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Josh McDowell/

Cristóbal Krusen

Entkommen

Nur Wunder konnten mich retten

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The American Original edition was published by

Tyndale House Publishers, Inc., under the original title

„Undaunted: One Man’s Real-Life Journey from

Unspeakable Memories to Unbelievable Grace“.

Copyright © 2012 by Campus Crusade for Christ, Inc.

All rights reserved.

German translation: Katrine Trobisch Stewart

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel

„Undaunted: One Man’s Real-Life Journey from Unspeakable Memories

to Unbelievable Grace“ bei Tyndale House Publischers, Inc.

© 2012 by Campus Crusade for Christ, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Deutsch von Katrine Trobisch Stewart

„Entkommen“ erzählt eine wahre Geschichte. Zum Schutz

verschiedener Personen sind zum Teil Namen und Orte geändert

und zudem einige Personen so verfremdet, dass man sie

nicht mehr identifizieren kann.

© der deutschen Ausgabe: 2014 Brunnen Verlag Gießen

www.brunnen-verlag.de

Umschlagfotos: Getty Images, shutterstock

Umschlaggestaltung: Ralf Simon

Satz: DTP Brunnen

ISBN 978-3-7655-0899-8

eISBN 978-3-7655-7179-4

Ich widme dieses Buch meinen vier sehr geliebten

Kindern: Kelly, Sean, Katie und Heather und ihren

Lebenspartnern: Michael, Stephanie, Jerry und David

und meinen wunderbaren Enkeln: Scottie, Shauna,

Quinn, Beckett und Brenna und allen, die noch kommen

werden (wir erwarten sie schon heiß und innig!).

Ich bete, dass meine Lebensgeschichte euch dazu

inspiriert, unserem Herrn zu vertrauen, wie eure Lebensumstände

auch gerade aussehen. Mögt ihr euch immer an

das erinnern, was im Römerbrief (1,16) steht.

Inhalt

Vorwort

1 Als die Welt in Ordnung schien

2 Wie es anfing

3 Wayne

4 Verrat meines Bruders

5 In der Highschool

6 Bei der Luftwaffe

7 Neue Horizonte

8 In London

9 Die Reise geht weiter

10 Neuanfänge

11 Der Unfall

12 Nach Hause

13 Der denkwürdige Sommer 1961

14 Folgenreiche Begegnung

15 Verlobung

16 Lynne

17 Richtung Westen

18 Der Brief

19 Das weite Meer

Nachwort

Anmerkungen

Vorwort

Im Laufe der Jahre habe ich bei unterschiedlichen Gelegenheiten einzelne Episoden aus meiner Kindheit erzählt, meistens in meinen Vorträgen. Aber bisher habe ich nie ein vollständigeres Bild gezeigt.

Über viele Jahre haben Menschen mir nahegelegt, einen Film mit einem Glaubenszeugnis über meine frühe Lebensgeschichte zu machen. Dabei war mir nie ganz wohl zumute – bis ich vor fünf Jahren den preisgekrönten Regisseur Cristóbal Krusen traf. Ihm vertraute ich die Herausforderung an, meine Geschichte darzustellen.

Sie bildet das Herzstück dieses Buches. Es ist eine Geschichte – meine Geschichte – in groben Zügen gemalt, um die Höhen und Tiefen meiner frühen Lebenserfahrungen nachzuzeichnen. Die Ereignisse sind wahr, obwohl einige der Menschen, denen Sie da begegnen werden, aus verschiedenen Personen in meinem Leben zusammengesetzt wurden. Viele der Gespräche beruhen auf Erinnerungen und wurden nach bestem Wissen wiedergegeben. Der Titel meines Buches heißt „Entkommen“, weil das mit einem Wort zusammenfasst, unter welcher Bedrohung ich lebte und dass das nicht das Ende war. In meiner Jugend wurde ich mit schlimmen Herausforderungen konfrontiert und meine instinktive Reaktion darauf bestand darin, auf alles, was auf mich einprasselte, mit gleicher Münze zu antworten. Ich folgte Nietzsches Philosophie: „Gelobt sei, was hart macht.“

Feindseligkeit machte mich in der Tat stark und zielbewusst. Aber die Stärke war oberflächlich, ein Verteidigungsmechanismus, eine künstliche Maske, die dunkle Dinge verbarg. Wonach ich mich sehnte – wonach wir uns alle sehnen –, war eine liebevolle Beziehung mit jemandem, der mich annahm, so wie ich war.

Mit elf Jahren betrachtete ich mich als den einsamsten und am meisten von Gott verlassenen Menschen auf dem ganzen Planeten. Aus verschiedenen Gründen, die ich schildern werde, gab ich die Vorstellung auf, dass eine Familie Stabilität verschafft, dass ein Vater Schutz gibt, dass man anderen Menschen vertrauen kann. Ich habe auch Gott den Rücken gekehrt. Die Namen, die ich ihm gab, schleuderte ich ihm mit zornigen, schrecklichen Flüchen entgegen. Ich war nicht bereit, meine eigenen Fehler und Schwächen einzugestehen. Leider verstand ich nicht, wie zerstörerisch es für die eigene Seele ist, die Wahrheit über sich selbst abzustreiten.

Ich kämpfte darum, dass meine Ängste und die Unsicherheit, die durch diese Erlebnisse ausgelöst wurden, nur ja verborgen blieben. Auf emotionaler Ebene war ich dem klugen Analphabeten vergleichbar, der andere davon überzeugt, dass er lesen und schreiben kann.

Es mag Phasen in meiner Geschichte geben, in der Sie Ihre eigene Lebensgeschichte wiedererkennen, während andere – glücklicherweise – nur zu meiner Geschichte gehören. Sogar trotz des Schmerzes, den ich durchleiden musste, bin ich mir sicher, dass Millionen Menschen eine noch viel schlimmere und schwierigere Kindheit als ich erlebt haben.

Niemand geht unverletzt durchs Leben. Im Buch Hiob heißt es: „Der Mensch zeugt in sich selbst das Unheil, wie Funken hoch emporfliegen“ (5,7, revidierte Lutherbibel). In meinem Leben gab es viele Funken, einschließlich eines lebensverändernden Funkens, der mir Hoffnung brachte. Dieses Buch ist eine Einladung – eine Einladung zum Lesen und zum Nachdenken darüber, wie Sie mit der Hilfe des Einen, der so viel stärker ist als wir, dem Leben hoffnungsvoll entgegenblicken können.

Im April 2012
Josh McDowell

1

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Als die Welt in Ordnung schien

Für Frühlingsanfang war es ein ungewöhnlich warmer Tag. Ich war auf dem Weg nach Wheaton in Illinois, 30 Meilen westlich von Chicago, und hatte meine Autofenster heruntergekurbelt, um so viel frische Luft wie nur möglich hereinzulassen. Ich studierte im dritten Jahr am Wheaton College und hatte einen Nachmittagsjob, bei dem ich Dokumente der Stadtverwaltung an Schulen auslieferte. Diese Arbeit war für mich mehr als nur ein Nebenjob, da sie mir eine Pause vom ständigen Stress und Druck des Studiums verschaffte.

Ich hatte gehofft, die Schienen noch vor dem Pendlerzug aus Chicago zu überqueren, aber als ich ankam, gingen die Schranken gerade herunter und die roten Warnlichter blinkten.

Also hielt ich an und lehnte mich entspannt im Sitz zurück. Das Warnsignal erklang zusammen mit dem Schlagerhit „Wirst du mich morgen immer noch lieben?“, den die Shirellis im Autoradio sangen1.

Im Rückspiegel sah ich auf das friedliche Universitätsgelände von Wheaton, das sich hinter mir den Hügel hinauf bis zum ehrwürdigen Hauptgebäude, der Blanchard Hall, erstreckte. Die Szene erinnerte mich an die Worte von Jesus im Matthäusevangelium: „Eine Stadt, die hoch auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.“2

Würde Wheaton es mir ermöglichen, eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen? Und wenn ja, was für eine?

Mein Blick wanderte zurück zum vorüberfahrenden, langen Zug. Was für ein beruhigendes Geräusch! Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind im Bett gelegen und den vorbeifahrenden Frachtzügen gelauscht hatte, deren Schall ungehindert über die weiten Ackerflächen von Michigan getragen wurde. Wie entschlossen die Lokomotiven zu sein schienen – ihre Signale ertönten unerschrocken durch die Dunkelheit, während die Wagen im Rhythmus hinterherklapperten. Ihr Geräusch hatte mich oft in den Schlaf gewiegt.

Ich seufzte zufrieden. Aus irgendeinem Grund dachte ich an Robert Brownings oft zitierte Zeilen: „Gott ist im Himmel, in Ordnung ist die Welt.“

Ich sang das Lied im Autoradio mit: „So sag es mir jetzt und ich frage nicht wieder: Wirst du mich morgen immer noch lieben?“

Plötzlich bemerkte ich im Rückspiegel einen Pick-up, der unkontrolliert und mit hoher Geschwindigkeit auf mich zuraste. Ich blinzelte kräftig und schaute noch einmal in den Spiegel. Das Fahrzeug würde nicht mehr zum Stillstand kommen – es hatte weder Zeit noch Abstand, um anzuhalten. Den vorbeifahrenden Zug vor mir im Blick, griff ich nach dem Schalthebel, um den Rückwärtsgang einzulegen, aber für Zurückfahren oder Ausweichen blieb keine Zeit mehr. Der Pick-up berührte fast schon meine Stoßstange, als ich in den Leerlauf schaltete, so fest wie nur möglich auf die Bremse trat und mich auf den Zusammenprall gefasst machte.

In einer halben Sekunde sah ich mein Leben an mir vorüberrasen – ein Leben, das ich zum größten Teil vergessen wollte.

2

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Wie es anfing

Man sagt, dass die Kindheit die schönste Zeit des Lebens ist. Und so sollte es auch sein. Aber in meinem Fall war es nicht so. Mich schmerzt die Härte dieser Aussage, aber ich bin überzeugt: Der wichtigste Grund, warum mein Vater ein Kind haben wollte, bestand darin, einen zusätzlichen Arbeiter auf der Farm zu haben. Das hat er mir unzählige Male in meiner Kindheit klargemacht.

Ich durfte mich völlig ungehindert (oft barfuß) auf der Farm unserer Familie in Union City im Bundesstaat Michigan bewegen und fand einen gewissen Ausgleich durch meine Mutter, meine Pflichten auf der Farm und meine Schule, in dieser Reihenfolge. Aber die Beziehung zu meinem Vater erwies sich als schwierig. Wie verdient man sich Liebe und Respekt von jemandem, der einen mehr wie einen Angestellten als einen Sohn behandelt?

Mein Vater Wilmot McDowell kam 1898 in Indiana als eines von zehn Kindern auf die Welt. Irgendwann zog er nach Idaho, wo er 1919 meine Mutter Edith Joslin kennenlernte und heiratete. Ihr erstes Kind Wilmot Junior kam zwei Jahre später auf die Welt.

Dad war kein Mann von stattlicher Statur, aber er hatte einen rauen, freien Geist, der ihm in seinem Beruf als Lkw-Fahrer für Lebensmittel und Holz über die Berge zu den Kupfer- und Silberminen von Montana zugutekam. Auf diesen entlegenen und verlassenen Landstraßen konnte alles Mögliche passieren. Schon früh lernte mein Vater, sich aus schwierigen Situationen mit allen erforderlichen Mitteln zu befreien.

Meine Mutter war hingegen etwas kultivierter. Sie war in New Jersey geboren und aufgewachsen und hatte vor allem englische Vorfahren. Sie war stolz darauf, eine wohlerzogene Lady zu sein und dass in ihrem Haus Anstand und gute Manieren herrschten. Was sie in meinem Vater sah, gut … Ich kann nur vermuten, dass sie sich verliebten und heirateten, bevor er alkoholabhängig wurde.

Während der 1920er-Jahre ging es mit der Wirtschaft in Idaho bergab und nach der Geburt meiner Schwester Shirley zog die Familie weiter nach Osten und ließ sich in Detroit nieder. Doch es dauerte nicht lange, bis die Alkoholsucht meinen Vater seinen Job im großen Supermarkt A&P kostete, und die Familie zog wieder um – diesmal in die Gegend von Battle Creek, 120 Meilen westlich. Die große Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre hatte begonnen.

Während dieser für alle Amerikaner schwierigen Zeit schenkte eine wohlhabende Tante meinen Eltern ein Stück Farmland außerhalb von Union City. Sie wollte meinen Eltern zu einem neuen Start im Leben verhelfen. Aber gar nichts fing neu an, außer man würde die Geburt meiner zweiten Schwester im Juni 1930 dazuzählen.

Dad wurde Leiter einer Filiale der Supermarktkette A&P in Union City, bis sein ständiges Trinken ihn auch hier den Job kostete. Ihm blieb nichts anderes übrig, als es mit Milchkühen zu versuchen. Die Ergebnisse waren nicht besonders vielversprechend. Zum Glück für unsere Familie zeigte mein Bruder Wilmot Jr. (oder „Junior“, wie wir ihn nannten) früh eine Begabung für die Farmarbeit und war schon zu der Zeit, als Dad arbeitslos wurde, mit der Führung der Farm beschäftigt. Junior schloss sich einer fortschrittlichen Farmerorganisation an und begann als junger Mann deren „wissenschaftlichen Ansatz“, wie er es nannte, auf der Farm anzuwenden. Obwohl er an einem angeborenen Herzfehler litt, arbeitete er schwer. Junior war hochintelligent und ein guter Schüler. Meine Mutter machte die Buchhaltung und die Farm brachte einen ziemlichen Profit.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis mein Vater alles in den Sand setzte – dank seiner Drei-Flaschen-Wein-am-Tag-Gewohnheit und seiner Besserwisserei. Zwischen Junior und ihm tobte ein ununterbrochener Kampf. Junior nahm Dad sein ständiges Sicheinmischen in die Leitung der Farm übel. Aber trotz ihrer Streitereien war Junior von allen Kindern eindeutig Dads Liebling. Sie können sich vorstellen, wie der Rest von uns mit ihm auskam.

Junior war achtzehn Jahre alt, als ich auf die Welt kam, und Shirley ein Jahr jünger als Junior. Meine Schwester June war zehn.

Den Geschichtsbüchern nach war es ein warmer Tag im August 1939, als der Pfarrer einer nahe gelegenen Gemeinde unserem Haus einen Besuch abstattete. Wir gingen nicht in die Kirche, aber der Pfarrer war jung und begeistert und neu in seiner Arbeit. Er hatte wahrscheinlich einige fragwürdige Berichte von den Nachbarn über unsere Familie gehört und uns als Schafe eingeschätzt, die einen Hirten brauchten. Während er mit Mama teetrinkend im Wohnzimmer saß, hatte er keine Ahnung, dass sie im neunten Monat schwanger war. Und aus gutem Grund. Mit kaum 1,62 m hatte Mutter durch ein Schilddrüsenleiden Übergewicht – es schwankte zwischen 155 und 163 kg. Es mag komisch klingen, aber ist durchaus wahr: Sie konnte nicht über eine Türschwelle gehen, ohne auf beiden Seiten den Türrahmen zu berühren. Ich denke, dass ich in ihrem üppigen Bauch sehr gut verborgen war.

Als ich ein oder zwei Wochen später auf die Welt kam, war der Pfarrer total verblüfft von der Nachricht, dass bei der McDowell-Familie noch ein Junge willkommen geheißen wurde! Mama hat wahrscheinlich versucht, ihr Schweigen wiedergutzumachen, indem sie mich zur Taufe in die Kirche brachte. Ich bekam ihren Mädchennamen – Joslin – als meinen Taufnamen, wurde aber von Anfang an einfach nur Jos genannt. Außer natürlich, wenn Mama sich über irgendetwas bei mir ärgerte. Dann hörte ich: „Joslin David McDowell!“

Zwei Wochen nach meiner Geburt marschierte Nazi-Deutschland in Polen und Frankreich ein und England erklärte Hitler den Krieg. Etwas mehr als zwei Jahre später, nach der Bombardierung von Pearl Harbor, meldete sich meine Schwester Shirley freiwillig zum Dienst als Krankenschwester in der US-Armee. Sie war die Erste meiner Geschwister, die aus unserem unglücklichen Familienleben ausbrach.

In einigen meiner frühesten Kindheitserinnerungen sehe ich Shirley, wie sie während des Krieges zum Urlaub nach Hause kam. Sie brachte mir stets ein Geschenk mit – Spielsoldaten oder eine kleine Armee von Zinnpanzern. Ich dachte immer, dass sie so schick in ihrer Militäruniform aussah – und auch so hübsch!

Als ich etwa vier oder fünf Jahre alt war, kam Shirley mit einem groß gewachsenen „Army Ranger“ heim, der Stan hieß. Die Army Ranger gehörten zu den Spezialkräften der US-Armee. Eines Tages nahm sie mich zur Seite und flüsterte verschwörerisch: „Ich werde Sam heiraten und dir helfen, von hier wegzukommen, Jos. Wer weiß? Vielleicht kannst du eines Tages kommen und bei uns bleiben.“

Schließlich kam der Tag, an dem wir uns von Shirley verabschieden mussten. Ich hielt mich an ihr fest und weinte. Ich wollte sie nicht gehen lassen. Aus der Wochenschau im Kino von Battle Creek wusste ich, wie gefährlich, sogar tödlich es während des Krieges im Sanitätsdienst werden konnte. Aber wenn man sich Shirley und Stan so anschaute, als sie sich gemeinsam auf den Weg machten, hätte man denken können, dass sie zu einem sorglosen Urlaub nach Florida oder Kalifornien unterwegs waren.

Sogar als ihre Dienstzeit zu Ende ging und sie die Gelegenheit hatte, die Armee zu verlassen und heimzukehren, entschloss sich Shirley, an der Front in Europa zu bleiben. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages Mama weinend im Schlafzimmer fand und sie fragte, was passiert war. Ich dachte, dass Dad wieder etwas verbrochen hatte. Aber das war es nicht. Sie hatte einen Brief von Shirley bekommen, in dem sie ihr mitteilte, dass sie in Europa bleiben würde, bis der Krieg vorbei sei.

Gott sei Dank überlebte Shirley den Krieg. Aber sie kam nie mehr nach Hause, um bei uns zu wohnen. Und aus welchem Grund auch immer zog ich nie zu ihr und Sam, als sie heirateten und nach Chicago zogen, obwohl ich sie ein paarmal besuchte.

Meine früheste Kindheitserinnerung ist die, wie mich meine andere Schwester June in der großen Zementbadewanne in unserem Wintergarten badete. Weil Mama so übergewichtig war und sich schwer bewegen konnte, war es oft June, die auf mich aufpasste. Ich erinnere mich an Ausflüge in die Stadt mit ihr, als ich vier oder fünf Jahre alt war. June war reif für ihr Alter und viele glaubten, ich sei ihr Sohn.

„Was für einen süßen kleinen Jungen du hast“, erinnere ich mich an die Worte einer älteren Frau, die June bei einem dieser Ausflüge ansprach. Sie war auf dem Gehsteig von Battle Creek stehen geblieben und hatte mir ein wenig in die Wange gekniffen. „Schau dir die fröhlichen blauen Augen an!“, sagte sie mit einem Glucksen. „Ich möchte wetten, dass er so einiges anstellt. Habe ich recht?“

June lächelte und machte mit. „Oh, er ist kein so schlimmer Junge. Er tut alles, was ich ihm sage. Stimmt doch, Jos, oder?“

Ich nickte begeistert: „Wenn ich Mama gehorche, kauft sie mir immer Eis!“

Die Fremde machte noch einige glucksende Geräusche und holte 25 Cent aus ihrer Tasche. „Na gut, dann kaufe ich dir auch ein Eis, junger Mann!“, rief sie aus. Während sie sich zum Gehen wandte, fügte sie laut für sich hinzu: „Niedlich wie das Ohr eines Käferchens!“

June überquerte mit mir die Straße zum Eiscafé und ich bekam zwei Kugeln Vanilleeis in der Tüte.

Ich liebte June. Sie war die Einfühlsame und künstlerisch Begabte in der Familie und spielte wunderschön Klavier. Sie hatte, was man eine „weise Seele“ nennen könnte. Was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie nicht Merle Lowry geheiratet hätte – einen Mann, der Dad sehr ähnlich war?

Merle hat June nicht körperlich misshandelt (zumindest nicht sehr), aber er war alkoholabhängig. Im Vergleich zu meinem Vater war er kontaktfreudig. Er nahm mich oft mit und spielte im Hof Fangen mit mir. Merle war ein guter Kühlschrankmechaniker und konnte fast alles reparieren, aber sein ständiges Trinken stand ihm im Weg. Es sah so aus, als ob er sein Leben nie auf die Reihe bekommen konnte. Ich nehme an, dass June ihn heiratete, um wie Shirley von der Farm wegzukommen. Nach wenigen Jahren hatte sie fünf Kinder. Sechs, wenn man Merle dazuzählte.

Ich erinnere mich an ein Weihnachten, als wir neben dem Baum saßen und darauf warteten, die Geschenke auszupacken. Plötzlich taumelte mein Vater betrunken herein. Er sank auf seinem Stuhl zusammen und schlief ein, während wir weiter auf Merle warteten. Aber Merle erschien nicht. Wir fanden später heraus, dass er von der Straße in eine Schneewehe getorkelt war – und da er zu betrunken war, um irgendetwas zu unternehmen, blieb er einfach dort liegen. Dafür erschien er am nächsten Morgen, um sich mit meinem Vater volllaufen zu lassen.

Nicht lange nach Kriegsende heiratete Junior ein Mädchen aus unserm Ort namens Carla, die damals noch ein Teenager war. Niemand in der Familie mochte sie besonders – mich inbegriffen. Mama beschwerte sich ständig über Carla.

Carla und Junior lebten in einem kleineren Haus auf dem Farmgelände. Ich bekam oft mit, wie sich Carla über das eine oder andere bei meinem Bruder beschwerte, weil ihre Stimme weithin hörbar war. Eines Tages, als Junior das Gras vor ihrem Haus mähte, fuhr er aus Versehen über ihre Blumenbeete. Man hätte glauben können, der Dritte Weltkrieg sei ausgebrochen, so wie sie mit Fäusten und Worten nach Junior schlug.

Wann immer Carla und Junior zum Hauptgebäude herüberkamen, versuchte sie auch mich herumzukommandieren. Ich erinnere mich, wie wir in einen Streit gerieten, weil ich „Die grüne Hornisse“ im Radio hören wollte und sie die Comedyshow „Die Burns und Allen Show“. Sie wechselte den Sender zweimal und befahl mir, mich hinzusetzen und still zu sein. Ich rief ihr einen Ausdruck zu, den mein Vater meiner Mutter an den Kopf geworfen hatte, und Carla jagte mich mit der Androhung, mich zu verprügeln, aus dem Haus. Ich kletterte auf eine große Weide neben dem Haus, meinem sicheren Zufluchtsort bei vielen Anlässen. Keiner konnte mich dort erreichen. Von dieser vorzüglichen Perspektive aus konnte ich Carla mit meiner Schleuder beschießen, wenn sie mich suchte, und war außer Reichweite, wenn ich ihr Schimpfworte zurief.

Manchmal war es weit nach meiner Schlafenszeit, ehe ich von meinem Weidenbaum herunterkletterte und mich durch das Fenster meines Zimmers ins Haus schlich. Ich setzte darauf, dass der nächste Tag genug eigene Sorgen bringen würde und ich dann aus dem Schneider war. Und meistens war es auch so.

Um das Familienganze abzurunden, gab es die zwei großen Räder – Mama und meinen Vater. Meine frühesten Erinnerungen an sie war die von zwei streitenden Menschen, die unter einem Dach lebten. Ich sah nie, dass sie sich irgendwie Zuneigung zeigten. Sie lächelten sich nie an, hielten sich nie die Hand und küssten sich mit Sicherheit nie. Mein Vater besoff sich die ganze Zeit und Mama beschuldigte ihn ständig wegen seines abseitigen Verhaltens. Sie hatte mit Sicherheit eine scharfe Zunge. Wenn mein Vater nicht schon ein Alkoholiker gewesen wäre, hätte sie ihn wahrscheinlich mit ihrer dominanten Persönlichkeit zum Trinken getrieben. Manchmal sah ich, wie sie ihn herumstieß, wenn er zu betrunken war, um zu stehen, und sie ihre Frustration nicht mehr beherrschen konnte. Mama schlug ihn nicht unbedingt, sie stieß ihn von hinten an oder verfrachtete ihn grob auf einen Stuhl.

Natürlich kann man das nicht mit dem vergleichen, was er ihr antat. Betrunken konnte er gewalttätig sein – am gefährlichsten während der „mittleren Phase“, wenn er noch halb bei Bewusstsein und koordiniert genug war, um Schaden anzurichten. Wenn er einen Wutausbruch hatte, wurde Mama meistens zu seiner Zielscheibe. Einige Male glaubte ich, er würde sie umbringen.

Was auch immer ihre Unzulänglichkeiten waren, ob echte oder eingebildete, so war Mama doch bei Weitem der zuverlässigste Teil meiner Kindheit. Um es ganz einfach auszudrücken: Ich wusste, dass sie mich liebte. Und ich liebte sie. Vieles passierte, um diese Liebe zu prüfen, aber letztendlich wurde unsere Bindung dadurch nur noch stärker.

Ich werde nie vergessen, als ich mit fünf oder sechs Jahren an einem frischen Herbsttag auf ihren Schoß kletterte und mit ihr einen Versandkatalog durchblätterte. Sie sagte mir, ich solle mir für Weihnachten aussuchen, was ich wollte, und ich strich alles an, was irgendwie zu Lionel-Zügen gehörte. Zu meinem großen Staunen fand ich jedes einzelne Stück dieser Modelleisenbahn am Weihnachtsmorgen unter dem Baum! Das war ein Weihnachten, das ich nie vergessen werde.

Mama war auch diejenige in der Familie, die viel von Disziplin hielt. Wenn ich etwas Ernsthaftes angestellt hatte, schickte sie mich zum Weidenbaum, um einen Ast abzuschneiden und mich wieder bei ihr zu melden. Dann gab sie mir mit der Rute ein paar gezielte Schläge. Obwohl ich meiner Mutter das Recht für die Anwendung der „Rute der Zucht“ zubilligte, wie sie es nannte, hinderte mich das nicht daran, strategische Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

Ich erinnere mich, dass ich an einem Sonntagnachmittag, als sie ein Essen für Gäste vorbereitete, immer wieder etwas vom Tisch nahm – zuerst ein bisschen was zum Essen hier, dann da. Sie warnte mich, ich solle damit aufhören, aber ich machte weiter. Schließlich hatte sie genug. Sie schickte mich zum Weidenbaum, um eine neue Rute zu holen. Ich suchte die dünnste, die ich finden konnte.

Als ich wieder hereinkam, musste ich mein Hemd ausziehen und um den Tisch gehen, während sie in einer Ecke bereitstand, um mir bei jedem Vorbeigehen einen „guten Schlag“ zu geben. Ich begann langsam, lief dann aber schneller, als ich mich ihr näherte, sodass ihr mit der Rute erhobener Arm mich verfehlte oder knapp verfehlte. Tatsächlich konnte sie sich einfach nicht schnell bewegen. Für den Fall, dass sie meine Absicht erraten hatte, ließ sie es sich nicht anmerken. Nachdem ich sechs oder sieben Runden um den Tisch gedreht und nur zwei oder drei Rutenschläge abbekommen hatte, schien sie zufrieden, dass die Gerechtigkeit vollzogen war.

„Das soll dich lehren“, sagte sie mit einer Miene von Endgültigkeit und watschelte zurück in die Küche.

Mein Vater war natürlich nirgendwo zu sehen. Ich möchte nicht unnötig hart klingen, aber er war einfach ein hoffnungsloser Fall. Die paar Male, die ich ihn nüchtern sah, hatte er wahrscheinlich einen Kater, denn er war still und wollte mit niemandem reden. An den meisten Tagen, wenn er viel trank, versuchten wir ihm alle aus dem Weg zu gehen.

Das heißt, bis er sich gegen Mama wendete. Ich begann schon als Sechsjähriger, für sie einzutreten – nicht, dass ich viel tun konnte, außer ihn für einen Moment abzulenken. Aber als ich älter wurde, stellte ich mich ihm frontal entgegen. Er war ein kleiner, dünner Mann und wenn er im Rausch war, waren wir etwa gleich stark.

Es ist ein herzzerreißendes Gefühl, mit dem eigenen Vater zu kämpfen – ihm wehtun zu wollen –, auch wenn es um die Verteidigung eines geliebten Menschen geht. Es verzerrt einem die Weltsicht, mit verheerenden Folgen. Es stellt die natürliche Ordnung der Dinge auf den Kopf. Anders als die meisten meiner Schulfreunde kannte ich niemals das Gefühl von Herumbalgen mit einem lebenslustigen Vater, der gern mit seinem Sohn zusammen war. Unsere gemeinsame Zeit war auf die Arbeit begrenzt, die wir zusammen auf der Farm verrichteten, und auf meine Eingriffe zwischen ihm und Mama, wenn er betrunken war und ihr wehtun wollte.

An einem Tag versteckte ich mich unter der Plane hinten im Chevy Pick-up, unserem offenem Kleintransporter, als er in die Stadt fuhr. Er steuerte seine Lieblingskneipe an, Duffy’s Taverne. Aber ich hatte eine Überraschung für ihn. Ich hatte ein Gesetz in Michigan ausfindig gemacht, das besagte, dass die Frau eines Alkoholikers dem Barbesitzer verbieten kann, Alkohol an ihren Mann zu verkaufen. Es wurde selten oder nie durchgesetzt, aber das war mir egal.

Sobald Dad ein paar Minuten in Duffy’s war, kroch ich mit einem großen Holzbrett, das ich für diese Gelegenheit aufgehoben hatte, unter der Plane hervor und ging in die Bar. „Ihr dürft meinem Dad keinen Alkohol verkaufen!“, schrie ich den Barkeeper an, während ich alles um mich herum zerschmetterte. Ich zerbrach einen Spiegel. Ich zerbrach Gläser und Flaschen. Ich zerbrach sogar ein Fenster. Es war wie eine Schlägerei im Wilden Westen, nur dass ich der einzige Kämpfende war. Mein Randalieren dauerte nicht lange. Einige der Männer in der Kneipe hielten mich von hinten fest und nahmen mir das Holz weg. Mein Vater bewegte sich weder von seinem Sitz an der Theke noch schaute er mir ins Auge. Ich verfluchte ihn vor allen Anwesenden und ging zu Fuß nach Hause.

Als meine Mutter erfuhr, was geschehen war, schimpfte sie fürchterlich mit mir und schickte mich nach einer Weidenrute. Dass ich versucht hatte, sie zu schützen, schien unwichtig zu sein. „Keiner meiner Söhne bricht das Gesetz“, sagte sie tonlos.

„Aber sie verstoßen gegen das Gesetz, wenn sie Dad Alkohol verkaufen!“, beharrte ich.

„Zweimal Minus ergibt immer noch kein Plus, Jos“, sagte sie. Und damit war die Sache erledigt.

Ich blieb jedoch ungebrochen. Als ich an jenem Abend auf meinem Bett lag und einzuschlafen versuchte, dachte ich daran, was in Duffy’s Taverne passiert war. Ich hatte in einigen Sekunden in der Bar viel Schaden angerichtet, aber der eine, den ich am meisten vernichten wollte, blieb unberührt – mein Vater.

Auch sonst war ich nicht immer im Recht. Als mein elfter Geburtstag nahte, beschloss ich: Es war an der Zeit, Auto fahren zu lernen. Ich erwartete nicht, dass irgendeiner mit meinem Beschluss einverstanden war oder Zeit hatte, es mir beizubringen, deshalb schmiedete ich meinen eigenen Plan. Ich hatte meinem Vater oft genug beim Fahren des Pick-ups zugeschaut, um die Grundsätze zu kennen, und nahm daher eines Tages, als er nicht da war, den alten Chevy für eine Probefahrt. Unser Collie Laddie kam mit und saß neben mir.

Am Anfang ging alles ziemlich gut. Oh, während der ersten Viertelstunde knirschten die Gänge wie die Hühner, aber allmählich fing ich an, ein Gefühl dafür zu entwickeln. In nicht allzu langer Zeit fuhr ich die einspurige Straße zwischen unserer Scheune und der Hauptstraße mit ziemlich gutem Tempo entlang.

Plötzlich sprang ein Hase vor den Wagen. Laddie sprang vor mich wie verrückt und wollte dem Hasen nachjagen. Als er weiterbellte und sich auf meinem Schoß hin- und herwälzte, konnte ich überhaupt nichts mehr sehen. Ich kam vom Feldweg ab und schrammte gegen eine große Kiefer. Das verlangsamte mich ein bisschen, aber nicht genug. Ich pflügte durch einiges Gebüsch und rammte den großen Eckpfosten des Tores, das zur Weide unweit unserer Scheune führte.

Der Hase war längst weg.

Ich stieg aus dem Wagen und begutachtete den Schaden. Ein Teil des Vorderrosts war weg. Die Haube war eingebeult, der Kotflügel eingedrückt, ein Scheinwerfer zertrümmert und eine lange, tiefe Beule lief an einer Seite des Wagens entlang, wo ich mit der Kiefer kollidiert war. Ich schaute den Hund an, er schaute zu mir hoch und winselte. Es lohnt sich nicht, ihn zu beschuldigen, sagte ich mir.

Ich ging zum Eckpfosten des Tores, den ich völlig abgebrochen hatte, und setzte ihn zurück in die Erde. Aber sosehr ich es auch versuchte, für mich wollte er nicht gerade stehen. Er lehnte zu einer Seite wie der halb zerbrochene Mast eines Schiffes. Ich kratzte mich am Kopf und fragte mich, was ich tun sollte. Ich versuche, den Wagen zu reparieren. Für eine Weile stieß und zog ich an dem verbeulten und kaputten Metall, mehr um mein Gewissen zu beruhigen, als irgendetwas Nützliches zu tun. Dann fuhr ich das lädierte Fahrzeug zurück zur Scheune. Ich parkte es im Schuppen, trat ins Haus und ging sofort ins Bett. Es war drei Uhr nachmittags.

Ein paar Stunden später hörte ich die Schritte meines Vaters auf der vorderen Veranda und das quietschende Öffnen der Fliegengittertür. Dann vernahm ich, wie er betrunken auf mein Zimmer zuschritt, wobei er mit dem Körper an die Wände des Ganges stieß. Oh Junge, dachte ich, da kommt er.

„Jos!“, brüllte er. „Wo bist du?“

Ich zog die Decke über den Kopf und schloss die Augen. Die Tür zu meinem Zimmer öffnete sich und ich spürte, wie sich mein Vater ins Zimmer lehnte. „Jos!“, rief er noch einmal, diesmal nicht so laut. Meine Antwort wartete er nicht ab und ich hatte sowieso nicht die Absicht, ihm eine zu geben. „Warum bist du nicht draußen und fütterst die Kälber, Junge?“

Ich öffnete die Augen.

„Mach schon, steh auf“, sagte er. „Du hast Arbeit zu tun.“

Vorsichtig sah ich ihn an. Ich wusste nicht, wie er herausgefunden hatte, wo ich war, aber er hatte den Wagen nicht erwähnt. Hatte er ihn schon gesehen? Ich warf die Decke zurück und rannte in die Scheune, um die Kälber zu füttern.

Nicht lange danach hörte ich krachende Geräusche aus dem Schuppen und Mamas schimpfende Stimme. Ich schlich mich hinüber und schaute durch ein kaputtes Seitenfenster. Mein Vater versuchte, den vorderen Teil des Wagens zu reparieren, während Mama ihm vorwarf, ein unverantwortlicher Säufer zu sein.

„Siehst du, was passiert, wenn du trinkst?“, rief sie hart. „Du zerstörst alles! Diesen Schaden kannst du nie allein reparieren! Lass es sein und bring den Wagen in die Werkstatt!“

Mein Vater legte den Hammer nieder. Er sah verwirrt aus. „Ich kann mich einfach nicht daran erinnern, etwas angefahren zu haben“, sagte er mit undeutlicher Stimme.

„Du kannst dich nicht erinnern? Warst du so betrunken?“

„Muss wohl so gewesen sein.“

Ich ging zu meiner Arbeit zurück und schwieg.

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Ich war der unerbittliche Feind von Dads Sucht. Sie machte ihn zum Narren und brachte Tumult und Zerstörung in unser Zuhause.

Aber ich setzte alles daran, ihn zu demütigen. Morgens bei unserer Farmarbeit behielt ich ihn im Auge, und wenn er plötzlich wegging, folgte ich heimlich, da ich wusste, dass er eine der Weinflaschen suchte, die er rund um die Farm versteckt hielt. Er hatte sie überall verstaut, manchmal an den eigenartigsten Orten. Er wusste, dass ich sie zerschlagen würde, wenn ich sie fand. Aber ich zerschlug sie nicht immer. Wenn sie halb leer waren, urinierte ich manchmal hinein, nur um der Schadenfreude willen, ihn noch einmal daraus trinken zu sehen, zu betrunken, um den Inhalt zu bemerken.

Wenn er betrunken war und Gäste erwartet wurden, fuhr ich manchmal seinen Pick-up hinter die Scheune und parkte ihn, wo niemand ihn beim Kommen oder Gehen sehen konnte. Dann ging ich, fand meinen Vater und schob ihn in die Scheune. Ich band ihn wie ein Schwein an einen der Holzställe und nahm ein Seil, um seine Hände an seinen Körper zu binden und ein zweites Seil für seinen Hals und Füße. „Jos“, protestierte er mit lallender Stimme. „Ich bin dein Vater …“

„Und was für ein Vater du bist!“, knurrte ich zurück. Und dann ließ ich ihn dort für die Nacht.

Später, als die Gäste ankamen, schickte mich Mama zur Tür, um sie reinzulassen. Wenn jemand nach meinem Vater fragte, erwiderte ich unschuldig: „Oh, er musste für eine Weile weg“ oder: „Er hatte einen Termin in der Stadt.“ Auf meine Antworten kamen nie weitere Fragen. Mein Vater war der Besoffene des Dorfes und jeder wusste es. Wahrscheinlich nahmen sie an, dass es besser war, schlafende Hunde liegen zu lassen.

Irgendwann fuhren die Gäste nach Hause und während mein Vater immer noch in der Scheune lag, machte ich mich zum Schlafengehen fertig. Dann lag ich stundenlang wach und überlegte, ob ich vielleicht noch einmal rausschlüpfen und das Seil um seinen Hals etwas enger ziehen sollte … Gerne hätte ich ihm auf seinem Weg zur Ewigkeit etwas nachgeholfen. Aber ich hatte immer Angst, dass die Polizei zwei und zwei zusammenzählen und mich als Mörder festnehmen würde.

Die Polizei war schon zweimal bei uns gewesen – einmal, als ich versucht hatte, meinen Vater in der Badewanne zu ertränken, nachdem er Mama brutal zusammengeschlagen hatte, und das zweite Mal, als ich seinen Kopf in die Toilette schob und immer wieder nachspülte. Weit entfernt davon, Reue zu empfinden, wuchs mein Hass auf meinen Vater immer mehr. Da war auch Frustration, weil all mein Bemühen, ihn von der Gewalt gegen meine Mutter abzuhalten, nichts änderte. Wenn Mama ihn zu sehr in die falsche Richtung schob, während er betrunken war, dann griff er sie immer an.

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Mein einziger Trost war mein Pferd Dolly. Jeden Morgen streichelte ich die warmen Nüstern meiner Stute, lehnte den Kopf an ihren Hals und fühlte mich besser. Wahrscheinlich betrieb ich so eine Art tiergestützte Therapie für mich, ohne es zu wissen. Liebend gerne saß ich bei ihr und fütterte sie mit Hafer und Heu, während ich über alles Mögliche mit ihr redete. Sie hörte mir immer ruhig und geduldig zu.

Eines Morgens war ich mit ihr draußen und fast fertig mit meiner Arbeit, als ich die Kühe lauter als gewöhnlich muhen hörte – dazu die Flüche meines Vaters.

„Schaun wir mal“, sagte ich zu Dolly. „Wahrscheinlich versucht er, einen Milchschlauch mit der Luftpumpe zu verbinden, und schafft es nicht. Worauf tippst du?“

Dolly schaute mich mit ihren warmen braunen Augen an und wieherte sanft. Ich gab ihr einen Zuckerwürfel, den ich unter Mamas Nase aus der Küche geschmuggelt hatte.

„Es ist gut, dass er nicht auch noch versucht, dich zu melken, Dolly“, sagte ich lachend.

Dann hörte ich eine andere Stimme, eine Stimme, die mein Blut gefrieren ließ – Mama. Sie schrie so laut sie konnte. Für einen Augenblick waren sogar die Kühe still, während sie brüllte: „Diese Kühe werden verrecken, wenn du sie so an der Milchmaschine hängen lässt!“ Dann fingen die Kühe wieder mit dem Muhen an, aber nicht, bevor ich noch einen einzigen durchdringenden Schrei hörte.