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Ken & Joni Eareckson Tada
Larry Libby

JONI & KEN

Deine Liebe schenkt mir Flügel

Mit einem Vorwort von Marion Koch,
Mutter von Samuel Koch

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Originally published in the U.S.A. under the title: Joni & Ken
Copyright © 2012 by Joni Eareckson Tada and Ken Tada
Translation copyright © 2014 by Joni Eareckson Tada
Translated by Anja Findeisen-MacKenzie
Published by permission of Zondervan, Grand Rapids, Michigan.
www.zondervan.com

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Joni & Ken
Copyright © 2012 Joni Eareckson Tada und Ken Tada
Veröffentlicht mit Genehmigung von Zondervan,
Grand Rapids, Michigan.

Wenn nicht anders angegeben, sind die Bibelstellen der Übersetzung
Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™. Hrsg. vom Brunnen Verlag Basel.

Das mit „Luther“ gekennzeichnete Bibelzitat folgt der Lutherbibel,
revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche
Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Aus dem Englischen von
Anja Findeisen-MacKenzie

© der deutschen Ausgabe: 2014 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Lektorat: Konstanze von der Pahlen
Umschlagfoto: © dandavisphotography.com
Umschlaggestaltung: Ralf Simon
Satz: DTP Brunnen
ISBN 978-3-7655-1849-2
eISBN 978-3-7655-7181-7

LOB FÜR „JONI & KEN“

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Jonis Erkenntnisse und geistliche Wegweisung sind seit vielen Jahren eine Quelle der Weisheit für mein Leben. Ihr beständiges Zeugnis für das Kreuz, das mehr von Liebe spricht als von Leid, bestätigt Mutter Teresas Worte: Leiden und Schmerz haben nur dann einen Sinn, wenn sie uns so viel näher zu Jesus bringen, dass wir seine leise Stimme hören und seinen Plan für unser Leben verstehen. Joni und Ken haben diesen Plan nicht nur verstanden, sondern erfüllt.

Ihre bislang unveröffentlichte Liebesgeschichte ist reich an geistlichen Einsichten, die sie unterwegs gewonnen haben. Dieses Buch wird alle ermutigen, deren Träume in der Ehe ins Schwanken geraten sind, und alle stärken, die auf der Reise des Glaubens unterwegs sind.

Elisabeth Mittelstädt, Autorin und Gründerin
der christlichen Frauenzeitschrift LYDIA

Manche Menschen reden über den Glauben. Manche schreiben und lesen über den Glauben. Und manche Menschen leben den Glauben vor. Joni und Ken leben ihn definitiv vor. Dieses Buch gewährt einen kostbaren Einblick in das von Glauben und Treue geprägte Leben zweier Menschen. Sie sind meine Helden. Ich kann ihr Buch nur allen ans Herz legen.

Max Lucado, Pastor und Bestsellerautor

Diese tiefe und schöne Liebesgeschichte vernichtet den trügerischen Mythos von „Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“ und zeichnet ein viel kraftvolleres, leidenschaftlicheres und ewig bleibendes Bild. Jonis und Kens Geschichte wird in Ihrem Herzen und Ihrer Seele einen unauslöschlichen Abdruck hinterlassen – so wie sie es bei mir getan hat. Ich bin meinen Freunden, Joni und Ken, zutiefst dankbar dafür.

Sheila Walsh, Bestsellerautorin

Egoismus ist wahrscheinlich die tödlichste Krankheit, die wir in eine Ehe mit hineinbringen können. Ken und Joni beteuern zwar unumwunden ihre Unvollkommenheit, aber ich kann mir kaum ein selbstloseres Paar vorstellen. Ich bete, dass viele Menschen dieses Buch lesen und sich die beiden zum Vorbild nehmen, so wie ich es getan habe.

Francis Chan, Autor und Referent

Ich habe Joni zum ersten Mal ein paar Jahre nach dem Unfall getroffen, der ihr Leben auf so dramatische Weise verändert hat. Aber bis ich dieses Buch gelesen habe, hatte ich nur wenig Ahnung von den Herausforderungen, denen sie und Ken gegenüberstanden: Die normalen Belastungen einer Ehe wurden bei ihnen noch gesteigert durch die Querschnittslähmung, ein Leben im Rampenlicht und Jonis jüngste lebensbedrohliche Erkrankung. Mein lieber Schwan – und wir denken, wir hätten Probleme! Die hart erkämpfte Ehrlichkeit der beiden ist mir ein inspirierendes Vorbild. Danke euch, Joni und Ken, dass ihr euer Leben auf so verletzliche Weise offengelegt habt.

Philip Yancey, Bestsellerautor

INHALT

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Vorwort von
Marion Koch:

Durchhalten mit Gottes Kraft

Vorwort von
Larry Libby:

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Kapitel eins:

Das Geschenk

Kapitel zwei:

Ein großes Ziel

Kapitel drei:

Das Gebet

Kapitel vier:

Es geht nicht um uns

Kapitel fünf:

Vor dem Altar

Kapitel sechs:

Jahre der Prüfung

Kapitel sieben:

Samurai

Kapitel acht:

Einen Schritt weiter

Kapitel neun:

Unergründliche Tiefen

Kapitel zehn:

Ein Reiserückblick

Zum Schluss:

Ein persönliches Wort

 

Dank

 

Anmerkungen

VORWORT

DURCHHALTEN
MIT GOTTES KRAFT

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Geweint habe ich in den letzten drei Jahren so manches Mal, doch wenn mir heute die Tränen kommen, ist es nicht wegen dem Schmerz über Samuels verlorene Gesundheit; vielmehr sind es Tränen der Trauer, der Wut und der Enttäuschung. Die besondere Belastung mit einer „Behinderung“ in der Familie fordert uns alle aufs Äußerste.

Oftmals ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich mehr leiste bei der Bewältigung dieser neuen Herausforderung als mein Mann, und das führt zu Spannungen.

Diese Grollgedanken versuche ich als Christ natürlich nicht zuzulassen; dazu kommt dann auch noch ein schlechtes Gewissen.

Wieso dieser Groll? Wir lieben uns doch, wir haben vier wunderbare Kinder, wir lachen gemeinsam und wissen alle um die höhere Instanz in unserem Bunde!

In diese Situation hinein las ich das Ehebuch von Joni & Ken. Ihre 30-jährige gemeinsame Lebensgeschichte, verbunden mit der Aufrichtigkeit der geschilderten Erlebnisse in ihrer Ehe, das Beten, Vergeben, Weiterlieben, Weitertragen, Weiteraus halten, das nicht unter den Teppich Kehren, das nicht Ausbrechen, helfen mir auch, weiterzumachen, durchzuhalten; vor allem mit der Kraft, die Gott uns versprochen hat und uns täglich gibt.

Ich will und werde – so Gott will – mit Christoph 80-jährig, händchenhaltend auf der Parkbank sitzen und erwarten, dass der Tod uns scheidet.

Marion Koch, August 2013

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VORWORT

EINE UNGEWÖHNLICHE
LIEBESGESCHICHTE

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Liebeslieder gibt es schon seit Menschengedenken. Bestimmt hat Jubal – sechs Generationen nach Adam – bereits welche gesungen, während er sich auf seinen gerade erfundenen Musikinstrumenten versuchte. Er trillerte auf seiner handgeschnitzten Flöte oder zupfte auf seinem Prototyp von einer Harfe, während sich sein leidenserprobter und eher praktisch veranlagter Bruder Jabal draußen auf den Feldern um die Herden der Familie kümmerte.

Sie kennen die Geschichte von Jubal und Jabal nicht? Sie steht, ganz kurz und bündig, auf den ersten Seiten Ihrer Bibel in 1. Mose 4,19-21.

Damals gab es noch nicht allzu viele Frauen auf der Welt. Man kann aber davon ausgehen, dass Jubal mit seiner faszinierenden neuen Beschäftigung die Aufmerksamkeit des weiblichen Geschlechts auf sich zog. Wie nannte er das doch gleich? Musik? Er saß an einem murmelnden Bach unter den herabhängenden Zweigen eines Weidenbaums und ließ seine Finger geschickt über die Pflanzenfasersaiten seiner Harfe gleiten. Dabei sang er wahrscheinlich wohlklingende Balladen über die große, leere Welt, die durch den Sündenfall frisch verwundet war und sich durchaus noch an das Paradies erinnern konnte. Diese Welt brauchte Liebe, nichts als Liebe.

Liebeslieder hat es schon immer gegeben, und über all die Jahrhunderte hinweg waren die meisten davon eher wehmütig, traurig und melancholisch. Jemand verliebt sich in einen anderen Menschen, erlebt ein kurzes, nie da gewesenes Aufflammen des Glücks, doch dann geht irgendetwas schief. Ein Missverständnis. Eine Zurückweisung. Ein Betrug. Ein langsames Verlöschen der eben noch hell lodernden Flamme. Und dann kommt die Musik, das Lied, das aus einem gebrochenen Herzen hervorströmt und die traurige, alte Geschichte erzählt von dem, was so kurz aufblühte, was fast da war, was nie war, was hätte sein können und was für immer verloren ist.

Jedes dieser Millionen Stücke trägt seinen eigenen Titel. Und nachdem der Turmbau zu Babel gescheitert war, gab es sie in einer verwirrenden Vielfalt von Sprachen und Dialekten. Enttäuschte Liebhaber nachfolgender Generationen sangen auf Etruskisch, Indoeuropäisch, Sanskrit und Urgermanisch über das trügerische Herz, den letzten Tanz, Spaziergänge im Mondschein, den sonnigen Herbsttag, an den man sich wehmütig erinnert, und über den sehnsüchtigen Blick auf zwei Schatten, die hinter zugezogenen Vorhängen miteinander verschmelzen.

Das ist bis heute so. Wenn man Lieder aus den letzten dreißig, fünfzig oder sogar 75 Jahren kennt, genügt es oft, nur wenige Töne einer Melodie zu hören, und schon ist man in einem Netz der Nostalgie gefangen oder verspürt einen Hauch von Schwermut, der in einem längst vergessenen Archiv der Erinnerung geruht hat.

Are you lonesome tonight …?

Eleanor Rigby picks up the rice in the church where a wedding has been

My heart will go on

Im Februar 2009 erschien in der Los Angeles Times ein Artikel unter der Überschrift: „Für alle Einsamen: 150 Songs, die Sie am Valentinstag zum Schluchzen bringen“. In der Einleitung versprach der Autor „150 der traurigsten Lieder der Welt, willkürlich ausgewählt und so arrangiert, dass sie ihre größte depressive Wirkung entfalten“.1

Warum sind so viele Liebeslieder und Liebesgeschichten traurig?

Weil wir unsere kühnsten Hoffnungen und Träume auf eine romantische Beziehung richten, das Leben sich aber kaum je so verwirklichen lässt, wie wir es uns erhofft oder vorgestellt haben. Wir wünschen uns die Erfüllung all unserer Träume, wie Jiminy Grille es in dem Disney-Klassiker Pinocchio verspricht, aber Wünsche sind nun einmal etwas Zartes, Zerbrechliches, das den Wirren und Härten des wahren Lebens nicht standhalten kann.

Liebeslieder wecken in uns diese tiefe Sehnsucht nach einer romantischen Liebe, die unser Leben erleuchtet und alles überragt. Diese Erfahrung soll es uns ermöglichen, den Enttäuschungen einer zerbrochenen und meist zynischen Welt zu entfliehen. Doch dann ist der Traum vorbei, die Hoffnung zerrinnt – und wir finden uns in einer grauen Welt wieder, die uns unbedeutend, einsam und trostlos vorkommt.

Warum saßen vor dreißig Jahren mehr als 750 Millionen Menschen auf der ganzen Welt vor dem Fernseher, um die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Diana Spencer zu verfolgen? War es nur wegen dieses märchenhaften Schauspiels mit den Kutschen, den glänzenden Uniformen und dem elfenbeinfarbenen, seidenen Hochzeitskleid mit der sieben Meter langen Schleppe?

Natürlich war das Ganze ein grandioses Ereignis.

Aber es ging sicher um mehr als das.

Die Menschen wollten ihre Zweifel hinter sich lassen und wirklich daran glauben – wenn auch nur für einen kurzen Moment –, dass ein Mann und eine Frau irgendwo in einem Palast glücklich und zufrieden bis an ihr Ende leben würden. Vermutlich dachten sie: Wenn diese Ehe gut geht, vielleicht fällt dann etwas von ihrem Glanz, ihrer Romantik und ihrem Glück auf die vielen anderen Liebesgeschichten – Geschichten, die so gut anfingen, so verheißungsvoll waren, so viele Hoffnungen weckten und dann doch so schnell verblassten.

Die Liebesgeschichte, die in diesem Buch geschildert wird, gibt uns viel Grund zum Nachdenken.

Sie ist kein kitschiges, oberflächliches Liebeslied. Ihre Musik hat viel tiefere Wurzeln, sie ist von einer himmlischen Melodie bestimmt, viel stärker, als wir es uns vorstellen können. In dieser Geschichte gibt es keine künstlichen Zutaten und kein Orchester, das im Hintergrund die Geigen erklingen lässt. Es geht hier um das wirkliche Leben, in dem auch Enttäuschungen vorkommen, Schmerz, zerbrechende Illusionen, innere Kämpfe, unerschütterlicher Glaube … und ein überraschendes Ende.

Ja, es fängt alles ganz gewöhnlich an, mit einem gut aussehenden jungen Mann und einer hübschen jungen Frau, die sich ineinander verlieben. Sie werben umeinander, es folgen die Hochzeit, die Flitterwochen, weltweite Reisen, eine verheißungsvolle Zukunft.

Abgesehen davon ist die Geschichte aber alles andere als normal. Joni, die mittlerweile international bekannt ist für ihre Bücher, Vorträge, Lieder und die Bilder, die sie mit einem im Mund gehaltenen Pinsel malt, wurde 1967 bei einem Badeunfall schwer verletzt. Sie war gerade siebzehn Jahre alt. Seitdem ist sie vom Hals abwärts gelähmt. Mit 32 Jahren hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass jemals ein Mann in ihr Leben treten könnte, der sich nicht durch ihren Rollstuhl und ihre Behinderung davon abhalten ließ, in ihr eine mögliche Freundin und Ehefrau zu sehen.

Doch da kannte sie Ken Tada noch nicht.

Ken war Geschichtslehrer an einer Highschool und trainierte eine Football-Mannschaft. Er sah in Joni eine schöne Frau mit einem noch schöneren Charakter und Geist. Was aber noch wichtiger war: Er erkannte ihre große Liebe zu dem Einen, den sie beide ihren Herrn und Retter nannten: Jesus Christus.

Das war die Frau seiner Träume.

Aber das Leben ist mehr als ein Traum. Ken, der die sprichwörtliche rosarote Brille aufhatte, ahnte nicht, was für ein schwerer Weg vor ihm lag. Joni sah die Dinge klarer, wie es oft bei Frauen der Fall ist.

Also heirateten die beiden.

Die Ehe begann kraftvoll, machte schwere Zeiten durch, verlor etwas von ihrer Stärke, erlebte noch härtere Zeiten und … nun ja, das Ende möchte ich nicht verraten.

Wir brauchen solche Geschichten wie die von Joni und Ken. Wir müssen einfach hören, dass Träume nicht enden, selbst wenn im Dunkel der Nacht die Probleme auftauchen und alles zerstören wollen.

Dieses Buch handelt im Wesentlichen von zwei Menschen, die eigentlich keinen Grund hatten, sich überhaupt ineinander zu verlieben und zu heiraten. In ihrer Ehe hatten sie mit so großen Problemen zu kämpfen, wie wir es uns kaum vorstellen können. Sie hätten jede erdenkliche Rechtfertigung gehabt aufzugeben. Aber sie blieben sogar zusammen, als die ohnehin schon unüberwindlichen Hindernisse plötzlich noch höher wurden. Durch all das hindurch fanden sie einen Weg und gelangten zu einer ganz neuen Ebene ihrer Liebe – anstatt einfach nur zu überleben oder verbittert weiterzumachen.

Wir alle haben Träume und wissen ganz genau, dass sie nicht immer in Erfüllung gehen. Je höher die Erwartungen, desto härter die Enttäuschungen des Lebens. Es verläuft nicht immer alles nach unserem Wunschdrehbuch. Im Gegenteil: Wenn wir unsere Hoffnung darauf setzen, dass bestimmte Lebensumstände sich auf eine ganz bestimmte Weise entwickeln, werden wir mit Sicherheit enttäuscht.

Worin besteht dann die Lösung? Unsere Träume aufzugeben?

Nein. Vielmehr sollen wir erkennen: Wenn wir zu Gott gehören, gibt es für unser Leben noch viel größere Träume als unsere eigenen. Doch wenn diese größeren Träume sich erfüllen sollen, müssen wir noch höhere Hindernisse überwinden, als wir es uns vorgestellt haben. Und wir müssen uns dabei auf einen viel mächtigeren und herrlicheren Gott verlassen, als wir je gedacht hätten.

Genau das passierte mit Joni und Ken.

Manche Leute würden es ein Märchen nennen, doch in Wahrheit ist es ein Wunder.

Und ein Wunder ist besser als ein Märchen.

Larry Libby
Richland, Washington

KAPITEL EINS

DAS GESCHENK

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Gott, der deinen Kummer vorhersah,
hat dich auf besondere Weise dazu ausgerüstet
hindurchzugehen: nicht ohne Schmerz, aber ohne Makel
.

C. S. LEWIS

6. Dezember 2011

Durch die Fensterfront seines bescheidenen Restaurants sah er den glänzend weißen Toyota auf den Behindertenparkplatz rollen. Guiseppe Bellisario lächelte.

Im Licht der kalifornischen Dämmerung leuchtete, rot umrandet, eine dicke weiße Schrift über dem Eingang seines Lokals: „Grissini Ristorante“.

Grissini. Das italienische Wort für „Brotsticks“.

Nein, nicht irgendwelche durchschnittlichen Brotsticks. Guiseppes Restaurant war schon immer bekannt gewesen für seine besonders langen, dünnen, kunstvoll geformten Grissini. Und für die herzliche Atmosphäre und die aufmerksame Bedienung. Dafür hatte Guiseppe stets gesorgt.

Wie immer tadellos gekleidet, zupfte er Jackett und Kragen zurecht und warf einen Blick in den Speisebereich, nicht ohne einen Anflug von Stolz. Sicher, das kleine „Grissini Ristorante“ konnte sich nicht mit dem legendären Restaurant messen, das er vor Jahren geführt hatte – zumindest nicht, was die Bekanntheit betraf, die Größe, die Lage oder die illustren Gäste.

Damals, in den 70er-Jahren, war sein erstes Restaurant „Guiseppe“ Gesprächsthema in Los Angeles gewesen. Es schmückte die Ecke Beverly Boulevard/Sweetzer Avenue am Rand des Stadtteils Wilshire zwischen Hollywood und Beverly Hills. Das waren noch Zeiten! Das „Guiseppe“ war einfach das Restaurant schlechthin gewesen. Manchmal tauchte Frank Sinatra zum Mittagessen auf. Oder der Oscar-prämierte Schauspieler Laurence Olivier schlüpfte zu einem frühen Abendessen herein.

Guiseppe hatte später noch weitere gefeierte Restaurants besessen, doch keines war so aufregend gewesen wie das „Guiseppe“, wo Schauspieler, Schriftsteller und Regisseure aus Hollywood vorbeischauten, um eines der sagenhaft deftigen Mittagsmenüs einzunehmen. Der Gastgeber hielt stets einen besonderen Tisch für sie bereit, hinten in der Küche, wo sie unter sich waren, ungestört essen und ein Gläschen Chianti schlürfen konnten, umgeben von herrlichen Düften.

Die Jahre flogen vorüber – viel zu schnell!, und irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem Guiseppe sich sagte, er werde zu alt und solle verkaufen. So tat er es dann auch und ging in den Ruhestand. Seither befand sich ein unscheinbares chinesisches Restaurant an dem Ort, wo einst das „Guiseppe“ seine italienischen Düfte und seine romantische Atmosphäre in die Nacht verströmt hatte.

Guiseppe Bellisario hatte sich ganz aus dem Geschäft zurückgezogen. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara wollte er Reisen unternehmen und einfach „etwas ganz anderes“ tun. Doch merkwürdig: Irgendwie schien ihm das „ganz andere“ nicht halb so viel Freude zu bereiten wie das, was er in seinem langen Berufsleben getan hatte. Und so wunderte sich wahrscheinlich niemand (am allerwenigsten Barbara), als Guiseppe erneut ein Restaurant eröffnete – diesmal in einem verschlafenen, abgelegenen Einkaufszentrum. Ausgerechnet im Städtchen Agoura Hills.

Nein, heute kamen nicht mehr viele Berühmtheiten bei ihm vorbei. Doch seine Küche war so himmlisch gut wie eh und je, und immerhin …

Mit Vorfreude sah Guiseppe, wer da gleich über seine Türschwelle rollen würde. Ein kräftig gebauter Japaner Anfang sechzig in einem braunen Jackett und mit einer hellbraunen Baseball-Mütze auf dem Kopf stieg auf der Fahrerseite seines Wagens aus, ging zur Beifahrerseite und drückte einen Knopf. Daraufhin öffnete sich die Schiebetür und eine Rampe fuhr heraus.

Guiseppe wartete einen Augenblick, während der Mann einen elektrischen Rollstuhl auf den Bürgersteig hinunterbugsierte. Dann trat Guiseppe vor die Tür. Es war für Südkalifornien ein ungewöhnlich kühler Abend. Guiseppe begrüßte den Mann mit einem Handschlag und einer Umarmung, dann beugte er sich hinunter und küsste die hübsche blonde Frau im elektrischen Rollstuhl auf die Wange. Mit schwungvoller Eleganz öffnete er die Glastür seines Restaurants und hielt sie für seine Freunde auf.

„Buonasera.“

Ein warmer Duft von Oregano, frisch gebackenem Brot und Kerzen umfing die Gäste.

„Frohe Weihnachten, Guiseppe“, sagte die Frau.

„Ihnen auch frohe Weihnachten, verehrte Freundin. Ihr Tisch wartet auf Sie. Wie immer.“

In Guiseppes kleinem Restaurant bot sich ein rundum schöner Anblick: weiße Tischtücher, Leinenservietten, gepflegtes Silberbesteck, glitzernde Weihnachtsbeleuchtung und Kerzen, die in roten Gläsern flackerten. Im Hintergrund ertönte die gefühlvolle Stimme von Dean Martin und hüllte die Gäste wie in eine heimelige, vertraute Wolldecke ein: „Volare, oh oh, e cantare, oh oh oh oh, mein Herz singt, denn deine Liebe verleiht mir Flügel …“2

Zielstrebig steuerte die Frau im Rollstuhl, gut verpackt in Wintermantel und Schal, einen Tisch an der Wand an. Ihren Tisch. Ein kleines Messingschild an der Wand trug die Aufschrift: „Joni Eareckson Tada“.

Ken Tada nahm Platz und überlegte bereits, was er essen sollte.

„Guiseppe, haben Sie heute Abend das Kalbfleisch – mit Knochen und der Pilzsoße?“

„Vitello marsala?“

„Ja, genau.“

Joni lächelte versunken und genoss die Atmosphäre.

„We can sing in the glow of a star that I know of, where lovers enjoy peace of mind“, sang Dean Martin weiter.3 Tatsächlich verspürte Joni an diesem Abend etwas von diesem Glanz der Sterne und dem Frieden, von dem in dem Lied die Rede war. Durch eine merkwürdige, unerklärliche Vorsehung Gottes war sie so glücklich wie seit Jahren nicht mehr.

Der Krebs, so sagte sie selbst ein wenig erstaunt zu sich, war ein Geschenk.

KAPITEL ZWEI

EIN GROSSES ZIEL

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Mit jedem Leid, das Christen durchleben,
hat Gott dieses eine Ziel:
Sie sollen die Erfüllung mehr bei ihm finden
und weniger in der Welt
.

JOHN PIPER4

10. Juni 2010

Zu Beginn hatte sie den Krebs allerdings nicht als Geschenk empfunden.

Überhaupt nicht.

Schon vor einem Monat hatte Joni diese seltsame Verformung in ihrer rechten Brust bemerkt, eine leichte Vertiefung, als ob die Haut innen an irgendetwas festgewachsen wäre. Merkwürdig. Vielleicht sogar beunruhigend. Aber sie hatte es einfach ignoriert – oder es zumindest versucht. Mit der Zeit jedoch schien die Vertiefung noch größer zu werden. An einem Sonntagnachmittag im Juni 2010 konnte Joni sie nicht länger ignorieren, und so rief sie Judy Butler, ihre langjährige Freundin und Assistentin, zu sich ins Badezimmer, um sich die Veränderung anzusehen.

„Spürst du da einen Knoten, Judy?“

Judy tastete, blickte zur Seite, tastete noch einmal. „Ja.“ Sie sah Joni in die Augen. „Ja … da ist tatsächlich etwas.“ Stille. „Soll ich Ken rufen?“

Joni nickte. „Ja, bitte.“

Ken betrat das Badezimmer und erfasste die Situation sofort. Jonis und Judys Blicke, denen er im Spiegel über dem Frisiertisch begegnete, sagten ihm mehr, als ihm lieb war. Was nun? Auf Jonis Bitte tastete auch er nach einer Veränderung der Brust und fand sie. Auf jeden Fall ein Knoten. Etwas Fremdes. Etwas Hartes, wo nichts Hartes sein dürfte.

Ken hob den Blick und sah die beiden Frauen an.

Joni betrachtete ihre verformte Brust im Spiegel und sagte: „Für so was habe ich wirklich keine Zeit!“ Für einen kurzen Moment mussten alle lachen.

„Ich rufe Dr. Drew an“, sagte Ken dann wieder ernst. Er suchte den Namen in der Kontaktliste des Telefons und rief Jonis Hausarzt an. Dr. Drew nahm sofort ab. An einem Sonntag! Nein, sagte er, er müsse Joni nicht untersuchen. Sie sollten gleich am nächsten Morgen zu einem Radiologen gehen. Er würde dort anrufen und sie anmelden.

Nun hatten sie also einen Termin. Die Ereignisse schienen sich zu überschlagen. Auf der zwanzig Kilometer langen Fahrt zum Radiologie-Zentrum betete Joni mit offenen Augen und beobachtete, wie die Ausfahrten vorüberflogen: Kanan Road. Reyes Adobe Road. Lindero Canyon Road. North Westlake Boulevard. The 23 Freeway.

Wenn man in Südkalifornien mit dem Auto unterwegs ist und sich nicht auskennt, fährt man vielleicht schneller als beabsichtigt auf der äußersten rechten Spur. Doch dann stellt man plötzlich erschrocken fest, dass die Autobahn sich teilt: Die vier linken Spuren führen in die Richtung, in die man eigentlich fahren wollte, man selbst befindet sich aber auf der äußersten von vier rechten Fahrspuren, die in eine andere Richtung führen. Man hat wenig Chancen, bei der hohen Geschwindigkeit und dem starken Verkehr über mehrere Fahrstreifen hinüberzuwechseln. In Sekundenschnelle wird man in eine andere Richtung abgedrängt, zu einem anderen Ziel. Dorthin, wohin man nicht geplant hatte zu fahren. Wohin man niemals wollte.

Genauso war dieser Tag. Ein Montag wie bisher kein anderer.

Die Autobahn ihres Lebens hatte sich geteilt. Mit rasender Geschwindigkeit wurde Joni in eine andere Richtung geschleust. Wohin? Zu welchem Ziel? Sie wusste nur eins: An diesem Tag würde sich alles verändern. Zum Guten oder zum Schlechten. Nichts würde mehr so sein wie vorher.

Ein Gedanke kam ihr in den Sinn, während Ken vor der Ausfahrt „Janss Road“ den Blinker setzte. Ihr Leben sollte sich also verändern? Vielleicht war das ja gar nicht so schlecht. Joni unterdrückte den Gedanken. Doch er tauchte wieder auf, noch deutlicher als zuvor. Konnte es sein, dass … ihre Zeit gekommen war, ihre Erlösung? War das die Ausfahrt, nach der sie sich all die Jahre gesehnt hatte? Lautete die Aufschrift auf dem Schild „Himmel“?

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Für jemanden, der vollständig gelähmt im Rollstuhl sitzt, ist eine Untersuchung am Mammografie-Gerät schwierig, anstrengend, und in Jonis Fall war sie auch schmerzhaft. Als sie es hinter sich gebracht hatte, staunte sie über den undurchschaubaren Blick der Röntgenassistentin. Ihr Gesichtsausdruck verriet nichts. Wie bei einem Laufstegmodel.

„Wir müssen noch einen Ultraschall machen“, sagte sie nur.

Im angrenzenden Raum schob eine andere Mitarbeiterin den Scanner über Jonis Brust, klickte mit ihrem Instrument und hielt Maße fest. Immerhin ließ sie die Patientin alles auf dem Bildschirm verfolgen.

Was Joni dort sah, war ein großer, dunkler Fleck, der sich im gesunden Brustgewebe breitgemacht hatte.

Er wirkte bedrohlich. Wie eine Sturmwolke am Horizont.

Joni versuchte mit ruhiger Stimme zu sprechen. „Ist es ein Knoten?“

„Ja“, antwortete die Assistentin und beendete die Untersuchung. „Die Ärztin wird das gleich mit Ihnen besprechen.“ Als Joni und Ken im Behandlungszimmer allein waren, sahen sie einander an. Ken schürzte seine Lippen, wie er es immer tat, wenn er aufgewühlt war. (Wie gut sie ihn doch kannte!) Er hielt Jonis Hand, obwohl er wusste, dass sie es zwar sah, aber nicht spüren konnte. Doch er tat es nicht nur für sie, sondern auch für sich selbst.

Dr. Ruth Polan eilte ins Zimmer, die Behandlungsunterlagen in der Hand, und erklärte Joni, sie habe in ihrer Brust „eine große, verdächtig aussehende Gewebemasse mit unregelmäßigen Rändern“. Eine Biopsie sei notwendig. Joni holte tief Luft und wiederholte die Worte, um sicherzugehen, dass sie richtig gehört hatte.

Die Ärztin zog eine offensichtlich viel benutzte Liste mit Adressen von Krebschirurgen heraus. An erster Stelle stand Dr. David Chi.

„Einer der Besten“, sagte sie und fügte rasch hinzu: „Doch Sie werden nur schwer einen Termin bei ihm bekommen. Er ist immer ausgebucht. Ich könnte Ihnen aber noch ein paar Alternativen empfehlen …“

Ohne zu zögern, beschlossen Joni und Ken, es bei Dr. Chi zu versuchen. Es musste ja einen Grund dafür geben, dass sein Terminkalender so voll war. Und wer weiß? Immerhin schickte Gott sie auf diese Reise; warum also nicht herausfinden, ob er vielleicht 1. Klasse für sie gebucht hatte?

Noch im Röntgenzentrum riefen sie in seiner Praxis an. Es war, als ob die Tür weit auffliegen würde: Nur wenige Tage später hatten sie einen Termin bei Dr. Chi. Das erstaunte zwar Dr. Polan, nicht aber Joni und Ken.

Im Handumdrehen bekamen sie es nun also mit einem Krebschirurgen zu tun.

Einem Chirurgen.

Die Autobahn ihres Lebens hatte sich geteilt, und jetzt rasten sie auf ein Ziel zu, das ganz anders war, als sie es noch einen Tag vorher gedacht hatten. Und es gab kein Zurück mehr.

Wieder im Auto, umarmte Ken seine Frau, wischte sich die Tränen aus den Augen und schnäuzte sich. Joni weinte nicht. Die Ereignisse der letzten 24 Stunden erschienen ihr irgendwie surreal.

Ken schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie geht es jetzt weiter?“, fragte er seine Frau. Seit 28 Jahren waren die beiden verheiratet und hatten sämtliche Kontinente miteinander bereist. Doch dies hier war ein unbekanntes Land, jenseits von allem, was sie je gesehen hatten. Wie lautete noch die Warnung an den Rändern alter Landkarten, wo die bekannte Welt endete und das Rätselhafte begann? Hier seyen Drachen.

Nein. Ein falscher Gedanke, ein falsches Bild. Überhaupt keine Drachen. Gott kannte die ganze Karte ihres Lebens, bis zu den Grenzen und darüber hinaus. Er würde mit jedem Drachen fertigwerden. Auch mit einem, der den Namen Krebs trug.

Unvermittelt kamen Joni Worte in den Sinn, die der britische Pastor und Autor Alan Redpath formuliert hatte. „Weißt du noch, was Redpath geschrieben hat, Ken?“, fragte sie. „ ‚Keine Situation, keine Schwierigkeit, keine Prüfung kann mir je begegnen, ohne zuvor an Gott und Christus vorbeigegangen zu sein. Wenn sie es so weit geschafft hat, dient sie auch einem großen Ziel.‘ Ken, ich glaube, dieser Krebs dient einem großen Ziel.“

Ken nickte und wischte sich wieder die Tränen ab. „Ja“, antwortete er, „aber hat er nicht auch geschrieben, dass das Leben als Christ immer schwieriger wird, je weiter man gelangt?“

23. Juni 2010

Joni saß in ihrem Büro im „International Disability Center“ (Internationales Zentrum für Menschen mit Behinderung) und starrte auf den Bildschirm ihres Computers. Gab es irgendetwas Leereres auf der Welt als ein leeres Word-Dokument? Mithilfe ihrer Spracherkennungssoftware konnte Joni Texte so schnell schreiben, wie andere Leute sie tippen konnten.

Schön und gut. Aber was sollte sie sagen?

Am Morgen war sie in das Büro von Doug Mazza gerollt, dem ruhigen und kompetenten Geschäftsführer ihres Hilfswerks „Joni and Friends“, um ihm die Neuigkeiten zu überbringen. Bevor sie Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken, sagte sie: „Doug, Gott hat etwas Großes vor.“

Joni befand sich auf der Schwelle zu etwas. So viel war klar. Doch auf der Schwelle zu was … und wohin? Würde sie in ein paar Monaten schon im Himmel sein? Wieder auf den Beinen stehen … rennen, über Wiesen, die so weit sind wie der Himmel … Lange Herbstspaziergänge mit ihrem Vater unternehmen … Das knisternde Laub unter ihren Füßen spüren … Mit den Engeln tanzen … Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Was immer Gott mit ihr vorhatte, der Terminplan hatte sich auf jeden Fall geändert, und allein das war fast eine Erleichterung. Es gab nun etwas Neues, auf das sie ihre Aufmerksamkeit richten sollte, abgesehen von dem brutalen, erbarmungslosen, nie endenden Kampf mit den chronischen Schmerzen.

Ihre Mitarbeiter sollten ebenfalls Bescheid wissen. Sie wollte es so. Vor allem brauchte sie ihre Gebete.

Erst gestern hatte Dr. Chi die Nadelbiopsie durchgeführt. Als Joni das Wort „Nadel“ hörte, hatte sie keine großen Befürchtungen gehabt. Was kann an einer kleinen Nadel schon so schlimm sein?, dachte sie. Aber was dann kam, war eher eine Art Nagelpistole, mit der ihr in die Brust geschossen wurde – und zwar zwei Mal, um eine gute Gewebeprobe zu bekommen! Das war für Joni der erste Hinweis darauf, dass es nicht leicht werden würde.

Herr, gib mir die richtigen Worte. Deine Worte. Wo soll ich anfangen?, betete sie, als sie jetzt vor ihrem Computer saß.

Fast sofort kam die Antwort. Beginne mit Dankbarkeit. Natürlich. Damit begannen so viele gute Dinge. Sie fing an zu sprechen und sah, wie die Worte auf dem Monitor lebendig wurden.

„Immer habt ihr so treu für Ken und mich gebetet – besonders für meine Gesundheit. Doch heute möchte ich ein neues Anliegen vor euch bringen. Ich habe Brustkrebs.“

Wie seltsam und beinahe unwirklich es war, diese letzten drei Worte auszusprechen und sie im Textdokument Gestalt annehmen zu lassen. Fast schien es so, als würde sie dem, was eher wie ein böser Traum gewirkt hatte, durch das Aufschreiben etwas Wirkliches und Endgültiges verleihen. Die Autobahn, auf der sie sich befand, hatte einen Namen, Krebs, doch es gab noch kein endgültiges Reiseziel. Noch nicht.

„Ken und mir wurde von unseren Ärzten versichert, dass es viele neue Behandlungsmethoden für Brustkrebs gibt. Darum sind wir zuversichtlich, dass die Operation erfolgreich verlaufen wird und ich vollständig genesen kann.“

Wieder hielt sie inne. Waren sie wirklich zuversichtlich? Ja … ja, das waren sie. Doch ihre Zuversicht galt nicht den äußeren Umständen. Sie setzten ihre Hoffnung auf Jesus selbst. Die Auferstehung und das Leben. Joni las noch einmal, was sie geschrieben hatte. Nun wurde es Zeit zu sagen, wie sie darüber dachte. Doch was dachte sie eigentlich? Hatte sie das überhaupt schon in Worte gefasst – wenn auch nur in Gedanken? Hier war nicht der Platz für Banales oder aufgesetzt-fröhliche Phrasen. Es ging um Leben und Tod; sie befand sich mitten in einem Krieg. Außerdem kannten ihre Mitarbeiter sie nur zu gut. Joni war ihnen gegenüber immer aufrichtig gewesen; sie würden jede Fassade durchschauen. Gut, also … wie denke ich über all das, Herr? Zeig es mir. Wieder begann sie zu sprechen.

„Ihr habt mich oft sagen hören, dass unser Leid aus der Hand unseres weisen, souveränen Gottes kommt. Obwohl der Krebs etwas Neues ist, bin ich doch dankbar bereit, von Gott das zu empfangen, was er mir zugedacht hat – auch wenn es aus seiner linken Hand kommt. Besser aus seiner linken als aus gar keiner Hand, nicht wahr? Ja, es ist beunruhigend. Doch seid versichert: Ken und ich, wir sind ganz und gar überzeugt, dass Gott dies gebrauchen wird, um unseren Glauben wachsen zu lassen, unsere Hoffnung strahlender zu machen und unser Zeugnis für andere zu stärken.“

Joni wusste, ihre Mitteilung würde bei ihren Mitarbeitern mehr Fragen aufwerfen als beantworten. In welchem Stadium war der Krebs? Hatte er schon gestreut? Würde ihr gelähmter Körper, der immer schwächer und schon seit über zwölf Jahren von quälenden chronischen Schmerzen zerrüttet wurde, einen weiteren Kampf überstehen? Und wie in aller Welt konnte ein gelähmter Mensch eine Chemotherapie verkraften?

Wer wusste das schon? Gott wusste es. Und Joni kannte Gott. So wie König David, als er schrieb: „Nur bei Gott komme ich zur Ruhe; er allein gibt mir Hoffnung. Nur er ist ein schützender Fels und eine sichere Burg. Er steht mir bei, und niemand kann mir schaden“ (Psalm 62,6-7).

Am darauffolgenden Montag unterzog sich Joni der Operation.

29. Juni 2010

Blogeintrag auf der Internetseite von „Joni and Friends“:

Nach einem erfolgreichen Eingriff befindet sich Joni zusammen mit Ken im Aufwachraum. Nach ersten Informationen durch die behandelnden Ärzte scheinen auch Lymphknoten durch den Krebs betroffen zu sein. Darum wird Joni sich nach der Operation einer Chemotherapie unterziehen müssen. Danken wir unserem liebevollen Gott, dass er Joni und Ken durch all dies hindurchgetragen hat. Und bitten wir ihn, den beiden auch weiterhin Gnade und Frieden zu schenken für die nächsten Schritte.

30. Juni 2010

Ein weiterer Blogeintrag:

Seit Jonis Operation sind über 36 Stunden vergangen, und es geht ihr zunehmend besser. Joni bereitet sich auf die Entlassung aus dem Krankenhaus vor und hofft, heute Abend schon zu Hause in ihrem eigenen Bett zu sein. Sie schreibt: „Es hat mir so gut getan, die vielen Karten, die E-Mails und Blogeinträge auf unserer Internetseite zu lesen. Ken und ich lassen uns noch so ausführlich wie möglich durch das Pflegepersonal und die Physiotherapeuten hier in der Klinik beraten, bevor wir nach Hause fahren. Ich freue mich sehr darauf, wieder in meinem Rollstuhl zu sitzen und das Leben aus einer aufrechten Position zu betrachten statt aus einem Bett! Ich möchte den vielen Menschen danken, die für mich beten. Wenn ich bedenke, wie schnell meine Heilung nach der Operation voranschreitet und wie gut es mir seelisch geht, merke ich, dass Gott durch eure Gebete bereits Großes tut!“

Als Nächstes werden Joni und Ken einen Krebsspezialisten aufsuchen, der mit ihnen die Art der Chemotherapie und den genauen Ablauf bespricht. Joni schreibt dazu: „Bitte betet für die vielen Entscheidungen, die wir in den nächsten Tagen treffen müssen, um den Krebs zu bekämpfen.“

3. Juli 2010

Jonis und Kens langjährige Freunde Al und Margaret Sanders hatten mit ihrem Sohn Jim und ihrer Tochter Peg im Wartezimmer des Krankenhauses ausgeharrt, um während der Operation für Joni zu beten.

Am Samstag, den 3. Juli, rief Al an und fragte, ob sie Joni und Ken am Sonntag zu Hause besuchen dürften. Sie würden auch etwas zu essen mitbringen. Konnte Joni schon Besuch verkraften? Ken lächelte bei dem Gedanken. „Wir würden uns sehr freuen“, sagte er. „Kommt jederzeit. Ihr seid ja für uns wie Familie.“

„Wir sind besser als eine Familie“, antwortete Al lachend, „denn wir wissen, wann es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen.“