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Joanne Bischof

Weil du mir
versprochen
bist

Deutsch von Evelyn Reuter

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© der deutschen Ausgabe: 2015 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Lektorat: Konstanze von der Pahlen
Umschlagfoto: shutterstock
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger
Satz: DTP Brunnen
ISBN 978-3-7655-2033-4
eISBN 978-3-7655-7340-8

Für meine Eltern, Mike und Janette Soffes

Wenn wir am Abend noch weinen und traurig sind, so können wir
am Morgen doch vor Freude wieder jubeln.
Psalm 30,6

1

Sanft strich die Nachtluft über Leonies Arme. Sie betete, dass der kühle Atem des Herbstes sie forttragen möge – fort von hier in ein anderes Leben. Herr, hilf mir. Sie blickte zu ihrem Vater auf und zwang sich zu einem schmalen Lächeln. Mit seinem breiten Rücken stand er vor dem mondbeschienenen Himmel, sein verwittertes Gesicht unter der Krempe seines Filzhutes verborgen. Strähnen ihres kastanienbraunen Haares wirbelten gegen Leonies Wangen. Sie blinzelte und wünschte, der Windhauch könnte ihre Aufregung besänftigen.

Joel Sawyer zog eine buschige Augenbraue hoch. „Ich weiß wirklich nicht, was mit dir los ist. Warum bist du mit einem Mal so nervös?“

Leonie hob das Kinn. „Ich bin nicht nervös“, erwiderte sie und sah ihn trotzig an. „Ich verstehe bloß nicht, weshalb ich …“ Sie stockte und biss sich auf die Lippen, als ihre Stimme zu zittern begann. Mit dem Daumen fuhr sie über ihr schmerzendes Handgelenk, wo sich der frische Abdruck der kräftigen Finger ihres Vaters abzeichnete.

„Weil deine Mutter Kopfschmerzen hat“, knurrte er so leise, dass nur sie es hören konnte. Seine Augen bohrten sich in ihre, und Leonie konnte sehen, dass er log. „Was soll Samson sonst von mir denken?“ Sein schlechter Atem schlug Leonie ins Gesicht. „Und jetzt mach schon, und sing für die Leute.“

Leonie schluckte und ließ den Blick über die Menschenmenge schweifen, die sich vor der kleinen Bühne zum Tanzen eingefunden hatte. Es war einer der letzten Sommerabende unter freiem Himmel. Die ersten Herbstblätter bedeckten schon den Waldboden. Mit ihren siebzehn Jahren hatte Leonie noch nie vor Publikum gesungen. Sie kam sich lächerlich vor, als sie spürte, dass ihr Herz bis zum Hals schlug und sie vor Angst eine Gänsehaut bekam. Wenn Samson bloß nicht gefragt hätte, ob ihre Mutter heute Abend singen könnte.

Doch ihr Vater hatte sich klar ausgedrückt. Keinesfalls würde seine Ehefrau „dicht an dicht“ mit Samson Brown auf der Bühne stehen! Nur über seine Leiche, hatte er gesagt. Leonie blickte hinter ihm her, als er mit gebeugten Schultern die Stufen der Verandabühne hinunterstapfte.

„Tut mir leid, dass deine Mutter Kopfschmerzen hat“, raunte Samson ihr zu. Er lächelte, und um seine Augen bildete sich ein Kranz aus kleinen Fältchen.

Leonie nickte stumm. Bestimmt wusste er Bescheid. Doch sie widerstand der Versuchung, den Mann als Lügner bloßzustellen, der sie soeben vor der Bühne abgestellt hatte wie eine Schachfigur.

Leonie richtete den Blick zum Himmel. Die Kühle der Nacht drang durch den Stoff ihres ausgeblichenen karierten Kleides. Sie sandte ein stummes Gebet nach oben zu dem Einen, der ihr helfen konnte, dies durchzustehen. Ihre Mutter war die Nachtigall. Nicht sie. Alle erzählten sich, dass niemand sonntagmorgens in der Kirche so schön sang wie Maggie Sawyer.

Ein grau gefleckter Hund spitzte die Ohren, als Leonie einen Schritt über ihn hinweg auf die improvisierte Bühne machte. Ihre nackten Füße wichen den Laternen aus, die am Rand der Veranda aufgestellt waren. Samson Brown zwinkerte ihr zu und nahm sein Banjo auf den Schoß. Leonie stellte sich auf ihren Platz neben Gideon O’Riley, dem Mandolinenspieler des Trios. Erschrocken trat sie zur Seite, als ihre Schultern sich versehentlich berührten, und stolperte beinah.

Gideon warf ihr einen undurchdringlichen Blick zu. Kurz blitzte Belustigung in seinen grünen Augen auf. Leonie schalt sich, weil sie sofort errötete. Der Geigenspieler, ein Hufschmied, legte sich das Instrument ans Kinn. Die Furchen in seinen abgearbeiteten Händen waren schwarz wie Kohle. Er nickte und wartete mit erhobenem Bogen. Zaghaft erwiderte Leonie sein Nicken.

Das dumpfe Klopfen seiner Stiefel gab den Rhythmus vor und drang durch die Holzdielen. Dann glitt sein Bogen über die Saiten, langsam wie eine Katze, die nach einem schönen, langen Mittagsschlaf ihre Glieder streckt. Gideon zupfte die Saiten seiner Mandoline, und Samsons Banjo zwitscherte so frei wie ein Vogel. Fasziniert sah Leonie den Musikern zu und staunte über die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie spielten.

Sie hielt sich im Schatten des Dachvorsprungs, und erst als ihr Vater ein Zeichen machte, nach vorn zu kommen, trat sie hinaus ins Mondlicht. Ihre nackten Zehen erreichten den Bühnenrand, und sie sah seinen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck. Leonie wandte den Blick ab.

Als sich die Geigentöne zu einer Melodie verdichteten, stimmte sie ein und sang. Sie spürte, wie ihr Herz hämmerte, erschrocken über den Klang ihrer eigenen Stimme. Der Text war der eines alten Volksliedes, das ihre Mutter ihr beigebracht hatte, als sie noch auf ihrem Schoß gesessen hatte. Schemenhaft nahm Leonie die Gesichter der Leute wahr. Füße stampften, Baumwollröcke drehten sich im Kreis und gaben den Blick auf selbst genähte Petticoats und ausgeblichene Strümpfe frei. Leonie zwang sich, mit ihrem Fuß den Rhythmus zu schlagen, während die Tänzer ihre Mädchen herumwirbelten. Die Männer ohne Tanzpartnerin hüpften und stampften umso wilder, sodass bald alle Tanzenden von einer Staubschicht bedeckt waren.

Bei der dritten Strophe stockte Leonie. Sie blinzelte, in ihrem Kopf herrschte eine plötzliche Leere. Du kannst das, Leonie! Gideon beugte sich vor, seine Hand flog über das Griffbrett, und der Geiger spielte immer lauter. Leonie räusperte sich. Die letzte Strophe würde sie schaffen.

Aber Gideon erhöhte das Tempo und hängte die anderen Musiker einfach ab.

Die Leute klatschten und johlten vor Begeisterung. Leonie biss sich auf die Lippen. Gideon spielte immer schneller, in seinen Augen blitzte der Schalk. Sie klatschte mit zitternden Händen den Takt und sah zu Samson hinüber. Der Banjospieler schüttelte den Kopf, erhob sich langsam von seinem Stuhl und ging zu Gideon hinüber, während er weiter die Saiten seines Instruments zupfte, den Mund zu einem schiefen Grinsen verzerrt.

Das Publikum tobte. Ruhig und bedächtig hob Samson den Fuß und kickte Gideon den Hocker weg. Gideon strauchelte, fiel aber nicht zu Boden. Er ließ das Griffbrett los, warf Samson einen wütenden Blick zu, schnappte sich seinen Schemel und setzte sich wieder.

„Komm schon, Gid, immer schön locker bleiben!“, übertönte Samson das Gejohle.

Gideons Finger flogen über die Saiten, bis seine letzten Akkorde zwischen den Bäumen hingen und schließlich in der Ferne verhallten. Die Leute pfiffen und klatschten so laut, dass Leonie das Hämmern ihres Herzens nicht mehr hörte. Zaghaft fiel sie in den Beifall ein und trat ein paar Schritte zurück. Nie wieder würde sie sich von ihrem Vater zwingen lassen, vor Leuten zu singen. Nicht um alles in der Welt. Ihr Platz war unten bei den Zuschauern, wo sie in der Menge untertauchen konnte.

Gideon hob die Mandoline hoch über seinen Kopf und verneigte sich. Wie selbstverliebt er war. Trotzdem musste Leonie lächeln. Er machte einen Schritt auf sie zu und legte ihr wie selbstverständlich den Arm um die Schulter. Sein herber Geruch nach Rauch und Zedernholz stieg ihr in die Nase. Eine Hitzewelle breitete sich von ihrem Nacken bis in die Wangen aus. Sie brauchte ihren Vater nicht anzusehen, um zu wissen, dass auch ihm die Röte ins Gesicht gestiegen war, wenn auch nicht vor Scham.

Als der Applaus verebbte, rückte sie von Gideon ab und stahl sich eilig davon. Auf schwachen Beinen lief sie die Stufen hinab, beinahe schwindelig vor Erleichterung. Sie drängte sich an einem turtelnden Pärchen vorbei und duckte sich unter einem kräftigen Arm durch, der einen Krug mit Apfelmost hielt. Endlich entdeckte sie unter einem scharlachroten Ahornbaum ihre Tante Sarah. Helles Mondlicht tanzte durch die Blätter und ließ ihren fuchsroten Haarknoten aufleuchten. Leonie huschte an ihre Seite und fasste ihre kühlen, rauen Hände, deren Druck so vertraut und tröstlich war.

„Was ist denn los, du zitterst ja wie Espenlaub!“ Sarah drückte sie an sich. „Aber du machst dich gut auf der Bühne. Deine Ma wäre stolz auf dich.“

Leonie rang noch immer nach Atem. „Nie wieder! Das war das Schrecklichste, was ich je im Leben tun musste.“

Sie spürte, wie ein Schatten hinter sie trat. Leonie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer es war. Eine harte Hand griff nach ihrem Ellbogen. „Los, wir gehen jetzt nach Hause“, sagte ihr Vater mit barscher Stimme.

Leonies Blick wanderte zwischen ihm und ihrer Tante hin und her. „Hast du etwas dagegen, wenn ich noch ein bisschen bleibe?“

Seine Lider zuckten, dann gab er sich seufzend geschlagen. Ein starker Schnapsgeruch ging von ihm aus. „Dann lauf später mit Oliver nach Hause. Er wollte auch noch bleiben.“

„Danke, Pa.“ Leonies Worte schienen im Nichts zu verhallen, als ihr Vater sich mit langen Schritten entfernte. Sie wusste, dass ihre Mutter noch wach sein und auf ihn warten würde, während ihre jüngeren Geschwister längst schliefen. Mit einem Seufzen ließ sie ihre letzten düsteren Gedanken vom Nachtwind forttragen und wandte sich ihrer Tante zu, froh über ihre Gesellschaft.

„Also …“, begann Sarah belustigt, wobei ihre Stimme einen singenden Klang annahm.

„Sei bloß still!“ Leonie hob scherzhaft den Zeigefinger. Sie wusste, was ihre Tante sagen wollte.

Sarah wurde wieder ernst, und die Fältchen um ihre Augen verschwanden.

Aber Leonie kannte die Schwester ihrer Mutter allzu gut. „Ich werde immer gleich rot“, platzte sie heraus.

Ein Lächeln tanzte über Sarahs runde Wangen. Ihre Tante war doppelt so alt wie sie, aber sie war die beste Freundin, die Leonie je gehabt hatte. Als Sarah an ihr vorbeischaute, sah Leonie über ihre Schulter, wie der Schmied mit einem Tuch über seine Geige fuhr. Auch Samson verstaute sein Banjo in einem Stoffbeutel. Gideon hatte die Bühne verlassen. Er lehnte ein paar Schritte entfernt an einer hundertjährigen Kastanie, die Arme vor der Brust verschränkt. Das Mädchen, das er mit seinen Worten umgarnte, war sichtbar geschmeichelt von seiner ungeteilten Aufmerksamkeit.

„Der große Herzensbrecher von Rocky Knob.“ Sarah schüttelte den Kopf. „Mach dir bloß keine Hoffnungen.“

Betont gleichgültig zuckte Leonie mit den Schultern und zupfte an einer Falte ihres Kleides. Der Stoff in unterschiedlichen Blautönen hatte schon bessere Tage gesehen. Sie wünschte plötzlich, sie hätte sich nicht so im Hintergrund gehalten.

„Da bist du ja!“ Oliver trat zu ihnen, seine atemlose Stimme irgendwo zwischen der eines Mannes und der eines Kindes. Leonie blickte in sein schmales Gesicht.

„Ich hab gehört, dass du auch noch bleibst“, keuchte er.

Menschen schoben sich an ihnen vorbei. Der Stiefel eines Kindes streifte Leonies nacktes Fußgelenk, und sie rückte näher an ihren Bruder heran.

„Ich wollte dich gerade suchen. Bitte geh nicht ohne mich!“ Sie unterdrückte ein Gähnen.

„Gehen?“ Enttäuschung schwang in seiner Stimme. „Aber der Abend hat doch gerade erst angefangen!“

Eine breite Hand klopfte Oliver auf die Schulter. „So ist es.“

Leonie blickte hoch und sah Gideon vorübergehen.

„Gid!“, plärrte Oliver. „Warte – ich muss unbedingt mit dir sprechen.“ Er hielt Gideons Arm fest und begann ihn mit Fragen zum Mandolinenspiel zu löchern.

Gideon betrachtete ihn amüsiert, doch seine Augen blickten immer wieder suchend umher. Es war offensichtlich, dass er keinen Wert darauf legte, die Unterhaltung mit Oliver zu vertiefen.

„Und als du dieses Solo gespielt hast …“ Oliver schluckte laut, und seine Brust schwoll vor Begeisterung. „Das war … einfach fantastisch!“

„Du gefällst mir, Kumpel.“ Gideon fuhr ihm mit der Hand kameradschaftlich durchs Haar und hätte Leonie dabei fast mit dem Ellenbogen erwischt. Verlegen wich sie einen Schritt zurück. So unsichtbar war sie also. Sie dachte daran, wie er auf der Bühne den Arm um sie gelegt und sie zum Erröten gebracht hatte. Wenn Gideon O’Riley einer Frau seine Aufmerksamkeit schenkte, dann hatte das offensichtlich nichts zu bedeuten.

„Weißt du, Gideon“, plapperte Oliver munter weiter, während Gideon sich schon zum Weitergehen wandte, „ich möchte unbedingt auch Mandoline spielen. In welcher Tonart …“

Den Rest hörte Leonie nicht mehr.

Gideon trat einen Schritt beiseite, und seine Körperhaltung veränderte sich, als Cassie Allan vorbeiging. Das Mädchen, das nur wenige Jahre älter war als Leonie und ziemlich hübsch, warf Gideon einen schmachtenden Blick zu. Er nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Dabei verharrte sein Arm einen Augenblick vor seinem Gesicht, fast als wollte er sich verstecken. Er räusperte sich und zeigte plötzlich lebhaftes Interesse an Olivers Wortschwall.

„Hallo, Gideon“, sagte Cassie leise.

Leonie entging nicht die Traurigkeit in ihren blauen Augen.

„Hallo“, antwortete Gideon, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Einen Moment lang sagte niemand ein Wort, und Cassies Finger berührten ihn leicht am Arm. „Kann ich kurz mit dir reden?“

„Also, Oliver“, tat Gideon, als habe er sie nicht bemerkt, „das war G-Dur.“

Cassie schlug die Augen nieder und streifte Leonie mit einem Seitenblick, bevor sie sich schweigend entfernte.

Leonie hatte Mitleid mit dem Mädchen. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe.

Gideons grüne Augen folgten Cassie mit ernstem Blick.

„Ich denke, du solltest Gideon nicht länger aufhalten“, sagte Leonie leise zu ihrem Bruder. „Die Nacht ist noch jung.“

Jetzt wandte sich Gideon ihr zum ersten Mal zu. Im selben Augenblick musste Leonie gähnen, und er sagte belustigt: „Nicht für dich, wie ich sehe.“ Sein Tonfall war weich.

Leonie sog scharf die Luft ein und unterdrückte das Gähnen. Verlegen blickte sie zu Boden.

„Ich mache mich jetzt auch auf den Heimweg. Gute Nacht, Leonie.“ Ihre Tante blinzelte ihr unauffällig zu. „Tschüss, Oliver.“ Dann verabschiedete sie sich von dem Mann, der sie mindestens um einen Kopf überragte. „Auf Wiedersehen, Gideon.“

„Auf Wiedersehen, Miss Sarah.“ Er zog seinen Hut und drückte ihn theatralisch gegen die Brust. Seine Haare, rötlich wie Herbstlaub, standen wild zu Berge. Er wartete, bis Sarah sich umgedreht hatte, dann schob er seine Kopfbedeckung wieder an ihren Platz.

Leonie sah ihrer Tante nach, die mit weit schwingendem Rock davonging. „Wir sollten auch heimgehen, Oliver.“

„Was? Schon? Jetzt wird es erst richtig interessant. Und ich habe noch gar nicht mit Samson reden können.“ Ohne ein weiteres Wort bahnte sich Oliver den Weg durch die brodelnde Menge zurück zur Bühne und ließ Leonie mit Gideon allein zurück. „Frag doch Gideon, ob er dich nach Hause bringt!“, rief er über seine Schulter, bevor er im Meer der schattenhaften Gesichter verschwand.

Leonie wäre am liebsten im Erdboden versunken. Peinlich berührt, starrte sie zu Boden. Ihr Herz klopfte wild, und sie suchte verzweifelt nach einer passenden Antwort, um die Situation zu retten.

Auch Gideon stand schweigend da, als sei ihm das Ganze ebenso unangenehm. Seine Schulter war ihr so nah, dass sie durch sein kariertes Hemd die Wärme spüren konnte, die von ihm ausging. Über seine breite Brust spannte sich der Gurt, an dem die Mandoline über seinen Rücken hing. Als er immer noch nichts sagte, wagte sie einen scheuen Blick zu ihm auf. Gideon wirkte unentschlossen. Seine unruhigen Augen blieben an zwei jungen Frauen hängen, die in der Nähe standen und kicherten. Seine dunklen Wimpern streiften seine Wangen. Er hatte die Hände in den Taschen vergraben und kickte mit der Stiefelspitze einen Klumpen Erde weg.

In der Ferne erklang das Banjo, und Leonie wusste, dass Oliver bald in eine mitternächtliche Musikstunde vertieft sein würde.

„Du wirst sicher irgendwo erwartet. Es tut mir leid, dass ich dich aufgehalten habe.“ Ihre Worte kamen Leonie hölzern und unpassend vor. Bevor sie alles noch schlimmer machen konnte, drehte sie sich um und ging mit schnellen Schritten auf den dunklen Saum der Lichtung zu. Die Musik und das Lachen wurden leiser. Ihr Vater würde alles andere als begeistert sein. Und mit ihrem Bruder würde sie morgen früh noch ein Hühnchen zu rupfen haben. Was hatte er sich bloß dabei gedacht, sie mit Gideon O’Riley stehen zu lassen und die lästige Pflicht, sie nach Hause zu bringen, auf ihn abzuwälzen?

Sie wagte einen Blick zurück und sah, dass Gideon noch immer mit unschlüssigem Gesicht am selben Fleck stand. Und wenn schon. Auch ohne Worte hatte er mehr als deutlich gemacht, dass er Besseres zu tun hatte. Eilig schritt sie weiter. Sie wollte nur noch nach Hause. Sie spürte einen Kloß im Hals und wünschte, sie könnte sich unter den nächstbesten Wagen ducken und aus dem Blickfeld verschwinden.

Plötzlich hörte sie hinter sich gedämpfte Schritte auf dem festgetretenen Boden. Leonie wirbelte herum und sah, wie Gideon auf sie zulief.

Er schloss zu ihr auf und sah auf sie hinunter. „Jetzt gehst du doch allein nach Hause“, schnaufte er und fuhr sich mit der Hand über den Nacken. „Das solltest du lieber nicht tun.“

„Bitte, du brauchst dich nicht verpflichtet zu fühlen …“

„Aber ich bestehe darauf.“ Zum ersten Mal an jenem Abend galt sein Lächeln nur ihr. Seine Augen hielten ihren Blick fest, und ihr war, als könnte er ihr direkt ins Herz schauen. Verlegen wandte Leonie sich ab.

Ehe sie sich versah, führte Gideon sie davon, fort von Lärm und Lampenlicht. Stimmengewirr und Gelächter verhallten in der Ferne, und sie folgte ihm in die stille, kühle Nacht.

2

Der Vollmond schien hell auf den schmalen Pfad. Gideon hob den Zweig eines Lorbeerbaums hoch, sodass Leonie sich unter den glänzenden grünen Blättern hindurchducken konnte, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht anzustoßen.

„Danke“, flüsterte sie.

Gideon nickte, und als ihre Schritte zögerten, ging er voran. Sie hielt sich dicht hinter ihm, und obwohl sie leise waren und kein Wort sprachen, hörte man mehr als einmal das Rascheln aufgescheuchter Tiere.

Der Weg wurde breiter, sodass sie nebeneinander hergehen konnten. Als sich ihre Schultern aus Versehen berührten, sah Gideon zu ihr hinüber. Rasch machte Leonie einen Schritt zur Seite.

„Alles in Ordnung?“

Sie spürte seinen Blick. „Ja, danke.“ Verstohlen musterte sie ihn im Schutz der Dunkelheit und versuchte, im Mondlicht die Konturen seines Gesichts zu lesen. Sein Gesicht, das sie fast nur aus der Ferne kannte, war auf einmal ganz nah. Leonie war nur wenige Jahre jünger als Gideon, doch sie hatte noch nie mit ihm gesprochen. Jeder in Rocky Knob wusste, dass sich nur die Mädchen mit Gideon O’Riley einließen, die sich Ärger einhandeln wollten. Ob es Cassie auch so ergangen war? Leonie schüttelte den Gedanken ab. Cassie war, soviel sie wusste, ein ganz normales, vernünftiges Mädchen. Und du, Leonie? Hier war sie, allein mit ihm, auf diesem dunklen, einsamen Weg. Vor Nervosität war ihr Mund plötzlich ganz trocken. Um die Stille zu füllen, sagte sie: „Es tut mir leid, dass mein Bruder dich in diese unangenehme Lage gebracht hat.“

„Es ist mir ein Vergnügen.“ Gideon lächelte sie an. „Außerdem“ – er machte einen Schritt über einen großen Stein und hielt ihr die Hand hin – „kann man nie wissen, wem man unterwegs alles begegnet. Allein hier draußen wäre es viel zu gefährlich für dich.“

Sie griff nach seiner Hand, und er half ihr über das Hindernis. Hinter der nächsten Wegbiegung sah sie das verwitterte Holz einer behelfsmäßigen Brücke. Unzählige Male war Leonie über diese Brücke gegangen, doch mit Gideons ungewohntem Griff am Ellbogen fürchtete sie, dass ihre wackligen Knie nachgeben und sie in das dunkle, reißende Wasser stürzen würde.

Als sie das andere Ufer erreicht hatten, löste Gideon seinen Griff. Ein kühler Wind ließ Leonie schaudern. Sie presste die klammen Hände zusammen und sah Gideon verstohlen von der Seite an. Von Nahem sah er noch besser aus als aus der Ferne. Und wenn schon. Sie war bloß Joel Sawyers schüchterne, unbeholfene Tochter, die so gut wie keinen Kontakt zu jungen Männern hatte. Schon gar nicht zu solchen, bei denen Mütter ihren Töchtern warnende Worte ins Ohr flüsterten und Väter mit geladenem Gewehr an der Tür standen. Die Vorstellung, dass sie hier mit Gideon allein auf weiter Flur war, ließ sie frösteln.

Im fahlen Mondlicht konnte sie vereinzelte Sommersprossen auf seiner Nase erkennen und wie sich seine Locken im Genick kräuselten. Als er ihr den Kopf zuwandte, senkte Leonie rasch den Blick und heftete ihn auf den Weg. Sie hätte es ihrer Tante Sarah gegenüber nie zugegeben, aber sie konnte gut verstehen, weshalb anscheinend alle ihre Freundinnen verrückt nach Gideon O’Riley waren. Leonie spürte seine kräftige Hand auf ihrem Rücken, während sie über einen Felsblock auf dem Weg kletterte, und widerstand dem Wunsch, zu ihm hochzusehen.

Sie beschleunigte ihre Schritte, dankbar, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte. Der Pfad wurde wieder schmaler, und Gideon ging hinter ihr her. An einer Weggabelung deutete sie zur Abzweigung, die zum Haus ihrer Tante führte. Ihrem Zufluchtsort. „Dort werde ich auch bald wohnen“, erzählte sie, um die unangenehme Stille zu beenden. „Nur wir beide, meine Tante Sarah und ich. Sie ist Seifensiederin. Das will ich auch werden, und sie kann mir beibringen, wie man gute Seife macht.“ Leonie straffte die Schultern und seufzte zufrieden. „Aber mein Pa lässt mich erst gehen, wenn ich achtzehn bin.“ Sie zog die Nase kraus bei dem Gedanken, dass sie noch so viele Monate warten musste.

„Soso.“

„Dann bin ich endlich frei.“

„Frei?“

„Von meinem Pa. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum er mich nicht eher gehen lässt. Er legt ohnehin keinen Wert auf meine Gesellschaft. Manchmal frage ich mich, warum er mich nicht schon längst davongejagt hat.“ Sie biss sich auf die Lippen. Warum hatte sie das nur gesagt? Wenn ihr Vater wüsste, was sie über ihn dachte, würde sie dafür büßen müssen. Aber auch wenn sie könnte, würde sie ihre Worte nicht zurücknehmen. Es war die Wahrheit. „Hoffentlich denkst du jetzt nicht, ich sei undankbar. Ich wollte nicht schlecht von ihm reden.“

„Ich kann ein Geheimnis bewahren“, zwinkerte Gideon ihr zu.

Schweigend gingen sie weiter.

„Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Der Weg führte steil bergan, und das Sprechen machte ihr Mühe, aber sie wollte unbedingt das Thema wechseln. „Wir sind bald da.“

Leonie krallte ihre Zehen in die festgetretene Erde und kämpfte sich weiter voran. Mehr als einmal hörte sie, wie Gideon hinter ihr ausrutschte. Das Blockhaus ihres Vaters lag höher als die meisten anderen Häuser, aber da Leonie ihr ganzes Leben dort verbracht hatte, war sie den Anstieg gewohnt und kletterte so geschickt wie eine Bergziege.

„Hat dein Vater kein besseres Stück Land finden können?“ Sie bemerkte Gideons neckenden Unterton.

„Du willst doch nicht vor diesem kleinen Hügel kapitulieren?“, konterte sie. „Ich dachte, du bist ein Mann aus den Bergen!“

Gideon lachte. „Ich hoffe, der Aufstieg lohnt sich“, sagte er halblaut.

Je höher sie kamen, desto kühler wurde die Luft. Leonie rieb sich die Arme.

Gideon beeilte sich, zu ihr aufzuschließen, und lief dichter als nötig neben ihr her, als der Pfad wieder breiter wurde. „Wo ist eigentlich der Gipfel?“ Ihre Handrücken berührten sich.

„Dort hinten.“ Leonie blieb stehen und deutete in die Ferne. „Und da ist auch schon unser Haus“, sagte sie außer Atem. Ihre Brust hob und senkte sich.

Eine bescheidene Blockhütte schmiegte sich dicht an den Hang. Die groben, unbehauenen Balken und windschiefen Fenster zeugten von einem harten, kargen Leben. Das einzige Licht war das Flackern einer Kerze, die Leonies Mutter für sie ins Fenster gestellt hatte. Es musste schon ziemlich spät sein. Bestimmt schlief ihre Familie schon tief und fest.

In der Nähe rief eine Eule.

Gideon schob seine Hände in die Taschen. „Dann trennen sich hier wohl unsere Wege.“

Leonie betrachtete ihn stumm. Er war den ganzen weiten Weg mitgegangen. Während sie sich Sorgen machte, weil sie so spät heimkam, hatte er noch einen Rückweg von mindestens einer Stunde vor sich.

„Auf Wiedersehen, Gideon.“ Sie wandte sich zum Gehen. Dann zögerte sie und blickte noch einmal zurück. „Nochmals vielen Dank, dass du mich nach Hause gebracht hast. Das war sehr nett von dir.“ Ein scheues Lächeln umspielte ihre Lippen. „Wenn du dich beeilst, kommst du vielleicht noch vor Sonnenaufgang nach Hause.“

Gideon stand da und schaute in den sternenklaren Himmel.

Nun würde er ihretwegen erst im Morgengrauen heimkommen. „Es tut mir leid, dass ich so abgelegen wohne …“ Leonie biss sich auf die Lippen. „Ich meine, dass ich dir so viele Umstände gemacht habe.“

Als übten ihre Worte einen Sog auf ihn aus, sah er sie an und trat auf sie zu. „Denk das bitte nicht. Du hast mir gar nicht so viele Umstände gemacht.“

Leonie rieb sich die kalten Handflächen. „Dann gehe ich jetzt wohl besser rein. Meine Ma macht sich sicher schon Sorgen.“

„Wie wär’s mit einem Gutenachtkuss?“, sagte er, ohne sie anzusehen. „Ich meine, du wohnst wirklich ganz schön weit weg.“

Leonie stockte der Atem. Sie hatte noch nie einen Jungen geküsst. Ihre Mutter sagte immer, nur Verheiratete dürften sich küssen. „Ich … äh … ich weiß nicht.“ Unsicher wandte sie sich ab. Ihr Blick wanderte zum Haus. Die einsame Kerze lockte mit ihrem Flackern, und sie wünschte, es würde jemand die Tür öffnen und nach ihr rufen. Ihr Zögern war deutlicher als alle Worte.

„Ich verstehe. Also dann, gute Nacht, Leonie.“ Mit den Augen streifte Gideon das Blockhaus, bevor er sich langsam umdrehte und den Pfad bergab ging.

Unschlüssig sah Leonie ihm nach, dem Mann, der den weiten Weg auf sich genommen hatte – nur für sie. Ihr Leben lang war sie in der Menge untergegangen, bis auf heute Abend, als Gideon sie angelächelt hatte wie noch nie zuvor ein Mann. „Gideon, warte!“, rief sie und rannte hinter ihm her.

Ein einziger Kuss war bestimmt nichts Verwerfliches. Außerdem hatte er gesagt, er könne ein Geheimnis bewahren.

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, platzte sie heraus: „Du kannst mir einen Gutenachtkuss geben, wenn du willst.“

Gideon drehte sich um. Mit drei langen Schritten schloss er die Lücke zwischen ihnen. Leonies Herz hämmerte so laut, dass sie befürchtete, er würde es hören. Sie strich ihr Kleid glatt und verschränkte die Hände, als würde ihre äußere Erscheinung in dem Augenblick eine Rolle spielen.

Gideon beugte sich vor, und schon spürte sie seine kühlen Lippen auf ihrem Mund. Sein breitkrempiger Hut berührte ihre Wange wie eine Feder und verbarg ihren Kuss vor den Sternen.

Nach einer Weile versuchte sie, sich loszumachen, doch Gideon fasste sie mit einer Hand um die Taille und zog sie enger an sich heran. Sie schmeckte den Whiskey auf seinen Lippen. Seine andere Hand schob den Stoff ihres Kleides hoch bis über ihr Knie. Seine Finger tasteten sich auf ihrer nackten Haut nach oben wie Spinnenbeine. Leonie griff nach seiner Hand, doch er war stärker.

„Nein!“, presste sie hervor.

Ein Stöhnen drang aus seiner Brust wie der Laut eines alten Bären und versetzte sie in eine nie gekannte Angst.

Als sie seine Lippen in ihrer Halsbeuge spürte, wurde ihr zugleich kalt und heiß. Verzweifelt wand sie sich. Mit einer Hand versuchte sie ihn von sich wegzustoßen, mit der anderen hielt sie seine Linke umklammert, damit sie nicht weiterwandern konnte. Wenn sie jetzt schrie, würde ihr Pa sofort auf die Veranda hinausstürzen, das Gewehr im Anschlag.

Doch wie sollte sie ihm beweisen, dass sie unschuldig war, bei dem Bild, das sich ihm bot?

Gideon presste sie weiter an sich und drückte ihr fast die Luft ab. Angst schnürte ihr die Kehle zu, und in ihrem Kopf drehte sich alles. Schließlich nahm Leonie all ihre Kraft zusammen und riss sich voller Panik los.

„Hör auf, Gid!“ Ihre Faust krachte gegen seinen Kiefer. Gideon taumelte zurück, mit verschwommenem Blick, als wüsste er nicht, wie ihm geschah. Schnell bückte sich Leonie und warf mit einer Handvoll Erde nach ihm. Erdklumpen prallten an seiner Brust ab.

„He, was soll das!“ Sein Atem ging schwer, und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er drehte den Kopf zur Seite und spuckte ein paar Tropfen Blut. Dann rieb er sich den Kiefer und starrte sie wutentbrannt an.

Leonie spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten, und rannte den Pfad hinauf. Sie wischte sich mit dem Handgelenk über die Augen, dann blieb sie noch einmal stehen und blickte mit verschleiertem Blick zurück. „Ich hätte es wissen sollen!“, schrie sie wütend. „Und ich dachte, ich könnte dir trauen!“ Mit wenigen Schritten war sie am Haus, lief die Verandastufen hoch und schloss geräuschlos die Tür. Wie hatte sie bloß so dumm sein können?

In der wohligen Wärme der Stube trat sie ans Fenster und berührte das kalte Glas. Dann schirmte sie mit der Hand die Kerze ab und blies die Flamme aus. Aus dem Dunkel des Zimmers sah sie Gideon, wie er zwischen den Bäumen stand und den Gurt seiner Mandoline zurechtrückte. Durch das Fenster spürte sie seinen Blick. Dann drehte er sich um und verschmolz mit der Nacht.

„Leonie, bist du das?“

Leonie ließ den Vorhang fallen, und das Mondlicht verlosch. Ein Paar neugierige, leuchtende Augen blickten zu ihr auf.

„Ja, ich bin’s. Geh wieder schlafen, Addie.“ Leonie legte ihren Umhang über einen Stuhl und zog ihr Kleid aus. Auf dem glatten Holzboden schlich sie auf Zehenspitzen zum Bett, schlüpfte zu ihrer kleinen Schwester unter die Laken und deckte sich mit der verschlissenen Steppdecke zu.

Die Vierjährige seufzte im Halbschlaf und murmelte: „Du bist ganz kalt.“

„Ich weiß. Tut mir leid, Kleines. Und jetzt schlaf schön.“ Leonie kuschelte sich so dicht wie möglich an ihre Schwester, die Augen weit geöffnet.

Bilder jagten sich in ihrem Kopf.

Sie fühlte noch immer Gideons Kiefer an ihrer Faust, sah seine blutige Lippe. Sie spürte seine Finger auf ihrer Haut, seine kalten Lippen. Leonie schauderte. Ihre Mutter hatte sie gewarnt, sich nie so zu benehmen, dass die Männer auf dumme Gedanken kamen. Leonie zog die Augenbrauen zusammen und dachte nach. Entschlossen schüttelte sie den Kopf. Nein, sie hatte ihn nicht ermutigt. Aber sie hätte ihn auf keinen Fall küssen sollen.

Ihr Bruder Sid schnarchte im Anbau wie ein Bär, ihre Eltern schliefen hinter der verschlossenen Schlafzimmertür, und Oliver war noch nicht zu Hause. Leonie war dankbar, dass niemand aus ihrer Familie gesehen hatte, was passiert war. Sie vergrub ihr Gesicht in Addies Haar und zwang sich, die Augen zu schließen.

Sie fühlte sich schmutzig. Schlimmer noch. Sie fühlte sich sündig. Ihr Kinn zitterte. Gott kannte die Wahrheit. Leonies Blick blieb an der Kaminuhr hängen, sie lauschte ihrem stetigen Ticken. Wenn sie bloß die Zeit zurückdrehen könnte wie einen Schlüssel im Schloss. Wenn es so einfach wäre. Sie spürte einen Knoten im Magen. Seine tastenden, fordernden Hände … Leonie schüttelte sich vor Ekel.

Sie schlang die Arme um ihr Kissen und verbarg das Gesicht in den Federn. Ein Seufzen entfuhr ihrer Brust. Ihre Kehle brannte. Sie betrachtete Addies weiches Kindergesicht, ihre runden, rosigen Wangen. Sie sah so unschuldig aus. Eine Träne löste sich und tropfte auf das Kissen. Wenn sie noch einmal so unschuldig sein könnte wie Addie. So unschuldig wie gestern.

3

Gideon hob den Kopf, als strahlendes Sonnenlicht durch das Fenster über seinem Bett fiel. Ein Auge noch zugekniffen, blickte er sich im Zimmer um. Die Konturen verschwammen im hellen Licht, aber er sah, dass seine Brüder schon aufgestanden waren. Ächzend ließ er sich wieder auf die Matratze sinken. Sein Kopf schmerzte. Oder war es nur sein Unterkiefer? So viel hatte er doch gestern Abend gar nicht getrunken.

Bilder zogen herauf, während seine Erinnerung langsam zurückkehrte. Er drehte sich auf die Seite und wischte sich mit dem heißen Handrücken über die Augen. Cassie. Er sah ihre runden Wangen und ihre vollen Lippen, die an Rosenknospen erinnerten. Mit ihr war er gestern zusammen gewesen. Oder etwa nicht? Er sah ein Mädchen mit Sommersprossen, das schüchtern den Blick abwandte. Joel Sawyers älteste Tochter. Gideon blinzelte und zwang sich, beide Augen zu öffnen. Angestrengt starrte er an die Decke.

Ja, sie war es gewesen. Leonie.

Er betastete seinen Kiefer und zuckte zusammen, als er die wunde Stelle berührte. Noch nie hatte ihm ein Mädchen einen Kinnhaken verpasst. Gideon fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Der Blutgeschmack brachte schlagartig die Erinnerung zurück. Benommen setzte er sich auf, fasste sich an den schmerzenden Kopf und schlurfte langsam zu dem Spiegel, der in einem seltsamen Winkel an der gegenüberliegenden Wand hing. Er starrte in das staubverschmierte Glas und sah die Platzwunde an der Unterlippe, wo das hellrote Blut längst eingetrocknet war. Er feuchtete seinen Daumen an, wischte das verkrustete Blut ab und spürte den pulsierenden Schmerz.

„Diese miese, kleine …“ Gideon schüttelte den Kopf und taumelte zurück zum Bett. Der Tag konnte warten. „Und es hat sich noch nicht mal gelohnt“, murmelte er halblaut, während er sich auf die Matratze fallen ließ. Seine Beine waren zu lang für das kurze, klapprige Bettgestell.

Er wusste, dass er längst in der Werkstatt sein sollte. Er hatte einen Schaukelstuhl für den alten Thomas in Arbeit, der heute fertig werden musste. Aber in seinem Zustand würde er sich möglicherweise einen Finger absägen oder einen ähnlich dummen Unfall haben. Sein Magen knurrte, und obwohl ihm der Duft von gebratenem Schinkenspeck in die Nase stieg und die Sonne warm auf seinen Rücken schien, drehte er sich um und schlief noch einmal ein.

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Vorsichtig stieg Leonie über die Steine am Ufer und gab acht, nicht auf den Ahornblättern auszurutschen, die sich dort angesammelt hatten. Sie kniete nieder. Ihr Eimer durchbrach die glatte Oberfläche der stillen Bucht. Kühles Nass floss über das verzinkte Metall. Sie hob das schwere Gefäß aus dem Wasser und kletterte die Uferböschung hinauf. Ihre bloßen Füße gruben sich in die feuchte Erde. Es war noch früh am Morgen, aber die Liste ihrer täglichen Pflichten war lang, und sie musste sich beeilen.

Mit raschen Schritten durchquerte sie den Garten. Auf der untersten Verandastufe warf sie einen Blick über die Schulter auf ihre jüngeren Brüder, die damit beschäftigt waren, einen Zaun zu reparieren. Sid und Oliver beugten sich konzentriert über ihre Arbeit, während ihre Hammerschläge durch die stille Berglandschaft hallten.

Wasser schwappte gegen den Rand ihres Eimers, als Leonie die Stufen hinaufstieg. Im Haus umfing sie eine behagliche Wärme und der Duft von frisch gebackenem Brot. Noch bevor sie den Eimer absetzen konnte, reichte ihre Mutter ihr ein Stück Laugenseife und trocknete sich die abgearbeiteten Hände an ihrer Schürze ab. „Addie! Lauf schnell nach draußen und hol für deine Schwester etwas Sand.“ Ihre Stimme klang erschöpft, und ihr Atem ging schwer.

Das kleine Mädchen zog einen Schmollmund, rutschte vom Schaukelstuhl herunter und schlenderte zur Tür.

„Hier, nimm das mit.“ Maggie gab ihr eine alte Kuchenform.

Leonie hörte ihre Schwester die Holzstufen hinunterhüpfen und streifte ihre Mutter mit einem flüchtigen Blick. Ob sie etwas ahnte? Ihr wettergegerbtes Gesicht verriet nichts, sie schien ganz und gar in ihre Arbeit vertieft.

Leonie begann, den Fußboden zu scheuern. Ihr kariertes Schürzenkleid reichte nur bis knapp unters Knie, doch sie musste es hochziehen, damit der dunkelgraue Saum nicht nass wurde. Immer wieder tauchte sie die grobe Bürste ins Wasser, und das Geräusch der Borsten, die über den Holzboden kratzten, füllte den Raum. Addie brachte feinen Sand vom Flussufer, den Leonie auf den Boden und unter den Tisch streute. Ihre kleine Schwester schaute vom Schaukelstuhl aus zu, ihre schmutzigen kleinen Füße baumelten über dem Boden.

Mit dem Ärmel wischte sich Leonie die Schweißperlen von der Stirn. Während sie den Fußboden bearbeitete, ging unablässig die Tür auf und wurde mit lautem Knall wieder zugeschlagen. Jedes Mal, wenn einer ihrer Brüder eintreten wollte, wehrte Leonie ihn ab und erntete ein so theatralisches Stöhnen, dass sie schmunzeln musste. Aber sie hasste den Gedanken an schlammige Stiefel auf dem nassen, sauberen Boden.

Mit einem Lied auf den Lippen ging ihr die Arbeit leicht voran, und ihre flinken Arme bewegten sich im Takt. Ihre Ma schrubbte nicht gern die Böden. Auch die Seifenherstellung war ihr zuwider, deshalb holte Leonie alle paar Wochen einen Korb voll Seifen bei ihrer Tante Sarah. Unermüdlich tauchte sie die Bürste in die duftende Waschlauge. Nachdem sie den Boden mit klarem Wasser nachgespült hatte, legte sie die Bürste beiseite. So gut es ging wischte sie den Sand auf, den Rest fegte sie zusammen. Dann ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und bewunderte ihr Werk, wobei sie ihre schmerzenden Nackenmuskeln rieb und den Hals hin und her bewegte.

Der Friede wurde jäh unterbrochen, als schwere Stiefel die Verandastufen hinaufpolterten. Leonie wappnete sich für das drohende Gewitter. Die Haustür flog auf, und ihr Pa stürmte herein. Entsetzt sah sie die dreckigen Fußspuren auf dem Boden, als er den Tisch umrundete. Sie stand auf und strich ihr Kleid glatt. Er sah sie an, als wollte er sie mit seinen Blicken durchbohren, und Leonies Herz sank.

Ein Stuhl kratzte über die Holzplanken, als er ihn heranzog. Maggie griff nach einer Blechtasse auf der Anrichte und beeilte sich, ihm Kaffee einzuschenken. Leonie machte einen Schritt Richtung Tür.

„Halt – wo willst du hin?“ Sein Tonfall war hart wie Stein. Sie erstarrte. Ihre Hand umklammerte den Türgriff.

Er weiß Bescheid.

„Wo warst du gestern Abend so lange?“

Sie versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Gideon hat mich nach Hause gebracht.“

Ihr Vater kratzte sich den stoppeligen Unterkiefer. „Das hat Oliver auch gesagt.“ Seine gelblichen Augen verengten sich. „Und warum hat das so ewig gedauert?“

Leonie öffnete den Mund. „Ich … äh …“ Sie blickte Hilfe suchend zu ihrer Mutter, doch Maggie stand mit hängenden Schultern da und schaute zu Boden. „Wir haben etwas länger gebraucht für den Weg. Gideon läuft nicht so schnell.“ Das war jedenfalls nicht gelogen. „Er konnte kaum mit mir Schritt halten.“

Der Stuhl krachte gegen die Wand, als ihr Vater aufsprang. Addie schrie auf und hielt sich die Hände vors Gesicht. Leonie zuckte zusammen.

„Lüg mich nicht an, Mädchen!“ Er stürzte auf sie zu und packte sie am Arm.

„Aber ich habe nicht …“

„Du lügst!“, herrschte er sie an. Sein Atem roch nach Kaffee und Schnaps. Ihre Ma lehnte sich resigniert gegen die Wand. Leonie kämpfte mit den Tränen. Bloß nicht weinen, sonst würde er noch falsche Schlüsse ziehen.

„Du warst da draußen mit diesem Burschen zugange. Ich habe es genau gesehen.“ Sein Griff wurde fester. Schmutzige Fingernägel gruben sich in ihr Handgelenk. „Du solltest dich was schämen!“

Gegen ihren Willen löste sich eine einzelne Träne.

„Du bist siebzehn Jahre alt … und hast nichts Besseres zu tun, als dich mit diesem Kerl herumzutreiben!“ Unsanft riss er ihren Arm hoch, und Leonie hätte am liebsten laut aufgeschrien. „Ich habe gesehen, wie er dich angefasst hat.“ Seine Lippen zitterten. „Ich habe gleich gewusst, dass du zu nichts zu gebrauchen bist.“ Er warf einen wütenden Blick in Maggies Richtung. „Kein Wunder. Ich weiß, von wem du das hast.“

„Pa …“ Leonie schluchzte auf, aber wenigstens hatte sie ihre Stimme wiedergefunden. Sie wand sich in seinem Griff. „Ich habe nichts getan.“

„Hast du das gewusst, Mama?“ Joel sah zu seiner Frau hinüber. „Deine älteste Tochter hat gestern Abend da draußen mit diesem O’Riley-Jungen herumgemacht.“ Seine Augen bohrten sich in Leonies. „Ich bin sicher, es war nicht das erste Mal.“

„Welcher Junge?“, fragte ihre Mutter betont beiläufig in dem vergeblichen Versuch zu schlichten.

„Der älteste.“ Seine Stimme triefte vor Verachtung. „Nichts als Unfug im Kopf.“

Leonie gelang es, sich loszureißen und unter seinem Arm hindurchzuducken. Doch bevor sie den Türknauf erreichen konnte, packte er sie bei den Haaren. Mit einem Aufschrei fiel sie auf die Knie. Addie fing an zu weinen.

Dann ging ihr Vater um den Tisch herum und fasste sie mit hartem Griff um die Taille.

„Joel, bitte.“ Maggie trat hinzu und legte ihm zaghaft die Hand auf die Schulter. Er schüttelte sie ab, ließ Leonie jedoch los. „Deine Tochter ist ein beflecktes Mädchen, Maggie.“ Verächtlich spuckte er die Worte aus. „Darauf würde ich mein Leben verwetten.“

„Kann ich dich beim Wort nehmen?“, murmelte Leonie kaum hörbar.

„Werde bloß nicht frech!“ Unsanft riss er sie hoch.

Seine scharfe Schnapsfahne schlug ihr ins Gesicht. Dann stieß er sie grob von sich, und Leonie stolperte und kämpfte auf dem nassen Boden um ihr Gleichgewicht. Sie sah seine schlammige Fußspur, bevor die Tür krachend ins Schloss fiel.

Addies lautes Weinen verebbte zu einem leisen Wimmern.

„Es tut mir so leid, Leonie.“ Ihre Mutter war zu ihr getreten. „Dein Pa … Er meint es nicht so.“

Leonie starrte auf ihre Füße und spürte eine Welle der Enttäuschung. Was habe ich erwartet? Maggie hatte ihrem Mann nie die Stirn geboten. Warum sollte sie es jetzt tun? Sie zwang sich, ihre Mutter anzuschauen.

„Ich weiß, wie dir zumute ist, Liebes. Dein Pa hat manchmal nicht besonders viel Geduld.“

Leonie wollte sich die Ohren zuhalten, damit sie Maggies Worte nicht mehr hören musste. Sie wollte überhaupt nichts mehr hören. Auch Addies Geheule ging ihr auf die Nerven.

Aufgewühlt sah sie zum Fenster hinaus. Alle hatten sie im Stich gelassen. Alle, bis auf eine.

Sie spürte die sanfte Hand ihrer Mutter auf der Schulter. „Leonie.“ Ihre braunen Augen waren voller Sorge und unendlichem Bedauern. „Ich wünschte, es wäre nicht wahr.“ In ihrer Stimme lag die ganze Verzweiflung eines gebrochenen Herzens.

Leonie ging zu Addie, nahm ihre kleine Schwester auf den Arm und setzte sie sich auf die Hüfte. Betont ruhig sagte sie: „Wir gehen zu Tante Sarah.“

4

Leise eilte Leonie die Stufen hinunter und verschwand hinter dem Haus. Vorsichtig blickte sie sich um, aber im Hof war keine Spur von ihrem Pa zu sehen. Sie drückte Addie noch fester an sich und entfernte sich mit schnellen Schritten, bis sie außer Sichtweite waren.

„Was machen wir jetzt?“ Addie schlang die Ärmchen um den Hals ihrer großen Schwester.

„Tante Sarah besuchen. Freust du dich?“

Addie nickte und presste ihre weiche Wange an Leonies Schulter. Eine Berührung, die sie jedes Mal froh stimmte, doch diesmal war sie zu niedergeschlagen, um sie zu bemerken. Das Kind rutschte ihr fast von der Hüfte, und sie schob es höher hinauf. Mit vier Jahren war Addie schon fast zu groß zum Tragen, aber es war ein weiter Weg, und sie hatte sie mitgenommen, ohne zu fragen. Aber sie hätte Addie unmöglich zu Hause lassen können. Genauso wenig, wie man einen Jungvogel bei heraufziehendem Sturm allein im Nest lässt.

Leonie lief weiter. Das Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen. Keiner von beiden sprach.

Den Weg kannte sie gut, sie war ihn unzählige Male gegangen. Seit dem Tag, an dem ihr Pa sie zum ersten Mal grün und blau geschlagen hatte. Sie war sechs Jahre alt gewesen. Sarah hatte sie auf den Schoß genommen, und sie hatten beide geweint. An jenem Abend hatte ihre Tante ihr im Schein des Feuers einen Psalm aus der Bibel vorgelesen. Zwei Wochen später, als Leonie wiederkam, einen anderen. Inzwischen hatten sie alle Psalmen durch und lasen sie bereits zum zweiten Mal. Fast konnte Leonie die Tage ihres Lebens nach diesen Psalmen zählen. Und mit jedem weiteren Jahr klammerte sie sich fester an die Hoffnung, dass bald ein Ende in Sicht war.

Als ihre Arme schmerzten, setzte sie ihre kleine Schwester ab.

„Kannst du ein Stückchen laufen, Addie-Schatz?“

Addie nuckelte an ihrem Daumen und tastete nach Leonies Hand. Leonie umfasste ihre kleinen Finger, und sie marschierten schweigend nebeneinanderher. Bald entdeckten sie in der Ferne das Blockhaus ihrer Tante. Rauch stieg aus dem Schornstein auf, und der Anblick wärmte Leonie das Herz.

Sie zeigte mit dem Finger auf das Haus. „Schau, gleich sind wir da.“

Kurze Zeit später hörte man das dumpfe Geräusch ihrer nackten Füße auf der Veranda. Der Duft von Zimt und Muskat lag in der Luft.

Sarah begrüßte sie durch das Fenster. „Kommt rein, ihr Mädchen.“

Sorgsam darauf bedacht, ihr schmerzendes Handgelenk hinter ihrem Rücken zu verstecken, öffnete Leonie für ihre Schwester die Tür. „Tut mir leid, dass wir dich so überfallen. Wir dachten, wir könnten dich mal wieder besuchen, einfach so.“

Addie nahm den Daumen aus dem Mund und wollte etwas sagen, aber Leonie sah sie an und schüttelte den Kopf. Sarah beobachtete die beiden, und ihr Blick wurde weich. Leonie wusste, dass es keinen Sinn hatte, die Wahrheit vor ihr zu verbergen.

„Dein Pa?“ Lautlos formte ihre Tante die Worte.

Leonie wischte mit dem Ärmel die aufsteigenden Tränen weg. Sarahs Augen weiteten sich. Rasch ließ Leonie den Arm sinken und zog den Ärmel über ihr Handgelenk.

Für einen kurzen Moment flackerte Wut in Sarahs Gesicht auf. „Es gibt gleich Zimtbrötchen“, sagte sie dann. „Mit Honig und Marmelade. Mögt ihr welche?“ Addie nickte begeistert, und Sarah nahm lächelnd die Gläser aus dem Vorratsschrank.

Leonie seufzte.

Ein Lied auf den Lippen, goss Sarah die Milch zu den anderen Teigzutaten und verquirlte alles mit einem großen Rührbesen. Leonie formte die Brötchen und setzte sie nebeneinander in eine gefettete gusseiserne Form. Sie liebte es, wenn ihre Tante sang. Sarah hatte eine ebenso schöne Stimme wie ihre Mutter. Aber Maggie Sawyer sang nur noch sonntags in der Kirche. Zu Hause war ihr das Singen vergangen.

Leonie schob die Brötchen in den Ofen. Dann ließ sie sich in den Schaukelstuhl aus Ahornholz sinken, der einmal ihrer Großmutter gehört hatte, und las Addie eine Geschichte vor. Sarah machte sich in der Küche zu schaffen. Zwischendurch ging sie hinaus, um den Eimer mit dem Schweinefutter wegzubringen. Als sie wieder hereinkam, stellte sie den leeren Eimer mit einem zufriedenen Seufzen ab.

Am Nachmittag ließen sie sich die heißen Zimtbrötchen auf der Veranda schmecken, während eine sanfte Brise ihre Finger kühlte. Als Leonie nach dem Essen die Teller zusammenstellte, holte Sarah eine Blechbüchse mit Spielkarten und bestand darauf, dass der Abwasch warten konnte. Addie verstand die Spielregeln noch nicht, doch sie ließen sie jedes Mal gewinnen.

Als das Licht schwächer wurde, gingen sie ins Haus, und Sarah entzündete eine Öllampe.

„Ihr Mädchen bleibt doch über Nacht hier, nicht wahr?“

Leonie nickte erleichtert. „Die Einladung nehmen wir gern an. Außerdem wird es bald dunkel.“ Sie blickte aus dem Fenster. Ihre Ma würde bestimmt nicht wollen, dass sie allein mit Addie den langen Weg im Dunkeln zurücklegte. Sarah öffnete den Wäscheschrank. Leonie nahm die vertrauten Steppdecken entgegen und half ihr, das Gästebett zu machen.

„Ma weiß, dass wir hier sind.“ Leonie sammelte die Spielkarten ein, während Sarah in der Küche das Abendessen zubereitete. Addie rutschte vom Stuhl und riss dabei den Kartenstapel mit, der wie ein Wasserfall zu Boden plätscherte.