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Rob Bell

Das letzte Wort hat die Liebe

Über Himmel und Hölle
und das Schicksal jedes Menschen,
der je gelebt hat

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Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Die deutsche Veröffentlichung erfolgt aufgrund einer Vereinbarung mit HarperOne, einem Imprint von HarperCollins Publishers, 10 East 53rd Street, New York, NY 10022.

Übersetzung aus dem Englischen: Frank Grundmüller

Abbildung auf S. 33: Leider konnten die Rechte an diesem Bild nicht ermittelt werden.
Der Verlag ist für Hinweise dankbar. Alle Ansprüche bleiben gewahrt.

Bibelzitate folgen i. d. R. der Übersetzung Hoffnung für alle®,
© 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

Weitere verwendete Übersetzungen sind wie folgt gekennzeichnet:
EÜ – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift.
© 1980 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart.
GN – Die Gute Nachricht. Die Bibel in heutigem Deutsch.
© 1982 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
S – Schlachter Übersetzung. © Genfer Bibelgesellschaft, CH-1204 Genf.
L – Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984.
© 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
RE – Revidierte Elberfelder Bibel. © 1986 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal.
NGÜ – Neue Genfer Übersetzung. © Genfer Bibelgesellschaft, CH-1204 Genf.

2. Auflage 2013
1. Taschenbuchausgabe

© der deutschen Ausgabe:
2011 Brunnen Verlag Gießen
www.brunnen-verlag.de
Umschlagdesign: Sabine Schweda
Satz: DTP Brunnen
Druck: CPI – Ebner und Spiegel, Ulm
ISBN 978-3-7655-4186-5
eISBN 978-3-7655-7036-0

Inhalt

Vorwort (Peter Aschoff)

Zum Einstieg - Millionen von uns

Kapitel 1 - Und was ist bei einer Reifenpanne?

Kapitel 2 - Hier ist das neue Dort

Kapitel 3 - Hölle

Kapitel 4 - Bekommt Gott, was Gott will?

Kapitel 5 - Sterben, um zu leben

Kapitel 6 - Felsen überall

Kapitel 7 - Die gute Nachricht ist besser

Kapitel 8 - Das Ende ist da

Danksagung

Zum Weiterlesen

Anmerkungen

Vorwort

Dies ist erstens ein inspirierendes Buch: Rob Bell macht sich Gedanken über Gott, den Himmel, die Hölle und Menschen wie Sie und mich. Nicht nur seine Bilder und Begriffe, auch seine Art zu denken und die Bibel zu lesen, sind dabei erfrischend anders. Wo andere Prediger Grenzen und Gräben ziehen, da entdeckt er Möglichkeiten und Verbindendes – weil er glaubt, dass Gottes Liebe, die niemanden ausschließt, am Ende gewinnt.

Vor einer Weile las ich bei einem anderen Autor, dass ihm viele Versuche, Gott angesichts des herzzerreißenden Leids, das viele Menschen erfahren, zu rechtfertigen, vorkommen wie ein Komplott hinter dem Rücken der Opfer. Der Gott, von dem Rob Bell schreibt – der Gott Jesu Christi –, erscheint unendlich weitherziger, leidenschaftlicher und zugänglicher. Er hat es gar nicht nötig, dass Menschen ihn in Schutz nehmen und ihn dabei, unwillkürlich vielleicht, vor den Karren der eigenen Organisation oder Dogmatik spannen.

Das Resultat ist ein Glaube, der voller Hoffnung ist für unsere Welt. Ein Bild von Gott, das rundherum gewaltfrei ist. In einer Zeit, in der viele Menschen fürchten, dass Religion unweigerlich gewalttätige Tendenzen mit sich bringt, und deshalb auf Sicherheitsabstand gehen zu jeder Art von Glauben, lässt das aufhorchen.

Dies ist zweitens auch ein gefährliches Buch: Rob Bell bringt durch sein hartnäckiges Fragen starre Gottesbilder ins Wanken und sprengt kleinkarierte Denkmuster. Es kann eine Weile dauern, bis man sich an diese neue Perspektive gewöhnt. Und während dieser Eingewöhnungszeit kann es passieren, dass man, wie mit einer neuen Brille, ab und zu stolpert und aus dem Tritt kommt. Doch die verbesserte Sicht ist gelegentliche Schrecksekunden wert, vielleicht sogar den einen oder anderen blauen Fleck, den man sich unterdessen einhandelt.

Rob Bell lädt uns ein, uns von angstbesetzten, zwanghaften, krankhaft einseitigen Karikaturen des biblischen Gottes zu befreien. Und aus der nervigen Tretmühle auszusteigen, einen unberechenbaren Gott, der seine Größe hin und wieder durch Härte unter Beweis stellen muss, bei Laune halten zu müssen.

Es ist zum Schluss aber auch ein versöhnliches Buch: Rob Bell hilft uns, das Gute zu erkennen und zu würdigen, das uns auch in manch schrägen Versionen des Evangeliums widerfahren ist, einschließlich der guten Absicht ihrer Überbringer. Und dieser Schatz ist in allererster Linie der lebendige Gott selbst, der uns im auferstandenen Jesus von Nazareth so unmittelbar begegnet wie nirgends sonst. Er zeigt das Absurde an manchen Theorien auf, aber er klagt die nicht an, die von ihnen (oft in Ermangelung überzeugender Alternativen) überzeugt sind. Stattdessen macht er seinen Lesern Mut, über das Vertraute hinauszugehen, und dabei das Gute zu behalten – sich also nicht enttäuscht und verbittert von allem loszusagen, was man bisher geglaubt hat.

Von Jesus heißt es in Lukas 24,32, dass er seinen Jüngern die Schrift „öffnete“. Ihre Vorstellung von Gottes Wirken in der Welt und in ihrem eigenen Leben wurde größer, weiter, tiefer, bunter und reicher. Rob Bell hat diese „Gabe des Öffnens“, er tut es auf seine Weise und für Menschen in unserer Zeit, deren Welt ständig in Bewegung und deren Leben manchmal unglaublich komplex ist. Ich wünsche Ihnen, dass Sie bei der Lektüre der folgenden Seiten dem wirklichen Jesus neu auf die Spur kommen.

Peter Aschoff

Zum Einstieg -

Millionen von uns

Zuerst

einige Worte zu diesem Buch.

Zunächst einmal glaube ich, dass es bei Jesus und seiner Geschichte zuerst und vor allem um die Liebe Gottes geht, um seine Liebe zu jedem Einzelnen von uns. Es ist eine atemberaubende, wunderbare und umfassende Liebe und sie gilt jedem einzelnen Menschen, überall.

Das ist die Geschichte.

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt …“

Deshalb kam Jesus.

Das ist seine Botschaft.

Dort ist das Leben zu finden.

Unter uns wächst die Zahl derjenigen, denen mehr und mehr bewusst ist, dass die Geschichte über Jesus von einer ganzen Reihe anderer Geschichten sozusagen gekidnappt wurde – Geschichten, die Jesus nicht erzählen will, weil sie nichts mit dem zu tun haben, weswegen er kam. Der rote Faden der Geschichte ist verloren gegangen und es wird Zeit, dass er wieder betont wird.

Ich habe dieses Buch für alle diejenigen geschrieben, die irgendeine Version der Jesusgeschichte gehört haben, bei der ihr Blutdruck stieg, der Magen sich umdrehte und ihr Herz ganz entschieden die Worte formte: „Lasst mich bloß in Ruhe mit dieser Geschichte!“

Du bist nicht allein.

Es gibt Millionen von uns.

Diese Liebe zwingt uns, einige der verbreiteten Geschichten, die als Jesusgeschichte ausgegeben werden, infrage zu stellen. Eine dieser Geschichten enthält das Kapitel, dass ein paar wenige die Ewigkeit an einem Ort des Friedens und der Freude, Himmel genannt, verbringen werden, während der Rest der Menschheit für ewig Qual und Bestrafung in der Hölle erleiden wird, ohne die geringste Chance, diesem Zustand je zu entkommen. Vielen wurde deutlich vermittelt, dass diese Überzeugung eine Kernwahrheit des christlichen Glaubens sei und sie abzulehnen bedeute, Jesus abzulehnen.

Diese Sicht ist nicht zwingend. Sie ist schädlich und sie untergräbt letztlich die ansteckende Verbreitung der begeisternden Botschaft von Liebe, Frieden, Vergebung und Freude, die Jesus brachte und die unsere Welt so dringend braucht.

Daher also dieses Buch.

Zweitens habe ich dieses Buch geschrieben, weil die Art von Glauben, zu dem uns Jesus einlädt, sich nicht um die großen Fragen zu den großen Themen wie Gott, Jesus, Heil, Gericht, Himmel und Hölle herumdrückt, sondern uns mitten ins Zentrum dieser Fragen hineinführt.

Viele haben diese Fragen.

Christen,

Leute, die keine Christen sind,

Leute, die Christen waren, es aber nicht mehr sein können, weil sie

zu viele Fragen zu genau diesen Themen haben,

Leute, die Christen für verrückt und zutiefst fehlgeleitet halten,

Pfarrer, Gemeindeleiter, Prediger –

diese Fragen sind allgegenwärtig.

Manche Gemeinschaften dulden keine offene, ehrliche Nachfrage zu den Dingen, die am wichtigsten sind. Erschreckend viele Leute haben Bedenken, Zweifel oder Fragen geäußert, nur um dann von ihrer Familie, Gemeinde oder ihren Freunden zu hören: „Darüber diskutieren wir hier nicht.“

Ich glaube, dass das Gespräch an sich etwas Göttliches ist. Abraham strengt sich an, um mit Gott zu verhandeln, der größte Teil des Hiobbuches handelt davon, wie Hiob mit seinen Freunden über die tiefsten Fragen des Leids streitet, in den Klageliedern Jeremias wird Gott praktisch angeklagt und Jesus antwortet auf beinahe jede Frage, die man ihm stellte, mit … einer Gegenfrage.

„Was denkst du? Was liest du dort?“, fragte er immer und immer wieder.

Die Weisen im Altertum sagten, die Worte der heiligen Texte seien schwarze Buchstaben auf weißen Seiten. Da gibt es all diesen leeren weißen Platz, der nur darauf wartet, dass wir ihn beschreiben – mit unseren Antworten und Gesprächen und Debatten und Meinungen und Sehnsüchten und Wünschen und Weisheiten und Einsichten. Wir lesen diese Worte und treten dann in eine Diskussion ein, die schon Jahrtausende andauert – über die Grenzen von Kulturen und Kontinenten hinweg.

Ich hoffe, dass das eine befreiende Nachricht für dich ist. Es gibt keine Frage, mit der Jesus nicht umgehen kann, keine Diskussion, die zu zeitbedingt wäre, kein Thema, das zu heikel ist. Zugleich gilt: Manche Themen sind unwichtig. Viel Blut wurde vergossen in Spaltungen der Kirche, in Ketzerprozessen und wütenden Debatten zu Themen, die letztlich reine Spekulation sind. Manchmal sind wir Zeugen gigantischer Anstrengungen, am Thema vorbeizureden. Jesus befreit uns dazu, die Dinge beim Namen zu nennen.

Und zum Schluss möchte ich betonen, dass ich auf den folgenden Seiten nichts Neues sage. Es gibt nichts in diesem Buch, das nicht schon viele andere vor mir gesagt, vermutet oder bejubelt haben. Ich trage hier nicht irgendwelche radikal neuen Lehren vor; alles wurde schon unzählige Male gesagt. Das macht die Schönheit des geschichtlichen orthodoxen christlichen Glaubens aus: Er ist ein tiefer, breiter und vielarmiger Strom, der mit einer atemberaubenden Vielfalt an Stimmen, Perspektiven und Erfahrungen seit Jahrtausenden dahinfließt.

Wenn dieses Buch wenigstens das erreicht, in die uralte, immer noch andauernde Diskussion um den auferstandenen Jesus in all ihrer lebendigen, vielgestaltigen, verworrenen, vielstimmigen Vielschichtigkeit einzuführen – nun, dann wäre ich begeistert.

Kapitel 1 -

Und was ist bei einer Reifenpanne?

Vor einigen Jahren hatten wir in unserer Gemeinde eine Kunstausstellung. Ich hielt eine Vortragsreihe über Friedenstiften und wir baten einige Künstler, Gemälde, Gedichte und Skulpturen auszustellen, die vermittelten, was es für sie heißt, Friedensstifter zu sein. Eine Künstlerin hatte in ihrem Werk ein Zitat von Gandhi eingebaut und eine Reihe von Leuten fand das ziemlich überzeugend.

Aber nicht alle.

Jemand klebte einen Zettel daran. Darauf standen folgende Worte: „Wacht auf. Er ist in der Hölle.“

Wirklich?

Gandhi – in der Hölle?

Ist er das?

Sind wir uns da ganz sicher?

Weiß jemand das so genau?

Ohne jeden Zweifel?

Und jemand hatte entschieden, es sei unbedingt erforderlich, dass man uns anderen das mitteilen müsse?

Von den Milliarden Menschen, die jemals gelebt haben, wird es nur eine ausgesuchte Minderheit „an jenen besseren Ort schaffen“ und ausnahmslos alle anderen werden ewige Qual und Strafe erleiden? Ist das für Gott annehmbar? Hat Gott über Zehntausende von Jahren Millionen Menschen erschaffen, die die Ewigkeit in Seelenqual verbringen werden? Kann Gott so etwas tun oder es zumindest zulassen und weiterhin behaupten, ein Gott der Liebe zu sein?

Bestraft Gott Menschen über Tausende von Jahren mit endloser Qual für Dinge, die sie in ihren wenigen, endlichen Lebensjahren getan haben?

Das wirft nicht nur beunruhigende Fragen über Gott auf; das wirft Fragen über unsere Glaubensüberzeugungen selbst auf:

Warum die anderen?

Warum du?

Warum ich?

Warum nicht er oder sie oder jemand anders?

Wenn nur ein paar wenige Auserwählte in den Himmel kommen, was ist dann erschreckender: die Milliarden, die für immer in der Hölle landen, oder die wenigen, die entkommen? Wie wird man denn einer von diesen wenigen?

Zufall?

Glück?

Willkürliche Auswahl?

Dass man am richtigen Ort, in der richtigen Familie oder im richtigen Land geboren wurde?

Dass man einen Jugendpastor hat, der „eben einfach besser an die Kinder rankommt“?

Dass Gott mich wählt anstelle anderer?

Was für eine Art Glaube ist das?

Oder noch wichtiger:

Was für eine Art Gott ist das?

Und wie kommt es, dass immer dann, wenn jemand behauptet, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen in Ordnung ist, gerettet, von Gott angenommen, versöhnt, erleuchtet – und alle anderen sind es nicht –, gerade die Leute, die das behaupten, fast immer in der ersten Gruppe sind?

Hat man schon mal gehört, dass jemand behauptet, dass ein paar wenige auserwählt sind und er selbst nicht dazugehört?

Ich habe kürzlich gehört, wie eine Frau von der Beerdigung eines Freundes ihrer Tochter erzählte. Er war Schüler und bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jemand hatte ihre Tochter gefragt, ob ihr Freund Christ gewesen sei. Sie sagte, er habe immer von sich gesagt, er sei Atheist. Daraufhin sagte der Fragesteller ihr: „Dann gibt es also keine Hoffnung.“

Keine Hoffnung?

Ist das die christliche Botschaft?

„Keine Hoffnung?“

Ist es das, was Jesus der Welt anbietet?

Ist das die heilige Berufung des Christen: zu verkünden, dass es keine Hoffnung gibt?

Der Tod dieses Schülers wirft Fragen auf, zum Beispiel über den Zeitpunkt der Religionsmündigkeit. Manche Christen glauben, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter nicht verantwortlich dafür sind, ob sie glauben oder an wen sie glauben; wenn sie jünger sterben, kommen sie zu Gott. Wenn sie aber ein bestimmtes Alter erreichen, werden sie verantwortlich für ihre Glaubensüberzeugungen; wenn sie dann sterben, kommen sie nur dann zu Gott, wenn sie die richtigen Dinge gesagt, getan oder geglaubt haben. Unter denen, die diese Überzeugung teilen, geht man im Allgemeinen dabei von einem Alter von etwa zwölf Jahren aus.

Diese Ansicht wirft eine Reihe von Themen auf, unter anderem dies, dass das neue Leben selbst zum Risiko wird. Wenn jeder neugeborene Säugling in ein Leben hineingeboren wird, in dem er möglicherweise aufwächst und nicht die richtigen Dinge glaubt und deshalb ewig in die Hölle kommen wird, dann wäre es eigentlich eine Liebestat, das Leben dieses Kindes zu beenden, bevor es religionsmündig wird – also irgendwann zwischen der Empfängnis und etwa dem zwölften Lebensjahr. Denn so würde man sicherstellen, dass das Kind garantiert für alle Ewigkeit im Himmel und nicht in der Hölle landet. Warum also ein Risiko eingehen?

Und dieses Risiko wirft eine weitere Frage im Zusammenhang mit dem Tod dieses Jugendlichen auf: Was geschieht, wenn ein fünfzehnjähriger Atheist stirbt? Gab es ein Zeitfenster von drei Jahren, während dessen er die Möglichkeit hatte, sein ewiges Schicksal zu ändern? Hat er diese Chance verpasst? Was wäre gewesen, wenn er sechzehn geworden wäre und in diesem Alter geglaubt hätte, was er glauben sollte? War Gott an dieses Zeitfenster gebunden und falls die Rettungsbotschaft es nicht rechtzeitig bis zu diesem jungen Mann geschafft hat … nun … dann war das eben bedauerlich?

Und was genau hätte in diesem Zeitfenster von ein paar Jahren geschehen müssen, damit sich seine Zukunft geändert hätte?

Manche glauben, er hätte das „Übergabegebet“ sprechen müssen. Christen sind unterschiedlicher Meinung darüber, was genau dieses Gebet beinhaltet, aber der wesentliche Gedanke besteht darin, dass der einzige Weg in den Himmel der ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben eine bestimmte Art von Gebet zu sprechen: Gott um Vergebung zu bitten, ihm zu sagen, dass man Jesus annehme und glaube, dass er am Kreuz gestorben sei, um die Strafe für die Sünden zu bezahlen, und dass man in den Himmel wolle, wenn man sterben wird. Manche nennen das „Christus annehmen“, andere nennen es das „Gebet des Sünders“ und wieder andere „gerettet werden“, „wiedergeboren werden“ oder „sich bekehren“.

Das wirft natürlich weitere Fragen auf: Wie steht es mit Leuten, die zwar ein solches Gebet zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens gesprochen haben, das aber in ihrem Leben heute nichts mehr bedeutet? Was ist mit denen, die es in einer emotionalen Hochstimmung gebetet haben, etwa auf einer Jugendfreizeit oder in einem Gottesdienst, weil das irgendwie dran war, die sich aber der Bedeutung dessen, was sie taten, nicht bewusst waren? Was ist mit denen, die dieses Gebet nie gesprochen haben und nicht beanspruchen, Christen zu sein, aber ein Leben führen, das dem Leben, das Jesus führte, mehr ähnelt als das Leben mancher Christen?

Das wirft noch beunruhigendere Fragen auf darüber, was denn die christliche Botschaft überhaupt ist. Manche Christen glauben und sagen es immer wieder, das letztlich Entscheidende sei, ob ein Mensch in den Himmel komme oder nicht. Ist das die Botschaft? Ist es das, worum es im Leben geht? Dass man irgendwo anders hinkommt? Wenn es das ist, was Jesus tut, wenn das das Evangelium ist, die gute Nachricht, dass Jesus Menschen irgendwo anders hinbringt, dann hat die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens nur sehr wenig mit diesem Leben hier zu tun, abgesehen davon, dass man bekommt, was man im nächsten Leben braucht … was natürlich die Frage aufwirft: Ist das schon das Beste, was der Schöpfer des Universums zu bieten hat?

Was zu einer noch verstörenderen Frage führt: Spielt es denn letztlich keine Rolle, was für ein Mensch man ist, solange man das Richtige gesagt, gebetet oder geglaubt hat? Wenn du das wirklich glaubst und von Christen umgeben bist, die das auch glauben, dann wirst du wohl kaum besonders motiviert sein, irgendetwas im Blick auf das Leid zu tun, das es augenblicklich in der Welt gibt, denn du würdest ja glauben, dass du das alles eines Tages hinter dir lässt und irgendwo anders hingehen wirst, um bei Jesus zu sein. Wenn dies unter Christen das vorherrschende Verständnis der guten Nachricht wäre, die Jesus gebracht hat – der Glaube, dass seine Botschaft sich darum dreht, wie man woanders hinkommt –, dann könnte das möglicherweise zu einer Welt führen, in der Millionen Menschen unter Hunger, Durst und Armut leiden, in der die Erde ausgebeutet und verschmutzt wird, in der Krankheit und Verzweiflung allgegenwärtig wären und die Christen nicht dafür bekannt wären, dass sie viel dagegen unternehmen. Und im schlimmsten Fall würden die Leute Jesus deswegen ablehnen, weil seine Nachfolger so leben, wie sie leben.

Das wäre tragisch.

Eine mögliche Reaktion auf diese Fragen ist die klare, hilfreiche Antwort: Einzig wichtig ist, wie du auf Jesus reagierst. Und ich stimme dieser Antwort hundertprozentig zu: Es geht darum, wie du auf Jesus reagierst. Was die wichtige Frage aufwirft: Auf welchen Jesus?

Renee Altson beginnt ihr Buch Stumbling Toward Faith (Auf den Glauben zustolpern) mit folgenden Worten:

„Ich wuchs in einer Familie auf, in der Missbrauch vorkam. Ein großer Teil des Missbrauchs, den ich erfahren habe, war spiritueller Art – und wenn ich das sage, meine ich damit nicht New Age, Esoterik, Murmeln neuheidnischer Sprüche, Hippie-Eltern … Ich meine damit, dass mich mein Vater vergewaltigte, während er das Vaterunser sprach. Ich meine, dass mein Vater mich sexuell belästigte und dabei christliche Choräle sang.“

Geht es um diesen Jesus?

Als eine Frau unserer Gemeinde einen Bekannten zu einem Gottesdienst einlud, fragte er, ob das eine christliche Kirche sei. „Ja, ist sie“, sagte sie. Er erzählte ihr dann davon, wie Christen in seinem Dorf in Osteuropa die ansässigen Muslime zusammengetrieben und in einem Gebäude eingesperrt hatten, dann hatten sie mit Maschinengewehren das Feuer eröffnet und alle getötet. Er sei Moslem und habe kein Interesse daran, ihre christliche Kirche zu besuchen.

Geht es um diesen Jesus?

Oder denk an all die, die Christen nur aus amerikanischen Privatsendern oder von Demonstrationen kennen und deshalb annehmen, Jesus sei gegen Wissenschaft und gegen Homosexuelle, stehe mit dem Megafon in der Fußgängerzone und sage den Leuten, dass sie geradewegs auf die ewige Verdammnis zusteuerten.

Geht es um solche Jesustypen?

Kennst du jemanden, der in einer christlichen Gemeinde aufgewachsen ist, aber wegblieb, als er älter wurde? Oft sorgen sich Eltern, Pfarrer, Geschwister um solche Menschen und ihr geistliches Leben – und oft ist diese Sorge ganz berechtigt. Aber es könnte Fälle geben, in denen es ein Zeichen geistlicher Gesundheit ist, dass jemand die Kirche und den Glauben, der ihm als einzig mögliche Form, Jesus zu folgen, dargestellt wurde, ablehnt. Jemand könnte sich Verhaltensweisen, Interpretationen und Haltungen verweigern, die man zu Recht ablehnen sollte. Vielleicht kam jemand einfach an einen Punkt, an dem er es ablehnte, genau das zu akzeptieren, was auch Jesus nicht akzeptieren würde.

Es gibt einige Jesusvarianten, die in der Tat abgelehnt werden sollten.

Wenn ich mit Atheisten rede und sie nach dem Gott frage, an den sie nicht glauben, entdecken wir meist schnell, dass auch ich nicht an diesen Gott glaube.

Wenn wir also hören, dieser oder jener Mensch habe „Christus abgelehnt“, sollten wir zuerst fragen: „Welchen Christus?“

Viele würden an dieser Stelle darauf verweisen, wir sollten darauf vertrauen, dass Gott dafür sorgt, dass Menschen solchen Christen begegnen, die den wahren Jesus widerspiegeln, Christen, an denen die verwandelnde Wahrheit des Lebens und der Botschaft dieses Jesus ablesbar ist. Zur Begründung wird gern ein Abschnitt aus dem Römerbrief zitiert: „Und wie können sie von ihm hören, wenn ihnen niemand Gottes Botschaft verkündet?“ (10,14). Und natürlich stimme ich von ganzem Herzen zu. Aber die Frage erhebt sich: Wenn unsere Erlösung, unsere Zukunft, unser Schicksal davon abhängt, dass uns jemand die Botschaft bringt, uns unterweist, sie uns vorlebt – was passiert, wenn das niemand tut?

Was passiert, wenn der Missionar eine Reifenpanne hat?

Das wirft eine andere, weit beunruhigendere Frage auf:

Liegt deine Zukunft in der Hand anderer?

Was zu einer anderen Frage führt:

Liegt die Ewigkeit eines anderen in deiner Hand?

Müssen Menschen nicht nur antworten, beten, Jesus annehmen, glauben, vertrauen, bekennen – sondern muss ein anderer zunächst handeln, lehren, reisen, organisieren, Geld sammeln, bauen, damit sie wissen, worauf sie antworten, was sie beten, annehmen, glauben, bekennen oder tun sollen?

An diesem Punkt würden manche angesichts all dieser Fragen einwenden, es sei alles gar nicht so kompliziert. Wir sollten uns erinnern, dass Gott viele Wege hat, wie er auch ohne Menschen, die direkt miteinander sprechen, etwas mitteilen kann, und dass das eigentliche Thema, dem man nicht aus dem Weg gehen kann, das ist, ob ein Mensch durch Jesus eine „persönliche Beziehung“ zu Gott hat oder nicht. Wie auch immer es dazu kam, wer auch immer wem davon erzählt hat, wie auch immer sich das vollzogen habe – Hauptsache sei eine persönliche Beziehung. Wer die nicht habe, werde ohne Gott sterben und die Ewigkeit in der Hölle verbringen.

Das Problem ist nur: Der Ausdruck „persönliche Beziehung“ findet sich nirgendwo in der Bibel.

Nirgendwo in den hebräischen Texten, nirgendwo im Neuen Testament. Jesus benutzt diesen Ausdruck nie. Paulus schrieb nie darüber. Auch nicht Johannes oder Petrus oder Jakobus oder der Verfasser des Hebräerbriefs.

Wenn es also darum geht,

wenn das der springende Punkt ist,

wenn das der Fahrschein ist,

das Zentrum,

die eine unvermeidliche Wirklichkeit,

das Herzstück christlichen Glaubens,

warum hat dann bis vor etwa hundert Jahren niemand diesen Ausdruck benutzt?

Und diese Frage wirft eine andere Frage auf: Wenn Jesus die Botschaft brachte, dass Gott durch ihn das Geschenk des ewigen Lebens anbietet – ein Geschenk, das wir uns mit eigenen Bemühungen, Werken oder guten Taten nicht verdienen können – und alles, was wir tun müssen, nur ist, es anzunehmen und zu bekennen und zu glauben, sind das dann nicht Tätigkeitswörter?

Und sprechen Tätigkeitswörter nicht vom Tun?

Annehmen, bekennen, glauben – das sind doch Dinge, die wir tun.

Heißt das denn, dass es doch von etwas, das ich tue, abhängt, ob ich in den Himmel komme?

Wieso ist irgendetwas davon dann Gnade?

Wieso ist das Geschenk?

Wieso ist das gute Nachricht?

Haben die Christen denn nicht immer behauptet, ihre Religion sei etwas Besonderes – sei letztlich überhaupt keine Religion –, gerade weil man nichts tun müsse, da Gott durch Jesus bereits alles getan habe?

An diesem Punkt schaltet sich eine andere Stimme in das Gespräch ein – die vernünftige, weise Stimme, die uns erinnert, worum sich alles letztlich dreht: um eine Geschichte.

Lies einfach die Geschichte, denn eine gute Geschichte besitzt die Kraft, uns aus abstrakten theologischen Diskussionen herauszuretten, in die wir uns jahrelang verstricken könnten.

Ausgezeichneter Punkt.

In Lukas 7 lesen wir eine Geschichte von einem römischen Hauptmann, der Jesus eine Botschaft sendet, die besagt, Jesus brauche nur ein Wort zu sprechen und der kranke Knecht des Hauptmanns würde geheilt. Jesus findet dieses Vertrauen ganz erstaunlich, wendet sich der Menge zu und sagt: „Eins ist sicher: Unter allen Juden in Israel bin ich keinem Menschen mit einem so festen Glauben begegnet“ (7,9).

Dann in Lukas 18 erzählt Jesus eine Geschichte über zwei Leute, die zum Gebet in den Tempel gehen. Der eine sagt Gott, wie froh er ist, dass er kein Sünder ist wie andere Menschen, während der andere aus der Ferne sagt: „Gott, vergib mir, ich weiß, dass ich ein Sünder bin!“ (18,13).