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Jan Vermeer

Warum verfolgst du mich?

Bewegende Erfahrungen
mutiger Christen in sechs Ländern

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Deutsch von Dr. Friedemann Lux

Die Bibelzitate sind, wenn nicht anders angegeben, der Übersetzung
Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002 by
Biblica Inc.™. Verwendet mit freundlicher Genehmigung.
Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

© der deutschen Ausgabe: 2014 Brunnen Verlag Gießen
Umschlagfoto: Getty Images
Umschlaggestaltung: Sabine Schweda
Satz: DTP Brunnen
ISBN 978-3-7655-4237-4
eISBN 978-3-7655-7182-4

Dieses Buch widme ich
meiner Frau und meinen Kindern, die fest zu mir stehen,
den Mitgliedern unseres Bibelkreises, die so treu im Gebet sind,
Allina, Lee Joo-Chan, Hyo, Hea Woo, Haik, Mehdi, Achmed, Noviana und Aaina, von denen ich so viel gelernt habe,
und Gott dem Vater, Sohn und Heiligen Geist,
dem alle Ehre und Anbetung gebührt
.

„Manchmal musst du im Leben einfach beten und dranbleiben.“

(amerikanischer Kriegsveteran)

„Der ist kein Narr, der hergibt, was er nicht behalten kann,
um das zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.“

(Jim Elliot)

„Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker,
den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.“

(Jesus Christus nach Matthäus 13,44;
revidierte Lutherbibel)

Inhalt

 

Vorwort

1

Allina: Zum Äußersten bereit

2

Lee Joo-Chan und Hyo: Amazing Grace

3

Hea Woo: Mission im Arbeitslager

4

Haik und Mehdi: Das Feuer ist für uns der sicherste Ort

5

Achmed: Schwierige Entscheidungen

6

Die Reise zur Vergebung

7

Aaina: Wenn ich auf Jesus sehe, gehe ich nicht unter

8

Jan: Der Glaube – hoffen auf das, was man nicht sieht

 

Der Dienst von Open Doors

Vorwort

Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme:
„Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“

Lukas (Apostelgeschichte 9,4)

Ich schreibe dieses Kapitel in Jos, der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau in Nigeria. Etliche christliche Einwohner haben mir versichert, dass Jos für „Jesus our Savior“ steht („Jesus unser Retter)“. Hier zu sein, weckt eigenartige Gefühle. Die Menschen in dieser Stadt sind nicht alle friedliebend; manche wünschen mir den Tod. Weil ich aus dem Westen komme. Weil ich den Christen vor Ort Mut machen möchte. Weil ich zu Christus gehöre.

Vor ein paar Stunden bin ich mit dem Taxi in Jos angekommen. Das Flugzeug, das mich von Lagos im Süden nach Jos im Norden bringen sollte, war schon gestartet, als ich den Flughafen erreichte. „Wir hatten dem Reisebüro die geänderte Abflugzeit mitgeteilt“, sagte der Mann am Abflugschalter. Nun, diese Mitteilung hatte mich nicht erreicht, und so nahm ich den Flug nach Abuja, von wo aus man mit dem Taxi in vier Stunden Jos erreicht.

In Jos hießen mich ein paar nigerianische Open Doors-Mitarbeiter herzlich willkommen. Fast nebenbei erwähnten sie: „Heute Morgen gab es hier einen Anschlag auf eine Kirche, mit mehreren Toten und vielen Verletzten.“

Mir wurde ganz anders zumute. Christenverfolgung ist heute keine vereinzelte Erscheinung mehr, sie findet an vielen Orten statt, dessen war ich mir sehr bewusst. Aber es ist nicht dasselbe, ob man Hass-E-Mails bekommt oder mit den Hassern selbst konfrontiert wird.

„Was ist da passiert?“, fragte ich.

„Zwei Männer fuhren in einem Auto. Sie hielten genau auf die Kirche zu. Der eine Mann sprang im letzten Augenblick aus dem Wagen, der andere ließ das Auto in die Kirche krachen und zündete eine Bombe. Zum Glück gab es nur vier Tote, darunter der Selbstmordattentäter.“

„Und warum nur vier?“

„Die Bombe war hinten im Auto. Sie können auf den Fotos sehen, dass nur der Motor in der Kirche liegt; der Rest des Wagens explodierte nach hinten und nicht in die Kirche hinein.“

Ich musste an die Worte von Jesus denken, die ich im Flugzeug gelesen hatte. In Lukas 21 sagt er seinen Jüngern das Ende unserer Welt voraus. Bevor das Ende kommt, sagt er, werden sie euch verfolgen. Die Menschen, die ihm nachfolgen, werden um seines Namens willen vor Könige und Machthaber gestellt werden. Freunde, ja Verwandte werden sie verraten, und manche werden umkommen. Und doch verheißt Jesus: „Aber ohne Gottes Willen wird euch kein Haar gekrümmt werden“ (Lukas 21,18).

War das nicht ein Widerspruch in sich? Und was für ein Trost waren diese Worte für die Hinterbliebenen der Opfer? Konnte dieser Bibelvers die Wut der christlichen Jugendlichen dämpfen, die nach diesem Selbstmordanschlag zwei Muslime töteten und mehrere muslimische Läden anzündeten?

Drei Tage zuvor hatte ich mich mit einem Kirchenvertreter aus einem anderen Teil der muslimischen Welt zum Mittagessen verabredet. Danach sollte ich ihn zum Flughafen von Amsterdam fahren. Eine halbe Stunde vor unserem Termin rief er mich an. Ich hörte die Spannung in seiner Stimme. „Jan“, sagte er, „es tut mir leid, aber ich glaube, das Mittagessen schaff ich nicht. Wir haben hier ein Problem. Es ist etwas Ernstes. Ich schlage vor, wir treffen uns um eins und unterhalten uns auf dem Weg zum Flughafen.“

Ich stimmte zu und legte auf. Im Land dieses Mannes hängt über allen Christen ständig das Damoklesschwert schwerer Verfolgung. Gerade hatte es die Frau eines seiner Mitarbeiter getroffen. Dieses Schwert hat einen Namen: „Blasphemiegesetz“ – das strikte Verbot, den Islam oder den Propheten Mohammed zu beleidigen. Es reicht, dass jemand dieses Vergehens beschuldigt wird, Beweise sind nicht erforderlich. Die Polizei ist verpflichtet, in Aktion zu treten und tut dies auch.

„Sie war in ihrem Dorf und ging ihrer ganz normalen Arbeit nach“, erzählte mir der Pastor, als wir im Auto saßen. „Ich weiß nicht, warum oder von wem sie der Blasphemie beschuldigt wurde.“

Sein Handy klingelte. Er sprach mit jemandem aus seiner Gemeinde und legte seufzend wieder auf. „In dem Dorf, wo sie wohnt, gibt es gerade eine Demonstration.“

„Die Leute demonstrieren für sie?“

Er schüttelte den Kopf. „Gegen sie. Einige ihrer Kollegen. Die Polizei wird die Frau verhaftet haben – Schutzhaft sozusagen.“

Natürlich. Es war leichter, das Opfer festzunehmen, als den Mob zurückzuhalten.

Der nächste Anruf, diesmal kürzer. Der Pastor sagte nur: „Okay, okay.“ Als er aufgelegt hatte, erklärte er mir: „Ihr Mann ist nicht zu Hause, aber Leute aus der Gemeinde kümmern sich um die Kinder. Wir werden sie an einen anderen Ort bringen, sie haben furchtbare Angst. So ist das ständig bei uns. Wir haben nicht den Luxus wie ihr, dass wir einfach am Schreibtisch sitzen und ganz normal arbeiten können. Alle halbe Stunde kommen solche Sachen, manchmal noch öfter.“

Es klang halb anklagend, aber ich wusste: Der Mann war einfach frustriert.

„Das muss echt hart für euch sein“, sagte ich.

„Weißt du“, sagte er, „einerseits möchten wir für unser Land und für das Reich Gottes arbeiten. Wir wollen etwas erreichen. Aber andererseits fragen wir uns manchmal, was das alles soll. Jetzt muss ich einen Anwalt anrufen.“

Das Telefon des Anwalts klingelte mehrere Male, dann sprang der Anrufbeantworter an. Als der Pastor aufgelegt hatte, sagte er: „Heute ist nicht viel Verkehr.“

„Stimmt. Dies ist eine gute Tageszeit zum Autofahren.“

Wieder ein Anruf. Ein Rechtsanwalt war unterwegs zum Polizeirevier. „Kannst du dir das vorstellen? Dass so eine liebe, nette Frau jetzt von der Polizei verhört wird? Wir müssen sie da rausholen, heute noch! Wir müssen verhindern, dass sie die Nacht in der Zelle verbringt, sonst ist sie sozusagen vorbestraft.“

„Und was würde das bedeuten?“

„Das Ende ihres Lebens.“

Ich wusste, was er meinte. War erst einmal offiziell Anklage gegen die Frau erhoben, würde sie inhaftiert bleiben, bis der Richter das Urteil sprach, und das konnte Jahre dauern. Die Gefängnisse in diesem Land waren, gelinde gesagt, keine Sanatorien, und selbst nach einem Freispruch wäre die Frau für den Rest ihres Lebens als Gotteslästerin gebrandmarkt. Sie würde entweder untertauchen oder aus dem Land fliehen müssen. Also musste sie heute noch freikommen!

„Ich hoffe, du weißt, Jan, wie du jetzt richtig für uns betest“, sagte er.

„Ich weiß, worum ich beten muss, aber ich weiß nicht, wie.“

Schweigen. Hin und wieder sah ich aus dem Augenwinkel, wie der Pastor einnickte. Ich betete allein, mit den paar Worten, die mir in den Sinn kamen.

Kurz bevor wir den Flughafen von Amsterdam erreichten, beteten wir noch einmal gemeinsam (ich mit offenen Augen). Der Pastor bat um Weisheit für alle Betroffenen und nannte sie mit Namen. Er sprach die Worte aus, aber sie hatten keine Kraft. Ich fragte mich, ob meine Gebete überzeugter klangen, aber wir wussten – oder ich glaubte –, dass Gott auch jetzt im Regiment saß.

Während ich in Jos dieses Vorwort schreibe und auf die letzte Woche zurückblicke, sehe ich, dass meine Jahre bei Open Doors mehr waren als nur ein Dienst der Ermutigung für die verfolgte Kirche. Ich bin tiefem Schmerz und Leid begegnet – beides finden Sie in diesem Buch wieder. Die Begegnungen mit verfolgten Christen haben mich selbst aufgewühlt und meinen Glauben an Jesus verändert.

Sie werden viele Fragen haben, auf die ich nicht immer eine befriedigende Antwort weiß. Aber ich hoffe, Sie werden auch entdecken: Wo Jesus ist, ist immer auch Hoffnung. Die verhaftete Frau, die ich erwähnt habe, wurde noch am gleichen Abend freigelassen und konnte zurück zu ihrer Familie. Doch in Pakistan sitzt Asia Bibi aufgrund desselben Blasphemiegesetzes weiter in der Todeszelle. Zwei hochrangige Männer, die sie schützen wollten, sind ermordet worden und die Mörder werden als Helden gefeiert. Aber wer weiß, was hinter Gittern in Asias Herz geschieht? Jetzt, wo man ihr alles andere genommen hat, bleibt ihr nur ein einziger Halt: die Hand von Jesus. Und wie so viele andere verfolgte Christen bezeugt sie seine Liebe. Aber warum wird der eine Christ in einer bestimmten Situation bewahrt und ein anderer kommt ums Leben oder landet hinter Gittern?

Auf diese Frage habe ich keine Antwort. Wir wissen nicht, wie unser Leben enden wird, aber wir dürfen wissen, dass Gott immer in der Nähe ist. Er ist der Herr, er ist allmächtig und weiß alles. Und er liebt uns in jeder Situation.

Nehmen wir Aaina, die Frau, die Sie in Kapitel 7 kennenlernen werden. Sie lebte in einem fremden Land, hatte nicht genug Geld, hatte ihren Mann seit Jahren nicht gesehen, litt unter körperlichen und psychischen Problemen. Bei alldem musste sie die Ungewissheit aushalten, ob der lange Arm ihrer wohlhabenden Familie sie nicht doch eines Tages aufspüren würde. Ich fragte sie: „Wie schaffen Sie das alles bloß?“ Worauf sie leise, aber selbstbewusst erwiderte: „Tief in mir habe ich diese große Freude.“

Kein Haar wird ihr gekrümmt werden … Jesus hat uns ewiges Leben versprochen und nichts, was uns widerfahren kann, kann daran etwas ändern. Jesus selbst musste leiden, um dies möglich zu machen, aber er hielt durch, wegen der Freude, die auf ihn wartete.

Ich bete, dass die Lebensgeschichten in diesem Buch Ihnen helfen werden, diese Freude zu entdecken. Damit Ihr Glaube stärker wird.

Noch ein letzter Hinweis: Obwohl ich manchmal in den Geschichten vorkomme, ist dies kein Buch über mich. Genau betrachtet ist es noch nicht einmal ein Buch über die verfolgten Christen, die die Hauptrollen in ihm spielen. Die Worte, die Jesus auf der Straße nach Damaskus zu Saulus sagte, hallen noch heute wider: „Warum verfolgst du mich?“

Unser Herr und Heiland nimmt Christenverfolgung zutiefst persönlich. Eigentlich ist es ja er selbst, der verfolgt wird. Aber er ist auch dann der Sieger, wenn es nicht danach aussieht. In den Glaubenszeugnissen in diesem Buch sehen wir immer wieder die Hand Gottes. Das ganze Buch dreht sich um ihn. Darum endet jedes Kapitel mit dem Abschnitt „Die Bibel im Leben von XY“. Wir sehen, wie die Bibel im Leben dieser Menschen lebendig wird und was wir von ihnen für unser Leben lernen können.

Ich hoffe, dass Sie in diesem Buch der verfolgten weltweiten Kirche begegnen. Das wird Ihren Glauben möglicherweise herausfordern. Sie müssen das, was den verfolgten Christen widerfährt, nicht genauso deuten wie die Betroffenen selbst. Ihre Lebensgeschichten wollen uns vor allem nachdenklich machen. Sind wir wirklich ernsthaft Christen, und wie weit trauen wir uns für unseren Glauben zu gehen?

Durch das Gesetz nämlich war ich zum Tode verurteilt. So bin ich nun für das Gesetz tot, damit ich für Gott leben kann. Mein altes Leben ist mit Christus am Kreuz gestorben. Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! Mein vergängliches Leben auf dieser Erde lebe ich im Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der mich geliebt und sein Leben für mich gegeben hat.

Paulus (Galater 2,19-20)

1

Allina: Zum Äußersten bereit

Tschetschenien

Die Autoscheinwerfer beleuchten das Innere der Schule. Unter den offenen Fenstern, die 1,80 Meter hoch sein mögen, lehnen wie stumme Wächter Kränze an der Wand. Ich gehe hinein und fahre mit den Fingern über die Einschusslöcher, während mein Blick zu den Fotos der Lehrer wandert, die hier starben. In der Mitte des dunklen Flurs steht ein Stuhl und auf dem Stuhl sitzt ein kuscheliger rosa Teddy. In seinen Pfoten hält er eine verwelkte Rose. Wer weiß, vielleicht wartet er – vergeblich –, dass sein Besitzer kommt, um ihn zu holen.

Mein tschetschenischer Begleiter, Vashka, zeigt auf ein paar Stellen an der Wand und an der Decke. Sie markierten die Plätze, wo sich die Kinder und Erwachsenen aufstellen mussten. Hier war der Sprengstoff versteckt. Hier ist es passiert. Das Gehirn weigert sich, sich vorzustellen, dass hier mindestens 334 Menschen ihr Leben verloren, darunter 186 Kinder.

Schweigend gehen wir wieder hinaus aus der Schule mit dem nichtssagenden Namen „Schule 1“, steigen zurück ins Auto und fahren zum Mahnmal im Zentrum von Beslan. Wie ein Delfin, der aus dem Wasser springt, ragt die Statue aus Bronze hoch. Mütter mit gesenkten Köpfen und ausgestreckten Armen, die ihre Kinder zum Himmel hochheben. Um die Statue herum stehen Grabsteine, große und kleine. Auf einigen sind Fotos der Menschen, an die sie erinnern. Die Geburtsdaten variieren, der Todestag ist überall derselbe: der 4. September 2004.

Ich mache ein paar Fotos; das ist meine Aufgabe, damit ich den Menschen erzählen kann, was hier geschehen ist. Aber kann ich das überhaupt? Ein Geiseldrama im Kaukasus, in Nordossetien, das zu Russland gehört, verübt durch tschetschenische Rebellen. Es dauerte drei Tage und endete mit einer gewaltigen Schießerei. Ein „Vorfall“, der in den Geschichtsbüchern nicht mehr als ein kleiner Absatz sein wird. Doch hier verloren Hunderte von Menschen ihr Leben und für Tausende weitere ist der Alltag für immer grau geworden. In den Augen der tschetschenischen Rebellen (und der muslimischen Kämpfer aus dem Ausland) war dieser Überfall nichts weiter als ein Versuch, die Gewalt, die ihr Land seit mehr als hundert Jahren zerrissen hatte, nach Russland zu tragen – ein weiteres Beispiel dafür, wie schwierig es ist, den Teufelskreis der Rache zu durchbrechen.

Tschetschenien liegt im Kaukasus, nördlich der Türkei, und ist eine autonome Republik innerhalb der russischen Föderation. Der schon seit etlichen Jahren tobende Kampf um die Unabhängigkeit hat bisher nicht zum Ziel geführt. Russland hat eine diktatorische Marionettenregierung im Land eingesetzt, während die Rebellen von muslimischen Extremisten aus dem Ausland bewaffnet und ideologisiert werden. Die Bevölkerung des Landes ist gefangen zwischen Pest und Cholera. Zwei Kriege mit Russland zwischen 1994 und 2009 haben das Land schwer getroffen.

Die Menschen leben in ständiger Angst vor den Elitesoldaten des Präsidenten, vor den russischen Soldaten, die nach wie vor im Land sind, und vor den Rebellen, die an jedem Rache üben, der „mit dem Feind paktiert“. Und mitten in diesem Chaos gibt es Menschen, die heimlich Jesus Christus nachfolgen. Es sind nicht viel mehr als vielleicht hundert; die durchschnittliche Kirchengemeinde im Westen ist größer. Und sie leben unter zwei Millionen Muslimen, für die Glaube und nationale Identität eins sind. Ein „echter Tschetschene“ ist muslimisch und wer seinen Glauben verlässt, bringt große Schande über seine Familie. Ein Muslim, der Christ wird, unterschreibt damit sein eigenes Todesurteil.

Vor ein paar Stunden habe ich mit einer dieser Christinnen gesprochen. Heimlich, auf der Rückbank eines Pkws. Es war ein Gespräch, das Gott von langer Hand vorbereitet hatte.

Von Gott geplant

Einige Monate vor meiner Reise nach Tschetschenien sprach ich mit der Open Doors-Koordinatorin für die Region. Sie fragte mich, welches Land ich dort besuchen wollte. Ich sagte: „Tschetschenien.“ Irgendwie hatte dieses Land etwas; es zog mich einfach an.

Warum? Hatte ich mir nicht geschworen, nie dorthin zu gehen, weil sie da Leute aus dem Westen entführt hatten? Den Niederländer Arjan Erkel vom Roten Kreuz hatten tschetschenische Rebellen jahrelang in Dagestan als Geisel festgehalten. Würde meine Frau mit dem Wissen weiterleben können, dass ihr Mann dort am Kaukasus in irgendeinem Verlies saß? Und wie sollte meine einjährige Tochter ohne Vater aufwachsen? Nach Tschetschenien gehen war der nackte Wahnsinn.

Trotzdem – irgendetwas, das ich nicht in Worte fassen konnte, zog mich wie magisch dorthin. Ich musste nach Tschetschenien! Warum – das merkte ich erst, als ich in Grosny war. Das Timing war perfekt, auf den Tag und die Stunde genau.

Grosny

Mein Flugzeug ist auf einem Flugplatz ein paar Autostunden von Tschetschenien entfernt gelandet. Wäre ich direkt nach Grosny geflogen, hätten die Grenzbeamten mich mit schwierigen Fragen gelöchert. Und so bin ich stattdessen in ein Nachbarland geflogen, von wo ich nun mit einer Kontaktperson vor Ort, Chechen Vashka, weiterfahre. Er klärt mich kurz darüber auf, was ich zu tun und zu lassen habe. Zu Beginn der Fahrt darf ich einmal das Auto verlassen, um zur Toilette zu gehen, den Rest der Reise muss ich auf dem Rücksitz verbringen. Denn mit meinem hellblonden Haar sehe ich nicht russisch genug aus.

„Es gibt zwei Risiken“, erklärt Vashka. „Das erste ist, dass die Polizei dich sieht und mit dummen Fragen kommt. Bevor du bis drei zählen kannst, bist du dein ganzes Geld los und dein Unternehmen ist gescheitert. Die zweite Sache ist noch ernster: Wenn die falschen Leute uns sehen, kidnappen sie uns.“

Ich nicke und lege meine Wasserflasche weg. Lieber nicht zu viel trinken, damit ich das Auto auch ganz bestimmt nicht verlassen muss.

Jetzt ist Beten keine schlechte Idee. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich sagen, wie viel mein Kopf wert ist. Hier bin ich entweder eine Million Dollar wert oder gar nichts. Komisch, wie sehr der Wert eines Menschen von der Nationalität in seinem Pass abhängen kann.

Der russische Wagen mit den schwarz getönten Fondscheiben fährt ruhig durch die Berglandschaft, in Richtung auf die schwer bewachte Grenze. Dann und wann lässt der graue Himmel ein paar Tropfen auf die Windschutzscheibe fallen. Wir kommen durch mehrere Checkpoints der Polizei. Nur einmal will jemand meinen Pass sehen.

Vashka erzählt von den Kriegen und von seinem Leben. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich von der Finsternis um ihn herum schier erdrückt fühlt. Zu Trümmerhaufen zerschossene Häuser. Die Angst vor den brutalen russischen Soldaten und den ebenso brutalen tschetschenischen Rebellen. Verwandte und Freunde, die tot oder verschollen sind. Aber es gab auch glückliche Momente. Vashkas Augen glänzen, als er erzählt, wie er seinem ein Jahr alten Sohn im Luftschutzbunker das Laufen beibrachte, während draußen die Bomben fielen.

Jede Minute bringt uns dem Augenblick näher, an dem es wirklich brenzlig werden wird. Alle Open Doors-Mitarbeiter, die viel reisen, haben ihre besonderen Geschichten von Grenzübertritten. Bald werde ich meine eigene erleben.

Vashka ist schon Dutzende von Malen über die Grenze gefahren. Aber je näher wir der Grenze kommen, desto stiller wird er. Eine halbe Stunde, bevor wir da sind, holt er zwei Pillen aus einem Plastikröhrchen, schiebt sie sich in den Mund und schluckt sie, ohne Wasser. „Das ist was zur Beruhigung.“ Der Krieg ist offiziell zu Ende, aber mit den russischen Soldaten ist immer noch nicht gut Kirschen essen.

Auf der Landkarte ist eine Grenze nur eine Linie. Wenn man vor Ort ist, sieht die Realität anders aus. Dunkle Wolken hängen über Tschetschenien, als ob selbst das Wetter mir klarmachen will, wohin die Reise geht. Will ich das hier wirklich? Sollte ich nicht besser umkehren? Ich muss an die letzte Nacht denken. Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich einen Albtraum. Ich war in Tschetschenien und um mich herum schlugen Artilleriegranaten ein. Schweißgebadet wachte ich auf.

Bodenschwellen aus Beton, die verhindern sollen, dass man zu schnell auf die Grenze zufährt, sind das erste Zeichen, dass wir tatsächlich da sind. Das zweite ist noch unmissverständlicher – ein großes Schild, auf dem in mehreren Sprachen steht: „Stop! Wer unerlaubt weiterfährt, wird erschossen!“

Vashka stellt den Motor ab. Mehrere russische Soldaten sitzen an ihrem Posten. Einer steht auf und winkt uns zu sich. Klar, der will unsere Papiere sehen. Ich bete die paar Worte, die mir in den Sinn kommen: „Herr, bitte beschütze uns!“

Der Soldat geht um unser Auto herum und reicht uns die Papiere zurück. Wir können weiterfahren. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Vashka fährt langsam weiter. Wir sind in Tschetschenien. Jetzt noch ein paar Stunden und wir sind in Grosny. Vashka redet wenig, aber er ist ein guter Reiseführer. Für einen Touristen wäre er genau der richtige Mann. „Sehen Sie diese Berge da hinten?“

„Ja.“

„Da wohnen die Rebellen, die sich vor den Russen verstecken.“

Ich schlucke.

Wir fahren durch ein Dorf. „Hier wohnen die schlimmsten Extremisten im ganzen Land. Hier hat jeder seine Kalaschnikow im Schrank. Die Russen lieben ihren Wodka, die Menschen hier ihre Waffen.“

Ich schlucke zweimal. Lieber Gott, lass uns hier keine Reifenpanne kriegen

Der Name Grosny bedeutet „furchterregend, schrecklich“, und die tschetschenische Hauptstadt macht ihrem Namen alle Ehre. In den Außenbezirken stehen zerschossene Wohnblocks und andere Ruinen. In den kürzlichen Kriegen mit Russland wurde die Stadt erst monatelang bombardiert und dann in erbitterten Straßenkämpfen erobert. Die ausgebombten Häuser sind zum Teil bewohnt. Wo sollen die Menschen auch hin? Der letzte Krieg ist jetzt mehrere Jahre her, aber der Wiederaufbau geht nur schleppend voran.

Das Stadtzentrum freilich erstrahlt in neuer Pracht. Die imposanten Lichter und Fassaden erinnern mich an Paris, nur moderner. Dann biegen wir in eine Nebenstraße ab und die zerbombten Häuser sind wieder da. Vor einem kleinen Laden halten wir an. Darf ich jetzt endlich raus? Vashka schüttelt den Kopf. Aber ich kann mich nützlich machen; er stellt mir einen großen Karton mit Eiern auf den Schoß. Hoffentlich gibt es bis zu unserem Ziel nicht zu viele Schlaglöcher.

Es geht besser, als ich dachte. Mit ein bisschen Akrobatik gelingt es mir, die Eier so zu halten, dass sie heil bleiben. Schließlich biegen wir in eine kleine Gasse ein und halten vor dem Eingang zu Vaskhas Haus. Vaskha öffnet erst die Hoftür, dann die Tür des Autos und mit zwei Schritten bin ich hinter der Hofmauer, in Sicherheit. „Wenn jemand rauskriegt, dass wir ’nen Ausländer im Haus haben, können wir echte Probleme kriegen, mit den geheimen Truppen unseres Präsidenten oder mit den Rebellen.“

Nach dem Essen – mit reichlich Eiern – zeigen meine Gastgeber mir mein Bett. Morgen werden wir entscheiden, wie es weitergeht.

Allina

Nach einer Dreiviertelstunde wollte Vashka wieder da sein, aber jetzt warte ich schon fast zwei Stunden. Er wollte für mich ein paar Fotos vom Markt schießen, während ich hier an einem sicheren Ort warte. Und Kontakt mit einer Christin aus der Stadt aufnehmen – dem einzigen tschetschenischen Christen, der bereit (und mutig genug) ist, sich mit mir zu treffen.

Da kommt plötzlich sein Auto um die Ecke gefahren. Er steigt aus und schüttelt den Kopf. Kein gutes Zeichen. Er zündet sich eine Zigarette an.

„Wo Allina wohnt, ist gerade der Präsident“, sagt er. „Gut, dass wir da nicht zusammen hin sind; wir wären bestimmt aufgeflogen.“

Ich weiß, dass die Chancen, in Tschetschenien mit einem Christen zu sprechen, gering sind. Trotzdem: Diese Nachricht ist eine Enttäuschung.

Doch dann fährt Vashka unvermittelt fort: „Du kannst sie jetzt interviewen, im Auto. Maximal eine halbe Stunde.“

Ich muss wohl ein überraschtes Gesicht machen. Das hatte ich nicht mehr erwartet. Ohne ein Wort gehe ich zu dem Wagen und steige ein. Jede Minute ist kostbar. Vashka begleitet mich, um zu übersetzen. Ich stelle mich Allina vor.

Ihr abgespanntes, blasses Gesicht macht es schwierig, ihr Alter zu schätzen. Wie die meisten Frauen in ihrem Land trägt sie ein Kopftuch. Fast sofort fängt sie an zu weinen. Ich bitte Vashka, in ihrer Sprache für sie zu beten. Er tut es und ihr Gesicht erhellt sich. Dann beginnt sie zu reden.

„Ich gehöre zu Jesus.“