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Birgit Sych

Rennst du noch
oder lebst du schon?

Zeit haben in einer
beschleunigten Welt

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Birgit Sych, Jahrgang 1956, ist Pädagogin und zurzeit

6. Auflage 2013

© 2005 Brunnen Verlag Gießen

INHALT

Ach, wenn die Zeit doch stehen bliebe … oder lieber doch nicht

Einleitung

Eine Reise durch die Zeit

Rennst du noch?

Was haben wir mit der Zeit gemacht?

Das Geheimnis der Gleichzeitigkeit

Die Zeit in den Griff bekommen

Wenn die Zeit mich aber greift

Zeitdieben auf der Spur

Immun gegen Zeitkrankheiten?

Lebst du schon?

Nur eine Frage der Perspektive

Zeit ist mehr als Geld – Zeit ist Leben

Zeit haben in einer beschleunigten Welt

Zehn Minuten, die sich auszahlen

Pausen geben neue Kraft

Nicht ärgern – auch Warten kann sich lohnen

Sie müssen nicht alles allein machen

Ein Nein kann Wunder bewirken

Heute leben trotz Gestern und Morgen

Leben Sie bewusst

Weniger ist mehr

Gelassenheit ist Trumpf

Erkennen Sie Ihre Sternstunden

Zu guter Letzt: Wer die Ewigkeit hat, der hat auch Zeit

Literaturangaben

ACH, WENN DIE ZEIT
DOCH STEHEN BLIEBE

ODER LIEBER DOCH NICHT

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Einleitung

„Eins, zwei, drei!

Im Sauseschritt läuft die Zeit,

wir laufen mit.“

Wilhelm Busch

Heute Morgen war es wieder so weit: In Afrika erwachte eine Gazelle in dem Wissen, dass sie gleich schneller laufen muss als der schnellste Löwe, um nicht gefressen zu werden. Gleichzeitig räkelte sich noch schlaftrunken ein Löwe, und sofort war ihm klar, er muss schneller sein als die langsamste Gazelle, sonst wird er verhungern. – Egal, ob Sie ein Löwe oder eine Gazelle, ein Akkordarbeiter, eine viel beschäftigte Mutter, vielleicht sogar allein erziehend, ein Manager oder eine Teamassistentin sind: Wenn die Sonne aufgeht, müssen Sie rennen!

Das hat auch die Werbung sehr gut erkannt, wenn sie uns ermahnt, nur ja nicht zu spät zu kommen und die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. Uhren, deren Zeiger auf 5 vor 12 stehen, malen uns nachdrücklich vor Augen, dass Fristen zum Steuersparen ablaufen, dass rechtzeitige Wartung der Haushaltsgeräte vor größerem Schaden schützt und dass Zeit zum Entspannen und Träumen nur in original Stressless-Möbeln eintritt, die gerade jetzt der Verkaufshit schlechthin sind und deren Erwerb nie zuvor so nötig war wie ausgerechnet in diesen hektischen Zeiten.

Höher, weiter, schneller … angesteckt von der Beschleunigung eilen wir von einem Rekord zum nächsten. Das Guinness-Buch der Rekorde ist alle Jahre wieder ein Bestseller und die meisten der dort verbuchten Leistungen sind Zeitrekorde. Selbst die „ernste Musik“ steckt im Rekordrausch. Beethoven benötigte bei der Uraufführung der „Eroica“ noch 60 Minuten; Leonard Bernstein schaffte das in Wien – einer gemütlichen Stadt – in 53 Minuten 20 Sekunden, in New York – der schnelleren Stadt – in 49 Minuten und 30 Sekunden, und Michael Gielen dirigierte sie 1987 in der Rekordzeit von 43 Minuten.

Wünschen Sie sich auch hin und wieder, dass die Zeit mal stehen bliebe?

„Halt die Welt an, stopp die Zeiger der Uhren …“, so tönte es vor zwanzig Jahren aus dem Radio, als Verliebte sich überschwänglich ihre Zuneigung gestanden. Als ob das so einfach wäre! Die Zeit immer dann anzuhalten, wenn uns das passen würde! Wann wäre das bei Ihnen?

Meine Zeit scheint im Urlaub besonders zu rasen; die erste Woche geht noch; die zweite aber vergeht stets wie im Flug. Bei Klassenarbeiten in der Schule reichte mir früher nur selten die zur Verfügung stehende Zeit; sämtliche Prüfungstermine näherten sich schneller, als mir lieb war, und Feiern, Festtage, auf die ich mich Monate zuvor schon gefreut hatte, vergingen dann stets im Eiltempo.

Andererseits erinnere ich mich an Begebenheiten – meistens waren das nicht gerade die beglückendsten Ereignisse –, in denen die Zeit den Wettlauf mit jeder Schnecke verloren hätte: mündliche Examina, wenn der Prüfer genüsslich in der Wissenslücke „bohrte“, die praktische Führerscheinprüfung auf unbekannten Straßen, das Warten auf den Operationsbefund. Wer Schlafstörungen und durchwachte Nächte erlebt hat, kennt das Empfinden, die Zeit vergehe überhaupt nicht, er wälzt sich unruhig hin und her, wartend auf das rettende Morgenlicht.

Wie geht es Ihnen an Wochenenden und Feiertagen? Vergeht die Zeit im Schnelldurchlauf oder eher in Zeitlupe? Wie subjektiv unsere Zeitwahrnehmung ist, zeigt sich gerade in solchen Momenten: Während die einen staunen, wie schnell die freien Stunden verflogen sind, atmen andere erleichtert auf, wenn der Alltag endlich wieder anbricht. Wer einsam und allein ist, wem es schwer fällt, Kontakte zu knüpfen, wer niemandem zur Last fallen will, sehnt das Ende der frei verfügbaren Zeit mitunter herbei. Unter der Woche lässt sich die Einsamkeit überspielen durch den Beruf, die Erledigung alltäglicher Aufgaben, Arztbesuche, aber am Wochenende bricht die große Leere mit doppelter Kraft herein.

Da ist die Großmutter, die sich viele Jahre aufopfernd um ihre Enkel gekümmert hat und nun resigniert feststellen muss, dass die lieben Kleinen groß geworden sind, dass sie nicht mehr nach Omas Ratschlägen fragen, ja, dass sie auch die von ihr mühsam gestopften Socken nicht mehr tragen wollen. Da ist der Witwer, der sich die letzten Monate rund um die Uhr um seine kranke Frau gekümmert hat und nun allein – gewaltsam seiner Aufgabe beraubt – sein Leben meistern muss, und da ist der Single, der sich nichts sehnlicher als eine Partnerschaft wünscht und um sich herum nur verliebte Pärchen oder ausgelassen fröhliche Familien wahrnimmt. Für sie alle können Wochenenden, Weihnachtstage, Urlaubswochen endlos dahinschleichen. Ob Sie nun Zeitnot oder Zeitreichtum empfinden – beides ist das Resultat Ihrer ganz persönlichen subjektiven Einstellung zur Zeit.

Ich stöhne oft über unsere unterschiedliche Zeitwahrnehmung, wenn gerade in der Vorweihnachtszeit meine Kinder ständig jammern: „Ach, wenn doch endlich schon Weihnachten wäre und die Zeit etwas schneller verginge!“, und ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, wie ich wieder mal alles, was ich mir vorgenommen habe, schaffen soll. Und das Verhängnisvolle an meinem persönlichen Zeitempfinden ist ja gerade, dass immer dann, wenn ich davon überzeugt bin, eigentlich gar keine Zeit zu haben, ich auch unter Garantie keine finden werde, sondern stattdessen den Stress, unter dem ich stehe, auslebe und für alles Widerwärtige verantwortlich mache. Vielleicht ging es Ihnen auch schon so, dass Sie bei Autofahrten unter Zeitdruck das Empfinden hatten, alle Ampeln seien extra auf Rot geschaltet. In Wirklichkeit haben Sie wohl vorher nie, wenn Sie ausreichend Zeit hatten, so genau auf die Ampelschaltung geachtet. Ihr eigener Stress treibt Sie immer tiefer in das negative Denken um alle vorstellbaren Hindernisse und vergrößert sich selbst dabei.

Wenn es Ihnen ähnlich geht wie mir und auch Sie sich in Ihrem Leben bisweilen als gejagter Mensch fühlen, wenn Sie den Eindruck haben, gelebt zu werden, statt zu leben, dann lade ich Sie ein, mit mir dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, wie wir die Zeit, die uns genauso wie jedem anderen Menschen zur Verfügung steht, nicht nur gefüllt, sondern auch erfüllt erleben, wie wir Hetze und Stress aus unserem Lebenshaus verbannen können, um der Gelassenheit, Unbeschwertheit und Sinnerfüllung die Tür zu öffnen.

 

Eine Reise durch die Zeit

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