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Roland Werner / Guido Baltes

FASZINATION JESUS

Was wir wirklich von Jesus wissen können

Neutestamentliche Bibelzitate und Psalmen folgen,
wo nicht anders angegeben, der Übersetzung:
Roland Werner, das buch.
© 2013 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Sonstige alttestamentliche Stellen sind zitiert nach:
Lutherbibel, revidiert 2017,
© 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

4., durchgesehene und leicht aktualisierte Auflage 2017

© 2005 Brunnen Verlag Gießen
Lektorat: Petra Hahn-Lütjen, Konstanze von der Pahlen
Umschlagfoto: Pete Will / istockphoto.com
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul
ISBN Buch 978-3-7655-4323-4
ISBN E-Book 978-3-7655-7499-3

www.brunnen-verlag.de

INHALT

Vorwort

1. Jesus: Mythen und Märchen

2. Jesus: Berichte und Geschichte

3. Jesus: Attraktion und Faszination

4. Jesus: Radikalität und Risiko

5. Jesus: Anstoß und Herausforderung

6. Jesus: Kreuz und Grab

7. Jesus: Auferstehung und Neuanfang

8. Jesus: Himmel und Herrlichkeit

9. Jesus: Heute und morgen

Anhang: Woher wissen wir von Jesus?

1. Wie verlässlich sind die Jesus-Überlieferungen?

2. Wer schrieb die Evangelien?

3. Gibt es noch andere Evangelien?

4. Neues über Jesus in Qumran?

5. Was sagen die außerbiblischen Quellen über Jesus?

Zusammenfassung und Ausblick

Literatur zum Weiterlesen

VORWORT
FASZINATION JESUS

WARUM WIR DIESES BUCH SCHREIBEN

Stimmt die Sache mit Jesus? Oder sind die Berichte des Neuen Testaments nachträglich erfundene Geschichten? Diese Frage beschäftigt viele Menschen. Das haben wir bei Vorträgen an Universitäten und Hochschulen gespürt, in Deutschland und Osteuropa. Gerade zu den Vorträgen über Jesus kamen häufig Hunderte von Zuhörern, Studenten und Professoren, Christen und Nichtchristen, Gläubige und Atheisten.

Wer war Jesus wirklich? Was wollte er? Das interessiert die Menschen auch heute noch. Denn von Jesus geht nach wie vor eine starke Faszination aus.

Gleichzeitig ist aber klar: Selbst in den Köpfen gebildeter Menschen schwirrt sehr viel an Fehlinformation herum. Viele haben irgendwann und irgendwo irgendwelche Halbwahrheiten oder ganze Unwahrheiten über Jesus gehört und halten diese nun für bare Münze. Sie meinen zu wissen, dass die ganze Sache mit Jesus nicht stimme oder zumindest nur ganz schwer zu bestätigen sei. Doch dieses weitverbreitete, vermeintliche Wissen besteht zum großen Teil aus Vorurteilen und alten, längst überholten Anschauungen. Schade, dass sich viele so ein Leben lang selbst gegen Jesus immunisieren und sich nie wirklich mit ihm auseinandersetzen.

Leider unterfüttert manchmal auch das, was man im Religionsunterricht gehört hat oder sogar von Kirchenkanzeln, diese Skepsis gegenüber der Glaubwürdigkeit der Bibel und der Geschichtlichkeit von Jesus. Wie das sein kann? Das fragen sich neutrale Beobachter. Tatsache ist, dass längst nicht alles, was sich – auch in der Theologie – als Wissenschaft darstellt, wirklich wissenschaftlich fundiert ist. Und manche, auch das muss man wissen, verbreiten ihr Leben lang überholte Lehrmeinungen, die sie vor Jahrzehnten in ihrem Studium gehört haben. Dass inzwischen das Vertrauen gegenüber der Zuverlässigkeit der biblischen Texte als historische Dokumente deutlich angestiegen ist, auch in der universitären Forschung, und dass neue archäologische Funde die Aussagen der Bibel immer neu bestätigen, ist offenbar an ihnen vorübergegangen. Und so beharren viele Zeitgenossen auf ihrer skeptischen Haltung gegenüber der Bibel.

Genau darum geht es in diesem Buch. Wir haben es geschrieben, um diesen Vorurteilen und diesem Halbwissen entgegenzutreten. „Faszination Jesus“ handelt von dem, was wir wirklich und verlässlich von Jesus wissen können. Klar, dieses Buch ist kein all-umfassendes Werk, sondern erst einmal eine Einführung. Es soll dem Mangel an solidem Grundwissen in Sachen Jesus abhelfen. Es soll informieren und den Leser in die Lage versetzen, sich selbst ein Urteil über Jesus zu bilden. Und dann entsprechend darauf zu reagieren.

Deshalb die Warnung: Es könnte sein, dass viele Vorurteile wegfallen werden und Sie auf einmal vor der Frage stehen: Was ist meine persönliche Einstellung zu Jesus? Was bedeutet Jesus für uns heute? Oder noch konkreter: Was bedeutet der Anspruch Jesu für mich und mein Leben heute?

Obwohl beide Autoren promovierte Theologen sind, ist dieses Buch keine wissenschaftliche Facharbeit für theologische Insider. Vielmehr haben wir uns um klare Sprache und Allgemeinverständlichkeit bemüht. Natürlich sind hier die wissenschaftlichen Erkenntnisse gerade der letzten Jahrzehnte stark aufgenommen. Im Literaturverzeichnis werden Hilfen zum Weiterarbeiten für den interessierten Leser gegeben. Aber wir wollen verhindern, dass das geschieht, was bei theologischen Werken leider oft der Fall zu sein scheint: Man nimmt neue Gedanken zur Kenntnis. Man findet sie ganz interessant, bedenkenswert, vielleicht auch diskussionswürdig oder hält sie sogar für wahr. Aber letztlich versteckt man sich hinter einem akademischen Interesse. Man lässt die Sache nicht wirklich an sich heran. Um das zu vermeiden, wird unser persönlicher Bezug, so hoffen wir, immer wieder deutlich werden.

Denn darum geht es doch im Kern – und davon handelt auch der Hauptteil dieses Buches: Wer ist Jesus? Und was hat Jesus mit uns zu tun?

Im Anhang behandeln wir dann Themen von mehr theoretischem Interesse. Dies erklärt auch unsere Doppelautorenschaft. Während der Hauptteil aus meiner (Roland Werners) Feder stammt, hat Guido Baltes die Anhangstexte verfasst. Trotz dieser grundsätzlichen Arbeitsteilung haben wir alles miteinander durchgearbeitet und durchgesprochen, manchmal in langen Nachtsitzungen.

Wir schreiben als Christen. Das heißt: Wir sind Leute, die dem lebendigen Jesus Christus begegnet sind. Und die versuchen, in ihrem alltäglichen Leben ihm nachzufolgen. Deshalb sind wir bei diesem Thema nicht unbeteiligt. Das ist sowieso keiner, der irgendetwas schreibt. Sondern wir sind von Jesus ergriffen. Wir finden ihn großartig. Und es ist unser Wunsch, dass auch viele Leser sich neu von der Person Jesus faszinieren lassen. Und dass sie vielleicht in dieser Begegnung mit Jesus neue Lebensmöglichkeiten entdecken.

Postskriptum

Kein Buch kann Jesus wirklich ganz darstellen. Es können immer nur Teilaspekte sein, gesehen durch die Brille von Menschen unserer Tage. Wer wirklich Jesus kennenlernen will, dem ist vor allem die intensive Lektüre der vier Evangelien zu empfehlen. Dort werden wir in unübertrefflicher Weise mit dem wirklichen Jesus zusammengebracht. Kein anderes Buch kann dies ersetzen.

Zusatz zur 5. Gesamtauflage

Jesus fasziniert immer noch. Deshalb haben wir uns entschlossen, dieses Buch nach mehreren deutschen Auflagen und Übersetzungen ins Russische, Serbische und Mazedonische noch einmal herauszugeben. Der Text wurde durchgesehen und leicht überarbeitet. Neuere wissenschaftliche Ergebnisse haben wir, wo nötig und sinnvoll, mit einbezogen. Wir sind umso überzeugter, dass die Sache mit Jesus stimmt.

Roland Werner und Guido Baltes im Jahr 2017

1. JESUS:
MYTHEN UND MÄRCHEN

Wir würden Jesus gern persönlich begegnen!1

Jesus fasziniert. Keine andere Gestalt der Weltgeschichte hat es vermocht, so viele Menschen in ihren Bann zu ziehen. Unzählige Bücher wurden über ihn geschrieben. Zahllose Lieder besingen ihn. In Hunderten von Sprachen wird Jesus gepriesen. Heere von Wissenschaftlern beschäftigen sich mit Teilaspekten seines Lebens und seiner Botschaft. Das Neue Testament, das Buch, das von seinem Leben berichtet, ist das meistgelesene Buch der Welt. Teile der Bibel wurden bis heute in nahezu 2000 Sprachen übersetzt, das Neue Testament in weit über 1000, die ganze Bibel in knapp 500. Überall lesen Menschen die Geschichte von Jesus: im Hochland von Irian Jaya und Papua Neuguinea, wo sie den Umbruch von der Steinzeit ins 21. Jahrhundert zu bewältigen haben, wie in den Wolkenkratzern Singapurs, in den Großstädten Afrikas, in einsamen Andendörfern wie in den Universitäten Europas. Der Wissensdrang in Sachen Jesus ist riesig. Jesus fasziniert – bis auf den heutigen Tag.

EIN ERSTAUNLICHES PHÄNOMEN

Das ist eigentlich erstaunlich. Jesus schrieb nie ein Buch. Er lebte fern von den wichtigen Zentren der antiken Kulturwelt in einem etwas abgelegenen Winkel des römischen Reiches. Er verließ nie die engere Umgebung seines Heimatlandes, abgesehen von ein paar Jahren in Ägypten während seiner Kindheit, als die Familie vor der Verfolgung durch Herodes dem Großen fliehen musste. Er sah nie Rom oder Athen, Ephesus oder Antiochien.

Wie lässt sich die ungeheure Wirkung erklären, die Jesus entfaltet hat? Das Leben dieses einen Menschen zog Kreise, die zu seiner Zeit kaum jemand für möglich gehalten hätte. Wer von seinen Zeitgenossen hätte damals daran gedacht, dass wir uns heute noch mit Jesus befassen würden? Jesus selbst aber schien davon auszugehen, dass sein Leben Bedeutung bis in entfernteste Zeiten und Weltgegenden hinein haben würde. Das wird bei vielen seiner Aussagen deutlich. Ein Beispiel: Als Maria, die Schwester von Marta und Lazarus, also die Tochter einer mit Jesus befreundeten Familie, ihn mit ihrem teuren Parfüm überschüttete, sagte er voraus, dass Menschen in fernen Zeiten noch davon sprechen werden.2 Ebenso sagte Jesus, dass die gute Nachricht, die er gebracht hatte, in allen Ländern verkündigt werden würde, bevor das Ende der Zeiten kommt.3 Aber wer konnte sich damals wirklich vorstellen, dass es so kommen würde? Dass er nicht einfach wie Millionen seiner Zeitgenossen in Vergessenheit geraten würde?

Jesus ist ein Phänomen, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Wir leben „nach Christus“, Anno Domini, „im Jahre des Herrn“. Nach seiner Geburt datiert sich unsere Zeitrechnung, wenn auch der Mönch Dionysius Exiguus,4 der als Erster von der Geburt Christi an rechnete, sich leider um ein paar Jahre verrechnet hat. Man geht heute davon aus, dass Jesus im Jahr 7 oder 6 „vor Christus“ geboren wurde. Doch egal wann genau sie stattfand, die Tatsache bleibt, dass die Geburt Jesu einen entscheidenden Wendepunkt in der Weltgeschichte markierte.

Existierte Jesus überhaupt?

Es war offizielles marxistisch-leninistisches Dogma, dass Jesus Christus nie existiert habe. Ich war eingeladen zu Vorträgen an verschiedenen Universitäten der ehemaligen Sowjetunion. Nach einem Vortrag an der Universität Moskau über die Geschichtlichkeit der Evangelien sagte mir ein Professor, er habe in der Schule gelernt, dass Jesus nie gelebt hat. Als Beweis dafür wurde angeführt, dass Herodes der Große im Jahr 4 vor Christus gestorben sei. Also hätte er zum Zeitpunkt der angeblichen Geburt Jesu nicht mehr gelebt und hätte weder die Weisen aus dem Morgenland empfangen noch den Kindermord in Bethlehem befehlen können, der den neugeborenen Jesus als möglichen Königsrivalen ausschalten sollte.5 Die Logik der Argumentation ist überwältigend! Gerade die Tatsache, dass Herodes der Große vier Jahre vor unserer Zeitrechnung starb, zeigt, dass Jesus vor unserem heutigen Jahr Null geboren worden sein muss! Denn es lässt sich weder an der Geschichtlichkeit von Jesus noch an der von Herodes etwas drehen. Daran zweifelt heute kein Wissenschaftler.6 Woher kommt also diese irrige Ansicht?

Karl Marx war in seinem Urteil, Jesus habe nie wirklich gelebt, sondern sei die Erfindung irgendwelcher Christen im 2. Jahrhundert, von dem Berliner Privatdozenten der Theologie, Bruno Bauer (1809–1882), beeinflusst. Der hatte die Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments radikal infrage gestellt. Er ging so weit, die Existenz Jesu als geschichtliche Figur überhaupt zu leugnen. Abgesehen davon, dass das eine wissenschaftlich völlig unhaltbare These ist, führte die folgende Auseinandersetzung dazu, dass Bauer 1842 die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Das erzürnte den freiheitsliebenden Geist von Karl Marx und er schloss sich gerade deshalb umso intensiver der Meinung Bauers an. Und so kam es, dass jahrzehntelang in einem großen Teil der Welt im Namen des wissenschaftlichen Atheismus die Nichtexistenz Jesu als Dogma gelehrt wurde. Doch das hat keine historische Basis. Wie immer man zu den Ideen von Karl Marx stehen mag: An dieser Stelle hat er sich geirrt. So einfach lässt sich Jesus nicht ausschalten.

Eine doppelte Reaktion

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen auf Jesus reagieren. Für die einen ist sein Name nur Bestandteil einer gedankenlosen Redensart. Für die anderen ist er der Sohn Gottes, den sie anbeten und dem sie nachfolgen wollen. Manche halten die Sache mit Jesus für den größten Betrug der Geschichte, andere setzen ihr ganzes Leben für genau diese Sache ein, weil sie glauben, dass Jesus wichtiger ist als alles andere. Auch die Bücher über Jesus, die zurzeit auf dem Markt sind, können sich dieser Notwendigkeit, so oder so Farbe zu bekennen, nicht entziehen. Obwohl sie vorgeben, neutral und ganz wissenschaftlich zu sein, zeigt sich bei manchen von ihnen doch, wie heftig sie sich gegen die biblische Darstellung des Lebens Jesu zur Wehr setzen müssen.

Gegenüber Jesus ist es offensichtlich schwer, neutral zu bleiben. Er fordert zur Entscheidung heraus. Die Erwähnung des Namens Jesus ist vielen Zeitgenossen unangenehm. Das gilt sogar manchmal in der Kirche. Es ist viel leichter, allgemein von „Gott“ zu reden. Oder allenfalls von „Christus“. Aber Jesus – das ist zu konkret. Zu eindeutig. Zu herausfordernd. In feiner Gesellschaft redet man über alles, nur nicht über Jesus. Das gehört sich nicht. War im letzten Jahrhundert das Thema Sexualität tabuisiert, so sind es heute die Themen Jesus, Religion und Tod. Das wird in unserer Zeit, die sich sonst allen Themen gegenüber so frei und unerschütterlich gibt, peinlichst ausgespart.

Aber ist nicht diese Scheu, dieser Versuch, Jesus totzuschweigen, schon in sich ein indirekter Hinweis auf seine Bedeutung? Könnte die peinliche Stimmung, die bei der Erwähnung von Jesus manchmal aufkommt, ein versteckter Hinweis darauf sein, dass wir sehr wohl wissen, wie wichtig Jesus ist? Dass wir instinktiv fühlen, dass er einen Anspruch auf uns hat?

Wer ist Jesus?

Es geht also um Jesus. Wer war er? Was sind die historischen Fakten, soweit wir sie in den Blick bekommen können? Was war seine Botschaft? Worin lag seine Faszination? Was ist die Bedeutung seines Lebens? Und wie sollen wir seinen Tod am Kreuz verstehen? War das eine Niederlage, der traurige Abschluss eines guten Lebens oder der Anfang von etwas Neuem, wie die Christen behaupten? Ist Jesus von den Toten auferstanden?

Dies sind einige der Fragen, die wir in diesem Buch behandeln wollen. Und wir laden Sie ein, mit offenem Verstand und ohne Vorurteile sich dieser Frage zu stellen: Wer war Jesus? Und welche Bedeutung kann er für mein Leben haben? Beim Nachdenken über diese Fragen kann es geschehen, dass wir neu erfasst werden von der Faszinationskraft, die von Jesus ausgeht.

BILDER VON JESUS

In den verschiedenen Zeiten haben sich die Menschen unterschiedliche Bilder von Jesus gemacht. Alle möglichen Kategorien sind auf ihn angewandt worden. Wenn man sich einmal die Galerie der Jesusbilder anschaut, wird deutlich, wie jeder versucht, ihn in sein Schema einzuordnen und nach seinen Maßstäben zu verstehen. Je nach der eigenen Weltsicht und der persönlichen Vorliebe kommt ein ganz anderes Bild von Jesus heraus. Dabei wird deutlich, dass die verschiedenen Bilder oft mehr über die Person dessen aussagen, der sie entworfen hat, als über Jesus selbst. Weil sie aber teilweise so weit verbreitet sind und sich so hartnäckig behaupten, will ich einige dieser Bilder kurz darstellen.

Der Revolutionär

Als in den 1960er-Jahren die Studentenunruhen begannen und viele sich nach einer neuen Gesellschaftsordnung sehnten, die durch Revolution, durch Umsturz des Bestehenden, erreicht werden sollte, war der revolutionäre Jesus in. Sein Bild, von Künstlern der Pop Art entworfen, war fast deckungsgleich mit den Fotos des südamerikanischen Revolutionärs Che Guevara. Fast überall konnte man den Steckbrief lesen: „Wanted: Jesus Christ!“ Er war nach dieser Vorstellung der große Rebell, der Aufrührer aus Galiläa. Das passte voll in den Trend der Zeit: Jesus als Revolutionär, der die Armen gegen die Übergriffe der Reichen verteidigt, der das Establishment angreift, der sich gegen Bürgerlichkeit und Traditionen wendet. Jesus der Revolutionär war angepasst an das Leitbild dieser Zeit.

Der Hippie

Eine Variante dieses Jesusbildes ist Jesus als erster Hippie. Der war allerdings nicht so gewaltbereit wie der revolutionäre Jesus. „Make love, not war!“ Mit dieser Devise der Blumenkinder-Ära auf den Lippen konnte der Hippie-Jesus direkt an den sanften und milden Jesus der Maler der Jahrhundertwende anknüpfen. So hatte die sogenannte „Schule der Nazarener“ Jesus dargestellt: lieb, lächelnd und nachdenklich. Dieses Jesusbild, eine Kreation einer lange vergangenen Zeit, entsprach jetzt wieder dem Lebensgefühl einer neuen Generation. Es war ein Jesus, der jünglingshaft mit langen, blonden Haaren und wallendem Gewand beschwingt durch die Felder schreitet und Kindern, Tieren und Pflanzen seine Aufmerksamkeit widmet. Ein jugendlicher Jesus, der von der Generation vor ihm missverstanden wird, weil er den friedlichen Protest der freien Blumenkinder gegen ihre verbürgerlichten und materialistischen Eltern verkörpert. So wurde Jesus zum ersten Hippie.

John Allegro hat dann noch eine Zuspitzung dieses Hippie-Jesus versucht. Er behauptete, die ersten Christen hätten einen bestimmten Pilz als Droge entdeckt, mit dessen Hilfe sie einen kosmischen Trip geworfen und so eine „Erleuchtung“ erlangt hätten. Er ging sogar so weit, die Historizität von Jesus ganz zu leugnen und zu behaupten, „Jesus“ sei das Codewort für den Pilzkult gewesen. So absurd uns das heute erscheint, so sehr bewegten diese Thesen damals weltweit die Medien und die öffentliche Diskussion, bis sie wieder in Vergessenheit gerieten. Es war eine Sonderform des Bildes von Jesus als Hippie: Jesus oder seine Jünger als Entdecker einer bewusstseinserweiternden Droge. Angesichts der heute bekannten negativen Folgen der Drogenabhängigkeit ist die damalige naive Drogeneuphorie von John Allegro überhaupt unverständlich geworden.7 Dass das mit dem wirklichen Jesus sowieso nichts zu tun hat, ist klar.

Der psychologische Jesus

Eine Weiterführung des Bildes von Jesus als friedliebendem Hippie ist Jesus als Repräsentant einer neuen psychologischen Welle. Dieser Jesus liegt nunmehr ganz im Trend einer Tiefenpsychologie, die den Schlüssel für das Selbst und das eigene Leben abgeben soll. Die Psychologin Hanna Wolff hat ihn entdeckt und ihn in ihrem Buch „Jesus, der Mann“ dargestellt.8 Im Gefolge fand dann Franz Alt, dass Jesus darüber hinaus der „erste neue Mann“ sei.9 Für ihn ist Jesus der softe Mann, voll zarter Männlichkeit, in die seine Weiblichkeit ganz integriert ist. Ein Mann, der Yin und Yang in sich harmonisch ausbalanciert hat. Der uns als psychologisches Leitbild dienen kann. Einer technologieverdrossenen Zeit will er sagen, dass das wahre Heil nur in der Tiefe der eigenen Seele zu finden ist. Jesus ist nach dieser Vorstellung also der erste Therapeut, der sich selbst zuerst ganz analysiert und angenommen hat und nun als ganz integrierter Mann Männern und Frauen bei ihrer Selbstverwirklichung als Vorbild dienen kann.

Dieses Jesusbild passt natürlich in eine Zeit, in der nichts so unsicher geworden ist wie die eigene Identität und die Beziehungsfähigkeit. Wo nicht mehr die Gesellschaft als Ganzes verändert werden soll, sondern die eigene Psyche die größte Aufmerksamkeit erfordert. Wo es in jeder einigermaßen ernst zu nehmenden alternativen Zeitschrift von psychologischen und therapeutischen Angeboten nur so wimmelt. Hier passt der psychologische Jesus wunderbar hinein.

Wunsch oder Wirklichkeit?

Die verschiedenen Jesusbilder sind faszinierend. Es ist schon spannend zu sehen, wie jeder versucht, Jesus dem eigenen Interesse entsprechend zu verstehen und zu beschreiben. Ein Stück Wahrheit ist ja in jedem dieser Jesusbilder. Ja, Jesus war eine vollkommen integrierte Persönlichkeit. Nicht umsonst können Psychologen den Versuch unternehmen, das in ihren Untersuchungen nachzuweisen. Er war eine durch und durch heile Person. Bei ihm klafften Reden und Tun nicht auseinander. Er lebte eine Lebensqualität, die wir nur staunend wahrnehmen können.

Ja, es stimmt! Er ging zärtlich mit Kindern um. Er nahm die Außenseiter in seine Gemeinschaft auf. Er protestierte gegen eine Traditionsgläubigkeit, die nicht mehr nach Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge fragte. Er setzte sich für die Armen ein. Er prangerte die Strukturen und Herrschaftssysteme an, die Menschen in unmenschlichen Zwängen niederdrückten. Und das alles tat er in großer Sanftmut, Gelassenheit und Klarheit. Er verzichtete auf Gewalt gegen Menschen und Tiere. So stimmen die erwähnten Jesusbilder zum großen Teil. All das tat Jesus. Und deshalb können sich so viele Menschen heute bei Jesus mit ihrem Anliegen wiederfinden.

Und doch war Jesus mehr als irgendeins dieser Bilder. Oder als alle zusammengenommen. Das dürfen wir nicht vergessen. Jesus ist mehr! Er ist der Mann, der in kein Schema passt.

Nicht nur in letzter Zeit gab es diesen Versuch, Jesus in ein Schema zu pressen. Das Bestreben, ihn irgendwie zu zähmen, der eigenen Anschauung anzupassen, finden wir überall in der Geschichte. Ich will noch einige weitere Jesusbilder nennen:

Der liberale Jesus

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des ersten großen technischen Schubs. Das früher Unmögliche schien auf einmal möglich zu werden. Elektrizität, Eisenbahnen, weltweite Entdeckungen und Eroberungen ließen in der westlichen Welt das Gefühl entstehen, alles sei machbar. Die Wissenschaft eroberte Stück für Stück die Wirklichkeit. Da war kaum noch Platz für Gott. Und auf keinen Fall Platz für das Übernatürliche. Die bürgerliche Gesellschaft legte großen Wert auf treue, selbstvergessene Pflichterfüllung. Moral und gute Sitten wurden hoch angesehen.

Und so entdeckten die Theologen dann auch zeitgemäß einen Jesus, der dem Zeitgeschmack entgegenkam. Alles Übernatürliche in den Evangelien, also die Wunder, die Vorhersagen und Erfüllungen, die Heilungen und die Befreiung von dämonischen Mächten, sollten nun herausgestrichen werden. All diese Berichte seien zeitbedingt und spiegelten nur das primitive Weltbild der Antike wider. In unserer aufgeklärten Zeit, so sagten die Verfasser vieler liberaler Jesusbücher, erkennen wir, dass das alles nur nachträglich hinzugefügtes Beiwerk sei. Der wirkliche Jesus sei stattdessen Jesus, der Sittenlehrer. Der uns zeigt, wie man verantwortlich und pflichtbewusst sein Leben führt. Der Lehrer, der seinen gutwilligen, aber noch bildungsbedürftigen Schülern zeigt, was sich schickt und was nicht. Der uns die ewig gültige Regel der Nächstenliebe hinterlassen hat.

Das Jesusbild wurde also von allen Hinweisen auf Übernatürliches befreit. Übrig blieb ein Jesus, der im Bild eines preußischen Erziehers geschaffen war. Der mehr an einen deutschen Gymnasiallehrer erinnerte als an einen jüdischen Rabbi. Eine Art antiker Immanuel Kant. Ein zweiter Sokrates. Ein sanfter, gütig, bisweilen aber auch etwas streng dreinblickender Lehrer.

Das war natürlich ein attraktives und den Status quo wenig gefährdendes Jesusbild. Und doch entpuppte sich der liberale Jesus schon zu seiner Zeit als mangelhaft. Jeder Autor produzierte nämlich seine eigene Version des Lebens Jesu. Spätestens als Albert Schweitzer dann sein Buch „Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“10 schrieb, hätte allen klar werden müssen, dass dieser Versuch in einer Sackgasse geendet hatte. Es war einfach unmöglich, die sogenannten übernatürlichen Elemente aus dem Leben Jesu herauszuschneiden und dennoch ein einigermaßen vernünftiges Restbild von Jesus zu bewahren. Die verschiedenen Teile seiner Person und seines Wirkens ließen sich einfach nicht voneinander trennen. Das Ergebnis wäre gewesen, dass man gar nichts mehr über Jesus aussagen könnte. Und das wäre dann doch zu wenig gewesen! Diese Tatsache erkannte Schweitzer.

Und doch wurde immer wieder der Versuch unternommen, einen „naturwissenschaftlich haltbaren“ Jesus zu finden. Der Marburger Neutestamentler Rudolf Bultmann war einer der späteren Theologen, die das immer noch versuchten. Das Problem war allerdings, dass der Wissensstand der Naturwissenschaft, den er und andere Theologen als Maßstab an den Jesus des Neuen Testamentes legten, schon längst überholt war, als sie ihre Werke über das Neue Testament schrieben. Die materialistische Weltsicht, das mechanistische Weltbild der Physik des 19. Jahrhunderts, das keinen Raum für Wunder oder auch Unregelmäßigkeiten in Naturvorgängen offenließ, leitete diese Theologen noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch da war längst durch die moderne Quantenphysik die Theorie von der absoluten Einförmigkeit und Vorhersagbarkeit der Naturvorgänge widerlegt. Das liberale Jesusbild, das sich einer alten Physik anpassen wollte, war schon hoffnungslos veraltet, als es durch diese Theologen popularisiert wurde. Die zwingende Notwendigkeit, Wunder aus naturwissenschaftlichen Gründen von vornherein als unmöglich auszuschließen, war also gar nicht mehr vorhanden. Und doch geistert das liberale Jesusbild, durch Bücher und Religionsunterricht vermittelt, immer noch in den Köpfen vieler herum. Und verstellt ihnen den Blick auf den wirklichen Jesus.

Der germanische Held

Dieser Versuch, Jesus für eine bestimmte Weltanschauung zu gewinnen, gehört ebenfalls in das 20. Jahrhundert. Der Sieg der biologischen Weltanschauung, die Lehre von dem Überlebensrecht des Stärkeren, hatte mit dazu beigetragen, dass Menschen unter dem Gesichtspunkt der Rasse und Volkszugehörigkeit angesehen wurden. Dann war es nur noch ein Schritt, bis ein Volk als grundsätzlich überlegen, als Herrenmenschen, und ein anderes als unterlegene Rasse, als Untermenschen bezeichnet werden konnte. Für die sogenannte „Deutsche Glaubensbewegung“, eine heidnisch-christliche Mischreligion, die ihr Gedankengut unter starker Anlehnung an nationalsozialistische Vorstellungen und den Rückgriff auf heidnisch-germanische Sagen gebildet hatte, und später auch für Teile der Bewegung der sogenannten „Deutschen Christen“ im nationalsozialistischen Staat war es unerträglich, an einen jüdischen, dunkelhäutigen und schwarzhaarigen Jesus zu glauben. Jesus musste neu modelliert werden, umgestaltet in das Bild eines blonden, hünenhaften germanischen Recken, der als ethisch hochstehender Muskelmann Vorbild für den neuen Deutschen sein konnte. Das Alte Testament wurde als jüdisch und undeutsch abgetan. Jesus wurde eingedeutscht. Er konnte nun Vorbild für den freien germanischen Mann sein, der auszieht, um neuen Lebensraum für sein Volk zu erobern.

Welche gedankliche Akrobatik zu einer solchen Umformung der biblischen Dokumente gehört, ist für uns heute kaum noch nachvollziehbar. Aber die Sache selbst geschieht immer neu: Jesus wird dem jeweiligen Geschmack angepasst.

Nun ist auch in dieser Jesusdeutung eine Wahrheit enthalten. Denn Jesus und seine Botschaft sind für jede Kultur relevant. Und jede Kultur, wie jeder einzelne Mensch, wird Jesus von einer bestimmten Seite her ansehen. Und das Gefühl gewinnen, dass Jesus ganz zu ihm steht, ganz auf seine Seite tritt. Das wird vor allem in künstlerischen Jesusdarstellungen deutlich. In verschiedenen Kontinenten wird in der Kunst Jesus als einer gemalt und dargestellt, der ganz zu ihnen gehört. So gibt es den schwarzen Jesus, den indonesischen Jesus und den indianischen Jesus. Jesus wird von der jeweiligen Kultur ganz angenommen und integriert. Und das ist gut so, denn hier zeigt sich die universelle Bedeutung von Jesus. Er hat in sich die Kraft, Menschen jeder Kultur anzusprechen und für sich zu gewinnen. Dennoch gibt es eine feine Trennlinie: Keines dieser auf eine bestimmte Kultur zugeschnittenen Bilder von Jesus darf absolut gesetzt werden. Jedes ist nur eine Interpretation, das in die bestimmte Situation hineinspricht. Und jedes muss sich immer wieder an den historischen Dokumenten, wie sie uns im Neuen Testament vorliegen, überprüfen und korrigieren lassen. Denn Jesus ist eben letztlich doch nicht ein germanischer, afrikanischer oder asiatischer Jesus.

Der Geheimlehrer

Auch dies ist ein heute sehr beliebtes Jesusbild, besonders in der westlichen Welt. Das Strickmuster ist etwa wie folgt: Zuerst wird gesagt, Jesus habe zwei verschiedene Arten von Lehren von sich gegeben. Öffentlich habe er dem allgemeinen Volk Gleichnisse und einfache Glaubenslehren vermittelt. Daneben aber habe er seinen Jüngern eine Art Geheimlehre weitergegeben, in die sie wiederum nur auserwählte Einzelne einweihen durften. Diese geheime Lehre von Jesus befinde sich auf einer höheren Stufe als das, was die einfachen Gläubigen wissen. Die seien auch zu einfach und unverständig, um dies richtig zu verstehen. Deshalb wird gesagt, dass diese geheime Lehrunterweisung Jesu in einer Geheimtradition immer weiter vermittelt worden sei, wobei die offizielle christliche Kirche versucht habe, dieses Wissen zu bekämpfen und zu unterdrücken.

Diese auf den ersten Blick spannende und deshalb viele Menschen anziehende Hypothese hat ein großes Problem: Ihr fehlt die geschichtliche Grundlage. In den Evangelien haben wir, wie wir noch sehen werden, tatsächlich verlässliche Berichte über das, was Jesus getan und gelehrt hat. Die Theorie von der Geheimlehre Jesu ist erst mehrere Generationen später, nämlich im ausgehenden 2. Jahrhundert und dann vor allem im 3. Jahrhundert nach Christus, entstanden als Versuch, Jesus in ein bestimmtes geistiges System einzuordnen. Die sogenannten apokryphen Evangelien, die neben vielen fantastischen Ausschmückungen des Lebens Jesu diese Theorie vertreten, haben keine historische Grundlage. Man merkt ihnen vielmehr auf jeder Seite an, dass sie den Geist ihrer Zeit tragen. Dass sie bestimmt sind vom Pessimismus der spätantiken Gesellschaft und das Heil in der Befreiung der Seele aus dem Gefängnis der materiellen Welt erwarten. Jesus wird in diesem System zum Vermittler des geistigen Wissens, des Know-how der Selbsterlösung. Er ist der Seelenführer, der der Seele hilft, die materielle Welt hinter sich zu lassen und zurückzukehren in die höheren geistigen Sphären. Das Geheimwissen, das er weitergibt, besteht aus esoterischen Erkenntnissen, Wissen von den Zusammenhängen der Himmelswelten, teilweise aus magischen Formeln und Wortspielen und vielem mehr.

Wie entfernt diese Vorstellungen vom wirklichen Jesus sind, liegt auf der Hand. Jesus wird in diesen gnostischen Systemen nur als Chiffre genommen. Er ist letztlich in seiner Person unwichtig und fungiert stattdessen nur noch als Mittler eines Wissens, mit dessen Hilfe sich der Mensch selbst befreien kann. Statt der Zuwendung zum konkreten Menschen, zu allen Menschen, die wir beim wirklichen Jesus sehen, ist er zum Führer der wenigen „Wissenden“ geworden. Statt Umkehr und Lebenserneuerung heißt seine Botschaft jetzt höhere Erkenntnis und Selbsterlösung. Statt der Verkündigung der Herrschaft Gottes in allen Bereichen des Lebens, statt der Befreiung von Krankheiten und Leiden lehrt dieser gnostische Jesus, die Welt hinter sich zu lassen und das Heil in höheren Regionen zu suchen. Anstatt eine neue Gemeinschaft zu gründen, in die jeder eingeladen ist, die Armen und die Reichen, die Kranken und die Gesunden, die Männer und die Frauen, lehrt dieser Geheimlehrer Jesus nur die wenigen, ja er lehrt sogar die Frauen, wie sie Männer werden können, damit sie die höhere Erkenntnis erlangen können.11

Auch dieses Jesusbild ist nicht identisch mit dem wirklichen Jesus, egal ob es nun in antiker oder in moderner Aufmachung erscheint.

Jesus als Nur-Prophet

Dies ist das Bild von Jesus, das wir im Koran finden. Jesus ist ein Bote Gottes wie andere Propheten: Mose, Abraham, David. Zwar wird ihm auch im Koran eine besonders hohe Stellung unter den Propheten eingeräumt, er trägt Ehrentitel, die kein anderer, nicht einmal Mohammed selbst, für sich in Anspruch nimmt: Wort Gottes, Geist von Gott und andere. Auch im Koran wird von seinen Wundern berichtet. Und dennoch ist er letztlich doch nur Prophet und nicht mehr. Die koranische Vorstellung von Jesus formt ihn nach dem Vorbild des Propheten Mohammed. Die Kreuzigung Jesu wird geleugnet, da es unvorstellbar ist, dass Gott es zulassen würde, dass sein Prophet so leidet. Denn Gott ist allmächtig und kann nicht erlauben, dass der von ihm Gesandte eine solche endgültige Schlappe erleidet.12

Aber nicht nur im Koran findet sich dieses Jesusbild. Eine ganze Reihe von nachchristlichen Religionen hat versucht, Jesus in ihr System einzubauen. Und das ist so zu erklären: Diese in den letzten 2000 Jahren entstandenen Religionen können nicht an Jesus vorbei. Es geht nicht, ihn einfach zu ignorieren. So muss er irgendwie in die neue Religion aufgenommen werden. Und das geschieht meist, indem man ihn als einen der Propheten bezeichnet, die als Vorläufer des jeweiligen Religionsgründers gekommen sind. Jesus ist auf diese Weise unschädlich gemacht, denn man kann jederzeit sagen: Wir glauben auch an Jesus. Aber eben nur als Prophet. Als einer unter anderen. Als Vorläufer. Und so hat man ihn integriert, hält sich ihn aber gleichzeitig mit seinem Anspruch vom Hals.

So attraktiv diese Lösung des Problems Jesus ist, so schwierig ist sie auch. Denn alles, was wir vom wirklichen Jesus wissen, deutet in eine andere Richtung. Er behauptete eben nicht, nur ein Prophet unter anderen zu sein, einer von denen, die halt sporadisch in der Weltgeschichte auftauchen. Die Vorstellung von Jesus als nur einem Propheten ist eine unwahrhaftige Kompromisslösung. Auf der einen Seite kann man Jesus nicht ignorieren. Auf der anderen Seite will man ihn aber auch nicht als die entscheidende Schlüsselfigur anerkennen. So macht man ihn zu einem Propheten unter anderen, zum letzten großen Vorläufer des jeweiligen Religionsstifters. Das große Problem dabei ist nur: Die Berichte der Evangelien lassen einen solchen Lösungsversuch nicht zu. Genauso wie der liberale Jesus oder der Geheimlehrer Jesus ist der Nur-Prophet Jesus eine Erfindung.

WER WAR JESUS WIRKLICH?

Diese Frage ist wichtig. Denn dass Jesus von Bedeutung ist, ist klar. Seine Faszination besteht noch heute wie damals, als er seine ersten Jünger zu sich rief. Er konnte Menschen so ansprechen, dass sie alles verließen und ihm nachfolgten. Doch es blieb nicht bei einer kurzfristigen Faszination, einer oberflächlichen Begeisterung. Seine Jünger wanderten mit ihm durch die Städte Palästinas, sie hörten ihn täglich bei seinen öffentlichen Ansprachen und in persönlichen Begegnungen. Sie sahen seine Wunder und Heilungen. Sie erlebten ihn im Alltag. Wenn jemand behaupten konnte, Jesus zu kennen, dann sie. Und dennoch waren auch sie immer wieder erstaunt über Jesus. Wer ist dieser Mann?, rätselten sie. Und spürten, wie sich in ihnen eine Antwort bildete.

Von dieser anfänglichen und danach ständig wachsenden Faszination, die von Jesus ausging, berichten die Evangelien. Wer Jesus ist, das ist die geheime Frage im Hintergrund aller Erzählungen – und darauf mussten alle eine Antwort finden. Die Freunde von Jesus so wie seine Feinde. Die Juden und die Römer. Die Gebildeten und die einfachen Leute. Die Antworten waren verschieden. Der Gouverneur Pilatus ließ auf das Kreuz schreiben, als wen er Jesus verurteilen ließ: Jesus Nazarenus Rex Iudaeorum: Jesus der Nazarener, der König der Juden. War das seine eigene Meinung oder nur grausamer Spott, dass er Jesus als König der Juden bezeichnete? Die jüdischen Führer verurteilten ihn als Gotteslästerer. So unterschiedlich die Menschen, so unterschiedlich die Antwort. Doch die Frage lässt die Menschheit nicht los. Wir müssen eine Antwort darauf finden: Wer ist dieser Jesus?

Eines Tages stellte Jesus seinen Freunden genau diese Frage: „Was glauben die Leute, wer ich, der Menschensohn, bin?“ Die Antworten, die seine Jünger ihm berichteten, waren ebenso vielfältig wie die heutigen: „Manche sehen in dir Johannes den Täufer, andere den Elia, noch andere meinen, du bist Jeremia oder einer der anderen Propheten.“13 Und dann fragte er sie direkt: „Und ihr – was denkt ihr über mich? Wer bin ich eurer Meinung nach?“ Die Antwort, die Petrus im Namen aller Jünger formulierte, war eindeutig: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Zu diesem Schluss waren sie im Lauf ihres Zusammenseins mit Jesus gekommen. Obwohl sie in seiner nächsten Nähe lebten, waren sie seiner nicht überdrüssig geworden. Sie konnten keine Verfehlung, keine Schuld bei ihm finden. Uneingeschränkt war das ihre Überzeugung: Jesus ist der Christus. Er kommt von Gott. Bei Jesus sind wir an der Quelle, wenn wir etwas Verlässliches von Gott wissen wollen.

Wenn das stimmt, dann sprengt Jesus den Rahmen aller von Menschen gemachten Jesusbilder. Dann sind alle Kategorien zu klein. Dann ist er wirklich in kein Schema zu pressen, weil alle Schemata versagen. Und dann ist ganz deutlich: Es kommt wirklich auf Jesus an.

Denn dann ist Jesus einzigartig.

1Joh 12,21

2Mt 26,13; vgl. Joh 12,1-8

3 Mt 24,14

4Er lebte in der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts in Rom und machte sich in vieler Hinsicht wissenschaftlich verdient. Unter anderem beschäftigte er sich mit chronologischen Fragen und rechnete den alten römischen sowie den damals üblichen christlichen Kalender, der bei der Verfolgung durch Diokletian ansetzte, auf den heute gebräuchlichen christlichen Kalender „von Christi Geburt an“ um. Auch dieser Kalender hat im Lauf der Zeit immer wieder Revisionen erfahren, wobei es vor allem um die Einführung von Schaltjahren und Ähnliches ging.

5Vgl. Mt 2,16-23

6Neben dem Neuen Testament erwähnt z. B. der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius sowohl Herodes den Großen als auch Jesus (siehe Kapitel 2 und Anhang).

7Vgl. John Allegro: The Sacred Mushroom and the Cross. London 1973. Seine Behauptungen wurden von vielen Wissenschaftlern wiederholt widerlegt. In seinem mehr wissenschaftlichen Werk über die Funde in Qumran (Search in the Desert, London 1965) allerdings räumte Allegro ein, dass sie uns nichts über Jesus direkt sagen, sondern nur etwas über den historischen Hintergrund, also die Welt des Judentums um die Zeitenwende (so S. 173).

8Hanna Wolff: Jesus, der Mann. Stuttgart 1975. Auch: Jesus als Psychotherapeut. Stuttgart 1978.

9Franz Alt: Jesus – der erste neue Mann. München 1989.

10Albert Schweitzer: Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. 4. Auflage 1926.

11Vgl. Anhang 3.

12Ulrich Parzany: Jesus – der einzige Weg? Neukirchen-Vluyn 1991. S. 80ff.

13Mt 16,13-17

2. JESUS:
BERICHTE UND GESCHICHTE

Das war Jesus, der damals,
am Anfang seines öffentlichen Wirkens,
ungefähr dreißig Jahre alt war.
Er wurde angesehen als Sohn von Josef,
dem Sohn von Eli …1

Wenn wir uns mit der Fülle der zeitbedingten Jesusbilder auseinandersetzen, ist es wichtig, dass wir einen Maßstab finden, an dem wir sie messen können. Was wissen wir von Jesus? Woher kommen unsere Informationen?

Oft wird gesagt, dass wir von Jesus eigentlich nichts wissen. Das ist die Vorstellung, die in vielen Köpfen herumgeistert. Ein Theologe des 20. Jahrhunderts, der Marburger Rudolf Bultmann, hat es einmal ganz krass ausgedrückt: Seiner Meinung nach brauchen wir von Jesus nichts zu wissen als das „Dass des Gekommen-Seins“. Diese extreme Aussage hat er selbst aber so gar nicht geglaubt. Er hat sie selbst in vielen seiner Schriften widerlegt, in denen er sich sehr wohl historische Urteile über das Leben Jesu bildete und viele Einzelzüge des geschichtlichen Jesus darstellte. Außerdem ist man heute entscheidend weitergekommen und beurteilt die historische Lage viel positiver.2

Nun ist von uns ja keiner damals dabei gewesen. Wir sind bei Jesus wie bei jeder anderen Person der Geschichte auf Zeugnisse von Zeitgenossen angewiesen, also auf historische Quellen. Aus diesen Quellen können wir Rückschlüsse ziehen auf das, was damals passiert ist. Keiner von uns war dabei, als Julius Cäsar mit seinem Heer den Rubikon überschritt. Und dennoch nehmen wir das aufgrund der schriftlichen Überlieferungen und der Auswirkungen, die dieses Ereignis für die römische Geschichte hatte, als wirklich geschehen an. Ebenso hat kein Mensch des 21. Jahrhunderts Sokrates gesehen. Und dennoch gehen wir von seiner Geschichtlichkeit aus, weil wir von Platon und anderen Zeitgenossen Berichte über das Leben des Sokrates haben.

Die Evangelien als verlässliche Informationsquellen

Wie im Anhang ausführlicher dargestellt wird, sind wir bei den Berichten über das Leben Jesu auf mindestens ebenso gutem, wenn nicht viel besserem Grund als bei vielen anderen Persönlichkeiten der antiken Welt. Wir besitzen in den Evangelien den Ertrag von Augenzeugenberichten von hohem Wert. Die Manuskripte des Neuen Testaments sind viel besser erhalten und viel früher anzusetzen als bei allen anderen antiken Autoren. Ebenso werden die neutestamentlichen Texte schon in Schriften am Ende des 1. Jahrhunderts und dann ausgiebig im 2. Jahrhundert zitiert, sodass klar ist, dass sie damals schon weit verbreitet waren. Und auch inhaltlich sind sie stimmig. Was die Evangelien und die Apostelgeschichte berichten, fügt sich lückenlos in das ein, was wir sonst über die antike Welt wissen. Lukas, der Verfasser des nach ihm benannten Evangeliums und der Apostelgeschichte, zeigt eine genaue Kenntnis der Verhältnisse im Römischen Reich im 1. Jahrhundert und wird von Historikern als Quelle für das Altertum hoch eingeschätzt.3 Vieles, was früher angezweifelt wurde, hat sich inzwischen bewahrheitet.4 So entspricht z. B. die Darstellung der Kreuzigung Jesu genau der damals geübten Praxis, wie wir sie aus römischen Quellen kennen. Und die Beispiele sind beliebig zu vervielfachen.

So ist die historische Lage bei Jesus besser als bei den meisten Persönlichkeiten der alten Welt.

Gründe für die Evangelienkritik

Und doch sind wir bei den Berichten, die wir in den Evangelien lesen, besonders kritisch. Woher kommt das? Hier spielen sicher zwei Gründe eine Rolle. Zum einen passt vieles, was in den Evangelien berichtet wird, nicht in unser gegenwärtiges westliches Weltbild. Alles sogenannte Übernatürliche, also Heilungen, Wunder, Prophetien und alles nicht sofort Erklärbare, wird von vielen unserer Zeitgenossen von vornherein abgelehnt. Das ist eine typisch westliche Erscheinung aufgrund des sogenannten naturwissenschaftlichen Weltbilds. In vielen anderen Kulturen rechnet man ganz natürlich mit sogenannten übernatürlichen Dingen. Und auch im Westen ist man unter dem Einfluss der modernen Physik und der Weiterentwicklung der Wissenschaft viel vorsichtiger geworden mit grundlegenden Urteilen über das, was möglich ist und was nicht. Diese Erkenntnis hat noch nicht alle Zeitgenossen erreicht, wird sich aber längerfristig sicher durchsetzen. Hiermit fallen viele der grundlegenden Einwände gegen die Bibel in sich zusammen.

Die Kritik an den neutestamentlichen Texten hat jedoch neben dem Grund, dass vieles nicht in unser zeitbedingtes und einseitiges westliches Weltbild passt, noch eine weitere Ursache. Und die liegt in der Brisanz der ganzen Sache. Denn wenn das stimmt, was von Jesus berichtet wird, dann hat das automatisch Konsequenzen für unser Leben. Und die sind nicht immer angenehm. Der Anspruch, den Jesus erhebt, ist unbequem. Wenn das wahr ist, was er sagt, dann kann man sich nicht einfach an Jesus vorbeimogeln. Dann muss man sich seinem Anspruch stellen. Und das hat Auswirkungen in allen Bereichen der Lebensgestaltung. Das passt uns vielfach nicht. Das ist zu herausfordernd.

Ich glaube, dass hier der tiefste Grund für die innere Abwehrhaltung gegenüber der Bibel liegt. Ein bisschen Religion ist okay. Aber konsequente Nachfolge eines Jesus, der wirklich von Gott kommt und einen Anspruch auf unser Leben hat, so wie das Neue Testament es sagt, das ist eine ganz andere Sache. Das würde sehr viel kosten.

Doch zurück zu der Frage, was wir von Jesus wissen. Neben den Evangelien gibt es einige Informationen in außerbiblischen Texten. Diese sollen hier im Überblick dargestellt werden.5

JESUS IN DER RÖMISCHEN
GESCHICHTSSCHREIBUNG

Es ist nicht verwunderlich, dass wir in den römischen Quellen kaum zeitgenössische Berichte über das Leben Jesu finden. Die Geschichtsschreiber beschäftigten sich damals – wie heute – vor allem mit dem Leben der Einflussreichen und Mächtigen. Das Kaiserhaus, Eroberungskriege, der Senat in Rom, Intrigen, Skandale und Liebesaffären von bekannten Leuten, das waren die Themen, die berichtenswert erschienen. Außerdem waren die Schriftsteller und Dichter von der Gunst der führenden Schicht abhängig. Sie schrieben häufig bestellte Lobeshymnen auf die jeweiligen Herrscher und ihre Errungenschaften. Kritik war nur in begrenztem Maß möglich, und meist erst im Nachhinein wie bei Nero, der in Ungnade gefallen war. Es wundert daher nicht, dass wir von römischen Schriftstellern wenig über Jesus, einen jüdischen Lehrer in einem von Rom eroberten Gebiet im Osten des Reiches, erfahren. Was wirklich verwundert, ist, dass überhaupt etwas berichtet wird. Von den Berichten, die jeder Gouverneur von Judäa sicher regelmäßig nach Rom senden musste, ist uns z. B. überhaupt nichts erhalten geblieben. Für die Auflösung dieser Archive des „ewigen Roms“ sorgten neben dem ständig nagenden Zahn der Zeit auch größere Katastrophen wie Brände und die Stürme der Völkerwanderung, die die germanischen Heerscharen nach Italien brachten. Da blieb nicht viel übrig.

Solche Berichte, auch aus der Amtszeit des Pilatus, muss es jedoch in Rom gegeben haben, und noch im Jahr 150 n. Chr. konnte Justin der Märtyrer in seiner Verteidigungsschrift für die Christen an den Kaiser Antoninus Pius auf die unter Pontius Pilatus angefertigten Akten verweisen, die von den Ereignissen bei der Kreuzigung Jesu berichteten.6

Ausführlichere Berichte als diese kurzen Hinweise, die an mehreren Stellen auftauchen, finden sich bei den römischen Geschichtsschreibern Sueton, Tacitus sowie bei Plinius dem Jüngeren. Wir wollen sie einzeln untersuchen und darstellen, was sie uns an Information über Jesus zu bieten haben.

Sueton

Der römische Schriftsteller Sueton verfasste um das Jahr 120 n. Chr. eine Biografie der zwölf ersten römischen Kaiser in lateinischer Sprache. In der Beschreibung des Lebens des Claudius heißt es: „Die Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von einem gewissen Chrestos aufgestachelt, fortwährend Unruhe stifteten.“7 Dies geschah im Jahr 49 n. Chr. Sueton hatte seine Information wahrscheinlich einem Polizeibericht entnommen, den er jedoch etwas missverstand. Er nahm wohl an, dass dieser Chrestos im Jahr 49 n. Chr. in Rom anwesend war. In Wirklichkeit handelte es sich aber um Auseinandersetzungen innerhalb der Judenschaft über die Frage, ob Jesus der Christus sei. Die Schreibung Chrestos für Christos ist aus dem sogenannten Itazismus im Griechischen zu erklären, also der Tendenz, manche Vokale und Doppelvokale nur noch als langes i zu sprechen. So lautet Athen heute auf Griechisch Athini. Diese Verwechslung von „Chrestos“ und „Christos“ ist also verständlich, da Christus ja ein griechisches Wort ist, das Sueton nur gehört hatte und dann auf Lateinisch wiedergeben wollte.

Aus dieser Notiz des Sueton wird deutlich, dass schon in den Vierzigerjahren, also weniger als zwanzig Jahre nach Kreuzigung und Auferstehung Jesu, innerhalb der jüdischen Bevölkerung Roms Christen waren. Und dass die Auseinandersetzungen um Christus zur Ausweisung aller Juden aus der Kaiserstadt führten. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Rom gab es offensichtlich heftige Diskussionen darüber, ob Jesus der Christus ist oder nicht. Genau diese Frage trennt noch heute Juden und Christen!

Es ist bemerkenswert, dass dieselbe Vertreibung der Juden aus Rom auch in der Apostelgeschichte berichtet wird. Der Verfasser Lukas schreibt: „Danach zog Paulus fort aus Athen und kam nach Korinth. Dort begegnete er einem Juden namens Aquila, der aus der Gegend von Pontus stammte. Zusammen mit seiner Frau Priszilla war er kurz vorher aus Italien dorthin gekommen, weil Kaiser Klaudius angeordnet hatte, dass alle Juden die Stadt Rom verlassen mussten.“8