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Christian Pestel

Dein Glaube hat dir geholfen

Heilungen im Neuen Testament und heute

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Bibelzitate folgen der Übersetzung:
Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe,
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Das vorliegende Buch erhebt nicht den Anspruch, das Thema erschöpfend zu behandeln, sondern das Grundsätzliche und Relevante, das wirklich Not-wendige darzustellen.
Der Autor

© 2014 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Umschlaggestaltung: Olaf Johannson
Satz: DTP Brunnen
ISBN 978-3-7655-4224-4
eISBN 978-3-7655-7190-9

Gewidmet den Menschen, die aufgrund einer Krankheit tagtäglich in Abgründe hineinschauen, von denen ich gar keine Vorstellung habe.

Verbunden in der gemeinsamen Neugier, was uns das Neue Testament über Heilungen sagt.

Inhalt

Einleitung: Die Rätsel Gottes

1. Die Heilungen durch Jesus Christus

2. Wie Jesus kranken Menschen begegnete

3. Die erstaunliche Souveränität von Jesus über Krankheit

4. „Dein Glaube hat dir geholfen.“

5. Bedeutung und Wirkung der Heilungen durch Jesus

6. Ursachen und Hintergründe von Krankheiten

7. Sind alle geheilt worden?

8. Die Wunderkritik von Jesus

9. Ausgesandt, zu predigen und zu heilen

10. Heilung und Krankheit in der Zeit der ersten Gemeinde

11. Heilung durch den Glauben heute

12. Glaubensmut

Schluss: Heilung für Kranke und Gesunde

Anhänge

Literaturverzeichnis

Quellenangaben

Einleitung: Die Rätsel Gottes

Die Rätsel Gottes sind befriedigender als die Lösungen der Menschen.

G. K. CHESTERTON1

Eines der großen Rätsel des Lebens ist die Krankheit. Warum trifft es den einen und den anderen nicht? Was kann ich tun, um wieder gesund zu werden? Und worin besteht der Wert des Lebens, wenn man auf all das verzichten muss, was es einmal lebenswert gemacht hat?

Für den gläubigen Menschen aber gibt es noch weitere Fragen, die oft bohrend und schmerzhaft sind: Wie passt das zu Gottes Liebe? Hat Jesus nicht alle Kranken geheilt? Und was kann ich tun, um auch eine Glaubensheilung zu erfahren?

Zu seiner körperlichen Not kommt für den Kranken also noch eine innere Not hinzu. Nicht nur, dass die Krankheit ihn fordert; nicht selten fühlt er sich gerade da von Gott alleingelassen, wo er ihn am dringendsten bräuchte.

Für diese Fragen gibt es eine wirksame Medizin. Seit Jahrtausenden hat die Bibel Kranken Rede und Antwort gestanden, hat in schlaflosen Nächten getröstet und an Kinderbetten Halt gegeben. Und immer wieder hat sie den Glauben geweckt, dass Gott von Leiden befreit.

Die Bibel enthält keine einfachen Rezepte. Aber Gottes Rätsel sind tatsächlich befriedigender als die Lösungen der Menschen: Wenn sie auch viele Fragen offenlassen, so treiben sie uns doch zu Gott. Sie lassen ehrliche Gebete aufsteigen. Mit einem Mal wird uns die Bibel zur packenden Lektüre. Und wir spüren: Gott hält uns die Begegnung mit sich wie einen warmen Mantel hin. Wenn der Wind nur kalt und rau genug weht, dann schlüpfen wir gerne hinein und finden dort Schutz, Kraft und – nach Gottes Willen – auch Heilung.

1. Die Heilungen durch Jesus Christus

Siddhartha Gautama, genannt Buddha, verstand sich als Weisheitslehrer, Mohammed sah sich als Prophet. Doch bei Jesus haben neben Lehre und Predigt auch Wunder eine große Rolle gespielt, insbesondere Heilungen. Und so erschließt sich ein wesentlicher Teil seiner Person und seines Anliegens aus den Heilungen. Wer Jesus war und worum es ihm ging, das wird gerade in diesen Wundertaten sichtbar und ist ohne sie nicht zu verstehen. Was wissen wir darüber? Wenn wir dafür unsere eigenen Fragen fürs Erste zurückstellen, dann kann uns die Bibel entfalten, was sie selbst sagen will. Und vielleicht ist es ja das, was auch heilsam für uns ist.

Jeden Morgen erinnere ich mich selbst daran:
Nichts, was ich an diesem Tag sage, wird mich irgendetwas lehren.
Wenn ich lernen möchte, kann ich das nur, indem ich höre.

LARRY KING

Wen hat Jesus geheilt?2

Das Neue Testament berichtet von 16 einzelnen Heilungen3, sechs Austreibungen4 und drei Auferweckungen durch Jesus. Dabei hat er 38 Personen geheilt, davon fünf Frauen, drei Kinder und drei Nichtjuden. Doch diese Heilungen stehen exemplarisch für viele weitere, denn 13 kurze Notizen, sogenannte „Summarien“, fassen den Dienst von Jesus zusammen und betonen, dass er viele geheilt hat, ja dass er sogar „alle“ geheilt habe.5

Jesus hatte also ein besonderes Anliegen für kranke Menschen, so wie er es auch für Sünder hatte. Einmal sagte er: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten“ (Lk 5,31-32). Mit seinen vielen Heilungen hat Jesus das eindrücklich unterstrichen.

Wovon hat Jesus geheilt?

Jesus hat nicht pauschal geheilt, irgendwen und irgendwie, sondern einzelne Menschen mit ihren jeweiligen Leiden. Darum berichtet das Neue Testament sehr differenziert davon: „Es kam eine große Menge zu ihm; die hatten bei sich Gelähmte, Verkrüppelte, Blinde, Stumme und viele andere Kranke und legten sie Jesus vor die Füße und er heilte sie“ (Mt 15,30).

Die Evangelien nennen die verschiedenen Krankheiten, beschreiben sie aber vor allem in ihrer Schwere und spirituellen Dimension.

Die einzelnen Krankheiten

Die Krankheiten werden in den Evangelien natürlich nicht nach der modernen Diagnostik benannt. Im Mittelpunkt stehen die Symptome, weniger die Ursachen. Es handelt sich also meistens eher um Krankheitsbilder als um identifizierbare Krankheiten.6 Doch ihre Bandbreite zeigt, dass Jesus mit fast jedem Leiden konfrontiert wurde7: Infektionen, Behinderungen, Verletzungen, Haut-, Muskel- und Organleiden.

Krankheitssymptome und Krankheitsfolgen

Das Neue Testament beschreibt die Krankheiten vor allem durch ihre Symptome, Beeinträchtigungen und Wirkungen. Ausdrücke wie „38 Jahre krank“ und „große Qualen“ halten diese fest und betonen die Schwere der Leiden. Trotz der diagnostischen Unschärfe entsteht so ein plastisches Bild davon, was diese Krankheiten für die Kranken bedeutet haben.

Als unmittelbar physische Wirkungen werden Schmerzen, Fieber, Bettlägerigkeit sowie vielfältige Behinderungen genannt.8 Als psychische und soziale Auswirkungen hören wir von Demütigung, Vorurteilen, Ausgrenzung, Ausnutzung und Vereinsamung.9 So sagt ein seit 38 Jahren gelähmter Mann zu Jesus: „Ich habe keinen Menschen“ (Jh 5,6.7). Wirtschaftliche Folge war oft Armut und Verelendung. Mit trauriger Selbstverständlichkeit heißt es, dass Kranke betteln mussten.10 Krankheiten waren – öfter noch als heute – lang anhaltend oder unheilbar. Und so hören wir von Krankheiten von Geburt an, von chronischen Krankheiten über 38, 18 oder 12 Jahre.11

Doch gerade weil auf diese Weise die Schwere der Krankheit betont wird, sind die Heilungen umso befreiender, und die Leute staunten: „Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend“ (Mk 7,37).

Die spirituelle Dimension von Krankheit

Heute wird Krankheit vor allem als eine Beeinträchtigung der Lebensqualität empfunden. Hier liegt der Schrecken der Krankheit. Doch zur Zeit von Jesus ging es auch um Segen und Fluch (Jh 9,2), Ehre und Schande (Lk 1,25), Reinheit und Unreinheit.12 Krankheit hatte also auch eine spirituelle Dimension, die nicht, wie man denken könnte, vage war und etwas ganz Persönliches, sondern sehr konkret und auch öffentlich. Kranke galten oft als Sünder, als von Gott gestraft, als aus der Gemeinschaft mit Gott oder seinem Volk ganz oder zeitweise ausgeschlossen.

Jesus hat diese Deutungen teilweise kritisiert, aber nicht grundsätzlich abgelehnt.13 Mit den Heilungen hat er auch spirituelle Wiederherstellung bewirkt und Kranke wieder in die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen gestellt. Ja, gerade die innere und geistliche Gesundung war sein Anliegen, und die physischen Heilungen haben diese sichtbar gemacht (Mt 9,6).

Wie hat Jesus geheilt?

So facettenreich wie die Krankheiten geschildert werden, hat Jesus sie auch geheilt. Er hatte kein Schema, und oft scheinen seine Heilungen widersprüchlich zu sein.14 Doch im Wesentlichen heilte er immer durch sein Wort, begleitet von einer Berührung der Kranken. Alle Abweichungen davon beleuchten das nur auf die eine oder andere Weise.

Wort und Wille von Jesus15

Für die Heilungen waren immer das Wort und der Wille von Jesus entscheidend. Er heilte, indem er den Krankheiten gebot oder den Kranken Gesundheit zusprach. Als ihn ein Aussätziger um Heilung bat, sagte er: „Ich will’s tun, sei rein. Und sogleich wurde er rein“ (Mt 8,3). Die Leute staunten über die unerhörte Kraft seiner Worte: „Was ist das für ein Wort. Er gebietet mit Vollmacht“ (Lk 4,36).

Zwei unwillkürliche Heilungen jedoch geschahen ohne bewusste Beteiligung von Jesus. Sie zeigen, dass er die Kraft zu heilen grundsätzlich und bleibend besaß.

Berührung der Kranken16

Obwohl die Heilungen ein Wortgeschehen waren, kam noch ein äußeres Element hinzu: die Berührung der Kranken.17 So heißt es bei der Heilung zweier Blinder: „Da berührte er ihre Augen und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben. Und ihre Augen wurden geöffnet“ (Mt 9,29). Diese Berührungen waren so typisch für Jesus, dass „anrühren/berühren“ ein Synonym für seine Heilungen war. Sie spiegeln die persönliche Zuwendung seiner Heilungskraft wider, die Überwindung von Ächtung und Isolation sowie den Segen Gottes (Lk 18,15).

Es gab auch drei Fernheilungen ohne Berührung der Kranken. Sie zeigen, dass es tatsächlich alleine das Wort von Jesus war, das heilte und auch über die Distanz wirkte.

Manche Berührungen galten als unrein und waren verboten.18 Sie zeigen, dass Jesus größer war als das Gesetz (Mt 12,8) und stärker als die Unreinheit. Jesus war der Reine, der die Unreinen reinigt!19

Besondere Mittel20

Jesus hat bei den Heilungen ganz auf Gebete, Rituale und Magie verzichtet.21 Damit unterschied er sich grundlegend von den zeitgenössischen Heilern und Exorzisten. Während diese viele Gottheiten anriefen, sich Beschwörungsformeln oder magischer Utensilien bedienten, verzichtete Jesus ganz darauf.22 Umso auffälliger sind die wenigen Situationen, in denen Jesus doch besondere Mittel gebrauchte, etwa aramäische Heilungsworte23 oder Speichel. Dafür mag es Umstände oder Absichten gegeben haben, die uns nicht mehr alle einsichtig sind, doch sie unterstreichen, dass Jesus auf jede Weise heilen konnte, die ihm angemessen erschien.

Kaum zu glauben …

Nach diesen Berichten heilte Jesus jede Krankheit – lediglich durch ein Wort und sofort und vollständig. Kann man das glauben? Ein Kranker vielleicht, der sich Hoffnung macht, aber welcher nüchterne Mensch könnte das heute noch als Tatsachen ansehen oder gar als erfahrbare Realität für sich selbst?

Schon damals waren die Heilungen durch Jesus schier unglaublich und sprengten alles Vorstellbare. Die Leute sagten: „So etwas ist in Israel noch nie gesehen worden“ (Mt 9,33; Mk 2,12). Einer beteuerte staunend: „Von Anbeginn der Welt hat man nicht gehört, dass jemand einem Blindgeborenen die Augen aufgetan hat“ (Jh 9,32) – und hatte es doch selbst eben erlebt.

Diese Wunderberichte waren und sind also letztlich nicht plausibel oder gar wissenschaftlich fassbar. Der einzige Grund, sie in Erwägung zu ziehen, liegt in der Person von Jesus selbst. Erscheint er dabei unglaubwürdig, falsch oder arrogant, sodass man sie leicht ablehnen könnte? Oder ist an ihm doch etwas, dass es sich lohnt, einen näheren Blick auf ihn zu werfen?

NACH-GEDACHT

Wir hören von diesen Heilungen und sind skeptisch. Doch was, wenn wir Jesus dabei beobachten, wie er mit Menschen umgeht? Wie er unter die Oberfläche schaut und sich dabei selbst ins Herz schauen lässt? Sind wir auch dann noch die mit den verschränkten Armen und dem festen Urteil?

Was wäre eine solche außergewöhnliche Fähigkeit ohne ein außergewöhnliches Wesen? Was sagen die Heilungsberichte über das Wesen von Jesus?

2. Wie Jesus kranken Menschen begegnete