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#Grace

Was du für deine Nachfolge
unbedingt brauchst

Kyle Idleman

Deutsch von Renate Hübsch

Copyright 2017 by Kyle Idleman

Originally published in English under the title Grace Is Greater
by Baker Books, a division of Baker Publishing Group,
Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.
All rights reserved.

Titel der englischen Originalausgabe: Grace Is Greater
© Kyle Idleman 2017
Veröffentlicht von Baker Books, einem Imprint von Baker Publishing Group,
Grand Rapids, Michigan, 49516, USA.
Alle Rechte vorbehalten.

© 2018 Brunnen Verlag Gießen

Lektorat: Konstanze von der Pahlen

Umschlaggestaltung: Jonathan Maul

Satz: DTP Brunnen

ISBN Buch 978-3-7655-0987-2

ISBN E-Book 978-3-7655-7505-1

www.brunnen-verlag.de

#Inhalt

Vorwort

Nicht verpassen!

Einleitung

Nichts Neues?

#Grace

… größer als unsere Fehler

Kapitel 1

Vergebung genug für unsere Schuld

Kapitel 2

Schöner als das Kaputteste in unserem Leben

Kapitel 3

Entlastender als alles, was wir bedauern

#Grace

… größer als unsere Verletzungen

Kapitel 4

Heilsamer als unsere Wunden

Kapitel 5

Befreiender als unsere Bitterkeit

Kapitel 6

Siegreicher als unser Rachebedürfnis

Kapitel 7

Versöhnlicher als unser Groll

#Grace

… größer als unsere Lebensumstände

Kapitel 8

Friedvoller als unsere Enttäuschungen

Kapitel 9

Stärker als unsere Schwachheit

Kapitel 10

Hoffnungsvoller als unsere Verzweiflung

Anmerkungen und Quellennachweise

#Vorwort

Nicht verpassen!

Vor sechs Jahren war ich auf einer Lesereise in Kirchengemeinden und auf Konferenzen unterwegs. Ich sprach darüber, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen. Mein Buch Not a Fan war gerade erschienen. Darin rufe ich die Christen dazu auf, Jesus nicht nur zu bewundern, sondern ihm tatsächlich nachzufolgen. Wenn Jesus uns aufruft, ihm zu folgen, dann beinhaltet das, uns selbst zu verleugnen und ein Kreuz zu tragen. Aber wir Christen, gerade wir Christen der westlichen Welt, neigen dazu, uns von Jesus rufen zu lassen, ohne dass wir uns selbst verleugnen. Wir möchten seinem Ruf folgen, aber wir möchten unsere Kuschelzone nicht verlassen.

Mit anderen Worten: Wir möchten Jesus nah genug sein, um von ihm zu profitieren, aber nicht so nah, dass es uns etwas kostet. Wenn Jesus Menschen zu biblischer Zeit in seine Nachfolge gerufen hat, dann war das ein unbequemer Aufruf. So unbequem, dass es nicht selten vorkam, dass ganze Gruppen von Menschen sich einfach umgedreht und ihm die kalte Schulter gezeigt haben.

Wenn ich auf meiner Lesereise über dieses Thema sprach, geriet ich meist ziemlich in Eifer. Ich wollte, dass meine Zuhörer sich durchschaut fühlten. Es sollte ihnen peinlich sein, dass sie Jesus zu ihren eigenen Bedingungen folgten statt zu denen, die er vorgab. An einem Abend sprach ich in der Universität von Alabama auf einer Männerkonferenz. Wenn ich vor einem Saal mit ein paar Tausend Zuhörern stehe, dann spornt mich das zu Höchstleistungen an. Nach meiner Rede verließ ich die Bühne mit dem guten Gefühl, dass ich gerade ein paar Tausend Männern gehörig ins Gewissen geredet hatte. Anschließend signierte ich ein paar Bücher und sprach noch mit einigen Leuten aus dem Publikum. Einer von ihnen drückte mir einfach nur einen Zettel in die Hand, auf dem eine Bibelstelle notiert war.

Hebräer 12,15

Ich fragte nicht nach, was in Hebräer 12,15 steht. Ich weiß, das klingt jetzt etwas armselig. Aber wenn mir jemand mit einer Bibelstelle kommt, tue ich in der Regel so, als wüsste ich genau, was da steht, auch wenn ich keine Ahnung habe. Man könnte mir irgendeine erfundene Stelle nennen und ich würde vermutlich wissend nicken, als wüsste ich nicht nur, was da steht, sondern hätte gerade diese Stelle schon als Teenie auswendig gelernt. Jedenfalls bedankte ich mich nur, steckte den Zettel in die Hosentasche und vergaß ihn.

Alle Dinge, die das Unglück haben, in meiner Hosentasche zu verschwinden, ereilen zwei mögliche Schicksale: Entweder landen sie zusammen mit einem Wust von zerbrochenen Zahnstochern und Kaugummipapieren im Mülleimer; oder, was wahrscheinlicher ist, sie werden so lange in der Wäsche mitgewaschen, bis sie sich weitgehend aufgelöst haben und im Flusensieb des Wäschetrockners hängen bleiben.

An diesem Abend jedoch hielt ich auf der Rückfahrt noch bei einem Schnellimbiss. Als ich in meiner Hosentasche nach Geld kramte, kam mir der Zettel in die Finger. Während ich auf meine Bestellung wartete, googelte ich die Bibelstelle in meinem Smartphone. Ich kannte den Vers. Aber als ich ihn jetzt noch einmal las, war etwas anders. Ist es dir schon mal passiert, dass du einen Bibeltext gelesen hast und das Gefühl hattest, nicht du liest den Text, sondern Gott selbst liest dir die Worte vor? Jedenfalls ging es mir in diesem Moment so.

Gebt acht, dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibt.*

Seit jenem Abend im Schnellimbiss hat Gott mich auf einen Weg geschickt, der schließlich zu diesem Buch geführt hat. Noch immer ist es mir ein Herzensanliegen, Menschen deutlich zu machen, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen. Aber seit jenem Abend höre ich im Hinterkopf dabei immer den Heiligen Geist, der mir zuflüstert: Gib acht, dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibt.

Man könnte „hinter der Gnade Gottes zurückbleiben“ auch anders übersetzen: „an der Gnade Mangel leiden, die Gnade versäumen, verscherzen, sich ausschließen von der Gnade“ oder „die Gnade Gottes verpassen“. Es ist mein Gebet für dich als Leser dieses Buches, dass du die Gnade Gottes in deinem Leben nicht verpasst, sondern in reichem Maß empfängst, wirken lässt und erfährst.

 

*Hebräer 12,15 (ZÜ).

#Einleitung

Nichts Neues?

Immer zum Jahresanfang kann man meist irgendwo lesen, welche Wörter im vergangenen Jahr zum bekannten Wortschatz hinzugekommen sind. Ich finde es jedes Mal wieder faszinierend, wie Wörter, die ich noch nicht kannte oder die zumindest ein Jahr zuvor noch nicht offiziell anerkannt waren, sich in unser offizielles Vokabular einschleichen.

Nur um das klarzustellen: Ich verwende diese Wörter nicht oft. Bewusst mit Begriffen um sich zu werfen, die niemand kennt, wirkt etwas pueril, wenn nicht sogar preziös. Aber als ich in diesem Jahr die Liste mit frisch anerkannten neuen Wörtern las, beschloss ich, mich ein wenig damit zu vergnügen, nicht sofort die Definition zu lesen, sondern zunächst die Bedeutung zu erraten. Die Sache erwies sich als schwieriger, als ich erwartet hatte. Hier mal drei Beispiele – rate mal, was gemeint ist:

Phonesie
Diskonfektionieren
Blamestorming

Und, eine Idee, was diese Dinge bedeuten könnten? Hier kommt die Auflösung:

1. Phonesie. Ich hatte gedacht, dieses Wort müsse etwas mit Telefon und Amnesie zu tun haben, und hatte folgendermaßen definiert: „Das Phänomen, dass man ein paar Minuten nach dem letzten Anruf nicht mehr weiß, wo man das Smartphone hingelegt hat.“ Tatsächlich aber bedeutet es: „Eine Telefonnummer wählen und, wenn der Anruf angenommen wird, schon vergessen haben, wen man gerade angerufen hat.“

2. Diskonfektionieren. Ich gebe dir einen kleinen Tipp: Das Wort könnte man in der Karnevalszeit gut gebrauchen, wenn mit Kamellen geworfen wird. Du könntest es etwa im folgenden Satz eines Kindes an seine Mutter hören: „Mama, kann ich diese Kamelle essen? Ich hab sie vom Boden aufgehoben, aber ich hab sie diskonfektioniert.“ Die Definition: „Der Versuch, ein Bonbon, das auf den Boden gefallen ist, zu sterilisieren, indem man den möglichen Dreck wegpustet.“

3. Blamestorming. Ein Begriff, der in der Arbeitswelt nützlich sein kann. Natürlich ist es eine Abwandlung von Brainstorming und wird wie folgt definiert: „Mit ein paar Leuten zusammensitzen und diskutieren, wer an den Problemen der Firma schuld ist, statt sie zu lösen.“

Jedes Jahr gibt es ein paar neue Wörter. Sie sind interessant und fallen uns genau deswegen auf, weil sie neu sind und doch etwas beschreiben, das wir gut kennen.

Gnade ist kein solches Wort. Es ist nicht neu. Wir kennen es – und genau das kann ein Problem sein. Wenn man Wörter benutzt, die schon lange existieren und häufig verwendet werden, bringt das die Leute zum Gähnen. Das Wort Gnade ist so verbreitet, dass es uns nicht mehr vom Hocker reißt.

Ich erinnere mich noch an eine Werbung für Kellog’s Cornflakes aus meiner Kindheit. Irgendjemand von der Firma Kellog’s hatte ein bisschen geforscht und herausgefunden, dass es viele potenzielle Kunden gab, die mit Kellog’s Cornflakes aufgewachsen waren, aber selbst schon jahrelang keine Cornflakes mehr gekauft hatten. Also startete Kellog’s eine Kampagne mit dem Slogan: „Kellog’s Cornflakes – schmecken immer wie beim ersten Mal.“ Die Kunden sollten neu für etwas begeistert werden, das sie schon lange kannten – sie sollten Kellog’s Cornflakes probieren, als hätten sie noch nie welche gegessen.

Ich weiß, viele von meinen Lesern haben sicher schon jede Menge Predigten über das Thema Gnade gehört. Vielleicht hast du sogar schon Bücher dazu gelesen. Aber ich hoffe und bete, dass dieses altbekannte Wort dir ganz neu aufleuchten wird, als hättest du es noch nie gehört.

Eine giftige Wurzel

Hier noch eine weitere Übersetzung von Hebräer 12,15: „Achtet darauf, dass niemand hinter die Gnade Gottes zurückfällt.“ Dieser Ermahnung folgt eine Warnung: „Lasst keinen Spross aus einer giftigen Wurzel aufgehen. Sonst richtet sie Unheil an und viele werden durch sie vergiftet“ (BaB).

Wenn wir hinter Gottes Gnade zurückfallen, wächst etwas aus einer giftigen Wurzel. Das Bild von der giftigen Wurzel soll ganz deutlich machen: Wenn wir die Gnade ausklammern, entsteht etwas Vergiftetes. Religion ohne Gnade ist giftig. Eine Beziehung ohne Gnade ist giftig. Eine Gemeinde ohne Gnade ist giftig. Ein Herz ohne Gnade ist giftig. Die bittere, giftige Wurzel ist vielleicht nur klein und wächst sehr langsam. Aber irgendwann beginnt das Gift zu wirken.

Dieses Buch möchte darlegen, wie fantastisch die Gnade und alles, was sie in unserem Leben bewirkt, sind. Aber eines sollte von vornherein klar sein: Wenn die Gnade fehlt, bewirkt das auch etwas. Wenn wir hinter die Gnade zurückfallen, wird uns das Gift der Bitterkeit und des Grolls irgendwann zerfressen. Schuldgefühle und Scham sind Gifte, die am Ende die Seele zerstören.

Gnade erfahren

Es gibt jede Menge theologische Bücher, die dogmatisch entfalten, was es mit der Gnade auf sich hat. Und ein paar dieser Bücher haben mir enorm geholfen. Aber das hier ist kein solches Buch. Ich bin nicht daran interessiert – und, wenn wir schon dabei sind, auch nicht dafür qualifiziert –, dogmatische Abhandlungen über die Gnade zu schreiben. Mir geht es um etwas anderes: Ich möchte dir helfen, Gnade zu erfahren. Denn am besten und umfassendsten versteht man, was Gnade ist, wenn man sie erlebt und nicht nur erklärt bekommt.

Es ist ähnlich wie mit der Liebe. Wenn man verstehen will, was Liebe ist, kann man natürlich ein Buch aufschlagen und sich informieren, welche neurologischen und biochemischen Reaktionen in uns ablaufen, wenn wir verliebt sind. Das kann durchaus hilfreich sein. Aber wirklich verstehen kann man die Liebe nur auf eine einzige Weise: Man muss sich verlieben. Man muss sie erleben.

Und etwas, das man am besten versteht, wenn man es erlebt, lässt sich am besten durch Geschichten vermitteln. Geschichten schenken uns Erfahrungen; sie machen die Dinge für uns erlebbar. Die Bibel ist voll von Geschichten, die uns deutlich machen, was es mit der Gnade auf sich hat. Jesus hat keine langwierigen und komplizierten Erklärungen abgegeben, um seinen Zeitgenossen begreiflich zu machen, was Gnade ist. Er hat ihnen Geschichten erzählt. Zum Beispiel die Geschichte vom verlorenen Sohn.

Ganz anders redet Paulus von der Gnade. Mehr als hundert Mal verwendet der Apostel den Begriff Gnade in seinen Briefen, um der jungen christlichen Gemeinde verständlich zu machen, wie wichtig die Gnade ist. Jesus dagegen verwendet den Begriff selbst nicht ein einziges Mal. Stattdessen malt er uns vor Augen, wie Gnade aussieht. Beide Ansätze sind hilfreich und wir brauchen auch beide.

Die Ausführungen über die Gnade, die wir bei Paulus finden, wurzeln sicher darin, dass er erfahren hat, was Gnade ist, und dass es ihm ein Herzensanliegen war, dass andere das auch erfahren. Aber wenn man nur erklärt bekommt, was Gnade ist, und es nicht erlebt, bleibt das vermutlich ziemlich wirkungslos. Lass mich einen bekannten Spruch von E. B. White über den Humor zweckentfremden: „Man kann die Gnade sezieren wie einen Frosch, aber das Objekt stirbt bei der Prozedur.“

Ich habe eine ganze Reihe von Seminaren abgesessen und mir jede Menge Dinge über die Gnade notiert. Ich habe massenweise Bibelstellen auswendig gelernt, die etwas über die Gnade sagen. Und noch etliche Bücher darüber gelesen. Aber weißt du, wie ich am meisten von der Gnade verstanden habe? Durch meine eigene Geschichte und die Geschichten von anderen, die erlebt haben, was Gnade ist.

Gottes Gnade ist einleuchtend, wenn man sie uns erklärt. Aber sie wird unwiderstehlich, wenn wir sie erleben.

Fallen wir also nicht hinter die Gnade zurück – das ist mein Wunsch und Gebet für dich und mich. Und noch etwas wünsche ich mir sehr: dass du die Wirkung der Gnade in deinem Leben erfährst. Dass du ganz persönlich erlebst: Egal, was du getan hast oder was man dir angetan hat – die Gnade ist größer.

Die Gnade ist mächtig genug, um unsere Schuld zu tilgen.

Die Gnade ist groß genug, um unsere Scham zu bedecken.

Die Gnade ist real genug, um unsere Beziehungen zu heilen.

Die Gnade ist stark genug, um uns aufzurichten, wenn wir schwach sind.

Die Gnade ist so süß, dass sie unsere Bitterkeit heilt.

Die Gnade ist so erfüllend, dass sie unsere Enttäuschung lindert.

Die Gnade ist so schön, dass sie unsere Gebrochenheit umkleidet.

Dass uns erklärt wird, was Gnade meint, ist notwendig. Aber entscheidend ist etwas anderes: dass wir erleben, was Gnade ist.

# Grace

… größer als unsere Fehler

#Kapitel 1

Vergebung genug für unsere Schuld

Mein Sohn nimmt es mit dem „Süßes oder Saures“-Raubzug an Halloween immer sehr ernst.* Er macht sich einen genauen Plan von der ganzen Nachbarschaft und legt eine Route fest, auf der er auch nicht ein einziges Haus auslässt. Für ihn ist das nicht nur eine lustige Jagd nach ein paar Süßigkeiten. Es ist ein Wettkampf, in dem er siegen will, eine Mission, die es zu bewältigen gilt. Er wählt sein Kostüm so aus, dass er sich möglichst ungehindert bewegen kann. Wenn er am Ende mit seiner Süßigkeitentüte nach Hause kommt, wiegt er sie und ordnet dann die Beute. Das hat er von seiner Mama. Alles, was aus Schokolade ist, wird aussortiert und eingefroren. Der Rest wird nach Sorte und Farbe sortiert.

Das war mir alles bekannt. Was ich nicht wusste, war, dass er außerdem eine Tabelle führt, in der er festhält, wie viele Süßigkeiten er eingeheimst hat, wie viele davon er bereits vertilgt hat und was noch übrig ist.

Als er neun war, brachte er eine Tüte nach Hause, die gut zweieinhalb Kilo schwer war. Nachdem er am Halloween-Abend ins Bett gegangen war, tat ich, was ich immer tue: einem friedlich schlafenden Jungen seine Schätze klauen. Ich dachte, er würde es nicht bemerken, wenn ich ein paar von seinen Süßigkeiten mopse. Also nahm ich mir drei Bonbons und verwischte die Spuren.

Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, erwartete mein Sohn mich im Flur. „Daddy, ich muss mit dir reden.“ Er forderte mich auf, mich zu setzen, dann verschränkte er die Arme und fragte: „Möchtest du mir vielleicht etwas sagen?“ Ich wurde ein bisschen nervös und grübelte, ob meine Frau mich vielleicht verpetzt hatte.** Dann zog er ein Blatt Papier hervor, das mit Zahlen und Symbolen gefüllt war, die ich nicht entschlüsseln konnte, sah mir tief in die Augen und konfrontierte mich mit der Tatsache, dass ich drei von seinen Bonbons gegessen hatte.

Wie sich herausstellte, führte er genau Buch über seine Schätze. Ich hätte es am liebsten abgestritten, aber mein Sohn hatte unwiderlegbare Beweise und es handelte sich nicht um mein erstes Vergehen. Aber statt mich zu entschuldigen, nutzte ich die Gelegenheit, um meinem Sohn ein paar wichtige Details zu verklickern, die er vielleicht übersehen hatte. Zum Beispiel die Tatsache, dass ich es war, der seine Existenz ermöglichte.

Drei kleine Bonbons sind vielleicht kein Grund zur Aufregung. Aber die Angelegenheit hat mir etwas über mich selbst klargemacht: Wenn ich etwas auf dem Kerbholz habe, und sei es auch nur eine Lappalie, dann gehe ich sofort in den Selbstverteidigungsmodus. Ich gebe meine Schuld nicht gern zu. Lieber denke ich mir die fantasievollsten Ausreden aus, führe unlogische Gründe an, warum ich getan habe, was ich getan habe, und versuche fast immer, die Sache herunterzuspielen.

Wenn ich schon so reagiere, wenn es nur um drei gemopste Bonbons geht, dann bin ich wohl auch nicht sehr aufrichtig oder demütig, wenn es um Sünde in meinem Leben geht. Alles in mir möchte dann gern abstreiten, vergleichen, bagatellisieren oder rechtfertigen. Aber solange ich mit meiner Sünde so umgehe, verbaue ich mir die Chance, die Macht und Größe der Gnade Gottes zu erfahren.

Die hässliche Wahrheit

Wir werden den Wert der Gnade nur so weit ermessen können, wie wir anerkennen, dass wir auf sie angewiesen sind. Je klarer ich sehe, wie hässlich meine Sünde ist, desto besser kann ich erkennen, wie schön Gottes Gnade ist. Die Bibel hält uns einen Spiegel vor und konfrontiert uns mit der Wirklichkeit unserer Sünde.

Alle haben gesündigt, und in ihrem Leben kommt Gottes Herrlichkeit nicht mehr zum Ausdruck. (Röm 3,23; NGÜ)

Wer sind diese alle? Na ja, alle eben, dich und mich eingeschlossen. Wir haben alle gesündigt. Das ist für dich sicher nichts Neues. Die Frage ist nun: Wie reagieren wir auf diese Information? Ich habe darauf sehr lange in etwa so reagiert: Schön, ja. Ich meine, im Prinzip habe ich gesündigt. Aber eine echte Sünde habe ich doch nicht begangen. In meinen Worten: „Sooo schlecht bin ich nun auch wieder nicht.“

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Einmal saß ich mit meiner Frau in einem Restaurant, als eine Frau Ende fünfzig an unseren Tisch kam und sich vorstellte. Sie erzählte, dass sie erst vor Kurzem Christin geworden war. Nur dass sie nicht „Christin“ sagte, sondern: „Jesus-Nachfolgerin“. Sie zeigte auf ihren Mann, der etwas entfernt an einem Tisch saß. Anscheinend fühlte sie sich verpflichtet zu begründen, warum er nicht ebenfalls zu uns herübergekommen war. Er habe ihre Entscheidung akzeptiert, erklärte sie, aber sie habe den Eindruck, er sei verärgert und könne sie nicht verstehen. Er winkte uns zu, ohne zu lächeln. Es war so ein Winken, wie wenn man einem anderen Verkehrsteilnehmer die Vorfahrt überlässt, obwohl man überzeugt ist, selbst Vorfahrt zu haben. Ich ging zu ihm, stellte mich vor und wir unterhielten uns kurz.

Am nächsten Tag meldete ich mich per Mail noch einmal bei den beiden, bedankte mich für das nette Gespräch und bot an, falls sie irgendwelche Fragen hätten, könnten sie sich gern an mich wenden. Einige Monate lang hörte ich nichts. Dann saß ich eines Tages am Schreibtisch und erhielt eine E-Mail von ihm. Er schrieb, seine Frau habe sich sehr verändert. Sie sei nun freundlicher und geduldiger. Und sie schien auch viel fröhlicher zu sein. Aber statt sich über diese Veränderung zu freuen, reagierte er skeptisch: „Sie kommt mir viel glücklicher vor. Aber ich glaube, sie versucht bloß, mich dazu zu bringen, dass ich den Köder schlucke.“

Ich wusste, das war keine Höflichkeitsmail. Er war auf der Suche, wollte das aber nicht deutlich sagen. Also lud ich die beiden zum Gottesdienst und zu einem anschließenden Gespräch ein.

Als es schließlich so weit war und wir uns in einem kleinen Raum gegenübersaßen, fing ich an, ihm das Evangelium zu erklären. Ich begann mit Römer 2,23: Alle Menschen haben gesündigt und niemand kann Gottes Maßstäbe erfüllen. Sofort ging er in Verteidigungsposition: „So schlimm bin ich nicht. Die meisten Menschen würden sagen, ich bin ein guter Mensch.“ Er fand es unfair, dass man ihn einen Sünder nannte und nach „Gottes Maßstäben“ beurteilte.

„Ist es etwa fair, einen Maßstab festzulegen, dem niemand entsprechen kann, und dann zu sagen, alle Menschen seien Sünder?“, fuhr er fort. „Das ist, als wenn man eine Zielscheibe so weit entfernt aufhängt, dass niemand sie treffen kann, und dann den Schützen vorwirft, sie seien schlechte Schützen.“

Ich holte Luft, um mit einer ausführlichen theologischen Begründung anzusetzen, warum wir alle Sünder sind. Ich wollte bei Adam und Eva anfangen und erklären, wie die Sünde in die Welt gekommen ist. Ein paar Begriffe, mit denen ich ihm darlegen wollte, wie wir gegen Gott rebelliert haben, hätten ihn sicher beeindruckt. Aber bevor ich dazu kam, ihm etwas von Imputation oder Erbsünde zu erzählen, unterbrach mich seine Frau und fragte, ob sie etwas dazu sagen dürfe.

Ohne meine Zustimmung abzuwarten, wandte sie sich an ihren Mann: „Findest du es okay, dich zu betrinken und grob zu deiner Frau zu sein? Findest du es okay, deine Verkaufszahlen zu beschönigen? Findest du es okay, deinem Enkel zu versprechen, bei seinem Fußballspiel zuzusehen, und dann nicht zu kommen?“ Es folgten noch drei oder vier persönliche Fragen dieser Art. Die Antwort war in jedem Fall offensichtlich. Dann sagte sie: „Du findest es unfair, wenn dich jemand an Gottes Maßstab misst. Aber du kannst nicht einmal deinen eigenen Maßstäben genügen.“

So hatte ich die Sache noch nie gesehen. Wir stellen die Stacheln auf, wenn uns jemand von der Kanzel herunter als Sünder bezeichnet – aber lassen wir Gottes Maßstäbe mal außer Acht. Wir können nicht einmal unseren eigenen Maßstäben genügen.

Wir strengen uns mächtig an, um uns selbst und andere zu überzeugen, dass wir nicht so schlechte Kerle sind. Aber die Wahrheit ist: Wir sind schlechter, als wir dachten. Je mehr wir uns dagegen wehren, umso mehr wehren wir uns gegen die Erfahrung der Gnade Gottes. Wenn wir die Wirklichkeit und das Ausmaß unserer Sünde leugnen, verfehlen wir die Gnade Gottes.

Solange wir denken: So schlimm bin ich doch nicht, wird uns die Gnade ziemlich egal sein. Und zu diesem Schluss kommen wir auf unterschiedliche Weise.

1. Wir vergleichen uns mit anderen.

Wir beanspruchen gar nicht, perfekt zu sein. Aber wenn wir uns mit anderen vergleichen, erscheint das, was wir getan haben, doch nicht so schwerwiegend. Dabei stellen wir uns selbst meist ins günstigste Licht. Im Vergleich zu den rabenschwarzen Sünden der anderen haben wir nicht viel mehr auf dem Kerbholz, als bei Rot über die Ampel zu laufen oder unsere Zeit zu vertrödeln.

Wir wischen unsere Sünde und unser Angewiesensein auf die Gnade vom Tisch, indem wir uns mit anderen vergleichen. Aber weißt du, was wirklich geschieht, wenn wir uns mit anderen vergleichen und das Gefühl haben, wir schneiden gut ab? Genau. Wir sündigen. Und es ist zu vermuten, dass in Gottes Augen unser Stolz und unsere Selbstgerechtigkeit viel hässlicher aussehen als die Sünden des Menschen, mit dem wir uns gerade verglichen haben.

2. Wir rechnen Gut und Böse gegeneinander auf.

Vor wenigen Jahren las ich in der New York Times ein Interview mit Michael Bloomberg, dem Bürgermeister von New York. Er war damals 72 Jahre alt. Das Interview fand direkt vor dem fünfzigsten Treffen seines College-Jahrgangs stand. Bloomberg sprach darüber, wie ernüchternd es sei festzustellen, wie viele seiner Altersgenossen bereits verstorben waren. Aber der Journalist, Jeremy Peters, bemerkte, dass Bloomberg nicht allzu besorgt darüber schien, was ihn im Jenseits erwartete:

Falls [Bloomberg] ahnt, dass ihm nicht mehr so viel Zeit bleibt, wie er gern hätte, so scheint er keineswegs im Zweifel darüber zu sein, was ihn beim Jüngsten Gericht erwartet. Mit Bezug auf seine Errungenschaften in Sachen Sicherheit beim Umgang mit Waffen und Kampf gegen Übergewicht und Rauchen erklärte er mit einem Grinsen: „Ich sage Ihnen, falls es einen Gott gibt, dann werde ich am Himmelstor nicht stehen bleiben und mich befragen lassen. Ich werde direkt hineinmarschieren. Ich habe mir meinen Platz im Himmel redlich verdient. Und zwar nicht nur knapp.“1

Aus seiner Perspektive braucht er die Gnade nicht. Er legt einfach das Gute, das er getan hat, in die Waagschale und beschließt, dass er keine Hilfe nötig hat.

Wir finden alle unsere Wege, uns davon zu überzeugen, dass wir doch „gar nicht so schlimm“ sind. Aber dadurch verpassen wir Gottes größtes Geschenk an uns: seine Gnade. Solange wir nicht erkennen, wie nötig wir diese Gnade haben, werden wir kaum etwas dazu tun, sie anzunehmen.

In fahrlässiger Weise vertuschen wir unsere Sünde oder reden sie zumindest klein. Aber dadurch schneiden wir uns von der Gnade ab. Wir bagatellisieren unsere Sünde und berauben uns so der Freude, die uns die Erfahrung der Vergebung schenkt. Jesus hat nie versucht, Menschen ein besseres Selbstwertgefühl zu geben, indem er das ernste Problem ihrer Sünde kleinredete. Er hat niemanden in Sicherheit gewiegt, er sei doch „gar nicht so schlimm“. Vielmehr hat er erklärt, dass ein Mensch, dem viel vergeben wurde, auch viel Liebe erweist (vgl. Lukas 7,47). Er zog eine Verbindung zwischen unserer Liebe zu Gott und dem Maß an Vergebung, das wir erfahren haben.

Der größte Sünder, den ich kenne

Neulich las ich auf Twitter einen Satz von einem Pastor namens Jean Larroux. Innerlich protestierte ich sofort gegen das, was ich da las. Aber ironischerweise war dieser innere Protest eher ein Beweis dafür, wie wahr das war, was dieser Mann sagte. Das Zitat lautete: „Wenn der größte Sünder, den Sie kennen, nicht Sie selbst sind, dann kennen Sie sich nicht sehr gut.“

Meine spontane Reaktion darauf war: Also, ja, klar, ich bin ein Sünder. Eigentlich sogar ein großer Sünder. Aber der größte Sünder, den ich kenne? Das ja wohl kaum. Je länger ich über diesen Satz nachdenke und je aufrichtiger ich mich selbst und meine Motive anschaue, desto schwerer fällt es mir, ihn als unzutreffend vom Tisch zu wischen.

Irgendetwas an dieser Aussage kam mir außerdem bekannt vor. Ich wusste nicht genau, was. Bis ich die bekannte Bibelstelle las, in der Paulus in seinem Brief an Timotheus vom größten, schlimmsten Sünder spricht, den er kennt.

Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Unter ihnen bin ich selbst der Schlimmste. (1Tim 1,15; GNB)

Mir fiel ein, dass ich über diesen Text einmal eine Seminararbeit geschrieben hatte. Darin hatte ich mich auf die Zeit im Leben von Paulus konzentriert, als er noch kein Christ war. Er hatte die Christen verfolgt und alles getan, um die junge Gemeinde zu vernichten – natürlich musste er sich da als den schlimmsten Sünder bezeichnen. Als ich die Arbeit zurückbekam, stand keine Bewertung darunter. Mein Professor hatte nur mit roter Tinte vermerkt: „Bitte noch einmal.“

Ich wusste überhaupt nicht, was das Problem war. Er hatte keinerlei Anmerkungen gemacht, die mir geholfen hätten zu verstehen, warum ich die ganze Arbeit noch einmal schreiben sollte. Also ging ich nach dem Seminar zu ihm in der Hoffnung auf Aufklärung. Er zückte nur seinen Rotstift und kreiste ein einziges Wort aus 1. Timotheus 1,15 ein.

Unter ihnen bin ich selbst der Schlimmste.

Während ich noch einen Moment dastand und auf weitere Erklärungen hoffte, war der Professor schon mit dem nächsten Studenten befasst. Verwundert starrte ich auf das rot umkreiste Wort bin. Und plötzlich ging mir auf, was ich übersehen hatte. Das Verb bin ist in der Gegenwartsform. Und das ändert alles. Paulus schreibt nämlich nicht: „Ich selbst war der Schlimmste von ihnen.“ Er schreibt: „Ich selbst bin der Schlimmste von ihnen.“

Wenn du mich an einen Lügendetektor anschließen und fragen würdest: „Glaubst du, dass du der schlimmste Sünder bist?“, dann würde ich vermutlich Ja sagen – ich bin nämlich ein solcher Sünder, dass ich immer versuche, geistlicher rüberzukommen, als ich bin, indem ich möglichst demütig rede und gering von mir denke.***

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Maschine die Wahrheit enthüllen würde. Wenn ich ehrlich bin, also ganz im Inneren, oder vermutlich doch nicht ganz so tief innen, halte ich mich nicht für den schlimmsten Sünder. Aber ich kann auch sagen: Je mehr ich begreife, was es mit Gottes Gerechtigkeit auf sich hat, und je intensiver ich mein eigenes Leben und meine Motive prüfe – desto näher komme ich dem unvermeidlichen Schluss: Ich bin tatsächlich der schlimmste Sünder, den ich kenne.

Die Krankheit der Sünde

Römer 3,23 sagt: Alle Menschen haben gesündigt. Römer 6,23 führt aus, dass der Lohn, den die Sünde zahlt, der Tod ist. Wir können zwar kleinreden, was wir getan haben. Aber die Bibel sagt, wir wurden für schuldig befunden. Auf uns wartet der Tod.

Dieses Kapitel schreibe ich übrigens in unserem Gästezimmer. Ich wurde dorthin verbannt, weil ich anscheinend seit ein paar Tagen krank bin. Ich soll mich hier ausruhen und wieder gesund werden. Auf dem Nachttisch liegen einige Medikamente, die meine Frau mir vor ein paar Stunden hingelegt hat. Aber sie weiß, dass ich sie nicht nehmen werde. – Siehst du? Obwohl alle Anzeichen dafürsprechen, glaube ich nicht wirklich, dass ich krank bin. Meine Frau würde jetzt sagen, dass ich ein Problem damit habe zuzugeben, wenn es mir nicht gut geht. Ich versuche immer, so lange wie möglich zu leugnen, dass etwas nicht stimmt … Momentchen mal, ich glaube, sie kommt gerade, um nach mir zu sehen.

Okay, da bin ich wieder.

Also, Folgendes ist gerade passiert. Meine Frau kam ins Zimmer und erinnerte mich daran, dass ich die Medikamente nehmen soll. Ich fragte: „Warum soll ich Medizin schlucken, wenn ich nicht krank bin?“ Sie beugte sich über mich, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: „Deine Stirn ist heiß. Du hast Fieber.“ Ich legte meine Hand auf meine Stirn und versicherte ihr,