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Nick Vujicic

Sei stark!

Selbstbewusst
gegen Mobbing, Ausgrenzung
… und was dich sonst runterzieht

Deutsch von Julian Müller

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Inhalt

  1 – Warum ich?

Du bist nicht allein. Mobbing gibt es überall – weltweit

  2 – Werde zum Albtraum deines Gegners

Kenne dich selbst und lass den Rest an dir abprallen

  3 – Ab aufs Spielfeld

Übernimm die Kontrolle über dein Leben

  4 – Weg mit dem Kartenhaus

Baue starke Mauern, die sich nicht so leicht erschüttern lassen

  5 – Steck dir eine Sicherheitszone ab

Bau dir einen Panzer aus innerer Stärke

  6 – Hol dir Verstärkung

Bau dir ein Netz aus starken Beziehungen

  7 – Bis hierher und nicht weiter

Kontrolliere deine Gefühle und gewinne die Schlacht im Innern

  8 – Da stehst du doch drüber

Wieso ein geistliches Fundament hilft, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen

  9 – Einmal Mobbing, bitte!

So schlimm Mobbing auch ist – begreife es als Wachstumschance

10 – Deine Anti-Mobbing-Strategie

Wie du in der Hitze des Gefechts cool bleiben kannst

11 – Mach dich stark gegen Mobbing

Sei ein guter Samariter und sage der Mobbingepidemie den Kampf an

Danksagung

Über den Autor

Dieses Buch, ein Beitrag im Kampf
gegen Mobbing, widme ich meinem Sohn Kiyoshi.
Mögen du und deine Kinder
in einer besseren, freundlicheren Welt leben.

Statements zu Nick Vujicic, Sei stark!
Selbstbewusst gegen Mobbing, Ausgrenzung ...
und was dich sonst runterzieht

„Als einer, der als Kind selbst unter Mobbing litt und heute beruflich mit den unterschiedlichsten Formen von Gewalt konfrontiert wird, spricht mir das Buch zutiefst aus dem Herzen. Dieses Buch ist ein idealer Ratgeber für alle Menschen: Es ermutigt und ist total authentisch geschrieben – von einem wunderbaren Menschen, der weiß, wovon er redet. Geschrieben aus dem Herzen für Herzen.

Nicks Buch motiviert, es tröstet und nicht selten gewinnt es dem Leser ein Lächeln ab. Man spürt, dass die Liebe Gottes dieses wunderbare Buch erfüllt, so wie den Autor selbst.“

Michael Stahl

Gewinner des Werte Awards für innovative & strukturverändernde Projekte

Inhaber von Security & More – Anti-Gewalt-Seminare Selbstverteidigung Sicherheitsdienst Gewaltprävention

„Nick ist ein Ermutiger. Er zeigt, dass Anderssein keine Schwäche ist, im Gegenteil: Jeder Mensch ist wertvoll! Mit seiner aufbauenden Geschichte sagt Nick Mobbing und Ausgrenzung den Kampf an.“

Lea Steins, Studentin

„Warum sollte man dieses Buch lesen? –Weil es eine wahre Geschichte ist. Sieh dir die Bilder und Videos von Nick im Internet an. Wenn er es geschafft hat, so glücklich zu werden, dann schaffst du es auch!“

Helen Endemann

Romanautorin, „Operation Unsichtbar“ (Thema Mobbing)

1 – Warum ich?

Du bist nicht allein.
Mobbing gibt es überall – weltweit

Ich bin das perfekte Mobbingopfer. Keine Arme, keine Beine. Keine Gegenwehr.

Obwohl ich aus ungeklärten Gründen ohne Gliedmaßen geboren wurde, hatte ich es gut. Ich hatte eine liebevolle Familie, die mich unterstützte. Die ersten Jahre meines Lebens wurde ich einfach nur geliebt und gefördert. Aber kaum hatte ich das sichere Nest verlassen und gegen die Spielplätze und Flure der Grundschule getauscht, hatte ich das Gefühl, auf meiner Stirn stünde in großen Lettern: „Hänseln erwünscht!“

Ich entwickelte eine regelrechte Phobie davor, gehänselt zu werden. Und ich hatte das Gefühl, niemandem ging es so wie mir. Dabei stimmt das gar nicht.

Wenn du gehänselt oder gemobbt wirst, solltest du dir eins klarmachen: Bei den blöden Sprüchen, Angriffen und Gemeinheiten geht es nicht wirklich um dich, dein Aussehen oder das, was du getan hast. Deine Peiniger haben selbst Probleme. Sie haben dich auf dem Kieker, um sich selbst besser zu fühlen, ihre Wut rauszulassen oder Macht über jemanden zu haben. Manchmal haben sie auch einfach Langeweile.

Als Teenager zermarterte ich mir endlos den Kopf: Warum ausgerechnet ich? Es gab da einen ganz besonderen Kandidaten, der mich einfach nicht in Ruhe lassen wollte. Ich war nicht der Einzige, den er schikanierte, aber es ging mir an die Nieren. Was habe ich über seine Motive gegrübelt! Erst nach einer langen Zeit dämmerte es mir, dass es dabei nicht um meine Probleme ging. Es ging um seine.

Gibt es in deinem Umfeld auch so jemanden? Der genau weiß, wo dein wunder Punkt ist? Der deinen Magen zum nervösen Vulkan werden lässt? Der dich in deinen Träumen verfolgt, weil du einfach nicht verstehst, wieso er gerade dich schikanieren muss? Ich möchte dir zumindest in diesem Punkt Erleichterung verschaffen.

Es geht nicht um deinen Peiniger oder seine Motive. Was zählt, bist du! Deine Sicherheit und dein Wohlbefinden sind wichtig, und nicht nur mir, sondern allen, denen du am Herzen liegst. Anstatt dich also darauf zu konzentrieren, warum er oder sie dich runterzieht, werden wir darauf schauen, wie du dich wieder sicher und wohlfühlen kannst. Hört sich gut an? Also los!

Bevor wir tiefer einsteigen, möchte ich aber eins klarstellen: Eine allgemeingültige, unfehlbare Strategie, sich gegen Mobbing und seine Täter zu behaupten, gibt es nicht. Vor allem abraten möchte ich aber von Gewalt. Wenn es irgend geht, lass dich nicht dazu hinreißen! Wenn du angegriffen wirst, verteidige dich, aber such vor allem das Weite. Hast du Grund zur Annahme, dass ein körperlicher Übergriff bevorsteht, hole Hilfe, bevor es passiert.

Die Mobbingepidemie

Mobbing ist kein Einzelfall. Gemobbt zu werden ist leider genauso verbreitet wie Erkältungen oder dass jemand sich den großen Zeh stößt. Überall, wo ich auf der Welt hinkomme, spreche ich dieses Thema bei Jugendlichen an. Und jedes Mal treffe ich ins Schwarze. So viele junge Leute leiden körperliche, seelische und geistige Qualen, weil sie gemobbt und gehänselt werden. Und Erwachsene kennen das auch.

In China vertraute mir ein Jugendlicher an, er habe schon acht Mal versucht, sich das Leben zu nehmen, weil in der Schule auf ihm herumgehackt wurde. In Boise, Idaho, kam ein hübsches koreanisches Mädchen heulend nach meinem Vortrag zu mir und meinte: „Ich werde jeden Tag gehänselt, nur weil ich die einzige Asiatin auf der Schule bin.“

Geschichten dieser Art kenne ich aus Chile, Brasilien, Australien, Russland, Serbien, einfach überall, wohin es mich verschlägt. Hand aufs Herz: Fast jeder von uns kann sich doch an jemanden aus der Kindheit erinnern, der einem Prügel angedroht, sich über einen lustig gemacht oder die Freunde gegen einen aufgewiegelt hat. Als Erwachsene leiden wir unter sexueller Belästigung oder werden aufgrund unserer Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder Behinderung diskriminiert. Die Täter sind Chefs, Kollegen, Lehrer, Trainer, manchmal sogar der Freund oder die Freundin – jeder, der seine Machtposition missbraucht.

So traurig es ist: Auch Eltern sind nicht davor gefeit. Die Selbstmordrate unter jungen Menschen in Asien ist viel zu hoch, und das liegt nicht zuletzt daran, dass die Jugendlichen von ihren Eltern oft unter Druck gesetzt werden. Sie sollen Bestnoten erreichen, um auf die besten Schulen zu gehen, damit sie später die besten Jobs und das beste Gehalt nach Hause bringen. Natürlich wollen alle Eltern, dass es ihren Kindern einmal gut geht, aber wenn man seine Kinder nur dann liebt, wenn sie den eigenen Vorstellungen von Erfolg entsprechen, dann ist das auch eine Art Mobbing. Ich habe von einem Fall gehört, wo die Eltern ihre Zigaretten auf dem Kind ausdrückten, weil seine Noten nicht gut genug waren. Das ist ein extremes Beispiel, aber Geschichten dieser Art hört man immer wieder.

Der Normalfall ist, dass jemand ausgegrenzt oder ausgelacht wird, weil er „anders“ ist. Das kenne ich wirklich zur Genüge. Ich war ein richtiger Hänselmagnet. Was habe ich mir alles anhören müssen wegen meiner fehlenden Gliedmaßen – abfällige Kommentare, fiese Witze, sogar Androhungen von Gewalt.

Es half nichts, dass wir während meiner Schulzeit einige Male umzogen. Von einem Ende in Australien zogen wir ans andere, später in die USA und wieder zurück. Aber an jeder neuen Schule war ich nicht nur der komische Junge ohne Arme und Beine, sondern auch stets der Einzige im Rollstuhl. Als wir in die USA zogen, gelang mir sogar ein Hattrick: Ich war der Einzige an der Schule ohne Arme und Beine, der Einzige im Rollstuhl und der Einzige mit diesem komischen australischen Akzent!

Nur nicht auffallen? Wie denn?

Klar, ich stach wirklich aus der Masse heraus. Der Neue zu sein, der noch keine Freunde hat, machte mich außerdem zu einem noch leichteren Ziel. Aber mir wurde bald klar, dass niemand davor gefeit war. Die schlauen Schüler wurden zu „Strebern“, die großen zu „Bohnenstangen“, die kleinen zum „Zwerg“. Wenn es das perfekte Kind gegeben hätte, wäre er wohl dafür gehänselt worden, „zu perfekt“ zu sein.

Egal aus welchem Grund: Gehänselt und ausgegrenzt zu werden tut weh. Man schluckt es herunter und schluckt es herunter und fragt sich, ob das je aufhören wird. Als jemand, der als Jugendlicher jahrelang damit zu tun hatte und auch jetzt noch hin und wieder damit konfrontiert wird, möchte ich dir Mut machen und dich beruhigen. Mobbing ist keine Endstation. Auch du kannst das hinter dir lassen.

Der Blick nach vorn

Gott hat dich auf dieser Erde gewollt, weil er dich liebt und etwas mit dir vorhat. Mit seiner Hilfe und meinen Tipps aus diesem Buch wirst du deine Peiniger auf ihre Plätze verweisen, damit sie und ihre Kommentare nicht mehr an dich herankommen. Ich bin der lebende Beweis: Man kann Mobbing eine Absage erteilen und ein unverschämt glückliches Leben führen.

Als ersten Schritt möchte ich dir einen Gedanken einpflanzen. Vorsicht, ich manipuliere dein Denken! Wenn du dich lieber schützen willst, wickle dir lieber schnell Alufolie um den Kopf. (Ja, das sieht lächerlich aus, aber ich sage nichts, versprochen.) Es geht um folgenden Gedanken:

Gemobbt zu werden ist nicht nur eine grauenvolle Sache, sondern auch die Gelegenheit.

Ich weiß, was du jetzt denkst: Da hat ihm wohl ein Känguru eine verpasst! Nein, es war ein Wallaby. Aber im Ernst: Ich bin davon überzeugt, dass in deinem ärgsten Feind eine Quelle für Gutes in deinem Leben steckt. Er macht dich fertig, kostet dich deinen Schlaf und trampelt auf deinen Träumen herum? Es wird Zeit, dass du den Spieß umdrehst.

Mobbing ist eine Art Missbrauch. Da heißt es, Stoppzeichen zu setzen.

Ich weiß, dass es verrückt klingt: Mach aus den Tätern so etwas wie dein Trainingsfeld! Tritt aufs Gaspedal und lass sie in einer Staubwolke hinter dir.

Auf den folgenden Seiten werde ich dir helfen, Antikörper gegen Mobbing auszubilden. Dieser Prozess funktioniert von innen nach außen. Erst werden deine tiefsten Gedanken und Gefühle gestärkt – dein Herz und deine Seele –, und dann deine Art, die Welt zu sehen, Entscheidungen zu treffen und den inneren Schweinehund zu besiegen. Seine Mobbingverteidigung baut man auf, indem man

1.    sich selbst kennenlernt, damit niemand einem mehr etwas Falsches über einen einreden kann oder dafür sorgt, dass man mit sich unzufrieden ist

2.    Verantwortung für sein eigenes Glück und sein Verhalten übernimmt, damit niemand mehr Macht über einen hat

3.    sich starke Werte sucht, die nicht so leicht zu erschüttern sind

4.    eine Sicherheitszone in sich selbst schafft, in die man sich zurückziehen und Kraft schöpfen kann

5.    belastbare und gute Beziehungen mit Menschen pflegt, die einem beistehen

6.    lernt, wie man seine emotionale Reaktion auf Mobbing steuert

7.    ein geistliches Fundament schafft und inneren Frieden und Stärke findet

8.    aus seinen Erfahrungen lernt und mit jedem Mal stärker, weiser und selbstbewusster wird und sich nicht mehr so leicht einschüchtern lässt

9.    sich eine Anti-Mobbing-Strategie zurechtlegt, die man im Zweifelsfall parat hat

10.  die Kunst der Empathie erlernt, um mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und anderen helfen zu können, wenn sie Opfer von Mobbing geworden sind.

Hat man diese Systeme installiert, ist die Verteidigung online. Von da an kannst du mich auf meinem Feldzug gegen Mobbing aller Art unterstützen, wenn du willst! Mit Gottes Hilfe können wir ein deutliches Zeichen gegen Mobbing setzen.

Was leider sehr oft passiert, ist, dass die Opfer selbst zu Tätern werden. Es ist ein Teufelskreis, und eines meiner Ziele mit diesem Buch ist es, ihn zu durchbrechen. Ich möchte dir helfen, damit du dich danach mir und den anderen anschließen kannst, die nicht länger tatenlos zusehen wollen.

Glaubst du, die Mobbingepidemie ist noch aufzuhalten? Ich schon. 2012 war ich in einer Schule in Hawaii, um einen Vortrag über Mobbing zu halten. Ein Jahr später bekam ich vom Direktor einen Brief, in dem er schrieb, mein Besuch hätte in seiner Schule etwas bewirkt. Seit einem Jahr hätte es keinen einzigen Fall mehr gegeben!

Dein erster Beitrag gegen Mobbing liegt gerade in deiner Hand. Wenn du das Buch ausgelesen hast, gib es weiter! Erzähle deinen Geschwistern, Freunden, Eltern, Lehrern und allen, die davon profitieren könnten, was du aus der Lektüre gelernt hast.

Wenn du unter irgendeiner Form von Mobbing leidest, wird dir dieses Buch die folgende Grundregel vor Augen führen: Wenn es dir schlecht geht, fühlt sich dein Gegenüber überlegen. Spiel dieses Spiel nicht länger mit. Glaub stattdessen denen, die sagen, du bist ihnen wichtig! Nicht zuletzt gibt es im Himmel einen, der dich wirklich liebt. Du bist sein Kind, und er wollte dich. Du bist ein Prachtexemplar! Du bist die perfekte Version von dir selbst.

Das bedeutet nicht, dass du fehlerlos bist, aber das ist es ja gerade. Wir sind alle perfekt und unvollkommen zugleich. In beidem liegt Schönheit verborgen, und beides hat einen Sinn.

Wenn du dieses Buch gelesen hast, wirst du voller Überzeugung sagen können:

Ich möchte dir helfen, dein Verteidigungssystem aufzubauen. Du wirst dich stärker fühlen und für die Herausforderungen deines Lebens besser gewappnet sein.

Du bist großartig!

Denk dran:

2 – Werde zum Albtraum deines Gegners

Kenne dich selbst und
lass den Rest an dir abprallen

Der Kerl war stockbesoffen. Meine Frau und ich schwammen im hoteleigenen Pool, und er starrte mich die ganze Zeit an. Zuerst verstand ich nicht, was er sagte, weil er schon ziemlich lallte, aber ich wusste, Komplimente waren das nicht.

Als ich mich auf den Beckenrand setzte, kam er näher und bestätigte meine Befürchtungen. Er lästerte über mein kleines Füßchen und meinen Körper. Dann piesackte er mich mit extrapeinlichen Fragen, um mich lächerlich zu machen.

Dabei machte er sich hauptsächlich selbst lächerlich. Das konnte er auch ohne meine Hilfe, also hielt ich den Mund und wartete, bis er müde war. Nach einigen Minuten torkelte er ins Hotel. Ich bat Gott, er solle sich um den armen Mann kümmern. Wirklich. Ich bat Gott, er solle sich um ihn kümmern und ihn ordentlich gegen die Glastür laufen lassen! (Kleiner Scherz. Oder auch nicht.)

Was den Umgang mit solchen Kandidaten betrifft, habe ich mir Jesus zum Vorbild genommen. Er ist das Paradebeispiel für jemanden, der gemobbt wurde, und zwar wegen seiner religiösen Überzeugungen. Und trotzdem blieb Jesus cool und sich selbst treu. Nicht ein einziges Mal nutzte er seine Macht, um zurückzuschlagen. Bestimmt hätte er seine Widersacher mit einem Blitz vom Himmel niederstrecken können, wenn er gewollt hätte. Stattdessen ging er mit ihnen um wie mit allen Menschen – einfühlsam, liebevoll und stets mit dem Angebot der Umkehr im Gepäck.

So gelassen reagieren wie am Hotelpool konnte ich natürlich nicht immer. Oft war ich hinterher eingeschüchtert und zugleich wütend, deprimiert, ängstlich, genervt und mir war schlecht.

Als Erwachsener lässt mich so etwas schon eher kalt. Aber ich muss zugeben, dass mir der Betrunkene vom Pool auf den Geist ging. Er zerstörte mit seinen verbalen Angriffen die ganze Urlaubsstimmung, und nicht nur mir, sondern auch allen anderen am Pool.

Habe ich mich hinterher für mich selbst geschämt, war ich verunsichert oder deprimiert? Nicht die Spur! Ich habe die beste Verteidigung gegen Hänseleien, und ich möchte dir mein Geheimnis in diesem Buch verraten. Der erste Schritt ist nämlich, sich selbst zu kennen. Dann kann dich das, was andere über dich sagen, nicht mehr aus der Bahn werfen.

Ich weiß, wer ich bin

Diese Lektion habe ich auf die harte Tour gelernt. Als Kind habe ich die Hänseleien mit mir herumgeschleppt wie Kletten. Ich stellte mich krank, damit ich nicht in die Schule und meinen Angstgegnern nicht über den Weg laufen musste.

War ich doch in der Schule, versteckte ich mich im Gebüsch, damit sie mich gar nicht erst sahen. Ich war unglaublich verletzlich, und das nutzten sie schamlos aus. Ich hatte so viele Fragen, auf die ich keine Antwort fand, und eine der quälendsten Fragen war: Wenn Gott alle seine Kinder liebt, warum bin ich dann so anders?

Die anderen Kinder in meinem Alter hielten ihre Nase für zu groß oder hatten Angst, dass ihre Pickel nicht mehr weggehen würden. Ich dagegen wälzte mich abends im Bett mit Fragen herum wie: Hätte Gott mir nicht wenigstens Arme geben können? Oder Beine? Oder wenigstens einen Arm oder ein Bein? Warum gerade ich? Was soll das für einen Sinn haben? Was hat mein Leben für einen Sinn? Wie soll ich je in dieser Welt klarkommen, die für Leute mit Armen und Beinen gebaut ist?

Die nagenden Selbstzweifel an meinem Wert und meiner Zukunft wurden nur noch schlimmer dadurch, dass andere über mich lästerten, mir Kommentare an den Kopf warfen oder einen weiten Bogen um mich machten, als wäre ich kein Mensch. Das alles belastete mich so sehr, dass ich Selbstmordgedanken hatte. Nicht nur einmal wollte ich mich von irgendeiner Kante stürzen.

Als ich etwa zehn war, versuchte ich, in der Badewanne zu ertrinken. Ich hielt den Kopf unter Wasser und wartete, bis mir die Luft ausging. Aber ich brachte es nicht fertig. Die ganze Zeit sah ich meine Eltern und Geschwister auf meiner Beerdigung vor mir. Den Gedanken, dass sie um mich trauerten, weinten oder sich gar Schuldgefühle machten, konnte ich nicht ertragen. Sie konnten ja nichts dafür; wieso sollte ich ihnen dann so etwas aufbürden?

An jenem Tag beschloss ich, dass Selbstmord keine Option war. Die selbstzerstörerischen Gedanken waren nicht weg, aber im Laufe der Zeit nahmen sie ab.

Trotzdem habe ich am eigenen Leib erfahren, dass einen Hänseleien und Mobbing zur Verzweiflung bringen können. Ich weiß, wie man sich fühlt.

Hast du schon einmal daran gedacht, dir etwas anzutun? Lass dir nicht die Lebensfreude und den Lebenswillen von ein paar einzelnen Leuten nehmen. So viel Macht über dich dürfen sie nicht bekommen! Es wartet noch so viel auf dich, bleib dran!

Noch ist nicht aller Tage Abend

Wenn ich damals tatsächlich Selbstmord begangen hätte, hätte ich ein Leben voller Freude und Liebe verpasst, das meine kühnsten Träume übersteigt. Ich hätte nie die Liebe meines Lebens gefunden und geheiratet, ganz zu schweigen von der Geburt unseres Sohnes! Ich hätte nie die Gelegenheit gehabt, Menschen auf der ganzen Welt kennenzulernen und zu ermutigen.

Die Sache ist die: Keiner von uns weiß, was sich in seinem Leben noch alles Gutes ereignen kann. Nur unser Schöpfer weiß das. Vielleicht hängst du gerade in den Seilen. Oder jemand macht dir das Leben zur Hölle. Das ist kein Zuckerschlecken, ich weiß das. Aber ich will dir helfen. Du kannst das hinter dir lassen. Es liegen bessere Zeiten vor dir, und die möchtest du doch nicht verpassen, oder?

Jeder von uns hat seine Probleme. Deine sind vielleicht noch viel größer als meine. Ich wurde zwar ohne Arme und Beine geboren, aber ich hatte es in vielen anderen Bereichen sehr gut. Ich bin davon überzeugt, dass in jedem von uns die Kraft steckt, seine Herausforderungen zu meistern. Und Gott ist ja auch noch da. Selbst wenn du das Gefühl hast, deine Kraft reicht niemals aus, seine tut es.

Mir fehlen Arme und Beine, aber ich habe mir trotzdem schon oft einen festen Stand suchen müssen, um Stürme zu überstehen. Immer wieder bin ich gehänselt worden. Daran hat sich bis heute nichts geändert – und schau mich an, ich bin ein verheirateter Mann und Familienvater. Ich habe gelernt, wie man mit so etwas umgeht. Mein Hauptaugenmerk liegt dabei auf meiner eigenen Reaktion und darauf, eine solide Basis zu haben, von der aus ich die Attacken abwehren kann.

Jeder kann das lernen. Ich möchte dich an meinen Erfahrungen teilhaben lassen und daraus eine Art Handreichung (Humor hilft immer!) machen. Als ich in der Pubertät war, sah ich mich weder im College, noch eigenes Geld verdienen oder irgendetwas zum Leben auf der Erde beitragen. Ich dachte, so jemand wie ich würde nie eine Frau finden. Ich, ein Vater, der sein eigenes Kind ans Herz drückt? Undenkbar!

Aber ich lag falsch. So was von falsch!

Diejenigen, die sich das Maul über mich zerrissen, hatten unrecht, und ich auch. Mein Leben, das wegen meiner Unsicherheit und dem Druck durch das Hänseln so ein jämmerlicher Spießrutenlauf war, ist zu einem unverschämt fröhlichen und guten Leben geworden.

Nie hätte ich mir träumen lassen, was da noch alles Gutes auf mich wartete. Und du weißt das auch nicht. Darum sage ich: Bleib dran und lass es dir nicht entgehen.

Aus Minus mach Plus