cover

Jerry B. Jenkins / James S. MacDonald

Ich,
Saulus

Thriller

Deutsch von Renate Hübsch

Copyright © 2013 by Jerry Jenkins.
Übersetzt mit freundlicher Genehmigung von Worthy Publishing.

Aus dem Amerikanischen von Renate Hübsch

Bibelzitate folgen im Allgemeinen der Übersetzung Hoffnung für alle®,
Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.®, hrsg. von ’fontis –
Brunnen Verlag Basel. Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

© 2015 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Umschlaggestaltung: Kirk DouPonce, DogEared Design/Daniela Sprenger
Satz: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7655-0932-2
eISBN 978-3-7655-7348-4

Für meine Brüder
Jim, Jeoff und Jay

Inhalt

Zerrissen

„Vor allem …“

Wahrheit

Der Brief

Enthüllungen

Die römische Straße

Kein Besuch

Timotheus

Sofia

Die Botschaft

Love Story

Kostbare Steine

Das Angebot

Ich, Saulus aus Tarsus

Maries Schatzkiste

Die Reise

Neun Millimeter

Überwältigt

Napoli

Nach Jerusalem

Carabinieri

Davidsstadt

Klaudios’ Ableben

Schammai

Menschenjagd

Hillel

Das Pergament

Schwierigkeiten

Milliardenbeute

Saulus’ Entscheidung

Gejagt

Voller Erwartung

Ausspioniert

Bis zur Morgendämmerung

Verdeckte Operation

Auseinandersetzung im Mondschein

Die Prüfung

Festgefahren

Der Einsatz wird höher

Bis aufs Äußerste

Telefonkonferenz

Die Steinigung

In der Höhle des Löwen

Von Haus zu Haus

Köder

Grundstürzende Wende

Was das Verstehen übersteigt

Das unaussprechliche Geschenk

Die Lösung des Rätsels

Der letzte Akt

Epilog

1

Zerrissen

Texas

Mittwoch, 7. Mai

„ruf an. ver2felt.“

Die Nachricht erschien um 8.55 Uhr auf dem Display von Dr. Augustin Knox’ Handy, nur wenige Sekunden, bevor er das Gerät ausschalten musste – das war Vorschrift für Dozenten am Theologischen Seminar von Arlington, bevor sie einen Seminarraum betraten.

Augustin hätte ein rasches „sekunde“ abschießen können, aber die Nachricht war nicht signiert und die Nummer war in seinen Kontakten nicht erfasst. Die Vorwahl 01139-6 war die von Rom. In seinen achtunddreißig Lebensjahren war er viel in der Welt herumgekommen und die Ewige Stadt hatte er mehr als einmal besucht. Aber ein Text wie dieser konnte auch auf einen dieser „Bin-beklaut-worden,-brauche-Geld“-Telefontricks hinweisen. Was immer das hier war, es würde warten müssen, bis er die Examensklausur in Systematischer Theologie eröffnet hatte und sich mit dem Handy wieder auf den Gang zurückziehen konnte.

Augustin war schon seit Langem fasziniert davon, welch ein nervöses Geschnatter seine Studenten vor Klausuren von sich gaben. Jetzt begrüßte ihn jemand mit: „Ich hab Sie im Who’s Who nachgeschlagen, Doc, und jetzt weiß ich, wie Sie mit richtigem Namen heißen.“

„Meinen Glückwunsch. Da haben Sie etwas entdeckt, was Sie schon vor vier Jahren in den Campus-Infos hätten lesen können.“

„Nein! Dort steht ja nur Dr. Augustin A.Knox! Jetzt weiß ich, was das A bedeutet.“

„Schön für Sie. Also, zu Beginn ein paar Hinweise, wie …“

„Aquinas! Augustin Aquinas Knox! Mensch, Sie hatten bei der Berufswahl wohl keine Chance, was?“

„Ich bin Ihnen sehr verbunden, dass Sie den Stachel in meinem Fleisch öffentlich enthüllen. Wenn Sie es unbedingt wissen wollen, diese Namenswahl geht auf das Konto meines Vaters.“ Augustin verfiel in den monotonen Bass seines Vaters. „‚Namen sind wichtig. Sie können über ein ganzes Leben entscheiden.‘“

Viele Studenten grinsten. Sie hatten Dr. Knox senior noch gehört, bevor er im vergangenen Jahr krank geworden war.

„Da stand auch, dass Sie adoptiert sind. Tut mir leid, aber es ist ja ohnehin veröffentlicht.“

„Ist auch kein Geheimnis“, sagte Augustin.

Jetzt meldete sich noch jemand. „War das ein Tipp für die Klausur? Geht es um Paulus und den Stachel in seinem Fleisch?“

„Dieses Geheimnis hat er ja in jeder Seminarstunde höchstens einmal erwähnt“, kommentierte jemand.

Augustin hob die Hand. „Sie sind sicher alle auf jede Eventualität vorbereitet.“

„Moment noch. Wie heißt denn Ihr Vater?“

„Ed!“, rief jemand. „Das weiß doch jeder.“

„Schlagen Sie nach“, bemerkte Augustin. „Vielleicht finden Sie es aufschlussreich.“

Nachdem die Klausurbögen verteilt waren, ging Augustin leise aus dem Raum und schaltete das Handy ein. Der Hilferuf aus Rom war inzwischen auf Platz drei der Anrufliste gerückt. Ganz oben war eine Sprachnachricht von Dr. Moore, dem derzeitigen Fachbereichsleiter, der für Augustins Vater eingesprungen war, als dieser einen Schlaganfall erlitten hatte und gepflegt werden musste.

Augustin hätte eigentlich zuerst diese Nachricht abhören müssen. Aber die nächste Nachricht auf der Liste war von Sofia Trikoupis, seiner Freundin. In Athen war es acht Stunden später, also jetzt schon gut fünf Uhr nachmittags. „Ruf mich an, wenn du Feierabend hast“, sagte sie. „Ich bleibe auf.“ Das würde dann bei ihr schon gegen Mitternacht sein, aber wie es schien, brauchte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das würde ihn den ganzen Tag nicht loslassen. Wie sehr er sich danach sehnte, mit ihr zusammen zu sein.

Das Handy vibrierte. Wieder Rom. „dringend. ruf an. bitte.“

Augustin presste die Lippen zusammen und tippte: „wer da?“

„vertrau mir. bitte.“

„nur wenn ich weiß wer anruft.“ Augustin wartete gut eine Minute auf eine Antwort, dann schnaubte er: „Wie ich vermutet habe.“ Aber als er in den Seminarraum zurückging, vibrierte das Handy wieder.

„zionist.“

Augustin blieb abrupt stehen und spürte, wie ihm die Hitze in den Nacken stieg. Rasch tippte er: „90 min, okay?

„sofort. lage kritisch.“

Nur wenige Menschen hatten in Augustins Leben eine wichtigere Rolle gespielt als Roger Michaels, der schmächtige Südafrikaner mit einer James-Earl-Jones-Stimme und einem grauen Vollbart, in dem sein blasses, zwergenhaftes Gesicht fast unterging. Augustin würde niemals eine Tour in irgendeiner antiken Stätte unternehmen, bei der Roger nicht der Guide war.

„2 min“, textete er. Hastig ging er in Richtung des früheren Büros seines Vaters. An der Tür hing noch das Namensschild von Dr. Knox senior. Augustin klopfte und trat ein. „Les, ich muss dich um einen Gefallen bitten.“

Dr. Moore ließ sich Zeit, bevor er von seinem Schriftstück aufblickte. „Erstens, Dr. Knox, habe ich Sie nicht zum Eintreten aufgefordert.“

„Tut mir leid, aber …“

„Zweitens habe ich Sie gebeten, mich mit Dr. Moore anzusprechen.“

„Ja, auch mein Fehler, aber hören Sie …“

„Und drittens“, sagte sein Vorgesetzter und studierte dabei betont genau seine Armbanduhr, „wissen wir beide, dass Sie in eben diesem Moment ein Examen …“

„Dr. Moore, ich muss einen dringenden Anruf machen – ein Notfall – und ich wollte Sie bitten, mich ein paar Minuten zu vertreten.“

Moore seufzte, erhob sich und griff nach seinem Jackett. „Ich kann mir schon vorstellen, worum es geht. Lassen Sie sich alle Zeit der Welt.“

Augustin folgte ihm den Gang entlang. „Sie wissen, worum es geht?“

„Haben Sie meine Nachricht nicht erhalten?“

„Oh, tut mir leid. Ich hab gesehen, dass Sie gemailt haben, aber …“

„Aber Sie nahmen an, andere Dinge seien wichtiger. Ich sagte ja schon: Wenn Sie Ihr erstes Examen hier abgenommen haben, müssen wir uns einmal unterhalten.“

„Selbstverständlich. Ich stehe zur Verfügung.“

„Unter anderem müssen wir über Ihren Vater reden. Betrifft Ihr Anruf ihn?“

„Was ist mit meinem Vater?“

„Wir reden nachher darüber.“

„Aber ist ihm …“

„Es gab da gewisse Entwicklungen, Dr. Knox. Aber er ist ja noch unter uns.“

Während Dr. Moore sich in den Seminarraum begab, bog Augustin ins Treppenhaus ab, das weniger Fenster hatte und ihm etwas Schutz bot – die Wetterpropheten hatten angekündigt, am frühen Nachmittag würde die Temperatur etwa zehn Grad über dem sommerlichen Durchschnitt liegen und dem bisherigen Monatsrekord von 41 Grad Konkurrenz machen.

Aber dort war der Empfang zu schlecht, also kehrte er in den Gang zurück und ging schließlich ins Freie, weil er immer noch schlechten Empfang hatte. Draußen waren sicher jetzt schon über 30 Grad. Während ihm die Sonne den Kopf verbrannte, lauschte er auf das wiederholte Signal seines Handys.

Augustin ging für einen Moment nach drinnen und genoss die Klimaanlage, bevor er es wagte, wieder ins Freie zu treten, um es erneut zu versuchen. Er wartete zwei Minuten, wählte noch zweimal und hatte dann das Gefühl, jetzt müsse er wirklich zurück in den Klausurraum.

Bei einem dritten Versuch, kurz vor der Eingangstür, wurde klar, dass jemand abgenommen und dann wieder aufgelegt hatte. Augustin wählte die Nummer noch zweimal, während er zurückging, um Dr. Moore abzulösen. Als er gerade die Tür zum Seminarraum öffnen wollte, erschien eine Nachricht.

„sorry. später. wirf dein handy in den müll. ernsthaft.“

Augustin konnte sich keinen Reim darauf machen. War das eine Fangschaltung gewesen? Oder wurde sein Handy abgehört? Wenn er sich ein neues zulegte, woher sollte Roger dann wissen, wie er zu erreichen war?

Dr. Moore stand direkt hinter der Tür und verließ den Raum, sobald er Augustin erblickte. „Haben Sie mit Ihrer Mutter gesprochen?“, fragte er.

„Nein, sollte ich?“

Moore seufzte und verdrehte die Hände. „Sie unterbrechen mich in meiner Arbeit und erkundigen sich dann nicht einmal nach Ihrem Vater?“

Augustin griff wieder zum Handy, zögerte aber dann. Würde er auch das Handy seiner Mutter gefährden, wenn er es benutzte?

„Rufen Sie sie an, sobald wir miteinander geredet haben, Dr. Knox. Jetzt muss ich wirklich zurück zu meinen eigenen Verpflichtungen.“

Augustin hielt es kaum bis zum Ende der Klausur im Seminarraum. Bevor er zu seinem Gespräch mit Dr. Moore ging, deponierte er die Klausurbögen in seinem eigenen Büro und nutzte das Festnetz, um seinen Kontakt im Theologischen Seminar von Dallas etwas weiter oben in der Straße anzurufen. Arlington selbst lag etwa in der Mitte zwischen Dallas im Osten und dem massiven Southwestern Baptist Seminar im Westen – ein Stiefkind, über das niemand sprach, ein einziges Gebäude für ein paar Hundert Studenten und im Schatten dieser beiden renommierten Institutionen immer im Kampf ums Überleben. Wenn Augustin einmal sehr schnell etwas brauchte, erhielt er es vermutlich eher bei der Konkurrenz. Wie zum Beispiel ein neues Handy.

Wie schon sein Vater war Augustin in Arlington auch das Reisebüro. Es gab kein Extrapersonal, das sich um die Logistik kümmerte, wie am Dallas und am Southwestern. Der Cheftechniker von Dallas war Biff Dyer, eine Bohnenstange von einem Kerl, ein paar Jahre älter als Augustin, mit einem Adamsapfel, der seinesgleichen suchte. Augustin konnte immer auf ihn zählen, wenn sein Handy für einen Auslandsaufenthalt umprogrammiert werden musste.

„Du rufst vom Büroapparat an, wie ich sehe“, sagte Biff. „Was ist mit dem Handy, das ich dir besorgt habe?“

„Jemand hat versucht, es abzuhören.“

Biff grinste. „Als ob du das mitkriegen würdest. Wie kommst du darauf?“

„Ich brauch ein neues. Glaub mir.“

„Ich tausche einfach die SIM-Card aus. Wann brauchst du’s?“

„Möglichst schnell.“

„Warum überrascht mich das jetzt nicht? Ich bring’s dir aber nicht auch noch vorbei. Kannst du zu normalen Zeiten vorbeikommen?“

Es klopfte an Augustins Tür und er verrenkte sich, um in das mürrische Gesicht von Les Moore zu sehen. „Ich muss los, Biff.“

„Sorry, Les. Bin schon unterwegs. Oder wollen wir uns hier unterhalten?“

„Das wäre nicht weniger angemessen als Ihr Beharren darauf, mich mit Vornamen anzusprechen“, sagte Dr. Moore und ließ seinen Blick durch den winzigen Raum schweifen, in dem ein Stuhl für Besucher in der Ecke stand und offensichtlich nur im Notfall benutzt wurde.

„Ach, kommen Sie schon, Les. Sie waren doch nur ein paar Jährchen über mir. Wir haben doch auch etliches zusammen unternommen.“

„Kaum. Sie haben die meiste Zeit im Stadion verbracht mit den – na – vielleicht sechs anderen Sportfanatikern, die sich da immer einfanden.“

Es stimmte. Und jeder wusste, dass der Ort, an dem man Les Moore garantiert fand, die Bibliothek war.

Augustin sah auf die Uhr. Die nächste Abschlussklausur war um elf. Er folgte seinem Interims-Boss in das frühere Büro seines Vaters. Es war nicht sehr viel größer als seines, aber wenigstens stand der Besucherstuhl nicht im Weg.

„Sollen wir mit meinem Vater beginnen?“, schlug Augustin vor, als sie sich gesetzt hatten.

„Ich hätte gedacht, Sie hätten inzwischen mit Ihrer Mutter gesprochen, aber nun gut. Sie rief heute Morgen an, weil Sie wusste, dass Sie im Examen sein würden. Ihr Vater ist ins Koma gefallen.“

Augustin nickte langsam. „Ist sie okay?“

„Ihre Mutter? Ja, sicher. Sie war nicht außer sich oder so etwas. Sie dachte nur, Sie möchten ihn heute Nachmittag vielleicht besuchen.“

„Danke.“

„Nun, Dr. Knox, ich habe hier einige Papiere, die Sie bitte unterschreiben wollen. Offen gesagt ist es keine erfreuliche Sache. Aber man erwartet hier von uns, dass wir als Teamplayer unterwegs sind, und ich will also annehmen, dass Sie den administrativen Wünschen entsprechen werden.“

„Worum geht es denn?“

„Sie sollen den Sommerkurs in Homiletik übernehmen. Er startet vier Tage nach Beginn des Sommertrimesters.“

„Ja, das wäre heute in einer Woche.“

„Und wir haben dafür dieses Gehalt vereinbart, ist das richtig?“

Warum Les es für nötig hielt, die Summe auf die Rückseite einer Visitenkarte zu schreiben und ihm mit dramatischer Geste hinüberzuschieben, blieb Augustin ein Rätsel.

„Hmhm. Das ist genau das Vermögen, mit dem ich mit vierzig in den Ruhestand gehen kann.“

„Spaßvogel. Es ist meine unangenehme Pflicht, Sie zu bitten, den Kurs auch für zwei Drittel dieses Betrags zu halten.“

„Das meinen Sie im Ernst?“

„Ich meine es immer ernst.“

Das allerdings stand fest.

„Les – Dr. Moore, Sie wissen ja, dass wir diese Kurse bereits jetzt als eine Gefälligkeit für das Seminar halten. Und jetzt sollen wir das ernsthaft für noch weniger Geld tun?“

„Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.“

„Ich kann auch ablehnen?“

„Wir werden nicht darauf bestehen, dass Sie den Kurs halten, wenn wir selbst unsere Vereinbarung nicht erfüllen können.“

„Gut. Ich glaube nämlich nicht, dass ich es für diese Summe tun kann.“

„Ich werde Ihre Entscheidung weitergeben. Wir sind dann vermutlich gezwungen, auf eine außerordentliche Lehrkraft …“

„Wie diesen Jugendpastor von Arlington Bible …“

„Er ist graduiert, Dr. Knox.“

„Das weiß ich. Ich habe ihn ja selbst unterrichtet. Ein famoser Kerl. Aber Homiletik war nun wirklich nicht seine Stärke und es gibt auch gute Gründe dafür, dass sie ihn nur ein paarmal im Jahr predigen lassen.“

„Er wird sich glücklich schätzen, den Kurs für dieses Gehalt zu übernehmen. Wahrscheinlich sogar für noch weniger.“

„Und die Studenten müssen es ausbaden.“

Les legte den Kopf schief. „Natürlich hätten wir lieber Sie gehabt …“

Augustin angelte nach seinem Kugelschreiber und winkte Les, ihm die Dokumente zu reichen.

„Freut mich, dass ich auf Sie zählen kann, Dr. Knox. Nun, wo wir schon dabei sind, es gibt da noch etwas. Sie sollten ja eigentlich mit Beginn des Herbsttrimesters eine Gehaltserhöhung von vier Prozent erhalten.“

„Lassen Sie mich raten: Die hat sich vermutlich auch erledigt?“

„Schlimmer.“

„Wieso? Geht es jetzt um eine vierprozentige Kürzung?“

„Wenn es nur so wäre.“

„Oh, nein.“

„Dr. Knox, wir beobachten einen alarmierenden Rückgang der Studentenzahlen und die Verwaltung erwartet für den Herbst eine Einschreibungsquote, die uns ins Minus treiben wird, selbst bei massiven Budgetkürzungen. Wir sind alle gefragt, eine Gehaltsreduzierung von zwanzig Prozent zu akzeptieren.“

Augustin sackte zusammen. „Les, ich will im Herbst heiraten. Hatte ich zumindest gehofft. Ich kann jetzt schon kaum die Miete für mein Häuschen aufbringen.“

„Es betriff das gesamte Kollegium, Dr. Knox. Den Präsidenten, den Dekan, die Fachbereichsleiter, alle. In manchen Bereichen wird es auch Stellenstreichungen geben. Das Budget für die lau fenden Kosten wird halbiert und jeder von uns muss eben aushelfen, so gut es geht.“

Arlington hatte jahrzehntelang finanziell immer auf dünnem Eis operiert, aber diesmal war es wirklich ernst. „Seien Sie bitte ganz offen, Dr. Moore. Ist das jetzt der Anfang vom Ende? Sollte ich vielleicht doch die Angebote von Dallas annehmen, die ich immer wieder bekommen habe?“

„Oh, nein. Die Treuhänder wollen, dass wir die Krise meistern, mit doppeltem Einsatz unsere spezifischen Qualitäten vermarkten, und sie versprechen, den Gehaltsverzicht sobald wie möglich mehr als auszugleichen. Außerdem: Ihr Vater hat sein Leben lang kein gutes Haar an Dallas und Southwestern gelassen. Sie würden es ihm doch nicht antun wollen, dorthin zu wechseln, oder?“

„Er hat an nichts und niemand ein gutes Haar gelassen, Les. Das wissen Sie sehr gut.“

„Er war kein sehr umgänglicher Mensch. Mit Verlaub.“

Augustin zuckte die Schultern. „Sie haben für ihn gearbeitet. Ich habe mit ihm gelebt.“

„Wissen Sie, dass ich kein einziges Wort von Ihrem Vater mehr gehört habe, seitdem man mich gebeten hat, vorübergehend seinen Platz einzunehmen? Kein Hinweis, kein guter Rat, keine Information, kein bisschen Ermutigung. Nichts. Ich nahm an, er sei verärgert, dass man Sie nicht gefragt hatte …“

Das brachte Augustin zum Lachen. „Für ihn bin ich noch immer ein Highschool-Kid. Vergessen Sie meine akademischen Titel. Aber nein – ich wollte seinen Job, oder Ihren, gar nicht haben. Das entspricht mir nicht.“

„Das weiß ich nur zu gut. Ich meine, Sie sind einfach nicht der typische Professor. Und schon gar kein Fachbereichsleiter.“

„Das lässt sich nicht bestreiten.“

Augustin konnte nicht gewinnen. Er war zwar im College und am theologischen Seminar immer unter den Besten gewesen, aber er war eben auch seit Highschool-Zeiten ein Sportfanatiker gewesen, hatte Basketball und Football gespielt und sich ausgiebig für die sportlichen Großereignisse interessiert, sodass er unter echten Akademikern ein Außenseiter blieb. Man hatte ihn ein paarmal zu oft gefragt, ob er nur deswegen akademischer Lehrer geworden war, weil sein Vater es so wollte.

Dr. Moore schob den neuen Arbeitsvertrag über den Schreibtisch.

„Sorry, Les, aber darüber muss ich erst noch nachdenken. Und beten.“

Sein Vorgesetzter erstarrte. „Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Wenn der Eindruck entsteht, man könne im Herbst nicht auf Sie zählen, erinnert man sich vielleicht daran, dass viele andere in der gegenwärtigen Wirtschaftslage nur zu gern Ihre Stelle einnehmen würden.“

„Ja, das würde uns sicher voranbringen. Die Fakultät mit lauter jungen Hilfspfarrern zu besetzen.“

„Höre ich im Lauf des Tages von Ihnen?“

„Wohl kaum. Aber Sie werden als Erster erfahren, wie ich mich entschieden habe.“

Zurück in seinem Büro nahm Augustin die SIM-Karte aus seinem Handy und steckte sie in eine eigene Hülle. Er telefonierte per Festnetz mit seiner Mutter und versicherte ihr, er werde sie am Spätnachmittag im Krankenhaus sehen. Dann rief er Biff an, um seinen Besuch auf dem Heimweg anzukündigen.

„Was ist denn eigentlich so dramatisch?“, fragte Biff.

„Roger Michaels steckt in irgendeinem Schlamassel.“

„Erzähl’s mir, wenn du kommst.“

Während der Elf-Uhr-Klausur rief man Augustin wegen eines Notfall-Anrufs in die Verwaltung. Unterwegs schaute er bei Les rein, um zu fragen, ob der noch einmal für ihn einspringen könnte, aber das Büro war dunkel. Die Examensklausur würde ein paar Minuten ohne Aufsicht auskommen müssen.

„Wissen Sie, woher der Anruf kommt?“, fragte er das Mädchen, das ihn geholt hatte. Wenn es seine Mutter war …

„Jemand aus Griechenland.“

Schließlich hatte er das Telefon erreicht und stellte fest, dass es Sofia war. „Ich dachte, ich sollte dich später anrufen, Cherie. Alles in Ordnung?“

„Roger versucht wie der Teufel, dich zu erreichen.“

„Ich weiß. Er …“

„Er hat mir eine neue Nummer gegeben und du sollst ihn unbedingt sofort anrufen, aber nicht von deinem Handy.“ Sie las ihm die Nummer vor.

„Hast du irgendeine Ahnung, was los ist, Sof?“, fragte Augustin, während er die Nummer hinkritzelte. „Das sieht ihm so gar nicht ähnlich.“

„Nein, ich weiß nicht, Augustin. Aber er klang zutiefst verstört.“

„Klingt auch gar nicht nach ihm.“

„Du kannst mir später sagen, was los ist, aber jetzt solltest du ihn wirklich sofort anrufen.“

Augustin rannte geradezu in sein Büro und wählte die Nummer in Rom. Es läutete sechs Mal, bevor Roger abnahm. „Augustin?“

„Ja! Was …“

„Hör gut zu. Ich habe nur ein paar Sekunden. Ich brauche dich in Rom, so schnell du kommen kannst.“

„Rog, was ist denn passiert? Das ist der absolut ungeeignetste Zeitpunkt für mich, um nach …“

„Gib Sofia deine neue Handy-Nummer und simse mir deine Ankunftszeit. Ich gebe dir eine Nummer, unter der du mich von Fiumicino aus erreichen kannst, sobald du gelandet bist.“

„Ich weiß nicht, wann ich da sein könnte, Rog. Hör mal, ich muss …“

„Augustin! Es geht um Leben oder Tod. Sonst würde ich nicht fragen, das weißt du.“

2

„Vor allem …“

Rom im ersten Jahrhundert nach Christus

Erinnerungen an jene gespenstische Mahnung seines besten und geliebten Freundes raubten dem schon älteren Arzt den Schlaf. Er drehte sich vorsichtig auf die Seite, damit die hölzernen Bohlen seiner Lagerstätte nicht knarrten und die Familie weckten, die alles riskiert hatte, um ihn bei sich aufzunehmen. In seinem Versteck, einer winzigen Kammer im zweiten Stock ihres bescheidenen und überfüllten Hauses, lauschte er seinem rhythmischen und tiefen Atem.

Er war erschöpft von der Reise und dem fast viertägigen Eilmarsch in die bedrängte Hauptstadt, vom entsetzlichsten Abend, den er als Arzt je erlebt hatte, ganz zu schweigen, und er wusste, dass er in dieser schwülen Nacht keinen Schlaf finden würde.

Die Augen in der Dunkelheit weit geöffnet, warf Lukas die dünne, kratzende Decke ab, setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Den Kopf in die Hände und die Ellenbogen auf seine Knie gestützt, hörte er, wie sich der fadenscheinige Vorhang hinter ihm bauschte. Ein feuchter Wind trug beißenden Rauchgeruch und den Duft von verkohltem Holz heran. Bis in die Morgenstunden hinein vernahm er noch immer von weither Schreie und laute Rufe.

Auf der Suche nach seinem lebenslangen Freund – den man in Troas (wieder einmal) verhaftet und für den Prozess nach Rom verschifft hatte – hatte eine verzweifelte Verfolgungsjagd Lukas über das Mittelmeer und vor drei Tagen früh am Morgen in die seltsam übel riechende Stadt Puteoli geführt. In seinem gehetzten Bemühen, eine Reisemöglichkeit über Land in das einhundertsiebzig Meilen nordwestlich gelegene Rom zu finden, hatte Lukas noch kaum begonnen, sich nach reisenden Kaufleuten und Karawanen zu erkundigen, als ihn die schreckliche Nachricht erreichte. Rom stand in Flammen.

Der Hafen schwirrte von Gerüchten und Klatsch, aber die Behörden machten unverzüglich klar, dass nur dringend benötigte Güter und Helfer für diese Notsituation einen Passierschein über die lange, mit Steinen gepflasterte Via Appia in die Hauptstadt bekommen würden. Es hieß, die Feuersbrunst, die inzwischen fast die gesamte Stadt erfasst hatte, sei vor ein paar Tagen, während der heißesten Nacht des Jahres, ausgebrochen. Das Inferno, von dem man bereits als „Neros Feuer“ sprach, hatte im Herzen des Römischen Imperiums so gewütet, dass drei der vierzehn Stadtbezirke vollständig vernichtet und sieben weitere stark betroffen waren.

Flüchtlinge strömten aus der Stadt nach Puteoli, beladen mit dem wenigen, das sie tragen konnten. Mit noch immer ungläubigem Blick verbreiteten sie Geschichten von der Verwüstung, erzählten von Straßen, die übersät waren mit verkohlten Körpern, die man unter dem Schutt hervorgezerrt hatte. Bisher waren alle Versuche, das Feuer einzudämmen, fehlgeschlagen und nach wie vor verwüsteten die Flammen die Stadt.

Als ehemaliger Sklave aus Antiochia in Syrien, der zuerst die Freiheit und schließlich auch das römische Bürgerrecht erhalten hatte, war Lukas der Festnahme von Christen im Imperium entgangen. Die Sekte der Christen machte der Kaiser nämlich für den Brand verantwortlich. Viele Flüchtlinge – und bei Weitem nicht nur Christen – waren sich aber sicher, dass Nero den Verdacht von sich selbst abzulenken versuchte. Jedermann spekulierte darüber, warum der selbstverliebte junge Herrscher sein eigenes Reich verbrennen sollte. Die häufigste Theorie war, dass er schlicht ganz von vorn beginnen und Rom nach eigenen Vorstellungen neu erbauen wollte. Wie sonst sollte man sich erklären, dass in der ganzen Stadt Horden randalierender Brandstifter gleichzeitig beobachtet worden waren?

Was war mit den Gefängnissen? So, wie die Dinge standen, war Lukas’ Freund zum Tod durch Enthauptung verurteilt worden – aber war er nun vielleicht auf eine noch qualvollere Weise umgekommen? Niemand schien Genaues zu wissen und Lukas konnte ohnehin nicht sagen, in welchem trostlosen Verlies der Mann festgehalten wurde.

Lukas schwang seinen schweren Reisesack mühsam über seine knochige Schulter und ging eilig zu einer Gruppe von Zenturios, die die Straße absperrten und nur einen kleinen Teil der Menge passieren ließen, die lautstark verlangte, nach Rom durchgelassen zu werden. „Ich bin römischer Bürger – und ich bin Arzt!“, rief er laut. „Ich habe chirurgische Gerätschaften und Medikamente dabei!“

„Beweise es“, sagte einer der Wachposten. Lukas setzte den Sack wieder ab und begann, ihn zu öffnen. „Nein! Dein Bürgerrecht! Beweise es!“

Lukas vergrub die Hand tief in einer speziell für diesen Zweck eingenähten Tasche und zog seine Professio hervor – ein kleines Diptychon aus zwei lose verbundenen Holzplatten mit der Inschrift seines römischen Namens (Lukanus) und seiner Urkunde. Der Wachposten studierte alles und wies dann auf ein zweirädriges Gefährt mit zwei Pferden und Platz für einen Fahrer, vier Fahrgäste und eine kleine Ladung. „Sie fahren gleich ab, Alter. Beeil dich!“

Lukas eilte zu dem Wagen, wo die anderen Fahrgäste ihm halfen, einen Platz für seinen Sack zu finden, und ihn dann auf einen Sitzplatz hochzogen. Der Wagenlenker gab den Pferden die Peitsche und das Gefährt ratterte mit hoher Geschwindigkeit über das Steinpflaster; ein stundenlanges Geschüttel und Gedränge begann. Sie hielten nur an offiziellen Stationen, um die Pferde zu wechseln, etwas zu essen, sich zu erleichtern und dem Fahrer Zeit zu lassen, die Achsen mit Tierfett neu zu schmieren.

Spätabends mieteten sie sich in schäbigen Gasthäusern ein und waren schon vor Tagesbeginn wieder unterwegs. Drei Tage später um die Mittagszeit erreichten sie Rom. Erschöpft und mit schmerzenden Knochen konnte Lukas seinen Blick kaum von den schwarz-orangefarbenen Flammenwirbeln und Rauchwolken abwenden, die über der ganzen Stadt lagen. Jemand rief dem Fahrer atemlos zu: „Wir dachten, es sei vorbei! Sechs Tage und dann verlosch das Feuer. Aber letzte Nacht ist das Monster noch einmal erwacht und jetzt ist es schlimmer als vorher.“ Als Lukas den Wagenlenker bezahlen wollte, sagte dieser: „Du bist im Interesse des Imperiums hier, Medicus. Mögen die Götter dich schützen.“

Sobald sich Lukas bei den örtlichen Behörden ausgewiesen hatte, verlangte man auch schon seine Dienste. Die Vigiles, zugleich Nachtwächter und Feuerwehr von Rom – die viele ihrer Leute bei der Katastrophe verloren hatten –, schickten ihn zu einem Behelfslazarett, das nur vier Häuserblöcke vom Inferno entfernt in einer Straße errichtet worden war. Man wies Lukas die schlimmsten Fälle zu. Überall lagen oder saßen Opfer der Flammen herum, die dringend Hilfe brauchten.

Das Militär tat angesichts der Tragödie sein Möglichstes, um die Pax Romana aufrechtzuerhalten, aber der innere Friede Roms fiel von Minute zu Minute mehr in sich zusammen. Während der Tag in den Abend überging und Lukas mechanisch weiterarbeitete, fragte er jeden, der eine Uniform trug, wo er wohl einen Freund finden könnte, der zu Gefängnishaft verurteilt war. Schließlich, es war schon kurz vor Mitternacht, hörte ein massiger Uniformträger seine Frage. „Nach wem suchst du denn, Medicus?“

„Paulus aus Tarsus“, antwortete Lukas. Der Römer kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt näher. „Folge mir zur Straße.“

In der Dunkelheit, in der im schwachen Schein der Flammen nur einige Schatten über die Mauern huschten, bat der Mann Lukas, seine Professio sehen zu dürfen. Dann schüttelte er Lukas die Hand und stellte sich selbst vor: „Primus Paternius Panthera, Torwache im Kerker. Und – was hast du mit unserem berüchtigtsten Gefangenen zu tun? Bist du auch einer von ihnen, wie er?“

Lukas zögerte. Dies konnte leicht das Ende seiner Freiheit bedeuten. „Ich habe noch nie meine Loyalitäten verleugnet; ich werde jetzt auch nicht damit anfangen. Ja, er ist mein Freund.“

„Es wäre klug, wenn du das nicht bekannt werden lässt.“

„Ich habe es gerade getan, und zwar gegenüber jemandem, der mich dafür büßen lassen kann.“

„Ich bewundere deine Geradlinigkeit, Lucanus. Aber du musst wissen: Deinem Freund sind Besuche nicht mehr gestattet. Vor einigen Wochen war noch jemand einige Tage lang immer wieder bei ihm, aber …“

„Ich weiß nichts von Paulus seit seiner mitternächtlichen Verhaftung in Troas. Man schleppte ihn direkt aufs Schiff, nur mit dem, was er am Leibe trug. Das letzte Mal, als er in Rom gefangen war, hat man ihn wenigstens respektvoll behandelt, und …“

„Du darfst das damalige Urteil nicht mit dem jetzigen verwechseln, Medicus. Damals stand er unter Arrest, aber man ließ ihm viele Freiheiten, zum Beispiel die, Besucher zu empfangen. Diesmal sitzt er in Ketten im dunkelsten Verlies, in das Tag und Nacht kein Licht fällt. Und die, die ihn zuletzt besucht haben, haben ihn anscheinend aufgegeben.“

„Es ist also aussichtslos zu glauben, man könnte mir gestatten …“

„Nichts ist aussichtslos, Medicus. Mit ein wenig sorgfältiger Planung lässt sich manches bewerkstelligen.“

„Was sagst du da?“

„Nichts weiter, als dass ich dir vielleicht einen Vorschlag machen möchte.“

„Ich verfüge über keine Mittel …“

„Ich rede nicht davon, Medicus. Wo bist du untergekommen?“

„Noch nirgends. Seit meiner Ankunft war ich hier beschäftigt.“

„Du siehst aus, als könntest du ein gutes Essen und ein Bett gebrauchen.“

„Das könnte ich in der Tat.“

„Und du möchtest deinen Freund sehen?“

Lukas nickte. Was wollte dieser Mann ihm eigentlich sagen?

„Lucanus, meine Mutter hat bei dem Feuer schwere Verbrennungen erlitten. Zwei Ärzte haben bestätigt, dass es für sie keine Hoffnung mehr gibt. Sie meinen, das Beste, was ich für sie tun könne, sei, sie zu mir nach Hause zu holen und dort sterben zu lassen. Meine Frau und meine Kinder sind jetzt bei ihr, aber als Bediensteter des Imperiums muss ich natürlich meine Pflicht tun. Könntest … kannst du irgendetwas für sie tun?“

„Ich müsste sie sehen“, antwortete Lukas.

„Ich würde dir jedes Bemühen um sie vergelten.“

„Ich werde tun, was ich kann.“

Der Kerkerwächter begleitete Lukas, der seine Sachen holte, und dann schleppten sie sich durch die Straßen. Oft mussten sie die Richtung wechseln, um den Flammen auszuweichen. Lukas betete schweigend, dass Gott das Leben der Mutter dieses Mannes bewahrte. Was immer es kosten würde, die Gunst des Primus Paternius Panthera zu gewinnen, es würde Paulus zugutekommen.

In dem winzigen Häuschen fand Lukas die ältere Frau im Delirium vor. Auf mehr als der Hälfte ihres Körpers, darunter Gesicht und Hals, hatte sie Brandwunden davongetragen. Unverzüglich trug er reichlich Salben und Heilöle auf die verletzte Haut auf, aber er wusste, dass dies nur geringfügige Erleichterung schaffen würde.

„Darf ich für sie beten?“, fragte er.

„Ich habe aufgehört zu beten“, gab Panthera zurück. „Ich weiß noch nicht einmal, ob ich noch an die Götter glaube.“

„Ich würde zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs beten. Ich denke, das kann nicht schaden.“

Lukas kniete sich neben der Frau nieder und hob das Gesicht zum Himmel. „Gott, du Vater meines Herrn und Retters Jesus Christus. Ich bitte dich: Berühre diese Frau mit deiner heilenden Hand. Segne sie durch deine Gegenwart und Nähe. Im Namen deines Sohnes Jesus, des Christus. Amen.“

Die Frau wurde deutlich ruhiger und schlief wenig später ein. Die schmerzverzerrten Züge entspannten sich und sie lag so still und friedlich da, dass Lukas sich vorbeugte, um auf den Atem zu lauschen. War sie überhaupt noch am Leben?

„Ist alles in Ordnung, Lucanus?“, fragte der Kerkerwächter, während seine Frau hinter ihm auf Zehenspitzen hereinkam.

„Das ist das erste Mal seit Stunden, dass sie so ruhig ist“, sagte die Frau. „Die Kinder haben nur geweint und sich die Ohren zugehalten.“

„Wird sie leben?“, fragte Panthera.

„Ich kann nichts versprechen. Aber es gibt Hoffnung. Ruhe ist jetzt das Wichtigste und Beste für sie. Und ich werde alles tun, was ich kann.“

Der Kerkerwächter flüsterte seiner Frau etwas zu, sie nickte und er führte Lukas die Treppe hinauf in eine winzige Kammer, wo er schlafen könnte. „Ich danke dir“, sagte Lukas. „Aber bringst du dich damit nicht in Gefahr?“

„Weil ich einen Arzt für meine leidende Mutter bei mir aufnehme? Nein, das schadet mir nicht – es sei denn, jemand würde herausfinden, wer du bist. Aber jetzt kocht meine Frau dir erst einmal ein gutes Essen. Und dann kann ich dich noch heute Nacht zu deinem Freund bringen.“

Lukas weinte fast, so dankbar war er. Er verschlang seine Mahlzeit geradezu, fragte, ob er einige Reste für Paulus einpacken dürfte, und machte sich dann wieder mit Panthera auf den Weg. Sie stiegen von Nordosten her auf den Kapitolshügel, den das Feuer in der Entfernung gespenstisch erhellte, und näherten sich dem Gefängnis. „Das sieht wirklich trostlos aus.“

Panthera nickte. „Das größte und düsterste Gefängnis in der Stadt.“

Lukas betete stumm: Herr, schenke mir Kraft und Frieden, damit ich Paulus trösten kann. Die Wache am Nachteingang schaute überrascht, nickte aber dann Panthera zu, der mit Lukas eilig an ihm vorbeiging und flüsterte: „Ein Arzt.“ Drinnen griff der Kerkerwächter sich eine Fackel aus einer der Wandhalterungen und führte Lukas an den Zellen der gewöhnlichen Gefangenen vorbei, von denen her ihn Ausdünstungen anfielen, die nicht einmal ein Verurteilter hätte ertragen sollen. Die meisten Gefangenen lagen stöhnend in ihrem eigenen Unrat und Lukas schielte im Flackern der Fackel auf dunkle Augenhöhlen und eingefallene Wangen.

„Bekommen diese Männer zu essen?“

Panthera zuckte die Achseln. „Zweimal am Tag eine Schale dünnen Getreidebrei, ungefähr die Hälfte von dem, was Sklaven bekommen. Sie dürfen keinen Besuch empfangen, geschweige denn irgendeine andere Art von Fürsorge.“

Lukas tat das Herz weh angesichts dieser Unglücklichen, aber als er auf einen erbarmungswürdigen Schrei hin kurz zögerte, schob Panthera ihn sanft, aber bestimmt weiter. In einer Ecke der letzten bewohnten Zelle lagen drei Körper leblos übereinander und warteten darauf, hinausgeschafft zu werden. „Da liegen sie seit vier Tagen“, flüsterte Panthera ihm zu.

Als Lukas endlich ein kleines Podest erreichte, in dessen Fußboden ein Loch eingelassen war, durch das ein Mensch hindurchpasste, raste sein Herz und sein Atem ging schnell. Er musste mit aller Kraft gegen die Übelkeit ankämpfen, die der Gestank ihm verursachte.

Wachposten, die das Loch im Boden umstanden, wiesen Panthera darauf hin, dass dem Gefangenen da unten kein Besuch gestattet war. „Ein Arztbesuch einmal am Tag ist ihm gestattet“, sagte Primus. „Ihr wisst ja, der Kaiser will, dass er bis zur Hinrichtung bei Kräften bleibt, damit er ein besonders abschreckendes Beispiel abgibt.“

Panthera zeigte Lukas, wie er sich in das Verlies hinunterlassen konnte. „Als wir den Gefangenen hinunterließen, war er nicht fähig, früh genug die Kante zu umklammern, um seinen Fall abzumildern. Er hat sich den Knöchel verstaucht, als er unten landete.“

„Wie tief ist es?“

„Nur knapp zwei Meter. Aber in der Dunkelheit hat man natürlich keine Vorstellung.“ Panthera wandte sich an eine der Wachen. „Wenn ich unten bin, reich mir die Fackel.“

„Licht ist ihm auch nicht erlaubt. Du weißt das sehr gut.“

„Soll der Arzt ihn im Dunkeln untersuchen? Tu einfach, was ich dir sage!“

Panthera beugte sich herunter und legte beide Hände an den Rand der Bodenöffnung. Er stützte sich mit den Händen ab, sprang und hing kurz in der Luft, bevor seine Füße den Boden erreichten. Lukas tat es ihm nach, allerdings nicht ganz so geschickt; beim Hinunterlassen verfing er sich in seinem Umhang.

Er fand Paulus schlafend auf einem schmalen Felsvorsprung, an den Knöcheln an die Wand gefesselt. Der Boden war kalt und feucht, und die Fackel erleuchtete die grauenvolle Zelle. Sie war von knapp ein Meter fünfzig langen Kalksteinmauern umgeben, die eine schleimige Feuchtigkeit absonderten. Die Decke war kaum eine Handbreit über Lukas’ Kopf. Sein Freund lag auf der Seite, das Gesicht zur Wand, und Lukas nickte Panthera zu, er solle die Fackel halten, damit er den Knöchel untersuchen konnte, den ein übertrieben schwerer Eisenring an einer Kette mit schweren Gliedern umschloss. Jedes einzelne Glied war dicker als der Knöchel des Gefangenen. Lukas hob die Eisenkette an und schätzte das Gewicht auf knapp zehn Kilo. Der Knöchel war immer noch geschwollen, vermutlich von einem Mangel an Bewegung und dem Gewicht der Fessel. Vom Schweiß war der Eisenring rostig geworden und hatte die Haut darunter aufgerieben. Lukas holte eine Salbe hervor. Als er sie auf die wunde Stelle auftrug, erwachte der Gefangene.

„Mein Freund“, krächzte Paulus. „Du bist gekommen. Der Himmel vergelte es dir.“

Lukas ergriff Paulus’ Hand, presste seine Handfläche fest dagegen und verhakte ihre Daumen, sodass er Paulus helfen konnte, sich aufzusetzen. Panthera steckte die Fackel in eine Halterung in der Wand, die anscheinend kaum je benutzt wurde. „Ich lasse euch ein wenig allein“, sagte der große Mann und streckte die Arme aus, um den Rand der Deckenöffnung zu umfassen und sich hochzuziehen.

Paulus war immer klein gewesen, aber als Lukas ihn vor Jahrzehnten kennengelernt hatte, war er drahtig, muskulös und kräftig gewesen. Bis zu seiner letzten Gefangenschaft hatte er immer noch Männer, die halb so alt waren wie er selbst, mit seinem festen Händedruck, seiner Fähigkeit, erstaunliche Strecken zu Fuß zurückzulegen und sogar zu rennen, wenn es nötig sein sollte, in den Schatten gestellt. Und das war nur allzu oft nötig gewesen.

Aber jetzt verfiel der Mann sichtlich. Paulus war nur zwei Jahre älter als Lukas, aber nun sah man ihm tatsächlich jedes seiner mehr als fünfundsechzig Lebensjahre an. Die Knochen standen hervor, sein Händedruck war kraftlos und er saß mit vornübergebeugten Schultern da. Lukas schob mit dem Fuß den Abfalleimer in eine Ecke, was keineswegs half, den Gestank zu vermindern. „Vergiss nicht, ihn wieder in meine Reichweite zu ziehen, bevor du gehst“, sagte Paulus. „Die Dinge stehen auch so schon schlecht genug.“ Er hatte sich nicht waschen können, und er schlief, wie er Lukas berichtete, in seinen Kleidern und benutzte sie als Decke.

Lukas holte das Essen aus seinen Taschen. Paulus griff nach dem Brot und hustete, während er anscheinend gleichzeitig kaute und schluckte und ein Dankgebet sprach. „… gib uns heute unser tägliches Brot und vergib uns unsere Schuld …“

„Langsam, mein Freund. Mach dich nicht krank.“

„Zu spät“, sagte Paulus mit einem leeren Lächeln und zerkaute jetzt Feigen. „Ich verhungere bei den Gefängnisrationen.“

„Wie schläfst du?“

Paulus zuckte die Schultern. „Du hast mich geweckt.“

„Aber nach wie langer Zeit?“

„Das lässt sich hier schwer sagen, Lukas. So gegen Mittag kommt ein wenig Sonnenlicht durch eine Spalte in der Decke, die ungefähr auf Straßenniveau liegen muss. Das wirft einen spärlichen Strahl auf die Wand hinter mir und wandert in vielleicht zwanzig Minuten über den Fußboden, bevor es wieder verschwindet. Und meist wird mir kurz danach meine Ration kalter Grütze gebracht. Und dann sitze ich wieder im Dunkeln. Oft bete ich oder ich singe. Ich fühle mich so nutzlos und ich sehne mich danach, von der Botschaft zu reden, von Christus. Ich habe mich nach anderen Gefangenen erkundigt und wünschte, sie könnten mich hören. Die Wachen hören mir schon gar nicht mehr zu, und als sie es noch taten, haben sie sich natürlich geweigert, meine Botschaft an die anderen weiterzugeben. Sie sagen mir höchstens, ich solle meinen Atem sparen, und dass die anderen sterben, lange bevor ihr Todesurteil vollstreckt werden kann. Lukas, das darf mir nicht geschehen. Versprich mir, dass du das nicht zulassen wirst.“

Lukas schritt in dem erstickenden, winzigen Raum hin und her. „Aber … hast nicht du selbst so wortgewaltig vom Tod geschrieben? ‚Für mich ist Christus das Leben‘, hast du gesagt, ‚und das Sterben ist für mich Gewinn.‘“

„Ich wehre mich ja nicht gegen den Tod, mein Freund. Du vor allen anderen solltest das wissen. Früher oder später sterben wir alle, du und ich ebenfalls. Aber ich wünsche mir, dass ich nicht einfach nur sterbe. Ich möchte, dass auch mein Tod meinem Gott Ehre macht. Meinem Retter und Erlöser. Sie können einen römischen Bürger zum Glück nicht innerhalb der Stadtmauern enthaupten. Sie müssen mich aus der Stadt bringen … oh, wie ich mich nach dem Licht sehne! Aber weit mehr noch sehne ich mich danach, dass es Ohren gibt, die mich hören. Lukas, du kannst dir nicht vorstellen, wie verzweifelt ich mir hier manchmal Zuhörer wünsche! Jetzt bist du hier, und über kurz oder lang werde ich dir etwas vorpredigen! Du Ärmster, du hast das alles ja schon gehört.“

„Diese Botschaft kann ich gar nicht oft genug hören, schon gar nicht aus deinem Mund.“

„Bitte, lass mich nicht sterben, ohne noch einmal eine Gelegenheit bekommen zu haben, weiterzugeben, dass es gute Nachrichten gibt.“

Lukas spürte die schwachen Augen des Paulus auf sich ruhen. „Du denkst, ich verlange zu viel.“

„Ja, das tust du wirklich. Welche Last bürdest du mir damit auf! Paulus, heute sind den ganzen Tag lang Menschen gestorben, trotz all meiner Bemühungen. Ich habe für sie gebetet, sie versorgt, alles versucht, was ich konnte. Und mehr kann ich dir auch nicht anbieten.“

„Lukas, bitte …“

„Du bist wie ein Hund, der sich in den Saum eines Mantels verbissen hat.“

„Aber ich wünsche es doch nicht für mich. Ich möchte nur, dass Gott …“

„Ich weiß doch, was du möchtest, Paulus. Ich weiß es. Und ich bin gekommen, um alles zu tun, was ich kann, damit sich dein Wunsch erfüllt. Aber weißt du auch, was das bedeutet?“

„Dass Christus verkündet und Gott verherrlicht wird und dass taube Herzen wieder hören werden.“

„Es bedeutet, dass ich dabei sein muss.“

Paulus neigte den Kopf zur Seite. „Ja, gewiss. Sicher. Warum solltest du kommen, wenn ich jetzt nicht auf dich zählen kann? Jetzt hast du mich ja gefunden. Sicher denkst du nicht daran, mich einem solchen Schicksal ganz allein zu überlassen?“

Lukas saß schweigend da und schüttelte den Kopf.

„Mein Freund“, sagte Paulus jetzt. „Benachrichtige Timotheus und Markus. Sie sollen alles möglich machen, um herzukommen. Timotheus wird aus Ephesus Wochen brauchen, und wo Markus gerade ist, weiß ich nicht einmal. Aber vielleicht können sie kommen und an meinem Ende bei mir sein.“

„Paulus, keiner von uns würde dich je im Stich lassen. Aber müssen wir wirklich zusehen, wie …“

„Rom kann mir meine Seele nicht rauben. Ihr könnt ganz zuversichtlich sein: Wenn ich nicht mehr in meinem Leib wohne, dann wohne ich bei Christus, meinem Herrn. Wie herrlich wird das sein!“

„Für dich.“

„Auch für euch. Lukas, auch eure Zeit wird kommen und wir werden gemeinsam bei Christus sein. Für immer.“

Alles in Lukas wollte Paulus zustimmen. Aber im Geist sah er das Bild seines besten Freundes, der dem mächtigen Schwert in den Händen des Scharfrichters gegenüberstand, bis der ihm das Haupt von den Schultern trennte.

„Sag Timotheus und Markus, sie sollen meinen Mantel mitbringen und die Bücher. Und vor allem die Pergamente.“

Lukas blinzelte zu Paulus hinüber. „Vor allem …?“

„Ja, die Pergamentrollen.“

Lukas faszinierte es, dass der sonst so furchtlose Apostel seinem Blick anscheinend nicht standhalten konnte. „Was verschweigst du mir?“

Paulus packte Lukas am Umhang und zog ihn dicht zu sich heran. Dann wisperte er: „Diese Pergamente enthalten Aufzeichnungen über mein Leben, Lukas. Und ich nenne Namen. Viele in der Kirche wären gefährdet, wenn die Rollen in die falschen Hände fielen. Ich muss sie haben. Und du musst mir helfen, sie zu vollenden. Wir müssen diese Pergamentrollen schützen, wenn es sein muss, mit unserem eigenen Leben.“

3

Wahrheit

Texas

Während noch zwei weiterer Examensklausuren saß Augustin so dicht er konnte bei der altertümlichen, im Fenster angebrachten Klimaanlage, die ratterte und summte, und versuchte, mit der gleißenden Sonne Schritt zu halten. Die Studenten erwiesen sich als kreativ, füllten immer wieder ihre Wasserflaschen am Wasserspender auf, gossen sich dann Wasser in die Hände und strichen damit über das Gesicht. Manche fuhren sich auch mit nassen Händen durchs Haar.

Augustin hatte es seinen Studenten schon früh im Semester abgewöhnt, sich zu beklagen, und sie wussten, dass es gar keinen Zweck hatte, auch nur anzufangen. „Nirgendwo ist das Leben chaotischer als im kirchlichen Dienst“, hatte er gesagt. „Jammerer haben keine Chance.“ Zum Glück waren jetzt alle nur noch darauf aus, dieses Examen hinter sich zu bringen und dann entweder das Seminar mit ihrem Abschluss zu verlassen oder nach Hause zu fahren, um sich auf das nächste Semester vorzubereiten.

Bis weit in den Nachmittag hinein hatte Augustin sich über Roger Michaels sorgenvoll den Kopf zerbrochen. Was konnte so dringend sein? Schließlich war er wieder in seinem Büro und wollte beginnen, die Klausuren zu bewerten, falls er das Land tatsächlich plötzlich verlassen müsste. Aber zuerst suchte er online nach Flügen von Dallas-Fort Worth nach Rom Fiumicino. Der nächste, bei dem es noch freie Plätze gab, ging in zwei Tagen, Freitag, den 9., um zehn Uhr dreißig, mit Zwischenstopp in Chicago und mit Ankunft in Rom kurz vor acht Uhr am Samstag.

Leider gab es aber nur noch Plätze in der ersten Klasse zum Preis von fast viertausend Dollar. Und da er keine Ahnung hatte, was ihn in Rom erwarten würde, würde er den Rückflug offenlassen müssen – was noch einmal exorbitant teuer werden konnte. Und selbst wenn er das Geld auftreiben könnte – was, wenn er nicht rechtzeitig zurück wäre, um seinen Sommerkurs zu beginnen? Was sollte er Les Moore sagen?

Die Klausuren konnten nicht warten. Das war er seinen Studenten schuldig. Augustin betrachtete den Stapel von Klausurbögen und fragte sich, ob es ihm gelingen würde, seine Sorge um Roger und die Aussicht auf eine Reise, die sein Leben ungemein kompliziert machen würde, beiseitezulegen.

Er würde später jeder einzelnen Klausur die nötige Aufmerksamkeit schenken, aber jetzt sah er sie nur flüchtig durch, um die herauszufischen, die das Thema des Stachels im Fleisch des Paulus gewählt hatten. Viele spekulierten über verschiedenste Krankheiten oder auch Depressionen, eine Scheidung, eine verlorene Liebe, Zweifel, selbst einen geheimen Kampf mit Homosexualität. Augustin nahm sich diese Klausur vor, gespannt darauf, ob der Student eine überzeugende Begründung liefern konnte.

Augustin achtete vor allem darauf, ob ein Student darauf einging, dass – wie Paulus selbst schrieb – dieser Stachel nicht von Gott, sondern vom Satan kam („ein Engel des Satans, der mich mit Fäusten schlägt“). Denn wenn Gott ihm diesen Stachel zugemutet hätte, warum sollte Paulus dreimal darum beten, dass er davon frei würde?

Als eine Schweißperle von Augustins Stirn auf das Papier tropfte, stand er auf, um die Jalousien herunterzulassen. Dabei fiel sein Blick auf einen seiner Griechischstudenten, der auf dem Parkplatz stand.