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Die Wunder

Jesus und seine Taten verstehen

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Übersetzung aus dem Amerikanischen: Frank Grundmüller
Redaktion: Renate Hübsch

Bibeltexte sind entnommen aus der Übersetzung
 „Hoffnung für alle“ 
herausgegeben vom Brunnen Verlag Basel und Gießen
© 1983, 1996 by Living Bibles International
Alle Rechte vorbehalten

5. Auflage 2012

© 1999 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Umschlagmotiv: project photos
Umschlaggestaltung: Ralf Simon
Satz: DTP Brunnen
ISBN 978-3-7655-0785-4
eISBN 978-3-7655-7066-7

Inhalt

Fragen zu diesem Kurs

Einführung: Wunder begreifen

Wie verläuft ein Treffen?

Jesu Geburt
Lukas 1,26-38; 2,1-7

Jesus heilt einen Gelähmten
Markus 2,1-12

Eine kranke Frau berührt Jesus
Markus 5,24-34

Der Leprakranke
Markus 1,40-45

Jesus treibt einen bösen Geist aus
Markus 1,21-28

Jesus heilt einen Besessenen
Markus 5,1-20

Wasser wird zu Wein
Johannes 2,1-11

Jesus macht viele Menschen satt
Markus 6,30-44

Jesus befiehlt dem Sturm
Markus 4,35-41

10  Jesus geht auf dem Wasser
Matthäus 14,22-36

11  Jesus ruft Lazarus aus dem Grab
Johannes 11,1-3; 17-27;38-47

12  Die Auferstehung Jesu
Lukas 24,1-12

13  Der große Fischfang
Johannes 21,1-14

Verzeichnis der Abkürzungen

Altes Testament

1Mo

1. Buch Mose

2Mo

2. Buch Mose

3Mo

3. Buch Mose

4Mo

4. Buch Mose

5Mo

5. Buch Mose

Jos

Das Buch Josua

Ri

Buch der Richter

1Sam

Erstes Buch Samuel

2Sam

Zweites Buch Samuel

1Chr

Erstes Buch der Chronik

2Chr

Zweites Buch der Chronik

Est

Das Buch Ester

Ps

Psalmen

Spr

Sprüche Salomos

Jes

Der Prophet Jesaja

Jer

Der Prophet Jeremia

Neues Testament

Mt

Matthäusevangelium

Mk

Markusevangelium

Lk

Lukasevangelium

Joh

Johannesevangelium

Röm

Römerbrief

1Kor

1. Korintherbrief

2Kor

2. Korintherbrief

Gal

Galaterbrief

Eph

Epheserbrief

Phil

Philipperbrief

Kol

Kolosserbrief

1Thes

1. Thessalonicherbrief

2Thes

2. Thessalonicherbrief

1Tim

1. Timotheusbrief

2Tim

2. Timotheusbrief

Tit

Titusbrief

Phlm

Philemonbrief

1Petr

1. Petrusbrief

2Petr

2. Petrusbrief

1Joh

1. Johannesbrief

2Joh

2. Johannesbrief

3Joh

3. Johannesbrief

Hebr

Hebräerbrief

Jak

Jakobusbrief

Jud

Judasbrief

Offb

Offenbarung des Johannes

Fragen zu diesem Kurs

ZIELSETZUNG

1. Worum geht es in diesem Kurs? Um drei Ziele, die gleichermaßen wichtig sind.

a. Nahrung – „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Nur wer Gottes Wort in sich aufnimmt, kann als Christ wachsen.

b. Unterstützung – Die Teilnehmer werden sich besser kennenlernen und durch das Gespräch über biblische Texte zu einer tragfähigen Gemeinschaft zusammenwachsen.

c. Wachstum – Dieser Kurs wendet sich auch an Menschen, die bisher mit der Bibel wenig in Berührung gekommen sind. Die Teilnehmerzahl soll anwachsen, bis eine Teilung nötig wird. Beide neuen Kreise sollen wieder wachsen bis sie zu groß sind und sich teilen – und so weiter.

TEILNEHMER

2. Für wen soll dieser Gesprächskreis sein?

• Für Menschen, denen Kirche und Glauben fremd geworden sind, die aber nach einem neuen Zugang zum Glauben suchen.

• Für Menschen, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben und eine Gruppe suchen, die Unterstützung und Zusammenhalt bieten kann.

• Für Menschen, die von einer Kirche oder deren Gliedern enttäuscht worden sind und dennoch ihren Glauben nicht aufgeben wollen.

• Für Menschen, die angesichts vieler Unsicherheiten nach einer tragfähigen Hoffnung suchen.

• Für Menschen, die Ihnen beim Lesen dieser Aufzählung in den Sinn kommen.

DER ERSTE SCHRITT

3. Wie sollen wir anfangen? Machen Sie sich eine Liste mit den Namen, die Ihnen jetzt als mögliche Teilnehmer einfallen. Suchen Sie sich einen Platz, an dem Sie die Liste täglich vor Augen haben. Lassen Sie sie dort, bis Sie alle, die Sie auf Ihrer Liste notiert haben, gefragt haben, ob sie Interesse an einem solchen Gesprächskreis haben.

DAS ERSTE TREFFEN

4. Was geschieht beim ersten Treffen? Sie treffen eine Entscheidung über eine freiwillige Abmachung. Sie faßt Ihre Erwartungen und „Spielregeln“ für die Gruppe zusammen.

SPIELREGELN

5. Wie entsteht die Abmachung? Sprechen Sie über die nachfolgenden Fragen und notieren Sie die Punkte, bei denen Sie Einigung erzielen. So können Sie am Ende des Kurses gut beurteilen, ob Sie Ihre Ziele erreicht haben.

• Was ist der Zweck Ihrer Treffen?

• Wie oft wollen Sie sich treffen? (Dieser Kurs bietet Ihnen Gesprächsanregungen für 13 Treffen. Wenn Sie danach weiterhin zusammenkommen wollen, verlängern Sie einfach Ihre Abmachung.)

• Wo wollen Sie sich treffen?

• Um welche Uhrzeit sollen die Treffen beginnen und wie lange sollen sie dauern?

• Möchten Sie Getränke und etwas zum Knabbern bereitstellen? Wer ist dafür zuständig?

ZEITLICHER RAHMEN

6. Wie lange dauert ein Treffen? Die Mindestzeitangaben für die einzelnen Bausteine des Treffens sind für Gruppen gedacht, die nur eine Stunde zusammensein können. Wenn Sie mehr Zeit zur Verfügung haben, verlängern Sie die angegebenen Zeiten einfach entsprechend.

STARTPHASE

7. Warum beginnt der Kreis mit nur 13 Wochen Dauer? Weil es leichter ist, sich für einen überschaubaren Zeitraum für eine Sache zu entscheiden und sie wirklich durchzuhalten, als eine Verpflichtung auf unbestimmte Zeit einzugehen. Wenn Sie den Kurs anschließend verlängern wollen – um so besser.

GESPRÄCHSINHALT

8. Was wird bei den Treffen besprochen? Auf der Seite 3 finden Sie eine Übersicht über die Texte und Themen.

BIBELKENNTNIS

9. Und wenn jemand in der Gruppe wenig von der Bibel weiß? Prima! Dafür ist die Gruppe ja da. Die ERLÄUTERUNGEN geben Ihnen Hinweise zum Verständnis größerer Zusammenhänge, einzelner Ausdrücke, geschichtlicher Hintergründe oder wichtiger Personen im Text. Greifen Sie immer dann auf die Erläuterungen zurück, wenn der Sinn des Textes sich nicht von selbst erschließt.

„HAUSAUFGABEN“

10. Was muß ich sonst noch tun? Nichts, wenn Sie nicht wollen. Aber Sie können über das hinausgehen, was in der Gruppe besprochen wird. Nicht immer werden Sie alle Erläuterungen gemeinsam in der Gruppe lesen und diskutieren können. Wenn Sie die Zusatzinformation voll ausschöpfen möchten, haben Sie dafür zwei Möglichkeiten:

a) Lesen Sie Text und Erläuterungen vorbereitend zu Hause. Oder:

b) Vertiefen Sie das Gespräch über einen Text nachbereitend, indem Sie den Text noch einmal im Zusammenhang lesen und sich Zeit nehmen, die Erläuterungen zu studieren.

Wenn Sie sich mit einem längeren Buch der Bibel beschäftigen, wird es nur in Ausschnitten behandelt werden können. Sie könnten dann den Vorschlägen zur Lektüre folgen, um einen größeren Überblick zu erhalten.

DER TRAUM

11. Der Traum, der dahintersteckt: Menschen finden sich zusammen, um zu einer tragfähigen Gemeinschaft zu werden, in der jeder eine Heimat findet und in seinen Freuden und Schwierigkeiten angenommen ist. Menschen kommen zusammen, reden über ihr Leben und ihren Glauben und begegnen der Bibel – unabhängig davon, ob sie zu einer Kirche gehören oder nicht.

SERENDIPITY

12. Was heißt Serendipity? „Die Gabe, zufällig glückliche Entdeckungen zu machen“. Genau darum geht es bei dem Material für Kleingruppen, das vom Arbeitskreis Serendipity herausgegeben wird: Daß Menschen zusammenkommen, ihre Erfahrungen austauschen, der Bibel begegnen und dabei wertvolle Entdeckungen für ihr Leben machen – möglicherweise sogar ganz unvermutet.

HINWEIS FÜR GRUPPENLEITER

13. Hilfe für Gruppenleiter. Praktische Hilfestellung für Leiter und Leiterinnen von Gesprächsgruppen und Perspektiven für die Möglichkeiten von Kleingruppenarbeit in Ihrer Gemeinde finden Sie in folgenden Büchern aus der Reihe Serendipity training:

Kleingruppen in der Gemeinde. Grundlagen – Programm – Praxis. Gießen, 2. Auflage 1998, Best.-Nr. 190700.

Was Gruppenleiter wissen müssen. Gießen, 4. Auflage 1998, Best.-Nr. 190701

Was ist ein Wunder?

Wie durch ein Wunder überlebten meine Kinder das schwere Zugunglück von Eschede.“

„Wenn hier nicht ein Wunder geschieht, dann ist die Goldmedaille verloren.“

„Es ist ein Wunder, wie die Natur sich jedes Jahr von neuem entfaltet.“

„Das grenzt ja an ein Wunder, daß da ein Parkplatz frei ist.“

„Es kommt mir wie ein Wunder vor, daß ich den Jackpot gewonnen haben soll.“

„Der wird noch sein blaues Wunder erleben.“

Obwohl unsere Gesellschaft im allgemeinen dem Übernatürlichen eher skeptisch gegenübersteht, verweisen wir als einzelne doch noch recht vieles von dem, was wir erleben, in den Bereich des Wunders, wie die Beispiele zu Anfang zeigen. Das Wort „Wunder“ wird darin jedoch in sehr unterschiedlichem Sinn gebraucht – Anlaß genug, genauer zu fragen: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von einem Wunder sprechen?

Fast alle der oben angeführten Beispiele verstehen unter einem Wunder ein überraschendes, außergewöhnliches (meist günstiges) Ereignis. Gott muß damit überhaupt nichts zu tun haben. Jedes unerwartete Glück wird schnell Wunder genannt. Auch wenn die Chance auf den Hauptgewinn (z.B. im Lotto) für eine bestimmte Einzelperson verschwindend gering ist, so folgt sie doch dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Es ist doch relativ sicher, daß irgend jemand dieser Gewinner ist. Der Sportkommentator, der von einem Wunder im Spielverlauf spricht, ist kaum der Meinung, daß Gott auf geheimnisvolle Weise die eine Mannschaft begünstigt habe, während er die Bemühungen der anderen vereitelte. Auch das Überleben eines schweren Unfalls ist ohne das Einwirken Gottes erklärbar. „Wunder“ ist zum Synonym für „Glücksfall“ oder „Überraschung“ geworden. Oder es bezeichnet ein keineswegs überraschendes Geschehen, das uns dennoch in Staunen und eine gewisse Ehrfurcht versetzt – wie die Abläufe in der Natur.

Dieses Verständnis trifft offensichtlich nicht die Bedeutung von Wunder in der Bibel – und hier speziell im Wirken Jesu. Wunder sind in der Bibel nicht lediglich ungewöhnliche Zufälle oder besondere Glücksfälle. Sie sind Erweise der Gegenwart Gottes.

Wunder in der Bibel

Für die Bibel gehören Wunder beinahe zur „normalen“ Alltagserfahrung – und das bringt ihr heute nicht selten den Ruf eines „Märchenbuches“ ein. Das Alte Testament berichtet eine Vielzahl von Wundern – von der Durchquerung des Roten Meeres (2Mo 14) über die wunderbare Speisung in der Wüste mit Manna (2Mo 16), wiederholter Bewahrung vor übermächtigen Feinden im Richterbuch bis zur Vernichtung des assyrischen Heeres, als es Jerusalem belagerte (2Chr 32). Das Neue Testament beginnt mit dem Bericht über die wunderbaren Umstände der Geburt Jesu und beschreibt viele Begebenheiten aus seinem Leben, die als Wunder bezeichnet werden. Auch von den Jüngern wird in der Apostelgeschichte berichtet, daß sie die Fähigkeit hatten, Kranke zu heilen und Tote aufzuerwecken.

In unserem landläufigen Verständnis der biblischen Wunder herrscht wohl die Überzeugung vor, daß diese Wunder ein Geschehen beschreiben, das im Widerspruch zu den Naturgesetzen steht. Es gibt in der Tat Berichte, in denen Gott die Natur in ihrem üblichen Ablauf unterbricht: Schlimme Plagen treffen die Ägypter, verschonen aber die Israeliten. Elia versorgt eine arme Witwe dadurch, daß ihr Ölkrug und ihr Mehltopf nicht leer werden. Elisa befiehlt einer im Fluß versunkenen Axt, wieder an die Oberfläche zu kommen. Jesus geht über das Wasser, befiehlt einem Sturm zu verstummen, speist fünftausend Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen, auf einer Hochzeit verwandelt er Wasser in Wein. Elia, Elisa, Jesus, Petrus und Paulus haben alle mindestens eine Person vom Tode auferweckt. Diese Berichte sprechen von Ereignissen, in denen das, was wir Naturgesetze nennen, überwunden oder außer Kraft gesetzt wurde.

Daneben allerdings wird von Wundern erzählt, die nicht notwendigerweise gegen die Natur geschahen. Hierher gehören beispielsweise eine Reihe von Heilungswundern. Kranke Menschen werden augenblicklich gesund. In einzelnen Fällen hatten die Menschen Krankheiten, an denen sie gestorben wären; bei anderen Kranken wurde der normale Gesundungsprozeß lediglich beschleunigt. Jesus heilte viele Blinde und Gelähmte. Auch heute noch kommt es zum Verschwinden von Symptomen wie Blindheit oder Lähmung bei Menschen, bei denen diese Behinderungen als psychosomatische Reaktionen auf traumatische Erfahrungen aufgetreten waren.

Eine weitere Gruppe von Wundern sind solche, die die Überwindung böser Mächte bewirken, die sich im Leben eines Menschen eingenistet haben. Das ist vor allem bei den Dämonenaustreibungen Jesu der Fall. Aber auch andere Menschen vor und nach Jesus haben solche Fähigkeiten demonstriert.

Schließlich findet sich das übernatürliche Wissen von zukünftigen Ereignissen. Die Tatsache, daß Petrus einen Fisch fing, der eine Münze im Maul hatte, ist an sich noch nicht sonderlich ungewöhnlich. Erstaunlich ist, daß Jesus ihm voraussagt, wann dies passieren würde (Mt 17,27). Viele Menschen werden jedoch einwenden, die Fähigkeit zur Zukunftsvorausschau sei nicht auf Jesus beschränkt.

Schon dieser kurze Überblick läßt erkennen, daß Wunder in der Bibel in sehr verschiedenen Formen auftreten. Sie stehen zum Beispiel nicht in jedem Fall im Widerspruch zu dem, was wir als natürlichen Ablauf der Ereignisse bezeichnen. Wir werden sehen, daß ihre Besonderheit in etwas anderem besteht.

Eine andere weitverbreitete Meinung ist die, daß die biblischen Wunder die göttliche Sendung dessen beweisen sollen, der sie vollbringt. Das ist zwar in einzelnen Fällen richtig (Mose sollte z.B. vor Israel bestimmte Wunder tun, um seine Beauftragung durch Gott zu belegen), aber diese Sicht wird z.B. den Wundern Jesu nicht gerecht. Es ist richtig, daß die Wunder auf die Einzigartigkeit Jesu hinweisen: „Die Wunder Jesu sind anders als alles, was man sonst an Erfahrungen macht. ‚Noch nie haben wir so etwas erlebt!‘ (Mk 2,12)“ (Gerd Theißen, Urchristliche Wundergeschichten). Seine Taten führten Menschen dazu, nach seinem Wesen und seinem Auftrag zu fragen.

Die Wunder offenbarten Gottes Gegenwart und Macht im Leben Jesu allerdings nur denen, die sie im Glauben betrachteten. Die Taten Jesu wurden auf sehr unterschiedliche Weise gedeutet. Viele Menschen erkannten in ihnen den Beweis des Wirkens Gottes; andere dagegen sahen in ihnen den Teufel am Werk (Mt 12,24). Die außergewöhnlichen Dinge, die Jesus tat, konnten seine Autorität nicht zweifelsfrei der Welt beweisen. Sie waren Hinweise für die Menschen, die Herz und Verstand für Jesus öffneten.

Eine Hauptschwierigkeit bei dem Gedanken, daß die Wunder vor allem Beweise für den Anspruch Jesu seien, liegt darin, daß Jesus selbst das verschiedentlich abgelehnt hat. So widersetzte er sich den Vorschlägen des Versuchers, durch die Inszenierung einer wundersamen Bewahrung in aller Öffentlichkeit zu beweisen, daß er der Sohn Gottes sei (Mk 4,6.7). Auch die Forderung der Pharisäer nach einem wunderhaften Beglaubigungszeichen für seine besondere Autorität lehnte er ab (Mt 8,11.12). In der Tat waren es gerade die Wunder, die die intensivsten Konflikte mit den religiösen Führern auslösten. Religiöse Heilungen an sich waren wohl im „religiösen Repertoire“ auch der Gegner Jesu vorgesehen (Joh 5,11ff); auch andere Menschen besaßen Heilungskräfte. Aber die Wunder, die Jesus tat, sah man als im Gegensatz zur religiösen Tradition und den Gesetzen stehend an. Jesus heilte am Sabbat und beanspruchte göttliche Vollmachten, z.B. die, Sünden zu vergeben (Mk 2,1-12; 3,1-5). Seine Taten stellten Menschen in die Entscheidung, zwischen ihm und den traditionellen religiösen Vorstellungen zu wählen. Es ist besonders interessant zu beobachten, daß gerade im Bericht des Markus viele Wunder im Geheimen geschahen und mit dem ausdrücklichen Gebot Jesu verbunden waren, niemandem von ihnen zu erzählen, damit dadurch keine Mißverständnisse über Jesus entstehen sollten. Die Wunder waren also nicht an sich schon unwiderstehliche Beweise seiner Göttlichkeit.

Die problematischste Folge dieser Ansicht ist allerdings, daß dadurch die Wunder überflüssig und bedeutungslos werden. Wunder sind als Beweise nur noch „Knalleffekte“, die die Volksmenge in Erstaunen versetzen und dafür sorgen, daß man Jesus zuhört.

Das Wunder als Botschaft

Es ist weitaus angemessener, in den Wundern Jesu einen unverzichtbaren Teil seiner Botschaft zu sehen. Sie wäre ohne die Wunder nicht dieselbe. Wunder sind die handgreifliche Demonstration seiner Verkündigung vom anbrechenden Reich Gottes. Ohne sie wäre Jesus lediglich ein weiterer Prophet gewesen, der das Kommen dieser Herrschaft Gottes vorausschauend erwartete. Die Heilungen der Blinden, Gelähmten, Leprakranken, Tauben, die Auferweckung von Toten und die Ausrufung der Herrschaft Gottes – dies alles gemeinsam weist darauf hin, daß mit Jesus tatsächlich das Reich Gottes in dieser Welt angebrochen ist.

Besonders das Johannesevangelium macht deutlich, wie wichtig die Wunder als Teil der Botschaft Jesu waren. Das ganze Evangelium ist um sieben Wunder herum aufgebaut, die ausdrücklich Zeichen genannt werden. Gerade diese Bezeichnung zeigt, wie Johannes die Wunder verstand. Sie waren nicht einfach Geschichten über die erstaunliche Macht Jesu, die ihm Aufmerksamkeit verschaffen sollten. Sie waren auch nicht lediglich barmherzige Hilfeleistungen gegenüber einzelnen Menschen. Vielmehr stellen sie allen, die sie sehen, deutlich vor Augen, worum es im Reich Gottes geht. Die Wunder „sind Zeichen der königlichen Herrschaft Gottes, deren Anbruch Jesus ankündigte ... Sie sind die Verheißung der kommenden, umfassenden Erlösung, die bereits ihre Schatten vorauswirft... Die Vertreibung von Dämonen zeigt das Eindringen Gottes in den Wirkungsbereich Satans an und damit seine endgültige Vernichtung. Die Auferweckung von Toten weist auf die endgültige Überwindung des Todes hin. Die Heilung von Kranken zeugt vom Ende allen Leides. Die wundersame Versorgung mit Brot spricht von der Beendigung aller körperlichen Bedürftigkeit. Die Herrschaft Jesu über Wind und Wellen weist voraus auf den vollständigen Sieg über alle Mächte des Chaos, die die Erde bedrohen“ (Collin Brown, „Wunder“, New International Dictionary of New Testament Theology).

Ähnlich bemerkt Karl Barth: „Was hier geschah, ist Verheißung und ... Vorwegnahme jener Art von Leben, in dem es Leid, Tränen und Geschrei nicht mehr gibt, und der letzte Feind – der Tod – besiegt ist.“ (Evangelische Theologie).

Wenn man die Berichte über die Wunder Jesu in dieser Weise betrachtet, werden sie zu wichtigen Zeichen dafür, was Königsherrschaft Gottes bedeutet (und wie sein messianischer König regieren wird). Sie zeigen Gottes Gegnerschaft gegenüber Krankheit, Chaos, Leid und Tod. In Christus ist Gott selbst anwesend, um sein Volk von allen diesen Mächten zu befreien. In den Wundern leuchtet deshalb zeichenhaft auf, was die Herrschaft Gottes wirklich bedeutet. Sie spiegeln die Werte und die Wahrheit wider, für die sich Gottes Volk einsetzen soll und worum es betet. Sie betonen die Herrschaft Jesu über alle Mächte, die die Menschheit knechten. Die Dämonen, Krankheiten, Naturgewalten und der Tod selbst sind Jesus untertan. Seine Wunder zeigen seine Macht, der sich auch alle Menschen unterordnen sollen, und sie zeigen den Beginn des Reiches an, zu dem alle Menschen eingeladen sind.

Heutige Probleme mit Wundern

Viele Menschen haben mit Wundern an sich Schwierigkeiten. Jahrhundertelang wurden sie als Beweise für die Berechtigung des christlichen Wahrheitsanspruchs angesehen; aber heute betrachten viele Christen sie nun als Anstoß erregende Relikte, die in unserer modernen Welt einfach fehl am Platze sind. Man sieht in ihnen so etwas wie unangenehme Verwandte, die man Freunden erst gar nicht vorstellen möchte: Sie gehören zwar zur Familie, aber man ist froh, wenn das niemand bemerkt.

Diese Ansicht entspringt einer Weltsicht, die sich durch die Aufklärung verbreitet hat. Auf eine einfache Formel gebracht: Es gibt in dieser Welt keinen Platz für Wunder, weil es keinen Platz für einen Gott gibt, der in Raum und Zeit Wunder tut. Während die Schreiber der Bibel an die Souveränität Gottes über alle Ereignisse glaubten, denkt der heutige Mensch in den Bahnen der Naturgesetze und den Kategorien von Ursache, Wirkung und physikalischen Eigenschaften. Und falls das Übernatürliche überhaupt eine Rolle spielt, geht man von einer klaren Trennung zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem spirituellen Bereich aus. Solch eine Sicht anerkennt zwar, daß die geistliche Dimension für das Innere des Menschen Bedeutung haben kann, aber eine Verbindung zwischen dieser inneren, geistlichen Welt und der „Realität an sich“ wird bestritten.

Die Schreiber der Bibel unterteilten ihre Welt jedoch nicht in solche voneinander hermetisch abgetrennte, heilige und weltliche Bereiche. Der Begriff „Naturgesetz“ war eine unbekannte Kategorie. Statt dessen stand das ganze Leben jederzeit unter der Kontrolle Gottes. Die Regenzeit im Frühjahr wurde nicht als natürliche Folge eines komplexen Wettergeschehens betrachtet, sondern als Gottes Geschenk, das die Fruchtbarkeit des Landes erneuern sollte. Wunder durchbrachen nicht von Gott unabhängige Naturgesetzmäßigkeiten und waren auch nicht überraschende Glücksfälle (die nichts mit Gott zu tun hatten). Sie waren Auswirkungen und erfahrbare Demonstrationen der besonderen Gegenwart Gottes. Die spirituelle Welt hatte großen Einfluß auf die physikalische.

Im Gegensatz dazu sieht der Mensch der modernen, technisierten Welt in Geschichte und Natur nur die Naturgesetze am Werk. Man geht davon aus, daß die Welt ein geschlossenes System von Ursache und Wirkung ist, das man untersuchen und verstehen kann. Eine solche Sicht schließt per Definition die Möglichkeit übernatürlicher Einflüsse aus. Diese Weltanschauung widerlegt allerdings nicht die biblischen Wunder; sie setzt lediglich voraus, daß sie nicht durch Einwirken von etwas Übernatürlichem geschehen sein können, und sucht nach alternativen Erklärungen.