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David Instone-Brewer
Der schockierende Jesus

David Instone-Brewer

Der schockierende Jesus

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Titel der englischen Originalausgabe:

Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Friedemann Lux

Bibelzitate folgen, wo nicht anders angegeben, der Hoffnung für alle®.
Copyright 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™.
Verwendet mit freundlicher Genehmigung von `fontis – Brunnen Verlag Basel.
Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

Weitere verwendete Übersetzungen sind wie folgt gekennzeichnet:
L – Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Auflage in neuer
Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
RE – Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26), © 1985/1991/2008 SCM
R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
GNB – Gute Nachricht Bibel, © 1997 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

© Brunnen Verlag 2014
www.brunnen-verlag.de
Umschlaggestaltung: Ralf Simon
Umschlagmotiv: shutterstock
Satz: DTP Brunnen
ISBN 978-3-7655-0897-4
eISBN 978-3-7655-7176-3

Inhalt

Der schockierende Jesus

Danke!

Einleitung

Warum Skandale untersuchen?

Teil 1: Skandale im Leben Jesu

Zweifelhafte Herkunft

Als Heiratskandidat ungeeignet

Fragwürdige Wunder

Schlechte Tischmanieren

Alkoholismus

Unruhestiftung durch Anbetung

Finanzskandal im Tempel

Ein Passahmahl eigener Art

Selbstmordgedanken

Zensierte Anklageschrift

Schmachvolle Hinrichtung

Peinliche Auferstehung

Teil 2: Skandale unter den Freunden Jesu

Voll verrückt: Maria Magdalena

Verräterisch: Judas Iskariot

Nieten in Sandalen: Die Jünger

Die Nicht-Erwählten

Die Fluchbeladenen

Prostituierte

Teil 3: Skandalöses in der Verkündigung Jesu

Kindesmissbrauch

Scheinheiligkeit

Polygamie

Scheidung ohne Schuldige

Eheliche Grausamkeit

Geldanlagen und Wucherzinsen

Flüche und Verwünschungen

Bitterkeit und Hass

Glück gehabt – Pech gehabt?

Katastrophen – von Gott geschickt?

Gotteslästerung

Ewige Qual

Anmerkungen

Der schockierende Jesus

Über Jesus kann man gar nicht genug erfahren. Der Mann von Nazareth ist zweifellos die faszinierendste Person der Weltgeschichte. Jesus, der Jude, der Sohn der Maria, der Wundertäter, der Gotteslehrer, der Meister, der Davidssohn, der Freund der Sünder, der Menschensohn, der Messias. Titel und Bezeichnungen, die zeigen, wie vielfältig Jesus ist. Unzählige Aspekte leuchten auf, wenn wir uns die Zeit nehmen, Jesus genau anzuschauen.

Genau das tut David Instone-Brewer in seinem Buch „Der schockierende Jesus“. Er schaut genau hin. Er liest die neutestamentlichen Texte noch einmal neu. Und kommt zu sehr überraschenden Ergebnissen.

In Deutschland ist Dr. David Instone-Brewer noch nicht sehr bekannt. Das muss sich unbedingt ändern. Denn hier spricht ein ausgewiesener Kenner des frühen rabbinischen Judentums und des Neuen Testaments. Als langjähriger Pastor und Seelsorger in Baptistengemeinden sowie als Forschungsbeauftragter (Senior Research Fellow) für Neues Testament und Rabbinisches Judentum am Institut Tyndale House in Cambridge gelingt ihm beides: Wissenschaftliche Forschung auf höchstem Niveau und allgemein verständliche Darstellung. Die Reihe seiner Veröffentlichungen ist beeindruckend lang. Viele Einzelfragen im Neuen Testament hat er neu untersucht und bisher nicht oder nur wenig bekannte Einsichten herausgearbeitet.

All dies fließt zusammen in diesem Buch. Das englische Original trägt den Titel „The Jesus Scandals“ – „Die Jesus-Skandale“. Ich bin sehr dankbar, dass dieses lesenswerte Buch hier auf Deutsch erscheint. Als einer, der sich seit vielen Jahren intensiv mit der Bibel und besonders mit der Person Jesu beschäftigt und der selbst das Neue Testament aus dem griechischen Urtext übersetzt hat, habe ich beim Lesen nicht schlecht gestaunt. Vieles, was ich schon lange vermutet habe, findet hier seine wissenschaftliche Begründung. Manches, was ich bislang ganz anders, teilweise falsch, teilweise unvollständig verstanden hatte, findet hier eine Korrektur und neue Klarheit. Manches ist geradezu revolutionär.

Mein Fazit: Ich bin neu fasziniert von Jesus. Und ich habe Lust auf mehr. Mehr gute Wissenschaft. Mehr historische Forschung. Mehr Jesus-Skandale. Mehr heilsame Schocks.

Dr. phil. Dr. theol. Roland Werner

Danke!

Ich möchte allen danken, die bei diesem Buch mitgeholfen haben – vor allem John Buckeridge und Ruth Dickinson von der Zeitschrift Christianity und Tony Collins von Lion Hudson, die mir Mut zu diesem Unterfangen gemacht haben; Sheron Rice für ihre redaktionelle Arbeit; dem Team von Lion Hudson (u.a. Jenny Ward, Roger Chouler und Simon Cox) für ihre fachliche Hilfe; und last but not least meiner Frau Enid und meinen Töchtern Alice und Joanne für ihre moralische Unterstützung und dafür, dass sie mich mit beiden Beinen auf dem Boden gehalten haben.

Cambridge, 2011

Einleitung

Ich arbeite im Forschungsinstitut Tyndale House in Cambridge, das sich dem Studium der Bibel widmet. Sehr viele Wissenschaftler aus aller Welt kommen auf einen kürzeren oder längeren Besuch zu uns, und so bin ich immer auf dem Laufenden, was die neuesten Entdeckungen und Theorien betrifft. Und habe die nötigen Bücher und sonstigen Mittel zur Hand, um diesen Theorien nachzugehen.

Einige der folgenden Kapitel, die man über einer Tasse Kaffee gut lesen kann, erblickten das Licht der Welt als Artikel in der Zeitschrift Christianity, und ich habe für dieses Buch weitere im gleichen Stil hinzugefügt. Während ich recherchierte und schrieb, war ich mal ärgerlich, mal erstaunt, mal bestürzt, mal begeistert – und immer wieder überrascht.

Ich persönlich gehe davon aus, dass Jesus der ist, als der er sich in den Evangelien bezeichnet, und dass die Evangelienberichte das wiedergeben, was damals tatsächlich geschah. Aber viele Menschen und auch manche meiner Kollegen sehen das natürlich anders. Und deshalb muss ich mich hier auch mit deutlich kritischeren Positionen beschäftigen.

Um Jesus zu verstehen, müssen wir uns etwas mit den Juden seiner Zeit auskennen. Und wenn wir die Evangelien verstehen wollen, ist es eine enorme Hilfe, wenn wir sie durch die Brille eines Juden oder Heiden aus dem 1. Jahrhundert lesen, denn für diese Leute wurden sie schließlich geschrieben. Mein spezielles Forschungsgebiet ist das frührabbinische Judentum, aber dieses Buch macht auch Abstecher in andere Varianten des Judentums, etwa das der Schriftrollen von Qumran, und auch in die Kultur der Römer und Griechen. Wenn wir die Evangelien mit den Augen von Menschen aus diesen Kulturen lesen, bekommen sie ein anderes Gesicht. Viele Verständnisprobleme lösen sich unversehens in nichts auf, und dafür tauchen überraschend unerwartete Details auf.

Es kann sein, dass dieses Buch viele traditionelle Sichtweisen infrage stellt. Aber es verfolgt das Ziel, ein solides Fundament für historische Fakten über Jesus zu finden. Und – wie das erste Kapitel zeigt – wird man hier überraschend fündig, wenn man sich den Skandalen im Leben Jesu zuwendet.

Warum Skandale untersuchen?

Skandale sind unsere besten Garanten für historische Wahrheit in den Evangelien. Wenn Freunde und Anhänger von Jesus Dinge über ihn berichten, die peinlich, schockierend oder unerhört sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Dinge tatsächlich passiert sind.

Zu seinen Lebzeiten warf man Jesus alles Mögliche vor: Er sei unehelich geboren, lästere Gott, saufe, hocke mit Huren am Tisch, sei verrückt oder im Bunde mit Satan. Jesus – das war ein einziger Skandal. Und ein Großteil dessen, was er verkündete und tat, richtete sich frontal gegen die Missstände der Gesellschaft seiner Zeit – der nächste Skandal, jedenfalls in den Augen seiner Zeitgenossen.

Skandale – das sind die unangenehmen Wahrheiten, die die Evangelien nicht übergehen konnten, wenn sie von ihren ursprünglichen Lesern nicht als reine Erfindung abgetan werden wollten. Hätte es keine Skandale gegeben, die Evangelisten hätten sie nicht erfunden – warum hätten sie den Leuten ohne Not Munition gegen Jesus liefern sollen? Aber wenn es die Skandale wirklich gegeben hatte, dann erinnerten die Leser sich natürlich daran – und die Verfasser der Evangelien mussten darauf eingehen.

Diese Skandale entpuppen sich, näher betrachtet, als unbeabsichtigte Indizien für die Wahrheit des christlichen Glaubens. Dass Jesus wegen Gotteslästerung angeklagt wurde, spricht dafür, dass er behauptete, göttlich zu sein. Dass man sich zuflüsterte, er sei unehelich geboren, gibt den Geschichten über eine wunderbare Geburt zumindest eine gewisse Glaubwürdigkeit – obwohl Skeptiker natürlich sagen würden, dass dies gerade ein Grund dafür war, solche Geschichten zu erfinden. Dass er sich mit Huren und Gangstern abgab, spricht dafür, dass er tatsächlich verkündete, dass buchstäblich jeder ein neues Leben finden und sich wandeln kann. Und die Behauptung, dass er bei seinen Wundern mit dem Teufel im Bunde stand, zeigt, dass selbst seine Feinde glaubten, diese Wunder seien tatsächlich geschehen.

Die Evangelien zeigen uns mustergültig, wie man es nicht anstellt, wenn man Freunde gewinnen will. Ihre Hauptadressaten waren Juden oder Heiden, die dem Judentum nahestanden; aus diesen beiden Gruppen kamen die meisten Bekehrten in der Frühen Kirche. Doch die Evangelien sind voll von Kritik an den Repräsentanten der Juden und an fest etablierten jüdischen Überzeugungen und Einstellungen. Ob es um die Händler im Tempel ging oder den Glauben, dass Kranke und Behinderte Sünder sein müssen – Jesus wandte sich gegen zahlreiche jüdische Überzeugungen und Praktiken, und dies peinlich offen und unverblümt.

Aber auch die Römer entgingen seiner spitzen Zunge nicht. Ihre Praxis, Kinder als Sexsklaven zu benutzen, empörte ihn hell; wer so etwas tat, sagte er, den erwartete eine schlimmere Strafe, als in Mafia-Manier mit einem Betonklotz um den Hals ersäuft zu werden. Gerne dürfen wir dies mit dem Buch Der jüdische Krieg des jüdischen Historikers Josephus vergleichen, das etwa zeitgleich mit den Evangelien entstand und die römische Kultur nur milde kritisiert.

Doch Jesus ging nicht nur die skandalösen Missstände seiner Zeit an; in seiner Verkündigung finden sich viele Dinge, die keiner hören wollte. Jesus hat fast ebenso viel über die Hölle und das kommende Gericht Gottes gesprochen wie über die Liebe Gottes (obwohl er auch dafür deutliche Worte hatte). Und die Verfasser der Evangelien machten keine Versuche, sein Image aufzupolieren, indem sie eine passende Auswahl aus dem trafen, was Jesus gesagt hatte. Sie berichteten beides: die Dinge, die die Menschen gerne hörten, und die, mit denen er sich unbeliebt machte.

Keiner hatte z. B. etwas dagegen, dass Jesus Kranke heilte – aber wenn er dies an einem Sabbat tat oder sagte, dass der Kranke nicht deswegen krank war, weil er gesündigt hatte, empörte das die Frommen. Dass sie es so skandalös fanden, zeigt uns, dass diese Auffassung in dem, was Jesus lehrte, keine Nebensache, sondern Hauptsache war. Was damals skandalös war, ist heute natürlich manchmal völlig normal. In den meisten heutigen Kulturen ist es nichts Besonderes, dass auch Frauen einem religiösen Lehrer zuhören dürfen; im Judentum des 1. Jahrhunderts war dies etwas, was den Status Jesu als Rabbi beschädigte. Wer um diese historischen Fakten weiß, kann viel besser verstehen, wo der Schwerpunkt in der Verkündigung Jesu lag.

Selbst die Jünger und die frühen Gemeinden bekommen in den Evangelien ihr Skandalfett ab. Jesus musste seinen Anhängern nicht nur beibringen, einander nicht zu hassen. Nein, sie sollten einander vergeben und sich wieder vertragen, wenn sie doch die Messer gezogen hatten. Die Jünger werden nicht als Superhelden dargestellt. Sie erscheinen eher als ein bunter Haufen von Leuten, die schwer von Begriff und meistens ein Klotz am Bein waren. Wie im wirklichen Leben halt – die Evangelien wollen keine Märchen erzählen, sondern die Realität abbilden.

Skandalgeschichten vergisst man nicht. Wir erinnern uns gut an sie, weil alle davon reden und wir sie wahrscheinlich selbst auch weitererzählt haben. Wenn die Leute nicken, heißt das, dass sie uns zuhören. Wenn sie empört den Kopf schütteln, hören sie umso aufmerksamer zu. Aber wenn sie etwas skandalös finden, prägen sie sich jede Einzelheit ein, damit sie das Unerhörte in allen Details weitererzählen können!

Historiker lieben Skandale fast ebenso sehr, wie die Zeitungen das tun. Wenn sie prüfen, wie exakt und glaubwürdig ein Bericht ist, benutzen sie Ausdrücke wie „Peinlichkeitsfaktor“ (je peinlicher etwas für den Chronisten ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass es wahr ist) und „gegenkulturelle Ethik“ (wenn alle ein Verhalten kritisieren, ist es unwahrscheinlich, dass dieses Verhalten frei erfunden ist). Natürlich haben Skandalgeschichten immer eine Schlagseite, aber die Wissenschaftler sagen uns, dass es neutrale Darstellungen der Geschichte nicht gibt, und bei Skandalen ist die Schlagseite wenigstens offenkundig.

Die Experten haben jedes Recht der Welt, skeptisch zu sein. Die Frühe Kirche muss versucht gewesen sein, Jesus im bestmöglichen Licht darzustellen, und bestimmt hat sie das auch getan, so wie wir heute auch. Das macht ja die Skandale in den Evangelien so wertvoll. Die Evangelien sind genauer unter die Lupe genommen worden als jedes andere historische Dokument der Antike. Und das zu Recht. Schließlich nimmt niemand Caesars Bericht über seine Feldzüge in Gallien oder die Liebesgedichte Ovids als Fundament für sein Leben. Aber das Leben Jesu ist unvergleichlich, und wir müssen wissen, ob die Berichte, die wir über dieses Leben haben, stimmen.

Über die Evangelien sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Ich muss das wissen, denn ich arbeite in einer Bibliothek, die aus lauter Büchern besteht, die sich mit der Bibel befassen. In den folgenden Kapiteln habe ich einige der überraschendsten und kontroversesten Jesus-Skandale zusammengetragen, die die Bibelforschung zutage gefördert hat, damit Sie sich selbst ein Bild von der wahren Geschichte und Verkündigung Jesu machen können. Die Behauptungen, die in den Evangelien gegen Jesus vorgebracht werden, werden manchmal durch zeitgenössische außerbiblische Quellen bestätigt, und ich habe oft solche Quellen aus der damaligen Zeit und Kultur herangezogen. Wir werden z. B. sehen, dass ein paar Historiker einen Teil der Original-Gerichtsakten des Prozesses gegen Jesus gefunden haben und dass das, was Jesus über solch unterschiedliche Dinge wie die Hölle und die Kunst des richtigen Lebens sagte, zum Teil Parallelen in den Schriftrollen von Qumran hat.

Die Kapitel in diesem Buch können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Sie sind in sich abgeschlossen und so kurz, dass man jedes gut in einer Kaffeepause lesen kann. Man kann sie auch als Basis für kurze Vorträge, Einleitungen von Bibelstunden etc. benutzen; beginnen Sie einfach mit einem einleitenden Beispiel und benutzen Sie Ihre eigenen Worte. Am Ende jedes Kapitels versuche ich jeweils, einen besonders bedeutsamen Aspekt noch einmal hervorzuheben, den man als Einstieg in eine Diskussion oder als Denkanstoß benutzen kann. Je nachdem, zu wem Sie reden, können Sie diesen „Gedanken“ auch weglassen oder verändern. Und wenn etwas in diesem Buch Sie so richtig überrascht, warum merken Sie es sich nicht, um es bei passender Gelegenheit im Gespräch mit Freunden anzusprechen? Ich garantiere dafür, dass Sie ein interessantes Gespräch führen werden.

Ich bin Akademiker und daher sozusagen von Beruf auch kritisch. Aber ich habe auch Jesus als persönliches Gegenüber kennengelernt. Deshalb bedeuten mir die Evangelien sehr viel – und ganz besonders der Skandal des Kreuzes.

Teil 1

Skandale im Leben Jesu

Zweifelhafte Herkunft

Mein Vater ergänzte seinen Nachnamen durch den meiner Mutter; er war Rechtsanwalt und hoffte, mit einem eindrucksvollen Doppelnamen besser betuchte Klienten bekommen zu können. Es funktionierte nicht, außer dass ich in der Schule endlos wegen meines komischen Namens aufgezogen wurde. Vor über fünfzig Jahren war so ein Doppelname etwas relativ Neues. Heute gibt es viel mehr Menschen, die den Nachnamen beider Eltern tragen, und meine Kinder werden nicht mehr deswegen gehänselt. Aber wenn in Nazareth die Leute Jesus „Sohn der Maria“ nannten, dann war das hämische Grinsen dabei kaum zu übersehen. Seine Gegner gaben ihm diesen Namen, als er es wagte, in der Synagoge seiner Heimatstadt zu predigen. Um zu ermessen, was für eine Beleidigung der Ausdruck „Sohn der Maria“ war, müssen wir uns die damalige Gesellschaft etwas genauer ansehen.

Zur Zeit Jesu nahm man als Jude den Namen des Vaters als Nachnamen an. So finden wir in der Jüngerliste bei Matthäus „Jakobus, der Sohn des Zebedäus“ und „Jakobus, der Sohn des Alphäus“ (s. Matthäus 10,2-4). Im Aramäischen, der jüdischen Umgangssprache im Heiligen Land, klang das so: „Jakobus bar Zebedäus“ und „Jakobus bar Alphäus“ (entsprechend in Matthäus 16,17: „Simon bar Jona“). So ist es in allen jüdischen Texten der damaligen Zeit, und man behielt seinen „Vater-Nachnamen“ auch dann, wenn der Vater verstorben war. Bei Allerweltsnamen wie „Simon“ wich man manchmal auf andere Benennungsmethoden aus. So hatte Simon bar Jona auch einen Spitznamen („Petrus“), während andere Simons in der Bibel nach ihrer früheren Zugehörigkeit zu einer Gruppe („der ehemalige Freiheitskämpfer“), einer Krankheit („der früher einmal aussätzig war“) oder ihrer Heimatstadt („aus Kyrene“) benannt werden (Matthäus 10,2.4; 26,6; 27,32). In der gesamten antiken Literatur findet sich kein zweites Beispiel dafür, dass ein Jude nach seiner Mutter benannt wurde.

In Nazareth war der Skandal der Geburt Jesu allgemein bekannt. Man wusste, dass er weniger als neun Monate nach der Heirat seiner Eltern geboren war; die Leute konnten schließlich rechnen. Die drei Monate, die Maria bei Elisabeth war (Lukas 1,56), und andere Verzögerungen werden gereicht haben, um sie ihren Hochzeitstag mit einem dicken Bauch erleben zu lassen. Die Sache wäre nicht ganz so peinlich gewesen, wäre Josef der Vater gewesen, aber das verneinte dieser. Als Jesus also den Nerv hatte, in seinem Heimatort zu predigen, wurde der Klatsch zur offenen Empörung: „Er ist doch der Zimmermann, Marias Sohn. Wir kennen seine Brüder Jakobus, Joses, Judas und Simon. Und auch seine Schwestern leben alle unter uns“ (Markus 6,3). Und diese Tirade war umso peinlicher, weil das Entscheidende hier nicht genannt wird – der Vater. Dass die Leute seine halbe Familie aufzählten, aber seinen Vater ausließen, war eine Beleidigung erster Klasse. Selbst dann, wenn der Vater eines Sohnes tot war, erwähnte man ihn, ja jetzt erst recht, denn der älteste Sohn war schließlich derjenige, der seinen Namen weitertrug. Diese eklatante Nichtnennung im Evangelium sagt es lauter als viele Worte: Keiner wusste, wer der Vater von Jesus war.

Diese Szene in Nazareth findet sich nur bei Markus. Doch auch die anderen Evangelisten wissen um den Skandal, und sie gehen ganz unterschiedlich darauf ein, mit je eigenem Stil und eigener Perspektive. Das Markusevangelium liest sich mit seinen kurzen, protokollartigen, direkten Sätzen ein wenig wie eine Boulevardzeitung. Das Matthäusevangelium ist mehr wie eine seriöse Tageszeitung, die über das politische und religiöse Establishment berichtet und Korruption und Doppelmoral aufdeckt. Das Lukasevangelium ähnelt einem mehr linksliberalen Blatt, wo soziale Fragen und gesellschaftliche Randgruppen (Aussätzige, Frauen, Arme) im Blick sind. Und das Johannesevangelium, das nach Jahrzehnten der theologischen Reflexion entstand, ist das analysierende Wochenmagazin unter den Evangelien.

Jeder gute Verkäufer wird Ihnen sagen: Wenn es Probleme gibt, ist Angriff die beste Verteidigung. Genauso verfahren Matthäus und Lukas, wenn sie die Herkunft Jesu detailliert thematisieren. Matthäus beginnt sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu, von Adam über David bis zu Josef, und dann lässt er die Bombe platzen: Der Vater von Jesus war nicht Josef, sondern – der Heilige Geist. Da ihm das Establishment wichtig ist, betont Matthäus den Stern von Bethlehem und die Gesandten aus dem Osten sowie das perfide Interesse des Herodes an dem „neugeborenen König“. Lukas ist die Jungfrauengeburt ähnlich wichtig, aber er beginnt mit der unbezweifelten tiefen Religiosität von Maria und ihrer älteren Cousine Elisabeth, die sie zu Beginn ihrer Schwangerschaft besucht. Und das – so die unausgesprochene Schlussfolgerung – hätte Maria nicht getan, wäre sie sich irgendeiner Schuld bewusst gewesen.

In unserer heutigen Gesellschaft vergisst man leicht, wie absolut inakzeptabel sexuelle Skandale in der Familie früher waren. Noch heute ist in vielen Kulturen jede Andeutung, die die lupenreine Herkunft eines Menschen in Zweifel zieht, die Beleidigung schlechthin. Im Golfkrieg hatten die Amerikaner ein Problem mit der Armee Saddam Husseins: Sie konnten sie nicht packen. Die Iraker hatten riesige unterirdische Bunkersysteme angelegt, und selbst nach wochenlangem Bombardement hatten die Amerikaner nur wenige Gegner getötet oder aus ihren Stellungen vertrieben. Doch dann hatte jemand, der die irakische Kultur kannte, eine Idee: Die Amerikaner ließen Scharfschützen in gepanzerten Fahrzeugen vorrücken, die mit Lautsprechern ausgestattet waren. Sie fuhren über die scheinbar leere Wüste, und aus den Lautsprechern dröhnte es: „Eure Mütter sind unehelich geboren!“ Was für die irakischen Soldaten so unerträglich war, dass sie aus ihren Bunkern stürzten und wahllos auf die Lautsprecher schossen – ein gefundenes Fressen für die Scharfschützen.

Bissige Bemerkungen über seine Herkunft dürften Jesus ständig verfolgt haben, auch wenn sie wohl meistens nicht laut geäußert wurden. Im Johannesevangelium finden wir einen Zwischenrufer, der eine Rede Jesu stört, indem er das hinausposaunt, was die Leute sich sonst nur zutuschelten. Jesus hat gerade gesagt, dass sein Vater im Himmel ihn gesandt hat, und der Störer ruft: „Wo ist denn dein Vater?“ (Johannes 8,18-19). „Was meint der?“, werden einige der Umstehenden gesagt haben. Andere haben sich zweifellos über die pikanten Details ausgelassen. Jesus ignoriert den Zwischenrufer zunächst und fährt fort, den Menschen zu erklären, dass er von oben kommt (V. 21-23). Aber als er sagt, dass alle, die ihn ablehnen, in ihren Sünden sterben werden, wird der Zwischenrufer fordernder: „Dann sag uns, wer du bist!“ (Johannes 8,25). Mit anderen Worten: „Wie heißt du?“ Wahrscheinlich hoffte er auf eine Antwort wie „Jesus, Sohn des Josef“. Die hätte er dann in Zweifel ziehen können. Doch stattdessen nennt Jesus sich den „Menschensohn“ (V. 28).

Ein paar Verse danach kommt die nächste Provokation: „Aber wir sind Nachkommen Abrahams“ (d. h. gute Juden, V. 33). Jesus erwidert, dass sie ihn töten wollen; „das hätte Abraham nie getan“ (V. 40). Worauf der Störer seine Trumpfkarte aufdeckt: „Wir sind doch schließlich nicht im Ehebruch gezeugt worden …“ (V. 41). Man hört förmlich, wie die Menge die Luft anhält, aber niemand meldet sich, um diese Behauptung zu korrigieren.

Diese Gerüchte über die Herkunft Jesu haben sich in der rabbinischen Literatur jahrhundertelang gehalten. Er wird dort als „Sohn des Pandera“ gehandelt. Die Bezeichnung muss mindestens bis ins Ende des 1. Jahrhunderts zurückgehen, denn bereits im 2. Jahrhundert wussten die Rabbis nicht mehr, wer dieser Pandera war. Aus der offensichtlich negativen Besetzung des Namens schlossen sie, dass es sich wohl um einen Liebhaber der Maria handelte, vielleicht einen römischen Soldaten.1

Was hat die Geschichte aus diesem Skandal der Herkunft Jesu gemacht? Die Juden standen den Erklärungen in den Evangelien, dass der Vater Jesu Gott selbst war, verständlicherweise auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung skeptisch gegenüber. Und die Historiker sind genauso skeptisch. Dabei sind es gerade die Einzelheiten dieses Skandals um seine Geburt, die es – wie wir gleich sehen werden – wahrscheinlicher machen, dass hier etwas Wunderhaftes geschehen ist.

Die Aufgabe des Historikers besteht darin, die Motivation und Genauigkeit alter Berichte und Dokumente zu hinterfragen und auf der Grundlage anderer Fakten und seines Wissens über die menschliche Psychologie herauszufinden, was damals tatsächlich geschah. Liest er z. B. bei Sueton, dass die Geburt des Kaisers Augustus von Zeichen und Wundern begleitet war,2 muss er entscheiden, ob dies „nur“ eine Übertreibung oder gezielte Propaganda war. Ein Historiker, der die Geburt Jesu untersucht, wird nach denselben Kriterien vorgehen. Die historische Methode tut sich mit Wundern immer schwer, denn auf der Wahrscheinlichkeitsskala stehen Wunder ganz unten. Sie sind per definitionem „Ausnahmen“ und daher nie „wahrscheinlich“.

Doch bestimmt genauso unwahrscheinlich ist, dass Josef und Maria solch eine merkwürdige Version von der Geburt Jesu erfunden haben. Erstens war das Palästina des 1. Jahrhunderts eine relativ gebildete, „aufgeklärte“ Gesellschaft, deren religiöse Repräsentanten noch nie da gewesenen Wundern ausgesprochen skeptisch gegenüberstanden. Eine Jungfrauengeburt, das war für die meisten Juden bestenfalls fantastisch und schlimmstenfalls gotteslästerlich. Zweitens hätten Maria und Josef sich das Leben einfacher machen können, wenn sie einfach behauptet hätten, dass Maria von einem römischen Soldaten vergewaltigt worden war oder vorehelichen Sex gehabt hatte. Und wenn Josef mutig genug war, ein „gefallenes Mädchen“ zu heiraten, dann war er doch wohl auch mutig genug, die Wahrheit zu sagen. Und überhaupt: Warum solch eine komische Wunder-Story erfinden, wenn (siehe die Hinweise im Johannes- und Markusevangelium) die meisten Juden sie ohnehin nicht glaubten? Ob in Nazareth oder im Rest des Landes, die Menschen glaubten sie nicht, was den Kenner der damaligen Gesellschaft nicht wundert.

Die Historiker stehen hier vor einem Problem. Sie müssen sich zwischen zwei gleich unwahrscheinlichen Szenarien entscheiden: Entweder ein paar fromme Juden hielten an einer Story fest, die total naiv und potenziell gotteslästerlich war, oder … es war wirklich eine wunderbare Geburt. Das ist eine denkbar unangenehme Wahl, außer für jemanden, der Wunder nicht für unmöglich hält.

Dass über Jesus so getuschelt und geklatscht wurde, lässt uns Christen sein Leiden besser verstehen. Jesaja hatte prophezeit, dass der Messias von allen verachtet und gemieden sein würde, ein Mann, der solche Wunden und Strafen tragen musste, dass die Menschen glaubten, dass Gott gegen ihn war (Jesaja 53,3-5). Die Frage seiner Herkunft war ein Skandal, den er als Bruder all derer trug, die zu Unrecht wegen etwas verachtet werden, für das sie nichts können – Menschen, die nicht wissen, wer ihre Eltern sind; Vergewaltigungsopfer oder alle, die als Kinder sexuell missbraucht wurden. Der Skandal der unehelichen Geburt Jesu demonstriert, dass Gott, als er Mensch wurde, wirklich all unser Leid trug und uns bis in den letzten Winkel unseres gefallenen Menschseins erlöst hat. Nur so konnte er wirklich alle vertreten und alle erlösen.

Als Heiratskandidat ungeeignet

An dem Tag, als unser erstes Kind zur Welt kam, merkte ich, dass meine Heirat mein Leben, nun ja, relativ wenig verändert hatte. Die Ankunft dieses kleinen Bündels dagegen war der Startschuss eines völlig neuen Abenteuers, voller Aufregung, Ängste, Glück, Sorgen, Spaß, Erleichterung und Freude. Manchen Menschen erscheint das Abenteuer „Ehe und Familie“ nicht so attraktiv, und sie entscheiden sich dafür, single und kinderlos zu bleiben. Für andere dagegen ist Ehelosigkeit keine freiwillige Entscheidung, sondern ein trauriges Schicksal. Aber bei Jesus war seine Ehelosigkeit der nächste Skandal.

Für Juden des 1. Jahrhunderts bedeutete die Tatsache, dass Jesus nicht heiratete, dass mit ihm und seiner Frömmigkeit etwas nicht stimmte. Und die seinen Fall besser kannten, wussten auch, was das war. Für einen damaligen Juden war es das höchste Ziel, Gott gehorsam zu sein. Jeder kannte die Gebote Gottes in den Heiligen Schriften. Das waren nicht nur die Zehn Gebote vom Sinai; mittlerweile zählte man nicht weniger als 613 Gebote. Das allererste hatte Gott Adam gegeben. Es lautete: „Seid fruchtbar und mehret euch“, und jedem männlichen Juden war es ein heiliges Anliegen, dieses Gebot zu erfüllen. Und für Verwandte und Nachbarn war es sehr offensichtlich, ob er es mit diesem Gebot ernst nahm.

In der jüdischen Literatur aus der Zeit Jesu erfahren wir nur von einem einzigen unverheirateten Mann – einem gelehrten Rabbi namens Simeon ben Azzi, der behauptete, er sei mit der Bibel verheiratet und habe daher keine Zeit für eine Frau. Sehr wahrscheinlich war er Witwer, doch seine Freunde drängten ihn, wieder zu heiraten, denn ledig sein, das ging doch nicht …

Die meisten Mädchen waren schon mit 12 Jahren unter der Haube, und wenn ein Mann mit 20 immer noch nicht verheiratet war, ging das Tuscheln los: „Warum ist der noch allein?“3 Mädchen wurden deshalb so früh verheiratet, weil sie ab 12½ Jahren das Recht hatten, den Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, abzulehnen. Männer hatten etwas mehr Zeit für die Partnersuche, aber die Leute wurden bald misstrauisch. So durfte ein Lediger zwar Kinder unterrichten, aber man hatte immer ein Auge auf ihn. Und wenn er schon über 20 und immer noch unverheiratet war, dann war etwas oberfaul! Unverheiratet – das war ein ebenso seltener wie minderwertiger Personenstand, den keiner freiwillig wählte.

Warum war Jesus dann mit 30 Jahren immer noch nicht verheiratet? Die ihn kannten, wussten Bescheid. Kein Vater gab die Hand seiner Tochter jemandem mit zwielichtiger Herkunft, denn wenn die Herkunft auch nur eines Elternteils nicht ganz koscher war, konnte das den rechtlichen Status der Nachkommen auf zehn Generationen beeinträchtigen. Und die Herkunft Jesu – das pfiffen die Spatzen von den Dächern – war absolut nicht koscher: Erstens war er ein bisschen zu schnell nach der Heirat seiner Eltern angekommen, und zweitens hatte Josef zugegeben, dass er nicht der Vater war. Die Geschichte mit den Engeln und der Jungfrauengeburt betrachteten die meisten als wenig überzeugenden Versuch, zu vertuschen, dass Jesus ein uneheliches Kind war.

Früher nannte man uneheliche Kinder „Bastard“. Das war kein schmeichelhafter Ausdruck. Bei den alten Juden lautete der entsprechende Ausdruck mamzer. Zur Zeit Jesu gab es nicht viele mamzerim (die Mehrzahl von mamzer). Dies lag zum einen daran, dass es bei den Juden damals wenig sexuelle Unmoral gab, zum Teil aber auch an dem sozialen Stigma. Mamzerim konnten nicht am Gottesdienst teilnehmen und keine ehelich geborenen Partner heiraten. Zwar waren auch sie verpflichtet zu heiraten – aber nur einen anderen mamzer.

Offiziell war Jesus kein mamzer. Die Pharisäer verlangten, dass es bei einer unehelichen Abstammung zwei Zeugen des Zeugungsaktes geben musste, und das war bei Jesus natürlich (vielleicht bis auf einen Engel …) nicht der Fall. Dazu war Jesus wenigstens nach einer ordnungsgemäßen Eheschließung geboren worden, auch wenn Josef angab, nicht der Vater zu sein. Und so war Jesus kein „offizieller“ mamzermamzer