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John Eldredge

Der ungezähmte Christ

„In einem lebendigen Menschen verherrlicht sich Gott.“ (Irenäus von Lyon)

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Originally published in the U.S.A. under the title: Waking The Dead

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Markus Baum

Bibelzitate folgen i.d.R. der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift.

5. Auflage 2011

© 2005 Brunnen Verlag Gießen

GLORIA DEI VIVENS HOMO.

In einem lebendigen Menschen
verherrlicht sich Gott
.

IRENÄUS VON LYON

INHALT

Teil 1: Den Weg klar erkennen

Kapitel 1: Machen Sie sich bereit

Kapitel 2: Mit den Augen des Herzens

Kapitel 3: Das Herz aller Dinge

Teil 2: Das freigekaufte Herz

Kapitel 4: Freigekauft und wiederhergestellt

Kapitel 5: Die verborgene Herrlichkeit des Herzens

Teil 3: Die Vier Ströme

Kapitel 6: Mit Gott unterwegs sein

Kapitel 7: Gottes persönlichen Trost erfahren

Kapitel 8: Umfassende Erneuerung

Kapitel 9: Der Kampf des Glaubens: Ein Kampf um Ihr Herz

Kapitel 10: Herzen in die Freiheit führen: Wenn die Vier Ströme zusammenfließen

Teil 4: Der Weg des Herzens

Kapitel 11: Herzensgemeinschaften

Kapitel 12: Wie Schätze seines Reiches

Anhang: Gebet um Freiheit

Bibliografie

Anmerkungen

Danksagung

Über den Autor

TEIL 1

DEN WEG KLAR ERKENNEN

Der Weg durch diese Welt ist schwerer zu erkennen als der, der über sie hinausführt.

Wallace Stevens

Das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn.

Jesus von Nazareth (Matthäus 7,14)

Nur wenige Dinge sind für uns so wichtig wie unser eigenes Leben. Und zugleich sind wir über kaum etwas so unsicher wie über unser Leben.

Die Reise unseres Lebens verläuft nur selten so komfortabel wie die von Dorothy auf dem gelb gepflasterten Weg ins Land Oz. Obwohl: so abwegig ist dieser Vergleich gar nicht. Wir starten hoffnungsvoll und fröhlich und bei hellem Tageslicht, aber fast unvermeidlich führt unser Weg in das Dunkel der Wälder, die in tief hängende Nebel gehüllt sind. Wo ist das Leben in Fülle, das Jesus denen versprochen hat, die ihm folgen? Wo ist Gott, wenn wir ihn am dringendsten brauchen? Wozu sind wir bestimmt?

Die Tage, an denen wir vergebens nach einer Antwort suchen, summieren sich zu Jahren, und das nagt an uns. Mit der Zeit zweifeln wir an unserer Berufung; wir stellen Gottes gute Absichten in Frage, und allzu leicht verlieren wir die wichtigsten Dinge im Leben aus den Augen.

Wir sind nicht mehr restlos davon überzeugt, dass Gott uns wirklich das Leben anbietet. Wir haben vergessen, dass es letztlich um das Herz geht. Und wir hatten keine Ahnung, dass wir in eine Welt hineingeboren wurden, die umkämpft ist.

1

MACHEN SIE SICH BEREIT

Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen, zu schlachten und ins Verderben zu stürzen. Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben zu geben, Leben im Überfluss.

Jesus von Nazareth (Johannes 10,10; GN)

Wir und die Welt, meine Lieben,

wir liegen unausweichlich miteinander im Krieg.

Rückzug ist unmöglich.

Rüstet euch.

Leif Enger

Die Treibstoffanzeige machte uns allmählich Sorgen, und immer noch wollte sich der Nebel nicht lichten. Ein eisiger Meeresarm breitete sich unter uns aus, schön und bedrohlich. Ich habe den Ozean stets geliebt, je wilder, desto besser. Aber über dem offenen Wasser sollte einem nicht gerade das Benzin ausgehen. Falls wir zufällig den Aufschlag des Flugzeugs überleben sollten, blieben uns bei den Temperaturen vielleicht noch sieben Minuten in diesem Wasser. Die nächste Station, von der Rettung kommen könnte, war vierzig Minuten entfernt. Großartige Schlussvorstellung, dachte ich. Wir liefern eine prima Geschichte für „Reader’s Digest“: „Ende eines Familienurlaubs – Familie stirbt bei Flugzeugabsturz“. Regen und Nebel verschmierten die Cockpitscheiben. Wir starrten angestrengt hindurch auf der Suche nach einem Loch in den Wolken. Es gibt in dieser Sorte Flugzeug kein Radar; Buschpiloten fliegen auf Sicht. Und wenn Sie nicht sehen, wohin Sie fliegen, dann, bitte, können Sie eben nicht dort entlangfliegen. Und leider können Sie den Horizont auch nicht endlos absuchen – die Tankuhr setzt das Limit. Noch drei Minuten, spätestens dann hätten wir umkehren müssen.

„Nur ein Versuch noch.“

„Fairweather Mountains“, Schönwetterberge – was für ein Hohn. Bei einem solchen Namen denkt man an eine liebliche Landschaft auf Hawaii oder meinetwegen in Costa Rica – laue Lüftchen, sattgrüne Hänge, immer angenehmes Klima. Aber was ist an den Bergen hier schön? Sie erheben sich 5.000 Meter und mehr über den Meeresspiegel, ragen im Südosten Alaskas quasi direkt aus dem Ozean – nackte Felsen und lebensfeindliche Gletscher. Wenn man sich überhaupt schlechtes Wetter vorstellen kann – zwischen diesen Gipfeln hängt es garantiert.

Der Pilot brüllte über das Dröhnen der Turbine hinweg: „Man hat sie so genannt, weil man sie nur bei schönem Wetter überhaupt sehen kann.“

Na prima. Welcher Idiot hat sich so was ausgedacht? Die nackte Angst hatte mir jeden Sinn für Humor geraubt. Sie hätten diese Felsen „Gipfel des frostigen Todes“ nennen sollen oder „Vergiss-es-besser-Berge“. Schönes Wetter? Damit kann man hier oben vielleicht an zwanzig Tagen im Jahr rechnen – mit etwas Glück.

Wir hatten Glück.

In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts gesehen, was so atemberaubend gewesen wäre. Wir überflogen senkrechte Granitwände, die sich mehrere tausend Meter erhoben und auf der anderen Seite genauso steil wieder abfielen. Unser Flugzeug – wie ein Spatz im Himalaja. „Sind das dort Wasserfälle?“, fragte ich und deutete dabei auf weiße Kaskaden, die sich durch dünne Luft vor schwarzen Felsen abzeichneten.

„Lawinen. Es muss da oben heute recht warm sein.“

Tiefe Spalten in den Gletschern unter uns eröffneten den Blick auf Seen aus klarem Wasser – von einer Farbe, von deren Existenz ich bis dahin nichts geahnt hatte: ein Ton irgendwo zwischen azurblau und himmelblau.

„Diese Spalten sind so gewaltig, dass wir geradewegs hindurchfliegen könnten.“

Ich tat so, als hätte ich das nicht gehört. Ich fühlte mich, als seien wir gerade erst dem Tod von der Schippe gesprungen, und ich wollte ihm nicht noch einen Versuch erlauben. Die Schönheit, die uns nun umgab, war genug.

Die verzweifelte Suche nach Klarheit

Zwanzig klare Tage im Jahr – das könnte man auch über mein Leben schreiben. Etwa so oft (oder so selten) habe ich den Eindruck: Ich verstehe, was sich gerade wirklich abspielt. Der Rest der Zeit erinnert eher an Stochern im Nebel – oder an den Badezimmerspiegel nach einer heißen Dusche, wenn Sie wissen, was ich meine. Was genau ist Ihnen gegenwärtig völlig klar? Wie sieht’s zum Beispiel mit Ihrem Leben aus? Warum sind die Dinge gerade so gelaufen, wie sie gelaufen sind? Welche Rolle hat Gott dabei gespielt? Wissen Sie, was Sie als Nächstes tun sollen – und würden Sie darauf wetten, dass es auch nach Wunsch funktioniert? Lieber nicht? Nun, mir geht es genauso. Ich würde liebend gern morgens aufwachen mit einer klaren Vorstellung davon, wer ich bin und was Gott von mir erwartet. Keinerlei Zweifel an meiner Berufung, keine Fragezeichen im Hinblick auf die Beziehungen, in denen ich lebe. Es ist großartig, wenn ich diesen Weitblick habe. Aber die meiste Zeit und für die meisten von uns ähnelt das Leben eher einer Fahrt mit verschmierter Windschutzscheibe – und dann kommt plötzlich die Sonne raus. Man kann mit Mühe vielleicht gerade noch Umrisse ausmachen. Und ich nehme einfach an, dass die Ampel grün zeigt.

Würde uns nicht schon ein kleines bisschen Klarheit ein großes Stück weiterbringen?

Fangen wir mal an mit der Frage, warum das Leben so verdammt anstrengend ist. Sie versuchen ein wenig abzuspecken – aber es scheint nie zu klappen. Sie wollen gern im Beruf etwas erreichen – vielleicht sogar im hauptamtlichen Dienst für Gott –, aber ihre Vorstellungen werden nie Wirklichkeit. Einzelne schaffen vielleicht den Sprung, aber selbst die landen nicht immer dort, wo sie eigentlich hinwollten. Sie versuchen etwas in Ihrer Ehe geradezubiegen – und wie quittiert Ihr Ehepartner Ihre Bemühungen? Mit einem Gesichtsausdruck, der so viel bedeutet wie: „Netter Versuch. Aber ist es dafür nicht etwas spät?“, und die ganze Angelegenheit endet in einem garstigen Wortwechsel vor den Ohren der Kinder. – Ja, wir haben unseren Glauben. Aber selbst da – vielleicht auch gerade da – scheint alles weit hinter den Verheißungen zurückzubleiben. Da ist die Rede von Freiheit und Leben in Fülle, vom Frieden, der wie ein Strom daherzieht und von unaussprechlicher Freude – aber wenn wir ehrlich sind, sehen wir nur wenig davon.

Warum beobachten wir, wie Paul Tillich sagte, nur „da und dort in der Welt und ganz gelegentlich auch mal in uns selbst“ Anzeichen der neuen Kreatur? Da und dort, ganz gelegentlich. Anders ausgedrückt: Nicht sehr oft. Sie müssen es nur mal nebeneinander stellen: hier die Beschreibung des christlichen Lebens, wie es im Neuen Testament verkündet wird, und da das tatsächliche Leben der meisten Christen. Der Unterschied ist erschütternd. Paulus steht wie ein Lügner da, und wir sehen aus wie Narren, wie Kinder, die man besser noch ein Jahr von der Schule zurückgestellt hätte. Wie kommt es, dass nahezu jede gute Sache so viel Anstrengung kostet – vom alljährlichen Familienurlaub über die Planung einer Hochzeit bis zur Pflege einer Beziehung? Es ist gerade so, als ob da eine Kraft gegen uns arbeitet.

Das Leben schlägt zu

Lori und Craig, zwei gute Freunde von mir, kamen kürzlich von einem dreiwöchigen Urlaub aus Frankreich zurück. Fast 25 Jahre lang hatten sie von diesem Urlaub geträumt. Was konnte romantischer sein als zwei Liebende, die die Champs Élysées entlangspazieren? Ideale Umstände, um eine Silberhochzeit zu feiern. Beide waren seit Jahrzehnten Christen und standen im hauptamtlichen Dienst, aber ein Rendezvous in Europa blieb lange Zeit ein scheinbar unerfüllbarer Traum. Dann, im Spätherbst, kam auf einmal Bewegung in die Sache.

Freunde der beiden waren nach Europa übersiedelt und boten den beiden Flucktickets an für einen Besuch. Urlaub stand auch zur Verfügung. Also reisten sie nach Frankreich. Und dann, kurz nach der Ankunft in Paris, liefen die Dinge aus dem Ruder. Craig bekam eine Lungenentzündung. Lori wollte schon am dritten Tag den Urlaub abbrechen. Alle möglichen Themen aus ihrer Ehe kochten hoch, aber da sie ja bei Freunden zu Besuch waren, konnten sie die Dinge nicht offen diskutieren. Jeder verfolgte seine eigenen Gedanken – bis hin zum Stichwort Scheidung. Es war nicht romantisch, es war brutal. Hinterher, als wir am Telefon über die Angelegenheit sprachen, sagte Lori: „Das Leben verläuft scheinbar nie so, wie man es sich vorgestellt hat – in 90 Prozent aller Fälle jedenfalls nicht.“ Kein Scherz. Könnten wir nicht alle eine Geschichte beisteuern, die genau diese Moral hat?

Einen Tag vorher hatte ich einen anderen Anruf bekommen. Das war der Morgen, an dem unser Sohn Blaine eine letzte Untersuchung beim Herzspezialisten haben sollte, und ich fürchtete mich vor der Diagnose. Ich weiß – alle Eltern halten große Stücke auf ihr Kind, aber mit Blaine ist es wirklich etwas ganz Besonderes. Er ist elf geworden in diesem Jahr, und er ist eines der gesündesten, glücklichsten Kinder, das ich überhaupt kenne. Er hat so eine feine Art, ist geistig so wach, so fürsorglich anderen gegenüber. Er kümmert sich aufopfernd um einen anderen gleichaltrigen Jungen. Dabei ist er der Mutigste in unserer Familie. Wenn es um Klettern oder Klippenspringen oder Skifahren geht, ist Blaine immer vorne mit dabei. Er ist ein großartiger Sportler, hat künstlerisches Talent, und ein Spaßvogel ist er obendrein. Er spielt Violine, er rezitiert Gedichte, er sorgt immer für Action, er möchte gern ein Jedi-Ritter sein. Ich liebe diesen Jungen.

Zugleich ist Blaines Geschichte eine endlose Litanei von Hoffnungen und Sorgen und Gebeten. Als er noch klein war, hat der Kinderarzt bei einer Routineuntersuchung eine Anomalie an seinem Herzen festgestellt. Ein Herzspezialist fand bei Kontrolluntersuchungen heraus, dass Blaine tatsächlich einige Löcher im Herzen hat. „Wir werden ihn operieren müssen“, hatte er gesagt. Wir hatten gewartet, bis Blaine älter war, in der Hoffnung, dass Gott in der Zwischenzeit ein Wunder tun würde. Es schauderte mich bei dem Gedanken, meinen Sohn einer Operation am offenen Herzen auszusetzen.

Im Laufe der Jahre haben wir viele Gebete zum Himmel geschickt und Gott angefleht, er möge Blaines Herz heilen. Während einer dieser Zeiten hatte meine Frau Stasi, die normalerweise nicht zu Visionen neigt, ein Bild gesehen: ein Licht durchflutete Blaines Herz. In diesem Moment war sie sich sicher, dass Gott ihn geheilt hatte. Und gerade an diesem Morgen, als die alljährliche Kontrolluntersuchung anstand, hatte ich für Blaine gebetet und den Eindruck gehabt, Jesus hätte zu mir gesprochen: Ich habe ihn geheilt. Ich war beruhigt und erwartete eine gute Nachricht.

„Hi – ich bin’s.“ Lange Stille. „Blaine muss operiert werden – am besten sofort.“

Die Hoffnung sank in sich zusammen. Meine Eingeweide revoltierten, als ob ich im freien Fall wäre – als ob ich oben auf einer Leiter stünde, die plötzlich ins Kippen gerät. Alle möglichen Gedanken und Gefühle durchzuckten mich. Wie kann das sein? Nein ... Nicht nach alledem ... ich ... ich habe doch gedacht ... – Mir sank das Herz. Verzweiflung. Verraten und verlassen von Gott. Hatten wir nicht genug gebetet oder nicht genug geglaubt? Ich war nicht mehr weit davon entfernt, völlig den Mut zu verlieren. Die Lage kam mir ausweglos vor.

In solchen Augenblicken fügen sich die Gedanken nicht zu einer schlüssigen, vernünftigen Folge zusammen; sie sind eher vergleichbar mit einem Sturm, in dem man aus einem Schlauchboot gespült wird. Die Wellen kommen schnell und gewaltig, und der Sog der Strömung zielt immer auf einen Verlust unseres Herzens. Die meiste Zeit werden wir einfach mitgerissen; uns sinkt der Mut, wir wollen aufgeben und erst nach einiger Zeit können wir uns aus der Strömung ans Ufer retten. Manche kommen nie heraus aus dem Strudel.

Augen für die Wirklichkeit

Wenn John Spillane (im Wolfgang-Petersen-Film Der Sturm) verletzte Seeleute auf hoher See behandelt, dann untersucht er sie als Erstes auf den Grad ihres Bewusstseins. Der höchste Grad – „wach und ansprechbar, voll orientierungsfähig“ beschreibt den Zustand von Menschen in alltäglichen Situationen. Sie wissen, wer sie sind und wo sie sind, welche Tageszeit ist und was gerade passiert ist. Wenn jemand eine leichte Kopfverletzung erlitten hat, dann ist oft die Erinnerung an den eigentlichen Unfall weg, der Patient ist schläfrig („somnolent“). Die niedrigste Stufe, bei der man überhaupt noch von Bewusstsein sprechen kann, heißt im Fachjargon „stupor“. In diesem Zustand kann ein Mensch sich noch nicht einmal mehr zu erkennen geben, sondern nur noch reflexartig auf Reize reagieren. Als John Spillane im Wasser aufwacht, ist er in diesem Zustand. Sein Zugang zur Welt ist reduziert auf ein winziges Fenster. Er weiß nur noch, dass er existiert – mehr nicht. Und fast gleichzeitig wird ihm klar, dass er unerträgliche Schmerzen hat. Das bleibt für lange Zeit alles, was er weiß.

John Spillane ist Rettungsspringer. Er wird inmitten des schlimmsten Sturms, den das 20. Jahrhundert gesehen hat (The Perfect Storm, wie das Buch und der Film im Original heißen), im Nordatlantik abgesetzt. Er soll einen Fischer retten, der im Sturm über Bord gegangen ist. Der Hubschrauber kann aus Sicherheitsgründen nicht weit heruntergehen, und so schlägt Spillane mit einer solchen Wucht auf dem Wasser auf, als ob er aus zehn Metern Höhe auf festen Boden gesprungen wäre. Er ist benommen und verwirrt – genau wie wir, wenn es um die Geschichte unseres Lebens geht. Spillanes Zustand nach dem Sprung ist das perfekte Gleichnis für unseren Zustand: Wir wissen nicht, wer wir wirklich sind, warum wir hier sind, was mit uns geschehen ist oder warum. Deutlicher gesagt: Die meiste Zeit über sind wir im Zustand „stupor“ – alles andere als wach, ansprechbar und voll orientierungsfähig.

Hat Gott uns im Stich gelassen? Haben wir nicht genug gebetet? Müssen wir das eben als Teil des Lebens akzeptieren, müssen wir es hinnehmen, auch wenn es uns das Herz bricht? Mit der Zeit haben sich so viele Ereignisse angesammelt, die wir weder mögen noch verstehen, dass unser Vertrauen Schaden nimmt. Wir glauben nicht länger, dass wir Teil eines großartigen und guten Ganzen sind. Wir schränken unser Denken ein auf schieres Überleben. Ich weiß, ich weiß – man hat uns erzählt, dass wir Gott wichtig sind. Und ein Teil in uns glaubt das auch. Aber das Leben hat so eine Art, auf dieser Überzeugung herumzutrampeln und unseren Glauben zu unterminieren, dass Gott es wirklich gut mit uns meint. Denn wenn er uns wirklich liebt, warum hat er dann nicht ________________? Setzen Sie selbst etwas ein: ... meine Mutter geheilt. ... meine Ehe gerettet. ... mir mehr geholfen.

Entweder (a) wir haben es vermasselt oder (b) Gott hält uns zum Narren. Vielleicht ist auch eine Mischung aus beidem wahr – bei der Überzeugung landen schließlich die meisten. Denken Sie darüber nach. Landen nicht auch Sie da, nach alledem, was in Ihrem Leben nicht nach Plan gelaufen ist? Ist da nicht eine Spielart von „Wahrscheinlich bin ich selbst dran schuld“? Hätten Sie es besser machen können, wenn Sie nur schlauer oder mutiger oder schöner oder sonst was gewesen wären? Oder ist es eher „Gott hat mich hängen lassen“, denn Sie wissen genau, dass er sie hätte heraushauen können, aber er hat es nicht getan – und was machen Sie nun mit dieser Erkenntnis?

Nebenbei: Das ist DAS große Rätsel, das jeder Philosoph, jede Religion und beileibe nicht nur die Christenheit in ihren unterschiedlichen Spielarten seit Beginn der Menschheitsgeschichte zu lösen versucht hat. Was geht hier eigentlich wirklich ab? Meine Güte – das Leben ist brutal. Tag für Tag drischt es auf uns ein, bis wir aus dem Blick verloren haben, wofür uns Gott eigentlich geschaffen hat, und wir haben nicht mehr den geringsten Schimmer, warum uns all die Dinge passieren, die uns passieren. Wir sehen die Zwillingstürme in New York in sich zusammenstürzen und tausende Menschen unter sich begraben, wir sehen Kinder in Äthiopien hungern, und Päng! Wenn wirklich ein guter Gott am Ruder wäre ... – so denken wir doch.

Es tat mir so Leid, dass Paris für meine Freunde nicht das Erlebnis geworden ist, das sie erhofft hatten, aber ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Wie die meisten Christen in einer solchen Situation fragte ich Lori nur, wie und was ich für sie beten soll. „Dass uns die Augen aufgehen und wir erkennen, was wirklich los ist.“ Mein Herz machte einen Sprung. Brillant! Perfekt! Genau das brauchen wir. Augen für die Wirklichkeit. Hat uns Jesus nicht genau das angeboten – klare Sicht? Wiederherstellung des Sehvermögens für die Blinden (Lk. 4,18)? Wir brauchen Klarheit, und zwar dringend. Ein schlichtes Gebet steigt in meinem Herzen auf: Jesus, blas den Nebel und die Wolken und den Schleier weg und hilf mir zu sehen ... gib mir Augen für die Wirklichkeit.

Das Angebot lautet: LEBEN

In einem lebendigen Menschen verherrlicht sich Gott.

Irenäus von Lyon1

Als mir dieses Zitat zum ersten Mal begegnete, reagierte ich unwillkürlich mit dem Gedanken: Ernsthaft? Mach keine Witze! – Denn: Ist es das, was man uns laufend erzählt? Dass es Gott vor allem darum geht – und er, Gott seine ganze Reputation dafür in die Waagschale wirft –, dass Sie und ich lebendig werden? Dass sein Plan darauf abzielt? Hmm. Nun, das eröffnet ganz neue Blickwinkel. Mich jedenfalls hat es neugierig gemacht. Was hat Gott mit mir vor? Was für Absichten habe ich ihm bisher unterstellt, und wieso? Ist es nicht so: Man hat uns wieder und wieder erzählt, dass Gott sich um uns kümmert, und hat auf einige wirklich bemerkenswerte Verheißungen in der Bibel verwiesen, die das unterstreichen. Aber auf der anderen Seite gibt es da so viele Tage unseres Lebens, die einen dunklen Schatten auf unser Herz werfen und auch Gottes Pläne mit uns in ein zweifelhaftes Licht tauchen. Ich las das Zitat noch einmal: „In einem lebendigen Menschen verherrlicht sich Gott.“ Und ich spürte, wie mein Herz etwas schneller zu schlagen begann. Wenn das wahr wäre ...

Ich nahm das Neue Testament zur Hand, um mich zu vergewissern, um selbst nachzulesen, was Jesus anbietet: „Ich bin gekommen, um ihnen das Leben zu geben, Leben im Überfluss“ (Joh. 10,10). Wow. Das klingt doch etwas anders als „Ich bin gekommen, um dir zu vergeben. Punktum.“ Vergebung ist etwas Großartiges, aber Jesus sagt hier, dass er gekommen ist, um uns Leben zu geben. Hmm. Klingt gerade so, als habe der gute alte Irenäus etwas Wichtiges erkannt. „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh. 6,48). „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh. 7,38; L). Je länger ich in meiner Bibel blätterte, umso mehr sprang mir dieses Thema des verheißenen Lebens in die Augen. Und zwar überall.

Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus. (Sprüche 4,23)

Du zeigst mir den Pfad zum Leben. (Psalm 16,11)

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Johannes 1,4)

Ich bin ... das Leben. (Johannes 14,6)

Verkündet allen die Botschaft vom neuen Leben durch Jesus. (Apostelgeschichte 5,20; Hfa)

Allmählich fühlte ich mich wie einer, der beraubt worden ist. Es ist mir nur zu bewusst, dass Leben genau das ist, was ich brauche, und dass es das ist, wonach ich mich sehne. Aber das Angebot ist mit der Zeit von wohlmeinenden Leuten dahingehend „interpretiert“ worden, dass sie sagen: „Oh, aber natürlich ... Gott hat Leben für dich im Sinn. Aber damit ist natürlich ewiges Leben gemeint. Das heißt: durch den Sühnetod Jesu Christi kannst du in den Himmel kommen, wenn du stirbst.“ Und das stimmt ja auch – in gewisser Weise. Aber es ist gleichzeitig etwa so, als wenn man die Bedeutung des Heiratens folgendermaßen erklären würde: „Weil ich dir diesen Ring angesteckt habe, wirst du im Alter umsorgt sein.“ Und in der Zwischenzeit? Sollte nicht in der Zwischenzeit noch eine ganze Menge mehr passieren in der Beziehung zwischen zwei Ehepartnern? (Es ist die Zwischenzeit, nebenbei bemerkt, in der wir unser Leben verbringen: die Gegenwart, unser Alltag). Sind wir denn von allen guten Geistern verlassen? Was hat Jesus wirklich gemeint, als er uns Leben versprochen hat? Ich gehe wieder zurück zu den Quellen, und was ich dort finde, ist erstaunlich.

Ich glaube aber doch, dass ich die Güte des Herrn sehen werde im Lande der Lebendigen.

Psalm 27,13 (L)

Seinen Jüngern sagte Jesus: „Wahrlich, jeder, der um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen hat, wird dafür schon in dieser Zeit das Vielfache erhalten und in der kommenden Welt das ewige Leben.“

Lukas 18,29.30

Jesus siedelt sein Angebot an uns nicht irgendwo in ferner Zukunft an, lange nachdem wir unser Leben hier auf diesem Planeten zu Ende gebracht haben. Er spricht von einem Leben, das uns hier und heute zur Verfügung steht. Der Apostel Paulus bestätigt das: „Sich im Gehorsam gegen Gott zu üben, ist für alles gut; denn es bringt Gottes Segen für dieses und für das zukünftige Leben“ (1. Tim. 4,8; GN). Unser gegenwärtiges Leben und das zukünftige. Wenn wir ewiges oder zukünftiges Leben hören, dann schließen die meisten daraus, dass dieses Leben auch erst in der Ewigkeit auf uns wartet. Aber ewig bedeutet „unendlich“ und nicht etwa „später mal“. Wo in der Bibel dieser Begriff verwendet wird, da bedeutet er: Wir können das „Ewige“ niemals verlieren. Es ist ein Leben, das uns niemand streitig machen kann. Das Angebot ist Leben, und dieses Leben beginnt jetzt.

Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.

Römer 6,4

In einem lebendigen Menschen verherrlicht sich Gott. Jetzt schon? Hoffnung keimte ganz unvermutet in mir auf bei dem Gedanken, dass Gott mir etwas Besseres zugedacht haben könnte, als ich es bisher für möglich hielt. Sein Glück und mein Glück sind miteinander verwoben? Gott will wirklich, dass ich quicklebendig werde? Das ist die Verheißung des christlichen Glaubens? Gigantisch! Das wäre jedenfalls ein gewaltiger Unterschied, wenn wir wüssten – und ich meine wirklich wüssten, jene Art von unumstößlicher Gewissheit, die uns nichts und niemand ausreden kann –, wenn wir also gewiss sein könnten, dass unser Lebensglück und Gottes Herrlichkeit voneinander abhängen. Das wären völlig andere Aussichten.

Das Angebot ist Leben. Daran gibt es nichts zu deuteln. Wenn das so ist – wo ist dann dieses Leben? Warum begegnen wir ihm so selten?

Es ist Krieg

Der Dieb kommt nur, um ... zu stehlen, zu schlachten und ins Verderben zu stürzen. Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben zu geben, Leben im Überfluss.

Johannes 10,10 (GN)

Haben sie sich jemals gefragt, warum Jesus diese beiden Aussagen miteinander verknüpft hat? Ist Ihnen das überhaupt jemals aufgefallen, dass er beide Aussagen zur selben Zeit gemacht hat? Er spricht sie quasi in einem Atemzug aus. Und er hat seine Gründe dafür. Gott hat Ihnen zweifellos Leben zugedacht. Aber im Augenblick ist dieses Leben bedroht. Es kommt jedenfalls nicht einfach so des Wegs. Da gibt es einen Dieb, und der ist auf Diebstahl, Mord und Vernichtung aus. Anders ausgedrückt: Ja, das Angebot lautet: Leben. Aber Sie werden darum kämpfen müssen, denn da gibt es einen Feind in Ihrem Leben mit ganz anderen Vorstellungen.

Jemand oder etwas steht uns entgegen.

Wir stehen in einem Kampf.

Wie ich an dieser Realität so lange vorbeisehen konnte, ist mir ein Rätsel. Vielleicht habe ich es wirklich übersehen; vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben. Wir sind im Kriegszustand. Ich mag diese Tatsache genauso wenig wie Sie, aber je eher wir uns der Tatsache stellen, desto größer die Hoffnung, dass wir am Ende das ersehnte Leben erringen. Wir leben nicht im Paradies – das werden Sie auch schon herausgefunden haben. Wir leben nicht im Schlaraffenland, nicht auf der Insel der Seligen, nicht in einer friedlichen Idylle. Die Welt, in der wir leben, ist ein Kriegsschauplatz. Hier prallen zwei Reiche aufeinander in einem erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Verzeihen Sie, wenn ich es bin, der Sie mit dieser Neuigkeit konfrontiert: Sie sind in eine umkämpfte Welt hineingeboren worden, und bis ans Ende Ihrer Tage wird um Sie herum eine große Schlacht wogen. Alle Mächte des Himmels und der Hölle sind an dieser Schlacht beteiligt – und sie wird hier auf diesem Planeten ausgetragen. Oder was dachten Sie, woher all diese zähen Widerstände kommen?

Etwas weiter vorne im Drehbuch, am Anfang der Menschheitsgeschichte auf der Erde, waren wir mit einer großen Ehre ausgestattet. Wir alle – Männer und Frauen – waren zum Bild Gottes geschaffen. Ehrfurcht gebietend und wunderbar waren wir gemacht, geformt zu lebendigen Bildern des kühnsten, weisesten, erstaunlichsten Wesens im Universum. Wer Gott je begegnet ist, ging vor seinem atemberaubenden Anblick unweigerlich auf die Knie, ohne auch nur darüber nachzudenken. Eine schwache Ahnung davon bekommen wir heute vielleicht noch beim Anblick des Grand Canyon oder der Alpen oder eines Sonnenuntergangs am Meer. Diese Herrlichkeit hat Gott mit uns geteilt; wir waren, um mit Chesterton zu sprechen, „Skulpturen Gottes, die sich in einem Garten tummelten“. Kraft und Schönheit waren uns eigen. Wir waren all das, was wir uns je wünschen konnten – und mehr als das. Wir hatten das Leben in Fülle. Wir waren ganz und gar lebendig.

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

1. Mose 1,27

Ich bestaune den Himmel, das Werk deiner Hände, den Mond und alle die Sterne, die du geschaffen hast:

Wie klein ist da der Mensch, wie gering und unbedeutend!

Und doch gibst du dich mit ihm ab

und kümmerst dich um ihn!

Ja, du hast ihm Macht und Würde verliehen;

es fehlt nicht viel, und er wäre wie du.

Psalm 8,4–6 (GN)

Ich möchte es mal so sagen: Man hat uns jede Menge über die Ursünde erzählt, aber nicht annähernd so viel über die ursprüngliche Herrlichkeit, die vor dem Sündenfall da war und die unserem Wesen viel eher entspricht. Wir waren „gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit“ (so übersetzt Luther). Warum sehnt sich jede Frau danach, schön zu sein? Warum wünscht sich jeder Mann, als tapfer zu gelten? Weil wir uns – wenn auch nur verschwommen – daran erinnern, dass wir einst mehr davon verkörperten als heute. Wenn Sie heute ernsthaft daran zweifeln, dass es an Ihrem Leben etwas Herrliches zu entdecken gibt, dann deshalb, weil diese Herrlichkeit das Streitobjekt in einem langen und erbarmungslosen Krieg war.

Denn im Garten Eden lauerte ein Feind. Dieser mächtige Engel war einst ebenfalls ein herrliches Wesen; er war der Oberbefehlshaber der himmlischen Heerscharen, unvergleichlich schön und mächtig. Aber er rebellierte gegen seinen Schöpfer, zettelte einen großen Krieg gegen die Mächte des Himmels an und wurde besiegt. Aus seiner himmlischen Heimat verbannt, aber nicht vernichtet, wartete er auf eine Gelegenheit, sich zu rächen. Mit dem Allmächtigen selbst konnte er es nicht aufnehmen, also nahm er die Wesen ins Visier, die nach Gottes Ebenbild geschaffen waren. Er hat uns eine Lüge darüber aufgetischt, wo das wahre Leben zu finden ist, und wir haben ihm geglaubt. Das wurde uns zum Fallstrick, und „unsere Herrlichkeit verblasste“ – so hat es John Milton in „Paradise lost“ ausgedrückt, „verblasste allzu früh“. David hat geklagt: „Wie lange bleibt meine Ehre in Schande verkehrt?“ (Ps. 4,3; RE).

Aber Gott hat uns nicht unserem Schicksal überlassen – jedenfalls nicht auf lange Sicht. Schon ein kurzer Streifzug durchs Alte Testament würde uns davon überzeugen, dass Krieg ein zentrales Thema der Aktivitäten Gottes ist. Denken wir an den Auszug aus Ägypten: Gott zieht in den Kampf, um sein versklavtes Volk zu befreien. Blut. Hagel. Heuschrecken. Finsternis. Tod. Eine Plage nach der andern überzieht Ägypten, so wie ein Boxer seinen Gegner mit einer ganzen Serie von Schlägen eindeckt – oder wie ein Axthieb nach dem anderen einen Baumstamm erschüttert. Der Pharao löst seinen Griff, aber nur für einen Augenblick. Die fliehenden Sklaven werden am Ufer des Schilfmeeres gestellt; Ägypten bietet eine Armee von Streitwagen auf, um sie niederzumachen. Gott ertränkt die Soldaten allesamt im Meer – ohne Ausnahme. Die Hebräer am jenseitigen Ufer sehen fassungslos und geschockt zu, und dann verkünden sie: „Der Herr ist ein Krieger!“ (2. Mose 15,3). Jahwe ist in der Tat ein Kriegsherr.

Anschließend erweist es sich als Kampf, überhaupt bis zum Gelobten Land zu gelangen. Mose und seine Truppen müssen sich schwerer Angriffe der Amalekiter erwehren; wieder greift Gott ein, und Mose ruft schließlich aus: „Krieg ist zwischen Jahwe und Amalek von Generation zu Generation“ (2. Mose 17,16). Gott ist permanent im Kriegszustand. In der Tat. Man kann die Augen nicht davor verschließen. – Im Folgenden gestaltet sich auch der Einzug ins Gelobte Land ausgesprochen kriegerisch – denken wir an Josua und den Kampf um Jericho. Nachdem die Israeliten dann endlich im Land sind, kostet es zahllose Kämpfe, das Land auch zu behalten. Israel liegt im Krieg mit den Kanaanitern, den Philistern, den Midianitern, dann wieder mit den Ägyptern, den Babyloniern – und so geht das in einem fort. Debora zieht in den Krieg. Gideon zieht in den Krieg. König David zieht in den Krieg. Elia führt Krieg gegen die Propheten Baals, Joschafat bekriegt die Edomiter. Noch mehr Beweise gefällig?

Viele Menschen denken, dass das Thema Krieg mit dem Alten Testament abgeschlossen ist. Nichts weniger als das. Jesus sagt ausdrücklich: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt. 10,34). Tatsächlich gehört schon seine Geburt in den Zusammenhang einer großen überirdischen Schlacht:

Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen ... – Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird ... – Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel ... – Da geriet der Drache in Zorn über die Frau, und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.

Offenbarung 12,1–5.7–8.17

Die Geburt Jesu war ein kriegerischer Akt, eine Invasion. Der Feind wusste das und versuchte ihn schon als Baby zu töten (Mt. 2,13). Jesus war kein blassgesichtiger Messdiener – sein ganzes Leben ist gezeichnet von Kampf und Konfrontation. Mit einem gebieterischen Befehl treibt er Dämonen aus. Die Schwiegermutter des Petrus wird augenblicklich gesund, als Jesus dem Fieber gebietet zu weichen. Er herrscht den Sturm an, und der legt sich. Er legt es wieder und wieder auf Streit mit den Pharisäern an, um das Volk Gottes von Gesetzlichkeit zu befreien. Mit lauter Stimme weckt er Lazarus vom Tod auf. Er steigt hinab in die Unterwelt, entreißt dem Teufel die Schlüssel der Hölle und des Todes und führt einen Zug von Gefangenen in die Freiheit (Eph. 4,8f; Offb. 1,18). Schließlich noch ein kleiner Ausblick: Wenn er zurückkehren wird, dann wird Jesus auf einem Schlachtross erscheinen; bekleidet mit einem blutgetränkten Gewand und gerüstet zum Kampf (Offb. 19,11–15).

Krieg ist nicht etwa ein Thema unter vielen anderen in der Bibel. Es liefert die Kulisse für das gesamte Drama. In diesem Kontext spielt sich alles ab. Gott ist im Kriegszustand. Er verwüstet die Weinberge, auf denen die Früchte des Zorns wachsen. Und wofür kämpft er? Für unsere Freiheit und unsere Rehabilitation. Denn die Ehre Gottes manifestiert sich in lebendigen Menschen. In der Zwischenzeit, so empfiehlt der Apostel Paulus, sollen wir uns bewaffnen, und als ersten Ausrüstungsgegenstand, den wir anlegen sollen, nennt er den Gürtel der Wahrheit (Eph. 6,10–18). Wir rüsten uns, indem wir uns einen guten, umfassenden Eindruck von unserer Situation verschaffen. Wir müssen Klarheit gewinnen über die Schlacht, die um unser Leben tobt. Gott hat für uns Leben im Sinn. Die Gegenseite will das Gegenteil. Eine gute Aufklärung ist unumgänglich.

In seinem Buch Pardon, ich bin Christ2 hat C.S. Lewis ein Kapitel im Original völlig zu Recht überschrieben mit „Die Invasion“3, und dort schildert er unsere Situation:

Als ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit dem Neuen Testament befasste, war ich überrascht, wie häufig dort von einer dunklen Macht die Rede ist, von einem mächtigen und bösen Geist, von dem gesagt wird, er stehe hinter allen Übeln, hinter Tod, Krankheit und Sünde ... Nach Meinung des Christentums wurde diese Macht der Finsternis von Gott geschaffen und war ursprünglich gut, ist dann aber in die Irre gegangen ... Diese Welt befindet sich im Kriegszustand.4

Um Ihr Leben müssen Sie kämpfen

Solange wir die Einsicht von uns weisen, dass Krieg der Kontext unseres alltäglichen Daseins ist, werden wir das Leben nicht verstehen. Wir werden 90 Prozent dessen, was uns und was um uns herum geschieht, falsch interpretieren. Wir werden dann nur sehr schwer glauben können, dass Gott uns wirklich Leben im Überfluss zugedacht hat; und noch schwerer werden wir den Gedanken von uns weisen können, dass wir selbst schuld sind an unserer Lage. Schlimmer noch, wir werden uns zwangsläufig ziemlich schlimme Gedanken über Gott machen. Jenes vierjährige Mädchen, das von seinem Vater missbraucht wird – das soll „Gottes Wille“ sein? Das hässliche Scheidungsdrama, das Ihre Familie gespalten hat – hat Gott etwa auch das gewollt? Und der Flugzeugabsturz, der so viele Menschen das Leben gekostet hat – sollte Gott so etwas billigend in Kauf nehmen?

Die meisten Menschen bleiben an einem gewissen Punkt stecken, weil es ihnen so scheint, als habe Gott sie im Stich gelassen. Er gibt sich ihnen offenbar nicht zu erkennen. Kürzlich erzählte mir eine junge Frau mit einer Mischung aus Enttäuschung und Sarkasmus über ihr Leben: „Gott ist zurzeit recht schweigsam.“ Ja, es muss schrecklich für sie sein. Ich bezweifle das keinen Augenblick. Sie wird nicht geliebt; sie hat keine Arbeit; sie lebt in schlechten Verhältnissen. Aber ihre Einstellung kommt mir gleichwohl grenzenlos naiv vor – so als ob jemand im Krieg zwischen die Fronten geraten ist und nun schockiert sagt: „Gott, kannst du nicht dafür sorgen, dass sie aufhören, auf mich zu schießen?“ Tut mir Leid, aber darum geht es doch in dem Moment wirklich nicht. Wir sind an einer ganz anderen Stelle im Drehbuch. Der Tag wird schon noch kommen, später, an dem der Löwe mit dem Lamm friedlich zusammenliegen wird und wir Schwerter zu Pflugscharen umschmieden. Aber gegenwärtig ist nun mal eine heftige Schlacht im Gange.

Das erklärt eine ganze Menge.

Bevor uns Jesus Leben im Überfluss versprochen hat, hat er uns gewarnt: Ein Dieb wird versuchen zu stehlen, zu töten und zu vernichten. Wie können wir da den Gedanken von uns weisen, dass der Dieb gerade jetzt stiehlt, mordet und zerstört? Solange Sie Ihr Leben nicht unter dem Aspekt des Kampfes betrachten, werden Sie es nicht verstehen, noch werden Sie klar beurteilen können, was Ihnen widerfahren ist und wie Sie in Zukunft leben sollen. Ihr Herz steht unter Beschuss. Und dabei werden Sie Ihr ganzes Herz brauchen, um dem standzuhalten, was auf Sie zukommt. Ich meine nicht das, was als Nächstes in der Geschichte kommt, die ich erzähle. Es geht mir um das, was Ihnen in Ihrem Leben als Nächstes bevorsteht. Ich weiß nicht viel, aber das eine weiß ich sicher: Wir sehen die Dinge nicht so klar, wie wir sie sehen sollten. Wir müssen klar sehen. Wir verstehen nicht, was um uns herum passiert oder was uns oder den Menschen, die wir lieben, widerfährt; und wir sind gänzlich ahnungslos im Hinblick auf den Wert unseres Lebens und die Herrlichkeit, die uns – ja: vorenthalten wird.

Vielleicht können Sie es auch in diesem Augenblick noch nicht erkennen. Das geht in Ordnung. Wir haben noch ein ganzes Buch vor uns. Angenommen, es ist wahr: Um uns herum – und gegen uns – entfaltet sich eine gewaltige, erbitterte Schlacht. Warum ist dann der Feind nicht besser zu erkennen? Und wenn meinem Leben wirklich eine solche Würde zukommt, nun, warum kann ich so wenig davon wahrnehmen? Warum ist das Leben so mühsam, und wo ist jenes Leben, das Gott verheißt?

Wir sehen nicht klar, weil wir nicht mit den Augen des Herzens sehen.

2

MIT DEN AUGEN DES HERZENS

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens.

Paulus (Epheser 1,18)

Es geht mir um eine bestimmte Sicht vom Leben, die mir durch die Märchen vermittelt wurde und die mir seitdem die Empirie treu und brav bestätigt hat.

G. K. Chesterton1

Zwei Männer sitzen sich in einem dunklen Raum gegenüber. Draußen tobt sich ein Gewitter aus und erschüttert das alte Gebäude bis in seine Grundfesten. Blitze sind selbst durch die schweren Vorhänge hindurch noch erkennbar, die zugezogen wurden, weil es sich um ein geheimes Treffen handelt. Die beiden Männer haben sich nie zuvor gesehen, dabei hat jeder den andern die längste Zeit seines Lebens über gesucht. Ihrer beider Schicksal hat sie keinen Augenblick zu früh zusammengeführt. Einer der beiden, ein hoch gewachsener Mann, ganz in Schwarz gekleidet, ist von der Aura eines Seelenführers umgeben. Der jüngere Mann versucht nach Kräften zu verbergen, dass er sich in seiner Haut nicht wohl fühlt – vielleicht wird er zum Jünger des anderen. Alles hängt von einer Entscheidung ab.

Morpheus:

Du fühlst dich im Moment sicher wie Alice im Wunderland, während sie in den Kaninchenbau stürzt.

Neo:

Ja, so ähnlich.

Morpheus:

Ich kann es in deinen Augen lesen. Du siehst aus wie ein Mensch, der das, was er sieht, hinnimmt, weil er damit rechnet, dass er wieder aufwacht. Ironischerweise ist das nah an der Wahrheit. – Glaubst du an das Schicksal, Neo?

Neo:

Nein.

Morpheus:

Warum nicht?

Neo:

Mir missfällt der Gedanke, mein Leben nicht unter Kontrolle zu haben.

Morpheus:

Ich weiß ganz genau, was du meinst. – Ich will dir sagen, wieso du hier bist. Du bist hier, weil du etwas weißt. Etwas, das du nicht erklären kannst – aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat dich zu mir geführt. – Weißt du, wovon ich spreche?

Neo:

Von der Matrix?!

Morpheus:

Möchtest du wissen, was die Matrix ist?

Neo nickt zögernd und zeigt damit seine Zustimmung.

Morpheus:

Die Matrix ist allgegenwärtig. Sie umgibt uns. Selbst hier ist sie, in diesem Zimmer. Du siehst sie, wenn du aus dem Fenster guckst oder den Fernseher anmachst. Du kannst sie spüren, wenn du zur Arbeit gehst – oder in die Kirche. Und wenn du deine Steuern zahlst. Es ist eine Scheinwelt, die man dir vorgaukelt, um dich von der Wahrheit abzulenken.

Neo:

Welche Wahrheit?

Morpheus:

Dass du ein Sklave bist, Neo. Du wurdest wie alle in die Sklaverei geboren und lebst in einem Gefängnis, das du weder anfassen noch riechen kannst. Ein Gefängnis für deinen Verstand. Dummerweise ist es schwer, jemandem zu erklären, was die Matrix ist. Jeder muss sie selbst erleben.

Morpheus streckt Neo seine offenen Hände hin. In jeder Hand liegt eine Kapsel – die eine rot, die andere blau. Er bietet dem jungen Mann eine Chance, die Wahrheit zu erfahren.

Dies ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein Zurück. Schluckst du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was du glauben willst. Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland, und ich führe dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus.

Neo nimmt die rote Kapsel; Lucy geht durch den Schrank; Aladin reibt die Wunderlampe; Elisa betet darum, dass die Augen seines Dieners geöffnet werden; Petrus, Jakobus und Johannes folgen Jesus hinauf auf den Berg der Verklärung. Und alle erkennen sie, dass die Wirklichkeit viel komplexer ist als das, was man mit den Augen wahrnehmen kann. Der Film Matrix ist ein Gleichnis, eine Metapher – und obwohl es eine düstere Geschichte ist, kommt sie der Wirklichkeit und Ihrem Leben viel näher, als Sie bisher möglicherweise geglaubt haben. (Ich beziehe mich ausschließlich auf den ersten Film der Trilogie.) Und dieselbe Frage, die Morpheus an Neo richtet, tritt jedem von uns aus der Bibel entgegen: Willst du wirklich sehen?

Wie können wir wirklich sehen?

Ein anderer Mann, ein alter Mann, auch er ein Seelenführer. Sein Leben war genauso abenteuerlich, voll von Kämpfen und Versuchungen. Auch er weiß etwas, was wir nicht wissen. Und genau wie Morpheus versucht er uns auf die Sprünge zu helfen. Er schreibt:

Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

2. Korinther 4,16–18

In der Übersetzung „Gute Nachricht“ klingt die erste Zeile noch packender: „Darum verliere ich nicht den Mut.“ Da weiß also jemand, wie man nicht mutlos wird? Ich bin ganz Ohr. Denn uns allen sinkt der Mut. Tagtäglich. Das ist die eine universale Eigenschaft, die alle Angehörigen der menschlichen Rasse auf diesem Planeten gemeinsam haben. Wir verlieren den Mut – oder haben ihn bereits verloren. Das ruhmreiche, robuste Ebenbild Gottes in uns verblasst, verblasst immer mehr bis zur Unkenntlichkeit. Und nun behauptet dieser Mann, er kenne einen Ausweg. Um das Gewicht seiner Worte richtig einschätzen zu können, sind ein paar ergänzende Informationen darüber nötig, wie das Leben dieses Mannes bis dahin ausgesehen hat. Er ist weder reich noch berühmt; er hat kein behütetes Leben gehabt, wie man so sagt. Aber er hat Visionen gehabt; er hat gewissermaßen Ausflüge unternommen in eine Welt jenseits der Grenzen des Wahrnehmbaren. Und seitdem sind die Dinge eher noch komplizierter geworden. Um seine eigenen Worte zu verwenden, war er

... häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich ... die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk ... Ich ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße.

2. Korinther 11,23–27

Ganz zu schweigen von jenem kleinen Zwischenfall in Ephesus, wo er seinen eigenen Worten zufolge „mit wilden Tieren gekämpft“ hat (1. Kor. 15,32). Sie verstehen: Sein Leben war ausgesprochen hart. Es war Kampf. Seine Biografie liest sich wie die des „Gefangenen des Monats“ von Amnesty International. Irgendjemand hat versucht, ihn aus dem Weg zu räumen oder jedenfalls zum Schweigen zu bringen. Er weiß etwas, er kennt ein Geheimnis. Also dann, Paulus – wie? Wie können wir es schaffen, dass uns nicht das Herz in die Hose rutscht?

Wir starren nicht auf das Sichtbare, sondern blicken aus nach dem Unsichtbaren.

2. Korinther 4,18

Wie bitte? Mir entrang sich ein enttäuschtes Stöhnen. Sehr hilfreich, dieser Rat. „Schau auf das, was du nicht sehen kannst.“ Das klingt nach fernöstlicher Mystik, nach jener Sorte von fragwürdigen Weisheiten, die vor Spiritualität nur so triefen, sich im Praxistest aber als völlig unbrauchbar erweisen. Das Leben ist eine Illusion. Schau auf das, was du nicht sehen kannst. Was kann er damit meinen? Ich erinnerte mich daran, dass ein wenig Demut einen manchmal weiterbringt, und so versuchte ich es noch einmal. Dieser weise alte Visionär sagt, dass es einen Weg gibt, das Leben zu erkennen, und diejenigen, die diesen Weg entdecken, sind in der Lage, buchstäblich beherzt zu leben – unter allen Umständen. Wie schaffen sie das? Indem sie mit den Augen des Herzens sehen. „Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens“ (Eph. 1,18).

Mit dem Herzen sehen

„Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen ...“

„Ein Mann wurde von Räubern überfallen ...“

„Eine Frau hat zehn Silberstücke und verliert eins davon ...“

„Zehn Brautjungfern gingen mit ihren Lampen hinaus ...“

Versetzen Sie sich mal in folgende Lage: Sie sind der Sohn des lebendigen Gottes. Sie sind auf die Erde gekommen, um die Menschheit zu retten. Ihr Auftrag lautet, die Wahrheit zu vermitteln, ohne die die Menschen, die Ihnen so wertvoll sind, verloren gehen – für immer. Würden Sie es auf diese