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Michael und Gina Spehn

Die Farbe des Regens

Als alles zu Ende schien,
fanden wir unser zweites Glück

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel

Ins Deutsche übersetzt von Evelyn Reuter

Originally published in the U.S.A. by Zondervan, Grand Rapids,

© der deutschen Ausgabe 2014 Brunnen Verlag Gießen

Für unsere Kinder
Charlotte ~ Jack ~ Drew ~ Sam ~ Dan

Inhalt

Vorwort

Teil 1 – Der Herbst

Der 11. September

Der See

Die Diagnose

Mein Vater

Etwas wie Sieg

Der Boss

Durchs Tal

Die Rückkehr

Der Güterzug

Das Leben ist gut

Beziehungen

Der besondere Samstagmorgen

Teil 2 – Der Winter

Stille Nacht

Der Coach

Weihnachten

Der Applaus der Engel

In der Notfallambulanz

Dankbarkeit

Nur sechzehn Tage

Fünf Luftballons

Der 27. Februar

Der Traum

Die Kinder

Warum nur?

An meiner Seite

Die Einzige, die ich kenne

Fünf Kirchenbänke

Teil 3 – Das neue Leben

Der Anruf

Das Abendessen

E-Mail von Hoke

Der Friedhof

Bergwanderung zum See

Nächtliche Anrufe

Neue Blickrichtung

Das Rendezvous

Abend auf der Terrasse

Die Stiftung

Der doppelte Regenbogen

Der Heiratsantrag

Austauschbar

Der stille See

Hochzeitsvorbereitungen

Der neue Morgen

Epilog

Vorwort

Ein hochgewachsener Mann in weißem Kittel betritt das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen. Er hat olivfarbene Haut, dunkles, gewelltes Haar und spricht, wie sich herausstellt, mit einem leichten arabischen Akzent. Sieben Erwachsene sind jetzt im Raum versammelt. Keiner gibt einen Laut von sich. Der Mann vermeidet es, jemandem in die Augen zu sehen. Zielstrebig tritt er ans Bett, immer noch stumm. Er faltet das Stethoskop in seiner Hand auseinander und führt die Ohrstöpsel ein. Eine Routinearbeit, die er schon tausendmal gemacht hat. Dennoch ist er sich bewusst, dass aller Augen auf ihn gerichtet sind und die Anwesenden jede einzelne Bewegung aufmerksam verfolgen. Er blickt weder nach links noch rechts, noch nimmt er die Menschen im Raum wahr. Er tut einfach seine Arbeit.

Der Mann setzt die Membran des Stethoskops auf die Brust der Patientin. Er bewegt das Stethoskop leicht hin und her, hält inne und horcht, bewegt es zum zweiten Mal, ganz langsam, horcht wieder. Er bewegt es ein drittes Mal. Niemand spricht. Kein einziger Laut ist zu hören. Die Schwester, die neben dem Bett steht, wendet schweigend den Blick ab.

Dann faltet der Mann im weißen Kittel sein Stethoskop zusammen, wirft mir einen nervösen Blick zu und sagt den einzigen Satz, den ich jemals von ihm hören werde.

„Es tut mir leid“, sagt er und geht aus dem Zimmer.

Es ist der 28. Februar, morgens um 0.35 Uhr.

Teil 1

Der Herbst

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Der 11. September

Gina

Es war der Morgen meines zweiunddreißigsten Geburtstags und ich freute mich schon auf das Essen mit meinen Eltern. Mein Vater und ich haben am selben Tag Geburtstag, und meine Mutter kochte für uns jedes Jahr unser Lieblingsessen, Linguini mit ihrer legendären Sauce Bolognese. Wenn jemand Antoinette Valenti heißt, wissen alle, dass ihre hausgemachten Nudelsoßen ein Gedicht sein müssen. Doch egal, wie italienisch ein Name auch klingen mag – mir ist noch nie jemand begegnet, der so gut italienisch kocht wie meine Mutter.

Helles Sonnenlicht badete die Küche in einem warmen Glanz. Unser zweijähriger Sohn Andrew, genannt Drew, hatte gerade seinen Haferbrei gegessen, und sein jüngerer Bruder Sam saß im Hochstuhl. Er schluckte abwechselnd einen Löffel Babybrei und warf mit Spielsachen, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung hörte ich die Stimme meiner besten Freundin, Colleen Schomaker, mit einer Soloeinlage von „Happy Birthday“. Sie sang mit doppelter Geschwindigkeit in einer Art Sprechgesang und ergänzte ihre Glückwünsche mit der Bemerkung, dass ich noch immer die Ältere sei. Wir beendeten das Gespräch mit einer Verabredung zum Mittagessen.

Als ich den Hörer auflegte, blieb mein Blick am Fernsehschirm hängen. Schwarze Rauchfahnen quollen aus einem der Wolkenkratzer des World Trade Centers in New York. Ich stützte mich auf die Arbeitsplatte und starrte fassungslos auf den Bildschirm meines kleinen Schwarz-Weiß-Gerätes in der Küche. Dann rief ich Colleen zurück.

„Siehst du gerade fern?“

„Ja. Ist es nicht furchtbar? Ich kann es einfach nicht fassen.“

Wir tauschten uns ein paar Minuten aus und legten wieder auf. Inzwischen hatte ich den Fernseher im Wohnzimmer eingeschaltet. Sam saß immer noch im Hochstuhl und wurde von Drew unterhalten, während ich sah, wie ein Flugzeug in den zweiten Wolkenkratzer der Twin Towers krachte. Bei jeder Wiederholung der Szene krümmte ich mich innerlich. Wie versteinert saß ich auf dem Couchtisch und spürte, wie mein Magen sich zusammenkrampfte. Tief erschüttert über das Unfassbare starrte ich, gemeinsam mit Millionen von Fernsehzuschauern, an diesem wunderschönen Septembertag auf den Bildschirm. Hilflos sah ich, wie unser Land in seinen Grundfesten erschüttert wurde.

Mein Mann, Matt, brauchte an diesem Tag mehrere Stunden für den Heimweg von seinem Büro beim Fernsehsender NBC in Detroit zu uns. Als ich das Garagentor hörte, lief ich ihm entgegen. Wir fielen uns in die Arme und hielten uns fest, sprachlos und erschüttert von dem Geschehen. Meine Eltern waren inzwischen schon bei uns angekommen. Die Zeit schien stillzustehen, während wir zusammen die Nachrichten verfolgten. Gegen fünf Uhr ging ich nach draußen, um den Kopf frei zu bekommen. Geblendet von der Spätnachmittagssonne fühlte ich mich, als ob ich den Tag in einem Tunnel verbracht hätte. Mein ganzer Körper war verspannt und schmerzte. Es war alles so unwirklich, und es war noch nicht einmal in unserer Nähe passiert, sondern im fernen New York. Trotzdem betraf es unser ganzes Land. Das Land, in dem ich mich immer sicher gefühlt hatte. Und eine Stadt, die wir oft besucht hatten und in der Menschen wohnten, die wir kannten und liebten. Diese Tragödie passierte ganz normalen Leuten. Sie ging uns alle an.

Beim Abendessen war es ungewöhnlich still, nur die Kinder verbreiteten ein gewisses Gefühl von Normalität. Die Welt mochte aufhören, sich zu drehen, aber Drew würde immer noch Spaghettisoße im Gesicht haben, und Sam würde von seinem Hochstuhl aus Sachen durch die Gegend werfen. Wir Erwachsenen aßen schweigend und brachten nur zwischendurch unsere Trauer zum Ausdruck, aber auch Dankbarkeit und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen in ganz Amerika.

An jenem Abend nahm ich mir viel Zeit, um die Jungen ins Bett zu bringen. Wir brauchten eine ganze Stunde zum Kuscheln, Vorlesen und das Gute-Nacht-Gebet. In was für eine Welt hatte ich die Kinder hineingeboren? Ich deckte sie zu und ging hinunter ins Wohnzimmer, wo ich Matt weinend in die Arme fiel. Der Fernseher lief noch immer, allerdings ohne Ton, und wir starrten stumm auf den Bildschirm.

„Ich habe ein Geschenk für dich“, sagte Matt.

„Wofür?“, fragte ich. Dann fiel mir ein, dass ich ja Geburtstag hatte. „Mir ist nicht nach Feiern zumute. Kann ich es auch morgen öffnen?“

„Okay, aber dann lies wenigstens das.“ Er reichte mir einen Brief.

Liebe Gina,

11. Sept. 2001

gerade am heutigen Tag mit seinen schrecklichen Ereignissen möchte ich dir noch einmal sagen, wie viel du mir bedeutest und wie glücklich ich bin, mit dir verheiratet zu sein.

Ich weiß, dass dein Alltag oft ermüdend ist und viele Dinge, die du tust, unbemerkt bleiben und nicht genug gewürdigt werden. Aber du sollst wissen, dass sich in der undankbaren Routine die wichtigste Aufgabe der Welt verbirgt – eine Aufgabe, in der Gottes Wirken sichtbar wird und deren Früchte wir beide im Laufe der Zeit ernten dürfen: Gemeinsam zu erleben, wie unsere kleinen Jungen zu erwachsenen Männern werden, ist ein großes Geschenk, und ich bin dankbar für unsere Ehe und dass ich diese Erfahrung mit dir teilen darf.

Du bist eine tolle Mutter.

Du bist eine wunderbare Ehefrau.

Du bist mein bester Freund.

Und du bist wunderschön.

Alles Liebe zum Geburtstag,

dein Matt

Seine Worte taten gut, und seine Liebenswürdigkeit ließ mich neue Hoffnung schöpfen. Matt gab mir die Geborgenheit, die ich brauchte, und das Gefühl, geliebt zu sein und etwas Sinnvolles zu tun. Und sogar, hübsch zu sein. Was, wie jede Mutter von kleinen Kindern weiß, in dieser Lebensphase nicht einfach ist. In einer Zeit, in der berufliche Anforderungen und die Kinder unser Eheleben auf eine harte Probe stellten – und dazu am schlimmsten Tag in der Geschichte unseres Landes –, schenkte mir Matt mit seinem Brief eine neue Perspektive für unsere gemeinsame Zukunft. Dieser Brief war das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe.

Wenige Tage nach dem 11. September flogen wir nach Kalifornien, um dort unseren zehnjährigen Hochzeitstag zu feiern. Wir haben im Oktober geheiratet, aber aus organisatorischen Gründen mussten wir die Reise vorziehen. In San Francisco mieteten wir einen Wagen und genossen die Fahrt an der Pazifikküste hinunter nach Big Sur. Matt war in seinem Element. Wir waren umgeben von der Schönheit der Schöpfung – links die Berge, rechts der tosende Pazifik. Und wir mittendrin mit unserem kleinen, schwarzen Sportwagen. Es war himmlisch. Wir folgten der bekannten Küstenstraße und freuten uns an dem grandiosen Ausblick: Seeotter, haushohe Palmen und die berühmte „Lone Cypress“, eine einsame Zypresse auf einem zerklüfteten Felsen in der Brandung. Auf der Küstenstraße, dem berühmten Highway 1, fuhren wir weiter nach Süden bis zu einem ruhigen Wellness- und Romantikhotel in den Bergen.

Bei unserer Ankunft bemerkten wir verzückt lächelnde Gäste, die in weißen Bademänteln durch die Grünanlagen flanierten. Bevor der Chefportier die Autotür öffnen konnte, beugte sich Matt zu mir und raunte mir zu: „Romantikhotel oder Irrenanstalt?“

„Egal, für uns passt beides“, antwortete ich lachend.

Das Hotel kam einem leichten Kulturschock gleich, aber es war wie geschaffen für eine ruhige, romantische Auszeit und wir gewöhnten uns schnell an das besondere Ambiente. Nachdem wir uns über die Verrückten in den Bademänteln mokiert hatten, schlüpften wir eine Viertelstunde später selbst in die mit Monogramm versehenen Frotteegewänder und die dazugehörenden weißen Pantoffeln, nippten an einem leichten, kalifornischen Cabernet und lustwandelten durch den Garten zum japanischen Badehaus. Dabei kicherten wir wie Kinder, die etwas Verbotenes tun, ohne dabei erwischt zu werden. Wir hatten nur zwei Tage, um den Luxus zu genießen, und wir nutzten das aus, schwelgten in gutem Essen und atmeten den süßen Duft des Jasmins.

Nach dem Abendessen saßen wir auf der Terrasse unseres Bungalows mit Blick auf die stillen Berghänge. Ich lehnte den Kopf zurück und spürte, wie sich die Anspannung der letzten Tage langsam zu lösen begann. Als ich die Augen aufschlug, lag vor mir eine geöffnete Schmuckschachtel mit einem Paar wunderschöner Brillantohrringe und dazu eine auf Hotelbriefpapier geschriebene Notiz:

Ich hatte eine Idee: Wenn Sam und Drew erwachsen sind, schenken wir jedem von ihnen einen Ohrring, dann haben sie einen Brillanten als „Anzahlung“ für ihre Verlobungsringe. Und wir gehen los und kaufen dir zwei neue, richtig große Steine! Ich liebe dich. – M.

Ich umarmte Matt und wir küssten uns. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Ohrringe waren wunderschön, aber noch schöner fand ich seine Idee. Mit diesem Geschenk hatte er gleich fünf Personen bedacht: mich, unsere Söhne und ihre zukünftigen Frauen. Seine vorausschauende Liebe würde Menschen berühren, die er noch gar nicht kannte.

„Los, probier sie an!“, sagte er lächelnd. Er wusste, dass er mich ertappt hatte. Matt hatte mir immer gern Schmuck geschenkt, doch das meiste davon lag unberührt in meiner Kommode. Ketten oder Ohrringe empfand ich als ungewohnte Fremdkörper und neigte dazu, ständig daran herumzufingern. Was meinen geschäftigen Mann nicht davon abhielt, mir beharrlich weiter Schmuck zu kaufen. Jetzt, nach zehn Jahren, hatte er das perfekte Geschenk gefunden – dezent, elegant und mit einer besonderen Botschaft.

„Danke“, flüsterte ich. „Die Ohrringe sind traumhaft. Und ich kann es kaum abwarten, bis die Jungen alt genug sind, um den tieferen Sinn des Geschenks zu begreifen.“

Matt schaltete den CD-Player auf dem Nachttisch ein. Die eingängige, sanfte Musik passte zu der Bademantel-und-Pantoffeln-Atmosphäre und wurde zum Soundtrack für unser Wochenende.

Wieder daheim, in der Woche unseres eigentlichen Hochzeitstages Anfang Oktober, waren wir frei von dem Druck, Geschenke zu kaufen oder für den besonderen Abend irgendwo einen Tisch zu reservieren. Wir zehrten noch von den Erinnerungen an die schöne Zeit in Kalifornien, doch wir waren froh, wieder zu Hause zu sein. Nirgendwo ist es schöner als in Michigan, wenn die Tage kürzer werden und die Luft nach Herbst riecht. Das bedeutete Sweatshirt-Wetter, Footballspiele und feuriges Chili con Carne.

Die Bäume verströmen bei ihrer alljährlichen Verwandlung einen ganz bestimmten, süßen Duft. Im Herbst mit seinen leuchtenden Farben und kühlen Temperaturen fühle ich mich jedes Mal voller Energie, als könnte ich Hunderte von Meilen joggen. Allerdings werde ich meistens nach den ersten zwei eines Besseren belehrt. Wie keine andere Jahreszeit weckt der Herbst alle Sinne, vielleicht weil wir den Anfang des Endes spüren können, das große Finale der Natur.

Matt war im Badezimmer und duschte, Sammy machte sein Morgenschläfchen, während ich mit Drew lustige Figuren aus Knete formte. Mein Blick fiel auf die Blätter, die direkt vor dem Fenster im Wind schaukelten. Bald schon würde das Blassgrün einem leuchtenden Rot, Orange oder Gelb weichen.

Plötzlich hörte ich Matt aus dem Schlafzimmer nach mir rufen. Ich ging zur Treppe und sah ihn oben stehen, mit nassen Haaren, ein Handtuch um die Hüften geschlungen.

„Fühl mal“, sagte er und presste den Finger auf seinen Oberschenkel. Zuerst dachte ich, er machte irgendeinen Scherz, doch sein Tonfall war ernst.

„Was ist denn?“ Ich rannte die Treppe hoch.

„Ich weiß nicht. Es fühlt sich an wie eine Murmel in meinem Bein, wie ein kleiner Tumor.“

Ich hielt in der Bewegung inne und sah ihn bestürzt an. „Ein Tumor? Wer sagt denn so was?“ Ich versuchte, ganz beiläufig zu klingen, aber es wollte mir nicht recht gelingen. Normalerweise denkt niemand sofort an einen Tumor, ohne zuerst alle anderen, harmlosen Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen. Nicht so in Matts Familie. Mit der genetischen Veranlagung väterlicherseits wusste Matt, dass er mit dem Schlimmsten rechnen musste. Wir befühlten beide seinen Oberschenkel. Die Murmel befand sich tief im Muskelgewebe. Wir beschlossen, dass es das Beste war, wenn Matt den Onkologen seines Vaters anrief.

Einige Tage später, genau an unserem Hochzeitstag, sah ich im Schlafzimmer die Musik-CD aus Kalifornien liegen. Auf einmal wusste ich, dass es kein Zufall war, dass wir unsere Reise schon im September gemacht hatten, sondern Gottes weise Voraussicht.

Matt lag im Bett und erholte sich von der Operation, bei der ihm ein Tumor aus dem Bein entfernt worden war. Ich legte die CD ein und drückte auf „Play“. Die beiden letzten Songs waren „Babe, I’m Gonna Leave You“ und „Stairway to Heaven“.

Der Herbst hatte uns eingeholt.

Der See

Michael

Kaltes Quellwasser sprudelt über die kleinen Steine am Ende des beliebten Strandes – das einzige Geräusch in der stillen Morgendämmerung am Mullett Lake im Norden von Michigan. Die kristallklare Wasserfläche liegt reglos da, glatt und vollkommen. In der Ferne, im ersten Licht des Tages, schnellt ein Flussbarsch in den orangeroten Himmel und schnappt nach einem Insekt, bevor er ins Wasser zurückgleitet. Kleine, lautlose Wellen verlieren sich am Horizont, der jetzt glutrot leuchtet. Während die Sonne aufgeht und das Licht die Dunkelheit zurückdrängt, stehe ich da und staune und wünschte, die Welt könnte noch ein kleines bisschen länger in diesem Zustand der Vollkommenheit verweilen.

Aber im selben bittersüßen Moment weiß ich, dass die Stille von einem Augenblick zum anderen dem geschäftigen Brausen weichen muss, das jeden neuen Tag einläutet. Autos und Lärm, Menschen und Boote, Hektik und Betrieb – der ganze Segen und Fluch der Freizeitindustrie, der den Raum zwischen Sonnenaufgang und Abenddämmerung füllt, wird mich bald eingeholt haben. Die stille Glückseligkeit am Mullett Lake ist flüchtig wie der Morgen; eng verwachsen wie bei Shakespeare sind Freund und Feind, schön und grausam zugleich, denn der See lockt täglich mit seinem Versprechen, und der Schmerz über seine verlorene Unschuld trifft mich jedes Mal bis ins Herz.

Der Mullett Lake gehört zu den größten und tiefsten Binnengewässern der USA. Für meine Frau Cathy war der See ein ganz besonderer, einzigartiger und spiritueller Ort. Ihre Eltern, Larry und Jill Lutz, besaßen ein Ferienhaus mit eigenem Sandstrand, wo Cathy unzählige Sommerwochen verbracht hatte. Seit ich denken kann, zog es sie regelmäßig in den Norden und sie verzehrte sich vor Heimweh, wenn sie zu lange nicht dort gewesen war. Am See war Cathy ein anderer Mensch. Es war, als ob sie sich mit Flip-Flops und Sonnenmilch auch eine neue Identität zulegte. Und die Verwandlung stand ihr gut. Ihre schlanke Gestalt schien größer als die in ihrem Führerschein eingetragenen 1,65 m. Ihr Haar war von der Sonne gebleicht und von hellen Strähnen durchzogen. Verschwunden war die Blässe, die sie neun Monate im Jahr hatte, und ihre helle Haut nahm eine dunkelbraune Färbung an, die in Kontrast zu ihren schneeweißen Zähnen stand, wenn sie lächelte. Das Leben am See tat ihr gut.

Mich musste sie allerdings erst überzeugen. In unseren Anfängen, als wir ein frisch verliebtes Paar waren, lud sie mich ein, mit zum Mullett Lake ins Ferienhaus ihrer Eltern zu fahren. Ich war alles andere als begeistert. Ich war ein Stadtmensch, und ich war es gern. Campingurlaube und Ähnliches waren mir ein Gräuel. Ich brauchte einen gewissen Komfort und träumte von einem schönen Hotel mit Pool und Zimmerservice bis nach Mitternacht. Die Erinnerungen an meinen einzigen „Abenteuer-Urlaub“ stammten aus der Zeit, als mein Vater meine drei Geschwister und mich nach Wisconsin in ein Blockhaus geschleppt hatte, um uns die Natur nahezubringen. Es war ziemlich schrecklich.

„Es wird dir bestimmt gefallen“, behauptete Cathy.

„Es wird mir bestimmt nicht gefallen“, widersprach ich. „Fischgeruch, primitive Holzhütten und Schwärme von Moskitos …“

„Es ist ganz anders“, lächelte sie. „Außerdem brauchen wir dringend eine schöne, erholsame Pause.“

„Eine Pause im Hyatt wäre mir lieber. Mit Wellness, Whirlpool und Frühstücksbuffet. Das nenne ich erholsam. Dort oben in der Wildnis gibt es keine Innentoiletten und kein warmes Wasser.“

Aber wie wir alle wissen, tun wir aus Liebe manchmal die unmöglichsten Dinge. Also packte ich eine Batterie Sonnencreme mit dem höchsten Lichtschutzfaktor, Mückenspray und einen Kanister beruhigende Hautlotion gegen Juckreiz ein, wir verließen Chicago und nahmen den Highway nach Norden.

Als wir am Mullett Lake ankamen, wurden alle meine Befürchtungen von Plumpsklos und Hinterwäldlertum zerstreut. Wie sich herausstellte, war das Ferienhaus ein richtiges Haus, ein gepflegtes Anwesen mit sechs Zimmern, zwei Badezimmern und gehobener Ausstattung. Die Inneneinrichtung war sehr geschmackvoll, in schnörkellosem, modernem Stil mit einem Hauch ländlichem Charme. Man merkte, dass Larry Lutz in der Möbelbranche tätig war. Die makellos weißen Wände waren schmucklos bis auf drei riesige gerahmte Fotografien im Wohnzimmer, die Cathys Vater gemacht hatte. Draußen erstreckte sich ein über dreißig Meter langer Privatstrand mit allen Wasserspielzeugen, die das Herz begehrte: diversen Booten, Wasserskiern, Ponton-Booten und sogar einem Jetboot.

In der Nähe entdeckte ich einen Golfplatz mit dem Namen The Secret (das Geheimnis) – ein kleiner, halb privater Platz mitten im Kiefernwald, wo es für mich anscheinend immer eine Lücke im Belegungsplan gab und ich spielen durfte, wann immer ich fragte. Die Leute dort waren sehr nett und das Gelände nicht zu schwierig. Bald entwickelte ich eine Hassliebe zu Loch Nummer acht, das meinen Ehrgeiz jedes Mal aufs Neue anstachelte, denn ich hatte es mir zum Ziel gesetzt, das Grün in zwei Schlägen zu erreichen, obwohl genau davor – strategisch platziert – ein kleiner Teich lag. Auf diesem Golfplatz machte ich meinen Frieden mit Mullett Lake. Und von da an begann ich, mich auf die Zeit am See genauso zu freuen wie Cathy.

Eines Tages fasste ich den Mut, sie zu fragen, ob sie mich heiraten wollte, und sie sagte Ja. Am Tag unserer Hochzeit, als ich vor dem Altar auf sie wartete, wanderten meine Augen zu den zahlreichen Freunden und Verwandten in den Kirchenbänken. Mein Vater fing meinen Blick auf und lächelte ein feierliches Hochzeitslächeln. Genau in dem Moment, als er sich zum Eingang umdrehte, betrat Cathy die Szene, strahlend wie ein Engel. Als er mich das nächste Mal ansah, schien er wie geblendet von ihrem Anblick. Ich konnte ihn gut verstehen. Cathy hatte diese Wirkung auf Menschen.

Es war ihr Lächeln, das mich bei unserer ersten Bewegung gefesselt hatte; es ließ mich nie mehr los. In ihrem Lächeln lag eine Aufrichtigkeit, die niemanden unberührt ließ, eine tiefe menschliche Wärme, die aus ihrem Inneren kam und ganz selbstverständlich nach außen drang. Wie Lava unaufhaltsam aus einem Vulkan strömt, gab es nichts, was Cathys Lächeln aufhalten konnte. Es konnte Menschen verzaubern und in seinen Bann ziehen – manchmal für immer.

Wie in meinem Fall.

Die Diagnose

Gina

In der Woche unseres zehnten Hochzeitstages wurde bei Matt zum ersten Mal die Diagnose Krebs gestellt. Danach fühlte ich mich monatelang, als müsste ich zusehen, wie am 11. September der Rauch aus dem World Trade Center quoll. Ein Schicksalsschlag, der unser Leben betraf – und dennoch beobachtete ich alles wie aus weiter Ferne. Ich wusste, was ich zu tun hatte, ich funktionierte wie ein Sanitäter beim Katastrophenschutz, um das Leben meines Mannes zu retten.

Wir suchten das Krebszentrum der University of Michigan auf und das Anderson-Zentrum für Krebstherapie in Houston, bewaffnet mit Stapeln von Statistiken, wissenschaftlichen Berichten und Hintergrundinformationen zu Matts Familie. Die Ärzte beider Kliniken, mit denen wir sprachen, waren langjährige Kollegen, die sich in allem, was Matts Fall betraf, einig waren – bis auf ein entscheidendes Detail. Es war uns bekannt, dass Chemotherapie und Bestrahlung bei Matts Krebserkrankung zu einer rascheren Ausbreitung führen konnte, aber einer der beiden Mediziner war überzeugt, dass der Nutzen größer wäre als die Risiken. Er sagte wörtlich, es sei ein „tödlicher Fehler“, auf die Chemotherapie zu verzichten. Doch egal, wofür wir uns entscheiden würden, es konnte so oder so tödlich ausgehen. Die einzige sichere Komponente war Matts Vorgeschichte vonseiten seiner Familie.

In der Schule habe ich mich nie für das Fach Geschichte interessiert und bin leider bis ins Erwachsenenalter ziemlich ignorant geblieben. Bei einem Stegreif-Test über den amerikanischen Bürgerkrieg würde ich wahrscheinlich immer noch durchfallen, aber eines weiß ich ganz sicher: Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, wiederholt ihre Fehler. In Matts Familie hatte niemand der am Leiomyosarkom Erkrankten auf die herkömmliche Chemotherapie angesprochen.

Hinter dem zungenbrecherischen Wort „Lei-o-mü-o-sarkom“ verbirgt sich eine seltene und aggressive Form von Krebs, die bereits Matts Vater und einige andere Familienmitglieder das Leben gekostet hatte. Alle waren jung gestorben, nach einem Chemotherapie-Cocktail, laut Schulmedizin „das Beste, was wir anzubieten haben“.

Entgegen der Meinung mehrerer Spezialisten hielten wir daran fest, dass wir diesen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen wollten.

Mediziner stehen gewöhnlich unter dem Druck zu handeln, selbst wenn dadurch das Leiden nur verlängert wird und das Ergebnis im Endeffekt dasselbe ist. Matt dagegen hatte klare Vorstellungen davon, wie er mit seiner Krebserkrankung leben wollte, und das schloss eine Chemotherapie im üblichen Sinn aus.

Siebzehn Monate lang befanden wir uns in einer Phase des Beobachtens und Abwartens. Matt ging regelmäßig zur Untersuchung und zur Computertomografie, aber ansonsten hatte sich für uns äußerlich nichts drastisch geändert. Es ging ihm vorwiegend gut und wir führten ein größtenteils normales Leben. Ich wurde zur Expertin, was den Umgang mit Krebs im Alltag betraf, und versuchte, die perfekte Hausfrau, Mutter und Ehefrau zu sein.

Es funktionierte nicht. Matt verbrachte das erste Jahr nach seiner Diagnose damit, sich in seine eigene Welt zurückzuziehen. Ich spürte die Kluft zwischen uns, aber ich konnte nichts dagegen tun. Die Kinder und ich verkörperten für ihn eine schmerzhafte Realität, und er flüchtete sich mehr und mehr in Arbeit, Essen und Trinken, um seinen Schmerz zu betäuben. Leider waren nie genug Oliven mit Blauschimmelkäse im Kühlschrank, um seinen inneren Hunger zu stillen.

Ich saß zusammengesunken auf einem Hocker an der Küchentheke und starrte auf die digitale Zeitanzeige des Mikrowellenherdes, die 16:14 Uhr zeigte. Im Haus war es ungewöhnlich still. Mein Kopf war schwer, mein heißer Tee längst kalt geworden. Vor mir lag mein Kalender, in dem ich eine Brautparty, ein Wohltätigkeitsessen und unseren Familienurlaub in Florida gestrichen hatte. Stattdessen trug ich Matts Termine ein: seine Lungenbiopsie sowie Termine bei Spezialisten in zwei privaten Krebskliniken in Boston sowie einen Termin bei Dr. Nicholas Gonzalez in Manhattan, einem Arzt für ganzheitliche Medizin.

Plötzlich durchzuckte mich der Gedanke: Wo sind die Kinder? Normalerweise brauche ich mir diese Frage nicht zu stellen, denn sie machen sich laut genug bemerkbar. Dann fiel mir ein, dass Sam immer noch seinen Mittagsschlaf hielt. Doch ich brauchte einige Sekunden länger, bis mir klar wurde, dass ich längst im Kindergarten sein sollte, um Drew abzuholen. Ich war eine halbe Stunde zu spät! Panisch rannte ich ins Kinderzimmer und riss Sammy aus dem Schlaf. In Windeseile verfrachtete ich ihn in seinen Autositz, drückte ihm eine Schnabeltasse mit Saft in die Hand, die unten im Auto lag, und raste los.

Ich spürte, wie mein Leben mir mehr und mehr entglitt. Noch während ich bei der Erzieherin eine Entschuldigung stammelte, begann ich zu schluchzen. Es war, als ob in dem Moment für mich das zweite Flugzeug ins World Trade Center krachte. Und diesmal befand ich mich mit in dem Gebäude.

Dass ich beinahe vergessen hatte, meinen vierjährigen Sohn abzuholen, war das erste Anzeichen dafür, dass Matts Besuch in der Klinik Anfang der Woche nicht spurlos an mir vorübergegangen war. Der Arzt hatte eine zweite Krebsdiagnose gestellt. Nach einem Routine-CT musste sich Matt einer kleineren, ambulanten Bauchoperation unterziehen, bei der ein winziger Knoten entfernt wurde, den man ursprünglich für ein harmloses Lipom hielt, einen gutartigen Tumor aus Fettgewebszellen. Ich hatte ihn in die Klinik gefahren und saß, mit Buch und Handy bewaffnet, im Wartezimmer.

Es war die übliche Routine, bis der Onkologe mich plötzlich in ein kleines Büro neben dem Wartezimmer rief. Als ich meine Sachen zusammensuchte, zitterten meine Hände. In wenigen Minuten würde ich die schlechte Nachricht hören. Danach würde nichts mehr sein wie zuvor.

„Ist noch jemand bei Ihnen?“, fragte der Arzt.

„Niemand außer Matt.“

Er zögerte, als überlegte er, ob er es mir sagen sollte.

„Ich kann es verkraften“, sagte ich mit fester Stimme. „Wir beschäftigen uns seit anderthalb Jahren mit dem Thema.“

Der Chirurg beugte sich vor und betrachtete seine Hände, während er sprach, als wollte er unbewusst prüfen, wie ruhig sie waren. „Wir konnten das Lipom aus dem Unterbauch Ihres Mannes entfernen, aber dahinter verbarg sich ein weiterer Tumor. Die Pathologie hat bestätigt, dass es ein Leiomyosarkom ist. Das CT zeigt außerdem Stellen in Lunge und Leber, bei denen es sich ebenfalls um Sarkome handeln könnte. Wir brauchen eine Lungenbiopsie, um sicherzugehen.“

Ich spürte, wie mein Herz wie wild zu hämmern begann. Es überraschte mich, dass mich die Neuigkeiten derart schockierten, doch es gelang mir, die Fassung zu bewahren. Der Arzt hatte nie „im Endstadium“ gesagt, doch der Begriff lauerte zwischen den Zeilen wie ein Tumor, der sich feige versteckte.

Matts Biopsie zwei Wochen später bestätigte nur, was wir bereits wussten. Diesmal war ich nicht allein. Achtzehn Freunde und Familienmitglieder saßen mit mir im Wartezimmer. Als wir die offizielle Diagnose hörten, brach der ganze Raum in Tränen aus. Die erste inoffizielle Totenklage für Matthew Kell.

Als ich endlich zu ihm durfte, war er sehr erschöpft und griff nach meiner Hand.

„Es ist das, was wir vermutet haben, oder?“

Als mir die Tränen in die Augen schossen, wusste er Bescheid. Er zog mich an sich.

„Es wird alles gut“, sagte er leise.

Wie gern hätte ich ihm das geglaubt. Aber ich konnte nicht verhindern, dass es mir den Boden unter den Füßen wegzog. Die Wolkenkratzer stürzten ein, und ich konnte nicht schnell genug weglaufen.

Unsere treue Gefolgschaft von Freunden und Verwandten verließ die Klinik, doch am nächsten Tag waren sie alle wieder da und scharten sich um Matt. Sie hatten das Bedürfnis, mit ihm zu sprechen und ihm nah zu sein. Ich weiß noch, wie ich immer wieder dachte, wie gesegnet wir waren, von solchen Menschen umgeben zu sein. Von Menschen, die keine Berührungsängste hatten und die in dieser schweren Zeit zu uns hielten. Viele Leute ziehen sich zurück, wenn sie mit Krankheit, Leid oder Tod konfrontiert werden. Nicht so unsere Freunde. Im Gegenteil, sie stellten ihr eigenes Leben hintenan, um uns beizustehen, und gaben damit Matt die Kraft, mit seiner Krankheit zu leben.

Eine Ordensschwester betrat das Krankenzimmer und fragte, ob sie für Matt beten dürfe. Einige von uns traten dazu. Wir fassten uns an den Händen, während sie für seine Heilung und um Gottes Kraft und Trost betete. Danach sagte Matt, dass er auch ein Gebet sprechen wollte. Ich las die Zustimmung in den Gesichtern der Umstehenden, konnte förmlich ihre Gedanken lesen: So ist es gut, Matt. Du bist stark. Bete, dass du den Krebs besiegst. Du kannst es schaffen! Wir neigten erneut die Köpfe, als Matt zu beten begann. Doch anstatt für sich selbst betete er für die Nonne und für ihren Dienst, und dass der Herr sie leiten und segnen möge. Nicht ein einziges Wort bezog sich auf ihn und seine Krankheit.

Dies war der Wendepunkt, der Moment, in dem sich Matts Blickwinkel änderte. Anstatt um sich selbst zu kreisen, nahm er seine Umwelt wieder wahr und richtete sein Augenmerk nach außen, auf seine Mitmenschen. Der Krebs konnte ihm nichts mehr anhaben. Sein Körper war schwach, aber sein Geist war stärker als je zuvor.

Mein Vater

Michael

In Chicago stehen die bescheidenen Bungalows und baufälligen Häuser aus rötlichen Sandsteinziegeln im Westen in krassem Gegensatz zum architektonischen Größenwahn der Skyline – eine für die Stadt typische Mischung aus Zynismus und Hoffnung. Wer in Chicago aufgewachsen ist, kennt auch die typischen Sprüche, die anscheinend von Generation zu Generation weitergegeben werden: „Vielleicht ist der nächste Bürgermeister weniger korrupt“, „Vielleicht wird es diesen Winter nicht so kalt“, „Vielleicht schaffen es die Cubs – die Chicago Cubs, eines der Baseball-Teams – dieses Jahr ins Finale der Profiliga“. Ganz bestimmt. Aber zuerst muss ein Wunder geschehen.

Ich war zweifellos ein Spötter, aber ich stand wenigstens dazu. Das Chicago meiner Jugendzeit war eine Hochburg der Skeptiker, angesichts der vielen Heuchler oder Christen, die ihren Glauben nicht praktizierten. Fruchtbarer Boden für eine Generation, die sich dazu berufen sah, mit Traditionen zu brechen und althergebrachte Werte infrage zu stellen. Ich wurde 1962 geboren – ein ziemlich bewegtes Jahr: John Glenn im Weltraum, die Kubakrise und Staatsbankette beim jungen, charismatischen Präsidenten Kennedy im Weißen Haus. Im selben Jahr erschien die erste Single der Beatles und Oswald, der spätere Mörder des Präsidenten, war bloß ein Verrückter, der an der Straßenecke Flugblätter verteilte.

Ich wuchs in einem katholischen Elternhaus auf, habe jedoch, wie so viele, der Kirche vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Meine Skepsis gegenüber allem, was nach Religion riecht, stammte aus meiner Zeit als Messdiener. Meine ganze Familie – mein Vater, meine Mutter, mein Onkel und mein ältester Bruder – hat eine katholisch geprägte Schulbildung, und alle sprachen offen über deren Vor- und Nachteile. Daher war ich gut informiert und hatte kein schlechtes Gewissen, als ich mich von der Kirche verabschiedete. Aber ich kann nicht genug betonen, dass ich niemals Gott infrage gestellt habe, sondern immer nur sein „Bodenpersonal“.

Als Kind gab es für mich nur eine Autoritätsperson, vor der ich einen unerschütterlichen Respekt hatte: mein Vater, Richard Spehn, alias „der Boss“ – ein selbst gewählter Titel, der zu ihm passte. Dad war nicht nur bei der Arbeit der Boss, sondern auch zu Hause. Er war die geborene Führungspersönlichkeit. Er strahlte eine natürliche Autorität aus, sodass jeder, der ihm begegnete, unweigerlich zu ihm aufsah. Meine beiden Brüder, meine Schwester und ich gehorchten ihm aufs Wort. „DB“ schrieb uns regelmäßig kleine Zettel mit Anweisungen wie: „Vergesst nicht, heute den Rasen zu mähen. DB.“ Der Boss.

Fast niemand nannte ihn Richard. Die meisten benutzten die Kurzform „Dick“. Später, als seine kleinen Enkel „Grandpa Dick“ noch nicht deutlich aussprechen konnten, wurde daraus „Gocka Hock“. So entstand sein Kosename „Hoke“.

Er liebte Kinder und die Kinder liebten ihn. Obwohl er immer hohe Erwartungen an sie stellte – seid höflich, benehmt euch, sammelt euren Müll auf –, hatte er bei den Kindern einen Stein im Brett. Mit ihm war es nie langweilig, denn er spielte gern und liebte es, neue Spiele zu erfinden. Wenn wir im Restaurant auf das Essen warteten, dauerte es nicht lange, und wir waren in ein Spiel mit Salzstreuern und Zuckerpäckchen vertieft.

Das Schlimmste für uns Kinder war, ihn zu enttäuschen. Nicht nur, weil er unser Vater war und wir auf sein Lob warteten wie jedes Kind, sondern weil wir wussten, dass er hohe Maßstäbe setzte. Wenn er uns lobte, dann wussten wir, dass wir es wirklich verdient hatten. Er hatte die Rolle als Lehrer, Beschützer und Ernährer, aber auch als Vermittler von Werten. Wenn Dad „Gut gemacht“ sagte, dann wussten wir, dass es wirklich eine Spitzenleistung war.

Als junge Erwachsene, die mehr und mehr ihre eigenen Entscheidungen trafen, geriet sein eigenes Rollenbild ins Wanken, und das verwirrte ihn. Der alte Löwe brüllte noch, aber die jungen Löwen sahen ihn mit anderen Augen. Damit konnte er schlecht umgehen. Ich glaube, am meisten Angst machte ihm der Gedanke, dass er eines Tages überflüssig sein würde. Mit Konflikten konnte er leben, aber nicht mit Gleichgültigkeit. Es war ihm egal, wenn man ihn für einen Blödmann hielt. Viel schlimmer war, wenn man ihn links liegen ließ – für „den Boss“ unakzeptabel.

Als ich zehn wurde, starb plötzlich mein Onkel Jack. Er war der Bruder meines Vaters und sein bester Freund. Dad machte es sich zur Aufgabe, sich um Jacks Familie zu kümmern. Meine Tante Peggy war jetzt allein mit ihren sechs Kindern, die eine Vaterfigur brauchten. Meine Geschwister und ich wünschten bloß, es müsste nicht unbedingt unser Vater sein.

Pflichtbewusstsein war ein wichtiger Begriff für meinen Dad, und Verantwortung kam bei ihm an erster Stelle.

„Es geht um die Ehre“, pflegte er zu sagen.

Egal, was „es“ war, es drehte sich immer um die Ehre. Dick Spehn lebte nach dem Motto der Marines, „semper fi – immer treu“. In seiner Jugend war er bei der Armee gewesen (wenn auch nicht beim Marine Corps) und war stolz darauf. Während des Koreakrieges war er in Cincinnati stationiert gewesen. Wenn das Gespräch darauf kam, dass er nie das Land verlassen und an der Front gekämpft hatte, konterte er immer mit demselben Witz: „Dank uns ist die Stadt Cincinnati nie in feindliche Hände gefallen.“

Wenn er freihatte, fuhr er fast jedes Wochenende zu Tante Peggy und unseren Cousins und Cousinen nach Barrington, einem adretten, von kleinen Seen umgebenen Vorort im Nordwesten Chicagos. Er machte sich in Haus und Garten nützlich, half Peggy bei ihrem Papierkram und kümmerte sich darum, dass sie das Geld aus der Lebensversicherung gut anlegte. Schon bald entstanden bei uns zu Hause Spannungen durch seine häufige Abwesenheit, und meine Eltern stritten sich regelmäßig und hackten aufeinander herum.

Mit meinen zehn Jahren fragte ich nicht groß nach den Hintergründen; doch ich wollte meinen Vater nicht verlieren. Wenn ich bei ihm sein und Zeit mit ihm verbringen wollte, musste ich wohl oder übel mit nach Barrington fahren. Bald schon wurden unsere gemeinsamen Fahrten zu einem festen Ritual, und ich freute mich auf unsere Besuche bei Tante Peggys Familie.

Bei unseren langen Autofahrten hatten wir viel Zeit, über alles Mögliche reden. Er erzählte mir von Tony Bennett und Luciano Pavarotti, ich schwärmte von den Eagles. Er brachte mir bei, wie man ein Verkaufsgespräch führt und was man sagt, wenn man von der Polizei angehalten wird. Wie man eine gute Geschichte erzählt oder ein Mädchen fragt, ob sie mit einem ausgehen will. Ich überzeugte ihn, dass wir unbedingt ein bestimmtes neues Spiel kaufen sollten. Doch bei diesen Autofahrten lernte ich auch etwas anderes: dass die Dinge manchmal nicht so sind, wie sie scheinen.

An einem Samstagmorgen nordwestlich von Chicago ließ mein Vater seine erste Bombe platzen. „Du weißt ja, dass deine Mutter und ich uns eines Tages trennen werden, oder?“

Mir verschlug es den Atem. Ich spürte förmlich, wie die Luft aus meinen Lungen wich. Ich fühlte mich wie in einem Flugzeug in 10.000 Meter Höhe, in dem jemand gerade die Kabinentür geöffnet hatte.

Ich weiß nicht, ob er sich fragte, wie ich über eine Trennung dachte, und meine Reaktion testen wollte, aber ich empfand seine unvermittelte Frage als hinterhältigen Überfall.

Natürlich wusste ich, dass meine Eltern sich häufig stritten. Oft genug war ich unfreiwillig Zeuge ihrer Auseinandersetzungen gewesen, abends am Küchentisch. Er war müde, sie fühlte sich nicht beachtet und gewürdigt, und das Leben war anders verlaufen, als sie es erhofft und erträumt hatten. Das hatte ich verstanden, selbst im Alter von zehn Jahren. Mit der Zeit waren die Streitigkeiten nicht mehr die Ausnahme, sondern die normale Umgangsform. Es schockierte mich nicht mehr, es war ihr Alltag. Und meiner.

Immerhin wurden sie nicht gewalttätig. Sie lieferten sich keine Faustkämpfe und warfen nicht mit Geschirr oder Messern. Stattdessen schossen sie erbarmungslos ihre verbalen Pfeile ab. Besonders verletzend war ihr Ton. Verachtung und Sarkasmus zogen bei uns ein, wie zwei neue Geschwister. Ich hatte mich so an die Spannungen zwischen meinen Eltern und den ständigen Krach gewöhnt, dass ich ihre Stimmen nur noch als Hintergrundgeräusch wahrnahm. Wie ein fernes Flugzeug, das über unser Haus flog. In Wirklichkeit war es ein Kampfflugzeug mit einer Bombe an Bord. Meine Eltern würden sich trennen? Die Nachricht hatte die Wucht einer Atombombe.

Im Auto warf ich einen Seitenblick auf meinen Vater und sagte halbherzig: „Ja, ich weiß.“ Dabei hätte ich am liebsten geschrien: „Das könnt ihr nicht machen! Und selbst wenn – ich will es nicht wissen! Behalte es gefälligst für dich, bis es so weit ist! Ich bin zehn Jahre alt, ich will Fahrrad fahren, mit meinen Freunden spielen und so tun, als ob ich eine ganz normale Familie hätte.“

Das alles sagte ich natürlich nicht, und ich hasste mich dafür. Ich wandte den Kopf zur Seite und starrte aus dem Fenster. In der Ferne sah ich den Atompilz, der einen Teil meiner Kindheit verschluckte.

Etwas wie Sieg

Gina

Ich lernte Matthew Christopher Kell im zweiten Jahr an der University of Michigan kennen, wo wir beide im Redaktionsteam der Studentenzeitung mitarbeiteten. Matt war eine geborene Führungspersönlichkeit und dazu ein brillanter Denker. Ich war beeindruckt von seinem Verkaufstalent und seinem unermüdlichen Arbeitseifer. Im Grunde waren wir zwei sehr verschiedene Persönlichkeiten. Er hatte ein außerordentlich selbstsicheres, manchmal arrogant wirkendes Auftreten, ich dagegen war ein eher unsicherer Mensch, aber temperamentvoll und streitlustig. Wenn wir einander nicht ignorierten, lieferten wir uns Wortgefechte – zwei Jahre lang. Dann, im letzten Studienjahr – wir waren wohl inzwischen etwas reifer und deutlich bescheidener geworden – lernten wir uns näher kennen und schätzen. Als wir bald darauf Matts Ernennung zum „Werberedakteur des Jahres“ feierten, waren wir fest befreundet.

Weniger als ein Jahr nach seinem Hochschulabschluss machte mir Matt einen Heiratsantrag in einem zehn Sekunden langen Werbespot im Fernsehen. Er arbeitete inzwischen bei einem Sender des Fernsehkonzerns CBS. Zur Musik von Groovy Kind of Love erschienen plötzlich die Worte: „Gina, willst du mich heiraten?“ Matt und ich saßen gerade gemeinsam vor dem Fernseher. Die Überraschung war ihm gelungen, und nachdem sich mein erster Schreck gelegt hatte, sagte ich laut „Ja!“ und wir umarmten und küssten uns.

Wir heirateten im Oktober.

Matt und ich waren in verschiedenen Bereichen in der Werbebranche tätig, von der Textredaktion bis zum Vertrieb bei Kabelnetzanbietern. Schließlich landeten wir bei konkurrierenden Fernsehsendern in Detroit und genossen sämtliche Vorteile und Vergünstigungen, die unsere Jobs mit sich brachten. Matt hatte alle Eigenschaften eines dynamischen, aufstrebenden Jungmanagers. Durch gute Leistung und seinen Geschäftssinn stieg er noch vor seinem vierunddreißigsten Geburtstag zum Vertriebsleiter des örtlichen Senders NBC auf, während ich nach der Geburt unseres ersten Kindes ausschied und zu Hause blieb.

Matts engste Freunde waren ebenfalls in der Werbebranche beschäftigt, und gemeinsam genossen sie das Privileg, Kunden in Hotelsuiten oder bei Sportveranstaltungen zu besuchen.

Zu Matts vielen Qualitäten gehörte auch die Selbstverständlichkeit, mit der er langjährige Freundschaften pflegte. Sein engster Freundeskreis bestand aus fünf Männern, die sich – wie bei allen Männerfreundschaften – über Sport, Politik und ihre Arbeit unterhielten. Doch das Klischee der Oberflächlichkeit traf auf Matts „Brüderbund“ nicht zu, denn ihre Freundschaft basierte auf Ehrlichkeit, Verständnis und einer tiefen Verbundenheit durch gemeinsame Werte und ihren Glauben an Gott.

Matt, Mike, Marty, Red, Doc und Jeff waren gestandene Persönlichkeiten mit ihren eigenen Stärken und Schwächen. Doch sie waren bereit, einander zu vergeben und Nähe und Kritik zuzulassen. Sie arbeiteten zusammen und verbrachten ihre Freizeit gemeinsam. Sie nahmen einander an, so wie sie waren, und halfen einander, sich weiterzuentwickeln.

Matt und Mike bildeten den harten Kern der Gruppe. Sie waren schon seit der Schulzeit befreundet, als sie gemeinsam die St. John Lutheran School in Rochester, Michigan, besucht hatten. Die beiden waren ein ungleiches Gespann gewesen. Mike Schomaker war ein kleiner, schmächtiger Junge, doch er schaffte es, seine Klassenkameraden körperlich und mit Worten um Längen zu schlagen. Das Lernen fiel ihm nicht zu und er musste sich anstrengen, um gute Noten zu schreiben. Matt dagegen war groß und schlaksig, ein selbstbewusster Junge mit breitem Lächeln und riesiger Brille. Er hatte italienische, syrische und deutsche Vorfahren, dunkles Haar und olivfarbene Haut und eine laute, impulsive Art. Er war ein Musterschüler, der eine Eins nach der anderen schrieb, ohne dass er dafür viel tun musste.

Matt und Mike gingen zehn Jahre zusammen zur Schule. Sie waren im selben Sportverein, schlugen eine ähnliche Berufslaufbahn ein und heirateten Frauen, die beste Freundinnen wurden. Mikes Frau Colleen wurde meine Vertraute, meine Schwester. Manchmal zogen wir unsere Männer damit auf, dass sie sich wie ein altes Ehepaar benahmen. Matt reagierte gereizt, wenn Mike dumme Fragen stellte, wie: „Wie stelle ich bei einem Word-Dokument die Seitenränder ein?“ Und Mike ärgerte sich jedes Mal über Matts Faulheit – die Art, wie Eltern normalerweise auf Teenager reagieren. Matt wäre lieber erfroren, als sich die Mühe zu machen, noch mal ins Haus zu gehen und sich eine Jacke zu holen. Doch beide akzeptierten ihre Eigenarten und nichts hätte ihre Freundschaft erschüttern können.

In ihrer Studienzeit starb ein gemeinsamer Freund – ein einschneidendes Ereignis, das sie noch mehr zusammenschweißte und durch das ihr Glaube zum ersten Mal auf eine harte Probe gestellt wurde. Die Frage nach dem Warum und nach dem tieferen Sinn brachte ihr kirchlich überliefertes Glaubensgerüst gehörig ins Wanken. Doch die Trauer über den Verlust des Freundes setzte auch einen Prozess in Gang, durch den beide zu einem reiferen Glauben fanden und bereit wurden, Gott bedingungslos zu vertrauen.

Diese Erfahrung war die Vorbereitung und Überlebensgrundlage für die Schicksalsschläge, die folgen sollten: Matt und Mike verloren jeweils beide ihren Vater im Abstand von wenigen Monaten. Mikes zweites Kind, der kleine Tommy, wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Dann kam Matts Krebserkrankung. In all diesen Situationen waren sich die beiden Freunde gegenseitig eine Stütze und stärkten sich im Glauben.

Der „Brüderbund“ war in der schweren Zeit seiner Krankheit für Matt eine tägliche Quelle der Kraft und der Hoffnung. Jeder einzelne Freund unterstützte ihn auf seine eigene Weise. In den Wochen nach Matts Lungenbiopsie waren unsere Freunde unser Halt und Trost. Durch sie konnten wir so einigermaßen unser normales Leben weiterführen, trotz des Schreckgespenstes namens Sarkom.

Das Tauwetter hatte eingesetzt und an den Bäumen zeigten sich die ersten Knospen. Es war einer der ersten Frühlingstage in Michigan, und das Thermometer kletterte unerwartet auf über zwanzig Grad. Matt und ich hatten Termine bei mehreren Krebszentren an der Ostküste, und unsere Freunde besuchten uns am Abend vor der Abreise, um uns zu verabschieden. Als es Zeit wurde, die Kinder ins Bett zu bringen, trug ich Sam nach oben, um ihm den Schlafanzug anzuziehen. Als Dreijähriger besaß er eine verblüffende Gabe, die Schwachstellen meiner pädagogischen Bemühungen zu finden. Die Experten nennen es „oppositionelles Trotzverhalten“. Ich nenne es das „Mein-Papa-hat-Krebs-Syndrom“. Sammy lebte im Schatten dieser heimtückischen Krankheit, seit er zwanzig Monate alt war. Egal, wie viel Mühe man sich gibt, seine Kinder zu schützen, oder ob man sich einredet, sie würden die Tragweite der Situation noch nicht verstehen – es ist unmöglich, sie vollständig von der Tragödie abzuschirmen, die sich vor ihren Augen abspielt. Ich hatte gehofft, der Krebs würde die Kinder verschonen. Aber der Alltag mit einem krebskranken Vater prägte ihr junges Leben. Der Krebs hatte sich lautlos in unser Haus geschlichen und streckte seine Finger nach uns allen aus.

„Ich will meinen Schlafanzug nicht anziehen, Mami.“

„Komm schon, Sammy. Buzz Lightyear freut sich“, redete ich ihm zu und zeigte ihm den Aufdruck mit seiner Lieblings-Heldenfigur.

Sam verschränkte trotzig die Arme. „Kein Schlafanzug.“

Ich zog alle Register. „Dann lass uns zuerst eine schöne Geschichte lesen.“

„Nein, nein, nein!“

Die Supernanny