirklich in die bekannten liberal-konservativ-Kisten. Meine Aktivistenfreunde nennen mich konservativ und meine religiösen Freunde bezeichnen mich als liberal. Oft bekomme ich auch den Stempel „radikal“ aufgedrückt. Ich hab mich nie besonders daran gestoßen, denn wie ich höre, bedeutet das Wort radikal „Wurzel“. Es kommt vom lateinischen radix, hat damit zu tun, dass man, wie das Radieschen, den Dingen auf den Grund geht. Radikal sein ist aber nichts, was bloß Heiligen und Märtyrern vorbehalten ist, weswegen ich diesem Begriff gern das Wort gewöhnlich voranstelle. „Gewöhnlich“ heißt „nicht normal“, und ich bedaure die fürchterliche Versuchung, die zur Folge hatte, dass Christen so normal geworden sind. Dankenswerterweise geht eine Bewegung ganz gewöhnlicher Radikaler durch das Land. Ganz gewöhnliche Menschen entschließen sich auf neue Art und Weise zu leben – kompromisslos, radikal. Dieses Buch ist also für gewöhnliche Radikale und nicht für Heilige, die meinen, ein Monopol auf Radikalität zu besitzen, und auch nicht für normale Menschen, die mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt zufrieden sind.

Ich möchte den Dingen auf den Grund gehen. Etwa: Was bedeutet es, den Nächsten zu lieben?

Ich bin also ein Radikaler im wahrsten Sinne des Wortes. Ein gewöhnlicher Radikaler, der den Dingen auf den Grund gehen will: Was es heißt, zu lieben, und warum unsere Welt in einen so katastrophalen Zustand geraten konnte. Und viele meiner Helden waren „Radikale“, die versuchten, zu den Wurzeln des Christentums zurückzukehren. Früher fand ich es gut, als radikal tituliert zu werden, weil ich mir dann ziemlich forsch vorkam und ich keine Angst haben musste, dass mich die Leute zu ernst nahmen. Es war ein Wort, dass man abfällig benutzte, für gewöhnlich um Leute zu bezeichnen, die die Wahrheit aufbauschten, die von der Welt ignoriert wurde.

Es ist jedoch etwas Seltsames passiert. Entweder bin ich nicht mehr radikal oder es gibt da draußen ganz viele gewöhnliche Radikale. Die Leute hören tatsächlich zu. Die Frage lautet nicht mehr, was man tun soll, wenn keiner zuhört. Sondern: Was passiert, wenn die Leute uns tatsächlich ernst nehmen?1 Was tun wir, wenn die Verrücktheit des Kreuzes sinnvoller ist als die Weisheit des Schwerts? Was passiert, wenn eine schwache, gebrechliche Welt sich stärker zu Gottes Vision von Wechselseitigkeit und aufopferndem Teilen hingezogen fühlt als zur Illusion von Unabhängigkeit und Materialismus? Was machen wir, wenn wir diejenigen sind, die mitten in einer verrückten Welt gesund werden?

Ob nun bei reichen Leuten, die auf die Bahamas gezogen sind, bei den Leprakranken in Kalkutta oder den Christen im Irak – überall habe ich festgestellt, dass eine Erkenntnis universell ist: die Erkenntnis von der Zerbrechlichkeit unserer Welt. Aufmerksame Ohren aber können die uralte leise Stimme hören, die uns daran erinnert, dass eine andere Welt möglich ist.

Es gibt einen schönen Moment in der Bibel, wo Elija Gottes Gegenwart spürt. Ein großer, starker Wind kommt, der die Berge zerriss, doch Gott ist nicht im Wind. Nach dem Wind kommt ein Erdbeben, aber Gott ist nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kommt ein Feuer, doch Gott ist nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kommt ein leises Säuseln. Es ist das Säuseln Gottes. Heute können wir das Säuseln dort hören, wo wir es am wenigsten vermuten: Bei einem, der noch im Säuglingsalter fliehen musste, einem obdachlosen Rabbi, bei Crack-Süchtigen und vertriebenen Kindern, einer ächzenden Schöpfung. Oder mit den Worten der indischen Autorin Arundhati Roy beim Weltsozialforum in Brasilien: „Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist auch schon unterwegs. An stillen Tagen kann ich sie schon atmen hören.“ Das Säuseln fleht zu Gott, dass er die Kirche vor uns Christen retten und dem alternden Leib neues Leben einhauchen möge.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich evangelikaler Christ sei. Wie bei jedem Etikett – Anarchist, Aktivist, Radikaler, Christ – will ich mir vor einer Antwort sicher sein, dass wir wissen, worüber wir sprechen. Mir ist es immer wichtig, festzuhalten, dass das griechische Wort euangelion, von dem sich unser evangelikal und Evangelisation herleiten, ein uraltes Wort ist. Es ist ein Wort, das Jesus dem Wörterbuch des Kaiserreichs entnimmt und auf den Kopf stellt. Zum Beispiel wurde im Jahre 6 v. Chr. überall im Reich dieser Ausspruch eingemeißelt: „Augustus ist uns als Retter gesandt worden … die Geburt des Gottes Augustus ist für alle Welt der Beginn der Frohbotschaft [euangelion].“ Die frühen Evangelisten verkündeten eine andere gute Nachricht, gelobten einem anderen Herrscher die Treue und ver folgten das Ziel, ein anderes Königreich zu errichten. Wenn wir mit evangelikal jemanden meinen, der die gute Nachricht verbreitet, dass es ein anderes Reich oder eine andere Supermacht gibt, eine Wirtschaft und einen Frieden ohne die Nation, einen anderen Erlöser als den Kaiser – ja, dann bin ich ein Evangelikaler.

Eine neue Generation wacht auf, die nicht länger nur über die Kirche klagt, sondern beginnt, die Kirche zu werden, von der sie träumt.

Es gibt ziemlich viele falsche Propheten (und falsche Profite) da draußen und ziemlich viele peinliche, beschämende Sachen, die im Namen Gottes getan werden. Doch es wächst eine andere Bewegung heran, eine Art kleine Revolution. Viele von uns wollen sich nicht länger über Zerrbilder unseres Glaubens definieren lassen. Es gibt bei uns viele, die nicht einfach bloß den Pop-Evan-gelikalismus ablehnen, sondern eine andere Art von Christentum verbreiten wollen, einen Glauben, der über diese Welt genauso viel zu erzählen hat wie über die nächste. Es erheben sich neue Propheten, die die Zukunft ändern und nicht bloß vorhersagen wollen. Eine neue Bewegung keimt auf, die den Zynismus hinter sich lässt und einen neuen Lebensstil verwirklicht, eine Generation, die sich nicht länger über die Kirche, die sie sieht, beklagt, sondern zu der Kirche wird, von der sie träumt. Und diese kleine Revolution ist unwiderstehlich. Sie ist eine ansteckende Revolution, die tanzt, lacht, liebt.

DIE SCHÖNHEIT DER KLEINEN DINGE

Während des Afghanistankrieges organisierten Leute aus meiner Gemeinschaft am Love Park in Philadelphia eine nächtliche Mahnwache, um an die Flüchtlinge und die Kriegskosten zu erinnern. Kurz danach gingen wir zu einem sagenhaften Pizzabäcker, der nur einen Straßenverkauf hat und bei dem die Pizza vor Fett nur so trieft. Wir waren mit dem Besitzer, der aus Afghanistan stammte, ziemlich gut befreundet. Er erzählte uns mit Tränen in den Augen, dass er uns in den Nachrichten gesehen hätte und wie dankbar er uns sei. Seine Familie war zu Flüchtlingen geworden und wusste nicht, was aus ihr werden sollte. Er meinte, was wir machten, sei ganz wunderbar, setzte dann aber hinzu: „Aber wir sind bloß kleine Leute. Wir sind wie Kakerlaken und sie können uns mit ihren großen Füßen tottreten.“ Ich hab zu ihm gesagt: „Aber wir sind viele. Und sehr viele Kakerlaken können den Hausbesitzer aus seinem Haus jagen!“ Wir mussten alle lachen. Wir sind eine bescheidene Kakerlakenrevolution, die Geldwechsler aus Tempeln und Politiker von ihren Posten jagen kann. Und wir können sie einladen, eine andere Welt zusammen mit uns zu schaffen.

Wir leben allerdings in einer Welt, die die kleinen Dinge gar nicht mehr zu schätzen weiß. Wir leben in einer Welt, in der alles immer größer und größer werden muss. Wir möchten eine Megaportion Pommes, eine megagroße Limo, eine Megakirche. Aber inmitten dieser ganzen doppelten Portionen spüren viele von uns, wie Gott etwas Neues tut, etwas Kleines, Zartes. Diese Geschichte, die Jesus das Reich Gottes nannte, kommt überall auf der Welt an Stellen zum Vorschein, wo man sie am wenigsten erwartet, ein sanftes Säuseln mitten im Chaos. Kleine Leute mit großen Träumen denken die Welt neu. Kleine Bewegungen von Gemeinschaften aus gewöhnlichen Radikalen haben sich dazu verschrieben, Kleines mit großer Liebe zu tun.

Versteht mich jetzt bitte nicht falsch. Tatsache ist, dass dem Willen Gottes für unsere Welt vieles im Wege steht, Bestien wie das, was Martin Luther King das „Trio des Bösen“ nannte: Rassismus, Militarismus und Materialismus. Die Stimmen des Widerstands sind leise Stimmen, doch die Stimmen dieser gewöhnlichen Radikalen fangen an, auf die wunderbarste Weise zusammenzuklingen. Die biblischen Propheten redeten von den Bestien des Kaiserreichs und des Marktes. Und die leisen Stimmen kleiner Propheten sind wieder aus dem ganzen Land zu hören.

GESCHICHTEN ERZÄHLEN

Einige von euch, die das hier lesen, kenne ich sehr gut. Andere kenne ich überhaupt nicht, weswegen ich ein bisschen meine Schwierigkeiten damit habe, zu entscheiden, was ich erzählen soll (und was nicht). Ich kann ja keinen Witz reißen oder ein bisschen leiser machen, wenn ihr Streit mit mir anfangen wollt. Ich kann euch nicht kichern hören und nicht sehen, wenn ihr weint. Und ich weiß auch nicht, wann’s euch reicht, und diskutieren können wir am Kapitelende auch nicht. Wir müssen also mit einigen Einschränkungen klarkommen.

Dieses Buch ist keine Autobiografie. Ich käme mir ein bisschen großspurig vor, ein Buch mit dem Titel Mein Leben zu schreiben, und ich kann mir auch niemanden vorstellen, der das kaufen würde. Höchstens meine Mutter (die es fertigkriegen würde, so viele zu kaufen, dass es auf den Bestsellerlisten auftaucht; aber darum geht’s ja gar nicht). Ich schreibe aber trotzdem autobiografisch, weil ich weiß, dass kaum etwas mehr Veränderung bewirkt als Menschen und Geschichten. Richtiges Leben und gewöhnliche Leute faszinieren die Menschen. Deshalb also meine Geschichte – nicht weil ich jemand so Spektakuläres wäre, dass jeder hören muss, was ich zu sagen habe. Genau das Gegenteil: Ich glaube, was ich erlebt habe, kann als Beispiel dienen für die Kämpfe und Widersprüche, die viele von uns bewegen – und auch ein wenig als Karikatur.

Seltsam ist allerdings, wie die Leute auf Stars stehen. Es gibt aber schon genug Promis und Superstars. Ein Freund von mir, Pastor, hat gesagt: „Unser Problem ist, dass wir keine Märtyrer mehr haben. Wir haben bloß noch Promis.“ Ich möchte nicht noch ein christlicher Superstar sein und mich von den Leuten anhimmeln oder um ein Autogramm auf ihr T-Shirt bitten lassen. Das hört sich vielleicht ein bisschen dramatisch an, aber ich kann euch gar nicht sagen, wie viele Jugendliche mit leuchtenden Augen auf mich zukommen und mich um ein Autogramm bitten oder mir sagen, ich sei „stark“. Wenn ich „stark“ bin, dann haben wir ein Problem. Entweder steht den Leuten Enttäuschung ins Haus oder sie haben noch keine Ahnung von Gott. Gott ist stark; er ist großartig, beeindruckend, Ehrfurcht gebietend. Außerdem frage ich mich, ob ich wirklich die Wahrheit geredet habe, wenn die Leute so in Wallung geraten, denn Jesus hat gesagt: „Wehe euch, die ihr jetzt von allen umschmeichelt werdet, denn die falschen Propheten waren schon immer beliebt.“ (Lukas 6,26). Haltet also lieber nicht zu viel von mir. Ein paar von euch könnten mir vielleicht auch erboste Briefe schreiben (damit ich weiß, dass ich was Richtiges gesagt habe).

Dieses Buch ist also ein Buch mit Geschichten. Was uns verändert, insbesondere uns „Postmoderne“, sind Menschen und Erfahrungen. Politideologien und Religionslehren sprechen einfach nicht so richtig an, selbst wenn sie wahr sind. Geschichten aber sind entwaffnend. Sie lassen uns lachen und weinen. Mit einer Geschichte uneins zu sein ist schwierig. Und eine Kirche spalten oder Menschen umbringen kann man ihretwegen erst recht nicht. Außerdem scheinen die Leute nach einer guten Geschichte ein bisschen lockerer zu werden. Aus genau diesem Grunde hat Jesus meiner Meinung nach so viele Geschichten erzählt – Geschichten über das gewöhnliche Leben im Mittelmeerraum des ersten Jahrhunderts, Geschichten von Witwen und Waisen, Schulden und Löhnen, Arbeitern und Grundbesitzern, Höfen und Festessen.2

Ich glaube, dass es genügend Leute gibt, die keine Lust mehr haben auf die alten Antworten. Hören wir also Geschichten von neuen Antworten.

Trotzdem ist mir klar, dass das hier ein riskantes Unterfangen ist. Die Kirche ist vom Dualismus infiziert, einer Spaltung, bei der die Leute das Geistliche vom Politischen und Sozialen trennen – ganz so, als ob die politischen und sozialen Probleme ohne geistliche Bedeutung wären und Gott der Welt keine bessere Vision anzubieten hätte. Diese Geschichten, ob sie nun aus den Straßen Philadelphias kommen oder aus den Krankenhäusern des Iraks, sind politisch, sozial und geistlich. Bei den Themen, die wir ansprechen werden, kann einem durchaus schlecht werden, z. B. vor Wut. Ich glaube allerdings, dass wir genügend Leute sind, die keine Lust mehr auf die alten Antworten und die traditionellen Lager haben – ob Gläubige oder Aktivisten, „Rechte“ oder „Linke“, Pazifisten oder Verfechter des Gerechten Krieges –, dass es das Risiko wert ist. Die Zeit für eine neue Art von Gespräch ist gekommen, für eine neue Art von Christentum, eine neue Art von Revolution.

NOCH EINE VORBEMERKUNG DES AUTORS

Der Entschluss, ein Buch zu schreiben, ist mir nicht leicht gefallen. Ich erspare euch all die Jahre, in denen ich mit der Spannung gerungen habe, authentisch klein und evangeliumsgemäß groß zu leben. Ich kann euch auch nicht alles über diesen Entschluss erzählen, z. B. wer das Reklamefoto von mir gemacht hat oder warum ich das Buch bei gerade diesem Verlag erscheinen lasse, und wahrscheinlich interessiert euch das sowieso nicht. Ein paar Dinge, um echt zu bleiben, kann ich allerdings tun, bevor wir loslegen.

Es gibt schon genügend Leute, die vor dem eigenen Lager predigen, vor Leuten, die das Gleiche denken wie sie und genauso aussehen. Es geht in diesem Buch nicht darum, euch sämtliche Antworten zu geben. Es geht darum, einige entscheidende Fragen zu stellen. Manche von uns haben nicht mal die richtigen Fragen gestellt oder eine Gemeinde gefunden, in der sie das dürften. Ich habe das Vertrauen, dass, indem wir Fragen stellen, der Heilige Geist uns auf dem Weg der Nachfolge Jesu leiten wird.

Mein Ziel ist es, die Wahrheit in Liebe auszusprechen. Es gibt eine ganze Menge Leute, die die Wahrheit ohne Liebe sagen, und es gibt Leute, die sprechen ohne viel Wahrheit von der Liebe. Und wir wollen auch nicht im Sumpf der Schuldgefühle stecken bleiben. Die meisten guten Dinge fangen mit ein bisschen schlechtem Gewissen an, aber sie bleiben dort nicht stehen. Wir sind alle in einem üblen System gefangen. Wenn die Fesseln besonders fest sitzen: Fass Mut – du wirst die Gnade umso besser kennen, wenn du anderen den Weg in die Freiheit zeigst.

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. In unseren Regalen steht genug Zeug, auf dem sich der Staub sammelt. Und genügend weiße Männer, die Bücher schreiben, gibt’s auch schon. Das meiste ist schon viel zu oft gesagt worden und muss einfach endlich gelebt werden.

Die Tatsache, dass ein Buch veröffentlicht wird, verleiht seinem Inhalt Nachdruck – und dabei sollten wir alle vorsichtig sein. Ich hasse es, dass man mich als jungen Idealisten abstempelt – bis man mitbekommt, dass ich ein Buch schreibe oder auf der Uni war. Wenn die Leute mitbekommen, dass man ein Buch geschrieben hat, hören sie dem, was man zu sagen hat, tatsächlich zu. Das ist gefährlich, denn es gibt da draußen auch allerhand schlechte Bücher (natürlich nicht in meinem Verlag – *zwinker*). Und es gibt Unmengen Leute, die etwas zu sagen haben, aber niemals ein Buch schreiben werden. (Jesus zum Beispiel könnte man da nehmen …)

Dieses Buch erzählt nicht die Geschichte unserer Gemeinschaft, des Simple Way. Selbst wenn ich wollte, könnte ich unsere Geschichte nicht allein erzählen. Davon abgesehen bräuchten wir unsere eigene Reihe. Oder noch besser unsere eigene Reality-Soap im Fernsehen. (Kleiner Scherz. Keine Sorge.) Wir unterstützen uns gegenseitig darin, unsere je eigene Berufung zu leben, und Simple Way hat mich bei diesem Projekt hilfreich begleitet. Ich bin nur eine Stimme im Chor, der die Harmonie unserer Bewegung erklingen lässt. Ich habe ganz wunderbare Menschen an meiner Seite gehabt, die mir geholfen haben, meine Entscheidungen in Sachen Reden und Schreiben zu treffen. Ihnen bin ich Rechenschaft schuldig. (Womit blumenreich ausgedrückt ist, dass sie aufpassen, dass ich nicht dem Buchmarkt meine Seele verkaufe oder im Internet Schmuddelkram angucke.) Sie stellen mir schwierige Fragen und hinterfragen meine Absichten. Mein Dank geht an Michael, Brooke, Michelle, Amber, Richard, Chris, Joshua, Aaron, Scott, Darin, Jonathan, Will, Tony, Jamie, Bart, Jim, Tom, Ched, Ron, Betsy und Margaret.

Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie von diesem Buch enttäuscht sind und gern ihr Geld zurück hätten. (Das heißt, versuchen Sie’s bitte erst im Buchladen – Kassenbon nicht vergessen – und danach mit einem Brief an den Verlag. Wenn Sie da auch kein Glück haben, versuchen Sie’s beim Simple Way. Vielleicht hat dort jemand Mitleid mit Ihnen. Wenn das alles nichts fruchtet: wenden Sie sich an mich und ich schicke Ihnen ein besseres Buch. Höchstwahrscheinlich ein gebrauchtes. Eine Bibel womöglich.)

Wer hätte gedacht, dass man mit dem Schreiben eines Buches so viel Geld verdienen kann? Der Transparenz halber sollt ihr noch wissen, dass alles Geld, das ich für dieses Buch bekomme, weitergegeben wird.3 Es handelt sich dabei nicht um eine hochedle Spendenaktion. Alles andere ergibt für mich halt keinen Sinn. Davon abgesehen wird in dem Buch nicht bloß meine Geschichte erzählt und ich habe nicht vor, die Geschichten anderer auszubeuten. Dieses Buch ist aus einer Gemeinschaftsbewegung heraus entstanden, wurde von lokalen Revolutionen und gewöhnlichen Radikalen inspiriert, ist im Leben mit den Armen und Ausgegrenzten verankert. Es ist also nicht bloß eine Verantwortlichkeit, sondern eine Freude und Ehre, die Erlöse mit ihnen allen zu teilen.4

Lasst uns also weitermachen damit, uns in unserer Hoffnung gegenseitig zu bestärken und dabei zusammen die Revolution Gottes tanzen.

KAPITEL 1

ALS MAN NOCH PROBLEMLOS CHRIST SEIN KONNTE

 

Mit den wirklich gefährlichen Heiligen und Propheten passiert immer dasselbe: Wir machen Denkmäler aus ihnen, berauben sie ihrer Leidenschaft und jeglichen Lebens, sperren sie in Bleiglasfenster und Ikonen, verbannen sie in die Sicherheitszone der Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Der heilige Franziskus wird zur Vogeltränke, Malcolm X zum Briefmarkenmotiv und Martin Luther King bekommt einen Feiertag spendiert. Und auch Jesus wird kommerziell ausgeschlachtet, vom goldenen Kruzifix bis zur Plastiknachttischlampe. (Neuerdings gibt’s sogar einen „Jesus-ist-mein-Freund“ mit Wackelkopf fürs Auto, und dann wäre da noch das „Jesus-is-my-BOSS“-T-Shirt.) Es wird schwer, herauszubekommen, wer Jesus wirklich ist. Und noch weniger kann man sich vorstellen, dass Jesus jemals gelacht oder geweint hat oder dass seine Verdauung auch nicht nach Rosen roch.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da war Christsein trendy, gemütlich und ungefährlich. Ich bin im amerikanischen Bible Belt groß geworden, in East Tennessee, wo an so ziemlich jeder Ecke eine Kirche steht. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals einem Juden oder einem Muslim begegnet zu sein. Sehr deutlich erinnere ich mich hingegen daran, wie ich davon abgebracht wurde, mich mit einem katholischen Mädchen zu treffen – denn „die betet Maria an“. Ich ging in zwei oder drei verschiedene Jugendgruppen, je nachdem welche gerade das beste Programm hatte oder das meiste Publikum zog. Gemeinde war da, wo’s die nettesten Mädchen gab, Junk Food für umsonst und billige Freizeiten mit Snowboarden. Ich entdeckte ein Christsein, das mich mit leicht seltsamen Songs und Klettwänden1 unterhielt.

In der Middle School hatte ich ein ganz echtes „Bekehrungs“-Erlebnis. Wir fuhren zu einer großen christlichen Veranstaltung mit Bands, Rednern und nächtlichen lus tigen Aktionen. Eines Abends lud uns ein kurz gewachsener, glatzköpfiger Prediger ein, „Jesus anzunehmen“, und fast unsere ganze Gruppe ging nach vorn (für die meisten von uns eine neue Sache), zu Tränen ergriffen, und wir umarmten wildfremde Menschen. Ich war wiedergeboren. Im Jahr darauf fuhren wir wieder zu der Veranstaltung und die meisten von uns gingen wieder nach vorn (war ja total klasse beim ersten Mal). Genaugenommen freuten wir uns jedes Jahr aufs Neue darauf. Ich bin schätzungsweise sechs- oder achtmal wiedergeboren worden und es war jedes Mal toll (ich kann’s wärmstens empfehlen).

Ich hab die ganzen korrekten Sachen geglaubt – aber von Nachfolge hatte ich keinen blassen Schimmer.

Aber irgendwann meint man, dass Christsein doch mehr sein muss. Ich begriff, dass diese Prediger mich aufforderten, mein Leben dem Kreuz zu übergeben, dass sie aber nichts hatten, was ich nun stattdessen an mich nehmen konnte. Viele von uns bekamen „Rauch nicht, trink nicht, treib dich nicht in fremden Betten herum!“ zu hören und fragten sich natürlich bald: „Okay, das wäre jetzt wohl mein Leben gewesen. Und was mach ich nun?“ Wo gab es jetzt was zu tun? Doch in dieser Hinsicht hatte anscheinend niemand viel zu bieten. Traktate vorm Einkaufszentrum zu verteilen schien uns nicht so richtig die erfüllte Jüngerschaft zu sein und ins Kino zu gehen war allemal lustiger.

Ich war bloß ein weiterer gläubiger Christ. Ich hab die ganzen korrekten Sachen geglaubt – dass Jesus Gottes Sohn ist, dass er gestorben war und von den Toten auferstanden. Ich war ein „Glaubender“ geworden, aber von Nachfolge hatte ich keinen Schimmer. Man hatte mir beigebracht, was Christen glauben, aber niemand hatte mir gesagt, wie Christen leben.

GEISTLICHE BULIMIE

Wie das in unserer Kultur so ist: Ich hab gedacht, ich müsste vielleicht mehr Dinge kaufen, christliche Dinge. Zum Glück gab es einen ganzen christlich-industriellen Komplex, der nur zu gern bereit war, mich mit Musik, Autoaufklebern, T-Shirts, Büchern und sogar Süßigkeiten („Testa-Mints“ … kein Scherz … in einen Bibelvers eingewickelte Pfefferminzbonbons, Süßkram mit christlichem Nachgeschmack) zu versorgen. Es gab Listen mit Bands und ihren entsprechenden christlichen Alternativen, und ich hab meine alten CDs weggeworfen. (Und, um ehrlich zu sein: Ich war von den christlichen Nachahmungen ein bisschen enttäuscht. Wer ließ sich schon mit Guns’n’Roses vergleichen und mit Vanilla Ice?) Und ich habe Bücher gekauft, Andachten, T-Shirts. Ich bekam eine weit verbreitete Krankheit, von der die abendländische Christenheit mit ziemlicher Regelmäßigkeit heimgesucht wird. Ich nenne sie geistliche Bulimie. Bulimie ist natürlich eine tragische Essstörung, die viel mit Selbstwahrnehmung und Außenwirkung zusammenhängt und bei der die Betroffenen viel essen, das Essen aber wieder erbrechen, bevor es verdaut werden kann. Ich hatte die geistliche Variante, bei der ich meine Andachten las, alle neuen christlichen Bücher verschlang und mir die christlichen Filme ansah und dann Informationen über Freunde, Kleingruppen und Pastoren erbrach. Aber ich hatte niemals Gelegenheit zum Verdauen. Ich hatte die komplette Angebotspalette des christlich-industriellen Komplexes in mich hineingestopft, doch geistlich verhungerte ich. Ich war von einer überkonsumierenden, aber falsch ernährten Spiritualität gezeichnet, wurde vom Christsein erstickt – und dabei dürstete ich nach Gott.

Mark Twain hat einmal gesagt: „Nicht jene Teile der Bibel, die ich nicht verstehe, machen mir Angst, sondern die Teile, die ich verstehe.“ Ich weiß nicht, ob Sie die Bibel gelesen haben, und falls nicht, sind Sie vielleicht in einer besseren Ausgangsposition als diejenigen unter uns, die sie so viel gelesen haben, dass sie ihnen nach nichts mehr schmeckt. Vielleicht sagt Jesus ja deshalb zu den frommen Leuten: „Eins ist sicher: Die betrügerischen Zolleinnehmer und Huren kommen eher in Gottes neue Welt als ihr“ (Matthäus 21,31). Es wurde für mich schwer, in der Bibel zu lesen, um mich anschließend wie aus dem Kino daraus zu verabschieden. Jesus tat anscheinend nie irgendwas Normales. Nehmen Sie nur mal, dass sein erstes Wunder diese alte Wasser-zu-Wein-Geschichte war, damit die Party weitergehen kann. (Ein Wunder, das in einigen christlichen Kreisen nicht gerade Begeisterungsstürme hervorrufen würde.) Oder die Geschichte, wo Jesus von seinen Freunden am Seeufer zurückgelassen wird. Unsereins hätte vielleicht an seiner Stelle gebrüllt, dass sie gefälligst zurückkommen sollen. Oder man wäre ins Wasser gesprungen und zum Boot hingeschwommen. Doch Jesus geht einfach auf dem Wasser (Matthäus 14,22-26). Komplett verrückt. Er erschreckt seine Freunde damit zu Tode. Oder nehmen wir die Heilung des Blinden. Ich habe gesehen, wie Menschen sich um Kranke versammeln und ihnen die Hände auflegen. Andere salben sie mit Öl. Jesus aber hebt dafür eine Handvoll Erde auf, spuckt hinein und schmiert sie dann dem Typ auf die Augen (Johannes 9,6). Schräg. Niemand sonst tat so etwas.

Nur Jesus war verrückt genug zu sagen, dass man, um der Größte zu werden, der Geringste werden muss. Nur Jesus verkündete, dass die Armen von Gott gesegnet sind, und nicht die Reichen. Nur er würde darauf bestehen, dass es nicht ausreicht, nur seine Freunde zu lieben. Ich fragte mich allmählich, ob wirklich noch irgendwer glaubte, dass es Jesus mit dem, was er sagte, ernst gewesen war. Wenn wir einfach mal Pause machen und uns fragen würden: „Was wäre, wenn er es wirklich ernst gemeint hätte?“ Die ganze Welt könnte so auf den Kopf gestellt werden. Dass Christen so normal geworden waren, war ein Armutszeugnis.

JESUS HAT MEIN LEBEN RUINIERT

Ich weiß, dass es Leute gibt, die sagen: „Ich war total fertig. Ich hab gesoffen, gefeiert, ständig mit anderen gepennt … und dann habe ich Jesus kennengelernt und ab da ist alles in Ordnung gekommen.“ Gott segne diese Menschen. Aber bei mir war alles in Ordnung. Ich war immer cool. Und dann hab ich Jesus kennengelernt und er hat mein Leben ruiniert. Je länger ich das Evangelium las, desto mehr geriet alles durcheinander. Alles, woran ich glaubte, worauf ich hoffte, was ich schätzte, wurde auf den Kopf gestellt. Ich bin immer noch dabei, von meiner Bekehrung zu genesen. Ich weiß, dass man es sich kaum noch vorstellen kann – aber in der High School war ich der Partykönig. Ich gehörte zu den hippen Leuten, war beliebt, auf dem besten Weg, viel Geld zu verdienen und es entsprechend auszugeben, auf der Erfolgsleiter unterwegs nach oben. Ich hatte vorgehabt, Medizin zu studieren. Wie viele Leute wollte ich einen Job haben, wo ich so wenig wie möglich arbeiten musste und dabei so viel wie möglich verdienen konnte. Anästhesie schien mir da genau das Richtige zu sein – die Leute mit ein bisschen Lachgas einschlafen lassen und anschließend die anderen die Drecksarbeit machen lassen. Dann würde ich mir massenweise Zeug kaufen können, das ich gar nicht brauchte. Hmmm … der amerikanische Traum.2

Es passte jedoch nichts zusammen, während ich mich aufs College vorbereitete und den Traum vom sozialen Aufstieg träumte. Als ich in der Bibel las, dass die Ersten die Letzten sein werden, begann ich mich zu fragen, warum ich mich so anstrengte, um Erster zu sein. Und unwillkürlich hoffte ich, dass das Leben mehr zu bieten hätte als diese Popversion von Christsein. Ich hatte keinen Schimmer, was ich machen sollte. Ich dachte daran, alles aufzugeben, um Jesus nachzufolgen, wie die Apostel, und mich mit nichts außer meinen Sandalen und meinem Stecken auf den Weg zu machen. Mir war nur nicht ganz klar, woher ich einen Stecken bekommen sollte.

Es gab eine ganze Reihe von Leuten, die über das Evangelium redeten und Bücher darüber schrieben. Soweit ich das überblicken konnte, hatte in jüngerer Zeit allerdings niemand mehr versucht, das Evangelium auch zu leben. Die Jugendgruppe wurde allmählich ein bisschen alt – die Songs wurden langweilig, die Spiele öde und wo man sonst noch klasse Frauen treffen konnte, wusste ich inzwischen auch. Irgendwie schien mir die Gemeinde nicht viel zu bieten zu haben. Natürlich hab ich nicht gewagt, nicht mehr in die Kirche zu gehen, denn ich war überzeugt davon, dass „in die Kirche gehen“ für gute Menschen ein Muss ist. Ich wollte nicht wie „diese Leute“ werden, die nicht „in die Kirche gehen“. Heiden. Ha. Also schluckte ich’s runter und ging jede Woche hin, nicht selten in zynischer Laune, für gewöhnlich gelangweilt, aber immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

Die gesammelte Jugend saß immer in der letzten Reihe auf der Empore. Sonntagmorgens verdrückten wir uns zum Kiosk, um Süßigkeiten zu holen, und dann schlichen wir uns wieder auf die Empore. Ich weiß noch, dass ich gedacht habe: Wenn Gott genauso langweilig ist wie der Sonntagmorgen, dann will ich lieber nichts mit ihm zu tun haben. Und ich kann mich erinnern, wie ich mit Freunden gelästert habe, wenn jemand sonntagmorgens einen Herzinfarkt hätte, dann müssten die Sanitäter der halben versammelten Gemeinde den Puls messen, bis sie den Toten gefunden hätten. Ja, gehört sich nicht, war aber lustig. Und allzu weit weg von der Wahrheit war’s wohl auch nicht. Es herrschte eine feierliche Erstarrung. Im Konfirmandenunterricht erfuhr ich von den glühenden Anfängen der methodistischen Kirche und ihrem Zeichen, dem Kreuz, an dem die Flammen des Heiligen Geistes züngeln. Wo war das Feuer abgeblieben? Ich hörte von John Wesley, der sich fragte, ob er wirklich das Evangelium verkündet hatte, wenn sie ihn nach seiner Predigt nicht aus der Stadt jagten. Ich kann mich noch an Wesleys Ausspruch erinnern: „Wenn ich bei meinem Tod mehr als zehn Pfund besitze, dann darf mich jedermann einen Dieb und Lügner rufen“, weil er dann das Evangelium verraten hätte. Dann erlebte ich, wie eine der Gemeinden, die ich besuchte, sich für 120 000 Dollar ein Fenster machen ließ. Wesley wäre darüber gar nicht glücklich gewesen. Ich starrte dieses Fenster an. Ich sehnte mich danach, dass Jesus herauskommen würde, sich daraus befreien, von den Toten auferstehen würde … noch einmal.

JESUS FREAK

Dann kamen ein paar Neue auf unsere High School und man hörte so einiges über sie. Sie stammten aus einer „charismatischen“, überkonfessionellen Gemeinde, die noch viel „radikaler“ war als die United Methodists; sie redeten in Zungen und tanzten auf den Bänken. Na gut, ich muss zugeben, dass mich daran insgeheim etwas faszinierte. Ich wollte Leidenschaft sehen. Aber natürlich wagte ich nicht, mein Interesse öffentlich zu bekunden, und zog stattdessen mit meinen anderen Freunden Grimassen und riss Sektenwitze. Eines Mittags saß ich in der Kantine mit ein paar von meinen methodistischen Freunden zusammen, als die beiden Neuen hereinkamen. Ich wurde damit beauftragt (okay, mehr als Mutprobe), mich zu ihnen zu setzen und sie zu fragen, was es mit dem Zungenreden auf sich hat, während meine ganzen Freunde zusahen und gnickerten. Teils war das natürlich Verarsche, aber ein anderer Teil von mir war extrem neugierig. Im Nachhinein ist es verblüffend, dass sie sich überhaupt mit mir abgaben. Aber wie gute Evangelikale so sind: Sie luden mich mit offenen Armen zu ihrem Gottesdienst ein. Und ich ging hin. Es dauerte nicht lange, bis ich ihren unbekümmerten, lockeren Gottesdienst total schätzte. Und ich lernte Leute kennen, die so lebten, als ob sie an Himmel und Hölle glaubten, die weinten und beteten, wie wenn sie gerade tatsächlich Gott begegneten.

Kurz darauf schloss ich mich dieser Gemeinde an. Ich wurde ein Jesus Freak. Ich versuchte alles und jeden zu bekehren, von Heiden bis zu Pastoren. Ich organisierte die Treffen an unserer Schule, wo sich Hunderte von uns zum Gebet an der Fahne versammelten, mit dem Ehrgeiz, das Gebet an die öffentlichen Schulen zurückzubringen. Ich war leidenschaftlich gegen Abtreibung3 und gegen Schwule, und Liberale verspeiste ich zum Frühstück. Ich unterstützte die örtlichen Konservativen im Wahlkampf und pappte jedem einen Aufkleber ans Heck, ob der Besitzer das wollte oder nicht. Niemand konnte uns Jesus Freaks stoppen. Ich ging in die Einkaufszentren und verteilte Traktate, um unschuldige Käufer vor der Hölle zu retten. Bis heute habe ich einen gewissen Respekt vor diesen religiösen Fanatikern in Fußgängerzonen. Zumindest spüren sie eine Leidenschaft und ein Drängen und leben so, als ob ihre Worte wahr seien.

Ein Jesus Freak zu sein war ganz große Klasse und ich blieb fast ein Jahr dabei. Aber das glühend Neue daran verlosch allmählich, und als wir dann tatsächlich in der Schule beten durften, war der Glamour irgendwie weg.4 Ich sah den Kuddelmuddel aus Geltungsbedürfnis und Interessenpolitik. Mein Hauptantrieb waren Ideologie und Theologie, keine nachhaltige Sache, selbst wenn sie aufrichtig und wahr sind. Ich fragte mich, ob Jesus irgendeine Meinung zu dieser Welt haben würde, und bezweifelte langsam, dass es ihn sonderlich interessierte, ob ich Metallica hörte. Bei evangelistischen Aktionen kam ich mir manchmal vor, als ob ich Jesus verkaufte wie ein Gebrauchtwagenhändler – als ob das Seelenheil der Leute von meinen Redekünsten abhinge. Und das ist ein ganz schöner Druck. Manchmal kam es mir so vor, als sei Jesus ein Super-Sonderangebot bei Wal-Mart. Aber in Wirklichkeit besaß ich lediglich einen Haufen christliches Gerümpel, in meinem Zimmer und in meiner Seele. Ich bezweifelte allmählich, dass die Geschichten der Bibel so aussahen wie einst in der Sonntagsschule. Meine kirchenübersättigte Seele brauchte dringend Urlaub. Folglich war ich bald ziemlich desillusioniert von der Kirche. Allerdings war ich weiterhin fasziniert von Jesus.

Ich war desillusioniert von der Kirche. Aber ich war fasziniert von Jesus.

Meine Mama, die mich bereits anflehte, die Fanatiker zu verlassen und zu den Methodisten zurückzukehren, sagte zu mir: „Wenn Gott möchte, dass du in Philadelphia studierst, dann kann Gott das auch bezahlen.“ Was er dann allem Anschein nach auch getan hat: Kurz darauf bekam ich ein Stipendium und so machte ich mich auf den Weg nach Philly.