Nick Vujicic

Freihändig

Warum mich und dich
so schnell nichts aufhält

Aus dem Englischen von Julian Müller

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This translation published by arrangement with WaterBrook Press, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Random House, Inc.

Um die Identität von Personen zu schützen, wurden einzelne Details oder Namen verändert.

Bibelzitate folgen in der Regel der Übersetzung Hoffnung für alle®. Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™
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NL – Neues Leben. Die Bibel. © Copyright der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
L – Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984.
© 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
EÜ – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift
© 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart.

© der deutschsprachigen Ausgabe: 2013 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Lektorat: Konstanze von der Pahlen
Coverfoto: © Allen Mozo
Hochzeitsfotos: Cherie Steinberg Coté
Umschlaggestaltung: Sabine Schweda
Satz: DTP Brunnen
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7655-1583-5
elSBN 978-3-7655-7104-6

In Gedenken an Kiyoshi Miyahara, meinen Schwiegervater, den ich erst im Himmel kennenlernen werde

Dieses Buch widme ich meiner Frau Kanae Loida Vujicic-Miyahara, meinem allergrößten Geschenk, gleich nach Gottes Erlösungstat.

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1  Alle Mann auf Station!

Kapitel 2  Frontalcrash

Kapitel 3  Herzensdinge

Kapitel 4  Lebe nicht auf Sparflamme

Kapitel 5  Schwacher Körper, starker Geist

Kapitel 6  Ich, mein größter Feind

Kapitel 7  Mach dir Luft und wehr dich

Kapitel 8  Absprung nach oben

Kapitel 9  Kleine Tat, große Wirkung

Kapitel 10 Leben im Gleichgewicht

Danksagung

Einleitung

Willkommen in meinem zweiten Buch! Ich heiße Nick Vujicic (ausgesprochen Wu-ji-tschitsch). Auch wenn du mein erstes Buch, Mein Leben ohne Limits, nicht gelesen hast, kennst du mich vielleicht aus YouTube-Videos oder von einem meiner Auftritte als Motivationstrainer und Prediger.

Wie du wahrscheinlich weißt oder auf dem Buchumschlag erkennst, wurde ich ohne Arme und Beine geboren. Was man nicht gleich sieht: Das hält mich nicht davon ab, ein aufregendes Leben, einen erfüllenden Beruf und ein Netzwerk aus guten Beziehungen zu haben. In diesem Buch möchte ich dir zeigen, woher ich trotz meiner Behinderung immer wieder die Kraft bekomme für mein unverschämt gutes Leben.

So viel vorab: Man muss das, woran man glaubt, einfach in die Tat umsetzen. Man muss an sich selbst glauben, seine Talente, einen Lebenssinn und daran, dass Gott einen liebt und man nicht umsonst auf dieser Erde ist.

Die Idee für dieses Buch ist so entstanden: Immer wieder bitten mich junge wie alte Menschen von überall her um Rat, weil sie Probleme in ihrem Leben haben. Sie wissen, dass ich in meinem Leben so einige Hindernisse überwunden habe: Selbstmordgedanken als Kind, die Angst, nie für mich selbst sorgen zu können oder eine Frau zu finden, die mich liebt, Erfahrungen mit Mobbing und so einige andere Schwierigkeiten und Ängste, die viele von uns kennen.

In den einzelnen Kapiteln widme ich mich also den Problemen, die in diesen Mails oder Briefen am häufigsten zur Sprache kommen. Dazu gehören:

persönliche Krisen

Beziehungsprobleme

Herausforderungen im Berufsleben

gesundheitliche Probleme und Behinderungen

selbstzerstörerische Gedanken, Emotionen und Suchtverhalten

Mobbing, Verfolgung, unmenschliche Behandlung und Intoleranz

der Umgang mit Dingen, die außerhalb unserer Macht liegen

wie man sich einbringt und anderen Menschen hilft

wie man Körper, Geist, Herz und Seele in Einklang bringt

Ich hoffe, dass meine eigenen Erlebnisse und die von anderen, die oft noch mehr Schwierigkeiten und harte Umstände durchgemacht haben als ich, dir helfen werden, die Herausforderungen deines Lebens zu meistern. Natürlich habe ich nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber ich habe selbst von guten Ratschlägen profitiert, die mir viele weise Leute gegeben haben.

Was auf den folgenden Seiten steht, soll dir helfen und dich auf neue Ideen bringen. Beim Lesen möchte ich dir jetzt schon einen wichtigen Gedanken ans Herz legen: Du bist nicht allein. Freunde, Familienmitglieder, Lehrer, Berater, Pastoren – man kann sich an vielen Stellen Hilfe holen. Denk nicht, du müsstest deine Sorgen ganz allein tragen.

Mit welchen Problemen du auch immer konfrontiert bist: Vor dir gab es schon viele, die eine ganz ähnliche Situation meistern mussten. Deswegen erzähle ich in diesem Buch nicht nur von mir, sondern auch von Bekannten und anderen Menschen, die mir ihre Geschichte erzählt haben. In manchen Fällen habe ich die Namen geändert, aber die Begebenheiten sind echt. Sie sagen etwas über den Mut, das Vertrauen und das Durchhaltevermögen derer aus, die sie durchlebt haben.

Als ich als Kind versuchte, mich mit meiner Behinderung abzufinden, machte ich einen großen Fehler: Ich dachte, niemand hätte je so gelitten wie ich und meine Probleme wären unlösbar. Dass ich keine Gliedmaßen hatte, war für mich der Beweis dafür, dass Gott mich nicht liebte und mein Leben sinnlos war. Dummerweise dachte ich auch, ich könne das niemandem sagen – noch nicht einmal denen, die mich liebten und denen ich wichtig war.

Dabei lag ich falsch – in jeglicher Hinsicht. Ich war gar nicht allein in meinem Schmerz. Und es haben Leute noch mit viel größeren Schwierigkeiten fertig werden müssen. Und Gott? Er liebt mich nicht nur, sondern hat mir Möglichkeiten eröffnet, von denen ich nie gewagt hätte zu träumen. Was er alles mit mir anfangen kann, erstaunt mich immer wieder.

Solange du auf dieser Erde bist, hat dein Leben auch einen Sinn. Das Päckchen, das du zu tragen hast, mag beängstigend sein. Aber wie du auf den folgenden Seiten sehen wirst, hat man mit der richtigen Portion Gott- und Selbstvertrauen unglaubliche Kraftreserven.

Ich sage das nicht nur so daher. Auch ohne Arme und Beine reise ich um die Welt, erreiche Millionen von Menschen und fühle mich dabei über alle Maßen beschenkt. Dabei bin ich genauso unvollkommen wie jeder andere. Ich habe gute und schlechte Tage, und manchmal haut mich eine Herausforderung geradezu um. Und doch weiß ich eins: Gerade da, wo ich schwach bin, ist Gott stark. Ich setze meinen Glauben in die Tat um, und deshalb hält mich so schnell nichts auf.

KAPITEL 1

Alle Mann auf Station!

Kurz vor Ende meiner Rednertour durch Mexiko 2011 rief mich jemand von der amerikanischen Botschaft in Mexiko City an. Er erklärte mir, dass mein Arbeitsvisum wegen einer „Ermittlung zum Schutz der nationalen Sicherheit“ auf Eis liege.

Ich lebe mit Arbeitsvisum in den USA, weil ich gebürtiger Australier bin. Ohne dieses Visum konnte ich nicht nach Hause nach Kalifornien zurück. Dummerweise hatte mein Mitarbeiterstab auch noch eine ganze Reihe von Vorträgen in den USA angesetzt. Ich hatte also ein ernstes Problem.

Am nächsten Morgen stand ich früh mit meiner Pflegekraft Richie bei der Botschaft auf der Matte, um herauszufinden, was mein Visum mit der nationalen Sicherheit zu tun haben konnte. Als wir ankamen, war der Wartesaal schon voll. Wir mussten eine Nummer ziehen. Die Wartezeit war so lang, dass ich ein hübsches Nickerchen machen konnte, bevor wir aufgerufen wurden.

Wenn ich nervös bin, fange ich oft an, Witze zu machen. Leider bringt das nicht immer den gewünschten Erfolg. „Stimmt etwas mit meinen Fingerabdrücken nicht?“, scherzte ich. Der Beamte sah mich nur mit versteinerter Miene an. Dann rief er seinen Vorgesetzten. (Vielleicht war ja mein Humor eine Gefahr für die nationale Sicherheit?) Der Vorgesetze kam und schaute genauso grimmig drein. Ich sah mich schon in einer Zelle sitzen.

„Ihr Name taucht im Rahmen einer Ermittlung auf“, sagte er teilnahmslos. „Sie können erst wieder in die Vereinigten Staaten einreisen, wenn diese Sache geklärt ist. Das kann bis zu einem Monat dauern.“

Mir gefror das Blut in den Adern. Das ist doch ein Scherz, oder?!

In diesem Augenblick ging Richie zu Boden. Zuerst dachte ich, er sei ohnmächtig geworden, aber er kniete sich tatsächlich vor allen Leuten hin und betete. Er ist wirklich ein fürsorglicher Kerl. Er hob die gefalteten Hände gen Himmel und bat um ein Wunder.

Um mich herum schien alles zugleich in Zeitlupe und im Zeitraffer zu geschehen. Während mir tausend Gedanken durch den Kopf schossen, sagte der Beamte, mein Name tauche wohl deswegen auf, weil ich so viel herumreise.

Hielten die mich für einen internationalen Terroristen? Konnte ich denn plötzlich eine Waffe ziehen? Ich schwöre, ich hatte gegen niemand die Hand erhoben. (Siehst du, was passiert, wenn ich nervös bin? Ich kann nichts dafür!)

„Hören Sie, was soll denn von mir für eine Gefahr ausgehen?“, fragte ich den Botschaftsangestellten. „Ich treffe morgen den mexikanischen Präsidenten und seine Frau im Präsidentenpalast zu einer Dreikönigstagsfeier. Dort werde ich offensichtlich nicht als Bedrohung gesehen.“

Der US-Beamte blieb unbeeindruckt. „Und wenn Sie Präsident Obama treffen. Sie reisen erst in die Vereinigten Staaten von Amerika ein, wenn diese Untersuchung beendet ist.“

Die Situation wäre sicher komisch gewesen, wenn nicht eine lange Liste von Vorträgen in meinem Terminplan gestanden hätte. Ich musste dringend nach Hause.

Eins wollte ich auf keinen Fall tun: Herumsitzen und warten, bis irgendjemand entschieden hatte, dass Amerikaner sich ohne Bedenken mit mir im selben Haus aufhalten konnten. Also versuchte ich minutenlang den Beamten zu überzeugen. Ich erklärte ihm meine Situation, erwähnte mächtige Freunde und versuchte ihm klarzumachen, dass eine Firma von mir abhing und ich doch die Waisenkinder nicht im Stich lassen könnte.

Er rief einen weiteren Vorgesetzten an. „Alles, was ich für Sie tun kann, ist, die Angelegenheit zu beschleunigen. Dann dauert es aber auch noch mindestens zwei Wochen“, sagte er.

Ich hatte bestimmt ein Dutzend Vorträge für diese Zeit geplant. Aber der Beamte zeigte kein Erbarmen. Wir mussten unverrichteter Dinge ins Hotel zurückkehren, wo ich sofort alle möglichen Leute anrief und um Hilfe und ihre Gebete bat.

Jetzt sollte sich zeigen, wozu Glaube in Aktion fähig ist.

Einfach zu sagen „ich glaube“ reicht nicht. Wer etwas in dieser Welt bewegen will, muss seinen Glauben in die Tat umsetzen. In diesem Fall ging es um meinen Glauben an die Kraft des Gebets. Ich rief das Team meiner gemeinnützigen Organisation Life Without Limbs (LWL) in Kalifornien an und bat sie, eine Gebetskette in Gang zu setzen. „Wir machen das Ganze jetzt zur Chefsache!“, sagte ich.

Die Leute bei LWL machten eine Menge Anrufe und verschickten eine Flut von E-Mails, Tweets und SMS. Innerhalb von einer Stunde waren schon hundertfünfzig Leute dabei, für eine schnelle Lösung meines Visumproblems zu beten. Darüber hinaus rief ich einflussreiche Freunde und Unterstützer an, kontaktierte Bekannte, Nachbarn und ehemalige Studienkollegen im Außenministerium.

Drei Stunden später bekam ich einen Anruf von der Botschaft. „Ich weiß nicht, wie Sie das angestellt haben, aber Ihr Name ist wieder sauber“, sagte der Beamte. „Die Ermittlung ist eingestellt. Sie können Ihr neues Visum morgen abholen.“

Dazu ist Glaube in Aktion fähig! Er kann Berge versetzen und sogar Nick aus Mexiko herausholen.

AUGEN ZU UND DURCH

Überall, wo ich bin, fragen mich Menschen um Rat. Oft wissen sie längst, was zu tun ist, aber sie fürchten sich vor der Veränderung oder trauen sich nicht, den ersten Schritt zu gehen und um Hilfe zu bitten. Vielleicht stehst auch du vor Problemen und fühlst dich hilflos, ängstlich, in der Klemme, wie versteinert und unfähig zu handeln. Ich weiß, wie das ist. Das habe ich auch alles durchgemacht. Wenn Jugendliche und junge Erwachsene zu mir kommen und mir erzählen, dass sie gemobbt werden, sich einsam fühlen oder wegen ihrer Krankheit, Behinderung oder selbstzerstörerischer Gedanken nichts Schönes am Leben sehen können, kann ich wirklich mit ihnen mitfühlen.

Meine körperlichen Beeinträchtigungen sieht man auf den ersten Blick. Aber man muss sich nur kurz mit mir unterhalten oder mich reden hören, um zu bemerken, wie viel Lebensfreude ich trotzdem habe. Ich werde oft gefragt, wie ich es schaffe, Optimist zu bleiben. Woher nehme ich die Kraft, mich von meiner Behinderung nicht unterkriegen zu lassen? Ich antworte jedes Mal: „Ich bitte Gott um Hilfe, und dann lege ich los.“ Ich bin nun mal gläubig. Ich glaube an vieles, was ich nicht beweisen kann – Dinge, die man nicht sehen, schmecken, berühren, riechen oder hören kann. Am allermeisten glaube ich, dass es Gott gibt. Obwohl ich ihn nicht sehe oder anfassen kann, glaube ich, dass er mich liebt. Und wenn ich meinen Überzeugungen gemäß aktiv werde, dann schenkt er mir Flügel.

Kriege ich immer, was ich will? Nein. Aber ich kriege immer, was Gott will. Dasselbe Prinzip gilt übrigens auch für dich. Ob du nun Christ bist oder nicht: Es reicht nicht, einfach nur an etwas zu glauben. An deine Träume zu glauben, ist gut, aber du musst schon aktiv werden, damit sie wahr werden. Vertrauen in deine Fähigkeiten und Talente zu haben, ist wichtig, aber wenn du sie nicht entwickelst und einsetzt, was nützen sie dir dann? Du kannst davon überzeugt sein, ein guter und hilfsbereiter Mensch zu sein, aber wenn du zu anderen nicht nett bist und ihnen deine Hilfe nicht anbietest, wo ist dann der Beweis?

Du hast die Wahl. Du kannst an etwas glauben oder nicht. Aber wenn du glaubst – woran auch immer –, dann handle auch entsprechend. Wozu sonst glauben? Ich nehme an, du hast in der Schule, im Berufsleben, deinen Beziehungen oder gesundheitlich schon Rückschläge wegstecken müssen. Vielleicht bist du ausgegrenzt oder sogar missbraucht worden. All diese Dinge, die dir zustoßen, machen dich aus, es sei denn, du beschließt, aktiv zu werden und selbst zu entscheiden, was dich ausmachen soll. Du kannst von deinen Fähigkeiten überzeugt sein. Du willst vielleicht Liebe verschenken. Du hältst daran fest, dass du deine Krankheit oder Behinderung überwinden kannst. Das ist gut, aber das Glauben allein wird keine positiven Veränderungen in deinem Leben bewirken.

Du musst es in die Tat umsetzen.

Wenn du der Meinung bist, dass du dein Leben positiv verändern oder in deiner Stadt, deinem Land oder in der Welt ein positives Zeichen setzen kannst, dann tu es! Wer eine großartige Geschäftsidee hat, muss schließlich auch Zeit, Geld und Kraft investieren, um sie Wirklichkeit werden zu lassen. Was nützt sonst die beste Idee? Und wenn du jemanden gefunden hast, mit dem du den Rest deines Lebens verbringen möchtest, warum nicht deiner Intuition folgen und aktiv werden? Was hast du zu verlieren?

WER A SAGT …

Selbstvertrauen, Überzeugungen und einen Glauben zu haben, ist gut, aber letzten Endes zählt, was man daraus macht. Wer entsprechend handelt, hat gute Chancen auf ein erfülltes Leben! Ich habe mein Leben auf die Überzeugung gebaut, dass ich Menschen Mut machen und angesichts von Problemen Hoffnung bringen kann. Diese Überzeugung wiederum beruht auf meinem Glauben an Gott. Ich glaube, dass er mich ins Leben gerufen hat, um meine Mitmenschen zu lieben, sie anzuregen und zu ermutigen. Darüber hinaus möchte ich natürlich so viele Menschen wie möglich mit ihm bekannt machen. Damit möchte ich mir übrigens keine Eintrittskarte in den Himmel „verdienen“; dafür gibt es das Erlösungsangebot von Jesus. Mir geht es vielmehr um eine lebendige Beziehung mit Gott und die Freude zu sehen, wie er in den Menschen Gutes bewirkt.

Dass ich ohne Arme und Beine geboren wurde, ist keine Strafe Gottes. Das weiß ich inzwischen. Mir ist klar geworden, dass meine Beeinträchtigung sogar ein Gewinn ist, um besser als Motivationstrainer arbeiten zu können. Das hört sich wahrscheinlich leicht gesagt an – schließlich halten die meisten Menschen meine Behinderung für ein riesiges Handicap. Aber es ist wahr: Meine fehlenden Gliedmaßen ziehen die Leute magisch an. Ich kann ihnen Mut machen, Mitgefühl zeigen und in ihnen Hoffnung wecken.

Schon in der Bibel steht, dass unser Verhalten und nicht unsere Worte zeigen, was in uns steckt. Zum Beispiel in Jakobus 2,18: „Nun könnte jemand sagen: ‚Der eine glaubt, und der andere tut Gutes.‘ Ihm müsste ich antworten: ‚Zeig doch einmal deinen Glauben her, der keine guten Taten hervorbringt! Meinen Glauben kann ich dir zeigen. Du brauchst dir nur anzusehen, was ich tue.‘“

Jemand hat einmal gesagt, dass die Taten zu den Überzeugungen gehören wie der Körper zum Geist. Der Körper ist die Behausung für unseren Geist und der wandelnde Beweis dafür, dass es ihn gibt. Genauso sind die Taten der Beweis für die Existenz von Überzeugungen. Bestimmt kennst du die Redewendung: „seinen Worten Taten folgen lassen“. Deine Familie, Freunde, Lehrer, Chefs, Kollegen und Kunden erwarten, dass du gemäß den Überzeugungen handelst, die du vorgibst zu haben. Sonst würden sie dich sehr bald darauf hinweisen, oder nicht?

Unser Umfeld beurteilt uns nicht danach, was wir sagen, sondern danach, wie wir uns verhalten. Wer behauptet, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein, muss dann und wann die Interessen der Familie über die eigenen stellen. Wer als Künstler durchs Leben gehen will, wird anhand der Kunstwerke beurteilt werden, die er erschafft, nicht anhand derer, die er ankündigt. Worten muss man Taten folgen lassen, sonst ist man wenig glaubwürdig – auch vor sich selbst. Erfüllung und inneres Gleichgewicht findet man nur dort, wo Worte und Taten übereinstimmen.

Als Christ bin ich davon überzeugt, dass Gott das letztendliche Urteil über unser Leben fällt. Und auch dieses, so sagt die Bibel, beruht auf unseren Taten, nicht unseren Worten. In Offenbarung 20,12 steht: „Und ich sah alle Toten vor dem Thron Gottes stehen: die Mächtigen und die Namenlosen. Nun wurden Bücher geöffnet, auch das Buch des Lebens. Über alle Menschen wurde das Urteil gesprochen, und zwar nach ihren Taten, wie sie in den Büchern beschrieben waren.“ Ich setze meine Überzeugungen in die Tat um, indem ich durch die Welt reise und die Menschen zu mehr Liebe untereinander ermutige. Diese Tätigkeit bringt mir Erfüllung. Ich bin wirklich der Meinung, dass das meine Bestimmung ist. Und wenn du deine Glaubensüberzeugungen in die Tat umsetzt, wirst auch du Erfüllung finden. Lass dich nicht davon entmutigen, wenn du dir nicht immer hundertprozentig sicher bist, was als Nächstes zu tun ist. Das geht mir nicht anders. Ich habe oft zu kämpfen, mache Fehler und bin alles andere als perfekt. Aber eins habe ich verstanden: Taten sind die Frucht einer tiefen Überzeugung – aber nicht irgendeiner, sondern einer Überzeugung der Wahrheit. Die Wahrheit macht frei, nicht die Bestimmung. Ich habe meine Bestimmung gefunden, weil ich die Wahrheit suchte.

Unter schwierigen Umständen etwas Gutes oder gar eine persönliche Bestimmung zu entdecken, ist nicht leicht, sondern oft eine beschwerliche Reise. Warum ist das so? Wieso kann mich nicht ein Helikopter abholen und an der Ziellinie wieder absetzen? Weil man an den schweren Zeiten wächst, etwas über sich selbst lernt und Verständnis für den Nächsten entwickelt.

Frederick Douglass, ein ehemaliger Sklave, der sich für die Abschaffung der Sklaverei stark machte, sagte einmal: „Ohne Kampf keinen Fortschritt.“ Unser Charakter wird von den Herausforderungen geformt, die wir anpacken und überwinden. Unser Mut wächst, wenn wir uns unseren Ängsten stellen. Die innere Kraft und unser Vertrauen werden in dem Maße gestärkt, wie sie auf die Probe gestellt werden.

DAS SONDERMODELL

Immer wieder habe ich erlebt, dass man keine Angst zu haben braucht, wenn man zuerst Gott um Beistand bittet und dann loslegt. Das haben mir schon meine Eltern durch die Art und Weise beigebracht, wie sie das alltägliche Leben meistern. Sie sind mein größtes Vorbild, was das Anpacken und Durchbeißen betrifft.

Obwohl an mir „ein paar kleine Bauteile fehlen“, wie meine Mutter sagt, bin ich in vielerlei Hinsicht gesegnet. Meine Eltern waren immer für mich da. Sie haben mich nicht verhätschelt. Wenn es nötig war, wurde ich gemaßregelt, und ich durfte meine eigenen Fehler machen. Meine Eltern sind wahre Helden für mich.

Ich war ihr erstes Kind und auf jeden Fall ein ziemliches Überraschungspaket. Obwohl meine Mutter alle Schwangerschaftsuntersuchungen absolvierte, entdeckten die Ärzte keinerlei Anzeichen dafür, dass ich ohne Arme und Beine auf die Welt kommen würde. Meine Mutter war erfahrene Hebamme und hatte Hunderte von Kindern zur Welt gebracht. Sie wusste genau, worauf man während der Schwangerschaft achten muss.

Natürlich waren sie und mein Vater völlig perplex, als ich ohne Gliedmaßen „geliefert“ wurde. Meine Eltern sind gläubige Christen, mein Vater sogar Laienprediger. Also gingen sie auf die Knie und baten um Hilfe von oben, während ich im Krankenhaus erst einmal tagelang durchgecheckt wurde.

Wie bei allen Babys fehlte auch bei mir die Betriebsanleitung, und meine Eltern hätten sich sicher über einen kleinen Leitfaden gefreut. Sie kannten kein anderes Paar, das ein Kind ohne Gliedmaßen in einer Welt für „normale“ Leute aufgezogen hatte.

Zunächst waren sie völlig bestürzt. Wut, Schuldgefühle, Angst, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung – eine Woche lang spielten ihre Emotionen verrückt. Sie vergossen viele Tränen. Sie trauerten um das perfekte Kind, das sie sich gewünscht, aber nicht bekommen hatten. Und sie grämten sich, weil sie befürchteten, dass ich ein sehr schweres Leben haben würde.

Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, was Gott mit einem Kind wie mir anfangen konnte. Aber als sie sich vom ersten Schock erholt hatten, beschlossen sie, ihm zu vertrauen und das Beste daraus zu machen. Sie versuchten nicht länger zu verstehen, warum Gott ihnen so ein Kind anvertraut hatte. Stattdessen ließen sie sich auf seinen Plan ein – was auch immer er sein mochte – und machten sich daran, mich so gut zu erziehen wie möglich: liebevoll und Schritt für Schritt.

MASSGEFERTIGT UND KEIN IRRTUM

Als meine Eltern die medizinischen Möglichkeiten in Australien ausgeschöpft hatten, gingen sie in den Vereinigten Staaten, Kanada und dem Rest der Welt auf die Suche. Eine vollständige medizinische Erklärung für meinen Zustand bekamen sie jedoch nirgendwo. Theorien gab es natürlich viele. Mein Bruder Aaron und meine Schwester Michelle wurden ein paar Jahre später mit der Standardausrüstung von Gliedmaßen geboren, also schien ein Gendefekt nicht infrage zu kommen.

Irgendwann trat das Warum für meine Eltern in den Hintergrund und machte Platz für das Wie. Wie sollte der Junge sich ohne Beine fortbewegen? Wie sollte er sich versorgen? Wie sollte er zur Schule kommen? Wie sollte er als Erwachsener je für sich selbst sorgen? Der kleine Nick machte sich darüber natürlich noch keine Gedanken. Ich wusste überhaupt nicht, dass mein Körper eine Sonderanfertigung war. Ich dachte, die Leute starrten mich an, weil ich so hübsch sei. Genauso war ich davon überzeugt, unaufhaltsam und unkaputtbar zu sein. Meinen armen Eltern blieb oft das Herz stehen, wenn ich mich wie ein menschlicher Sitzsack vom Sofa auf den Boden, quer über die Autositze oder im Vorgarten hin und her warf.

Wahrscheinlich kannst du dir ihre Angst vorstellen, als ich zum ersten Mal auf dem Skateboard einen steilen Hügel hinunterfuhr. Guck mal, Mama, freihändig! Obwohl sie mir liebevoll Rollstühle und andere Hilfsgeräte zur Verfügung stellten, arbeitete ich stur an meiner eigenen Mobilität. Ich bekam Hornhaut auf der Stirn von dem hartnäckigen Versuch, mich an Mauern, Möbeln oder sonst einem festen Objekt aufzurichten, indem ich den Kopf dagegenpresste und dann Zentimeter für Zentimeter hochrutschte.

Zum Entsetzen der Leute zögerte ich auch nicht, mich in Swimmingpools und Seen plumpsen zu lassen, nachdem ich herausgefunden hatte, dass ich mit etwas Luft in der Lunge an der Oberfläche blieb und mich mit meinem kleinen Füßchen fortbewegen konnte. Dieser kleine Fortsatz wurde unentbehrlich für mich, vor allem nachdem in einer OP zwei zusammengewachsene Zehen voneinander getrennt wurden. Ich entwickelte geradezu „Fingerfertigkeit“ damit. Als Mobiltelefone und Laptops ihren Siegeszug antraten, übte ich mit meinem Füßchen das Tippen und SMS-Schreiben.

Im Lauf der Zeit lernte ich, mich nicht auf Probleme, sondern auf Lösungen zu konzentrieren, nicht zu grübeln, sondern die Sache anzugehen. Sobald ich etwas ins Rollen brachte, kam es nämlich zu einem Schneeballeffekt. Es entstand eine Eigendynamik, und meine Problemlösungskräfte wuchsen. Fleiß wird belohnt, sagt man, und in meinem Fall trifft das wirklich zu.

Jeden Tag verstehe ich ein bisschen mehr, warum es mich gibt. Versuch es ruhig selbst einmal: Wenn du dich auf Lösungen konzentrierst und einfach loslegst, entsteht eine Eigendynamik und deine Ängste und Sorgen werden an Gewicht verlieren.

Natürlich wird es weiterhin Enttäuschungen und Herausforderungen geben. Die gehören zum Leben nun mal dazu. Aber wenn du deine Überzeugungen in die Tat umsetzt, wirst du dich von all dem nicht aufhalten lassen. Hindernisse siehst du fortan als Gelegenheiten, um daran zu wachsen und daraus zu lernen. Ich gebe zu, dass ich nicht Hurra schreie, wenn ein Problem auftaucht. Manchmal möchte ich Gott fragen: „Habe ich nicht schon genug aufgehalst bekommen?“ Aber bis jetzt habe ich jedes Mal von so einer Erfahrung profitiert und konnte das Gelernte anwenden, egal wie schwer mir das auch fiel.

Ich bin schon so vielen Wachstumsgelegenheiten begegnet, dass ich eigentlich Weltmeister im Hindernislauf sein müsste. Wie du dir sicher vorstellen kannst, war die späte Kindheit und Pubertät die schwierigste Zeit für mich. Jeder versucht herauszufinden, wer er ist und ob er dazugehört – oder nicht.

Obwohl ich in der Schule viele Freunde hatte und recht beliebt war, gab es auch gemeine Leute, die mich gern ärgerten. Mehr als einmal bekam ich fiese Kommentare an den Kopf geworfen. Und obwohl ich von Natur aus Optimist und zielstrebig bin, wurde mir Stück für Stück klar, dass ich nie so aussehen würde wie die anderen oder die Dinge tun würde, die normale Leute tun können.

Ich machte zwar ständig Witze über meine fehlenden Gliedmaßen, aber innerlich quälte mich der Gedanke, dass ich für meine Familie eine ewige Last sein würde, weil ich mich nicht selbst versorgen konnte. Meine andere große Angst war, dass ich nie heiraten und eine Familie gründen würde. Welche Frau will schon einen Mann haben, der sie nicht umarmen, beschützen oder die Kinder auf dem Arm halten kann?

Diese jungen Jahre verbrachte ich damit, mir ständig Sorgen zu machen. Finstere Gedanken beherrschten mich. Ich konnte nicht verstehen, wie Gott mir dermaßen viel Entbehrung und Einsamkeit aufbürden konnte. War das eine Strafe, oder wusste er vielleicht gar nichts von meiner Existenz? Bin ich ein Irrtum? Wie kann Gott so grausam sein?

Im Alter zwischen acht und zehn lösten die finsteren Gedanken in mir richtige Verzweiflung und selbstzerstörerische Impulse aus. Ich fing an, über Selbstmord nachzudenken. Immer wieder plante ich, mich von einer Klippe zu stürzen oder in der Badewanne zu ertränken, weil meine Eltern mich dort unbeobachtet ließen, seit ich schwimmen konnte.

Letzten Endes startete ich mit zehn einen Selbstmordversuch. Mehrfach drehte ich mich im Badewasser mit dem Gesicht nach unten, aber ich brachte es dann doch einfach nicht übers Herz. Mir ging nicht aus dem Kopf, wie viel Trauer und Schuldgefühle ich meinen Eltern für den Rest ihres Lebens bescheren würde. Das konnte ich ihnen nicht antun.

An diesem Tiefpunkt sah ich keinen Sinn in meinem Leben mehr. Wenn ich nicht selbst für mich sorgen konnte und nicht verdient hatte, dass eine Frau mich liebte, wofür war ich denn dann noch gut? Ich hatte Angst, für immer einsam durchs Leben zu treiben und meiner Familie eine ewige Bürde zu sein. Meine jugendliche Verzweiflung hatte verschiedene Ursachen: Ich hatte kein Selbstvertrauen, glaubte nicht daran, ein sinnvolles Leben führen zu können, und traute Gott nichts zu. Weil er mein Flehen um ein Wunder und neue Arme und Beine nicht erhört hatte, verlor ich mein Vertrauen in ihn.

Vielleicht ist es dir auch so ergangen. Womöglich hast du gerade mit einer Sache schwer zu kämpfen. Falls ja, lass mich dir erzählen, wie falsch ich lag und wie eng mein Sichtfeld geworden war, nur weil ich an nichts mehr glaubte. Ich vergaß, dass Gott keine Fehler macht und dass er immer einen Plan in petto hat.

Im Lauf der Jahre begriff ich nämlich, welchen Weg er für mich vorgesehen hatte. Mein Leben entfaltete sich in einer Weise, die ich nie für möglich gehalten hätte. Meine Eltern brachten mir bei, auf meine Mitschüler zuzugehen und darauf zu vertrauen, dass die meisten von ihnen mich akzeptieren würden. Als ich das ausprobierte, merkte ich, dass sie meine Versuche, die Behinderung zu überwinden, regelrecht begeisterten. Manche fanden mich sogar witzig! Ihre Akzeptanz motivierte mich, vor Studentengruppen und Kirchengemeinden zu sprechen. Und die positiven Reaktionen auf meine Auftritte öffneten mir die Augen. Mir dämmerte allmählich, dass es meine Bestimmung ist, Menschen Mut zu machen, ihre Probleme anzupacken und – sofern sie wollen – Kontakt mit Gott aufzunehmen.

Ich fing an, von meinem Wert überzeugt zu sein. Mein Vertrauen in Gott wuchs mit jedem Mal, als ich darauf baute. Als ich den Sprung wagte und den Beruf des Motivationstrainers ergriff, landete ich in einem erfüllten Leben. Seitdem bereise ich die ganze Welt und lerne Millionen von Menschen kennen – jetzt auch dich!

EIN MANN, EIN WEG

Wir wissen nicht, was Gott alles für uns geplant hat. Und deshalb sollte man nie davon ausgehen, dass sich die schlimmsten Ängste bewahrheiten werden oder es nie wieder besser werden wird, wenn man ganz unten ist. Man braucht Selbstvertrauen, muss an sein Ziel glauben und daran festhalten, dass das Leben kein Zufall ist. Dann kann man seine Ängste überwinden und darauf vertrauen, dass man seinen Weg schon gehen wird. Auch wenn ich nicht weiß, was vor mir liegt, bin ich lieber Spieler auf dem Feld als nur Zuschauer am Rand.

Wenn du an etwas glaubst, dann brauchst du keine Beweise – du lebst es einfach. Du brauchst auch nicht alle Antworten zu kennen, dafür aber die richtigen Fragen. Die Zukunft kennt niemand von uns, und meistens übersteigt sie sowieso unsere Vorstellungskraft. Als zehnjähriger Junge hätte ich mir doch nie träumen lassen, dass ich zehn Jahre später um die halbe Welt reisen und Millionen von Menschen Mut machen würde. Und genauso hätte ich im Traum nicht daran geglaubt, dass die Liebe meiner Familie eines Tages noch übertroffen werden würde – von der Liebe einer intelligenten, gläubigen, mutigen und wunderschönen Frau, die ich vor Kurzem heiraten durfte! Der kleine Junge, der bei dem Gedanken an die Zukunft verzweifelte, hat seinen Frieden als Mann gefunden. Ich weiß jetzt, wer ich bin, und gehe Schritt für Schritt voran. Gott ist an meiner Seite. Mein Leben fließt geradezu über von Erfüllung und Liebe. Habe ich deswegen keine Sorgen mehr? Herrscht bei mir immer eitel Sonnenschein? Nein. So funktioniert das Leben nicht. Aber ich bin für jeden Augenblick dankbar, in dem ich auf meinem Weg ein Stück vorankommen darf. Ich habe meine Bestimmung gefunden, und du solltest meine Geschichte als Zeichen dafür sehen, dass auch du deinen Weg gehen wirst.

WUNDERKNABE

Wenn du ab jetzt daran glaubst, dass du deine Bestimmung finden wirst und auf dieser Grundlage Schritt für Schritt vorangehst, wirst du merken, dass Gott nicht kleckert, sondern klotzt. Ich habe zwar nie das Wunder erlebt, Arme und Beine zu bekommen, aber dafür bin ich selbst zum Wunder für andere geworden. Durch meine Erfahrungen, die Verzweiflung mit eingeschlossen, die mich fast in den Selbstmord trieb, kann ich mich in die Schwierigkeiten anderer Menschen hineinfühlen.

Lass mich das Wunder sein, das dir die Augen öffnet, dich anregt, Mut in dir freisetzt, dir versichert, dass du ein geliebter Mensch bist, und dich auf dem Weg zu deinem Ziel durchstarten lässt!

DER MOTOR

Glauben in die Tat umsetzen, hat immer mit Liebe zu tun. Ich diene anderen, helfe ihnen, leihe ihnen mein Ohr, rege sie zum Nachdenken an und ermutige sie, weil ich Menschen liebe. Letzten Endes hat alles mit Liebe zu tun. Wir haben ein gewaltiges Reservoir an Liebe in uns, und wenn wir nicht nur unsere persönliche Bestimmung finden, sondern auch dazu beitragen wollen, dass die Welt als Ganzes ihren Frieden findet, dann müssen wir es anzapfen. Deine Reise beginnt mit Liebe und mündet in Liebe, und ich möchte mein Quäntchen Liebe als Reiseproviant gern dazugeben.

Der Apostel Paulus sagte einmal: „Wenn ich in allen Sprachen der Welt, ja, mit Engelszungen reden kann, aber ich habe keine Liebe, so bin ich nur wie eine dröhnende Pauke oder ein lärmendes Tamburin. Wenn ich ... einen Glauben habe, der Berge versetzt, aber ich habe keine Liebe, so bin ich nichts“ (I. Korinther 13,1+2).

In einer hartherzigen und grausamen Welt vergessen wir oft, dass es einen Gott gibt, der uns liebt. Er ist immer für uns da. Wenn man Gottes Macht einmal erfahren hat, dann möchte man ihm und den Mitmenschen nur noch Liebe entgegenbringen. Manchmal vergisst man das natürlich. Ich jedenfalls. Aber zugleich habe ich gemerkt: Wenn ich überhaupt nicht mehr weiß, wohin mein Weg führt und was ich überhaupt beitragen kann, dann stellt er mir jemanden in den Weg oder schafft eine Situation, die mir mein Ziel wieder vor Augen führt. Oder das Ganze ist ein Test, ob ich meinen Worten auch Taten folgen lasse. Mein Erlebnis mit Felipe Camiroaga ist das aktuellste und schlagendste Beispiel dafür.

Felipe war der langjährige Co-Moderator einer chilenischen Talkshow, die dort so bekannt ist wie die Oprah Winfrey Show in den Vereinigten Staaten. Zusammen mit Carolina de Moras moderierte er das beliebte Frühstücksfernsehen mit dem Namen Buenos Dias a Todos, was so viel heißt wie „Guten Morgen alle zusammen“. Bei meinem zweiten Besuch in Chile im September 2011 hatte mich der Sender TVN dorthin eingeladen. Das Interview mit mir sollte zwanzig Minuten dauern, was ein ziemlich langer Beitrag ist, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich einen Dolmetscher brauchte. Mein Besuch bei Felipe und Caroline dauerte jedoch vierzig Minuten, ein geradezu beispielloser Fall in so einer Sendung. Was aus meiner Sicht noch besser war: Die Moderatoren ließen mich ausführlich darüber sprechen, was mir mein Glaube bedeutet und wie ich ihn als Motivationstrainer in die Tat umsetze. Felipe schien ernsthaft interessiert an dem, was ich zu sagen hatte. Das überraschte mich.

Ich kannte ihn nicht persönlich, aber ich hatte von seinem Ruf als Chiles bekanntester Junggeselle gehört – ein Mann, dessen Liebesleben oft in den Medien thematisiert wurde. Viele hielten Felipe für einen oberflächlichen Promi, aber im Interview stellte er mir plötzlich ernsthafte Fragen zu geistlichen Themen.

Zum Beispiel wollte er wissen, wie ich zu Gott gefunden hatte. Ich erzählte ihm, dass dazu Vertrauen gehört, weil man an etwas glauben muss, das man nicht beweisen kann. Frei sprach ich von Jesus als dem Weg zu Gott und zum ewigen Leben. Ich beichtete Carolina, Felipe und den Zuschauern, dass ich ein ziemlich gieriger Mensch bin: Neunzig Jahre reichen mir einfach nicht. Ich will ewig leben. „Aber es gibt noch etwas Besseres, als in den Himmel zu kommen, und das ist, noch jemand anderen dafür zu begeistern“, sagte ich. „Und das treibt mich an. Ich habe ein Paar Schuhe zu Hause, weil ich an Wunder glaube, aber das größte Wunder ist, wenn jemand zu Gott findet.“

Während ich so sprach, rollte eine Welle der Dankbarkeit über mich hinweg. Ich war froh, so frei und so ausführlich im Fernsehen über meinen Glauben sprechen zu dürfen. Mir fiel auch auf, dass meine Worte ihre Wirkung bei Felipe nicht verfehlten. Ihm standen sogar Tränen in den Augen. Auch Carolina hörte mir aufmerksam zu.

In mir schlägt das Herz eines Predigers, also interpretierte ich ihr Zuhören als Einladung, munter weiterzureden. Sie fragten mich, ob mein Glaube auch seine Grenzen habe. Mit meinem Glauben sei mir zwar nicht alles möglich, antwortete ich, aber „meine Lebensfreude und mein innerer Frieden kennt keine Grenzen, egal was passiert.“ Manchmal würde ich den Leuten gern erzählen, dass sie nur an Gott zu glauben brauchen und alles würde gut werden. Aber das Leben ist nicht auf einmal perfekt. Es gibt trotzdem Krankheiten, finanzielle Schwierigkeiten, zerbrochene Beziehungen, geliebte Menschen sterben. Jeden ereilen Schicksalsschläge, und ich glaube, wir sollen daran wachsen. Ich hoffe einfach, dass Menschen, denen es schlecht geht, meine Lebensfreude sehen und denken: Wenn dieser Nick – ohne Arme und Beine – dankbar sein kann, dann will auch ich für diesen Tag dankbar sein und das Beste daraus machen.

Ich erzählte Carolina und Felipe, dass ich gerade ein paar harte Monate zu überstehen hatte (davon später mehr). „Ich weiß zwar, dass Gott da ist, aber manchmal bringt er mich auch ganz schön durcheinander. Durchs dunkle Tal zu gehen, fällt keinem leicht. Aber ich versuche mich in diesen Situationen zu ermahnen: ‚Ich werde in diesem Tal etwas lernen, was ich sonst nicht gelernt hätte. Schließlich haben mich die durchgestandenen Kämpfe zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin‘“, sagte ich.

Vielleicht bist auch du schon einmal an der Frage verzweifelt, wie ein bestimmtes Ereignis in deinen Lebensplan passen soll oder wie Gott dir das zumuten konnte. Aber Schritt für Schritt kommt man auch durch das dunkelste Tal. Man darf nur die Dankbarkeit nicht verlieren. „Die größte Gefahr ist eigentlich, zu denken, man brauche Gott nicht“, erklärte ich Felipe und Carolina.

Während ich so redete, wunderte ich mich die ganze Zeit, dass niemand den Moderatoren signalisierte, sie sollten mich unterbrechen und das Interview beenden. Irgendwann holte Felipe einen Fußball hervor und bat mich, mein Weltklasse-Fußballtalent zu demonstrieren. Wie du dir vielleicht denken kannst, beschränkt es sich auf Kopfbälle und kurze Pässe.

Zu meinem großen Erstaunen spielte der Sender auch noch mein komplettes Musikvideo ein, das gerade herausgekommen war. Als dann schließlich das Ende der Sendung kam, war ich so dankbar für alles, dass ich fünf Minuten damit verbrachte, Felipe, Carolina und den Zuschauern zu danken. Ich betete sogar bei laufender Kamera mit ihnen.

Wieder rechnete ich damit, dass mich jemand mit einem großen Haken von der Bühne zerren würde, aber nichts dergleichen geschah. Ich war so lange auf Sendung, dass ich schon dachte, meine Eltern, Cousins und andere Unterstützer hätten heimlich das Studio überfallen, den Platz des Regisseurs besetzt und Kontrolle über die Kameras übernommen. Später fand ich heraus, dass der Regisseur der Talkshow selbst Christ war und ein großer Fan von mir. Er hatte angeordnet, dass die Filmcrew die Kameras einfach weiterlaufen lassen sollte. Auch ihm standen nach der Sendung Tränen in den Augen, und er bedankte sich sehr herzlich bei mir. Dann erzählte er, dass der Sender noch nie so viele positive Anrufe während der Show bekommen hatte. Leute meldeten sich, die mir für meine Geschichte danken wollten.

DER RICHTIGE RIECHER

Mein Fernsehauftritt im Frühstücksfernsehen bei Felipe und Carolina machte mir so viel Spaß, dass ich noch am Nachmittag, als wir wieder im Hotel angekommen waren, bester Laune war. Ich war ziemlich überdreht, also machte ich mir Musik an und surfte im Internet. Da klingelte das Zimmertelefon. Meine Dolmetscherin aus der Sendung war dran. Sie sagte, es hätte einen Unfall gegeben und ich sollte den Fernseher einschalten. Dort gab es eine Eilmeldung, man sah ein Foto von Felipe und eine Absturzstelle. Ich verstand gerade genug Spanisch, um mitzubekommen, dass es vor einer kleinen Insel einen Flugzeugabsturz gegeben hatte. Zu meinem Entsetzen sah ich, dass auch Felipe unter den einundzwanzig Passagieren war, gemeinsam mit noch einigen anderen Mitarbeitern des Fernsehsenders.

Rettungseinheiten waren bereits losgeschickt worden. Die Absturzstelle lag vor den Juan-Fernández-Inseln, gut hundertfünfzig Kilometer vor der chilenischen Küste, insofern gab es nur lückenhafte Informationen. Niemand wusste, ob es Überlebende gegeben hatte. Felipe und fünf TVN-Mitarbeiter waren auf dem Weg zu einer der Inseln gewesen, um einen Beitrag über den Wiederaufbau nach dem Erdbeben und Tsunami vom Februar 2010 zu drehen, die die Hauptstadt der Insel völlig zerstört hatten. Die Nachrichtensprecher sagten, dass das Flugzeug der Chilean Air Force bei schlechtem Wetter zwei Landungsversuche gestartet hatte, bevor es abstürzte. In der Nähe des Flughafens hatte man Gepäck und Trümmerteile auf dem Meer treiben sehen.

Ich starrte auf die Mattscheibe und mir wurde übel. Felipe kannte ich nur ein paar Stunden, aber ich hatte gemerkt, wie sehr ihn unser Gespräch beeindruckte. Mein Wunsch nach einem ewigen Leben bei Gott hatte ihn wirklich bewegt. Die Art seiner Fragen, sein interessierter Gesichtsausdruck und seine emotionale Reaktion hatten mir gezeigt, dass dieser Mann auf der Suche war.

Ich konnte nur noch an Felipe, die anderen Passagiere und ihre Familien denken. Immer wieder betete ich. Ich konnte mich kaum auf etwas anderes konzentrieren, aber am nächsten Abend sollte ich vor fünftausend Leuten sprechen, also musste ich mich trotz der Tragödie meiner Vorbereitung widmen.

In den Medien bezeichnete man meinen Auftritt nur noch als „Felipes letztes Interview“. Wenn sie nicht gerade über die traurigen Details der Rettungsaktion berichteten, zeigten die Sender Ausschnitte daraus. Die Stunden schlichen ohne Neuigkeiten über Überlebende dahin. Zuerst wurden nur Trümmerteile gefunden, dann einzelne nicht identifizierte Leichen.