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Soon Ok Lee

Lasst mich
eure Stimme sein!

Sechs Jahre in Nordkoreas Arbeitslagern

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Die amerikanische Ausgabe erschien unter dem Titel „Eyes of the Tailless Animals – Prison Memoirs of a North Korean Woman“ bei Living Sacrifice Book Company

Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Dr. Friedemann Lux

© der deutschen Ausgabe

Inhalt

1.Aus der Grube des Todes

2.Der Abgrund des Bösen

3.Folter und Verrat

4.Für meinen Mann und meinen Sohn

5.„Ab jetzt bist du kein Mensch mehr“

6.Zwangsarbeit, Kälte, Hunger

7.„Arbeit macht frei“ auf Koreanisch

8.Nordkoreanische Exportfabriken – die schlimmste Sklavenarbeit der Welt

9.Wenn Sterben leichter ist als Leben

10.„Dreh dem Balg den Hals um!“

11.Für einen Bissen Lehm

12.Der Strafblock

13.Alles für den Führer

14.Die Menschen, die an Gott glaubten

15.Der Sohn aus Amerika

16.Der schwarze Schatten des Paradieses

17.Die wirklichen Diebe

18.Entlassung

19.Flucht

20.Ich werde nie vergessen

Nachwort zur deutschen Ausgabe von Markus Rode

Ein besonderer Dank geht an:

Chunji Media in Seoul

Cornerstone Ministries und Pastor Bahn-Suk Lee

Jin Young Choi

Cheryl Odden und VOM Communications

Lynn Copeland

Joette Whims

Betty Slonczewski

1. Aus der Grube des Todes

Ich kann es immer noch nicht recht glauben, dass ich noch lebe. Wenn ich in Südkorea durch die Straßen gehe, sitze oder schlafe, muss ich immer wieder daran denken, was ich durchgemacht habe. Das Gefängnis, in dem ich war, kann ein normal Sterblicher sich nicht vorstellen. Es war eine Grube des Todes, ein Ort, wo die Wächter von einem verlangten, dass man sein Menschsein ablegte, wenn man durch die Tür kam.

Mein Leben begann privilegiert und voller Hoffnung. Ich wurde 1947 in der Stadt Chungjin im Nordosten Nordkoreas geboren, als einziges Kind einer Familie, die nach den Maßstäben dieses kommunistischen Landes wohlhabend war. Mein Großvater hatte in China, im Norden der Mandschurei, in der chinesischen Armee gedient. Während Korea eine japanische Kolonie war, hatte mein Vater an der Seite von Kim Il Sung, dem späteren Diktator von Nordkorea, für die Unabhängigkeit unseres Landes gekämpft. Mein Großvater und Vater waren geachtete Männer.

Seit meiner Geburt war ich sozusagen mit der kommunistischen Partei verheiratet. Da es in der Familie seit vier Generationen keine Söhne gegeben hatte, ruhten alle Hoffnungen auf mir, und ich wurde gründlich in der kommunistischen Lehre unterwiesen. Als Tochter solch wichtiger Männer wurde ich bevorzugt behandelt und durfte später an der angesehenen „Wirtschaftsuniversität des Volkes“ studieren. Nach meinem Examen verhalfen meine Eltern mir zur Mitgliedschaft in der Kommunistischen Arbeiterpartei (Noh-dong). Ich bekam einen Posten als Inspektorin im Materialverteilungszentrum. Es war eine Bilderbuch-Karriere.

Jeden Augenblick meines Lebens, ob ich wachte oder schlief, diente ich der Partei. Ich hinterfragte ihre Lehren nie, sie waren für mich die absolute Wahrheit. Ich arbeitete von ganzem Herzen und mit aller Kraft für die Regierung.

Während des Koreakrieges (1950-53, d. Übers.), als ich noch ein Kind war, war meine Familie nach Onsung im äußersten Nordosten umgezogen, nahe an die Grenze zur Sowjetunion. Dort war ich auf die Wirtschaftsoberschule gegangen und hatte 1963 mein Studium begonnen. Nach meinem Examen hatte ich eine Lizenz als Wirtschaftsprüferin bekommen und 1969 begonnen, als Inspektorin in der Handelsbehörde des Bezirks Onsung zu arbeiten. 1978 war ich die Leiterin des Materialverteilungszentrums des Bezirks geworden. Es war selten, dass eine Frau Anfang zwanzig Mitglied der Partei und Leiterin einer Behörde war. Im Bezirk Onsung war ich die einzige.

Mein Mann, der sieben Jahre älter war als ich, war Lehrer. Auch seine Familie galt als gut kommunistisch. Mit noch nicht einmal dreißig Jahren wurde er Direktor der Mittelschule und Oberschule – auch dies eine Seltenheit in Nordkorea.

Wir hatten einen Sohn, Kim Dong Chel. Er war ein aufgeweckter Bursche, der es verstand, die Älteren zu achten. Schon mit sechzehn Jahren war er Geheimpolizist, zwei Jahre später arbeitete er für die Militärpolizei in der Nähe eines Lagers für politische Gefangene. Er bestand die Aufnahmeprüfung für die Kim-Il-Sung-Universität, die angesehenste Hochschule des Landes. Mein Mann und ich waren sehr stolz auf ihn. Was konnte eine Familie sich mehr wünschen? Doch dann begann die Wolke des Unglücks sich über unser Leben zu legen.

Verhör und Gefängnis

Mein Martyrium begann, nachdem ich von einer Dienstreise nach China zurückgekehrt war. Ich hatte dort Uniformstoff für Beamte der Regierung und der Partei eingekauft. Ein Offizier der Staatssicherheit (dies entspricht in etwa dem sowjetischen KGB) hatte mehr Uniformstoff von mir haben wollen, als ihm zustand. Ich konnte ihm seinen Wunsch nicht erfüllen, da meine Vorräte begrenzt waren. Weil ich seiner Gier nicht nachgab, wurde ich in die Unterwelt des nordkoreanischen Archipel Gulag geworfen. Es war eine unvorstellbar grausame „Strafe“.

Während der vierzehn Monate meiner Untersuchungshaft erlitt ich unglaubliche körperliche und seelische Qualen. Als eine eher zarte Frau konnte ich sie fast nicht ertragen. Nach einer Orgie der Drohungen, Folterungen, Versprechungen und Lügen wurde ich zu dreizehn Jahren in einem so genannten Resozialisierungslager verurteilt. In solche Lager kommen in Nordkorea Menschen, die nicht nach der Pfeife des Regimes tanzen.

Mein ganzes Leben lang hatte man mir eingetrichtert, dass der nordkoreanische Kommunismus jeden einzelnen Menschen ehrt und schätzt. Was ich in diesem Lager erlebte, mochte ich zuerst nicht glauben. Die Gefangenen durften nicht miteinander sprechen, nicht lachen, nicht singen oder in einen Spiegel schauen. Beim Verhör mussten sie kniend und mit gesenktem Kopf die Fragen beantworten. Jeden Tag hatten sie achtzehn Stunden Zwangsarbeit zu leisten. Wer sein Tagessoll nicht erfüllte, kam in eine Strafzelle.

Das Lager war der Ort, wo die „Tiere ohne Schwänze“ hausten. So nannte man die Gefangenen. Wie die kommunistische Partei Menschen so behandeln konnte, war mir mehr als unbegreiflich. Wie konnte sie – und das in Friedenszeiten – Menschen, die zu den Ihren gehörten, foltern und ihre eigenen Lehren und Ideale verraten?

Wunder der Freiheit

Im Dezember 1992 konnte ich durch das schwere Tor des Lagers in Khechen hinaus in die Freiheit treten. Gott hatte ein Wunder getan, wie es bis dahin in dreißig Jahren nicht geschehen war. Von der ersten Minute an war ich entschlossen, der Welt von den nordkoreanischen Gefängnissen und Lagern und den Menschen dort zu erzählen. Ich wollte nicht über das schweigen, was ich erlitten und gesehen hatte.

Kaum dass ich in Südkorea war, suchte ich nach einer Gelegenheit, zu reden. Ich musste sie hinauslassen, die Wut und die Trauer, die sich in mir in den Jahren im Archipel Gulag mit seinen Demütigungen und dem erzwungenen Schweigen angesammelt hatten. Ich wollte eine Stimme sein für die Tausenden und Millionen Gefangenen, die unter unerträglichsten Bedingungen leben müssen, vor allem aber für meine Brüder und Schwestern im Glauben. Ich wollte an ihrer Statt verkünden: „Auch wir sind Menschen, und wir haben ein Recht, gehört zu werden!“

Nach meiner Flucht aus Nordkorea fand ich zu Gott, den ich heute in Freiheit loben darf. Worte können es nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Wenn ich heute zurückschaue, sehe ich, wie Gott mich führte und was für Wunder er für mich tat.

Bittende Augen

Ich bin nicht nur deswegen nach Südkorea geflohen, damit ich selbst frei werde. Ich habe eine Verantwortung für all die, die noch in den Lagern sitzen. Ich kann sie nicht vergessen. Als ich „mein“ KZ verließ, sah ich die Augen der 6 000 „Tiere ohne Schwänze“, die ich zurückließ. Ich spürte, wie diese Augen mich anflehten: „Du, die lebendig wieder nach draußen kommt: Sag den Menschen, wie es uns hier geht!“ Immer wenn ich beim Schreiben müde werden wollte, sah ich diese Augen wieder – und konnte weiterschreiben.

Heute bricht mir das Herz, wenn ich von den Hungersnöten in Nordkorea höre. Wenn schon die Menschen außerhalb der Lager hungern – wie mag es denen ergehen, die hinter ihren Mauern leben? Und am allermeisten leiden die Christen.

Es ist schön und gut, wenn der Westen Reis nach Nordkorea schickt und mit seiner Regierung verhandelt, um ihr bei der Lösung ihrer Wirtschafts- und Versorgungsprobleme zu helfen. Aber noch wichtiger ist es, dem Land die Liebe Gottes zu schicken. Nordkorea hat eine große christliche Geschichte. Früher konnten dort Hunderttausende Christen in Freiheit ihren Glauben leben. Heute gibt es in Nordkorea unzählige Menschen, die nicht nur äußerlich hungern, sondern die das Brot des Lebens, Jesus Christus, brauchen.

Lassen Sie mich die Geschichte dieser Menschen und meine Geschichte beginnen, indem ich Ihnen erzähle, wie ich in die Grube des Todes kam.

2. Der Abgrund des Bösen

Es passierte am 26. Oktober 1986, als ich nichts ahnend an meinem Schreibtisch saß. Es war einer jener Sonntage, an denen die Frauen in Korea kim chi (Gemüse, koreanische Pickles) für den Winter einlegen. In meinem Büro war alles ruhig, weil die Frauen in den anderen Abteilungen ihren freien Tag hatten. Da ich jedoch für das Zählen des Lagerbestandes und die Vorbereitung eines Berichts über Eingang und Verteilung von Vorräten verantwortlich war, war ich trotzdem zur Arbeit erschienen. Ich hatte vor, am Morgen zu arbeiten und den ganzen Nachmittag auszuruhen. Damit ich schneller fertig würde, hatte ich den Leiter der Planungsabteilung angewiesen, für mich ans Telefon zu gehen, falls Anrufe kämen.

Plötzlich hörte ich, wie es draußen laut hupte. Ich ging ans Fenster, öffnete und schaute hinaus. Draußen im Hof stand ein Auto des Militärgeheimdienstes. Nanu, was wollten die hier an einem Sonntag, wo alle zu Hause waren? Das Lager war geschlossen, heute konnte man kein Material bekommen. Ohne weiter nachzudenken, schloss ich das Fenster wieder und setzte mich zurück an meinen Schreibtisch.

Ein paar Minuten später kam Chen Yung Gen, ein Staatssicherheitsinspektor, in mein Büro. Er sagte: „Der Sicherheitschef ist draußen und möchte mit Ihnen sprechen.“

Ich dachte unwillkürlich: Warum kommt er nicht einfach zu mir herein, wenn er mir etwas sagen will? Warum wartet er draußen wie ein Bittsteller? Der Mann ist doch viel wichtiger als ich.

Der Staatssicherheitsinspektor drängte: „Es dauert nur ein paar Minuten, gehen wir runter.“

Zwanzig Minuten der Angst

Ich ließ die Papiere auf meinem Schreibtisch liegen und ging mit ihm. Als wir das Auto erreichten, zischte der Staatssicherheitsinspektor: „Setzen Sie sich rein.“ Er schob mich hinein und knallte die Tür hinter mir zu.

Bevor ich bis drei zählen konnte, fuhr der Wagen los. Ein paar Minuten später hielten wir am Hintereingang des Bahnhofs Onsung, bei der Güterabfertigung. Am Bahnsteig stand ein Zug, der auf der Linie von Ra-Jin nach Pjöngjang gekommen war.

Es war alles so schnell gegangen, dass ich kaum Zeit zum Nachdenken gehabt hatte. Man zog mich aus dem Auto und stieß mich zu dem Zug hin. Da fand ich meine Sprache wieder und schrie: „Was ist hier los? Warum machen Sie das?“

Der Staatssicherheitsinspektor hielt mir den Mund zu und zischte: „Ruhe! Gehen Sie da rein, dann hören Sie’s!“

Jemand stieß mich in eins der Abteile. Es bot Platz für vier Personen. Zwei Sicherheitsbeamte in Zivil erwarteten mich. Der Inspektor gab ihnen ein Zeichen mit den Augen und übergab mich ihnen. Bevor ich wusste, wie mir geschah, setzte der Zug sich in Bewegung und fuhr über die Brücke.

Es waren ganze zwanzig Minuten vergangen, seit ich mein Büro verlassen hatte. Wie es in einem koreanischen Sprichwort heißt: „Die Sojabohnen waren schnell wie der Blitz gekocht.“ Die Sache war ganz offensichtlich geplant.

Am Bahnhof Hwe-Ryung kam Kim Dong Su in das Abteil. Ich kannte ihn seit vielen Jahren, aber er sagte nichts zu mir. Als es Mittag war, befahl er den anderen beiden Agenten, in ein anderes Abteil zu gehen, um zu essen. Als sie fort waren, sah er mich an und sagte: „Ich kann dich kaum anschauen, das ist alles so schrecklich. Für mich bist du wie eine ältere Schwester, und jetzt hasst du mich vielleicht, weil ich dir das antue. Aber ich tue nur, was mein Vorgesetzter mir befohlen hat.“

Und er erklärte mir, was an diesem Morgen passiert war. Als er zur Arbeit erschienen war, hatte der Chef des Militärgeheimdienstes ihn rufen lassen und ihm befohlen: „Verhaften Sie Soon Ok Lee. Sie arbeitet im Verteilungszentrum. Bringen Sie sie ins Verhörzentrum.“ Dong Su sollte mich an die Agenten in dem Zugabteil übergeben. Der Sicherheitschef hatte ihn angewiesen: „Sorgen Sie dafür, dass sie in dem Zug mit niemand in Kontakt kommt. Es darf niemand in ihr Abteil kommen und mit ihr sprechen.“ Kim Dong Su riet mir, mich innerlich auf das, was jetzt kommen würde, vorzubereiten und auf keinen Fall Selbstmord zu begehen.

Etwas später kamen die Agenten zurück, und Kim Dong Su verstummte. Ich schloss die Augen, um ihn nicht zu gefährden.

Die Agenten zogen chinesische Filterzigaretten und Schnaps hervor. Als sie getrunken hatten, begannen sie sich zu unterhalten. Ich hörte, dass der Sicherheitschef sie speziell für ihren Auftrag ausgebildet hatte und wie wichtig die Arbeit war, die sie für ihn taten. Wenn sie ihren Auftrag gut ausführten, würde er sie gut behandeln und ihnen Geschenke geben. Allmählich begann ich, meine Lage zu begreifen.

Warum ich verhaftet wurde

Die Umstände meiner Verhaftung reichen in den Herbst des Jahres 1985 zurück. Kim Jong Il, der Sohn des damaligen nordkoreanischen Diktators, trug zu offiziellen Anlässen gerne eine legere Jacke, die die Parteioffiziere sehr schick fanden. Die Jacke war aus einem Stoff, den es in Nordkorea nicht gab, und ich wurde nach China geschickt, um 1 100 Meter einzukaufen und den Bedarf in Nordkorea zu decken.

Ich war dafür verantwortlich, das Material an alle Offiziere im Bezirk Onsung zu verteilen. Aber die wirtschaftliche Lage des Landes war nicht gut. Wo ich eigentlich 100 Meter von dem Stoff gebraucht hätte, hatte ich nur 80. Diese Arbeit machte mir echt Kopfschmerzen. Manche Offiziere wollten mehr als ihren Anteil haben, aber ich musste gerecht sein, und so musste ich manchmal versuchen, den Leuten klar zu machen, dass ich ihren Wunsch leider nicht erfüllen konnte.

Der Sicherheitschef wollte zwei Jacken aus dem Stoff haben, während alle anderen nur eine bekamen. Ich erklärte ihm in sachlichem Ton, dass ich ihm nicht mehr als seinen Anteil geben konnte. Worauf er bellte: „Schön, Soon Ok, Sie werden das bereuen“, und mein Büro verließ.

Meine Verhaftung kam wenige Monate später. Meine „Vergehen“ waren: Verletzung der Wirtschaftspolitik der Partei und Bestechlichkeit. Ich war mir keiner Schuld bewusst; das Ganze war eine reine Racheaktion des Sicherheitschefs, weil er nicht seine zweite Jacke bekommen hatte. Er hatte keine Genehmigung von der Partei, mich verhaften zu lassen; die Aktion geschah auf eigene Faust der Staatssicherheit.

Nicht besser wurde meine Lage dadurch, dass meine Verhaftung Teil eines Konfliktes zwischen der Staatssicherheit und der Kommunistischen Arbeiterpartei war, die miteinander um die Macht rivalisierten. Sehr wahrscheinlich verlangte die Partei, als sie von meiner Situation erfuhr, meine Freilassung, aber da die Staatssicherheit meine Verhaftung bereits den höchsten Stellen gemeldet hatte, hätte der Sicherheitschef zugeben müssen, dass ich unschuldig war, und damit sein Gesicht verloren.

Die Staatssicherheit setzte also alle Hebel in Bewegung, um mich im Gefängnis zu halten. Kurz vor meiner Verhaftung hatte die Führung der Partei die illegalen Machenschaften des Sicherheitschefs entdeckt und wollte ihn seines Amtes entheben. Meine Verhaftung war ein Schachzug dieses Mannes, um von sich selbst abzulenken und seinen Kopf zu retten. Mein Fall wurde als die Affäre „Onsung 65“ bekannt, weil ich im 65. Materialverteilungszentrum gearbeitet hatte. Bald war mein Fall in ganz Nordkorea bekannt und wurde zur ideologischen Erziehung der Menschen benutzt.

Meine erste Gefängniszelle

Nach sieben Stunden Fahrt erreichte der Zug Chungjin, wo ein Auto für mich und die Agenten wartete. Ich hatte keine Ahnung, wohin die Reise ging. Nach einiger Zeit hielt das Auto vor einem Gebäude mit einem großen Eisentor an. Der Fahrer gab einem Wächter ein Zeichen, und das Tor öffnete sich. Drinnen war ein zweites, zwei Stockwerke hohes Haus mit Eisenstangen an den Fenstern, ganz offenbar ein Gefängnis. Die Sicherheitsbeamten führten mich in eine Art Empfangsraum, wo ein Major und der Staatssicherheitschef dieser Provinz auf uns warteten. Der Major musterte mich und sagte: „Ich habe einen Anruf bekommen, dass Ihre Gruppe aus Onsung unterwegs ist. Ist das die Frau?“ Der Sicherheitschef nickte.

Etwas später führte eine Frau mich in einen Raum, wo sie mich durchsuchte. Sie nahm mir meine Armbanduhr ab und murmelte: „Es ist kalt. Warum hast du nicht mehr an? So feine Kleider sind hier fehl am Platz.“ Sie behandelte mich wie eine Verbrecherin, ihre Worte waren herabsetzend. Das Ganze war wie ein Alptraum. Sie riss mir die Knöpfe und Reißverschlüsse ab – hatte sie Angst, dass ich mit ihnen Selbstmordversuche machen könnte? Ich war so durcheinander und geschockt, dass ich an Widerstand noch nicht einmal dachte.

Allmählich dämmerte mir, dass hier irgendetwas Schreckliches passiert war. Mir war schwindlig. Was, um alles in der Welt, hatte ich falsch gemacht? Warum wurde ich so behandelt? Ich hatte noch nie so etwas Traumatisches erlebt und war innerlich wie benebelt vor Schmerz.

Als sie fertig war, brachte die Frau mich zurück in die Aufnahme. Ich war so schwach, dass ich kaum mit ihr Schritt halten konnte. Als ich in den Raum trat, schaute Kim Dong Su mich schweigend an. Der Major befahl: „Gehen wir zur Zelle!“, und packte meinen Arm. Kim Dong Su rief mir hinterher: „Mach dir nicht zu viel Sorgen!“

Wir erreichten den Zellenblock. Der Major führte mich in eine leere Zelle und warf mir zwei zerschlissene Decken hin. Sie waren so dünn, dass sie beide zusammen kaum halb so dick waren wie sonst eine Decke, und stanken so nach Schweiß und Schimmel, dass ich sie nicht anrühren konnte.

Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu. Am Morgen gab man mir als Frühstück eine gelbliche Reis- und Maispampe und eine salzige Suppe. So schlechtes Essen hatte ich noch nie bekommen, und ich rührte es nicht an, zumal ich sowieso keinen Hunger hatte. Ich schloss die Augen und dachte über meine Lage nach.

Die Tage und Nächte krochen dahin, ohne dass etwas passierte. Nach sieben Tagen führten die Wächter mich in ein Zimmer im ersten Stock. Hinter einem Schreibtisch saßen der Sicherheitschef des Bezirks Onsung und ein Agent. Sie wiesen mich an, mich auf einen Stuhl in der Ecke zu setzen. Der Sicherheitschef räusperte sich. „Wir prüfen die Verteilung im 65. Materialverteilungszentrum. Wir prüfen alle Operationen. Die Inspektoren, die diese Prüfung durchführen werden, sind ich selbst und Hak Nam Kim, der Sicherheitsinspektor der Provinz.“

Seine Worte machten keinen Sinn, und ich erwiderte: „Ich werde bei dieser Prüfung nicht kooperieren, denn die Prüfung ist bereits am 29. März abgeschlossen worden. Diese Prüfung war ungesetzlich, es hatte bereits eine zweite Inspektion gegeben. Es ist nicht legal, drei Prüfungen hintereinander in der gleichen Abteilung durchzuführen. Aber wenn Sie mir ein nordkoreanisches Gesetz zeigen, das dies erlaubt, arbeite ich gerne mit.“ Ich glaubte, mit diesen Worten meine Position klar umrissen zu haben. (Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, dass die Staatssicherheit sich strikt an die Gesetze hielt. Ich wusste nicht, dass sie ihre Macht oft ungesetzlich einsetzte, um unrechte Handlungen zu begehen.)

Der Sicherheitschef antwortete: „Das sollten Sie sich besser noch mal überlegen.“ Dann machte er Hak Nam Kim ein Zeichen und verließ den Raum.

Das Verhör beginnt

Als der Sicherheitschef gegangen war, sagte Hak Nam Kim – er war ganze achtundzwanzig Jahre alt, elf Jahre jünger als ich: „Wir haben dir eine Woche Zeit gegeben, darüber nachzudenken, warum du hier bist. Hast du es herausgefunden? Wenn du nicht deine sämtlichen Verbrechen bekennst, kommst du hier nicht mehr lebendig raus. Ich bin ein junger, starker Offizier und werde dir zeigen, was ich kann. Du wirst nach unserer Pfeife tanzen, und nicht mehr nach deiner!“

Er packte mich und schleifte mich die Treppe hinunter, wo er mich durch eine Tür in einen Raum stieß, in dem sich vielleicht zwanzig oder dreißig Männer befanden. Sobald ich drinnen war, begannen die Männer zu reden. Zwei oder drei von ihnen rannten zu mir und warfen mir eine Decke über den Kopf, dann fingen sie an, mich zu treten. Es geschah alles so plötzlich, dass ich noch nicht einmal Zeit hatte, um Hilfe zu schreien. Die Decke erstickte mich fast, und die Tritte, die aus allen Richtungen kamen, waren so heftig, dass ich rote und blaue Sterne sah. Dann verlor ich das Bewusstsein und sackte auf den Boden.

Ich weiß nicht, wie lange die Männer mich traten, aber als ich in meiner Zelle wieder zu mir kam, tat mir alles weh, so dass ich kaum einen Finger bewegen konnte. Ich fühlte mich, als ob alle meine Knochen gebrochen waren. Der Schmerz war unbeschreiblich.

Nach ein paar Stunden öffnete Hak Nam Kim die Tür und fragte: „Na, wie hat dir der Einstand gefallen? Siehst du jetzt, wie es hier ist?“ Dann schrie er: „Aufstehen!“ Ich konnte mich vor Schmerzen nicht bewegen. Er schrie noch lauter: „Du hast wohl den Kanal noch nicht voll genug, du Sch…, wie?“ (Er gebrauchte einen Ausdruck, den ich hier nicht wiedergeben kann.) Er rief zwei andere Männer herein, die mich an den Armen packten und wie ein Stück Vieh in den ersten Stock schleiften, in das Büro, in dem ich schon einmal gewesen war.

Dann begann das Verhör. Hak Nam Kim und der Sicherheitschef verhörten mich abwechselnd, drei Tage lang, jeden Tag vierundzwanzig Stunden. Drei Tage ohne Schlaf. Sie fragten mich wohl hundert Mal, was ich wem gegeben hatte, wie viele Bestechungsgeschenke ich von Regierungsbeamten bekommen hatte, was ich nach meiner Rückkehr aus China an wen verteilt hatte, welche Partei- und Sicherheitsbeamte mehr als ihren Anteil bekommen hatten. Als politisch korrekt erzogene und gebildete Nordkoreanerin hätte ich mir im Leben nicht vorstellen können, jemals meiner Menschenrechte beraubt oder Opfer eines solchen Verhörs zu werden. Aber sie schlugen mich wieder und wieder und verlangten, dass ich ihre Fragen beantwortete. Bald konnte ich die Fragen vor lauter Übermüdung nicht verstehen und sagte nur immer und immer wieder: „Was wollen Sie von mir? Ich verstehe das nicht.“ Sie mussten mich doch wohl freilassen, ich hatte doch nichts Unrechtes getan!

Ich hatte immer noch nicht begriffen, dass ich das Opfer der Staatssicherheit des Bezirks Onsung war. Kim Dum Jun (der Stellvertretende Staatssicherheitschef), Kim Hung Chung (der Sektionssicherheitschef) und Chen Yung Gen (der Staatssicherheitschef) steckten unter einer Decke. Sie beschuldigten mich, gegen die Gesetze gegen die Veruntreuung von Staatseigentum verstoßen zu haben. Wenn ich nicht gestand, so sagten sie mir, müsste ich ins „Rehabilitationszentrum“. (Gestand ich dagegen alles, würde dies die vom Staatssicherheitsbüro des Bezirks durchgeführten illegalen Inspektionen vertuschen. Wenn nämlich die Parteiführung von den illegalen Aktivitäten des Sicherheitschefs erfuhr, konnte ihn dies seinen Posten und eine Strafversetzung kosten.) Es kam mir nicht in den Sinn, dass meine Verhaftung, dieses Verhör und meine Verlegung ins „Rehabilitationszentrum“ ein abgekartetes Spiel waren.

Die Folter wird schlimmer

Die Verhöre und die Folter wurden immer schlimmer. Auf dem Gelände des Gefängnisses gab es eine Ziegelei. Die Ziegel wurden in den Brennofen geschoben und dessen Tür verschlossen. Waren die Ziegel fertig, wurde der Ofen wieder geöffnet. Eines Tages stießen die Wachen mich während des Verhörs in den Ofen. Ein Funkenregen und dichter Rauch empfingen mich, dass ich ohnmächtig wurde. Sie zogen mich heraus und übergossen mich mit kaltem Wasser, damit ich wieder zu mir kam. Dann brachten sie mich zurück in den Verhörraum und stellten mir wieder dieselben Fragen. Hak Nam Kim schrie mich an: „Drück deine Finger auf dieses Formular, du Scheißhure! Unterschreibe hier und du kannst leben!“

Mit jedem Tag wurde das Verhör härter. Manchmal sahen die Augen von Hak Nam Kim und dem Sicherheitschef wie die zweier Raubtiere aus, ein dämonisches Licht loderte in ihnen. Ich hatte Angst, in diese Augen zu schauen.

Eines Tages führten sie mich in ein anderes Zimmer. Ich musste mich auf einen Stuhl knien, und Hak Nam Kim zog mich nackt aus und band mich an dem Stuhl fest. Dann schlug er mich mit einer Lederpeitsche. Ich versuchte, mich mit dem einen Bein vor den schlimmsten Schlägen zu schützen, aber ich war zu fest an den Stuhl gebunden.

Während er mich schlug, schrie er: „Wir wollen sehen, wie lange du überlebst! Wenn du nicht deine Fingerabdrücke auf das Geständnis setzt, kommst du hier nicht mehr lebend raus!“ Seine Stimme war wie die eines bösen Tieres. Er schlug mich, spuckte mich an, schlug noch heftiger. Ich begriff allmählich: Wenn ich je aus dieser Hölle herauskommen wollte, musste ich eine Methode finden, selbst unter der Folter stark zu bleiben.

Es gab drei Verhörräume, und in jedem wurde eine andere Art Folter praktiziert. In dem einen banden sie meine Hände an dem Fenstergitter der Tür fest und die Füße an der Metallstange unten an der Tür, so dass ich sozusagen in der Luft hing; meine Beine fühlten sich bald an, als ob sie mir nicht gehörten.