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John Eldredge / Brent Curtis

Ganz leise wirbst du
um mein Herz

Wie Gott unsere Sehnsucht stillt

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Aus dem Amerikanischen von Christian Rendel
Lektorat: Renate Hübsch

Bibelzitate erfolgen nach der Übersetzung: Hoffnung für alle®.
© 1983, 1996, 2002 by International Bible Society®.
Alle Rechte vorbehalten.
Übersetzung: Brunnen Verlag Basel und Gießen.
Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

INHALT

Ein Brief von John

Danksagungen

1. Das verlorene Leben des Herzens

2. Romanze mit einem Unbekannten

3. Die Botschaft der Pfeile

4. Eine Geschichte, groß genug, um darin zu leben

5. Die Wildheit Gottes

6. Gott, der ewige Liebhaber

7. Die Geliebte

8. Der Gegenspieler: Legenden des Falls

9. Gezähmte Liebhaber

10. Auf dem Weg

11. Gemeinschaft in der Wüste: Lernen, an den Ufern des Himmels zu leben

12. Die Heimkehr

Epilog: Dem Himmel entgegen erinnern

Bibliographie

Über die Autoren

EIN BRIEF VON JOHN

Liebe Freunde,

wir hatten keine Ahnung, worauf wir uns eingelassen hatten, was es alles bedeuten würde. O, wir wussten, dass wir auf etwas Wertvolles gestoßen waren – auf einen vergrabenen Schatz, auf das, wonach wir unser ganzes Leben lang gesucht hatten. Sie müssen verstehen, dass die Göttliche Romanze nicht etwas ist, was Brent oder ich uns ausgedacht hätten. Sie ist etwas, das wir entdeckten, oder besser gesagt, etwas, wozu wir eingeladen wurden. Sie war ein Geschenk. Und wie es bei so vielen der kostbarsten Geschenke Gottes der Fall ist, schlich sie sich sozusagen bei uns ein, wie unsere Freundschaft. C.S. Lewis sagte, dass alle lebenslangen Freundschaften in dem Moment geboren werden, in dem wir jemandem begegnen, der sieht, was wir sehen, der hört, was wir hören. So fing auch diese ganze Sache an.

Oft standen wir spät abends in einem Fluss beim Fliegenfischen. Es war schon dunkel geworden, und eigentlich konnten wir unsere Fliegen auf dem Wasser gar nicht mehr sehen, aber keiner von uns wollte schon nach Hause gehen. Wir rätselten über die Welt, und Brent erzählte mir irgendetwas, was er gerade bei Augustinus oder Annie Dillard gelesen hatte, und auf denselben Gedanken war ich gerade bei Juliana von Norwich oder Frederick Buechner gestoßen.

Dann merkten wir, dass uns jemand nachstellte, dass die Schönheit des Abends um uns her dieselbe Schönheit war, die wir durch die Jahrhunderte hindurch bei denen fanden, die Gott liebten. Der große Liebhaber rief.

Aber wir hatten keine Ahnung, wie weit das gehen würde, wie viele durstige Herzen dadurch berührt werden würden. Heute erkenne ich, dass das alles eine göttliche Verschwörung war. Gott stellt durch dieses kleine Buch den Herzen seiner Menschen nach, und die Reaktionen waren atemberaubend. Wir kennen uns vielleicht noch nicht, aber Sie haben Anteil an der Schönheit, der Vertrautheit und den Abenteuern, die uns mit sich gerissen haben, und ich zähle Sie zu unseren Verbündeten.

Für manche von Ihnen ist die Romanze etwas Neues. Was Sie jetzt gerade in den Händen halten, mag aussehen und sich so anfühlen wie ein Buch … aber das ist es nicht. Es ist etwas viel Gefährlicheres – teils eine Schatzkarte, teils ein Fahndungsplakat, teils eine Einladung zu einem großen Ball. Wie Chesterton sagen würde: „Ein Abenteuer ist von Natur aus etwas, das zu uns kommt. Es ist etwas, das uns auserwählt, nicht etwas, das wir wählen.“ Und jedes gute Märchen enthält die Warnung: Achtung, Abenteuer! Höchste Gefahr! Brent und ich wussten das auch. Was wir nicht wussten war, wie hoch der Einsatz war, um den es ging.

Wenige Monate, nachdem wir das Buch beendet hatten, ist Brent bei einem Bergsteigerunfall im Mai 1998 ums Leben gekommen, während wir hier in Colorado eine Männerfreizeit leiteten.

Heute muss ich gestehen – als wir mit diesem Buch fertig wurden, machte ich mir Gedanken darüber, bei wie vielen Leuten Brent sich in seinen Danksagungen bedankte. Wie demütigend war es, hinterher zu erkennen, dass er Abschied nahm, ohne es selbst zu wissen. Sie werden viele derartige Passagen entdecken, Worte, die eine tiefere Bedeutung gewinnen, wenn Sie wissen, was geschehen ist.

Natürlich ist das Abenteuer nicht vorüber – bei weitem nicht. Wenn ich nicht jedes Wort glaubte, das wir hier geschrieben haben, so hätte ich den Verlust nicht ertragen können. Aber ich glaube daran. Nein, ich weiß, dass es wahr ist. Viele Leute haben mich gefragt: „Wünschst du dir nicht, Brent könnte das alles sehen, diese große Wirkung, die eure Arbeit hat?“ Ich lächle und nicke, denn ich weiß, er sieht es. Vieles davon ist wahrscheinlich sein Werk.

Mit Liebe und Dankbarkeit
JOHN ELDREDGE

Colorado, 2001

DANKSAGUNGEN

BRENT CURTIS: Jede kreative Arbeit ist in gewisser Hinsicht jedem Menschen verpflichtet, der einen Einfluss auf unser Leben hatte, sei es zum Guten oder zum Schlechten. In diesem Moment möchte ich gerne einigen Menschen danken, deren Leben und deren Herz in besonderer Weise zu dem beigetragen haben, was hier niedergeschrieben ist.

Herzlich bedanken möchte ich mich bei Jan und Sharon, meiner Mitarbeiterin und meiner Sekretärin, für ihre engagierten Anregungen und ihre Ermutigung; bei meiner Mitarbeiterin Laura dafür, dass sie sich mit mir der Einsamkeit des geistlichen Kampfes gestellt hat; bei Randy Raysbrook dafür, dass er die Früchte seines eigenen Forschens nach dem Platz des Herzens im geistlichen Leben mit mir geteilt hat; und bei Bruce Nygren dafür, dass er John und mir vertraut und unsere Texte mit leichter Hand bearbeitet hat.

Dank an Ralph und Isaac, die ihr zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedenen Etappen der Reise mit mir als Brüder im Geiste unterwegs wart – ihr habt mein Leben mit dem Gewicht der Ewigkeit beeinflusst; und John, dessen Herz und dessen Mut, Gott auf die Spur zu kommen, die Seiten dieses Buches durchtränken – ich danke Gott für jeden von euch.

Dank an meine Schwestern Candy, Angelita und Brenda und an meinen Bruder Donnie: Die Zeit, in der wir zusammen aufwuchsen, hat uns durch Freuden, Sorgen und Kämpfe miteinander verbunden, sodass ihr mir immer gegenwärtig seid. Danke dir, Mom, dafür, dass du immer das Beste für uns wolltest; und Dank an Paul, Don und meinen eigenen Vater Frederick – von jedem von euch habe ich etwas darüber gelernt, was es heißt, ein Mann zu sein.

Dank an euch, Drew und Ben, für all unseren Spaß, unsere Spiele und Rangeleien und unser Gelächter über Albernheiten. Ich liebe euch beide von ganzem Herzen und bete, dass dieses Buch ein Fenster auf das sein möge, was mich auf meiner Lebensreise am tiefsten geprägt hat. Möge es auch ein Licht und ein Kompass sein und euch helfen, euren eigenen Weg nach Hause zu finden, zu Jesus Christus, dem Herrn, der euch Mom und mir aus Liebe geschenkt hat.

Zuletzt Dank an dich, Ginny, dafür, dass du mir deine Augen und dein Herz geliehen hast, als du das Manuskript gelesen hast, und für deine Geduld mit meinen rauen Kanten in all den Jahren. Erinnerst du dich an den schwarzen Sandstrand in New England und daran, wie der Ehering beim letzten Strich im Rechen hängen blieb? Ich widme dir dieses Buch in Vorfreude und Hoffnung.

JOHN ELDREDGE: Danke dir, Dad, dafür, dass du mir das Angeln beigebracht hast, dass du mir den Westen gezeigt hast, und für unsere gemeinsamen Jahre auf dem Wasser und in den Wäldern. Und dir, Mom, dafür, dass du mir das Theater, Shakespeare und die Literatur nahe gebracht hast; und Dank euch beiden für eure Liebe zu mir.

Danke dir, Brent, für die Idee zu diesem Buch und für die mutige und geduldige Zusammenarbeit.

Dank an meine Frau Stacy, die mir mit ihrem weiten Herzen eine unaussprechliche Ermutigung ist und deren Liebe mir mehr wert ist, als ich sagen kann. Dir widme ich dieses Buch.

Und unser beider Dank und tiefe Liebe gilt Jesus von Nazareth, dem Autor und Vollender der Göttlichen Romanze, die dieses Buch beschreibt.

1

DAS VERLORENE LEBEN DES HERZENS

Durstig sind jene Herzen, in denen
durch die Berührung Gottes tief innen
die Sehnsucht erwacht ist
.

A. W. Tozer

Nachdem wir einige Jahre auf unserer geistlichen Reise unterwegs sind, wenn die Wellen der Vorfreude, die den Beginn jeder Pilgerschaft kennzeichnen, allmählich im Dienst und der Geschäftigkeit der mittleren Jahre des Lebens verebben, spricht mitten in allem, was wir tun, eine Stimme zu uns. Da fehlt etwas in alledem, sagt sie. Da ist noch mehr.

Oft kommt die Stimme mitten in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden, wenn wir unser Herz am wenigsten im Griff haben und am verwundbarsten sind. Anfangs verkennen wir die Quelle dieser Stimme und nehmen an, es sei nur Einbildung. Wir schütteln unser Kissen auf, drehen uns um und schlafen wieder ein. Tage, Wochen, sogar Monate vergehen, und die Stimme spricht wieder zu uns: Bist du denn nicht durstig? Hör auf dein Herz. Es fehlt etwas.

Dann lauschen wir, und was wir hören, ist … ein Seufzen. Und unter dem Seufzen ist etwas Gefährliches, etwas, das sich anfühlt, als wäre es untreu und illoyal gegenüber der Religion, der wir dienen. Wir spüren eine Leidenschaft tief in uns, die das Programm, nach dem wir leben, vollkommen über den Haufen zu werfen droht; sie fühlt sich zügellos und wild an. Beunruhigt machen wir kehrt und gehen hastig davon wie eine Frau, die mehr fühlt, als sie will, wenn ihre Augen denen eines Mannes begegnen, der nicht ihr eigener ist.

Wir sagen uns, dass diese leise, leidenschaftliche Stimme ein Eindringling sei, der sich bei uns einschleichen konnte, weil wir nicht sorgfältig genug unsere Religion praktiziert haben. Auch der Pastor scheint dieser Einschätzung zuzustimmen und ermahnt uns von der Kanzel aus, treuer zu sein. Wir versuchen die Stimme durch äußerliche Aktivitäten zum Schweigen zu bringen und verdoppeln unsere Anstrengungen im christlichen Dienst. Wir schließen uns einer Kleingruppe an und lesen ein Buch darüber, wie wir ein effektiveres Gebetsleben entwickeln können. Wir lassen uns schulen, um im Evangelisationsteam der Gemeinde mitzuarbeiten. Wir sagen uns, dass die Freudlosigkeit, die wir empfinden, während wir unsere religiösen Aktivitäten steigern, ein Zeichen geistlicher Unreife sei, und wir tadeln unser Herz für seinen Mangel an Eifer.

Eine Weile später wagt die Stimme in unserem Herzen wieder zu uns zu sprechen, diesmal beharrlicher. Hör mir zu – da fehlt etwas in alledem. Du sehnst dich nach einer Liebesaffäre, nach einem Abenteuer. Du bist für mehr geschaffen worden. Du weißt es genau.

Als der junge Prophet Samuel in der Nacht hörte, wie die Stimme Gottes nach ihm rief, konnte er sich Rat holen bei seinem priesterlichen Mentor Eli, der ihm sagte, wie er antworten sollte. Doch selbst so brauchte er drei Male, um zu erkennen, dass es Gott war, der ihn rief. Statt die Stimme zu ignorieren oder zurückzuweisen, hörte Samuel endlich zu.

In unserer modernen, pragmatischen Welt haben wir meistens keinen solchen Mentor, sodass wir nicht verstehen, dass es Gott ist, der in unserem Herzen zu uns spricht. Nachdem wir den Kontakt zu unserer tiefsten Sehnsucht verloren haben, erkennen wir die Stimme nicht mehr und auch nicht den Einen, der uns durch sie ruft. Frustriert darüber, wie unser Herz ständig unser pflichtbewusstes christliches Leben sabotiert, bringen die einen die Stimme zum Schweigen, indem sie ihr Herz auf dem Speicher verschließen und es nur noch mit dem Wasser und Brot der Pflicht und Schuldigkeit versorgen, bis es fast tot ist und die Stimme nur noch schwach und leise erklingt. Doch manchmal in der Nacht, wenn unsere Abwehr erlahmt, hören wir sie immer noch rufen, ganz leise – ein fernes Flüstern. Kommt dann der Morgen, schreien wieder die Aktivitäten des neuen Tages nach unserer Aufmerksamkeit, und der Klang des leisen Rufens geht darin unter und wir gratulieren uns selbst dazu, dass wir endlich das Fleisch überwunden haben.

Andere lassen sich darauf ein, unserem Herzen einen Platz auf dem Trittbrett zu gewähren, wenn es uns nur in Ruhe lässt und das Boot nicht zum Schaukeln bringt. Wir versuchen in unserer Arbeit aufzugehen oder „uns ein Hobby zuzulegen“ (was sich beides bald wie eine Sucht anfühlt); wir haben eine Affäre oder entwickeln ein farbenfrohes Fantasieleben, gefüttert von Groschenromanen oder Pornographie. Wir lernen unsere Freude zu haben an den saftigen Intrigen und den Geheimnissen der Gerüchteküche. Wir achten darauf, genügend Abstand zwischen uns und anderen zu halten, sogar zwischen uns selbst und unserem Herzen, um den pragmatischen Agnostizismus zu verbergen, den wir leben, jetzt, nachdem unser inneres Leben von unserem äußeren Leben getrennt worden ist. Nachdem wir unser Herz derart beschwichtigt haben, sind wir dennoch gezwungen, unsere geistliche Reise aufzugeben, weil unser Herz nicht mehr mit uns kommen will. Es ist gefangen in den kleinen Genüssen, die wir ihm erlauben, um es uns vom Leib zu halten.

Das Herz verlieren

Das Leben des Herzens ist ein sehr geheimnisvoller Ort. Dennoch haben wir viele Ausdrücke, die uns helfen, diese Flamme der menschlichen Seele zu beschreiben. Einen Menschen ohne Barmherzigkeit nennen wir „herzlos“, und wir drängen ihn oder sie: „Hab doch ein Herz!“ Sitzengelassene Liebende haben ein „gebrochenes Herz“. Mutige Soldaten sind „beherzt“. Die wahrhaft Bösen haben ein „finsteres Herz“, und Heilige haben „Herzen aus Gold“. Wenn wir ein besonders persönliches Gespräch führen, reden wir uns etwas „vom Herzen“. „Leichten Herzens“ genießen wir unseren Urlaub. Und wenn wir jemanden so tief lieben, wie wir es nur vermögen, dann lieben wir ihn „von ganzem Herzen“. Aber wenn wir unsere Leidenschaft für das Leben verlieren, wenn uns eine Lustlosigkeit beschleicht, die wir nicht abstellen können, dann bekennen wir: „Ich bin einfach nicht mit dem Herzen dabei.“

Am Ende kommt es gar nicht darauf an, wie viel wir geleistet oder was wir erreicht haben – ein Leben ohne Herz ist es nicht wert gelebt zu werden. Denn aus dieser Quelle unserer Seele entspringt alle wahre Anteilnahme und alles sinnvolle Arbeiten, alle wirkliche Anbetung und alle Opferbereitschaft. Unser Glaube, unsere Hoffnung und unsere Liebe strömen ebenfalls aus dieser Quelle. Denn unser Herz ist der Ort, wo wir zuallererst die Stimme Gottes hören, und in unserem Herzen erkennen wir ihn und lernen in seiner Liebe zu leben.

Wir sehen also: Wer das Herz verliert, der verliert alles. Und ein „Verlust des Herzens“ ist eine treffende Beschreibung für die meisten Männer und Frauen unserer Zeit. Es sind nicht nur die Süchte und Affären und Depressionen und Leiden, obwohl es, weiß Gott, genug von alledem gibt, um selbst die Stärksten unter uns ihr Herz verlieren zu lassen. Aber dazu kommt die Geschäftigkeit, das Getriebensein, die Tatsache, dass es den meisten nur noch ums Überleben geht. Darunter fühlen wir uns rastlos, erschöpft und schutzlos.

Ja, die vielen Kräfte, die das moderne Leben antreiben, haben nicht nur das Leben unseres Herzens angegriffen, sie haben auch die Wohnstätte des Herzens zerstört – jenes Land des Geheimnisvollen und der Transzendenz, das wir als Kinder so gut kannten.

Ich (Brent) weiß noch, wie ich auf dem College in meinem Zoologie-Kurs saß und mein Professor mit erhobenen Armen – die Schweißflecken in den Achselhöhlen stolz exponiert – verkündete, das Grundproblem des Menschen sei es, dass er wie eine Blume riechen (oder sein) wolle statt wie ein Säugetier. In Physik schien es dem Professor besondere Befriedigung zu verschaffen, wenn er uns erklärte, dass die Schönheit von Sonnenuntergängen und Regenbögen nur durch die Brechung des Lichtes durch Wasser- und Staubpartikel in der Luft zu Stande käme. Es war, als hätte sich das Wunder des Lichtes selbst durch diese Erklärungen irgendwie in Luft aufgelöst. Ich erinnere mich, wie ich jene Professoren des Zeitalters der Vernunft mit einem Gefühl des Verlustes verließ, als sagte ich mir: „Ach, mehr steckt also nicht dahinter.“ Die Botschaft meiner Lehrer war klar: Wenn wir erst einmal unseren unnützen Mystizismus und Aberglauben abgelegt hätten, würde der Fortschritt der Menschheit ungehindert voranschreiten.

Wir alle haben diese Erfahrung irgendwann gemacht, ob wir nun gerade von unseren Lehrern kamen, von unseren Eltern, aus einem Gottesdienst oder von einem sexuellen Erlebnis; dieses Gefühl, dass etwas Wichtiges, vielleicht das einzig Wichtige wegerklärt oder beschmutzt worden und für immer verloren gegangen war. Stück für Stück oder in großen Brocken hat das Leben das Terrain erobert, das dazu bestimmt war, das wilde, ursprüngliche Leben des Herzens zu bewahren und zu nähren, und das Herz gezwungen, sich wie eine gefährdete Tierart in kleinere, abgelegenere und oft dunklere Gefilde zurückzuziehen, um zu überleben. Dabei ist etwas verloren gegangen, etwas Lebenswichtiges.

Denn was sollen wir anfangen, wenn wir eines Tages aufwachen und feststellen, dass wir den Kontakt zu unserem Herzen und damit zu der Zuflucht verloren haben, in der Gottes Gegenwart residiert?

Schon früh hat das Leben uns alle gelehrt, die tiefsten Sehnsüchte unseres Herzens zu ignorieren und ihnen zu misstrauen. Meist lehrt uns das Leben, unsere Sehnsucht zu unterdrücken und nur in der äußeren Welt zu leben, wo Effizienz und Leistung alles sind. Von Eltern und Gleichaltrigen, in der Schule, bei der Arbeit und selbst von unseren geistlichen Mentoren haben wir gelernt, dass von uns etwas anderes erwartet wird als unser Herz, das heißt, etwas anderes als das, was wir im tiefsten Inneren sind. Nur sehr selten werden wir dazu eingeladen, aus unserem Herzen zu leben. Wo man uns haben will, da will man uns oft wegen der Funktion, die wir zu bieten haben. Wenn wir reich sind, finden wir Anerkennung für unseren Wohlstand; wenn wir schön sind, für unser Aussehen, wenn wir intelligent sind, für unser Hirn. So lernen wir nur das von uns anzubieten, was auf Zustimmung stößt, und geben eine sorgfältig inszenierte Vorstellung, um von den Leuten akzeptiert zu werden, die für uns das Leben darstellen. Wir riegeln uns ab von unserem Herzen und fangen an, ein Doppelleben zu führen. Frederick Buechner schildert dieses Phänomen in seinem autobiografischen Buch Telling Secrets:

„[Unser] ursprüngliches glänzendes Ich wird so tief vergraben, dass wir kaum noch daraus leben … stattdessen lernen wir aus all den anderen Ichs heraus zu leben, die wir ständig an- und ausziehen wie Mäntel und Hüte, um dem Wetter der Welt zu begegnen.“

Das ist die äußere Geschichte unseres Lebens. Das ist das Leben, das jeder sieht, unser Leben in Arbeit und Spiel, in der Gemeinde, der Familie und mit Freunden, im Bezahlen von Rechnungen und im Älterwerden. Unsere äußere Geschichte ist der Ort, wo wir die Identität formen, die die meisten anderen kennen. Sie ist der Ort, wo wir gelernt haben, einander auf eine Art und Weise zu etikettieren, die besagt, dass wir unser Endziel erreicht haben. Robert ist Buchhalter; Maria arbeitet für die Regierung; Fred ist Anwalt. Die Schmidts sind die Familie mit dem gepflegten Rasen und den netten Kindern; die Müllers sind jene Leute, deren Kinder ständig in Schwierigkeiten sind. Geschäftigkeit ersetzt Sinn, Effizienz ersetzt Kreativität und funktionelle Beziehungen ersetzen Liebe. Im äußeren Leben leben wir aus dem Soll (ich sollte das tun) statt aus dem Verlangen (ich will das tun), und Management ersetzt Mysterium. Es gibt drei Schritte zu einer glücklichen Ehe, fünf Wege, um das Portfolio zu verbessern, und sieben Gewohnheiten, die zum Erfolg führen.

Natürlich besitzt auch diese äußerliche Welt eine geistliche Dimension in unserem Verlangen, Gutes zu tun, aber die Gemeinschaft mit Gott wird ersetzt durch Aktivität für Gott. In der äußeren Welt bleibt wenig Zeit für tiefe Fragen. Mit dem richtigen Plan kann alles im Leben gemanagt werden … alles, außer dem eigenen Herzen.

Das innere Leben, die Geschichte unseres Herzens, ist das Leben jener tiefsten Orte in unserem Innern, unserer Leidenschaften und Träume, unserer Ängste und unserer tiefsten Wunden. Es ist das unsichtbare Leben, das Geheimnis in uns – das, was Buechner unser „glänzendes Ich“ nennt. Das lässt sich nicht managen wie eine Firma. Das Herz reagiert nicht auf Prinzipien und Programme; es ist nicht auf Effizienz aus, sondern auf Leidenschaft. Kunst, Dichtung, Schönheit, Mysterium, Ekstase: das sind die Dinge, die das Herz zum Leben erwecken. Ja, sie sind die Sprache, die man sprechen muss, wenn man mit dem Herzen kommunizieren möchte. Darum gab Jesus seine Botschaft weiter, indem er den Menschen Geschichten erzählte und Fragen stellte. Ihm ging es nicht nur darum, ihren Verstand anzusprechen, sondern er wollte ihre Herzen gewinnen.

Ja, wenn wir nur zuhören, so werden wir in jedem Moment unseres Lebens durch unser Herz den Ruf einer Göttlichen Romanze vernehmen. Sie flüstert uns zu im Wind, sie lädt uns ein durch das Lachen guter Freunde, sie streckt uns die Hand entgegen durch die Berührung eines Menschen, den wir lieben. Wir hören den Ruf in unserer Lieblingsmusik, wir spüren ihn in der Geburt unseres ersten Kindes, wir werden zu ihm hingezogen, wenn wir die Pracht eines Sonnenuntergangs über dem Meer beobachten. Sogar in Zeiten großen persönlichen Leids ist die Romanze gegenwärtig: in der Krankheit eines Kindes, in dem Verlust einer Ehe, im Tod eines Freundes. Etwas ruft nach uns durch solche Erfahrungen und erweckt tief in unserem Herzen eine unstillbare Sehnsucht, eine Sehnsucht nach Intimität, Schönheit und Abenteuer.

Diese Sehnsucht ist der stärkste Teil jeder menschlichen Persönlichkeit. Sie treibt uns an auf unserer Suche nach Sinn, nach Ganzheitlichkeit, nach dem Gefühl, wahrhaft lebendig zu sein. Wie auch immer wir dieses tiefe Verlangen beschreiben mögen, es ist das Wichtigste, was wir haben, unser innerstes Herz, die Leidenschaft unseres Lebens. Und die Stimme, die uns von diesem Ort aus ruft, ist keine andere als die Stimme Gottes.

Und diese Stimme können wir nicht hören, wenn wir den Kontakt zu unserem Herzen verloren haben.

Die wahre Geschichte eines jeden Menschen in dieser Welt ist nicht die Geschichte, die man sieht, die äußerliche Geschichte. Die wahre Geschichte jedes Menschen ist die Reise seines Herzens. Jesus selbst wusste, dass Menschen, wenn sie nur in der äußeren Geschichte leben, irgendwann ihr inneres Leben, das Leben ihres Herzens, das er erlösen wollte, aus den Augen verlieren. Es waren gerade die religiösen Menschen seiner Zeit, die Jesus am eindringlichsten vor dem Verlust ihres Herzens warnte.

Es ist für jeden Menschen tragisch, wenn er den Kontakt zum Leben seines Herzens verliert. Besonders tragisch ist dies aber für die, die diesen Ruf in ihrem Herzen einmal gehört und als die Stimme Jesu von Nazareth erkannt haben. Wir erinnern uns vielleicht noch daran, wie er uns zu einem Leben voller Schönheit, Intimität und Abenteuer einlud, das wir verloren zu haben glaubten. Andere von uns hatten, als er uns rief, zum ersten Mal in unserem Leben das Gefühl, als hätte unser Herz endlich eine Heimat gefunden. Wir antworteten im Glauben, in Hoffnung und in Liebe und traten die Reise an, die wir das christliche Leben nennen. Jeder Tag schien ein neues Abenteuer zu sein, als wir mit Gott an unserer Seite die Welt neu entdeckten.

Doch bei vielen von uns verebbten die Wellen der ersten Liebe im Wirbelwind christlicher Dienste und Aktivitäten, und allmählich entglitt uns die Romanze. Mit der Zeit fühlte sich unser Glaube immer mehr an wie eine Reihe von Problemen, die gelöst werden mussten, oder wie Prinzipien, die beherzigt werden mussten, bevor wir endlich Anteil an dem überfließenden Leben haben konnten, das uns von Christus versprochen wurde. Wir verlagerten unser geistliches Leben in die äußere Welt der Aktivität, und innerlich gerieten wir ins Treiben. Wir spürten, dass etwas nicht stimmte, und vielleicht versuchten wir es in Ordnung zu bringen – indem wir an unserem äußeren Leben herumreparierten. Wir versuchten es mit der neuesten geistlichen Mode, mit einer neuen Gemeinde, oder wir verdoppelten einfach unser Engagement, um den Glauben zum Funktionieren zu bringen. Doch trotz alledem waren wir erschöpft, abgestumpft oder einfach gelangweilt. Andere unter uns stürzten sich in Geschäftigkeit, ohne lange danach zu fragen, worauf all diese Aktivität hinauslaufen sollte. In meiner eigenen geistlichen Reise kam ich an einen Punkt, an dem ich mir die folgende Frage stellte: „Was soll ich denn nur tun, um das geistliche Leben auf eine Weise zu leben, die sowohl wahrhaftig als auch leidenschaftlich lebendig ist?“

Was wir auf diesen Seiten zum Ausdruck bringen wollen, ist einfach dies: Unser Herz sagt uns die Wahrheit – es fehlt wirklich etwas!

Die zentrale Rolle des Herzens

Denn vor allem anderen ist das christliche Leben eine Liebesaffäre des Herzens. Man kann es nicht in erster Linie als eine Reihe von Prinzipien oder ethischen Grundsätzen leben. Es lässt sich nicht mit Schritten und Programmen managen. Man kann es nicht ausschließlich als einen Moralkodex leben, der zur Gerechtigkeit führt. Auf die Frage, was man tun müsse, um wahres Leben zu erlangen, antwortet Jesus einem religiösen Experten mit einer Gegenfrage:

„Was steht denn darüber im Gesetz Gottes?

Was liest du dort?“

Der Schriftgelehrte antwortete: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben mit deinem ganzen Herzen, von ganzer Seele, mit aller Kraft und deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.“

„Richtig !“, erwiderte Jesus. „Tue das, und du wirst ewig leben.“

(Lukas 10,26-28; Hervorhebung von den Verfassern)

Die Wahrheit des Evangeliums soll uns dazu befreien, Gott und die Menschen mit ganzem Herzen zu lieben. Wenn wir diesen Herzensaspekt unseres Glaubens ignorieren und versuchen unsere Religion ausschließlich als korrekte Lehre oder Ethik auszuleben, dann wird unsere Leidenschaft verkrüppelt oder pervertiert, und die Kluft zwischen unserer Seele und den Herzensabsichten, die Gott für uns hegt, wird immer tiefer werden.

Die religiösen Technokraten der Zeit Jesu konfrontierten ihn mit dem, was sie für die Maßstäbe eines gottgefälligen Lebens hielten. Das äußere Leben, so meinten sie, das Leben der Gebote, Pflichten und Dienste, darauf kam es an. „Da liegt ihr völlig falsch“, sagte Jesus. „Ihr seid schlicht und einfach tot (wie die gepflegten Grabstätten). Worauf es Gott ankommt, ist das innere Leben, das Leben des Herzens“ (siehe Matthäus 23,25-28). Im Alten wie im Neuen Testament ist das Leben des Herzens eindeutig Gottes zentrales Anliegen. Als das Volk Israel auf den Abweg eines völlig äußerlichen Lebens der Rituale und der Gesetzlichkeit geriet, da klagte Gott: „Dieses Volk gibt vor, mich zu ehren – doch sie tun es nur mit den Lippen, mit dem Herzen sind sie nicht dabei“ (Jesaja 29,13).

Unser Herz ist der Schlüssel zum christlichen Leben.

Der Apostel Paulus sagt uns, dass die Härte des Herzens hinter all den Abhängigkeiten und Übeln des menschlichen Wesens steht (Römer 1,21-25). Oswald Chambers schreibt: „Mit dem Herzen wird Gott wahrgenommen [erkannt] und nicht mit dem Verstand … das also ist Glaube: Gott mit dem Herzen wahrnehmen.“ Darum sagt uns Gott in Sprüche 4,23: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben“ (Luther 84). Er weiß, wer sein Herz verliert, der verliert alles. Leider behalten die meisten von uns den Ölstand in unserem Auto besser im Blick als das Leben unseres Herzens.

In einer der großartigsten Einladungen, die den Menschen je zuteil geworden sind, stand Christus inmitten der Menschenmenge in Jerusalem auf und rief: „Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken! Wer an mich glaubt, wird erfahren, was die Heilige Schrift sagt: Wie ein Strom wird Leben schaffendes Wasser von ihm ausgehen“ (Johannes 7,37-38). Wenn wir uns des tiefen Durstes unserer Seele nicht bewusst sind, bedeutet uns dieses Angebot gar nichts. Aber wenn wir uns erinnern, war es gerade diese Sehnsucht in unserem Herzen, die Jesus bei den meisten von uns als Erstes ansprach. Irgendwie kommen wir Jahre später auf den Gedanken, dass er uns nun nicht mehr durch den Durst unseres Herzens ruft. Wie die Galater, die Paulus dafür tadelte, dass sie vergessen hatten, wie sie zu Christus gekommen waren, stellen wir fest, dass irgendetwas oder irgendjemand uns verführt hat, zu unserem äußeren Leben und zur Leistung als Weg zum Heil zurückzukehren. Diese äußerliche religiöse Fassade, die wir zu wahren versuchen, erkennt Gottes Stimme nicht, wenn er kommt, um uns tiefer hineinzurufen in die Romanze, die er in uns begonnen hat.

Es ist möglich, das verlorene Leben unseres Herzens und mit ihm die Intimität, die Schönheit und das Abenteuer des Lebens mit Gott zurückzugewinnen. Um das zu tun, müssen wir hinter uns lassen, was vertraut und bequem ist – vielleicht sogar Teile der Religion, zu der wir Vertrauen gefasst haben – und auf eine Reise gehen. Diese Reise führt uns zuerst zu einer Suche: nach dem verlorenen Leben unseres Herzens und nach der Stimme, die uns einst an jene geheimen Orte rief; jene Orte und Zeiten, als unser Herz noch bei uns war. Die Pilgerschaft des Herzens ruft uns gemeinsam in Erinnerung, was es war, das uns als Kinder zuerst ganz tief im Innern ansprach: „Wer nicht wie ein kleines Kind voller Vertrauen zu Gott kommt, dem bleibt das Reich Gottes verschlossen“, sagt Jesus (Markus 10,15).

Auf unserer Reise werden wir die verborgenen Fragen unseres Herzens erforschen, die sich aus unserer Lebensgeschichte ergeben. Nur dadurch, dass wir unser Zuhause verlassen und auf eine Pilgerfahrt gehen, werden wir allmählich erkennen, wie unsere eigene Lebensgeschichte mit der großen Liebesgeschichte verflochten ist, die Gott schon vor Anbeginn der Zeit zu erzählen begann. Auf dieser Pilgerfahrt erkennen wir allmählich, dass jeder von uns Anteil hat an der kosmischen Liebesaffäre, die im ganz persönlichen Blick auf uns entfacht wurde. Und zuletzt wird uns diese Pilgerfahrt zu dem Ziel führen, das wir alle im Herzen tragen und das wir irgendwie schon seit unserer Kindheit kennen, nach dem wir uns sehnten und das uns niemals losließ.

Dieses Buch ist aus der Reise entstanden, auf der John und ich seit einigen Jahren gemeinsam unterwegs sind. Ich bin etwa genauso lange als Seelsorger tätig, wie John Seminare für ein großes christliches Werk leitet. Beide haben wir früher in Gemeinden gearbeitet. Im Lauf unseres Lebens haben wir beide einen guten Einblick in das innere Leben der modernen Christenheit gewonnen, und was wir aus unserer eigenen Geschichte gelernt haben, wurde immer wieder in zahlreichen Begegnungen mit anderen Christen bestätigt: Die meisten Christen haben das Leben ihres Herzens und damit auch ihre Romanze mit Gott verloren. Wir versuchen eine Reiseroute dorthin zu zeichnen, wo die Auferweckung des Herzens durch Gott geschieht. Und wir hoffen, sie hilft Ihnen, die tiefste Sehnsucht Ihrer Seele zu erkennen, und lädt Sie ein, diese Sehnsucht als den wichtigsten Teil Ihres Lebens anzunehmen.

Unser Ziel ist es, Ihnen zu helfen, Ihr „Herz zu behüten“, die Feinde Ihres Herzens und der Herzen der Menschen, die Sie lieben, deutlicher zu erkennen.

Unsere Reise beginnt damit, dass wir Fragen stellen, dass wir die Bewegungen des Herzens in Worte fassen: „Was ist das für eine Rastlosigkeit und Leere, die ich empfinde, manchmal lange Jahre nach dem Beginn meiner Reise als Christ? Was hat mein geistliches Leben mit dem Rest meines Lebens zu tun? Was ist das, das da so tief in meinem Herzen steckt, das sich anfühlt wie eine Sehnsucht nach Abenteuer, nach Romantik, das mich einfach nicht in Ruhe lassen will? Hat das irgendetwas mit Gott zu tun? Was ist es, das er von mir will? Hat er vielleicht die ganze Zeit über durch mein Herz zu mir gesprochen? Wann habe ich aufgehört, auf seine Stimme zu hören? Wann hat seine Stimme mich zum ersten Mal gerufen?“

2

ROMANZE MIT EINEM UNBEKANNTEN

Wir erwachen, falls wir überhaupt je erwachen,
im Mysterium
.

Annie Dillard

Was oder wer ruft uns zum ersten Mal aus der Tiefe unseres Herzens? Unsere äußeren Geschichten, die wir vor den Augen der Welt leben, angefüllt mit Geschäftigkeit und Hektik, werden uns diese Frage nicht beantworten. Wir müssen die innere Geschichte betrachten, die sich in unserem Herzen abspielt. Wenn wir die Reise zur Rückgewinnung unseres Herzens beginnen wollen, müssen wir Frederick Buechners Rat befolgen und „auf unser Leben hören“.

Falls Gott überhaupt zu uns spricht, abgesehen von solchen offiziellen Kanälen wie der Bibel und der Kirche, dann, glaube ich, spricht er zu uns hauptsächlich durch das, was uns passiert … Wenn wir nicht nur unsere Ohren, sondern auch unsere Herzen und unseren Verstand offen halten, wenn wir mit Geduld und Hoffnung hören, wenn wir uns tief und ehrlich erinnern, dann, glaube ich, werden wir jenseits allen Zweifels zu der Erkenntnis kommen, dass er, wie leise wir ihn auch immer hören mögen, tatsächlich zu uns spricht, und dass sein Wort – mögen wir auch wenig davon verstehen –, für jeden von uns sowohl erreichbar als auch unsagbar kostbar ist.

(Now and Then).

Unsere innere Geschichte ist am besten am frühen Morgen zu hören, oder manchmal mitten in der Nacht, wenn der innere Redakteur, der uns sagt, wie wir auf die Welt reagieren „sollten“, nicht im Dienst ist. Das ist die Zeit, in der unser Herz uns von der Geschichte erzählt, die zutiefst die unsere ist. Es ist eine Geschichte, deren Handlung sowohl Mysterium als auch Magie enthält, sowohl Vorahnung als auch Angst. Wenn wir aufmerksam auf die innere Geschichte hören, die unser Herz uns erzählt, wird den meisten von uns bewusst, dass die Handlung sich um zwei ganz verschiedene Botschaften oder Offenbarungen dreht, die um unsere Aufmerksamkeit gewetteifert haben, seit wir noch ganz jung waren. Die eine hat uns verzaubert, während die andere uns herausforderte, uns über Furcht und Resignation zu erheben. Die eine kam zu uns in der Form einer Romanze, die mich (Brent) selbst jetzt noch in meinen Vierzigern mit gespannter Erwartung erfüllt. Etwas Wunderbares wirbt um uns. Die andere Botschaft belagert uns mit viel dunkleren Farben und bringt eine Vorahnung mit sich, die manchmal selbst an einem strahlend hellen Morgen an den Rändern unseres Bewusstseins nagt. Etwas Schreckliches belauert uns.

Und doch ist unsere Verzauberung durch das Leben vielleicht die tiefere der beiden Botschaften – die Liebesgeschichte, die unser Herz zuerst berührte, bevor die dunkle Offenbarung ihre Wirkung tat. Und darum werden wir an dieser Stelle beginnen, „auf unser Leben zu hören“. Wenn wir es uns selbst erlauben, zu der Geschichte zurückzukehren, die die meisten von uns als Kinder kannten, ist es nicht schwer, die frühen Bilder und Geräusche und Gerüche der ersten Offenbarung des Lebens zurückzubringen – die einer großen Romanze.

Für jeden von uns gibt es einen Ort, wo die Romanze zuerst zu uns sprach. Meistens ist es ein Ort, den wir gerne wiedersehen würden, aber wir fürchten uns auch davor, weil wir meinen, unsere Erinnerungen könnten uns dann gestohlen werden. Meine eigenen frühesten Erinnerungen an die Romanze stammen von einer fünfzig Hektar großen Farm in New Jersey, im Südosten begrenzt von einem Bach und im Nordwesten von einem niedrigen, breiten Bergrücken. Wie es bei den meisten Farmerfamilien in den fünfziger Jahren der Fall war, bestand die Arbeit sowohl meiner Mutter als auch meines Vaters darin, vom frühen Morgen bis zur Abenddämmerung die Tiere und Felder zu versorgen, sodass meine Schwester und ich uns selbst überlassen waren und die Geheimnisse der Wiesen und Heumieten erkunden konnten.

Zum ersten Mal hörte ich den Ruf der Romanze, als ich ein Junge von sechs oder sieben Jahren war, kurz nach der Dämmerung eines Sommerabends, als die heiße, staubige Arbeit auf der Farm zu Ende war. Etwas Warmes, Lebendiges und Verlockendes rief nach mir von den geheimnisvollen Grenzen der Farm her, die meine ganze Welt war. Ich ging darauf zu, vorbei an den Ställen, in denen unsere Milchkühe sich ausruhten, und weiter durch die Reihen dunkelgrüner Maispflanzen, die hoch über meinen Kopf emporragten. Die Maispflanzen in ihrer Höhe und ihrer dichten Zahl waren wie eine Art Zauberwald. Jedes Blatt, das vor meinen ausgestreckten Armen zur Seite wich, schien ein mögliches neues Geheimnis zu offenbaren. Die Erde war warm und braun und duftete, und sie lud ein zu einer barfüßigen Ekstase ohne Angst vor Steinen oder anderem Unrat, an dem ich mich hätte verletzen können.

Schließlich kam ich aus dem Maisfeld heraus auf einen schmalen Wiesenstreifen, wo hohe Gräser sich silbrig leuchtend im Mondlicht wiegten. Hinter diesen Tänzern stand eine schmale Linie von Ahornbäumen und Eichen, gerade aufragend wie Wächter, und verbargen die Stimmen, die von dem plätschernden Wasser des Bachs, der die Grenze unseres Farmlands bildete, so leidenschaftlich nach mir riefen. Die Bäume, die den Bach bewachten, leiteten mich weiter zu einem Sandstreifen unter einer alten Holzbrücke, über die die Straße weiterführte in das übrige Farmland New Jerseys. Dort im Mondlicht hockte ich mich am Rande des Wassers nieder und vergrub meine Zehen im kühlen Sand. Rund um meinen Fußabdruck blutete der Sand im tiefen Rot rostigen Eisenerzes.

An diesem Ort war ich umringt von den Sängern.

Die Stimmen der Grillen und Zikaden drangen zu mir, über die Geräusche des Bachs hinweg und vermischt mit dem durchdringenden Geruch von Gerbsäure. Dort am Bachufer sangen mir zehntausend Musiker die magischen Geschichten der Farmen und der Wälder vor. Es schien, als würden die Lieder von den Oberläufen hierher getragen – von jenen geheimnisvollen Ursprüngen des Wassers, das durch das Moos heraufquoll auf eine Weise, wie sie nicht zauberhafter hätte sein können, wäre es von mondbestäubten Elfen ins Leben gerufen worden. Das Bachwasser legte in der Dunkelheit unter der Brücke eine Pause ein, bevor es seine Reise fortsetzte. Die stille Oberfläche des Teiches, der dabei entstand, spielte den Gastgeber für die glänzenden grünen Herren des jungen Flusses, die rau krächzenden Ochsenfrösche. Hin und wieder fügten sie der Melodie ihre eigenen Basstöne hinzu; ein Ruf zur Ordnung, der bei der großen Masse der Musiker ungehört verhallte.

Ich erinnere mich, wie ich mich an diesem Ort aufhielt, bis die Musik des Lebens mich mit dem Wissen erfüllte, dass es eine Romanze auszuleben gab; mit der Gewissheit, dass es einen Grund gab, mit hölzernen Schwertern gegen Drachen zu kämpfen; einen Grund dafür, nicht einen, sondern zwei Revolver mit perlmuttbesetzten Griffen zu tragen in den Cowboygeschichten, die ich jeden Tag sponn und auslebte; einen Grund dafür, dass darin auch ein hübsches Mädchen vorkommen musste, das zu befreien war, auch wenn ich viel zu sehr damit beschäftigt war, gegen die Schurken zu kämpfen, als dass mich die Liebe hätte einfangen können. Dieser Zauber versicherte mir, dass es Liebe und Liebhaber und Abenteuer gab, in die ich mich stürzen, und Geheimnisse, die ich erforschen musste.

Die Romanze jenes Ortes umgab mich noch, wenn ich auf den fernen Ruf meiner Mutter hin aufstand und durch das Maisfeld zurückkehrte. Sie tröstete mich mit einer Vertrautheit, die mich mit Dingen zu verbinden schien, die zugleich sehr alt waren und dennoch immer wieder neu wurden. Wenn ich dann im Bett lag, während meine Eltern weit weg waren, unten in einem anderen Teil des Hauses und in einer Herzenslandschaft, von der ich damals noch nichts wusste, schlief ich ein, umworben von einem unsichtbaren Liebhaber, den ich damals nur von jenen Sängern in der mondbeschienenen Sommernacht her kannte.

Seither bin ich, und Ihnen geht es vielleicht nicht anders, der Romanze viele Male begegnet: Im goldenen Herbst in den Rocky Mountains und in den windgebeugten Ufergräsern und den weißen Schaumkronen an der Atlantikküste; in einem stillen Moment, in dem sich das Sonnenlicht zu parallelen Strahlen ordnete, die warm auf meine Schulter fielen, während ich ein gutes Buch las; in den Augen gewisser Frauen und der Kraft gewisser Männer; in der Freude, mit der mein fünfjähriger Sohn während eines Fußballspiels Räder schlug, ohne daran zu denken, dass er doch das Spiel gewinnen musste; und in den kostbaren Akten der Freundlichkeit, des Mutes und der Opferbereitschaft von Männern und Frauen, die ich gekannt habe, und entsprechenden Berichten von vielen, die ich nicht gekannt habe.

In meinen Jahren als Erwachsener ist sie mir mal häufiger, mal seltener begegnet, und meist kommt sie überraschend. Eine sehr lebhafte Begegnung ereignete sich vor vielleicht vier Jahren an einem Sommerabend. Ein Ehepaar, mit dem wir lange befreundet gewesen waren, bevor wir nach Colorado zogen, kam von der Ostküste zu uns zu Besuch. Sie machten gerade jeder für sich und auch in ihrer Ehe eine sehr schwere Zeit durch. Diesen Abend waren wir zu viert ins Kino gegangen, um uns Harry und Sally anzuschauen, eine sehr bewegende Komödie über die Frage, ob Männer und Frauen einfach nur miteinander befreundet sein können. Der Film löste in unseren Freunden tiefe Gefühle aus, und sie gingen hinunter zu dem See in der Nähe unseres Hauses, um über ihre Verletzungen, über ihren Zorn und über ihre Zukunft zu reden. Unser Haus steht auf einer Erhebung im Süden unserer Stadt, und meine Frau und ich saßen in unserem dunklen Esszimmer am Tisch und blickten hinaus zu den Lichtern der angrenzenden Wohngegenden.

Mein Herz war schwer, wenn ich darüber nachdachte, was unsere Freunde durchmachen mussten. Es war schwer beim Gedanken an die ungewisse Zukunft ihrer Ehe und unserer Freundschaft. Ich war auch traurig über manche Abgründe in unserer eigenen Ehe, die wir nur selten überbrückt hatten. Als ich diese Gedanken gegenüber Ginny äußerte, streckte sie den Arm aus und ergriff meine Hand. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Wortlaut unseres Gesprächs, aber ich weiß noch, wie sie in ihrem Sommerkleid dasaß und ich selbst im Zwielicht ihre blauen Augen sehen konnte. Ich weiß noch, dass wir darüber sprachen, wie es ist, ein Mann zu sein und eine Frau zu sein, zu lieben und verliebt zu sein. Mir war, als ob ein Vorhang, der oft zwischen uns hing, sich für ein paar Augenblicke hob, sodass wir wie gute Freunde miteinander reden konnten. Freunde, die die Chance zu einer tieferen Romanze hatten.

Als ich an jenem Abend zu Bett ging, fühlte ich mich genauso, wie ich mich als Junge an jenen Sommerabenden vor langer Zeit gefühlt hatte, aufgewühlt und verzaubert von einem Geschmack der Schönheit und der Vertrautheit, der mich überrascht hatte. Die Tränen, die ich in den Momenten vor dem Einschlafen vergoss, waren traurig und fröhlich zugleich, und ich empfand das überhaupt nicht als Widerspruch. Als ich am nächsten Morgen erwachte, versuchte ich dieses Gefühl der Romanze in meinem Inneren wieder zu finden, aber ich wusste, es war fort, noch bevor ich in der Küche war, um mir einen Kaffee zu holen. Der Vorhang hatte sich wieder gesenkt, und der Tag, der vor mir lag, schien mir nichts zu bieten als die alltäglichen Aufgaben im Beruf und in der Familie. Es musste einfach nur weitergehen.

Als ich mich an diese Szenen aus meiner eigenen Geschichte erinnerte, erkannte ich, dass ich einen Teil der verlorenen Reise meines Herzens wieder gefunden hatte. Als ich ein kleiner Junge war, wurde mein Herz gefesselt vom Geheimnisvollen: einem Mysterium, das mich einlud, mein Herz zu öffnen und mich auf eine Art freudige Ausgelassenheit einzulassen; ein Mysterium, das mich eine Geschichte erahnen ließ, die ganz selbstständig außerhalb der Schöpfungskraft meiner eigenen Fantasie existierte; eine Geschichte, die mich dennoch einlud, an ihr teilzuhaben, wenn ich meine Kindheitsabenteuer konstruierte; eine Geschichte, die Schurken und Helden enthielt und eine Handlung, die sich aus ihrem Konflikt entwickelte; eine Geschichte, die mir nicht nur von großen Gefahren berichtete, sondern auch in Aussicht stellte, dass alles gut werden würde; eine Geschichte, die sich anfühlte, als beginne sie mit Lachen und als wäre sie voller Zuversicht, dass sie alle, die darin vorkamen, am Ende voller Freude zu Hause vereinen würde.

Leider erkennen viele von uns dieses Werben, an was für einem Ort es uns auch immer erstmalig begegnet, niemals als etwas, das mit dem tiefsten Verlangen unseres Herzens zu tun hat, mit unserem geistlichen Leben oder mit der Bestimmung unserer Seele. Zum Teil ist das wohl deshalb so, weil es eine Geschichte ist, die nur sehr schwer in Aussagen zu fassen ist. Wir haben gelernt uns selbst zu sagen, es sei naiv, ihr noch zu vertrauen, wenn wir erwachsen geworden sind, als ob wir dann irgendwie aus ihr herausgewachsen wären und uns eine vernünftige oder „wissenschaftliche“ Denkweise angeeignet hätten. Wir haben gelernt, sie als drollig oder sentimental zu betrachten, als kindliche Torheit. Das zeitgenössische Christentum hat uns oft gelehrt, ihr zu misstrauen, aus Angst, es würde uns in irgendeine New-Age-Irrlehre führen, und so hat es, ohne es zu wissen, etwas preisgegeben, was zum innersten Kern des christlichen Glaubens gehört. Jedenfalls wird uns heute kaum noch gesagt, dass wir auf dieses Werben hören sollen, dass wir danach Ausschau halten und ihm zu seiner Quelle folgen sollen.

Doch Gott sei Dank will unser Herz nicht vollkommen von dieser Romanze lassen. Trotz aller unserer „Reife“ oder der Ermahnungen unserer Lehrer, die „Dinge dieser Welt“ zu meiden, spüren wir den Kloß in unserem Hals, wenn in einem Film zwei Liebende, von denen wir wissen, dass sie füreinander bestimmt sind, einander endlich finden – oder auch nicht. Ein anderer Film erzählt die Geschichte eines Mannes mit einem edlen Herzen. Er opfert Bequemlichkeit und Sicherheit für eine Sache, die höher ist als bloße Opportunität. Er erleidet eine Niederlage, und doch schlägt er unseren Geist mit seinem Heldentum in seinen Bann. Wir verlassen das Kino mit einem Brennen in unserem Herzen; einem Verlangen, an einer solchen Sache teilzuhaben, irgendwie daran beteiligt zu sein.

Wir alle haben diese Sehnsucht nach einer Göttlichen Romanze im Herzen.

Diese Sehnsucht geht nicht weg, auch wenn wir uns über die Jahre noch so viel Mühe geben, uns für ihren Gesang unempfindlich zu machen, ihn zu überhören oder ihn nur an eine einzige Person oder Tätigkeit zu knüpfen. Es ist eine Romanze, die von Geheimnissen umwoben und tief in uns hineingepflanzt ist. Sie lässt sich nicht in Lehrsätze fassen oder ganz und gar durchschauen, genauso wenig, wie wir einen Menschen kennen lernen können, indem wir die Anatomie seiner Leiche studieren.

Die Philosophen nennen diese Romanze, dieses Verlangen des Herzens in uns, „Sehnsucht nach Transzendenz“; das Verlangen, Teil von etwas zu sein, das größer ist als wir selbst, Teil von etwas Außergewöhnlichem zu sein, das gut ist. Transzendenz ist das, was wir ansatzweise, aber eindrucksvoll erleben, wenn die Fußballmannschaft unserer Stadt gegen alle Wahrscheinlichkeit das große Spiel gewinnt. Im tiefsten Herzen haben wir eine Sehnsucht, mit anderen Gleichgesinnten in einer heldenhaften Sache verbunden zu sein.

Ja, wenn wir an die Reise unseres Herzens zurückdenken, ist uns die Romanze am häufigsten in Form von zwei tiefen Wünschen begegnet: der Sehnsucht nach dem Abenteuer, das etwas von uns erfordert, und dem Verlangen nach Intimität – danach, jemanden zu haben, der uns so kennt, wie wir sind, während er uns gleichzeitig einlädt, ihn zu erkennen auf jene unverhüllte und erforschende Art, wie Liebende einander auf dem Ehebett kennen lernen. Vielleicht liegt bei Männern der Schwerpunkt mehr auf dem Abenteuer und bei Frauen mehr auf der Intimität. Doch beide Wünsche sind stark in uns, ob wir nun Männer oder Frauen sind. In uns allen kommen diese beiden Wünsche zusammen als eine Sehnsucht danach, in einer Beziehung von heroischen Ausmaßen zu leben.