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Bob Fu/Nancy French

Kämpfer des Himmels

Mein gefährliches Doppelleben

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „God’s Double Agent“ bei Baker Books, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA.

Abdruck der Bibelabschnitte S. 184f und 314 sind der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.™. Verwendet mit freundl. Genehmigung des Verlags.

Deutsch von Dr. Friedemann Lux

© der deutschen Ausgabe 2014 Brunnen Verlag Gießen

Das Christentum in China findet man nur noch im Museum. Es ist tot und erledigt.

Jiang Qing, vierte Frau von Mao Zedong

Gegen Tyrannen rebellieren heißt Gott gehorchen.

Benjamin Franklin

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Danke!

Kapitel 1

Es war Mitternacht. Ich legte die Finger an den Fensterrahmen und versuchte, das Fenster sachte zu öffnen. Doch die Farbschichten mehrerer Jahre hatten es zugeklebt. Ich hielt die Luft an und zog heftig. Das Fenster ging auf, aber nicht so leise, wie ich gehofft hatte. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass keiner der an der Haustür postierten Polizisten gerade eine Rauchpause machte und um den Block herumspazierte. Und dass keiner der Nachbarn wach war. Wenn ich das hier machen und mit dem Leben davonkommen wollte, konnte ich keine Zeugen gebrauchen.

Heidi, meine Frau, hatte gerade unsere Wohnung im fünften Stock verlassen. Sie trug andere Kleider als sonst und ein Seidentuch um den Kopf. Die Polizisten waren es gewöhnt, uns als Paar zu sehen, sodass Heidi alleine größere Chancen hatte, an ihnen vorbeizuschlüpfen. Der Riesenplattenbau hatte drei Haustüren, aber die Behörden hatten zwei davon abgesperrt, als sie anfingen, uns zu überwachen. Der eine Eingang, den es noch gab, lag direkt neben dem Raum mit den Sicherheitsleuten, die uns nicht aus dem Auge ließen. Jedes Mal, wenn ich das Gebäude verließ, gaben sie der Zentrale Alarm, worauf ein Wächter des Amtes für Öffentliche Sicherheit sich an meine Fersen heftete. Ich wusste schon nicht mehr, wie es war, durch die Stadt zu laufen, ohne beschattet zu werden.

Wenn Heidis Verkleidung nichts brachte, hätte ich nicht mehr viel Zeit, bevor unsere Bewacher sich in die fünfte Etage begaben, um mich zu verhaften – aber ich wäre nicht mehr da. Heidi hatte extra das Licht angelassen, damit sie dachten, dass wir noch wach waren und uns zum Schlafen fertigmachten. Ich war bereits im vierten Stock, in den Toiletten. In jedem Stockwerk gab es einen Toilettenraum für alle Bewohner, dessen Tür stets unverschlossen blieb. Ich schaute zum Fenster hinaus. Nichts. Aber durch das Fenster sah man ja nicht alles. Meine Überlebenschancen würden mit jedem Stockwerk wachsen, das ich tiefer steigen konnte, ohne entdeckt zu werden. Ich schlüpfte zurück aus dem Toilettenraum und wieder ins Treppenhaus. Dritter Stock. Zweiter Stock. Erster Stock. Noch tiefer ging nicht. Die Sicherheitsleute waren im Erdgeschoss. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Ich öffnete vorsichtig die Tür des Treppenhauses, linste nach links und rechts und ging langsam den Gang entlang zu den Toiletten. Dort betrat ich eine der winzigen Kabinen und hievte mich zum Sims des Fensters hoch, das zum Glück offen stand. Es war August in Beijing, aber der Luftzug des Fensters ließ mich kurz bibbern. Ich stellte meine Füße so nah an den Rand der Fensterbank wie möglich. Bis zum Boden waren es fast sechs Meter. Ich konnte den Boden nicht sehen, aber ich wusste, dass hier Sträucher standen, die meinen Fall bremsen würden. Solange ich mir nicht das Genick oder irgendwelche wichtigen Knochen brach, wäre es okay.

Nach dem, was wir an Gefängnis und Hausarrest erlebt hatten, war der Tod nicht das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte, aber Heidi und ich hatten einen Grund, um unser Leben zu kämpfen: Heidi war schwanger, und die Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung bedeutete, dass man sie zur Abtreibung zwingen würde, weil wir keine Genehmigung für dieses Kind hatten. Wir hatten also keine Kindersachen gekauft oder unseren Eltern stolz erzählt, dass sie bald Großeltern wären. Wenn unser Plan gelang, würden sie ihr Enkelkind niemals sehen. Und uns auch nicht mehr. Aber wir hatten keine Wahl.

Meine Brille wollte mir auf die Nase rutschen. Ich schob sie zurück. Meine linke Hand umklammerte das Fenstersims. Es sah doch höher aus, als ich gedacht hatte. Meine Beine zitterten. Konnte ich das hier? Was würde aus Heidi und dem Kind werden, wenn ich gleich tot war? Ich holte tief Luft, betete noch einmal kurz und trat hinaus in die Dunkelheit.

Prompt vergaß ich meine sämtlichen Theorien darüber, wie man sich am besten fallen ließ. Der Wind schoss mein Gesicht entlang, mein Magen zog sich zusammen, mein Herz schien ich im Haus vergessen zu haben. Meine Arme fuchtelten, und obwohl ich um jeden Preis still sein wollte, kam von irgendwo in mir ein Schrei. War das wirklich ich? Meine Brille flog weg und ich weiß noch, wie ich mir ans Gesicht griff, bevor alles um mich schwarz wurde.

Kapitel 2

Meine Lebensreise begann bereits vor meiner Geburt – als der erste Mann meiner Mutter sie aufforderte: „Du und die Kinder, ihr müsst gehen.“

Eigentlich war es mehr eine Bitte als eine Aufforderung. Eine verzweifelte Bitte. Sie wohnten in einem kleinen Haus in der Provinz Shandong in Südostchina, am Unterlauf des Gelben Flusses. Die Provinz grenzt ans Gelbe Meer, aber ihr kleines Lehmhaus lag weiter im Binnenland, wo es Weizen- und Maisfelder gab. Der Mann meiner Mutter bestellte ein kleines Stück Land in der Kommune, in der sie mit ihren beiden kleinen Kindern wohnten.

„Und wo soll ich hin?“, fragte meine Mutter. Sie wartete die Antwort nicht ab, sie wusste sie schon. Widerstandslos suchte sie ein paar Sachen zusammen, nur so viel, wie sie tragen konnte. Das kleinere Kind, das noch ein Baby war, würde sie auch tragen müssen.

So endete die Ehe meiner Mutter, auf eine Art, wie man das im Westen nicht kennt. Keine Affären, keine dramatischen Wortgefechte. Was war geschehen? Das Regime von Mao Zedong hatte seine schwere Hand auf die Dörfer gelegt und den Familien die Luft abgedrückt. 1958 hatte Mao ein gigantisches kulturelles und gesellschaftliches Experiment begonnen, den „Großen Sprung nach vorn“, das heißt in den Kommunismus. Der Mann meiner Mutter und alle anderen Dorfbewohner mussten ihr Eigentum aufgeben und fortan im Kollektiv leben. Ohne persönlichen Grund und Boden konnten sie nicht mehr ihre eigenen Lebensmittel anbauen. Mao, der seinen Untertanen weismachte, dass „alles möglich war“, versicherte allen, die es hören wollten, dass sie im kommunistischen System mehr Nahrungsmittel produzieren konnten. Das Regime ließ in den Dörfern große Gemeinschaftsküchen erbauen, wo man sich zu den Mahlzeiten traf. Im ersten Jahr brachte das ideale Wetter hohe Ernteerträge, doch in den folgenden Jahren ließen Dürren und Überschwemmungen die Getreidevorräte bedenklich schmelzen. Dies war die Lage, in der der Mann meiner Mutter fand, dass er keine Wahl mehr hatte. „Geht“, sagte er, als sie mit den Kindern vor ihm stand. „Ich kann euch nicht mehr ernähren.“

Und so ging sie ein letztes Mal durchs Haus und betrachtete kurz das Bett, wo sie mit ihrem Mann und den Kindern geschlafen hatte. So gut würden ihre Kinder es auf der Straße nicht mehr haben. Sie wischte sich eine Träne ab; jetzt war nicht die Zeit für Sentimentalitäten. Hier gab es jedenfalls nichts mehr zu essen. Die große Form, in der sie Brot gebacken hatte, war seit Langem leer, und alles, was irgendwie wertvoll war, war aus dem Haus verschwunden, darunter alle Metallgegenstände.

Für Mao bedeutete Metall Macht; eine Nation mit viel Metall konnte mehr Schiffe, Waffen und Gebäude bauen. Als er den Bürgern befohlen hatte, ihr Metall dem Staat zu spenden, hatte meine Mutter pflichtschuldigst das Haus nach Metallgegenständen durchsucht. Sie hatte Töpfe, Pfannen und die früher so wertvollen landwirtschaftlichen Geräte zu einem der vielen Hinterhof-Hochöfen getragen, die überall im Land aus dem Boden geschossen waren. Dort wurden die Metallutensilien der Dorfleute in einen großen Haufen Rohmetall verwandelt, dessen Gewicht gemessen und stolz an die Zentralregierung gemeldet wurde. Es war ein Stolz, der unbegründet war; aus den paar irdischen Gütern meiner Familie wurden keine Schlachtschiffe, sondern ein Haufen unbrauchbares Zeug. Die Metallberge, die da in den Dörfern lagen, sollten Symbole der nationalen Macht sein; in Wirklichkeit waren sie traurige Monumente des ganzen nutzlosen Elendes des „Großen Sprungs nach vorn“.

Und bald auch Symbole des Todes.

War meine Mutter untröstlich, wütend, voller Angst? Vielleicht war sie das alles, aber sie nahm die Hand meiner Schwester, hievte sich das Tragetuch mit meinem Bruder auf den Rücken und sagte gespielt fröhlich: „Kommt, wir gehen spazieren.“

Fast vier Jahre lang sollte sie von einem Dorf zum nächsten gehen und Menschen, die selber hungerten, um Essen anbetteln. Millionen Menschen starben während des „Großen Sprungs nach vorn“; die Schätzungen gehen bis zu 40 Millionen.

Als es nichts anderes mehr gab, begannen die Menschen (auch meine Mutter), Baumrinde zu essen. Bis es auch keine Baumrinde mehr gab und das einst so grüne Land voller nackter Bäume und fast ohne weitere Vegetation war. Noch schlimmer wurde es im Winter. An einem besonders schlimmen Nachmittag stapfte meine Mutter meilenweit durch den tiefen Schnee, mit meinem Bruder auf dem Rücken und meiner Schwester an der Hand. Sie gingen langsam, um jeden Schritt kämpfend, ihre Fußspuren waren stumme Zeugen ihrer Verzweiflung. Als meine Mutter in der Ferne ein kleines Dorf sah, murmelte sie ein altes chinesisches Sprichwort: „Selbst ein blinder Esel findet nach Hause, wenn der Himmel ihn führt.“

Obwohl sie Atheistin war, zitierte sie oft dieses Sprichwort, wenn sie den Eindruck hatte, dass da jemand war, dem sie und ihre beiden Kinder nicht egal waren. Dass sie noch am Leben war, lag an der Freundlichkeit Wildfremder. Sie hoffte, dass auch in diesem Dorf sich jemand über sie und die Kinder erbarmen würde. Die vage Hoffnung auf etwas zu essen gab ihr in dem tiefen, eisigen Schnee übermenschliche Kraft.

„Hätten Sie vielleicht etwas zu essen übrig?“, fragte sie im Hof eines kleinen Hauses. Ein freundlicher Mann bot ihr eine Schüssel Reissuppe und einen vor den Elementen geschützten Platz im Hof an. Es war nicht viel, ja es war zu wenig für sie alle drei, aber die Suppe würde ihnen ein Stückchen Wärme in die ausgekühlten Knochen bringen und ihnen helfen, die nächste Nacht zu überstehen. Mit andächtiger Vorsicht begann meine Mutter, den ersten Löffel Suppe zum Mund des Kleinen zu führen. Ihre Kinder sollten zuerst etwas bekommen, jeder Tropfen war kostbar.

Just in dem Augenblick, wo der Löffel den Mund des Kleinen berührte, kam ein großer, wütender Hahn herbeigeschossen. Meine Mutter schrie auf. Der Hahn hackte auf sie los. Nach kurzem Kampf musste meine Mutter das Feld räumen, ganz verschmiert von Blut. Und von der kostbaren Reissuppe.

So mussten meine Mutter und Geschwister täglich um ihr Leben kämpfen, aber anderen ging es noch schlechter. Es gab Menschen, die Leder kochten, um es besser essen zu können. Viele starben bei dem Versuch, es herunterzuschlucken, und die Glücklichen, die nicht erstickten, brauchten dafür später Hilfe, um den steinharten Kot aus ihrem Körper zu bekommen. Andere aßen Erde oder, schlimmer noch, ihre alten Eltern oder kleinen Kinder, die an einer Krankheit oder auch durch Mord gestorben waren. In den chinesischen Geschichtsbüchern nannte man diese Zeit, in der das Regime das Volk verhungern ließ, beschönigend „die drei Katastrophenjahre“. Meine Mutter tat, was sie konnte, damit sie und ihre Kinder nicht die nächste Zahl in der Hungerstatistik wurden.

Dann kam der Tag, wo sie zu husten anfing, wie Millionen andere, die der Hunger und die allgemeinen ungesunden Lebensbedingungen krank machten. Der Husten wurde immer schlimmer; einen Tag nach dem anderen rang sie nach Luft und hatte Schmerzen in der Brust. Eines Tages begann sie Blut zu husten und es dämmerte ihr: Sie hatte nicht nur zwei obdachlose Kinder zu versorgen, sie war auch lungenkrank.

„Selbst ein blinder Esel findet nach Hause, wenn der Himmel ihn führt“, sagte sie, wenn sie Luft holte. Ein paar Jahre schon hatten die Kinder und sie es geschafft. Und wenn es ihr noch so dreckig ging, irgendetwas oder irgendjemand hatte ihr bis hierher geholfen und würde weiter helfen.

Und so wanderte sie hustend und keuchend weiter, durch die gleiche Gegend, von der Barmherzigkeit von Fremden lebend. Eines Tages kam sie zu einem Weiler, der Shiziyuan hieß, „Persimonengarten“; hier nahm ihr Leben eine ganz unerwartete Wende.

Sie klopfte an die Tür eines der kleinen Häuser. „Entschuldigung, hätten Sie vielleicht etwas zu essen übrig?“ Der Hof war voll duftender Persimonenbäume. Sie wollte sich schon wieder umdrehen und zum nächsten Haus gehen, als die Tür geöffnet wurde.

Ein kleiner, buckliger Mann stand darin. Er hatte nur ein gutes Auge, mit dem er seine abgerissenen Besucher musterte. Er war Fu Yubo, der Dorfbuchhalter.

„Das ist alles, was ich habe.“ Er gab ihr ein Stück Brot. Sein Mitleid mit der kranken Mutter und ihren kleinen Kindern war deutlich.

Yubo gab ihr nicht nur zu essen, sondern ein neues Leben: Es dauerte nicht lange, und er heiratete meine Mutter, die jetzt nach mehreren Jahren auf der Straße wieder ein Zuhause hatte. Bald bekam das Paar Kinder: zuerst ein Mädchen, Qinghua, dann, am 12. Juli 1968, mich. Sie nannten mich Xiqiu (gesprochen: Schi-Schu), „Herbst der Hoffnung“, denn im chinesischen Kalender gehört der Juli zum Herbst.

Die Leute in dem Dorf gaben ihren Kindern nicht nur Namen, sondern auch Spitznamen, zum Schutz vor bösen Geistern und einem schlechten Charakter. Sie glaubten, dass böse Geister und Dämonen durch das Land zogen, die Kinder suchten, in die sie einziehen konnten, und dass schöne Namen diese Geister noch mehr anzogen. Also verpasste man den Kindern scheußlich klingende Beinamen, um die Dämonen abzuschrecken. So hießen zwei meiner Freunde „Hässliches Blatt“ und „Dummer Esel“. Mein eigener Spitzname lautete Pianyi („Billig“). Man glaubte allgemein, dass die Kinder sich zum Gegenteil ihrer Spitznamen hin entwickeln würden; demnach muss meine Mutter gewollt haben, dass ich reich wurde. Nie mehr betteln müssen … vielleicht würde es mit meinem Spitznamen klappen.

Trotz der Krankheit meiner Mutter und der Behinderung meines Vaters ging es uns jetzt viel besser. Als Jüngster war ich der Augapfel meiner Eltern und älteren Geschwister. Unser Haus hatte ein Schlafzimmer für uns alle und ein Wohnzimmer und dazwischen eine kleine Küche, in der es immer warm war. Mama stellte Blumen um den eisernen Küchenherd. Wir hatten Gemüse und Mehl, um Brot zu backen. Wenn die Hauptmahlzeiten fertig waren, zog der Duft frisch gebackenen Brotes durch das kleine Haus. Und es gab den kleinen, von Persimonenbäumen gesäumten Hof, den meine Mutter zuerst gesehen hatte.

Ich liebte den Duft dieser Bäume nicht weniger als den des Brotes. Die Persimonenbäume hatten große, glänzende Blätter und eine Rinde, die sich wie Krokodilleder anfühlte. Als Kind kletterte ich immer auf sie, um mir die allerbesten Persimonen zu pflücken. Die gelben waren noch nicht reif, aber die roten … Ich hielt sie immer gegen die Sonne und schaute durch sie hindurch zum Himmel hoch. Der Himmel sah scharlachrot aus durch die reifen Früchte. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, habe ich wieder den kräftig-süßen Geschmack im Mund und rieche wieder den Duft der Blüten, die die Bienen anlockten.

Papa war der Buchhalter für das ganze Dorf. Jeden Morgen ging er zur Arbeit, die Hände hinter dem Rücken verschränkt wie ein wichtiger Mann und so schnell, dass ich schier nicht mitkam. Nach einem langen Arbeitstag kam er abends nach Hause. Sein Tageslohn entsprach 10 US-Cent. Er war ein Meister mit dem suànpán, dem in China seit Jahrtausenden gebräuchlichen Abakus. Seine Finger schienen mit den Kugeln zu zaubern; er konnte mit ihnen addieren, subtrahieren, ja sogar dividieren. Das Dividieren war sehr kompliziert, aber seine Finger stockten nie, wenn er die Ernten berechnete und wie viel jede Familie an Lebensmitteln bekam. Er war nur sechs Jahre zur Schule gegangen, aber galt als eine Art Gelehrter. Abends, bevor ich ins Bett ging, las er mir vor.

In der Erntezeit hatten alle am meisten zu tun. Da die Kommunisten die Landwirtschaft kollektiviert hatten, durften die Bauern nichts für sich selbst anbauen, sondern nur für die Regierung. Wenn sie ihren Weizen und Mais geerntet hatten, brachten sie ihn zu den staatlichen Sammelstellen. Mein Vater hatte die Zuteilung der Lebensmittel an die Familien, nach Zahl der Personen und Erntemenge, unter sich. Jede Familie bekam eine Art Lebensmittelgutschein, mit dem sie Weizen, Mais, Süßkartoffeln und andere Lebensmittel erwerben konnte. Nach all der harten Arbeit versammelten sich die Landarbeiter abends zu einer gemeinsamen Mahlzeit; da mein Vater eine Respektsperson war, durfte ich manchmal mit dabei sein.

Seine Position erlaubte es meinem Vater, den ärmeren Familien etwas mehr zu geben, ohne dass dies auffiel. Wir waren arm, aber es gab Menschen, denen es noch schlechter als uns ging – viel schlechter.

Zum Beispiel die früheren Grundbesitzer, die Mao wegen ihrer „kapitalistischen“ Vergangenheit absolut hasste. Millionen von ihnen waren ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden. Die paar, die noch lebten, wurden ohne Ende diskriminiert und gedemütigt. Einer unserer Nachbarn war solch ein „Volksfeind“, wie das Regime diese Menschen nannte.

Damals nannten die Dorfkinder sonst jeden älteren Mann respektvoll „Großvater“, selbst wenn er nicht mit ihnen verwandt war. Ich vermochte keinen Unterschied zu sehen zwischen meiner Familie und der dieses Großvaters, der unser Nachbar war, und verstand nicht, warum die Partei ihn so hart behandelte. Aber jeden Morgen – die Sonne war noch kaum aufgegangen – hörte ich, wie der Dorfparteisekretär seinen Namen bellte: „Steh auf! Zeit zum Straßenfegen!“

Kurz darauf hörte ich, wie die Haustür des alten Mannes sich öffnete und wieder schloss. Er und die anderen früheren Grundbesitzer des Dorfes hatten jeden Morgen das ganze Dorf sauber zu fegen. Meine Eltern hatten echt Mitleid mit seiner Familie. Jeden Abend wickelte meine Mutter eine Extraportion von dem Essen in ein Tuch, gab es mir und flüsterte: „Lass dich nicht erwischen!“

Denn wenn ich erwischt wurde, würde die Partei meine Familie vernichten. Doch statt Angst zu bekommen, sagte ich mir: „Jetzt erst recht!“, und machte aus meinen abendlichen Geheimmissionen eine Wissenschaft. Ich wartete so lange wie möglich und schlüpfte dann leise, leise aus unserem Haus, um lässig die Straße hinunterzugehen, während ich verstohlen nach links und rechts schaute.

Wenn ich jemanden in meiner Nähe sah, änderte ich meinen Kurs, weg vom Haus unseres Volksfeind-Nachbarn. Manchmal war ich schnell fertig, doch meistens ließ meine Vorsicht mich ziemlich lange durch die hereinbrechende Nacht spazieren, denn meine Regel Nr. 1 war, dass niemand mich sehen durfte. Erst wenn ich ganz sicher war, dass ich allein war, schob ich das Essenspaket unauffällig unter der Tür unserer Nachbarn durch und sauste mit hämmerndem Herzen zurück nach Hause.

Sie haben mich nie erwischt.

Meine Eltern halfen vielen Menschen im Dorf, was sich bald herumsprach. Jeden Tag klopfte irgendein Bettler an unsere Tür.

„Pianyi“, rief meine Mutter aus ihrem Bett, „gib ihnen was – das Beste, was wir im Haus haben.“ Nur Respektspersonen, wie Eltern und ältere Nachbarn, durften mich mit meinem Spitznamen anreden. Wenn meine Freunde mich „Billig“ nannten, war dies eine Beleidigung; bei meiner Mutter war es ein Zeichen der Zuneigung, ja Hoffnung – vor allem dann, wenn ihre Zukunftshoffnung für mich mit den Bettlern an unserer Tür konfrontiert wurde.

Wir hatten kaum genug für uns selbst, aber irgendwie reichte es trotzdem jedes Mal für ein kleines Almosen für die Bettler in unserem Hof. Ich gab ihnen das Beste, was wir hatten, und hörte ihren Geschichten zu, während sie aßen. Manchmal lachten sie, wenn sie mir von ihrem Elend erzählten, und manchmal weinten sie. Da meine Mutter selbst eine Bettlerin gewesen war, gingen mir die Geschichten dieser Bettler zu Herzen. Dort, in unserem Hof, lernte ich Barmherzigkeit. Und die Kunst des Widerstands.

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Leider forderte die Großzügigkeit meiner Eltern ihren Preis. Sie hatten beide ein Herz für die Armen, aber oft verschenkten sie Lebensmittel, die wir selbst dringend gebraucht hätten. Es heißt, dass finanzielle Sorgen eine der Hauptursachen für Streit in der Ehe sind. Dazu noch Krankheit und ein diktatorisches Regime – und es kommt richtig dick. Abends kauerten meine Schwester Qinghua und ich im Wohnzimmer und hörten durch die dünnen Wände, wie unsere Eltern sich stritten. Die schrille Bitterkeit in ihren Stimmen machte mir Angst. An den ganz schlimmen Abenden blieb es nicht bei den Wortgefechten; dann weckte meine Mutter meine Schwester und mich auf, packte unsere Hände und sagte: „Wir gehen!“

Worauf wir schlaftrunken unsere Schuhe anzogen, durch die Tür nach draußen trotteten und dann bergauf, bergab und an mehreren Friedhöfen vorbei zum Haus meiner Großmutter mütterlicherseits gingen. Sie wohnte 25 Kilometer entfernt und war der Zufluchtsort meiner Mutter, wenn sie sich mit meinem Vater stritt. Der Mond schien, unsere Füße wollten uns kaum tragen und wir versuchten, nicht zu weinen. Nach ein paar Kilometern wich die Wut meiner Mutter der schieren Erschöpfung. Sie kniete sich hin und weinte mit uns. Wir schafften den Weg nie in einer Nacht; dazu waren die Entfernung zu groß und unsere Beine zu kurz.

Und so klopfte meine Mutter mitten in der Nacht an die Tür wildfremder Leute und fragte: „Hätten Sie Raum für mich und meine beiden Kinder?“ Sie hatte keine Hemmungen; die Jahre des Bettelns hatten ihr einen Panzer um die Seele gelegt. Bei mir war das anders. Ich sehnte mich zurück nach Hause, nach dem Bett, nach dem Rest der Familie. Und nach Frieden. Und wir gingen ja auch wieder zurück. Nach einer Weile beruhigte meine Mutter sich wieder und wir begannen den langen Marsch zurück nach Hause. Dort war alles wieder wie vorher. Oder doch nicht? Nach und nach schienen die starken Überlebensinstinkte, die meine Mutter in den Betteljahren am Leben erhalten hatten, schwächer zu werden. Die einst so resolute Frau schien den Willen verloren zu haben, sich vom Leben nicht unterkriegen zu lassen.

Ein paar Mal versuchte sie, Selbstmord zu begehen. Es gab keine Pistolen, um es schnell zu machen, auch keine Schlaftabletten für einen sanften Übergang. Einmal rannte meine Mutter zu einem Dorfbrunnen, um hineinzuspringen; wir konnten sie nur mit Mühe davon abbringen. Ein anderes Mal, als sie wieder richtig depressiv war, holten meine Schwester und ich sämtliche Messer aus den Küchenschubladen und vergruben sie im Garten hinter dem Haus.

Ihr Leben war elend. Ihr Lungenleiden wollte ihr schier die Luft wegnehmen, Medikamente gab es nicht. Aber das Schlimmste war der Husten. „Geh eben in den Garten und hol mir eine Süßkartoffel“, sagte sie, wenn sie den nächsten Anfall hatte. Sie fand, dass eine heiße Süßkartoffel ihren Husten beruhigte.

Doch selbst wenn der Husten sich legte, blieb sie auf dem kang liegen, dem aus Lehm und Zement gebauten Familienbett, das mit dem Herd in der Küche nebenan verbunden war. Die Hitze vom Herd wärmte das Bett mit und damit das ganze Schlafzimmer. Meine Mutter lag auf der einen Seite des Bettes, mein Vater auf der anderen und wir Kinder dazwischen. Ob Sie es glauben oder nicht: Das war gemütlich, vor allem im Winter, wenn der Küchenherd uns alle wärmte.

Doch Mama ging es immer schlechter. Den ganzen Tag spuckte sie ihren Auswurf auf den Fußboden neben dem Bett. Wenn ich hörte, dass wieder ein besonders schlimmer Hustenanfall kam, rannte ich mit einer Schaufel zu ihr, denn ich hatte die Aufgabe, den Auswurf vom Boden zu kratzen und nach draußen zu tragen.

Dann kam der Morgen, wo mein Vater beim Aufwachen entsetzt feststellen musste, dass er gelähmt war. Zwei volle Jahre lang lag er neben meiner Mutter auf dem kang. Da er nicht mehr arbeiten konnte, hatten wir kein Geld mehr. Unser Essen mussten wir so strikt rationieren, dass mein Magen nie voll war. Eines Tages kam ich an der Gemeinschaftsküche vorbei, wo gerade das Essen für die Erntearbeiter gekocht wurde. Da mein Vater nicht mehr arbeiten konnte, konnte er auch nicht am Erntefest teilnehmen. An diesem Tag stieg mir ein ganz besonderer Geruch in die Nase. Die Köchinnen machten gerade Fettgebackenes – längliche, aus einem ganz besonderen Teig gefertigte Gebäckstückchen. Wenn sie fertig sind, sind sie ganz leicht und locker und drinnen fast hohl. Die musste ich haben!

Ich war so klein, dass mich bestimmt niemand sehen würde, wenn ich in die Küche spazierte, dachte ich. Also blieb ich vor der Küche stehen und versuchte mit hämmerndem Herzen, unauffällig auszusehen. Dann, genau im richtigen Augenblick, schlüpfte ich hinein. Da – ein ganzer Teller der süßen Leckereien. Ich verschlang sie wie ein hungriges Tier. Niemand bemerkte mich, und als ich nach Hause ging, hatte ich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit einen vollen Bauch.

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Alle paar Monate gab es in unserem Dorf eine Filmvorführung. Das war jedes Mal ein größeres Ereignis, denn das Filmteam musste gefährliche Berge und Flüsse durchqueren, um all die kleinen Dörfer zu erreichen. Die paar „Straßen“, die es in unserer entlegenen Gegend gab, waren abenteuerlich, und man sah auf ihnen nur Fahrräder und Pferde. Ich kann mich nicht erinnern, als Kind ein Auto gesehen zu haben, und Besucher waren höchst selten. Kein Wunder, dass das ganze Dorf, vor allem aber die Kinder, auf den Beinen war, wenn das „Kino“ kam. In den Filmen ging es gewöhnlich um irgendwelche Parteihelden der Kommunisten, aber wir liebten sie. Die Vorführungen wurden schon Wochen vorher angekündigt, und wenn der große Tag da war, standen wir Kinder extra früh auf, um unsere Stühle an den besten Plätzen aufzustellen.

An einem Morgen gelang es mir, meinen kleinen Stuhl gleich in der ersten Reihe unterzubringen. Als es abends so dunkel wurde, dass die Vorführung beginnen konnte, ließ ich meine kranken Eltern zu Hause und ging zu dem Film. Die anderen Kinder hatten die gleiche Idee gehabt wie ich, und wir machten es uns bequem.

Lag es an meinen zerlumpten Kleidern? An diesem Abend hänselten mich die anderen Kinder. „Guckt euch Xiqius Sachen an“, kicherte einer meiner Freunde, als der Film begann, und zeigte auf mich. Wir hatten nie neue Kleider. Nachbarn gaben uns ihre abgelegten Sachen, und die Flicken, die meine Mutter auf sie genäht hatte, waren nicht zu übersehen.

„Bist du sicher, dass das ein Hemd ist oder nur ein paar Fäden für seine kleine Brust?“, fiel ein anderer Junge ein.

Ich versuchte, nicht hinzuhören, und schaute wacker nach vorne auf die Leinwand. Es half nichts, sie wurden immer lästiger. Dann spürte ich plötzlich etwas Warmes, Nasses in meinem Rücken. Die Jungen hatten sich hinter mir aufgestellt, um auf mich zu pinkeln.

Als ich in meinen klebrigen Sachen nach Hause ging, tat mir das Herz weh. Warum hatten die Menschen so wenig Achtung vor uns? Warum mussten sie uns so piesacken? Reichte es nicht, dass wir arm und ohne Rang und Namen waren? Aber das war es ja gerade – unsere Armut war das Problem. Solange ich kein Geld hatte, würden die Leute mich weiter schikanieren. Und ich fasste einen Entschluss, als ich durch die Nacht trottete: Bauernjunge hin, vollgepinkelte Kleider her, ich würde Millionär werden! Bildung war ein hohes Gut in China, und in der Zeit nach Mao konnte sie ein Weg heraus aus der Armut sein. Wenn ich in der Schule fleißig war, könnte ich vielleicht studieren und genügend Geld verdienen, um reich zu werden und für meine Familie zu sorgen.

Als ich acht Jahre alt war, ging ich in eine von der Kommunistischen Partei kontrollierte Schule, wo ich Lesen, Schreiben und Atheismus lernte. Da ich eine rasche Auffassungsgabe und ein gutes Gedächtnis hatte, fiel mir das Lernen leicht. Bald fanden meine Lehrer, dass ich Führungsqualitäten hatte, und ernannten mich ein Schuljahr nach dem anderen zum Aufsichtsschüler – ein begehrtes Amt, das man nur dem sozusagen reifsten Schüler in der Klasse gab, der für Ordnung sorgen konnte, wenn der Lehrer nicht im Klassenzimmer war, jeden meldete, der in Abwesenheit des Lehrers gegen die Regeln verstieß, und dafür sorgte, dass alle arbeiteten. Der Aufsichtsschüler ging dem Lehrer allgemein zur Hand.

Ich genoss meinen neuen Status.

„Xiqiu.“ Es war das Ende des vierten Schuljahrs und mein Lehrer rief mich nach vorne. „Du warst ein sehr guter Schüler. Du bist echt fähig und kannst gut arbeiten.“

Ich versuchte, nicht vor Stolz zu platzen.

Doch dann kam es: „Ich werde dich in der vierten Klasse behalten, damit du noch ein Jahr bei mir bleibst. Du wirst die vierte Klasse wiederholen.“ Das Wort eines Lehrers war, so hatte man uns beigebracht, Gesetz. Als also später an diesem gleichen Tag der Rektor unsere Klasse besuchte, hielt ich den Mund, als mein Lehrer ihn mit ernster Miene beiseitezog und sagte: „Xiqiu hat große Probleme mit seinen Ohren, sodass er dieses Jahr nicht viel mitbekommen hat. Ich plädiere dafür, dass er dieses Schuljahr wiederholt.“

Mein Gehör war natürlich bestens. Aber der Lehrer hatte meine Laufburschendienste schätzen gelernt, und so wechselten meine Freunde in die fünfte Klasse, während ich die vierte wiederholte, um praktisch der unbezahlte Assistent meines Lehrers zu werden. Wenn zum Beispiel seine Mutter eine Flasche Wein haben wollte, schickte er mich in die Stadt, um eine zu erhandeln. Mein Lehrer nutzte mich aus, denn wer war ich schon? Doch in unserer Kultur galt es als Privileg, für seinen Lehrer und dessen Mutter arbeiten zu dürfen, sodass ich das sogar gerne machte. Und nicht viele Viertklässler waren so gut im Feilschen und Tauschen wie ich.

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Doch so schön es in der Schule war, die Probleme zu Hause gingen davon nicht weg. Eines Nachmittags, als ich nach Hause kam, hörte ich wieder, wie meine Mutter hustete. Ich packte meine Schaufel und rannte an ihr Bett. Diesmal klang der Husten irgendwie anders. Er wollte nicht mehr aufhören und schien ihr jede Kraft zu nehmen. Ich sah, wie sie sich krümmte vor Schmerzen, und auf einmal wusste ich es: Mama lag im Sterben.

Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis meine Schwester Qinghua endlich nach Hause kam; mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Ich rannte ihr entgegen, in den Hof, und flüsterte ihr zu: „Mama liegt im Sterben. Was machen wir nur?“

Ja, was sollten wir machen? Ein richtiger Arzt würde nie und nimmer zu unserem entlegenen Dorf kommen, und die stundenlange Reise zum Bezirkshospital konnten wir uns nicht leisten. Das Einzige, was es vor Ort gab, war ein „Barfußdoktor“, der natürlich kein richtiger Doktor war. Man nannte die Barfußdoktoren so, weil sie Reisbauern waren, die auf ihren Feldern ohne Schuhe arbeiteten und nach Feierabend mehr schlecht als recht einfache Krankheiten der Dorfbewohner behandelten.

Meine Schwester legte ihre Schulbücher ab, und wir rannten zum Haus unseres Barfußdoktors. Noch im Hof rief meine Schwester: „Helfen Sie uns, bitte!“ Der „Doktor“ und seine Frau öffneten ihre Tür. Sie musterten unsere tränenverschmierten Gesichter und zerlumpten Kleider. Mit einem Blick wussten sie, dass wir kein Geld hatten. Der „Doktor“ schüttelte stumm den Kopf, das Gesicht absolut reglos. Ich begann zu weinen, während ich vor dem Hoftor kniete, aber die Tür begann sich zu schließen.

Meine Schwester versuchte verzweifelt, die beiden umzustimmen. „Ich mache Ihnen ein Angebot! Ich arbeite in der Ernte auf Ihren Feldern, kostenlos!“ Ohne ein Wort zu erwidern, knallten sie uns die Tür vor der Nase zu.

Meine Schwester stand auf und wischte sich den Dreck von den Knien. „Wir müssen uns trennen. Ich geh ins nächste Dorf, vielleicht ist da ein Doktor, der uns hilft. Geh du nach Hause und guck nach Mama.“ Der nächste Barfußdoktor wohnte fünf Kilometer entfernt, im Dorf meiner ältesten Schwester.

Und sie sauste los. Ich rannte zurück nach Hause, mein Herz hämmerte mit jedem Schritt. Als ich das Tor öffnete, blieb ich neben den Heuballen, die für den Winter aufgestapelt waren, stehen. Was würde ich drinnen vorfinden? War meine Mutter schon tot? Und wenn nicht, wie sollte ich ihr beibringen, dass der Doktor nicht kommen wollte, weil wir ihn nicht bezahlen konnten?

Wie erstarrt und voller Angst stand ich da. Vor über zweitausend Jahren war in unserer Gegend Konfuzius geboren worden, aber seine Philosophie hatte keinen Raum für einen persönlichen Gott, an den ich mich jetzt hätte wenden können. Und Maos Kommunismus schon gar nicht. Der einzige „Glaube“, den wir in unserem Dorf hatten, war ein Sammelsurium abergläubischer Praktiken, die wir alle schon ausprobiert hatten.

Als zum Beispiel meine Eltern beide das Bett nicht mehr verlassen konnten, hatten sie meine Schwester gebeten, mit einer Glasflasche über fünfzehn Kilometer in die Berge zu gehen. Dort öffnete sie die Flasche, tat Wasser aus dem Gebirgsbach hinein, kniete sich hin und betete zu den Göttern, wie dies an dieser Stelle Tausende andere taten, die verzweifelt nach einer Lösung für ihre Probleme suchten. Danach verbrannte sie Weihrauch und sogar Geldscheine, um die Götter gnädig zu stimmen. Zum Schluss erklärte sie laut, falls gerade irgendein Gott zuhörte, in was für einer Not wir waren.

„Mama hat eine Lungenkrankheit, und Papa kann nicht mehr gehen“, sagte Qinghua. Vielleicht würde einer der Götter sie hören und das durch ein Zeichen bestätigen, indem er zum Beispiel etwas in das Wasser warf – einen Zweig, Asche, irgendetwas, das nicht da gewesen war, als sie kam. Sie betete inbrünstig, dann öffnete sie die Augen wieder, und siehe da, ein Wunder war geschehen: Im Wasser in der Flasche waren Ascheflocken! Schnell verschloss sie die Flasche, damit dem Zauberwasser auch nichts passierte, lief zurück nach Hause und hielt meinen Eltern die Flasche hin. „Trinkt das!“, rief sie.

Es war natürlich nichts mit den Heilkräften des Wassers, und so versuchte unsere Mutter es mit anderen Ritualen der Volksfrömmigkeit. Eines bestand darin, dass sie sich sieben Mal hintereinander so tief zu Boden beugte, dass ihr Gesicht diesen berührte, worauf sie aufstand, sieben Schritte ging und das Ganze wiederholte. Manchmal kam sie auf diese Weise von unserem Haus bis auf die Dorfstraße; wenn sie zurückkam, blutete ihr Gesicht manchmal, weil sie sich so tief und heftig verneigt hatte.

Aber alles, was die Götter ihr für ihre Frömmigkeit gaben, schienen mehr Schmerzen zu sein.

Ich fand das alles komisch. Wenn man an einer Stelle, wo Tausende von Menschen Weihrauch verbrannten, eine Flasche öffnete, war es ja wohl kein Wunder, wenn ein paar Ascheflocken hineinfielen. Aber ich sagte nie: „Der Kaiser ist nackt.“ Ich wollte, dass es funktionierte. Vielleicht half das mit dem Glauben doch, egal, an wen dieser sich richtete.

Aber als ich dort neben dem Heu stand, wusste ich tief drinnen, dass dieser ganze Aberglaube nicht funktionierte. Und dann musste ich auf einmal an das Sprichwort meiner Mutter denken: „Selbst ein blinder Esel findet nach Hause, wenn der Himmel ihn führt.“ Jahrelang hatte sie es zitiert, und jetzt fragte ich mich, ob dort im Himmel nicht vielleicht doch jemand war, der mich leiten und beschützen konnte. Und so ging ich zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Knie, aber diesmal nicht, um einen herzlosen Barfußdoktor um Hilfe anzuflehen, sondern ich rief meinen tian laoye an. Tian bedeutet „Himmel“ und laoye „Großvater“ – ein Ausdruck der Ehrerbietung gegenüber den Alten.

„Himmlischer Großvater“, sagte ich, „ich hab solche Angst, ich will nicht, dass meine Mutter stirbt. Bitte …“ Ja, bitte was? Ich hoffte einfach, dass der da oben, wer immer das war, mir helfen würde, und ich fuhr ernst fort: „Bitte hilf meiner Mutter.“

Es war mein erstes Gebet.

Ich stand wieder auf, nahm meine Schaufel und ging ins Schlafzimmer. Meiner Mutter ging es inzwischen noch schlechter und ich setzte mich zu ihr und schaufelte den Auswurf weg, bis meine Schwester zurückkam. Sie hatte einen Barfußdoktor dabei. Ich schrie vor Erleichterung auf.

Der Mann untersuchte meine Mutter, gab ihr irgendeine Kräutermedizin und sagte uns, wie wir sie pflegen sollten. Er konnte nicht viel tun, aber wir befolgten seine Anweisungen peinlichst genau. Er war alles, was wir hatten. Und siehe da, meine Mutter starb nicht, sondern erholte sich wieder.

Tief drinnen wurde ich es nicht los, das Gefühl, dass mein „Himmlischer Großvater“ hier seine Finger im Spiel gehabt hatte.

Kapitel 3

Die Stimme meines Vaters klang resigniert. „Beides zusammen können wir uns nicht leisten“, sagte er meiner Mutter. Seit einer Stunde schon redeten meine Eltern darüber, wie es mit Qinghua und mir in der Schule weitergehen sollte, und wir saßen beide im Nebenzimmer und hörten zu.

Als ich die Grundschule abschloss, änderte sich das Schulsystem in der Provinz. Um die besten Schüler an einem Ort zu konzentrieren, beschlossen die Behörden, die Notenbesten aus allen Dörfern in eine Art Mittelpunktschule zu schicken. In meinem Dorf war ich der Einzige, dem diese Ehre zuteilwurde. Für mich war das nicht nur ein wichtiger Schritt hin zu Reichtum und Anerkennung, sondern ich würde auch eine bessere Schulausbildung bekommen als all die Rüpel, die mich so geplagt und gehänselt hatten. Das einzige Problem war, dass die neue Schule – ein Internat – teurer war; so viel Geld für das Wohnheim und die täglichen Essensmarken konnten wir uns einfach nicht leisten.

Qinghua öffnete die Schlafzimmertür. „Ich bleibe hier“, sagte sie.

„Was??“ Ich packte sie am Arm.

„Du bist klüger als ich“, fuhr sie fort. „Und ich bin ein Mädchen. Ich kann auf den Feldern was dazuverdienen, während du in die Schule gehst.“

Ihre Stimme wollte ihr brechen, als sie das sagte.

Ich musste schlucken, dann fragte ich: „Ist … ist das dein Ernst?“

Sie nickte, und mit dieser knappen Geste lag die Zukunft meiner Familie auf meinen Schultern. Ich war tief gerührt von der Opferbereitschaft meiner Schwester.

Und so packte ich meine paar Siebensachen, verabschiedete mich von den Meinen und begab mich ins Internat. Als ich dort ankam, war mir klar: Jetzt musst du beste Noten bringen, damit deine Eltern stolz auf dich sein können und deine Schwester ihr Opfer nicht umsonst gebracht hat.

Das Internat gab mir eine ganz neue Sicht auf die Welt. Von meinen vierzig neuen Klassenkameraden, die aus dem ganzen Bezirk kamen, waren manche wohlhabend, andere dagegen noch ärmer als meine Familie. Ihre Bekanntschaft half mir, über den Tellerrand meines kleinen Dorfes hinauszublicken. Auf einmal schien die Welt größer und bunter zu werden. Ich wohnte jetzt in einem Schülerwohnheim etwa fünfundzwanzig Kilometer von zu Hause.

Während der Woche arbeitete Qinghua zusammen mit unserem Halbbruder auf den Feldern. Meine Eltern konnten ihr noch nicht einmal richtige Schuhe bezahlen, sodass sie billige Gummischuhe tragen musste. Es war ihr peinlich, wenn jemand sie in diesen Schuhen sah, aber jede Woche marschierte sie in ihnen zu meiner Schule, um mir Lebensmittel zu bringen.

Telefon gab es natürlich nicht, sodass ich jedes Mal gespannt war, was für Nachrichten von zu Hause sie mitbrachte. Würde meine Mutter auch diese Woche am Leben bleiben mit ihrer Lungenkrankheit? Oder würde sie aufgeben und sich umbringen?

Wie aus heiterem Himmel kamen sie mir, diese Fragen, wenn ich an meinem Pult saß und der Lehrer irgendetwas in Mathematik oder Physik erklärte. Ich wollte so gerne aufpassen, aber die Fragen ließen mir einfach keine Ruhe. Zum Glück merkten meine Lehrer es nicht, wenn ich so zerstreut war, und meine Noten waren sehr gut. Wieder ernannte man mich zum Aufsichtsschüler.

Da dies ein Internat war, lernten viele von uns zum ersten Mal in ihrem Leben, selbstständig zu sein. Es war nicht einfach, so weit von zu Hause entfernt zu sein. Meistens nahmen wir uns zusammen, aber eines Tages begann eine Mitschülerin mitten im Unterricht, haltlos zu weinen. „Meine Eltern können sich diese Schule nicht mehr leisten“, schluchzte sie. Sie war das fünfte von sieben Kindern, und ihre Eltern konnten die Familie kaum ernähren. „Meine Mutter hat gesagt, ich soll nach Hause zurückkommen.“

Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich wohlhabende Eltern gehabt hätte. Doch da ich als Kind zweier schwer kranker Bauern aufgewachsen war, gingen mir Armutsschicksale ans Herz. Ich wusste: Die Armut war die große Krankheit unseres Volkes. Und da der einzige Weg hinaus aus einem Dasein als armer Bauer eine gute Schulbildung war, konnte ich den Gedanken, dass meine Kameradin zurück in ihr Dorf in den Hunger und das Elend musste, nicht ertragen.

Aber wie konnte ich ihr helfen? Ich war doch auch nur ein Schüler! Wenn Qinghua sich nicht so für mich aufgeopfert und mir jede Woche mein Essen gebracht hätte, hätte ich selbst nichts. Ich hatte nichts an Geld oder Essen übrig, das ich jemand anderem hätte geben können. Was sollte ich nur machen?

Nun, gleich in der nächsten Woche trommelte ich ein paar meiner Klassenkameraden zusammen, und wir radelten zum Dorf der Schülerin. Ich hatte keinen Plan, als wir an die Tür des Hauses ihrer Eltern klopften und diese uns öffneten. So tat ich das Einzige, was ich konnte: Ich bettelte.

„Bitte nehmen Sie sie nicht von der Schule“, begann ich, kaum dass ich sie sah. Die Eltern waren einfache Leute, ihre Kleider sahen alt aus. Ich erzählte ihnen, wie gut ihre Tochter in der Schule war und wie das ihre einzige Chance für eine bessere Zukunft darstellte. Ich merkte, wie das Gesicht der Mutter allmählich weicher wurde, und aufs Geratewohl machte ich ein feierliches Versprechen. Ich hatte keinen Schimmer, wie ich es halten sollte, aber ich machte es trotzdem.

Ich zeigte auf meine Kameraden und sagte: „Wir werden für sie sorgen. Wenn Sie sie in der Schule lassen, brauchen Sie sich um das Geld keine Sorgen mehr zu machen.“

Es war ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnten. Sie dankten uns, und froh gestimmt fuhren wir auf unseren Fahrrädern zurück zur Schule. Doch mit jedem Tritt in die Pedale liefen meine Gedanken auf Hochtouren. Wie, um alles in der Welt, sollte ich das hier schaffen?

Als wir wieder in der Schule waren, fragte ich jeden Schüler, der mir über den Weg lief: „Wärst du bereit, ein paar Essensmarken zu spenden, damit eine Freundin nicht von der Schule muss?“

Und die Marken kamen, jede Woche. Unsere Mitschülerin hatte immer genug zu essen. Sie war so gerührt, dass sie sich unsterblich in mich verknallte. Den Rest des Schuljahrs musste ich dauernd versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen, sie machte mich so nervös.

Als ich in der Oberstufe war, ging es einer anderen Schülerin in meiner Schule noch schlechter. Sie war ganz allein auf der Welt. Ihre Eltern waren beide gestorben, und jetzt war sie in der Obhut von Stiefeltern, die sie nicht so gut behandelten wie ihre eigenen Kinder. Es ging ihr wie Aschenputtel: Sie gehörte nirgendshin und galt als nutzlose Esserin. Seit sie auf dieses Internat ging, schickten ihre Stiefeltern ihr nie etwas zu essen. Wenn sie in den Ferien zu Hause war, schikanierten und schlugen sie sie.

Eines Tages – es war in ihrem Abschlussschuljahr – sah ich sie, wie sie weinend in einer Ecke saß, in den Händen eine winzige Tüte mit Brotresten. „Was ist los?“, fragte ich.

„Meine Stiefeltern schicken mir nichts zu essen, und ich hab solchen Hunger“, schluchzte sie. „Und sie wollen mich von der Schule nehmen.“ Sie bekam die Worte kaum heraus.

Von der Schule nehmen? So kurz vor dem Ziel? Dabei war für dieses Mädchen, auf das zu Hause Schläge statt Liebe warteten, die Schule das einzige Rettungsseil, an dem es sich aus seinem Elendsloch herausziehen konnte.

Ich trommelte ein paar meiner Kameraden zusammen. „Leute, werft euch in Schale“, sagte ich, „und holt eure Fahrräder, jetzt gleich. Wir haben zu tun.“

Wieder hatte ich eigentlich keinen Plan, außer dass ich wusste: Diesmal durfte ich nicht betteln wie bei den anderen Eltern. Hier galt es, fest zu sein. Während ich auf dem Fahrrad saß und in der Ferne die Hütte der Stiefeltern des Mädchens sah, kam mir eine Idee.

Als wir fast da waren, versammelte ich meine Mannen zu einem kurzen Kriegsrat. Zum Glück hatten wir einen Schüler dabei, der hoch aufgeschossen war und relativ erwachsen aussah. Ich zeigte auf ihn. „Okay. Du bist jetzt der Rektor der Schule.“ Mein Finger wanderte zu einem kleineren, aber ernst aussehenden Schüler. „Und du bist der Aufsichtsschüler der Klasse.“

„Was?“, protestierte er. „So was war ich noch nie!“

„Die nächste Stunde bist du’s halt“, grinste ich.

Ich inspizierte den Rest unseres kleinen Trupps. Selbst in unseren besten Kleidern sahen wir nicht besonders beeindruckend aus. „Mach dich so groß, wie du kannst“, sagte ich einem anderen Kameraden, „damit du älter aussiehst. Du bist nämlich gleich der Klassenlehrer. Und du“ – ich zeigte auf den Letzten – „bist der Konrektor.“

Nachdem ich jedem seine Rolle zugeteilt hatte, fuhren wir vollends zu dem Haus und klopften laut an. Die Stiefeltern öffneten. Ihre Augen wurden groß, als sie die gut angezogenen Fremden sahen.

„Wir kommen von der Schule Ihrer Tochter.“ Ich machte meine Stimme so amtlich und kräftig wie möglich. Die Jahre, in denen die Stimme des Parteisekretärs mich geweckt hatte, der unseren Nachbarn anschrie, machten sich jetzt bezahlt. „Wir müssen uns mit Ihnen über Ihre Tochter unterhalten.“

Die Mutter musterte mich kritisch. Roch sie den Braten? Aber es war zu spät für einen anderen Plan. Ich schluckte und fuhr fort: „Darf ich Ihnen die Personen vorstellen, die mit mir gekommen sind? Bitte sehr – der Rektor, der Konrektor, der Aufsichtsschüler der Klasse und der Klassenlehrer Ihrer Tochter.“

Ich machte eine Pause, damit die Eltern den ganzen Ernst der Situation erfassten. Es musste etwas sehr Ernstes vorgefallen sein, wenn eine solche Delegation kam …

Ich fuhr fort: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass Ihre Tochter zu Hause schlecht behandelt wird und dass Sie sie von der Schule nehmen wollen.“

Die Stiefeltern, die als einfache Bauern keinerlei Erfahrung im Umgang mit dem Partei-Establishment hatten, schienen sichtlich erschrocken. Die Frau, die so böse zu unserer Klassenkameradin gewesen war, klammerte sich plötzlich Halt suchend an den Türpfosten.

Ich hakte nach. „Wir können die Art, wie Sie sie behandeln, nicht dulden. Sie ist Ihre Tochter, und als solche hat sie Rechte. Es geht nicht an, dass Sie ihr nichts zu essen schicken. Wenn Sie Schwierigkeiten haben, wird die Schule gerne helfen.“ Und ich sah sie fest an und schloss: „Aber wenn Sie ihr weiter das Leben schwer machen, werden Sie die Verantwortung tragen.“

Ein paar Tage danach bekam das Mädchen einen Brief von zu Hause. Ihre Stiefeltern hatten es sich anders überlegt; sie durfte auf der Schule bleiben. Ja, besser noch: Jetzt schickten sie ihr auch zu essen, sodass sie nicht mehr mit leerem Magen lernen musste. Ich war überglücklich; wir hatten eine Freundin vor einem Leben in Armut gerettet! Als ich meiner Schwester und Mutter davon erzählte, lachten sie. „Und wen willst du als Nächsten unter deine Fittiche nehmen?“ Meine Mutter sagte: „Cao xin ren“ – „Du hast ein Herz, das sich um andere kümmert.“ Sie begriff, dass die Not anderer Menschen mir zu Herzen ging, und fing an, mich scherzhaft „Herzenslastenträger“ zu nennen.

Ich war ein sensibler Junge, aber meine Schule, das Gymnasium der Stadt Gaomi, wurde wie eine Militärakademie geführt. Drei Jahre lang begann unser Tag morgens um halb sieben mit mehreren Runden auf der Aschenbahn des Sportplatzes. Erst nach der körperlichen Ertüchtigung kam die geistige. Unser Rektor war als streng bekannt; für ihn waren Regeln dazu da, um befolgt zu werden. Doch er behandelte mich achtungsvoll und unterhielt sich gerne mit mir über das, was in der Politik und in der großen weiten Welt geschah.

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