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Lutz E. von Padberg

IN GOTTES NAMEN?

Von Kreuzzügen, Inquisition
und gerechten Kriegen

Die 10 häufigsten Vorwürfe
gegen das Christentum

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Bibelzitate folgen der Lutherbibel, revidierter Text 1984,
durchgesehene Auflage in neuer Rechtschreibung,
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Inhalt

Einführung: Das Christentum in der Kritik

1. Häretiker und Ketzer: Reinerhaltung des Glaubens

Begriffsklärung * Probleme der Apostel * Das Urteil der Kirchenväter * Häresie als Staatsverbrechen * Die erste Ketzerhinrichtung * Mittelalterliche Verhältnisse * Verketzerungen in der Reformation * Häresie in der Neuzeit

2. Frauen: Unterdrückung und Minderwertigkeit

Ungleichheit in der Antike * Männer und Frauen im Neuen Testament * Frauenfeindlichkeit der Kirchenväter * Verzicht als neues Frauenideal * Frauen in Reformation und Pietismus * Männerherrschaft und Frauenbewegung

3. Kirche und Staat: Eine unheilige Allianz

Christus, die Apostel und der Staat * Die frühen Christen im römischen Staat * Radikaler Wandel unter Kaiser Konstantin * Auf dem Weg zur Staatskirche * Einheit von Kirche und Staat im Mittelalter * Der große Streit um die Vorherrschaft * Kirche und Landesherren seit der Reformation * Die Täufer und der Staat

4. Mission im Mittelalter: Taufe oder Tod

Mission in der frühen Christenheit * Mission als Staatsziel * Mission bei den Angelsachsen * Mission bei den Skandinaviern * Mission bei den Sachsen * Mission im Osten * Freie Entscheidung für den Glauben

5. Kreuzzüge: Totschlag als fromme Pflicht

Heiliger Krieg gegen Glaubensfeinde * Ein Missverständnis am Anfang * Eine Rede als Auslöser * Kreuzzug als religiöse Leistung * Die Eroberung Jerusalems * Der Ablauf der Kreuzzüge * Die Folgen der Kreuzzüge * Kreuzzüge gegen Häretiker * Kreuzzüge und Islam

6. Inquisition: Folter und Scheiterhaufen

Inquisition als Fortschritt * Inquisition als Rückschritt * Inquisitionsverfahren * Inquisitionsgutachten * Gewalttätigkeit des Staates * Inquisition in Spanien * Päpstliche Inquisition

7. Hexen: Kampf gegen Teufelsbündnisse

Angst vor Zauberei * Die spätmittelalterliche Hexenlehre * Der Hexenhammer * Hexenprozesse im Deutschen Reich * Hexenverfolgung in Europa

8. Kolonialismus: Das Heil für die Wilden

Europäisierung der Erde * Wirtschaftliche und kulturelle Eroberung * Kulturlose Heiden * Spanischer Kolonialismus * Zwangschristianisierung der Indios * Manöverkritik und ihre Folgen * Jesuitenstaat als Gegenprogramm * Protestantische Missionshemmung * Puritanische Kolonisation in Nordamerika

9. Juden: Vertreibung und Verfolgung

Entfremdung in der Frühzeit * Antijudaismus der Kirchenväter * Relative Ruhe im Frankenreich * Papst Gregor und die Juden * Judenschutz aus Wirtschaftsinteressen * Allmähliche Verschlechterung * Pogrome im Zeitalter der Kreuzzüge * Schutzversuche ohne Erfolg * Vertiefung der Gräben * Absurde Beschuldigungen * Martin Luther und die Juden

10. Krieg: Mit Gott gegen den Feind

Krieg als Realität * Rechtfertigung des Krieges * Krieg als Normalzustand * Krieg der Konfessionen * Krieg als sittliche Übung * Mit Gott in den Krieg * Glaubwürdigkeitskrise

Abschluss: Licht und Schatten im Christentum

Personenregister

Einführung:
Das Christentum in der Kritik

Die Christen in Deutschland haben es nicht leicht, vor allem wenn sie sich als solche bekennen oder gar dem evangelikalen Lager zugehören. Seit einiger Zeit ist ihr Glaube heftigen Attacken von Atheisten ausgesetzt, die mit erstaunlich aggressivem Ton das Christentum als überholt ansehen. So wendet sich etwa der Biologe Richard Dawkins in seinem Buch Der Gotteswahn (2007) nicht nur gegen religiösen Irrwuchs, sondern polemisiert gegen den christlichen Glauben und versucht zu beweisen, dass Gott nicht existiert. Der Oxforder Professor wettert gegen jede Form von Religion und Gottesglaube und hat mit seinem Pamphlet die Bestsellerlisten erobert. Allerdings musste er scharfen Widerspruch hinnehmen, und auch diese Bücher haben hohe Verkaufszahlen erzielt. Solche Debatten spielen sich nicht mehr nur in versteckten akademischen Zirkeln ab, sondern werden in aller Öffentlichkeit lebhaft geführt. Deutlich wird daran, dass die Frage nach Religion und Glaube im weitesten Sinne aktuell ist. Vorbei sind die Zeiten, da man Gott einen guten Mann sein ließ und meinte, sein Leben aus eigener Kraft fest im Griff zu haben. Das Interesse an Religion wächst. Bücher mit religiösen Themen verkaufen sich gut, wie die Bestseller Jesus von Nazareth (2007) von Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI. und Gott: Eine kleine Geschichte des Größten (2007) von Manfred Lütz zeigen. Selbst philosophische Werke zum Problem des Gottesbeweises wie Richard Swinburnes Gibt es einen Gott? (2006) finden starke Beachtung. Nun sind zwar gekaufte Bücher noch lange nicht auch gelesene Bücher, immerhin belegen sie aber, dass Glaubensfragen wieder auf der Agenda stehen. Warum sonst sollten sich Vertreter des „neuen Atheismus“ und andere antiklerikale Rädelsführer zu solch scharfen Angriffen herausgefordert sehen? Scheuen sollten die Christen die Auseinandersetzung nicht, denn eine Chance zur Bezeugung ihres Glaubens ist sie allemal.

Neu sind solche Debatten um Sinn und Unsinn der Religion im Allgemeinen und des Christentums im Besonderen nicht. 1968, auf dem Höhepunkt der sogenannten Studentenrevolte, als man meinte, sich von alten Traditionen emanzipieren zu sollen, stand auch der christliche Glaube auf der Abschussliste. So veröffentlichte Joachim Kahl die polemische Kampfschrift Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott (1968), auch ein Bestseller. Mit allerlei vermeintlichen Argumenten versuchte der aus der evangelischen Kirche ausgetretene Theologe und Philosoph seine These von der „Verdummung der Menschen durch das Christentum“ (S. 132) zu belegen und beklagte das „chronische Bildungsdefizit des Christentums“ (S. 131). Als Beleg für seine Einschätzung des Christentums als Ideologie zog er eine ‚Realbilanz‘ der Kirchengeschichte. In einem Feuerwerk von Vorwürfen klagte er sie der Sklavenhaltung, der blutigen Verfolgung von Heiden und Juden, der Verteufelung der Sexualität und der Diffamierung der Frauen an. Auch diese Anklagen sind nicht neu, zumal sie von dem notorischen Christentumsgegner Karlheinz Deschner in seiner mehrbändigen Kriminalgeschichte des Christentums (1986 ff.) fleißig unter das Volk gebracht werden. Der Leitspruch dieses Säulenheiligen der Kirchenkritik lautet „Ich denke, also bin ich nicht Christ“.

Neu sind jedoch die Zeitumstände. Vor vierzig Jahren ging es den 68ern um die Entrümpelung der Bundesrepublik Deutschland. Eine solche Innenschau ist heutzutage im Zeitalter der kommunikativen Vernetzung und Globalisierung nicht mehr möglich. Hinsichtlich der religiösen Frage ist vor allem ein Komplex hinzugekommen, an den damals kaum jemand gedacht hat: der Islam. Damals waren allein die fernöstlichen Religionen von einem gewissen elitären Interesse, die Muslime hatte niemand im Visier. Durch verschiedene Faktoren hat sich diese Situation radikal verändert. Die vermehrte Zuwanderung von Türken nach Europa, die Pläne zur Aufnahme der Türkei in die Europäische Union und vor allem die zahlreichen terroristischen Aktionen im Namen des Islam haben diese Religion vermehrt in den Blickpunkt gerückt. In Deutschland war der Traum einer friedlichen multikulturellen Gesellschaft schnell dahin, gescheitert nicht zuletzt an mangelnder Integrationswilligkeit der Zuwanderer. Es kam zu Gettobildungen und Ansätzen einer islamischen Parallelgesellschaft. Die vielfältigen Bemühungen deutscher Institutionen zur Überwindung dieser Situation krankten meistens an dem fehlenden Verständnis für das religiöse Fundament der Muslime, die die mangelnde Glaubensgewissheit und Zeugniskraft der Christen verachteten. Ihre Ablehnung der westlichen Libertinage, die ihnen als durch Glaubensverlust hervorgerufene Dekadenz erschien, verstärkte die Konzentration auf die eigene Religion. Der Islam wird daher von den in Deutschland lebenden Muslimen mit großer Selbstgewissheit vertreten.

Nun ist es in den letzten Jahren zu einer interessanten und so nicht zu erwartenden Entwicklung gekommen. Die westliche Gesellschaft hat sich angesichts der massiven Herausforderung durch den Islam nicht etwa selbstbewusst auf die christlichen Grundlagen Europas besonnen und sie offensiv vertreten, sondern ist vielmehr dabei, entsprechende Positionen kampflos aufzugeben. Dafür werden hehre Begriffe wie Gleichstellung, Humanität und vor allem Toleranz bemüht. Die Muslime profitieren von dieser problematischen Haltung, die sie zu Recht als Glaubensschwäche verstehen. Das wiederum bestärkt sie in dem Bewusstsein der Überlegenheit ihrer eigenen Religion. Die deutschen Namenschristen führt das nicht zum Umdenken, sondern im Gegenteil zu weiterem Zurückweichen und einem immer fundamentalistischer werdenden Betonen unbegrenzter Toleranz. So bekommt die ganze Geschichte eine scheinbar unaufhaltbare Eigendynamik, die Pessimisten vermuten lässt, der Westen werde in mittelfristiger Zukunft vom Islam beherrscht.

Diese Entwicklung wird noch dramatisiert durch die Tendenz mancher Namenschristen zur Selbstzerfleischung, die gleichsam in vorlaufendem Gehorsam problematische Entwicklungen des Christentums überbetonen. Toleranz und Verständnis gelten dann nur noch dem Islam, nicht aber der eigenen Religion. Das kann bis zu antichristlicher Propaganda reichen, wie sie beispielsweise der Philosoph Herbert Schnädelbach im Jahre 2000 scharf in einem Artikel in der ZEIT, Der Fluch des Christentums – Die sieben Geburtsfehler einer altgewordenen Weltreligion, präsentiert hat. Seiner Meinung nach sei das verfasste Christentum eine Ideologie, die „als Fluch auf unserer Zivilisation“ lastet (S. 13). „Der letzte segensreiche Dienst, den das Christentum unserer Kultur nach 2000 Jahren zu leisten vermöchte“, wäre seine Selbstaufgabe, „wir könnten es dann in Frieden ziehen lassen“ (S. 14). Man stelle sich einmal vor, jemand würde in einer deutschen Zeitung einen Artikel mit dem Titel ‚Der Fluch des Islam‘ oder gar ‚Der Fluch des Judentums‘ veröffentlichen. Ein Aufschrei würde durch das Land gehen, der Autor wäre erledigt, Muslime würden gemeinsam mit gut meinenden Christen Demonstrationen veranstalten. Es geht hier gar nicht darum, ob solche Kritik berechtigt ist oder nicht, es geht darum, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Beispiele für diesen Umstand ließen sich genügend anführen. Wenn – wie vor einiger Zeit in Dänemark geschehen – der Prophet Mohammed Gegenstand von Karikaturen ist, dann hagelt es Proteste aus der islamischen Welt, Nationalflaggen werden öffentlichkeitswirksam verbrannt, Morddrohungen ausgestoßen und in westeuropäischen Städten Demonstrationen inszeniert. Doch nicht nur die Muslime erheben ihre Stimme. Namentlich in Deutschland beeilen sich viele Bürger, ihre Solidarität mit den beleidigten Anhängern des Islam zu bekunden und fordern, auf den Abdruck solcher Karikaturen zu verzichten. Geschieht dergleichen gegen das Christentum, passiert nichts. So kann der ‚Bund für Geistesfreiheit‘ einen ‚Kunstpreis Blasphemie‘ ausschreiben, in dem dazu aufgerufen wird, mit Kunstwerken gegen das erste Gebot zu verstoßen und so auch christliche „Vorstellungen auf die Schippe zu nehmen“ (idea-spektrum 16/2008, S. 11). Wenn sich nun ein Christ gegen diese Form von Gotteslästerung wendet, wird er mit dem Hinweis auf die Freiheit der Kunst zur Toleranz ermahnt. Wie immer man zu solchen Ausdrucksformen der Kunst stehen mag, entscheidend ist auch hier das Faktum des Messens mit zweierlei Maß. Dem Islam gegenüber wird größte Zurückhaltung gefordert, das Christentum darf man ruhig verunglimpfen. Oft übernehmen Christen das selbst, wenn sie beispielsweise über die Angriffe des ‚neuen Atheismus‘ großzügig hinwegsehen und ihre eigene Position nicht verteidigen.

Schlimmer noch, die evangelikalen Christen, die offensiv für das Evangelium eintreten und nichts anderes tun, als ihrem Herrn Jesus Christus in Treue nachzufolgen, werden scharf angegriffen. Vor allem linksorientierte Politiker und öffentlich-rechtliche Sendeanstalten machen neuerdings Front gegen die evangelikale Bewegung. Ohne von tieferer Kenntnis getrübt zu sein, rücken sie Evangelikale in die Nähe von islamistischen Fundamentalisten. Von diesen frommen Christen gehe, so wird behauptet, eine Bedrohung für die Gesellschaft aus. Verwundert man fragt sich, welcher Verbrechen sie sich denn schuldig gemacht haben. Scheinbar darf man heute grenzenlos denken und glauben, was man will. Wer sich aber als Evangelikaler zu Jesus Christus bekennt und es wagt, das auch noch missionarisch und offensiv zu tun, wird unweigerlich ausgegrenzt.

Nun kommt es hier nicht darauf an, als Konsequenz aus diesem Ungleichgewicht zur Kritik an anderen Religionen aufzurufen. Der Islam hat offensichtlich die kritische Auseinandersetzung mit seiner Geschichte und die Phase der Aufklärung noch vor sich, aber das ist zunächst einmal das Problem der Muslime. Das Christentum dagegen steht unter Rechtfertigungszwang, und hier lässt sich nun der Bogen zu dem eingangs erwähnten wiedererwachten Interesse am Glauben schlagen. Das Christentum, wobei übrigens selten zwischen Glaube und Kirche differenziert wird, sieht sich einem dreifachen Angriff ausgesetzt. Erstens seitens islamischer Organisationen und Verbände, zweitens durch Agnostiker und Atheisten und drittens von innerkirchlichen Kritikern. In der Regel werden dabei seltener theologische oder philosophische Argumente vorgebracht, was ja auch einen höheren Aufwand an Reflexion verlangen würde, als vielmehr historische. Typisch dafür ist die immer wieder betonte Schuld der Christen an den Kreuzzügen. Im Gegenzug zu dem islamischen Terror am 11. September 2001 hielt der SPIEGEL in einem langen Artikel dem Christentum sein Sündenregister vor und ließ sich dabei besonders über den Blutrausch der christlichen Kreuzzügler aus. Dieser Vorwurf ist zum Dauerbrenner geworden.

Die Reihe entsprechender Anklagen ist lang. Zu den eben nicht nur von den Vertretern des ‚neuen Atheismus‘ vorgebrachten Standardvorwürfen gehören folgende Themen:

• Häretiker und Ketzer: Zur Reinerhaltung dessen, was die Kirche als Glaube definierte, habe sie alle Abweichler verfolgt und kritisches Hinterfragen in den eigenen Reihen unterdrückt.

• Frauen: Schon in der frühen Kirche seien sie unterdrückt und infolge der Sexualfeindlichkeit als permanente Versucherinnen diffamiert worden.

• Kirche und Staat: In einer unheiligen Allianz habe sich die Kirche schon im 4. Jahrhundert dem Staat angebiedert und später auch undemokratischen Herrschern zur Legitimation verholfen.

• Mission: Der Missionsbefehl sei nichts anderes als ein Auftrag zur weltweiten Ausrottung des Heidentums.

• Kreuzzüge: Die christlichen Heere hätten zur höheren Ehre Gottes Millionen von Menschen umgebracht, ohne ihre politischen Ziele zu erreichen.

• Inquisition: Die heilige Inquisition habe Abweichler in den eigenen Reihen verfolgt, die Folter zur perfiden Vollendung gebracht und unzählige Unschuldige verbrannt.

• Hexen: Das Naturwissen der weisen Frauen habe die Kirche als Bündnis mit dem Teufel diffamiert und sie ausgerottet.

• Kolonialismus: Die Begründung der Eroberung Südamerikas mit dem Missionsbefehl sei nichts anderes als die theologische Ermächtigung zum christlichen Kulturimperialismus.

• Juden: Die Judenfeindschaft sei ein genuiner Bestandteil des Christentums, weshalb sich auch eine Linie von Luthers Antijudaismus zum Antisemitismus des Nationalsozialismus ziehen lasse.

• Krieg: Die Kirche habe nichts für die Menschenrechte getan, sondern im Gegenteil Frieden und Menschlichkeit verhindert, indem sie gerechte Kriege propagiert habe.

Wird einem diese eindrucksvolle Liste von Verfehlungen vorgehalten, so kann man auf unterschiedliche Weise darauf reagieren. Erstens könnte man nach dem Prinzip ‚Was nicht sein darf, kann auch nicht sein‘ schlicht leugnen, dass es im Verlauf der Kirchengeschichte überhaupt Fehlentwicklungen gegeben hat. Eine solche Unfähigkeit zur Kritik wäre naiv und dumm, sie würde die Kritiker nur in ihrer Sicht bestärken. Zweitens könnte man ohne größere Diskussion den Kritikern recht geben und sich zerknirscht zur Schuld von zweitausend Jahren Kirchengeschichte bekennen. Das aber wäre nichts anderes als Anbiederei an den Zeitgeist und seine politische Korrektheit in der Hoffnung, in der säkularen Öffentlichkeit Lob für diese Bußfertigkeit zu bekommen. Wie die erste Variante würde eine solche Haltung auch wenig Denkarbeit verlangen. Schließlich gibt es noch eine vernünftige dritte Möglichkeit, sich nämlich nüchtern der Herausforderung zu stellen und sachlich abzuwägen, inwieweit die Kritik an bestimmten historischen Entwicklungen des Christentums berechtigt ist oder nicht.

Deshalb sollen im Folgenden die Standardvorwürfe gegen das Christentum auf den Prüfstand gestellt werden. Zunächst einige Hinweise zum Aufbau und zur Benutzung: In zehn selbstständigen Kapiteln werden die wichtigsten Anklagen nach einem festen Schema diskutiert. Zuerst sollen die jeweiligen Vorwürfe kurz vorgestellt, dann nach dem möglichst neuesten Stand der Forschung die Fakten präsentiert und erörtert sowie ein bewertendes Fazit gezogen werden. Abgeschlossen wird jeder Abschnitt mit kommentierten Literaturhinweisen. Die Beschreibung der Sachlage fordert den jeweils längsten Abschnitt, der deshalb durch Zwischenüberschriften gegliedert ist. Dabei geht es weder um theologische, philosophische oder religionsgeschichtliche Argumente und auch nicht um eine biblische Analyse, sondern allein um eine historische Untersuchung. Verständlicherweise können die einzelnen Themen nicht in ihrer gesamten Ausdehnung über zweitausend Jahre Kirchengeschichte erörtert werden. Das würde jeden Rahmen sprengen, weshalb eine Auswahl getroffen werden musste. Die zehn Kapitel sind so angelegt, dass sie auch einzeln und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können.

Auf Einzelnachweise von Übernahmen aus der Forschungsliteratur durch einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat wird verzichtet, dafür finden sich jeweils am Schluss der Kapitel Hinweise auf benutzte und weiterführende Literatur sowie Nachweise der Zitate. Übernahmen aus primären Quellen hauptsächlich aus Spätantike, Mittelalter und Reformation werden in der Regel direkt mit den üblichen Kurzformeln (nach den in der Theologischen Realenzyklopädie und dem Lexikon für Theologie und Kirche verzeichneten Abkürzungen) in Klammern nachgewiesen. Viele dieser Quellen sind inzwischen im Internet verfügbar, allerdings selten in kritischen Ausgaben. Alle anderen längeren Zitate werden meist in den Bibliografien am Schluss der Kapitel belegt, sonst direkt mit den dort aufgeführten Autorennamen. Bei den erwähnten geschichtlichen Personen werden zur Orientierung bei der ersten Erwähnung die Lebensdaten bzw. bei Herrschern die Regierungs- und Päpsten die Pontifikatsjahre angeführt. Ihre Auffindung erleichtert das Personenregister. Die Literaturangaben sind auf dem Stand vom Sommer 2009. Kritiker sollten allerdings beachten, dass dieses Buch keine erschöpfende Analyse sein will, sondern eine von einem Historiker verfasste Argumentationshilfe in der gegenwärtigen Diskussion.

LITERATURHINWEISE

Das neu erwachte Interesse an religiösen Fragen hat als Gegenbewegung den sogenannten ‚neuen Atheismus‘ hervorgebracht. Der Begriff geht zurück auf den Artikel „Battle of the New Atheism“ von Gary Wolf im Internetportal wired.com vom 23. Oktober 2006. Die Thematik gelangte rasch in die Öffentlichkeit und wurde über Artikel in den einschlägigen Magazinen (etwa SPIEGEL, STERN, FOCUS) sowie Talkshows zu einem Medienereignis. Zum Standardwerk stilisiert wurde auf diese Weise Richard Dawkins Buch Der Gotteswahn (Berlin 2007, zuerst London 2006), auf das mit ruhiger Sachlichkeit geantwortet hat Alister McGrath, Der Atheismus-Wahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den atheistischen Fundamentalismus (Asslar 2007, zuerst London 2007). Aus der regen Produktion der Atheisten seien noch erwähnt Michel Onfray, Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss (München 2007, zuerst Paris 2005); Sam Harris, Das Ende des Glaubens. Religion, Terror und das Licht der Vernunft (Winterthur 2007, zuerst London 2005) und Christopher Hitchens, Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet (München 2007, zuerst New York 2007). Richard Dawkins hat in seinem neuen Buch The Greatest Show on Earth (London 2009) seinen atheistischen Werbefeldzug fortgesetzt und nun den Kreationismus als lohnende Zielscheibe ausgewählt. Kreationisten, so seine steile These, stünden auf einer Ebene mit Leugnern des Holocaust, denn beide bestritten eine wissenschaftlich bzw. historisch bewiesene Tatsache. All diese Werke zeichnen sich nicht gerade durch sorgfältiges Argumentieren aus und gehen bisweilen sehr fantasievoll mit den Fakten um.

Die Kritiker dieser Kritik können sich nicht auf dieses Niveau einlassen und ebenso polemisieren, sondern müssen sich mit den Behauptungen auseinandersetzen. Dafür stehen etwa die Arbeiten von Klaus Müller, Streit um Gott (Regensburg 2006); ders., „Neuer Atheismus. Alte Klischees, aggressive Töne, heilsame Provokation“ (Herder-Korrespondenz 11/2007, S. 552-557) und Thomas Schärff, „Neuer Atheismus. Zwischen Argument, Anklage und Anmaßung“ (Stimmen der Zeit 3/2008, S. 147-161). Einen knappen Literaturüberblick bietet Berthold Schwarz, „Sind wir Gott los? Zur neuen Diskussion über den Atheismus“ (Jahrbuch für evangelikale Theologie 22, 2008, S. 107-121). Das erfrischend angriffslustige und zum Nachdenken anregende Buch Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam von Alexander Kissler (München 2008) beklagt die mangelnde Bereitschaft der Theologen zur Auseinandersetzung angesichts der Schmähungen des ‚neuen Atheismus‘, der gar nicht so neu sei, sondern Behauptungen des spätantiken Spötters Celsus (2. Hälfte des 2. Jahrhunderts) aufgreife. Hierher gehört auch das entlarvende Buch Warum überhaupt Religion? Der Gott, der Richard Dawkins schuf von Peter Strasser (München 2008). Der katholische Theologe Gerhard Lohfink fragt Welche Argumente hat der neue Atheismus? Eine kritische Auseinandersetzung (Bad Tölz 2008) und kommt zu dem Ergebnis, dass der Atheismus auch eine Art Glaube sei. Einen ähnlichen Ansatz vertritt John Lennox, Hat die Wissenschaft Gott begraben? Eine kritische Analyse moderner Denkvoraussetzungen (Witten 2002, 22008). Einen anderen Aspekt beleuchtet der streitbare und angriffslustige Journalist Henryk M. Broder in seiner Kritik der reinen Toleranz (Berlin 2008, Neuauflage 2009). Mit seinen steilen Thesen muss man nicht übereinstimmen, aber erfrischend ist seine scharfe Attacke gegen jene allgemeine Toleranz und emotionale Verständnissoße, die heute über nahezu jede gesellschaftliche Debatte gegossen wird und das Nachdenken über Grenzen und Werte erschwert.

Belege für das wiedererwachte Interesse am Christentum sind beispielsweise die Bücher von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth (Freiburg 2007) und Manfred Lütz, Gott: Eine kleine Geschichte des Größten (München 2007). Das höchst lesenswerte Werk von Lütz setzt sich in einem Querschnitt durch die europäische Geistes- und Philosophiegeschichte kenntnisreich und vor allem leserfreundlich mit den Argumenten der Vertreter des Atheismus auseinander, entlarvt sie als inkonsequent und stellt dem die Existenz eines persönlichen Gottes gegenüber. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Richard Swinburne, Gibt es einen Gott? (Frankfurt 2006, zuerst Oxford 1996).

Ein frühes Beispiel für scharfe Kritik am Christentum bietet Joachim Kahl, Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott (Reinbek 1968), eine die Tatsachen nicht immer exakt darstellende Kampfschrift. In ähnlicher Weise hatte zuvor schon Bertrand Russell, Warum ich kein Christ bin (Reinbek 1968, zuerst London 1957) behauptet, das Christentum habe keine nützlichen Beiträge zur Entwicklung der Zivilisation geleistet, im Gegenteil. Güte und Intelligenz stellte der Philosoph und Mathematiker als die wichtigsten Tugenden heraus und bemerkte: „Die Intelligenz wird durch jeden Glauben, gleichgültig welchen, behindert, und der Güte steht der Glaube an Sünde und Strafe im Wege“ (S. 219). Auch in der Folgezeit sind immer wieder einschlägige Beiträge erschienen, wie etwa von Franz Buggle, Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann (Reinbek 1992). Besonders hervorgetan hat sich in der Phalanx der Christentumsgegner Karlheinz Deschner. Seine auf zehn Bände angelegte Kriminalgeschichte des Christentums (Reinbek 1986ff., bisher acht Bände erschienen) ist ein Sammelsurium von Anklagen gegen die Kirche, bei dem man allenfalls den Fleiß des Autors anerkennen kann. Mit reduzierter Wirklichkeitswahrnehmung erweist sich der notorische Feind des Christentums als Meister der Diffamierung und Verfälschung, der selten den neuesten Forschungsstand erreicht und von sorgfältigem Quellenstudium wenig hält. Wer sich freilich schon lange gepflegte Vorurteile bestätigen lassen möchte, wird von Deschner immer bestens bedient.

Auf etwas höherem Niveau, wenn auch ebenso scharf-polemisch, hat sich Herbert Schnädelbach in dem Zeitungsbeitrag Der Fluch des Christentums – Die sieben Geburtsfehler einer altgewordenen Weltreligion. Eine kulturelle Bilanz nach zweitausend Jahren (DIE ZEIT vom 11. Mai 2000) geäußert. Er reagierte damit auf eine Ansprache von Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000, in der er um Entschuldigung bat für Sünden der Kirche wie Inquisition, Glaubenskriege oder Judenverfolgungen durch Christen im Laufe der Geschichte. Zum ersten Mal hat damit ein Papst ein derartig umfassendes Mea culpa im Namen der katholischen Kirche ausgesprochen. Schnädelbach setzte dem entgegen, dass diese Verfehlungen nicht trotz, sondern wegen des Christentums geschehen seien. Im Kern hält er das Christentum selbst für eine Sünde. Der Artikel hat in der Öffentlichkeit einiges Aufsehen erregt und zu einer ganzen Serie von Antworten geführt. Robert Leicht hat streitbare Beiträge von elf Autoren gesammelt und sie mit dem ZEIT-Artikel von Schnädelbach unter dem Titel Geburtsfehler? Vom Fluch und Segen des Christentums herausgegeben (Berlin 2001). Schnädelbach hat seiner Kritik inzwischen das Buch Religion in der modernen Welt (Frankfurt 2009) folgen lassen. Es enthält jedoch nicht, wie eigentlich zu erwarten, eine Präzisierung und Entfaltung seiner Thesen, sondern stellt frühere Gelegenheitsarbeiten zusammen. Der oben zitierte Zeitungsbeitrag von 2000 wird unverändert wieder abgedruckt, ohne auf die lebhafte Diskussion näher einzugehen.

Diese Debatte hat neben der Diskussion um den ‚neuen Atheismus‘ den Anstoß zu diesem Buch gegeben. Entscheidende, nicht im Einzelnen nachweisbare Anregungen verdankt es mehr als allen anderen Werken der umfangreichen (797 Seiten) Studie von Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert (Münster 2007), die sich weitaus ausführlicher mit den meisten der im Folgenden behandelten Standardvorwürfen gegen das Christentum beschäftigt. In eine vergleichbare Richtung gehen der Beitrag von Manfred Schulze, Sternstunden und Abgründe der Christenheit (Neukirchen-Vluyn 2008), der, allerdings nur mit wenigen Literaturhinweisen, ein breiteres Themenspektrum behandelt, und das umfassendere Buch von Alvin J. Schmidt, Wie das Christentum die Welt veränderte. Menschen – Gesellschaft – Politik – Kunst (Gräfelfing 2009).

1. Häretiker und Ketzer:
Reinerhaltung des Glaubens

„Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer kraft göttlichen und katholischen Glaubens zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit“ (Codex iuris canonici 1983, can. 751). So definiert das katholische Kirchenrecht recht allgemein den Straftatbestand der Irrlehre und belegt ihn mit Exkommunikation (can. 1364). Ein solches Gesetzbuch gibt es im Protestantismus nicht, der deshalb mit dem Ausschluss von Häretikern Probleme hat. Freiheitsverständnis und Toleranzgedanke erschweren außerdem die wirkungsvolle Eingrenzung eines Lehrpluralismus, der es selbst Leugnern der Auferstehung Jesu Christi ermöglicht, Mitglied der evangelischen Kirche zu bleiben. Diese konfessionellen Unterschiede zeigen die Schwierigkeiten bei der Bestimmung von Häresie. Das war schon immer so. Spannungen gab es bereits in der Urgemeinde, wie die Diskussion auf dem Jerusalemer Apostelkonzil im Jahre 48 verdeutlicht (Apg 15). Kurzum, die Aufgabe der Bewahrung der Glaubenswahrheit und -einheit hat die Kirche durch ihre zweitausendjährige Geschichte bis heute begleitet und wird es auch weiterhin tun.

Zu diesen grundsätzlichen Problemen kommt die Frage, wie denn die Kirche im Verlaufe dieser Zeit mit häretischen Strömungen und vor allem mit Ketzern selbst umgegangen ist. Da werden, oftmals ungetrübt von historischen Kenntnissen, schnell Vorwürfe laut. Vom späten zweiten Jahrhundert an, nach der Verfestigung kirchlicher Strukturen also, habe die frühe Kirche behauptet, die rechte Lehre sei stets der falschen vorausgegangen. Eine Häresie ist demnach die Deformation der ursprünglich vorhandenen Orthodoxie und Häretiker sind abgefallene rechtgläubige Christen. Motiv für diesen Abfall sei die Verführung durch den Satan, weshalb Häretiker als Sünder meist auch moralisch schlechte Menschen seien. Demgegenüber sei die von Jesus Christus verkündigte und den Aposteln anvertraute heilbringende Lehre von der Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch rein bewahrt worden. Diese Lehre sei stets die eine geblieben und werde durch die weltweit eine Kirche repräsentiert. Irrlehren, die es nur am Rande dieser Universalkirche gebe, bildeten eine Minderheit.

Dieses Konzept nennt man Abfalltheorie. Kritiker werfen den Christen vor, sich damit ein der Wirklichkeit nicht entsprechendes Geschichtsbild konstruiert zu haben. Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und behaupten, dass eine ergebnisoffene Diskussion von Lehrinhalten nicht möglich gewesen sei und Irrlehrer mit brutalen Methoden mundtot gemacht worden seien. Vor allem im angeblich so finsteren Mittelalter habe die päpstliche Inquisition mit Hilfe von Folter und Scheiterhaufen für die Reinerhaltung der Lehre gesorgt. Ohnehin vertrete der Monotheismus einen Alleinvertretungsanspruch und neige daher zur Intoleranz. Erst der von der Aufklärung geborene Gedanke der Toleranz habe diesem Treiben Einhalt geboten. Die Frage ist nun, ob diese Einschätzung der historischen Entwicklung zutreffend ist.

FAKTEN

Das Ausschließen von Häretikern aus einer Kultgemeinschaft zur Reinerhaltung des Glaubens ist an und für sich keine überraschende Tatsache, sondern eine Selbstverständlichkeit. Denn wenn eine Religion ständige Abweichungen von dem einmal festgelegten Glaubensbestand zulässt, provoziert sie ihre Auflösung. Archaische Religionen hatten da eine ganz klare Handlungsvorgabe. Wer sich durch Frevel oder Sakrileg zum Feind der Götter gemacht und damit die Einheit der Kultgemeinschaft zerstört hatte, der musste zur Wiederherstellung der Ordnung mit dem Tod rechnen, entweder durch Lynchjustiz oder Eingreifen der Obrigkeit. So einfach war die Sache für das Christentum nicht, aber mit dem Problem der Reinerhaltung des Glaubens und der damit verbundenen Frage nach dem richtigen Umgang mit Abweichlern hatte es sehr wohl von Anfang an zu kämpfen.

Begriffsklärung

Der Begriff Häresie kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich ‚Wahl, Auswahl, sich etwas aus dem Ganzen herausnehmen‘. Ein Häretiker ist demnach jemand, der sich aus der gesamten Lehre etwas ‚herausgenommen‘ hat. Damit befindet er sich im ausdrücklich formulierten Widerspruch zur herrschenden Lehre, ohne deshalb aber auf die Mitgliedschaft in der Kirche verzichten zu wollen (dann wäre er ein Apostat). Im Christentum stehen daher Häresie und Heterodoxie bzw. Andersgläubigkeit im Gegensatz zu Orthodoxie bzw. Rechtgläubigkeit. Um jedoch überhaupt von Irrlehre sprechen zu können, sind mehrere Voraussetzungen nötig. Vor allem muss es eine in Lehrsätzen, Bekenntnis und verbindlicher Dogmatik festgelegte Glaubenswahrheit geben, die unabhängig ist von subjektiver Auslegung. Wenn es dieses Fundament nicht gäbe, wäre die Lehre allein eine Frage der Einschätzung und dann könnten ‚Irrlehrer‘ sich selbst als ‚orthodox‘ und ihre Gegner als ‚häretisch‘ bezeichnen. Das Chaos wäre vollkommen. Feste Maßstäbe sind daher eine grundsätzliche Voraussetzung zur Klärung des Problems, denn nur so kann es Kriterien für die Feststellung der Abweichung von der Norm geben. Dazu ist es ferner nötig zu klären, welche Lehrpluralität ertragen werden kann und welche Lehrsätze als Fundament unaufgebbar sind. Schließlich müsste gesichert sein, wer innerhalb der Gemeinde oder Kirche die Irrlehre feststellt, benennt und darauf reagiert.

Es ergibt sich also, dass das Problem der Häresie nicht so leicht zu lösen ist. Denn obwohl es ein Fundament wie die Heilige Schrift gibt, konkurrieren verschiedene, bisweilen sehr widersprüchliche Auslegungen. Es besteht demnach die Gefahr, dass die Bestimmung dessen, was mit dem Etikett ‚orthodox‘ bzw. ‚häretisch‘ belegt wird, abhängig ist von dem jeweiligen Standpunkt der Beteiligten, dem Zeitgeist, den theologischen Lehrmeinungen und der historischen Situation. Der Häretiker steht zwar im Widerspruch zur herrschenden Lehrmeinung einer Gemeinschaft, will seine Zugehörigkeit zu ihr aber behalten. Es geht ihm in der Regel schließlich nicht darum, durch neue Ideen zerstörerisch zu wirken, sondern er will im Gegenteil einen aus seiner Sicht falschen Weg verhindern und den richtigen bewahren. Im Zentrum steht immer die Frage nach der Wahrheit des Glaubens und damit die nach dem wahren Verständnis der von ihr zeugenden Heiligen Schrift.

Probleme der Apostel

Verkompliziert wird die Sache noch dadurch, dass es schon im Neuen Testament etliche Hinweise auf Lehrauseinandersetzungen gibt. Dazu zählen natürlich die Dispute zwischen Jesus und den Pharisäern, bei denen es meist um das Verständnis der Gesetzesvorschriften und der Nächstenliebe ging. Heftig war der Streit zwischen Paulus als Verfechter der Heidenmission und den Vertretern der judenchristlichen Konzeption in der Jerusalemer Gemeinde (Apg 10; 11; 15; Gal 2). In Korinth hatte Paulus mit verschiedenen Parteien innerhalb der Gemeinde zu kämpfen und Johannes musste sich in seinen Briefen mit der gnostischen Verfälschung des Evangeliums auseinandersetzen. Noch schwieriger ist die Frage nach dem Umgang mit Irrlehrern und ob in diesem Zusammenhang Toleranz möglich ist. Dagegen spricht, dass nach Jesu Worten nicht „der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz“ vergehen (Mt 5,18) und es nach Paulus kein „anderes Evangelium“ (Gal 1,6) geben darf. In diesem Punkt kennt der Apostel keine Kompromisse: „Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht“ (Gal 1,8).

Die frühe Kirche hat sich daran gehalten, Häretiker mit der Gerichtsformel anathema belegt und sie aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Sicherung der Rechtgläubigkeit musste freilich mit Argumenten bekräftigt oder verteidigt werden. Das führte gewissermaßen zur Erfindung der Theologie. In den ersten Jahrhunderten war das zuständige Entscheidungsgremium die Synode bzw. das Konzil. Das Jerusalemer Apostelkonzil diente dafür als Vorbild. Hier gab es die Möglichkeit zum Austausch der Argumente, hier wurden bindende Beschlüsse gefasst. Besonders zu beachten ist die Formel, mit der dort die getroffenen Entscheidungen gleichsam abgesegnet worden sind: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen […]“ (Apg 15,28). Das Aufregende an dieser Formel ist, dass die Definition des rechten weiteren Vorgehens nicht nur als Weisung des Heiligen Geistes, sondern zugleich als Aufgabe theologischer Argumentation von Menschen verstanden wird. Jedenfalls war es in der Folgezeit bei Problemen der Rechtgläubigkeit das Ziel der Synoden, entweder „den Handschlag zur Gemeinschaft“ zu geben (Gal 2,9) oder das anathema (Gal 1,8) auszusprechen.

Sakralrechtlich gesehen wurden Irrlehrer also aus der Gemeinde ausgeschlossen. Anders als in archaischen Religionen – und das ist entscheidend – hat man sie jedoch nicht körperlicher Gewalt ausgesetzt. Der Grund für diesen Verzicht liegt in einem Verbot Jesu, das er in dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen ausgesprochen hat (Mt 13,24–30.36–43). „Lasst beides miteinander wachsen“, so die Antwort des Herrn auf eine entsprechende Frage seiner Knechte. Danach sollten sich Weizen (die Söhne des Reiches Gottes) und Unkraut (die Söhne des Bösen) bis zur Zeit der Ernte ungestört entfalten können. Dann aber, im Gericht Gottes, werde das Unkraut verbrannt. Die Aufgabe der Unterscheidung zwischen Unkraut und Weizen bleibt bestehen, es ist aber nicht der Auftrag der Jünger Jesu, Häretiker mit Gewalt zu bestrafen, das ist Gottes Sache. Die Frage ist nun, ob sich die frühe Kirche an diese Vorgaben gehalten hat.

Das Urteil der Kirchenväter

Die nachbiblischen Quellenzeugnisse vom Ende des ersten Jahrhunderts an lassen die bleibende Herausforderung durch Lehrstreitigkeiten erkennen. So heißt es etwa im ersten Clemensbrief: „Gerecht und gottgefällig ist es daher, Männer, Brüder, dass wir lieber Gott gehorsam sind als denen folgen, die in Prahlerei und Unordnung Anführer abscheulicher Eifersucht sind. Denn wir werden nicht den gewöhnlichen Schaden, sondern vielmehr eine große Gefahr über uns bringen, wenn wir uns waghalsig den Bestrebungen der Leute überlassen, die nach Streit und Zwistigkeiten trachten, um uns von der rechten Ordnung abzubringen“ (1 Clem. XIV 1f.). Betont wird hier der Aspekt der Ordnung in der Gemeinde. Um sie zu erhalten und die Rechtgläubigkeit zu bewahren, soll man den Unordentlichen und Streitsüchtigen, deren theologische Ausrichtung nicht erläutert wird, aus dem Wege gehen.

Ähnlich argumentiert Ignatius von Antiochien, dessen Briefe wohl Anfang des zweiten Jahrhunderts entstanden sind. So empfiehlt er den Trallianern: „Nehmt nur die christliche Speise, meidet fremdes Gewächs, das Sekte ist! Sie mengen sich Jesus Christus bei und täuschen Vertrauenswürdigkeit vor, reichen sozusagen tödliches Gift mit Honigwein, das der Unwissende in schlimmer Lust gern nimmt: Es ist sein Tod. Hütet euch daher vor solchen! Dies aber wird euch gelingen, wenn ihr nicht hochmütig seid und euch nicht trennen lasst von Gott, Jesus Christus, vom Bischof und den Anordnungen der Apostel“ (Ign. Trall. VI 1–VII 1). „Meidet daher die schlechten Seitentriebe, die tödliche Frucht hervorbringen“ (ebd. XI 1). Immer wieder fordert Ignatius die Gemeinden auf, sich von Irrlehrern fernzuhalten, so auch mehrfach in seinem Brief an die Smyrnäer: „Dieses aber schärfe ich euch ein, Geliebte, obwohl ich weiß, dass auch ihr es so haltet. Ich treffe aber Vorsorge für euch gegen die Bestien in Menschengestalt, die ihr nicht nur nicht aufnehmen, sondern denen ihr womöglich auch nicht begegnen dürft; nur beten sollt ihr für sie, ob sie sich vielleicht bekehren, was freilich schwierig ist“ (Ign. Smyrn. IV 1). „Achtet auf die Vertreter abweichender Meinungen hinsichtlich der Gnade Jesu Christi, die zu uns gekommen ist, wie sie sich im Gegensatz zum Sinne Gottes befinden! Sie kümmern sich nicht um die Liebespflicht“ (ebd. VI 2). „So ist es nun geziemend, von solchen fernzubleiben und von ihnen weder privat noch öffentlich zu sprechen, dagegen auf die Propheten zu hören, vorzüglich jedoch auf das Evangelium […]. Die Spaltungen aber meidet als Anfang der Übel!“ (ebd. VII 2). Dann verkündet Ignatius das Rezept zur Vermeidung von Häresien: „Folgt alle dem Bischof wie Jesus Christus dem Vater, und dem Presbyter wie den Aposteln; die Diakone aber achtet wie Gottes Gebot! Keiner soll ohne Bischof etwas, was die Kirche betrifft, tun“ (ebd. VIII 1). Diese Haltung war wegweisend für die nächste Zeit. Einmal als falsche Triebe erkannt, sollte man den Umgang mit den Abweichlern meiden und für ihre Irrlehren unempfänglich werden. Von einem förmlichen Ausschlussverfahren ist noch nicht die Rede. Immerhin empfiehlt Ignatius noch das Gebet für sie, wenngleich er ihm erstaunlicherweise wenig Erfolgsaussichten beimisst. Mehrfach betont er die Bedeutung der Bischöfe und der weiteren Amtsträger für die Reinerhaltung des Glaubens. Sie sind Repräsentanten der Einheit der Gemeinde und damit zugleich Garanten der Rechtgläubigkeit.

Im Prinzip blieb es in den folgenden Jahrhunderten bei dieser Haltung, auch wenn es aufgrund der ständigen Auseinandersetzungen Akzentverschiebungen gegeben hat. Da das Thema von den Kirchenvätern immer wieder angesprochen wird, müssen offensichtlich zahlreiche Häresien existiert haben, die manchmal sogar die Stärke einer Gegenkirche erreichten. Der im Jahre 165 in Rom hingerichtete Justin der Märtyrer etwa gibt offen zu, dass es zahlreiche Häresien gebe, als deren Anstifter er den Satan und die Dämonen bezeichnet. War zuvor immer von einer Mischung von Irrlehre, Spaltung und Unsittlichkeit die Rede, so verlagert sich bei Justin das Schwergewicht auf die Lehre. Häresie ist praktisch immer die falsche Lehre von Gott, die Frage der sittlichen Integrität der Häretiker tritt in den Hintergrund. Dementsprechend rückt auch die theologische Auseinandersetzung in den Vordergrund. Tertullian (ca. 160–ca. 225), der zeitweilig selbst der Häresie des Montanismus angehörte, verfasste die erste allgemeingültige Abrechnung mit den Irrlehrern (De praescriptione haereticorum). Maßstab zur Entlarvung von Häresien war für ihn das Neue Testament: „Kurzerhand aber schneiden wir unseren Verfälschern das Wort ab mit dem Einwand, dass nur jene Regel der Wahrheit gültig sei, die von Christus kommt auf dem Weg über seine Begleiter“ (apol. 47,10), also die Augenzeugen, Jünger und Apostel. Immerhin hielt er Häretiker für so gefährlich, dass er davon abriet, ‚einfache‘ Gläubige mit ihnen diskutieren zu lassen. Nach seiner Definition „bestehen die Werke [der Irrlehrer, v. P.] gerade in den falschen Lehren“ (praescr. VI 2). Inzwischen hielt man also jede Abspaltung von der apostolischen Lehre grundsätzlich für Häresie. Das bedeutete eine gewisse Formalisierung, die eine denkbare positive Vielfalt innerhalb der Kirche erschwerte.

Damit war die klassische Typologie der Häresie erreicht, die in der Folgezeit im Kern unverändert blieb. Gewiss gab es unterschiedliche Einschätzungen. Während früher Absonderung und Meidung der Irrlehrer gefordert wurde, hielt Origenes (ca. 185 – ca. 254) die Diskussion für den geeigneteren Weg zur Widerlegung und Rückgewinnung der Abweichler. Der Höhepunkt der literarischen Auseinandersetzung mit der Ketzerei wird mit dem Werk von Bischof Epiphanius von Salamis (310/320–403) erreicht, der eine Art Weltgeschichte der Häresie geschrieben hat (Panarion omnium haeresium = Arzneikasten gegen alle Häresien). In dieser häresiologischen Enzyklopädie listet er 20 vorchristliche und 60 christliche Irrlehren in chronologischsystematischer Folge auf. Sein nüchternes Fazit: Solange es Menschen auf der Erde gibt, wird es immer Kirche und Häresie geben. Bei dieser recht einheitlichen Sicht ist es umso beachtlicher, dass ein Kirchenvater auch die Frage nach den Gründen für die vielen Krisen durch Häretiker gestellt hat. Basilius von Cäsarea (329/330–379) registriert mit Abscheu die vielen, die Herde Christi zersplitternden Meinungen und sieht die Schuld im Ungehorsam vor allem den Bischöfen gegenüber. Aber er hielt nicht nur die Abwehr der Irrlehrer für nötig, sondern auch die Buße der Kirche, um mit dieser schweren Last fertig zu werden (De iudicio Dei I; ep. 164,2).

Schließlich ist noch der große Kirchenvater Augustinus (354 – 430) zu erwähnen. Zeit seines Lebens hatte er mit drei großen Häresien zu kämpfen, dem Manichäismus, dem er zeitweilig selbst angehörte, dem Donatismus und dem Pelagianismus. Er hatte deshalb wohl auch geplant, ein umfassendes Werk zur Häresiologie vorzulegen, aber es ist bei einem Katalog von 88 Irrlehren geblieben (De haeresibus). Augustinus vertrat zwei in der bisherigen Diskussion nicht immer berücksichtigte Grundsätze. Erstens war er der Meinung, eine Irrlehre könne auch einen positiven Effekt haben: „Denn vieles, was zum katholischen Glauben gehört, wird sorgsamer beachtet, klarer verstanden und eindringlicher geäußert, gepredigt, wenn es der hitzige und ruhelose Geist der Ketzer infrage gestellt und es gegen sie zu verteidigen ist, sodass die von ihnen aufgeworfene Streitfrage zum Anlass des Lernens wird“ (civ. XVI 2). Zweitens folgte er der Aussage des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen und wollte das letzte Urteil Gott überlassen. Verbunden mit dem Liebesgebot verlangte Augustinus, die Kirche müsse die erdulden, „die sie nicht zu berichtigen vermag“ (ep. 93,9,34). Trotz ihrer Häresie müssten daher die Häretiker „als Feinde ertragen und geliebt werden, da man ja, solange das Leben währt, nie wissen kann, ob sie nicht noch ihren Sinn zum Besseren wenden“ (civ. I 9).

Augustinus hat sich also für die friedliche Wiedergewinnung der Abgewichenen eingesetzt. Geradezu tragisch ist es deshalb, dass er dennoch zum Protagonisten der Rechtfertigung von staatlicher Gewalt gegen Häretiker geworden ist. Wie ist es dazu gekommen? Als Bischof von Hippo Regio war er ständig mit den Donatisten konfrontiert, die in Nordafrika zu einer mächtigen Gegenkirche angewachsen waren. Zunächst hoffte Augustinus auf eine gütliche Lösung, da „niemand zur Einheit Christi gezwungen werden“ könne. Man müsse vielmehr „das Wort wirken lassen, den Irrtum durch Erörterung bekämpfen und durch Gründe besiegen, damit wir nicht an denen, die wir als aufrichtige Häretiker kannten, gezwungene Katholiken bekämen“ (ep. 93,5,17). Nachdem aber weder kirchliche noch staatliche Maßnahmen die Ausbreitung des Donatismus einzudämmen vermochten, meinte Augustinus schließlich angemessen ausgeübten Zwang des Staates rechtfertigen zu sollen: „Durch die Strafe der Verbannung und durch Vermögensverluste sollen sie ermahnt werden, darüber nachzudenken, was und warum sie leiden, und sie sollen dadurch lernen, die Heilige Schrift, die sie in Händen haben, höher zu schätzen als das Gerede und die Verleumdungen von Menschen“ (ep. 93,3,10). Unterfüttert wurde das mit der Vorstellung, die Obrigkeit sei von Gott zur Durchsetzung der Wahrheit und damit auch zur Ahndung des Gottesfrevels legitimiert. Augustinus fand dafür sogar eine biblische Begründung, nämlich die Nötigung zur Teilnahme im Gleichnis von dem großen Gastmahl (Lk 14,23). Ziel der Zwangsmaßnahmen war die Umkehr der Abweichler. Um dafür die Tür offen zu halten, hat Augustinus nie an Folter oder gar Todesstrafe gedacht. Das war die Haltung aller Kirchenväter. Dennoch haben spätere Zeiten in subtiler Verdrehung aus dem Freiwilligkeits- und Toleranzgedanken bei Augustinus die Rechtfertigung zur Gewaltanwendung werden lassen.

Häresie als Staatsverbrechen

Dass Augustinus überhaupt daran denken konnte, den Staat in kirchlichen Belangen um Hilfe zu bitten, setzt eine radikale Änderung der Verhältnisse im Römischen Reich voraus. In der Tat hat sich dort im vierten Jahrhundert dramatisch viel verändert. Zum besseren Verständnis muss nochmals auf das Phänomen des Gottesfrevels zurückgekommen werden. Zu den religionsgeschichtlichen Grundkategorien gehört, dass jede wie auch immer geartete Erhebung gegen die Gottheit gleichsam automatisch deren Zorn hervorruft. Wer also gegen die von den Göttern gegebene sakrale Lebens- und Kultordnung frevelhaft verstößt, gefährdet die gesamte Gemeinschaft, weil die Götter mit Strafe und Vergeltung reagieren. Um nun den allgemeinen Untergang zu verhindern, muss man dem Ausbruch dieses Gotteszornes zuvorkommen. Deshalb hat man die Gottesfrevler durch Enthauptung, Verbrennung, Kreuzigung oder andere Strafen hingerichtet, um die gestörte Ordnung wiederherzustellen. Schon in dem Gesetzbuch des babylonischen Königs Hammurabi (1728 –