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David Gregory

Die Einladung

Dinner with a Perfect Stranger

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Das Original erschien im Jahr 2005 unter dem Titel
»Dinner With A Perfect Stranger«
in Colorado Springs, Colorado, bei Waterbrook Press
© 2005 David Gregory Smith

6. Auflage 2011

Für Rick und Denise,
die dieses Buch möglich gemacht haben

Inhalt

Danksagung

Die Einladung

Der Tisch

Das Menü

Die Vorspeise

Der Salat

Das Hauptgericht

Das Dessert

Der Kaffee

Die Rechnung

Zu Hause

Über den Autor

Danksagung

imageein Dank geht an Howard Hendricks, Reg Grant, Scott Horrell und Mike Moore, die mich inspiriert haben, mich aus meinem gewohnten Umfeld herauszuwagen.

An alle, die mir Rückmeldungen zum Manuskript gegeben haben; die Leser werden es euch danken (hoffe ich). Und ich auch. Mein ganz besonderer Dank geht an Rex Purkerson und Mallory Dubuclet für ihre unvergleichlichen Beiträge und an Bruce Nygren, der dafür gesorgt hat, dass dieses Projekt Wirklichkeit wurde.

In den mühsamen, langen Tagen des Manuskript-Redigierens braucht jeder Autor viel, viel Ermutigung, um bis zum Ende durchzuhalten. Dad, diese Ermutigungen bekam ich von dir.

Und dann ist da noch meine Frau Ava: Danke für deine Hilfe durch Ideen und Bearbeitungen, deine Geduld und deine ansteckende Begeisterung für dieses Buch. Du bist eine wunderbare Partnerin und dazu noch eine leidenschaftliche Lektorin.

Die Einladung

imagech hätte es besser wissen müssen. Mein Kalender war auch ohne eine anonyme Einladung, mit einer großen religiösen Persönlichkeit zu Abend zu essen, schon voll genug. Zumal mit einer bereits verstorbenen.

Mit Kreditkartenanträgen und anderem geschäftlichen Werbemüll kam sie an meine Büroadresse:

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Sie war auf gutem, beigem Papier gedruckt, mit passendem Umschlag. Keine Absenderadresse. Kein Um Antwort wird gebeten.

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Zuerst dachte ich, dass die Kirche am Ende unserer Straße wieder eine ihrer »Aktionen« durchführte, um Menschen zu »erreichen«. Uns hatten sie schon mehr als einmal erreicht. Ihr Handzettel wartete bereits in unserem Briefkasten, als meine Frau Matti und ich vor drei Jahren von Chicago hierher zogen. Ein endloser Strom von dem, was manche Gemeindemitarbeiter als Werbematerial bezeichnen, folgte. Ich begann mich schon darauf zu freuen, einfach weil mich die Titel der Themen zum Lachen brachten.

Die Zehn Gebote – Nicht die Zehn Vorschläge Wenn Gott weit weg zu sein scheint, wer hat dann wohl den Wohnort gewechselt?
Geistliche Gymnastik für den Marathon zum Himmel

Wollten sie damit irgendjemanden anlocken oder wollten sie die Nachbarschaft zum Lachen bringen?

Dann kamen die Veranstaltungen: die Einladung der Kegelgruppe, das gemeinsame Spaghetti-Kochen, das Wochenende für Ehepaare, die Einladung zum Golfturnier. In einem Augenblick geistiger Umnachtung gab ich nach und ging zum Golfturnier. Es war eine einzige Qual. Es fing schon damit an, dass ich am Golfplatz hinter jemandem parkte, der einen Aufkleber mit »Mein Boss ist ein jüdischer Zimmermann« auf der Stoßstange hatte. Wie sich herausstellte, war ich seiner Vierergruppe zugeteilt. Er hatte ein Dauerlächeln auf dem Gesicht, als ob ihn ein Backstein erwischt und der plastische Chirurg an einem schlechten Tag wieder zusammengeflickt hätte. Und die beiden anderen: Der eine machte bei den ersten neun Löchern eine gute Figur, verlor aber bei den letzten neun die Fassung und fluchte bei jedem Schlag, den er tat. Später erfuhr ich, dass er der Vorsitzende des Kirchenvorstands war. Der andere Typ sagte die ganze Zeit kein Wort, außer um unser Ergebnis abzufragen. Er musste wohl der Vorsitzende des Begrüßungskomitees sein. Das war die letzte kirchliche Einladung, die ich annahm.

Wenn also diese Kirchengemeinde dahinter steckte, würde ich auf gar keinen Fall zu diesem Dinner gehen. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir, dass die Einladung von jemand anderem stammen musste. Zuerst einmal: Woher sollte die Kirchengemeinde meine Büroadresse haben? Diese Leute waren hartnäckig, aber nicht besonders einfallsreich. Und das Ganze war auch nicht ihr Stil. Gemeinsames Spaghetti-Kochen – das war eher ihr Ding als das Milano, ein anspruchsvolles italienisches Restaurant. Davon abgesehen würden diese Leute nie eine anonyme Einladung verschicken. Wenn sie einen etwas wissen lassen wollten, dann dass ihre Kirchengemeinde eine besondere Veranstaltung anbot.

Es ging mir weiter im Kopf herum. Wer schickte mir so eine merkwürdige Einladung? Ich rief das Restaurant an, aber dort konnte oder wollte mir niemand etwas sagen. Freilich könnte das Personal dort sich einfach dumm gestellt haben; das half mir also nicht weiter. Hm. Cincinnati hatte natürlich noch viele andere Kirchengemeinden, aber bisher hatte ich jeden Kontakt erfolgreich vermieden. Und unsere Freunde Dave und Paula gehörten zur Unity Church, aber sie würden mich zu so etwas nicht ohne Mattie einladen.

Da blieb nur eine Gruppe möglicher Schuldiger übrig: die Jungs im Büro. Besonders Les und Bill ließen sich immer etwas Verrücktes einfallen, wie meinen Junggesellenabschied in der Leichenhalle oder die Party für werdende Väter (zu der sie Mattie zum Glück nicht miteingeladen hatten; so eine heiße Feier anlässlich der Geburt eines Kindes hat es nämlich wohl selten gegeben). Aber diese Einladung hier war, ehrlich gesagt, selbst für die Jungs etwas zu verrückt. Und den Umschlag ins Büro zu schicken – eigentlich zu auffällig. Ansonsten hatten sie ganze Arbeit geleistet: eleganter Umschlag und gute Gestaltung, exotischer Anlass, nettes Restaurant.

Ich beschloss, so zu tun, als wäre nichts, und erwähnte die Einladung mit keinem Wort. Volle drei Wochen blieben sie ganz locker und zeigten nicht einmal ein verschwiegenes Lächeln. Je näher der Vierundzwanzigste rückte, desto größer wurde meine Neugier, was sie in ihrer regen Fantasie dieses Mal ausgeheckt hatten.

Eine einzige Sache stand zwischen mir und diesem Abendessen: Mattie. Mit drei 70-Stunden-Wochen war ich inzwischen bei meiner besseren Hälfte, die sich schon über meine üblichen 60 Stunden aufregte, tief in Ungnade gefallen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich einen Abend mit Kollegen erklären sollte, an dem ich sie wieder mit unserer Tochter Sara allein zu Hause ließ.

Selbstverständlich ist es nicht einfach, sich den ganzen Tag und dann auch den ganzen Abend um ein zwanzig Monate altes Kind zu kümmern. Davon abgesehen, dass Mattie noch von zu Hause aus als Grafikerin arbeitet. Wenn wir in Chicago geblieben wären, hätte eine unserer Mütter ihr mit Sara helfen können. Keine Frage. Meine Mutter würde vor Freude jubeln, wenn sie die Chance hätte, sich um das Baby zu kümmern. Aber wenn Sara zu oft bei ihr wäre, würde sie so werden … wie ich. Die knapp fünfhundert Kilometer zwischen Cincinnati und Chicago sollten eigentlich ausreichen, meine Tochter vor diesem Schicksal zu bewahren.

Als Mattie mit mir nach Cincinnati zog und wir heirateten, wusste sie, dass ich lange Arbeitszeiten haben würde. Diesen Job kannst du nicht machen und um fünf Uhr nach Hause gehen. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie ich meinem Chef Jim zuwinke, wenn ich beim Hinausgehen an seinem Büro vorbeikomme. »Tut mir Leid, aber ich muss jetzt los. Mattie erwartet mich um halb sechs Uhr zu Hause, um Saras Gemüse schön klein zu schneiden.« Wenn ich zwei-, dreimal um fünf Uhr gehen würde, würde Jim mir vorschlagen, gleich ganz als Vollzeit-Babysitter zu Hause zu bleiben.

Ich sehe den Lebenslauf von Nick Cominsky schon vor mir:

Ausbildung

Diplom in Chemie, Northern Illinois University, 1996

Diplom in Betriebswirtschaft, Northwestern University, 2001

Beruflicher Werdegang

Chemiker in der Forschungsabteilung, Abbott Laboratories, 1996-2000

Analytiker für Firmenplanung, Abbott Laboratories, 2000-2002

Direktor für Strategieplanung, Pruitt Environmental Testing, 2002-2005

Babysitter, 2005 bis dato

Meinen derzeitigen Job zu behalten, schien mir die bessere Wahl, trotz aller Unannehmlichkeiten. Ehrlich gesagt, es reizte mich, für einen Abend sowohl meinem überfüllten Schreibtisch als auch Matties ständigem Missfallen zu entgehen. Ich fragte mich nur, ob das Milano wusste, worauf sie sich mit Les’ und Bills Spaß eingelassen hatten.

Das Restaurant und seine Probleme waren allerdings weit weg, als ich einen Parkplatz suchte. Mattie schrie gerade ins Handy: »Nick, ich könnte ebenso gut Alleinerziehende sein, weil du …« Das war das Letzte, das ich hörte, bevor mich ein Funkloch rettete. Das reichte. Es war mir sowieso nichts eingefallen, wie ich meine Pläne für den Abend begründen konnte. Im Nachhinein ist mir allerdings klar, dass ich ihr nicht erst zwanzig Minuten vorher hätte Bescheid geben sollen.

Lautstark R.E.M. zu hören, während ich die Anderson Ferry herunterraste, befreite mich nicht ganz von meinen Schuldgefühlen, aber es begrub sie teilweise. Ich fuhr den Explorer auf den Parkplatz, stellte den Motor ab und griff noch einmal nach der Einladung. Ich hoffte, dass sie mir doch noch einen Hinweis darauf geben würde, was mich an diesem Abend erwartete. Doch das tat sie nicht. Plötzlich schien nichts mehr an diesem Abendessen die kalte Schulter wert zu sein, die Mattie mir zeigen würde.

Aber nun war ich schon einmal hier. Und wenn der ganze Abend eine einzige Pleite werden sollte, könnte ich bei Mattie etwas gut machen, wenn ich früher ging. Wenigstens einmal im Monat früher nach Hause zu kommen als erwartet, würde mir sicher etwas Gnade verschaffen. Nach den letzten drei Wochen brauchte ich das – dringend.

Mit Plan B im Kopf überquerte ich den Parkplatz, betrat das Restaurant und sah mich unter den vielleicht zwanzig Tischen um. Keine Typen mit langen Haaren und fließenden Gewändern. Keine Jungs aus dem Büro.

Der Tisch

imagein Tisch für eine Person?«

Der Oberkellner kam hinter der Bar hervor und zerschlug damit meine Hoffnung, wieder unauffällig herauszuspazieren, ehe mich jemand gesehen hatte.

»Ein Tisch für eine Person, der Herr?«

»Nein, ich … ich soll hier jemanden treffen. Mein Name ist Nick Cominsky…«

»Ah, Mr. Cominsky. Hier entlang bitte.«

Er griff nach einer Menükarte und führte mich an dem hölzernen Raumteiler vorbei, der den Speisesaal umgab. Es hatte sich nichts verändert, seit ich vor zwei Jahren mit Mattie am Valentinstag hier gewesen war. Zwei übereinander gelegte Tischtücher, ein weißes und ein rotes, bedeckten die Tische. Große Spiegel ließen den Raum an der Seite noch weiter erscheinen. Die Fenster an zwei Seiten des Raums lenkten den Blick auf den Ohio. Ich konnte sehen, wie sich die Lichter der Kentucky-Seite im Wasser spiegelten. Die Strömung sorgte für eine Art Hintergrundmusik, wie diese CDs mit Meeresrauschen, die man als Hilfe zum Einschlafen kaufen kann. Unnötigerweise übertönte irgendein langweiliges Lied von Andrea Bocelli, den Mattie sehr mochte, den Fluss.

Dienstags schien im Milano nicht viel los zu sein. Nur vier Tische waren besetzt. Mir stieg der Duft von geröstetem Brot in die Nase, als wir an einer Gruppe von sechs älteren Gästen vorbeikamen, die einen der vorderen Tische belegte. In der rechten Ecke hielt ein Paar Anfang zwanzig Händchen und schmachtete sich an. Dem jungen Mann schien dabei nicht aufzufallen, dass er mit dem Ärmel in seinen Ravioli hing. In der Mitte des Raumes waren zwei mit dem Gewicht kämpfende Damen am Kichern und stürzten sich auf eine enorme Schokoladentorte. Und in der ganz linken Ecke saß ein vielleicht dreißigjähriger Mann im blauen Anzug und las die Menükarte.

Der Oberkellner führte mich zu ihm. Er stand auf, hielt mir die Hand hin und schüttelte meine kräftig.

»Nick Cominsky«, sagte er. »Hallo, ich bin Jesus.«

Im Nachhinein fallen mir tausend mögliche Antworten ein.

»Jesus Christus! Toll, dich endlich zu treffen!« … »Fehlen da nicht noch zwölf an unserem Tisch?« … »Ich wusste gar nicht, dass sie dich im Anzug begraben haben.«

Die Absurdität dieser Szene verblüffte mich so sehr, dass ich einfach nur schwieg. Was sagt man in einer solchen Situation? Der Mann und ich schüttelten unsere Hände etwas zu lange, bis ich ein schwaches »Hmhm« von mir gab. Er ließ meine Hand los und setzte sich wieder.

Meine Augen suchten die des Oberkellners. Der wandte kurz seinen Blick ab und nahm die Serviette von meinem Teller. Das Zeichen, mich zu setzen. Er platzierte die Serviette auf meinen Schoß, gab mir die Karte und ließ mich nach einem »Ich wünsche einen angenehmen Abend« allein mit …

»Danke, dass Sie sich mit mir treffen«, fing der Mann an. »Das ist für Sie bestimmt nicht die beste Zeit, so mitten in der Woche.«