image

Siegfried Großmann

Und es war sehr gut

Die Schöpfungsbotschaft der Bibel
als Herausforderung für heute

image

Bibelzitate folgen der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift,
© Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1980.

S. 154, Liedvers „Den Menschen heißt am Morgen“, 4. Strophe aus „Auf Seele, Gott zu loben“, Text: Martha Müller-Zitzke 1947, Rechte: Verlag Singende Gemeinde, Wuppertal. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

© Brunnen Verlag 2015
www.brunnen-verlag.de
Umschlaggestaltung: Ingo Riecker
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Herstellung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
ISBN 978-3-7655-7347-7

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1: Die Schöpfungsgeschichte: Genesis 1–3

Kapitel 2: Wie legen wir die Bibel aus?

Kapitel 3: Einheit und Vielfalt der Schöpfungsgeschichte

Kapitel 4: Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft

Kapitel 5: Im Anfang (Genesis 1,1-2)

Kapitel 6: Die Schöpfungswerke (Genesis 1,3-25)

Kapitel 7: „Lasst uns Menschen machen …“ (Genesis 1,26-31)

Kapitel 8: Der siebte Schöpfungstag (Genesis 2,1-4a)

Kapitel 9: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde“ (Genesis 2,4b-25)

Kapitel 10: Die Verführung des Menschen (Genesis 3)

Kapitel 11: Wege zur Schöpfung

Kapitel 12: Wege zum Menschen

Nachwort

Literaturverzeichnis

Vorwort

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde …
(Genesis 1,1)

Die Schöpfungsgeschichte ist ein großartiger Text. Obwohl sie mehr als 2000 Jahre alt ist, kann sie jeder verstehen. Alles fängt geheimnisvoll an: Dunkelheit und Chaos herrschen auf der Erde, nur der Atem Gottes bewegt sich über den ungebändigten Wassermassen. Dann aber leuchtet das Licht auf, und die Schöpfung erwacht zum Leben. Auf Gottes Wort hin entstehen Land und Meer, entwickeln sich Pflanzen und Tiere, und schließlich wird der Mensch geschaffen, gestaltet nach dem Bild Gottes. Als das große Werk vollendet ist, kann Gott aus vollem Herzen sagen: Alles ist sehr gut!

Lese ich weiter, sieht es ganz anders aus. Zwar ist die Schöpfung zunächst wie ein paradiesischer Garten, in dem es alles gibt, was man braucht. Dann aber bricht das Böse ein: „Sollte Gott gesagt haben …?“ Und die Menschen lassen sich verführen: „Ihr werdet sein wie Gott!“ Die Folgen sind bitter: Das Paradies ist verloren, Mensch und Natur verfeindet, der Acker verflucht und die Beziehung zwischen Mann und Frau gestört. Die Menschen fühlen sich nackt, und so muss Gott ihnen Kleider machen und damit zeigen, wie man außerhalb des Paradieses überleben kann. Nichts ist mehr gut!

Warum fasziniert uns die Schöpfungsgeschichte noch immer, obwohl sie aus einer ganz anderen Zeit stammt? Mir geht dieser Text so nahe, weil er meine ganze Lebenserfahrung umschließt: Die Schöpfung ist gut, die Welt ist schön und eigentlich ist alles da, was man braucht. Gleichzeitig aber erlebe ich: Die Welt ist böse, Sünde und Ungerechtigkeit bestimmen das Leben und niemand kann sich daraus befreien. Aber warum gibt es so viel Böses? Offensichtlich ist der Mensch nicht in der Lage, mit dem Geschaffenen schöpfungsgemäß umzugehen – und an dieser Diagnose hat sich über die Jahrtausende der Geschichte bis heute nichts geändert.

Was bedeutet nun die Schöpfungsbotschaft der Bibel für uns, die Menschen des 21. Jahrhunderts? Haben wir heute noch eine Vorstellung davon, wie schöpfungsgemäßes Leben aussieht? Sehen wir nicht eher unser Versagen? Ist aus der Schöpfung nicht längst Erschöpfung geworden, in der Natur wie beim Menschen?1 Wie kann unser modernes Leben in Übereinstimmung mit Gottes Schöpfungsordnung gebracht werden? Wie sehen die Grenzen aus, die wir – auch wenn wir könnten – nicht überschreiten sollten? Damit stellt sich eine zentrale Frage:

Wie kann die Schöpfungsbotschaft der Bibel wieder neu zum Maßstab unseres Lebens werden?

Das ist die Zielsetzung dieses Buches. Es geht darum, den Grundentwurf des Schöpfers zu erkennen, wie er uns in den Schöpfungstexten der Bibel nahegebracht wird. Denn ihre Aussagen sind Gottes eigener Kommentar zu seiner Schöpfung – und nie haben wir ihn dringender gebraucht als heute.

Hier aber beginnen die Schwierigkeiten. Denn wenn wir als aufgeklärte und wissenschaftlich orientierte Menschen von heute die Schöpfungsgeschichte lesen, kommt sie uns hoffnungslos veraltet vor: der Himmel als festes Gewölbe über der Erde? Die Entstehung der Pflanzen, bevor es die Sonne gibt? Eine Schöpfung in sieben Tagen? Ein Gott, der seine Geschöpfe aus Erde formt? Eine Schlange, die sprechen kann? Ist es möglich, unsere heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse und den Schöpfungsglauben in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen? Oder muss ein Mensch, der an Gott als den Schöpfer glaubt, aus dem Erkenntnishorizont der Moderne herausfallen?

Diese Probleme müssen wir klären, wenn wir uns als Menschen des 21. Jahrhunderts der Schöpfungsbotschaft der Bibel nähern wollen. Aber dabei dürfen wir nicht stehen bleiben, denn es geht um viel mehr: Wie kann der Glaube an Gott, den Schöpfer, uns heute helfen, schöpfungsgemäß zu leben? Was können wir aus den Schöpfungstexten der Bibel lernen, um den Prozess der Erschöpfung und Zerstörung des Planeten Erde aufzuhalten? Wie finden wir in den Schöpfungstexten der Bibel trotz ihrer Integration in ein ganz anderes Weltbild die zeitlose Botschaft für heute?

Wir haben also eine anspruchsvolle Aufgabe zu lösen, denn wir müssen versuchen, die zeitlosen Aussagen der biblischen Texte so von den zeitbedingten zu lösen, dass wir die Schöpfungsbotschaft der Bibel in unsere heutige Lebenssituation übertragen können. Und das soll so geschehen, dass der Inhalt der Texte als Gottes Botschaft an uns „eins zu eins“ erhalten bleibt.

Mein Buch ist nicht für Spezialisten gedacht, sondern für Menschen, die sich als verantwortliche Bürger ihrer Gesellschaft sehen und ihre Verantwortung „unter den Augen Gottes“ wahrnehmen wollen. Denn um von der Erschöpfung wieder zur Schöpfung zu gelangen, braucht es viele Menschen, die „mit Ernst Christen sein wollen“ und gleichzeitig den Ernst der Lage erkennen, in der sich der Planet Erde, unsere gemeinsame Heimat, befindet.

Machen wir uns also auf den Weg!

KAPITEL 1

Die Schöpfungsgeschichte: Genesis 1–32

Um einen biblischen Text zu verstehen, müssen wir uns ihm nähern – intellektuell wie emotional. Wenn ein Text jedoch so bekannt und gleichzeitig so umstritten ist wie die Schöpfungsgeschichte, ist es schwer, sich unbefangen mit ihm zu beschäftigen. Denn wir kennen ihn zu gut, wir haben zu viel über ihn gehört und vielleicht ist uns auch der Streit, den es um ihn gegeben hat, lästig geworden. Wie können wir diese Befangenheit überwinden? Wir brauchen eine neue Ausdrucksform des Textes, die uns überrascht und fasziniert – so, als würden wir ihn zum ersten Mal lesen. Deshalb habe ich eine eigene Übertragung der Schöpfungsgeschichte geschrieben, von der ich hoffe, dass sie dazu beitragen kann, einen neuen Zugang zu diesem alten Text zu finden.

1. Ich verzichte auf die Kapitel- und Verseinteilung, die zwar zum Auffinden einzelner Bibelstellen wichtig ist, aber ständig den Lesefluss unterbricht. In meiner Übertragung kann man deshalb die Schöpfungsgeschichte wie einen modernen Text lesen.

2. Meine Übertragung berücksichtigt, dass Gen 1–3 aus zwei Teilen besteht, die in Stil und Ausdrucksweise sehr verschieden sind. Denn der erste Teil, das Siebentagewerk (Gen 1), beschreibt die Schöpfung in einer stark verdichteten, hymnischen Sprache. Der zweite Teil (Gen 2–3), die Erschaffung und Verführung des Menschen, ist eine typische Erzählung, die in verschiedenen Szenen die Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zur Vertreibung aus dem Garten Eden beschreibt. Deshalb habe ich den ersten Teil als Lyrik und den zweiten Teil als Prosa gestaltet.3

Das Siebentagewerk
(Gen 1,1–2,4a)

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war tohu wabohu,
ohne Gestalt und Leben,
nur der Geist Gottes
schwebte über den Wassern.
Da sprach Gott:
Es werde Licht,
und es wurde Licht.
Gott sah, dass das Licht gut war,
und so trennte er das Licht von der Finsternis.
Das Licht nannte Gott Tag,
und die Finsternis nannte er Nacht.
Dabei wurde es Abend, und es wurde Morgen:
der erste Tag.

Da sprach Gott:
Inmitten der Wasser entstehe ein festes Gewölbe,
das Wasser unterhalb und oberhalb zu trennen.
Gott machte das Gewölbe
und trennte das Wasser.
So geschah es.
Das Gewölbe nannte Gott Himmel.
Dabei wurde es Abend, und es wurde Morgen:
der zweite Tag.

Da sprach Gott:
Das Wasser unter dem Himmel sammle sich,
damit das Trockene sichtbar werde.
So geschah es.
Das Trockene nannte Gott Land,
und das gesammelte Wasser nannte er Meer.
Gott sah, dass es gut war.
Da sprach Gott:
Das Land bringe junges Grün hervor,
Pflanzen, die Samen tragen
und Bäume, die Früchte bringen,
in denen ihr Same ist.
So geschah es.
Die Erde ließ Pflanzen sprossen
und Bäume wachsen.
Gott sah, dass es gut war.
Dabei wurde es Abend, und es wurde Morgen:
der dritte Tag.

Da sprach Gott:
Es sollen Lichter am Himmel entstehen,
die Tag und Nacht voneinander trennen
und als Zeichen dienen,
damit man Tage und Jahre
und die Festzeiten bestimmen kann.
Als Lichter am Gewölbe des Himmels
sollen sie über die ganze Erde leuchten.
So geschah es.
Gott machte die beiden großen Lichter,
das größere, das den Tag bestimmt,
und das kleinere, der Nacht zu dienen,
dazu die Sterne.
Und Gott setzte die Lichter
an das Gewölbe des Himmels,
damit sie über die ganze Erde leuchten,
den Tag und die Nacht beherrschen
und das Licht von der Finsternis scheiden.
Gott sah, dass es gut war.
Dabei wurde es Abend, und es wurde Morgen:
der vierte Tag.

Da sprach Gott:
Das Wasser wimmle von Lebewesen,
und Vögel sollen unter dem Himmel
und über das Land fliegen.
Gott schuf die großen Seeungeheuer
und alle Lebewesen,
von denen das Wasser wimmelt,
dazu die gefiederten Vögel,
jedes nach seiner Art.
Gott sah, dass es gut war.
Und Gott segnete sie und sprach:
Seid fruchtbar, vermehrt euch,
und bevölkert das Meer und die Luft.
Dabei wurde es Abend, und es wurde Morgen:
der fünfte Tag.

Da sprach Gott:
Auch das Land bringe Lebewesen hervor,
alle Arten von Vieh,
von Kriechtieren
und von den wilden Tieren des Feldes.
So geschah es.
Gott machte die wilden Tiere des Feldes,
das Vieh,
und alles, was auf dem Boden kriecht.
Gott sah, dass es gut war.
Da sprach Gott:
Lasst uns Menschen machen,
gestaltet nach unserem Bild,
uns ähnlich.
Sie sollen Verantwortung tragen
für die Fische im Meer,
die Vögel unter dem Himmel,
das Vieh,
alles, was auf dem Boden kriecht,
und für die ganze Erde.
So schuf Gott den Menschen,
gestaltet nach seinem Bild,
männlich und weiblich.
Gott segnete sie und sprach:
Seid fruchtbar, vermehrt euch,
bevölkert die Erde
und nehmt sie in Besitz.
Tragt Verantwortung
für die Fische im Meer,
die Vögel des Himmels
und für alle Lebewesen,
die sich auf der Erde regen.
Und Gott sprach:
Alle Pflanzen, die Samen tragen,
und alle Bäume, die Früchte bringen,
in denen ihr Samen ist,
sollen euch zur Nahrung dienen.
Allen Tieren des Feldes,
allen Vögeln des Himmels
und allen Lebewesen auf der Erde,
in denen sich Atem regt,
gebe ich die grünen Pflanzen zur Nahrung.
So geschah es.
Und Gott sah alles an,
was er gemacht hatte:
Es war sehr gut.
Dabei wurde es Abend, und es wurde Morgen:
der sechste Tag.

So wurden Himmel und Erde vollendet,
die ganze Fülle der Schöpfung.
Und Gott vollendete seine Arbeit am siebten Tag,
indem er ruhte.
Er segnete den siebten Tag
und erklärte ihn heilig,
denn er feierte,
weil das ganze Werk der Schöpfung vollendet war.
Das ist die Entstehungsgeschichte
von Himmel und Erde,
so, wie sie geschaffen wurden.

 

Die Erzählung von der Schöpfung und der Verführung des Menschen
(Gen 2,4b–3,24)

Zu der Zeit, als Gott4 die Erde und den Himmel machte, gab es auf der Erde noch keinen einzigen Strauch. Es wuchs auch noch nichts auf dem Feld, denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen. Es gab ja auch noch keinen Menschen, der den Ackerboden hätte bestellen können. Nur ein Dunst stieg von der Erde auf und befeuchtete die ganze Fläche des Ackerbodens.

Da formte Gott adam, den Menschen, aus Staub von adamah, dem Erdboden, und hauchte in seine Nase den Atem des Lebens. Und so wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

Dann legte Gott in Eden, einer fruchtbaren Gegend, die im Osten liegt, einen Garten an und brachte den Menschen, den er gebildet hatte, dorthin. Er ließ aus dem Boden verschiedene Bäume wachsen, die prächtig anzuschauen waren und köstliche Früchte trugen. In der Mitte des Gartens aber standen der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

In Eden entspringt ein Strom, um den Garten zu bewässern, der sich danach in vier große Ströme teilt. Der erste heißt Pischon und fließt um das ganze Land Hawila, wo es Gold, wohlriechendes Harz und Edelsteine gibt. Der zweite Strom heißt Gihon und fließt um das ganze Land Kusch. Der dritte Strom heißt Tigris und fließt an Assur vorbei, und der vierte Strom ist der Euphrat.

Gott nahm nun den Menschen und brachte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und bewahre. Er sagte zu ihm: Du darfst von allen Bäumen im Garten essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Denn sobald du davon isst, musst du sterben.

Dann sprach Gott zu sich selbst: Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe schaffen, die ihm entspricht. Und Gott formte aus dem Erdboden die Landtiere und die Vögel und brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Denn genau so sollten sie heißen. Und der Mensch gab allen Tieren einen Namen, dem Vieh, den Vögeln und den Landtieren. Eine Hilfe aber, die dem Menschen entspricht, fand sich nicht.

Da ließ Gott einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, nahm eine seiner Rippen heraus, verschloss die Stelle mit Fleisch und baute aus der Rippe des Menschen eine Frau. Als er sie zu ihm brachte, rief der Mensch: Diesmal ist sie es wirklich, gestaltet wie ich! Ischah, Frau, soll sie heißen, denn von isch, dem Mann, ist sie genommen.

Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, damit sie zu einer Gemeinschaft werden, die das ganze Leben umfasst.

Adam und seine Frau aber waren nackt, und sie schämten sich nicht.

Die Schlange aber war listiger als alle Tiere, die Gott gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem der Bäume im Garten essen dürft? Nein, sagte die Frau, wir dürfen von allen Bäumen im Garten essen, nur nicht von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht. Von ihm hat Gott gesagt: Esst nicht davon, ja, rührt die Früchte nicht einmal an, denn sonst müsst ihr sterben. Nein, sagte die Schlange, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr, dass euch dann die Augen aufgehen. Ihr werdet sein wie Gott und Gut und Böse unterscheiden können.

Da schaute die Frau den Baum an, der in der Mitte des Gartens stand, sah seine köstlichen Früchte und stellte sich vor, wie verlockend es wäre, klug zu sein und Gut und Böse unterscheiden zu können. So nahm sie von den Früchten, aß sie und gab sie ihrem Mann, der bei ihr war, und er aß auch. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich daraus einen Lendenschurz.

Als sie hörten, wie Gott im kühlen Abendwind im Garten umherging, versteckten sie sich vor ihm unter den Bäumen. Da rief Gott: Adam, wo bist du? Er antwortete: Als ich dich im Garten umhergehen hörte, fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und versteckte mich unter den Bäumen. Darauf fragte Gott: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du etwa von den verbotenen Früchten gegessen? Adam antwortete: Die Frau, die du mir an die Seite gestellt hast, gab sie mir, und so habe ich sie gegessen. Da sagte Gott zur Frau: Was hast du da getan? Sie antwortete: Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich von den Früchten gegessen.

Da sprach Gott zur Schlange: Weil du das getan hast, sollst du verflucht sein und von allen Tieren gemieden werden. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Zwischen dir und der Frau und deinen und ihren Nachkommen wird Feindschaft herrschen. Die Menschen werden nach deinem Kopf treten, und du wirst nach ihrer Ferse stoßen.

Zur Frau sprach er: Deine Schwangerschaft wird dir große Mühe bereiten, und deine Kinder wirst du unter Schmerzen gebären. Du wirst dich nach deinem Mann sehnen, er aber wird dein Leben bestimmen.

Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von den verbotenen Früchten gegessen hast, soll der Ackerboden um deinetwillen verflucht sein. Es wird dir sehr schwerfallen, von den Erträgen des Ackers zu leben, denn du musst Pflanzen ernten, die unter Dornen und Disteln wachsen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, von dem du genommen bist. Denn Staub bist du, und zu Staub wirst du werden.

Adam aber gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie sollte zur Mutter aller Menschen werden. Und Gott machte Adam und Eva Kleider aus Fellen und zog sie ihnen an.

Dann sprach Gott zu sich selbst: Der Mensch ist wie wir geworden, denn er kann jetzt Gut und Böse unterscheiden. Was wäre, wenn er jetzt seine Hand ausstreckte, die Früchte vom Baum des Lebens zu essen und ewig zu leben? So vertrieb Gott den Menschen aus dem Garten Eden und ließ im Osten vor dem Garten die Cherubim mit dem flammenden Schwert lagern, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.

KAPITEL 2

Wie legen wir die Bibel aus?

Seit Langem gibt es in der Christenheit eine heftige Diskussion über das Schriftverständnis. Welche Bedeutung hat die Bibel für uns und wie legen wir sie angemessen aus? Die Situation ist angesichts der vielen exegetischen Ansätze und Methoden recht unübersichtlich und eine Antwort nicht leicht zu gewinnen. Trotzdem können wir die Frage nach dem Schriftverständnis nicht ausklammern, denn je nach dem vorhandenen Vorverständnis wird die Auslegung der Schöpfungsgeschichte ganz unterschiedlich ausfallen. Ich kann das Thema im Rahmen dieses Buches nicht ausführlich behandeln, aber ich will wenigstens versuchen, meine eigene Position zu erklären und zu begründen. So kann der Leser selbst entscheiden, ob er meinen Weg der Auslegung mitgehen will.

Grundpositionen der Exegese

Aus den vielen exegetischen Ansätzen, die es heute gibt, lassen sich drei Grundpositionen ermitteln, die ich jeweils am Beispiel der Schöpfungsgeschichte erklären will. Dabei möchte ich betonen, dass ich Begriffe wie „fundamentalistisch“ oder „historisch-kritisch“ nicht wertend, sondern lediglich beschreibend verwende.

1. Wörtliche Auslegung

Hier wird die Schöpfungsgeschichte als Schöpfungsbericht verstanden, als ein Bericht, der die Erschaffung der Welt in allen geschilderten Einzelheiten real beschreibt. Dieses fundamentalistische Schriftverständnis wird am deutlichsten in der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel von 1978 zum Ausdruck gebracht: „Da die Schrift vollständig von Gott gegeben wurde, ist sie in allem, was sie lehrt, ohne Irrtum und Fehler. Das gilt nicht weniger für das, was sie über Gottes Handeln in der Schöpfung, über die Ereignisse der Weltgeschichte und über ihre eigene literarische Herkunft unter Gott aussagt, als für ihr Zeugnis von Gottes rettender Gnade im Leben einzelner.“5

Von diesem Verständnis der Schöpfungsgeschichte ist es nur noch ein kurzer Weg bis zu den Thesen des Kurzzeit-Kreationismus.6 Danach ist das Universum in sechs Erdentagen erschaffen worden und nach den Genealogien im 1. Buch Mose etwa 6000 Jahre alt. Das Problem, dass die Erde viel älter wirkt, versucht eine weitverbreitete kreationistische Publikation so zu lösen: „Die meisten, die an eine Schöpfung in sechs Tagen glauben, sind … der Meinung, dass die Schöpfung nicht lange zurückliegt, und dass Gott die Dinge mit einem Anschein an Alter geschaffen hat.“7 Nach der Lehre des Kurzzeit-Kreationismus sind die verschiedenen Arten der Pflanzen und Tiere, und mit ihnen auch der Mensch, am Anfang von Gott so geschaffen worden, wie wir sie heute kennen. Damit wird jede Art von Evolution grundsätzlich abgelehnt. Adam und Eva sind historische Personen, die Gott gleich als Erwachsene geschaffen hat, und die als die Stammeltern aller weiteren Menschen zu gelten haben.

2. Kritische Auslegung

Hier wird die Schöpfungsgeschichte als Schöpfungsmythos angesehen, als Teil der mythologischen Überlieferung über die Entstehung der Welt, die wir bei vielen Völkern finden. Danach hat sich im Laufe der Zeit in Israel die Vorstellung des einen Gottes Jahwe entwickelt – im Gegensatz zu den Vielgötter-Religionen in der Umwelt Israels. Was bedeutet das, wenn die Schöpfungsgeschichte ein Mythos ist? Gerhard von Rad erklärt es so: „Dass wir es bei diesen sehr alten Überlieferungen mit Sagen zu tun haben, ist eine Erkenntnis, hinter die wir nicht mehr zurückgehen können … Halten wir also für alles Weitere fest: Die Sage ist keinesfalls ein Produkt dichterischer Phantasie, sie umfasst vielmehr die Summe der lebendigen geschichtlichen Erinnerung der Völker.“8 Gott ist also in diesem kritischen Schriftverständnis kein reales Gegenüber des Menschen, sondern eine Gottesvorstellung, die sich aus den Erfahrungen der Menschen entwickelt hat.

In den letzten Jahrzehnten haben sich neue exegetische Ansätze entwickelt, die mit einem Vorverständnis an die Texte herangehen, das sich aus den Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart speist. So geht das Programm der Entmythologisierung davon aus, dass man dem modernen Menschen die Mythen der Bibel nicht mehr als Gottes Wort vermitteln könne. Befreiungstheologische Auslegungen stellen die Gerechtigkeitsfrage in den Vordergrund. Die feministische Theologie will das Patriarchat überwinden. Andere betrachten biblische Texte aus einer sozialpsychologischen Perspektive oder wollen sie tiefenpsychologisch deuten. Während sich die wörtliche Auslegung in ständige Widersprüche zu den modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verstrickt, macht sich die kritische Auslegung oft zu stark von den Erkenntnissen der Gegenwart und deren Grenzen abhängig.

3. Die Suche nach einem Mittelweg

Seit jeher gibt es Ansätze, einen Weg zu suchen, der für kritische Fragen an den Text offen ist, ohne die Autorität der Bibel als Offenbarung Gottes anzutasten. Die Schöpfungsgeschichte wird dabei als Schöpfungsbotschaft angesehen, in der Gott dem Menschen das Wesen seiner Schöpfung offenbart. Diese Botschaft ist – wie bei anderen Aussagen der Bibel auch – in das Weltbild und den Erfahrungshorizont der Entstehungszeit der Texte integriert. Denn die Botschaft war ja zunächst für ihre unmittelbaren Empfänger gedacht. Damit sie nun zum Maßstab für die Gegenwart werden kann, muss man die biblische Schöpfungsbotschaft aus ihrer zeitgebundenen Darstellungsweise herauslösen und mit unserem heutigen Weltbild verbinden – so wie es die alten Texte mit dem damaligen Weltbild getan haben. Die Kunst der Auslegung besteht dann darin, die zeitlose Botschaft eines Textes so herauszuarbeiten, dass sie in die Gegenwart hinein verlängert werden kann, ohne dass ihr Aussagegehalt verloren geht.

Wie bei der wörtlichen Auslegung wird auch hier die Bibel als inspiriertes Gotteswort angesehen, aber nicht in ihrem Wortlaut, sondern in ihrem Inhalt. Ohne Vorverständnis geht es natürlich auch hier nicht, denn bei der Frage, was zeitgebunden und was zeitlos ist, kommen Kriterien zum Tragen, die mit unseren heutigen Erkenntnissen und Erfahrungen zu tun haben. So wird die göttliche Botschaft nur dann nicht verloren gehen, wenn wir uns dieser Zeitgebundenheit selbstkritisch bewusst sind und mit ihr sehr vorsichtig umgehen. Denn es darf nicht der Mainstream der modernen Welt darüber entscheiden, was zeitlos ist, sondern nur die „Mitte der Schrift“9, die man im Kern ihrer Gesamtaussage zu suchen hat. Erst dann kann man versuchen herauszuhören, was das geoffenbarte Gotteswort den Menschen heute sagen will.

Mein eigenes Schriftverständnis

Mein eigenes Schriftverständnis ist im Grundsatz bei diesem Mittelweg angesiedelt10 und ich möchte dies in den folgenden Thesen beschreiben:

1. In der Bibel wird von den Erfahrungen berichtet, die Menschen mit Gott gemacht haben. Die Bibel ist also weder „vom Himmel gefallen“ noch den Autoren „in die Feder diktiert“ worden. Die beteiligten Menschen haben vielmehr das weitergegeben, was sie erkannt und erfahren hatten. Gott hat sein Wort also Menschen anvertraut, die es von ihren Fragen und Erfahrungen her wahrgenommen haben. Darin liegt das Geheimnis der Integration der biblischen Botschaft in die Welt der Hörer und Leser – denn sonst könnten wir sie überhaupt nicht verstehen.

2. Weil der menschliche Anteil an der Entstehung der Bibel so hoch ist, stellt sich die Frage, ob sie dann trotzdem das geoffenbarte Wort Gottes sein kann? Ich bejahe das ohne Einschränkung, denn ich sehe in der Entstehung der biblischen Schriften ein „Gemeinschaftswerk“ der beteiligten Menschen und des Geistes Gottes. Darin ist nicht nur die Autorität der Bibel begründet, sondern auch ihre besondere Stärke, die in ihrer Vielfalt und der Verwurzelung im Leben der Menschen liegt. Auf diese Weise ist sie „von Gott eingegeben“ (2Tim 3,16) – und das gilt umfassend: für die mündliche Überlieferung, die Arbeit der Autoren und Redaktoren und die Entstehung des biblischen Kanons, also der Auswahl der Texte, die heute das Alte und das Neue Testament bilden. Diese Sicht über das Wesen der Bibel ist allerdings Glaubenssache, denn ihr Offenbarungscharakter kann ebenso wenig bewiesen werden wie die Existenz Gottes selbst.

3. Bei dieser „Arbeitsweise“ des Heiligen Geistes überrascht es nicht, dass die geschichtlichen Spuren aus der Zeit der Verfasser erhalten geblieben sind. Für das Siebentagewerk in Gen 1 ist das besonders ausgeprägt. Die grundlegende Botschaft ist eindeutig: Alles, was existiert, ist von Gott geschaffen, der Mensch ist nach dem Bild Gottes gestaltet und seine Schöpfung ist sehr gut. Das Weltbild aber, in das diese Aussagen eingebettet sind, ist überholt: Die Erde schwimmt nicht als Scheibe im Weltenozean, der Himmel ist kein festes Gewölbe über der Erde und Sonne und Mond sind keine Lampen, die angeschaltet werden, wenn es dunkel wird. Um die Schöpfungsbotschaft zu verstehen, müssen wir das tun, was die biblischen Autoren auch getan haben: das Schöpfungshandeln Gottes im Zusammenhang mit dem aktuellen Weltbild verkündigen.

4. Die Arbeit an den biblischen Texten ist ein Suchen nach der Wahrheit, das allerdings in Ehrfurcht vor dem Wort Gottes und im Bewusstsein unserer menschlichen Begrenzung geschehen sollte. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Kriterien, die unsere Auslegung eines Bibeltextes bestimmen, dieser Grenzerfahrung unterliegen. Damit will ich die Forschungsergebnisse der Bibelwissenschaft und die Leistungen der Exegese nicht kleinreden. Denn ohne sie könnten wir an vielen Stellen die biblische Lehre nicht verstehen. Sie dürfen sich aber nicht über die Botschaft der Bibel stellen, weil sie sonst ihre dienende Funktion für den Glauben verlieren. Die Bibelwissenschaft hat also die Aufgabe, den großen zeitlichen Abstand zwischen der Entstehung der Texte und der Gegenwart zu überbrücken und die dem Text und seiner sprachlichen Gestalt innewohnenden Schwierigkeiten zu überwinden. Denn alle Bemühungen um einen Text haben das Ziel, ihn so verstehen zu lernen, dass er zu uns sprechen kann.

KAPITEL 3

Einheit und Vielfalt der Schöpfungsgeschichte

Der überlieferte Text der Schöpfungsgeschichte wirft manche Fragen auf. Warum wird sie in wesentlichen Teilen zweimal erzählt und noch dazu auf so unterschiedliche Weise? Warum ist der Stil der beiden Teile so verschieden? Ist hier ein Nacheinander gemeint, das mit der guten Schöpfung Gottes beginnt und mit der Verführung des Menschen endet? Oder wird hier ein Geschehen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt? Was bedeutet es, dass in der biblischen Schöpfungsgeschichte zwei Teile sichtbar werden, die so aussehen, als würden sie sich widersprechen?

Eine Schöpfungsgeschichte in zwei Teilen

Die traditionelle Auslegung von Gen 1–3 geht davon aus, dass es sich bei der Schöpfungsgeschichte um einen einzigen, in sich geschlossenen Text handelt, der von Mose selbst verfasst worden ist.11 Wer Gen 1–3 im Zusammenhang betrachtet, stellt dagegen schnell fest, dass ein erster Teil der Schöpfungsgeschichte offensichtlich mit Gen 2,4a zu Ende geht: „Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.“ Und in Gen 2,4b beginnt ein neuer Teil: „Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte …“ Es ist möglich, dass Gen 2,4a vom Redaktor des Pentateuchs stammt, der damit beide Teile verbinden wollte, was dann aber noch deutlicher dafür sprechen würde, dass es hier zwei Teile gab, die durch einen Einschub zu einem gemeinsamen Text verbunden werden mussten.12

Wenn wir – wie im vorigen Kapitel erörtert – davon ausgehen, dass sowohl die mündliche Überlieferung als auch die Arbeit der Autoren und Redaktoren unter der Führung des Heiligen Geistes stand, ist es eigentlich unwichtig, ob die Schöpfungsgeschichte einheitlich ist oder aus zwei Teilen besteht. Beides würde ihrer Autorität keinen Abbruch tun. Wenn wir aber die Widersprüche zwischen Gen 1 und Gen 2–3 erklären wollen, ist es ratsam, die ins Auge fallende Zweiteilung zur Klärung der offenen Fragen heranzuziehen.

Welche Unterschiede bestehen nun zwischen den beiden Teilen?

1. Von den stilistischen Unterschieden haben wir bereits gesprochen: Gen 1 berichtet von der Schöpfung in einer feierlichen, verdichteten Sprache, während Gen 2–3 eine fortlaufende Geschichte erzählt.

2. Die beiden Teile setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Gen 1 beschäftigt sich mit dem ganzen Universum und spricht daher am Anfang von „Himmel und Erde“. In Gen 2–3 geht es dagegen vor allem um den Menschen und aus dieser Perspektive spricht der Text von „Erde und Himmel“.

3. Gen 1 erklärt die Schöpfung als eine zeitliche Entwicklung und veranschaulicht dies durch die Struktur der sieben Tage. Gen 2–3 erzählt die Geschichte der Erschaffung und Verführung des Menschen in einzelnen Szenen, vom Beginn der Schöpfung an über die Ereignisse im Garten Eden bis zur Vertreibung aus dem Paradies.

4. Beide Teile verwenden verschiedene Gottesnamen. Gen 1 spricht von elohimjahwe elohim