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Rose Dowsett und Chad Berry (Hrsg.)

Gottes Wunder im Taifun

Erlebnisse aus der Mission in Asien

 

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Die englischsprachige Originalausgabe erschien unter dem Titel

„God’s Faithfulness – Stories from China Inland Mission and

OMF International“ bei OMF International.

© 2014 OMF International, Singapur

Ins Deutsche übersetzt von Renate Hübsch, außer den folgenden Teilen:

S. 11-19: Wolfgang und Ursula Schröder; S. 19-27: Tabea Näf;

S. 43-50: Beatrix Neblung; S. 50-54: Corinna Schellenberger;

S. 81-85: Susanne Hohnecker; S. 109-114: Tabea Keller; S. 131-136: E.S.

Die Bibelzitate folgen im Allgemeinen der Hoffnung für alle®.

Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica, Inc.™.

Verwendet mit freundlicher Genehmigung von `fontis – Brunnen Basel.

Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

© der deutschen Ausgabe: Brunnen Verlag Gießen 2015

www.brunnen-verlag.de

Umschlagfoto: Igor Demchenkov/Shutterstock.com

Umschlaggestaltung: Olaf Johannson

Satz: DTP Brunnen

ISBN 978-3-7655-2036-5

eISBN 978-3-7655-7343-9

Inhalt

Asienkarte

Vorwort

Vorwort zur deutschen Ausgabe

1. Von der Dunkelheit zum Licht

Rettung aus dem Tsunami (Thailand)

Der kambodschanische Lazarus

Licht über der Dunkelheit (Mongolei)

Der „Pearl Family Garden“: Hilfe für Taiwans Prostituierte

Such die Wahrheit in den Fakten (China)

Begegnungen hinter Gittern (Taiwan)

2. Gott stärkt die Schwachen

Unerwarteter Mut (Thailand)

Von Engeln bewahrt (Philippinen)

Lasst die Straßenkinder zu mir kommen … (Thailand)

Einen Berg versetzen – Stein für Stein (Philippinen)

Gottes Maßarbeit für Chinesen in Afrika (Kenia)

3. Gott versorgt

Ein Millionengeschenk (Japan)

In Gottes Reich hineingeliebt: Missionarin, auch wenn die Eltern keine Christen sind (Singapur/Japan)

Eine Bibelschule für Nordthailand

Gottes Wunder im Taifun (Japan)

4. Gottes Treue mitten im Sturm

Boxer und „fremde Teufel“ (China)

Leiden kann Türen für das Evangelium öffnen (Philippinen)

Evangelistin im Rollstuhl (Thailand)

Gemeindewachstum von null auf hundert (Malaysia)

5. Gott führt

Nervenkrieg oder: Im Zickzackkurs zum Visum (Südostasien)

Ein Schock nach dem anderen (Südostasien)

Die Macht des gedruckten Wortes (Indonesien)

Unzugänglich? Der guten Nachricht ist kein Ort zu fern (China)

Anhang

Mission verändert: 150 Jahre China Inland Mission

Mission verändert: Von Hudson Taylor bis heute

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Vorwort

Die Bibel ist ein Buch voller Geschichten. Sie erzählen von überschwänglicher Freude und tiefem Schmerz, von bemerkenswertem Erfolg und beklagenswertem Scheitern, von unglaublichen Wundern und kaum erträglichen Katastrophen. Aber die bedeutendste Geschichte dreht sich nicht um Menschen, sondern um Gott. Sie berichtet von seiner endlosen Geduld, wenn sein Volk in die Irre geht, von seiner großzügigen Versorgung, wenn sein Volk Mangel erlebt, von seiner umarmenden Liebe, wenn sein Volk leidet.

Die Bibel fordert uns auf, diese Geschichte Gottes weiterzuerzählen, sie weiterzugeben an die nächste Generation. „Lass mich auch jetzt nicht im Stich, o Gott, jetzt, wo ich alt und grau geworden bin! Gib mir noch so viel Zeit, dass ich auch meinen Kindern und Enkeln noch erzählen kann, wie groß und mächtig du bist!“ (Psalm 71,8)

Mose ermahnt die Israeliten, Gottes Treue nicht zu vergessen: „Denkt zurück an ferne Zeiten, an Jahre, die längst vergangen sind! Fragt eure Eltern, was damals geschah! Die alten Leute werden es euch sagen“ (5. Mose 32,7).

In der Bibel finden wir Geschichten darüber, wie das persönliche Leben Einzelner von Gottes Liebe und seiner Macht berührt und dadurch verwandelt wird – manchmal auf ungemein zärtliche Weise, etwa bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus (Markus 1,30), bei einem Frühstück mit niedergeschlagenen Jüngern (Johannes 21,12), durch Hoffnung mitten in finsterster Nacht und tosendem Sturm (Apostelgeschichte 27,19ff ). Geschichten wie diese bilden nicht die Mehrheit, es geht darin nicht um große Menschenmengen – aber jede von ihnen spiegelt doch das zärtliche Vaterherz Gottes wider, der zugleich Jahwe ist – der ewige, souveräne Schöpfergott, der Herr des Universums.

Dies ist ein Buch mit wirklichen Geschichten über wirkliche Menschen. Jede Begegnung, die auf diesen Seiten festgehalten ist, bezeugt das machtvolle Wirken Gottes im Leben dieser Mitarbeiter der OMF – im Leben von ganz normalen Menschen wie Sie und ich. Sie werden lesen, wie das Leben eines Vaters verändert wurde, der sehr zornig darüber war, dass seine Tochter sich in den Dienst nach Taiwan rufen ließ. Sie werden vom Mut eines jungen Kanadiers erfahren, der in einem kriminellen Umfeld einem Rebellenführer furchtlos die Wahrheit ins Gesicht sagte. Sie werden die Anteilnahme einer holländischen Schwester für Frauen, die in die Prostitution geraten sind, kennenlernen und Christen begleiten, die nach dem Tsunami im Indischen Ozean Einheimischen dabei halfen, nach vermissten Angehörigen zu suchen. Aus jeder Geschichte fällt ein Strahl Licht und Hoffnung in die Welt – ein Strahl der entscheidenden Hoffnung auf Christus. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Geschichten als ebenso inspirierend erleben wie ich.

Patrick Fung

Generaldirektor von OMF International

Vorwort zur deutschen Ausgabe

150 Jahre China Inland Mission – das ist ein Grund zum Feiern. Und vor allem zum Staunen. Weil wir hören und lesen, wie Menschen heute Jesus begegnen. Überall, auch in Asien. Und weil diese dann die gute Botschaft weitergeben.

Schon immer war es so.

Für mich besonders faszinierend ist: Von Anfang an verstand sich die China Inland Mission als Glaubensmission. Diese Art von Mission ist etwas ganz Besonderes: Ohne irgendwie nach außen um finanzielle Unterstützung zu bitten, vertraut die Mission schlicht und kindlich darauf, dass Gott versorgt, wen er sendet. Dass immer das zusammenkommt, was für die Aufgaben in der Ostasienmission nötig ist, gerade auch an materiellen Mitteln. Seit 150 Jahren.

OMF – wie die China Inland Mission heute heißt – ist international und überkonfessionell. Im deutschsprachigen Raum ist sie als „Überseeische Missionsgemeinschaft“ (ÜMG) und OMF bekannt. 1950 wurde die ÜMG Schweiz gegründet, die aktuell 80 Mitarbeitende nach Ostasien ausgesandt hat. 1967 kam die ÜMG Deutschland dazu; ihr gehören 60 Mitarbeitende an. Diese arbeiten in internationalen Teams eng zusammen – aus ganz verschiedenen Kulturen, Nationen, Konfessionen und Denominationen, mit ganz verschiedenen Charakteren. Schon immer hat die Mission in diesem Sinne global gedacht und gehandelt. Jesus sagt ja zu allen: „Geht hin in alle Welt!“

Wie das heute in Ostasien und unter Asiaten in aller Welt geschieht, werden Sie in diesem Buch lesen. Hier wurden Geschichten gesammelt, die davon erzählen, wie Gott Leben verändert. Wie er aus dem Dunkel ins Licht führt. Wie er die Schwachen stärkt, die Seinen versorgt, treu bleibt mitten im Sturm, lehrt und führt.

Gott schreibt Geschichte. Das können Sie auf jeder Seite dieses Buches lesen und nacherleben. Er hat 150 Jahre Missionsgeschichte geschrieben. Er schreibt mit meinem Leben Geschichte. Das geht mir wieder neu nahe, wenn ich diese Geschichten lese.

„Darauf könnt ihr euch verlassen, denn Gott steht zu seinem Wort. Er selbst hat euch ja zur Gemeinschaft mit seinem Sohn, unserem Herrn Jesus Christus, berufen“ (1. Korinther 1,9). Gott ist treu. Lesen Sie davon, vertrauen Sie darauf, erleben Sie es! Dieses Buch wird Sie neu dafür begeistern.

Ralf Albrecht

Dekan der Evangelischen Landeskirche in Württemberg,

Vorsitzender der OMF/ÜMG Deutschland von 2005-2011

Anmerkung

1 früher „Overseas Missionary Fellowship“ bzw. „Überseeische Missionsgemeinschaft“

2 Jurte, ein rundes Filzzelt, das es immer noch viel in Zentralasien gibt.

3 Seminaristen des Union Bible Theological College (UBTC) in Ulaanbaatar, Mongolei.

4 Celebrate Recovery begann in der Saddleback Church in den USA, der Gemeinde von Pastor Rick Warren. In der Mongolei entwickelte sich Celebrate Recovery aus einem „Alcohol Abuse Reduction Project (AARP)“, das bei JCS International begonnen wurde. AARP wurde zuerst von dem JCS/OMF-Mitarbeiter Bill Fearnehough geleitet. Heute ist Celebrate Recovery eine mongolische Organisation mit einheimischem Direktor.

5 Joint Christian Services International ist ein Zusammenschluss von mehreren christlichen Missions- und Hilfsorganisationen.

6 Oft als „die Erweckung von Bario“ bezeichnet. Diese Geschehnisse sind u. a. in Bario Revival von Solomon Bulan und Lillian Bulan-Doral beschrieben.

7 Englisch, die Schulsprache der Region, war oft die beste Kommunikationssprache für eine Gemeinde, die sich aus vielen verschiedenen Volksgruppen zusammensetzte.

8 Name dieser ethnischen Minderheit aus Sicherheitsgründen geändert.

1. Von der Dunkelheit zum Licht

Seit Gott die Welt schuf, gab es sowohl Licht als auch Dunkelheit. Wo immer wir auf der Erde leben, in welcher Generation auch immer, ist uns der Rhythmus von Tag und Nacht vertraut.

Nach Gottes vollkommenem Plan wurden sowohl Licht als auch Finsternis, sowohl Tag als auch Nacht als Segen erdacht. Am Tag wird für das Leben gesorgt und die Arbeit vollbracht. Im Schutz der Nacht kommen Ruhe und Schlaf. Sowohl Dunkelheit als auch Licht sind gut in den liebenden Händen Gottes.

Durch menschlichen Ungehorsam kam Sünde in die Welt. Dadurch bekam die Dunkelheit zunehmend eine unheimliche Qualität. Bei Nacht vergrößert sich die Angst. Wer wird angreifen? Welche Mächte der Finsternis, die uns Böses wollen, umgeben uns? Welche Bosheit wird im „Schutz der Nacht“ geschehen? Dies wird zur Metapher für alles Böse und alles Übel. Es wird zum Bild für das menschliche Leben, das sich von Gott, seinem Schöpfer, entfremdet hat, und für Ignoranz, Ungehorsam oder Unglauben, die einen Menschen von der willigen Unterwerfung unter den König und Herrn unseres Lebens abhalten.

Deshalb wird in Gottes Wort dieses Bild für das Evangelium benutzt: Es versetzt Menschen aus der Finsternis ins Licht. Das Evangelium ist die gute Nachricht, durch die der Heilige Geist Männer und Frauen zur Erkenntnis bringt und dazu, Gott zu lieben. Gott ist treu, er hält seine Zusage, dass jeder, egal wie dunkel auch sein Hintergrund ist, ins Licht der wiederhergestellten Freundschaft mit Ihm selbst kommen kann, wenn er sein Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus setzt. Denn Jesus Christus ist wirklich das Licht der Welt.

Ein großer Teil Ostasiens kann großes Wachstum im Blick auf wirtschaftlichen Erfolg und Ausbildung verzeichnen und rangiert damit auf einem der oberen Ränge weltweit. Es ist in Ordnung, dass diese Dinge gefeiert werden. Aber gleichzeitig lebt der Großteil der ostasiatischen Völker in geistlicher Finsternis. Manche folgen einer anderen Religion, die – obwohl sie edel erscheint – keinen Frieden mit Gott bringen kann und die nicht ins Licht führt, so wie die Bibel es versteht. Viele sind gefangen in der Furcht vor der Geisterwelt oder sind überwältigt von der Dunkelheit des schicksalhaften Leidens. Manche lieben die Dunkelheit einfach mehr als das Licht. Natürlich ist dies nicht nur in Ostasien der Fall. Weiter gibt es in ganz Ostasien Menschen, die von der Dunkelheit ins Licht gekommen sind, als sie sich dem Herrn Jesus Christus anvertraut haben. Die folgenden Geschichten berichten von einigen von ihnen.

Rettung aus dem Tsunami (Thailand)

Der 26. Dezember 2004 wird lange im Gedächtnis der Menschen in Südostasien bleiben. Ein starkes Erdbeben unter dem Meer löste einen schrecklichen Tsunami aus, der viele Länder betraf und zu einem enormen Verlust von Leben, Häusern und Existenzen führte. Mitarbeiter von OMF International1 konnten unmittelbar danach und auch auf dem langen Weg des Wiederaufbaus helfen. Auch viele Christen vor Ort spielten eine wichtige Rolle in der Hilfe und Begleitung von Verletzten, Trauernden und Heimatlosen.

Für die junge Oruma bedeutete diese Zeit sehr volle Tage mit einem ständigen Strom von neuen Gästen, die willkommen geheißen, denen sie ihre Zimmer zuweisen und deren Fragen sie beantworten musste. Jeder Einzelne wurde mit der typischen Thai-Höflichkeit begrüßt.

Oruma arbeitete am Empfang eines Hotels in Khao Lak, etwa 50 km nördlich vom beliebten Touristenort Phuket. Auch Khao Lak war sehr beliebt und zu der Jahreszeit voller Touristen, so viel sie unterbringen konnten. Oruma schaute zu dem großen Fenster vor ihrem Schreibtisch hinaus auf den dicht bevölkerten Strand gleich davor und nahm automatisch wahr, was die Menschen dort taten. Einige lagen lesend unter ihren großen, gestreiften Sonnenschirmen. Andere schwammen im warmen, blauen Meer. Wieder andere cremten sich eifrig mit Sonnenschutzmitteln ein. Sie sahen schon jetzt röter aus, als es gut war. Kinder rannten und verfolgten einander am Strand entlang, kickten Bälle und spielten im Sand. Ihr aufgeregtes Geschrei und Gelächter schallte durch den Empfangsbereich, wo Oruma saß.

Für einige Zeit konzentrierte sich Oruma auf den Bildschirm ihres Computers und die Aufgabe, herauszufinden, wer am nächsten Tag abreisen würde. Für diese Gäste musste sie die Rechnungen fertig machen. Bald jedoch nahm sie im Unterbewusstsein etwas wahr: Irgendetwas hatte sich verändert. Als sie den Kopf hob, um wieder aus dem Fenster zu schauen, bemerkte sie, dass einige der Kinder aufgehört hatten zu spielen und jetzt einfach dastanden und auf den Ozean starrten. Dann bemerkte sie, dass es nicht nur die Kinder waren, sondern dass alle ihr Tun unterbrochen hatten, und neugierig aufs Meer starrten. War da ein Hai oder ein Stachelrochen im Wasser?, fragte sie sich.

Um herauszufinden, wonach alle schauten, schlüpfte sie hinaus, damit sie es besser sehen konnte. Sofort wusste sie es. Der Strand war leer und es sah aus, als ob das Wasser in den Ozean abflösse – als ob jemand den Stöpsel aus einer Badewanne gezogen hätte. Als ob das Wasser weiter und weiter ins Meer hinausgezogen würde. Einige Boote, die im Wasser gehüpft waren, lagen nun still im Sand. Es hing eine unheimliche Stille in der Luft, beinahe so, als ob die ganze Welt zum Stillstand gekommen wäre.

Einen Augenblick später drehte sich der Wind und blies eine gewaltige Bö über den Strand. Die Bäume schwankten wild hin und her und Vögel protestierten lautstark. Oruma konnte am Horizont eine schwache Linie sehen: von einer hohen Wasserwand, die sich zurück zum Strand bewegte. Rasend schnell.

Wie ein Stich fuhr Oruma das Entsetzen durch die Brust. Eine riesige Welle, größer als alles, was sie bisher je gesehen hatte, bahnte sich reißend den Weg zu ihnen. Als ihr das zu Bewusstsein kam, hörte sie panische Schreie. Leute um sie her packten ihre Kinder und ihre Sachen und rannten, so schnell sie konnten, vom Strand fort. Sowohl die Touristen als auch die Mitarbeiter starrten nicht länger ungläubig oder verwirrt, sondern sie rannten um ihr Leben. Oruma wusste, dass sie auch rennen musste. Sie musste irgendwo höher hinauf. Während sie rannte, hörte sie ein tiefes Donnergrollen dicht hinter sich. Sie wagte nicht zurückzublicken, aber sie wusste, dass die Welle Boden gewann. Mit Stichen in der Lunge und schmerzendem Brustkorb rannte sie schneller als je zuvor in ihrem Leben.

Das Geräusch wie von Donnergrollen kam näher und näher. Dann hörte sie, dass diese gewaltige Wasserwand alles, was in ihrem Weg war, überflutete. Bäume fielen auf einen Schlag um. Sonnenschirme, Stühle, Tische, Putzwagen – alles verschwand im tosenden Wasser. Noch bevor Oruma weiterrennen oder schreien konnte, hatte die Welle auch sie erfasst. Sie wurde hineingezogen in ihren gewaltigen Sog und unter dem braunen, schäumenden Wasser herumgewirbelt, kopfüber, kopfunter, immer und immer wieder, in harte Gegenstände, die sie nicht sehen konnte, hineingestoßen.

Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit unter Wasser, aber schließlich konnte sie sich zur Oberfläche kämpfen und nach der rettenden Luft schnappen. Hustend und nach Luft ringend konnte sie ein schwimmendes Stück Holz ergreifen, um sich kurz festzuhalten. Im nächsten Augenblick riss die Gewalt des Wassers ihr das Holz weg, und wieder wurde sie unter das schäumende, finstere Wasser gezogen. Sie war sicher, dass sie jetzt sterben würde. Da kam ihr plötzlich wie ein Blitz etwas, was sie einige Tage zuvor in einem Buch gelesen hatte. Sie hatte eine Anzeige im Fernsehen gesehen und beschlossen, dieses Buch, das kostenlos angeboten wurde, zu bestellen. Das Buch handelte von Gott und seinem Sohn Jesus und erklärte alles über den christlichen Glauben. Sie erinnerte sich besonders an eine Seite, auf der stand: Das Opfer von Jesus am Kreuz bedeute, dass alle, die an ihn glaubten, gerettet würden. Gerettet – würde dieser Jesus sie jetzt retten?

Die starke Strömung zog sie weiter und weiter hinunter. Sie wurde umhergewirbelt und stieß mit allen möglichen losen Trümmerteilen zusammen. In totaler Verzweiflung, schon nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren, betete sie: „Gott, wenn es dich gibt, rette mich aus diesem tödlichen Wasser. Bitte, Gott, rette mich!“

Wenige Sekunden nach diesem Gebet drückte die Strömung sie wieder an die Oberfläche und es gelang ihr, ein Seil, das sich in einem Baum verfangen hatte, zu packen. Wieder rang sie um Luft, hustete und schluckte, aber sie hielt sich an diesem Seil fest. Ihre Gedanken überschlugen sich, klebriges Blut tropfte ihr vom Gesicht und jeder Knochen und jeder Muskel schmerzte. Sie konnte nur an eines denken: „Es gibt einen Gott und er hat mich gerettet!“

Eine Stunde früher am gleichen Tag sangen Matthias und Raphaela Holighaus mit ihren beiden kleinen Söhnen fröhliche Weihnachtslieder in ihrem Gottesdienst in Bangkok. Die kleine Gemeinde feierte die Geburt von Jesus, ihrem Retter.

Matthias und Raphaela kamen aus Deutschland und arbeiteten seit sechs Jahren mit der OMF International in Thailand. Die Thaisprache konnten sie inzwischen fließend. Sie arbeiteten mit einer Organisation namens Baan Nok Kamin, die durch einen OMF-Kollegen begonnen worden war und für Waisen und ehemalige Straßenkinder sorgte. Darüber hinaus teilten sie ihre eigene Wohnung mit einer Gruppe von Teenagern mit Problemen oder ohne Zuhause.

„Wir erlebten diese Arbeit als sehr lohnend“, sagte Matthias. „Es war zeitweise wirklich hart, aber es war für uns erfüllend. Wir konnten in junge Leute investieren, die tiefe Wunden aus ihrer Vergangenheit mitbrachten und kaum Liebe erfahren hatten. Es war großartig, mit ihnen Zeit zu verbringen und sie einfach mit der Liebe von Jesus zu lieben.“

Als der Gottesdienst am zweiten Weihnachtsfeiertag gerade zum Ende kam, rannte auf einmal ein thailändisches Gemeindeglied nach vorne. „Sie war eine unserer Mitarbeiterinnen und sie war ganz blass und unter Schock. ‚Eine riesige Welle ist über ganz Ko Phi Phi hinweggerollt‘, stammelte sie (eine Inselgruppe im Süden Thailands; d. Übers.). Wir rannten geschockt nach Hause und schalteten den Fernseher ein, um Nachrichten zu sehen. Sofort erfuhren wir: Es hatte ein sehr starkes Erdbeben der Stärke 9,1 auf der Richterskala unter dem Indischen Ozean gegeben, das einen gewaltigen Tsunami ausgelöst hatte. Es schien, dass Tausende von Touristen und Einheimische getötet oder verletzt worden waren.

Später wurde geschätzt, dass etwa 230.000 Menschen in vierzehn verschiedenen Ländern ihr Leben verloren hatten, aber unmittelbar nach der Katastrophe war das ganze Ausmaß nicht zu fassen. Als jedoch die Neuigkeiten so langsam durchsickerten, überlegte Matthias, ob er seine Hilfe anbieten könnte. „Ich dachte, ich kann wenigstens mit Übersetzen helfen. Wir wussten, wie schwierig es für einen Ausländer sein kann, mit einem Unglück fertigzuwerden. Es gibt große Sprachbarrieren. Ich konnte Thai, Deutsch und Englisch, und ich könnte die Sprachbarriere zwischen Touristen und den Thailändern überbrücken. Als Christen wollten wir sowieso helfen.“

Zunächst eilte Matthias zum Universitätsgelände in Bangkok, das hastig als vorübergehende Unterkunft für Menschen eingerichtet worden war, die aus der vom Tsunami getroffenen Region herausgeflogen worden waren und nun warten mussten, bis sie nach Hause weiterreisen konnten. Sie standen unter Schock, viele waren verletzt, und Matthias konnte helfen. Aber als mehr und mehr Leute ankamen, die helfen wollten, erkannte er, dass er in Südthailand eine größere Hilfe sein konnte, in einer der Gegenden, wo der Tsunami schlimm gewütet hatte.

Innerhalb weniger Stunden konnte Matthias einen Flug mit einem Flugzeug der thailändischen Luftwaffe bekommen, die für einen Hilfseinsatz in Phuket mobilisiert worden war. Mit ihm reiste Dam, einer der Teenager, die zu der Zeit bei Familie Holighaus lebten. Was sie dann antrafen, war schrecklich und chaotisch. Hunderte Menschen rannten in verzweifelter Panik umher und suchten vermisste Angehörige oder versuchten einfach wegzukommen. Es gab so viele schwer verletzte Menschen, dass einer der Flughafenhangars als medizinisches Zentrum eingerichtet wurde. Aber auch dieses quoll bald über von Verletzten, oft blutüberströmt, die alle in großen Schmerzen schrien, ein schrecklicher Anblick.

Obwohl die Not dort so groß war, teilte ein Flughafenbeamter Matthias mit, dass die Gegend von Khao Lak wahrscheinlich die am schlimmsten betroffene war. Weil es dort aber nicht so viele Touristen gab, hatte es bis dahin noch nicht viel Hilfe erhalten. Die Not war so überwältigend groß, dass es nicht möglich war, sofort überallhin zu gehen. Es waren ja erst zwei Tage seit dem Tsunami vergangen.

Matthias und Dam fanden schließlich eine Fahrgelegenheit nach Khao Lak, zwei Stunden weiter als Phuket. Während dieser Fahrt sahen sie mit eigenen Augen, welch totale Zerstörung der Tsunami angerichtet hatte. „Es gab Busse, die auf dem Dach mitten auf der Straße lagen. Überall gab es Trümmer. Wir waren 2 km von der Küste entfernt, aber da waren Boote angeschwemmt, und ein großes Schiff saß auf einem Berg. Alles – Häuser, Bäume, große Gebäude – war zerstört. Es war eisig kalt, als wir in dieser Nacht auf der Ladefläche des Lasters fuhren, aber der Geruch von verwesenden Leichen, die zwischen den Mangroven lagen, war überwältigend. Sie lagen ja schon zwei volle Tage in der heißen Sonne!

Matthias und Dam wurden zum buddhistischen Tempel in Khao Lak gewiesen, den Ort, an dem die Hilfe für die Gegend organisiert wurde. Der Tempel war auch der Platz, zu dem die gefundenen Leichen gebracht wurden. Es gab bereits über 1.000 verwesende Leichname dort, für die es noch keine Leichensäcke gab. Es war unbeschreiblich schrecklich.

Dennoch war dies der einzige Ort, an dem Matthias und Dam bleiben konnten, und an dem der Boden nicht mit stinkendem Schlamm und Schutt bedeckt war. Als Matthias in dieser Nacht wach lag, betete er, dass er irgendwie ein wenig von Gottes Licht in diese Dunkelheit und Verzweiflung bringen könnte.

Zwei Tage lang taten Matthias und Dam alles, was sie konnten. Sie halfen, Leichen zu identifizieren, halfen verzweifelten Angehörigen, die vermisste Angehörige suchten, übersetzten, halfen, halfen, halfen … Dann mussten sie nach Bangkok zurückkehren.

Für Matthias war dies der Beginn eines Jahres, in dem er sechzehnmal nach Khao Lak reiste. Lange, nachdem all die überlebenden Touristen abgereist waren, blieben die Nöte der einheimischen Überlebenden sehr akut. Matthias konnte Beziehungen zu ihnen aufbauen und half, die Verteilung von Nahrungsmitteln, Wasser und Kleidung zu organisieren. Nach einiger Zeit erstellte die Regierung von Thailand vorübergehende Unterkünfte, aber die meisten Leute waren so traumatisiert, dass sie nichts anderes tun konnten, als verzweifelt herumzusitzen. Bald kamen Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt an, die die Möglichkeiten und Mittel hatten, beim Wiederaufbau zu helfen. Matthias konnte sie unterstützen, weil er einerseits die Thaisprache beherrschte und andererseits Beziehungen aufgebaut hatte. Bis heute schmerzen manche Wunden immer noch tief. Der Wiederaufbau von Leben und Gemeinden dauert viele Jahre.

Während einer seiner vielen Besuche in Khao Lak traf Matthias Oruma und hörte ihre Geschichte. Er hatte in einem kleinen Hotel eingecheckt, um dort während eines Besuchs zu wohnen. Da traf er Oruma. Sie arbeitete in diesem Hotel. Matthias erfuhr überrascht, dass Oruma ihr Überleben Gott zuschrieb. „Ich war erstaunt zu hören, wie Gott sie auf diese Katastrophe vorbereitet hatte. Das Buch, das sie über Jesus und das Christsein gelesen hatte, hatte sie nur eine Woche vor dem Tsunami bekommen. Sie hatte es sorgfältig gelesen und versucht, es zu verstehen.“

Oruma sagte, dass sie trotz regelmäßiger Besuche im Tempel immer leer und unbefriedigt geblieben war. Sie war hingegangen, um Verdienste zu erwerben und um den Götzen und Geistern Opfer zu bringen, aber sie hatte nie Frieden bekommen. Als sie die Werbung im Fernsehen sah, interessierte sie sich dafür, mehr über den christlichen Glauben zu erfahren: Könnte dieser Antwort geben auf ihre tiefsten Bedürfnisse und Fragen? Sie rief bei der Nummer an und bat, dass sie ihr das Buch schicken sollten. Sobald es kam, las sie es eifrig. Obwohl sie zum ersten Mal vom Christsein hörte, dachte sie, dies sei vielleicht das, wonach sie gesucht und was ihr bei ihren Tempelbesuchen gefehlt hatte. Sie strich sogar die Stellen an, die sie ansprachen. Dies alles ging ihr blitzartig durch den Sinn, als sie unter dem gewalttätigen Wasser kämpfte.

OMF International war eine unter mehreren christlichen Organisationen, die nach Südthailand kamen, um beim Aufräumen und Wiederaufbau zu helfen. Als die Christen den Menschen vor Ort dienten und ihr Leben teilten, kamen einige zum Glauben und begannen neue Gemeinden. Matthias konnte Oruma in Kontakt mit einer dieser neuen Gruppen von Gläubigen in der Nähe ihrer Wohnung bringen.

Vor dem Tsunami war die Gegend um Khao Lak eine der vom Evangelium am wenigsten erreichten Gebiete in Thailand mit ganz wenigen bekannten Christen. Doch das Mitgefühl und die Hilfe der Christen, noch lange, nachdem die anderen wieder gegangen waren, half, dass die Dörfer wiederaufgebaut und neue Boote für die Fischer angeschafft werden konnten. Es hat das Ansehen des christlichen Glaubens völlig verändert und Offenheit fürs Evangelium in dieser Gegend bewirkt. „Es waren die Christen, die uns geholfen haben“, sagen die Leute. Berichten zufolge haben sich Hunderte Jesus anvertraut.

In geistlicher Dunkelheit und dem schwarzen Trauma des Tsunami hatte Gott in seiner Gnade das Wunder des Lichts gebracht.

Der kambodschanische Lazarus

Auf Kambodschas schreckliche Diktatur und den Genozid unter Pol Pot in den Jahren 1975-79 folgten zwölf Jahre Bürgerkrieg. Wie hilft man einem Volk, sich nach so einem Trauma zu erholen? 1991 wurde es OMF International zusammen mit einigen anderen christlichen Organisationen erlaubt, Mitarbeiter ins Land zu senden, um beim Wiederaufbau mitzuhelfen: durch Gnade und Entwicklungshilfe, aber auch Gemeindegründung und Gemeindeentwicklung, universitäre Ausbildung und anderes. Im Mercy Medical Center in Phnom Penh arbeiten Mitarbeiter verschiedener Organisationen Hand in Hand mit Einheimischen. Die deutschen ÜMG-Mitarbeiter, Dr. Andrés Guglielmetti (Chirurg) und seine Frau Dorothea sowie Inge Mathes (Anästhesistin), sind dort tätig, wie auch einige OMF-Ärzte aus Hongkong, Australien, England und den USA.

Ungefähr 90 Kilometer nördlich der Hauptstadt Phnom Penh liegt die Provinz Kampong Chhnang und die gleichnamige Stadt. Die wörtliche Übersetzung dieses Namens ist Hafen der Töpferei oder Tontopfhafen. Vor vielen Jahrhunderten war Kampong Chhnang eine Küstenstadt auf der Handelsroute zwischen China und Indien, aber über die Jahrhunderte brachte der Fluss Mekong Schlamm, sodass das Land viele Kilometer nach Osten aufgebaut wurde. Heute steht die Stadt an einem Nebenfluss des Mekong, dem Tonle Sap. Gute Wasserversorgung und geeigneter Boden hielten die Tradition der Töpferei für Jahrhunderte lebendig, aber wie die meisten anderen Fähigkeiten wurde auch dieses Handwerk während der Herrschaft von Pol Pot größtenteils vernichtet.

Vor zehn Jahren haben Michael und Angela (Namen aus Sicherheitsgründen geändert) eine kleine Keramikwerkstatt eröffnet, um Filter zur Wasserreinigung herzustellen. Da sie von Hand arbeiteten, konnten sie täglich nur einzelne Filter herstellen. Bald sahen sie, dass eine Fabrik gebraucht wurde, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen und mehr Filter produzieren zu können. Zusätzlich könnten sie dann weitere Keramikprodukte produzieren, sie vermarkten und damit mehr Familien versorgen.

„Ihr baut nur eine Gemeinde auf und helft den Leuten nicht!“, beschwerte sich einer der Dorfältesten während des Baus des Fabrikgebäudes. „Wie können wir diesem Mann Jesus zeigen?“, fragten sich Michael und Angela. „Lasst ihn uns als Fabrikaufseher anstellen!“, beschlossen sie. „So können wir ihm Gottes Gnade und Liebe so zeigen, dass er es versteht.“